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Gefühle - hoffnungsvolle Scham

Jeremia 6,1514.02.2016
Serie•Teil 14 / 16(Negative) Gefühle
Scham ist kein Endpunkt, sondern ein Alarm: Laufst du weg oder gehst du mit deiner Wunde zu Gott? Wer ehrlich wird, findet nicht Bloßstellung, sondern Trost, Hoffnung und Freiheit.

Ein persönlicher Zugang zum Thema Scham

Ich habe letztes Mal etwas zum Thema Scham behauptet. Das ist der zweite Teil zum Thema Scham, und ja, Walli hat recht: Das ist heute eine sehr persönliche Predigt. Sie ist vielleicht einen Hauch persönlicher als sonst. Ich versuche sonst auch irgendwie ehrlich und transparent zu sein, aber es gibt eine Grenze zwischen ehrlich, transparent und sehr persönlich. Heute wird das ein bisschen sehr persönlich. Ich bin mal gespannt, was ihr am Ende damit macht.
Es war aber in der Vorbereitung tatsächlich so, dass ich keinen anderen Weg gefunden habe, um euch die Dramatik dieses Themas rüberzubringen, als meine eigene Geschichte zu erzählen. Machen wir am Ende. Und trotzdem: Wenn das dann am Ende vielleicht ein bisschen zu persönlich ist, so nach dem Motto: Jetzt fängt Jürgen an, seine Autobiografie zu schreiben, nein, das hat etwas mit dem Text zu tun, mit dem Thema.
Ich habe letztes Mal behauptet, dass Scham ein wahres Zeichen ist. Wie so eine rote Lampe: piep, piep, piep, Achtung, Achtung! Da, wo ich mich schäme, fange ich an, meine Sicherheit und meine Erfüllung in etwas zu suchen, das nicht Gott ist. Scham entsteht dadurch, dass Sünde in mein Leben hineintritt und ich gleichzeitig nicht mehr auf Gott, nicht mehr auf den lebendigen Gott vertraue. Ich schäme mich letztlich deshalb, weil ich ein Götzendiener geworden bin.
Jetzt kann jemand sagen: Jürgen, möchtest du sagen, dass man sich nicht schämen soll, wenn man sündigt? Nein, das sage ich nicht. Ich glaube, du kannst gar nichts gegen Scham tun, es wird einfach passieren. Wir haben uns letztes Mal am Beispiel von Adam und Eva angeschaut. Für sie ist es tatsächlich viel sicherer, sich zu schämen, sich zu verstecken, vor Gott davonzulaufen und jedem Vorwürfe zu machen, der ihnen so über den Weg kommt, Gott und die Schlange eingeschlossen. Ja, jeder ist schuld, nur nicht sie. Das ist für sie viel sicherer, als sich nackt, sündig und der Realität ihres Ungehorsams zu stellen. Es ist für sie einfach der leichtere Weg.
Scham kann in uns eine ganze Palette von Fluchtmechanismen, von Schutzmechanismen in Gang setzen, bloß damit wir uns mit dem eigentlichen Problem nicht beschäftigen. Das ist das, was Scham kann und was Scham oft tut.
Aber, und das ist der Hammer: Scham kann auch anders. Und da sind wir letztes Mal stehen geblieben. Scham ist nicht nur Fluch, sondern Segen, ein großes Geschenk. Scham kann eben nicht nur Sünde offenbaren, sondern in uns auch etwas wecken, nämlich eine Sehnsucht danach, dass in meinem Leben Gnade, Vergebung und Freiheit Realität werden.
Auf der einen Seite diese Angst davor, bloßgestellt zu werden, entdeckt zu werden, und auf der anderen Seite diese Sehnsucht, dass Gott doch vielleicht der Einzige ist, der sich meiner Nacktheit, meiner Kaputtheit und meiner Begrenztheit annehmen könnte. Dass er eine Chance hat, mit dem, wo ich sage: Da komme ich nicht ran, da will ich nicht ran, da habe ich Angst davor. Dass er vielleicht doch eine Chance hat, da etwas zu machen. Dass er uns vielleicht doch auf eine Weise in seine Arme nehmen könnte und uns Trost schenken könnte, wie das sonst kein anderer kann, ich auch nicht. Beides kommt aus der Scham heraus.
Es ist so: Diesseits der Ewigkeit werden wir nie völlig ohne Scham sein. Also ich predige diese Predigt nicht mit der Idee: Wenn du die Predigt verstanden hast, dann weißt du, wie du schamlos wirst. Das wird nicht passieren. Es ist sogar eher eine ganz gefährliche Sache. Die Menschen in der Bibel, die sich nicht schämen, die also Böses tun und einfach locker darüber hinweggehen, so, als wäre da überhaupt nichts passiert, die sind biblisch gesehen ganz, ganz übel dran.
Zu seinem unbußfertigen Volk spricht Gott in Jeremia. Ich lese euch das mal vor: Jeremia 6,15. Sie werden zu Schanden, also die gehen völlig kaputt, sie werden zu Schanden, weil sie Gräuel verübt haben, doch sie schämen sich keineswegs, ja, Scham kennen sie nicht. „Darum werden sie fallen, wenn alles fällt; zur Zeit, da ich sie heimsuche, werden sie stürzen, spricht der Herr.“
Also wenn jemand gar keine Scham mehr empfindet, wenn jemand sich über das Böse in seinem Leben nicht mehr schämt, dann hat er eigentlich völlig vergeigt vor Gott. Dann ist es einfach vorbei, dann kann man ihm auch nicht mehr helfen. Da sind wir nicht, das weiß ich, deswegen kann ich die Predigt halten.
Also wenn jetzt doch jemand hier sitzen sollte, der sagt: Ja, genau so geht es mir. Ich kann hier so durchs Leben gehen, ich kann alles Mögliche Böse machen, und eigentlich tangiert das mich gar nicht mehr. Ich merke hinter mir verbrannte Erde. Früher, ja, da war mal so ein schlechtes Gewissen, aber schon lange vorbei. Also wenn das dein Problem sein sollte, dann komm danach zu mir, ich helfe dir gerne. Du hast nämlich ein ganz fettes Problem.
Aber wenn du jetzt sagst: Okay, das mit der Scham, das verstehe ich noch. Scham, ich spüre sie, und ich merke, ich kriege das nicht einfach geheilt. Ich merke, da ist etwas. Ich würde gerne mal wissen, wie sich das anfühlt, wenn Scham eine Chance wäre im Leben. Dann möchte ich dir sagen: Scham ist tatsächlich eine Einladung. Scham ist die Einladung, Gott auf eine ganz neue Weise kennenzulernen.
Von Anfang an, wenn man Scham in einem Leben hat, dann ist es eine Einladung. Da offenbart sich Gott, der lebendige Gott, als die eigentliche Lösung des Schamproblems. Man liest so den Sündenfall und was die dann so machen, dieses lustige Feigenblättchen, und das ist natürlich Quatsch. Die versuchen da so, ihre Nacktheit zu verstecken, und dann liest man in 1. Mose 3,21, was Gott tut, wie er sich dieses Problems der Nacktheit, des Schämens annimmt. Und man merkt von Anfang an: Das, was der Mensch tut, funktioniert nicht. Aber dann kommt Gott, und dann heißt es in 1. Mose 3,21: Und Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Leibröcke aus Fell und bekleidete sie.
Also, wir müssen bekleidet werden. Die Nacktheit muss zugedeckt werden, aber es muss Gott sein. Das ist das, wo wir hinkommen müssen. Wie gesagt, schamlos werden wir nie, nicht hier auf dieser Welt. Aber was wir schaffen können, ist, dass wir nicht selber dieses gebrochene, kaputte, Nackte unseres Lebens zudecken wollen, sondern dass wir uns Gott anvertrauen.
Dieses Bild hier von den Leibröcken aus Fell: Es ist klar, wenn du ein Fell hast, war da vorher mal ein Tier. Und wenn du dem Tier sein Fell abziehst, dann ist es danach tot. Da steckt von Anfang an die Idee, dass ein anderer sterben muss, damit meine Nacktheit bedeckt werden kann, schon in dieser Geschichte mit drin. Deswegen ist der Sprung von 1. Mose 3,21 ein kleiner zum Kreuz auf Golgatha, wo Gott selber stirbt.
Jeder, der ein bisschen nachdenkt, und auch die Leute im Alten Testament wussten, dass das Blut von Opfern, von Tieropfern, von Stieren, Böcken und was es da sonst noch gab, dass dieses Blut natürlich Sünden nicht wegnehmen kann. Das kann nur das Blut Christi. Tiere sterben im Alten Testament und dann auch noch im Neuen Testament am Anfang. Tiere sterben, weil sie ein Symbol sind für ein Prinzip, für das Prinzip, dass ich einen Stellvertreter brauche in meinem Leben, jemanden, der mir meine Sünde abnimmt, jemand, der für mich bezahlt, jemand, der mich erlöst. Tiere können das nicht, aber Gott kann das. Und deswegen wird Gott Mensch, deswegen stirbt Gott am Kreuz von Golgatha.
Er stirbt diesen schamvollsten Tod, den man sich irgendwie vorstellen kann. So schamvoll und so grausam, dass es damals verboten war, einem römischen Bürger das anzutun. Da hängt er. Und nicht so wie in den Kruzifixen immer mit so einem kleinen Tüchlein um den Bauch noch, sondern völlig ausgemergelt, zerschunden, splitterfasernackt, nach Luft japsend, den Rücken zerschlagen von Geißelhieben. Ihm läuft quasi überall das Blut runter, und es fängt an zu gerinnen. Du siehst schon, wie die blauen Flecken entstehen. So widerlich, dass Leute sich abwenden und das nicht anschauen können.
Und Gott geht diesen Weg. Er stirbt, um mit seinem Blut, mit seinem Sterben unsere Sünden vollständig, endgültig zu bedecken.
Letztgültig ist Scham die Einladung Gottes an dich, die Einladung Gottes an mich, immer wieder Gott neu am Kreuz zu begegnen. Auf der einen Seite ist Scham die beste Waffe des Bösen, um mich von Gott wegzutreiben, und die funktioniert, weil ich in meinem Herzen die Wahrheit über mich überhaupt nicht wissen will. Das ist nämlich sehr, sehr schmerzhaft, das ist nämlich sehr, sehr demütigend, und wir schämen uns, weil wir Wahrheit kennen.
Und jetzt sagt die Bibel: Woher kenne ich die Wahrheit über mich? Na ja, die Bibel sagt: Überleg mal, kennst du Gott? Schau raus, schau dir die Schöpfung an. Die Schöpfung erzählt von Gott. Und ich denke mir: Ja, stimmt, irgendwie schon. Und Gott hat dir ein Gewissen gegeben, und dieses Gewissen sagt dir: Du hast einen Fehler gemacht. Ich kenne die Wahrheit über mich, aber ich möchte die Wahrheit nicht kennenlernen. Das steckt so tief in uns drin.
Und jetzt sagt bitte nicht: Ja, ja, früher, als ich noch nicht an Gott geglaubt habe, da war ich auch so einer, der die Wahrheit nicht kennenlernen wollte, aber heute ist alles gut, heute möchte ich alles über mich wissen. Da bin ich sehr skeptisch, da bin ich wirklich extrem skeptisch, ob das stimmt. Ich glaube, dass dieser Hang zur Unabhängigkeit, der Wunsch, selber Gott zu sein, der Wunsch, ungeachtet welcher Folgen das nach sich zieht, irgendwie das Leben in den Griff zu kriegen, ganz tief in uns drinsteckt.
Und deswegen sind wir, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht, wir sind super gut, auch als Christen, auch als Kinder Gottes, auch als erlöste Menschen, wir sind immer noch super gut im Verdrängen. Wir sind super gut dabei, diese Flucht vor Gott, vor uns selber zu verstecken. Und jetzt komme ich und sage: Es ist total wichtig, dass diese Angewohnheit, die in uns drinsteckt. In Römer 1,18 heißt das einmal, dass Menschen die Wahrheit durch die Ungerechtigkeit niederhalten. Versteht ihr, Wahrheit wird durch Ungerechtigkeit, Sünde möchte Wahrheit verstecken.
Warum möchte die Sünde Wahrheit verstecken? Ja, ich spüre, da ist irgendetwas. Und gleichzeitig habe ich Angst, dem, was da ist, zu begegnen. Das steckt so tief in mir drin. Und es fühlt sich erst mal so viel leichter an, wenn ich so tue, als wäre da nichts, als könnte ich dieser hässlichen Seite von mir einfach entfliehen. Es fühlt sich so viel leichter an, und das ist so die Norm. Wir wollen die Wahrheit nicht sehen.
Aber in dem Moment, wo wir das machen, in dem Moment, wo wir anfangen, der Scham, dem schlechten Gewissen, dem, was in uns drinsteckt, so zu begegnen, dass wir sagen: Nee, hau ab, dich will ich nicht sehen, du nicht, du nicht, du nicht, du nicht, das ist viel zu gefährlich, damit werde ich mich nie auseinandersetzen. Wenn ich darüber nachdenke, wenn ich anfange, darüber nachzudenken, dass diese Dinge, dass das irgendwann mal rauskommen, nee, schön, schön weg mit dir. In dem Moment, wo ich das mache, werde ich zum Götzendiener. Das ist das Problem.
In diesem Moment, in dem ich das mache, stelle ich mich hin und sage: Ich weiß am besten, was für meine Seele gut ist. Ich weiß das besser als der lebendige Gott. Und wenn er mich, weil ich mich schäme oder weil ich ein schlechtes Gewissen habe, auf Dinge aufmerksam macht, dann möchte ich ihn an dieser Stelle vergessen. Ich möchte nicht darüber nachdenken, dass er derjenige ist, der mir an dieser Stelle zur Seite stehen möchte. Ich möchte den Anspruch, den er hat, Gott zu sein in meinem Leben, und auch der Gott meiner Scham, und auch der Gott meines Versagens, und auch der Gott meiner Ängste, ich möchte diesem Anspruch einfach nicht genügen. Nein, wenn es hart auf hart kommt, werde ich an bestimmten Stellen meines Lebens das tun, was ich für richtig halte.
Und da ist Verdrängung ein super Mechanismus. Ja, bloß nicht drüber nachdenken. Und der Herr Jesus wäre nicht der beste Therapeut, wenn er jetzt nicht käme und diese innere Abkehr von Gott, diesen Mangel an Bereitschaft, sich mit den dunklen Seiten in uns drin zu beschäftigen, wenn er den nicht aufdecken würde. Und dafür benutzt er unter anderem Scham.
Und deswegen ist Scham eine Einladung, Gott, den lebendigen Gott, immer wieder auf ganz neue Weise kennenzulernen. Und ich weiß nicht, wie du mit Scham umgehst. Ich weiß nicht, ob es Dinge gibt, wo du sagst: Boah, hoffentlich kriegt die nie mal jemand mit. Ich weiß nicht, ob es Dinge gibt, wo du sagst: Wenn ich anfangen würde, über diesen Bereich meines Lebens oder wie ich mich da und da in der Beziehung verhalten habe, oder wenn ich das an mich heranlassen würde, das wäre so schmerzhaft, das will ich nie.
Wenn es so einen Bereich für dich gibt, dann lade ich dich heute ein, diese Haltung als das zu bezeichnen, was sie ist: Götzendienst. Und einen kleinen Schritt zu tun in die Richtung, dich deiner eigenen Angst, deiner eigenen, ich nenne es mal mit Anführungs- und Schlusszeichen, Dämonen zu stellen. Weil eines kann ich dir versprechen: Alle deine Strategien und alle deine Mechanismen, mit diesem Teil deines Lebens und mit diesem Teil deiner Erfahrung umzugehen, das, was du selber dir ausdenkst, das dir helfen könnte an der Stelle, wird dich letzten Endes nicht ans Ziel bringen. Der einzige und wirklich der einzige, der dir helfen kann, ist Gott selber. So wie er bei Adam und Eva geholfen hat und bedeckt hat, so kann er bedecken, und er kann mehr tun: Er kann bedecken und heilen.

Der Weg von der Scham zur Gottesbegegnung

Wo will uns Scham hinführen? Also, ich meine jetzt, wenn wir sie einsetzen, wie Gott sie sich gedacht hat. Wenn wir mal ganz, ganz ehrlich überlegen: Okay, Ziel für 2016, wir benutzen Scham richtig. Das wäre doch mal was. Dann führt uns Scham in drei Richtungen, und zwar nacheinander: Erstens in Zerbrochenheit, zweitens in Hoffnung und drittens in Anbetung. Zerbrochenheit, Hoffnung, Anbetung.
Das eigentliche Gegenmittel, die beste Arznei gegen Scham, ist Zerbrochenheit. Das ist wie so ein Gegengift. Solange wir der Scham nur unser Gutsein entgegenhalten, kennst du das ja: Du schämst dich, und dann sagst du, ach nee, so schlimm bin ich gar nicht. Ich habe doch auch das gemacht und das gemacht, das ist doch eigentlich alles gut. Nee, so schlimm bin ich nicht. Solange du der Scham nur dein eigenes Gutsein, deine Leistung, deine Erfolge entgegenhältst, um dann zu sagen, na ja, dann muss ich mich nicht so sehr damit beschäftigen, so lange werden wir sie nicht besiegen.
Scham kann nur in letzter Konsequenz der besiegen, der von sich selbst wegschaut und anfängt, auf Gott und seine Gnade zu vertrauen. Ich weiß, dass wir alle sagen: Ja, wir vertrauen auf seine Gnade. Ich hoffe, dass wir alle auf seine Gnade vertrauen. Die Frage ist: Tun wir das auch an den Stellen, wo es wirklich wehtut?
Ich habe ein Beispiel mitgebracht von jemandem, den ihr kennt, eine Geschichte aus dem Neuen Testament. Ein Zöllner und ein Pharisäer, beide sind im Tempel. Der Pharisäer ist so ein ganz toller Typ, der vorne steht: Schau her, Gott, wie toll ich bin. Ich mache eh schon alles richtig. Ich bin auch viel besser als alle anderen Menschen, übrigens auch viel besser als der Zöllner da hinten. Von hinten steht der Zöllner, und das ist einer, der zerbricht. Das ist einer, der sein Leben sieht und seine Scham nimmt, in den Tempel geht. Und dann heißt es hier in Lukas 18,13: Der Zöllner aber stand weit ab und wollte sogar die Augen nicht aufheben zum Himmel. Also er steht ganz hinten im Tempel. Der traut sich gar nicht richtig reinzugehen, weil da vorne sind die ganzen heiligen Anbeter, das sind die, die alles richtig machen. Und er kommt hinten rein und er schaut auf den Boden, weil er sich nicht traut, nach oben zu blicken, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig. Das ist Zerbruch. Jemand, der sagt: Gott, es gibt genau eine Sache, die ich brauche. Ich brauche deine Gnade.
Und dann sagte Herr Jesus über den: Ich sage euch, dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, im Gegensatz zu jenem, dem Pharisäer. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
Es ist so eine unglaublich simple Geschichte, oder? Was sucht Gott, und zwar in jedem Moment deines Lebens? So eine Haltung wie dieser Zöllner: Gott, ich stehe hier. Du siehst, wie es gerade ausläuft. Wally hatte vorhin gesagt, wir sind so superkomplexe Leute, wir checken uns doch gar nicht. Ja, das stimmt. Ich habe so ein paar grobe Ideen, aber mal ganz ehrlich: Ja, ich check mich auch nicht. Je älter ich werde, umso weniger, gebe ich ganz offen zu.
Und ich merke, ich stehe so oft in der Situation, möchte ich mich verhalten wie der Zöllner, und den finde ich toll. Dem war völlig egal, wie er aussah. Es war völlig egal, was die Leute von ihm dachten. Er wollte eins: Er wollte Gott. Er will nur Gott. Er wollte Gott nicht beeindrucken, nicht manipulieren, er wollte sich vor Gott nicht verstecken, er wollte Gottes Gnade. Und deswegen sagt er: Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig.
Ein zerbrochenes, demütiges Herz ist ein Herz, das weiß: Ich kann an Gott keine Forderungen stellen. Aber gleichzeitig ist es ein Herz, das Hunger hat, und zwar Hunger nach Vergebung und voller Trauer ist über die eigene Schuld.
Darf ich dir eine Frage stellen? Die ist ein bisschen blöd, die muss jetzt auch keiner beantworten, aber nur in deinem Herzen: Wenn du traurig bist über dein Leben, traurig bist über das, was du getan hast, traurig bist über das, was jetzt vielleicht gerade passiert, wo gehst du mit deiner Trauer hin? Und wenn du jetzt denkst: Na ja, irgendwie mache ich die Trauer immer mit mir selber aus, ich benutze diese Traurigkeit eigentlich gar nicht, um irgendwo hinzugehen. Ich weiß gar nicht, wie man irgendwie mit Trauer richtig umgehen soll, mit diesem Traurigsein über eigenes Fehlverhalten.
Wenn du das nicht weißt, wenn du David gefragt hättest, der hätte gesagt: Ich habe mal Psalm 25,1 genommen: Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele. Und die Frage ist, ist das bei dir genauso? Wenn du traurig bist in der letzten Woche, scann mal gerade die letzte Woche: In der letzten Woche gab es genug, wo du Dinge falsch gemacht hast, und du bist traurig darüber. Was machst du dann? Ist es das, dass du sagst: Herr, hier bin ich. Ich habe nichts weiter. Ich bin mal wieder Zöllner, ich bin mal wieder hier. Ich habe mal wieder ... Du siehst es ja selber, wir brauchen ja nicht darüber zu reden, du weißt es ja noch besser als ich. Vater im Himmel, sei mir gnädig, bitte. Punkt.
Ich will dir auch nicht versprechen, dass ich es nächste Woche besser mache. Ich will auch nicht versprechen: Jetzt wird alles anders. Wer bin ich, dass ich das könnte? Aber hey, ich stehe hier. Ist es das, was deine Trauer mit dir macht? Oder merkst du: Wenn ich traurig werde, wenn ich einen Fehler mache, dann geht so ein Mechanismus los, wo du mehr Angst davor hast, dass das jemand mitbekommt, wo du anfängst, vielleicht vor dir selber so ein Stückchen davonzulaufen, das zu verstecken, dir selber einzureden: So schlimm ist das gar nicht. Oder mit dem Gutsein-Argument: An anderer Stelle mache ich ja so viel richtig, da kann doch das eine nicht ins Gewicht fallen.
Was machst du, wenn du traurig wirst?
Meine Angst im Hinblick auf viele Christen ist folgende: dass sie einen Denkfehler begehen. Der Denkfehler geht so: Am Startschuss meines geistlichen Lebens, da, wo Bekehrung ist, da, wo ich nur den ganzen Ballast meiner Sünde sehe, da sagen alle: Okay, ich muss, um Rettung zu finden, vor Gott zerbrechen. Ich muss Buße tun, ich muss meine Sünden bekennen, ich muss Jesus als meinen Retter anrufen. Warum Jesus? Na ja, kein anderer kann mich retten. Dafür brauche ich jetzt Jesus. So, da ist irgendwie alles noch klar, es geht nur um Jesus.
Und dann haben wir diesen Schritt getan, und dann geht es weiter im geistlichen Leben. Dann kommt nach der Bekehrung das Stichwort Heiligung. Und plötzlich denken wir: Na ja, bei Heiligung geht das irgendwie ganz anders. Bei Heiligung, da geht es ... Also Heiligung, das ist so die Veränderung meines Charakters. Es ist, dass ich Jesus ähnlicher werde, dass ich Freiheit gewinne, so zu lieben, wie Gott mich geliebt hat und sich das dann auch für mich wünscht. Wenn es um die Frage geht, wie werde ich mehr wie Jesus, da kommt nicht mehr der Gedanke auf: Na ja, ich muss zerbrechen. Da kommen plötzlich ganz andere Gedanken.
Auch am Anfang, wenn ich nackt und bloß vor Gott stehe und sage: Gott, ich komme in die Hölle, da will ich aber nicht hin, rette mich, das ist völlig klar, du musst völlig zerbrechen, du musst ganz auf ihn vertrauen. Aber wenn wir dann die nächsten Schritte im geistlichen Leben gehen, da regt sich in uns so ein komisches Denken: Jetzt kriege ich das alleine auf die Reihe. Aber jetzt ist es vielleicht klug, nicht mehr so jede Sünde zuzugeben. Das wird plötzlich wieder schwerer.
Am Anfang war es ganz einfach, aber wenn man dann so ein bisschen unterwegs ist, und ich garantiere euch: Wenn du mal überlegst, im Vaterunser heißt es: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und ich würde euch alle aufschreiben lassen, wie viele Sünden ihr in der letzten Woche bekannt habt, weil ihr sie vergeben bekommen lassen wolltet. Das wird eine relativ kleine Liste. Da braucht man nicht viel Platz hier im Raum, wenn wir das mal nebeneinanderlegen.
Das mögen wir gar nicht so, Sünde. Ja, so ganz grobe Sachen vielleicht schon, aber so diese kleinen Feinheiten? Wer von euch hat letzte Woche dafür gebetet: Herr, mir fällt nicht so viel ein bei Sünde, könntest du mir mal die Sachen zeigen, die ich noch nicht sehe? Wäre ein gutes Gebet, Psalm 139 am Ende, ja? Man kann auch beten für die Sünden, die man noch gar nicht erkannt hat, und kann sagen: Oh, da ist bestimmt noch mehr drin.
Aber es ist so eine komische Tendenz im geistlichen Leben, vor diesem Aspekt davonzulaufen. Es fällt einem Christen, je älter er wird, oft nicht leichter, sondern schwerer, seine eigene Hilflosigkeit zuzugeben. Und in dem Moment, wo das passiert, wo wir da Schwierigkeiten kriegen, fallen wir wieder zurück in unsere alten Fluchtmechanismen vor der Bekehrung. Das heißt: Bei der Bekehrung selber ist alles klar, ich muss zerbrechen. Aber später wird das irgendwie so ganz diffus, nicht mehr so klar.
Da fange ich dann plötzlich wieder an, so zu tun, als müsste ich gut vor Gott dastehen, vor dem Gott, der mich kennt? Hallo, wie blöd ist das denn? Wir leben die ganze Zeit aus Gnade. Da wird sich auch nichts daran ändern. Und egal, was wir verstecken, verdrängen, nicht wahrhaben wollen, wo wir Gott nicht heranlassen wollen, es ist trotzdem da. Und Gott hat ein Interesse daran, dass wir ihn finden, dass wir Heiligung erleben, auch dass wir Heilung erleben. Und wir sind davon völlig abhängig.
Es gibt ein Lied, „Arm im Geist“, wir haben es oft gesungen. Da heißt es genau zu diesem Thema am Ende und im Refrain: Lasst uns deshalb nie vergessen. Also, da war es wichtig, einen Punkt festzumachen. Lasst uns deshalb nie vergessen: Jeder Schritt auf dieser Bahn, und das ist gemeint im Lied selber, es ist der Weg zu Gott, es ist dieser Veränderungsprozess, wo ich mich nicht bekehre, sondern wo ich auf einem Weg zu Gott bin, wo ich einen Schritt der Heiligung nach dem anderen gehe. Da heißt es: Lasst uns deshalb nie vergessen, jeder Schritt auf dieser Bahn ist ein Zeichen seiner Liebe. Nicht meiner Liebe, nicht meiner Leistung, nicht meines Gripses, nicht meiner guten Beziehungen. Es ist ein Zeichen seiner Liebe, dass er das zulässt in meinem Leben.
Lasst uns deshalb nie vergessen: Jeder Schritt auf dieser Bahn ist ein Zeichen seiner Liebe, fängt mit echter Demut an. Also, ob ich mich am Anfang bekehre oder ob ich im Verlauf meines Lebens weitere Veränderungsschritte mache: Das Einzige, was ich immer bringen kann, ist diese Zöllnermentalität im Tempel. Herr, ich habe es vergeigt, was machen wir jetzt? Tut mir echt leid. Ich brauche dich wieder, ich brauche deine Gnade, ich brauche deine Vergebung, du musst jetzt irgendwie mit mir was machen, weil ich nicht mehr weiterweiß.
Das gilt für jeden Schritt der Veränderung, den wir in diesem Leben auf Gott zugehen. Und wenn du sagst: Das kenne ich nicht. Wenn du deine Sünde nicht sehen kannst, wenn du dich für den Coolen hältst, wenn du dich für den hältst, der das nicht nötig hat, dann sage ich dir: Du bist fast verloren in diesem Prozess, weil du dein eigener kleiner Gott geworden bist, der glaubt: Ich schaffe es ohne das, ich kann unabhängig leben. Und das stimmt einfach nicht.

Vom Zerbruch zur Hoffnung

Jetzt kommen wir zu diesem autobiographischen Teil.
Das Lied „Arm im Geist“ habe ich 2001 geschrieben, da war ich 35 Jahre alt. Und ich war, glaube ich, noch ungefähr ein halbes Jahrzehnt davon entfernt, meinen eigenen Liedtext zu verstehen. Das ist verrückt, oder? Du schreibst ein Lied und findest es total, also ich finde es heute noch total toll, so inhaltlich schwer und ausgewogen. Aber ich habe ihn noch nicht wirklich verstanden.
Ich war damals ein, denke ich, begabter, hingegebener junger Mann. Ich hatte für Gott meine Karriere aufgegeben, ich wurde von Gott benutzt, aber es gab in meiner Seele eine, ich nenne es mal, Wunde, eine tiefe Wunde, an die ich niemanden herankommen lassen wollte. Anstatt über meine Kindheit zu trauern, auch mit Gott darüber zu ringen, über die Versäumnisse meiner Eltern zu weinen, anstatt Trost zu finden, den man nur bei Gott finden kann, habe ich versucht, meine Nacktheit und meine Hilfsbedürftigkeit irgendwie zu überspielen. Ich habe sie nicht zugegeben. Stattdessen war ich diszipliniert, ein bisschen stur und habe versucht, mit einer ordentlichen Portion Dominanz mein eigenes Leben in den Griff zu kriegen. Man kann sich vorstellen, was das auch für meine Familie bedeutet hat. Das war nicht immer nur toll.
Ich konnte, und das ist so verrückt, über Zerbruch predigen. Wir haben sogar einen ganzen Jugendtag über das Thema gemacht. Ich konnte über Zerbruch predigen, aber ich war selber nicht völlig zerbrochen. Und dann ist etwas anderes zerbrochen: die Cgmg, die christliche Gemeinde Mariendorf Großbeerenstraße, die Gemeinde, der ich vielleicht die zehn effektivsten Jahre meines Lebens gewidmet hatte. Ich bin durch den Wald gezogen und habe geweint.
Dann fing ich an zu lesen. Ich habe ein Buch gelesen über sexuellen Missbrauch von Dan Allender: Das verwundete Herz. Ich bin nicht sexuell missbraucht worden, aber ich habe durch das Buch zum ersten Mal verstanden, was Missbrauch, in dem Fall emotionaler Missbrauch, im Leben eines Menschen, an der Seele eines Kindes anrichten kann, wie Verrat, den man als Kind erlebt, die eigene Seele zerstört. Und ich konnte in diesem Moment ganz deutlich sehen, für mich sehen. Und vielleicht muss man einen Tick älter sein, um das klar sehen zu können. Vielleicht ist es Anfang 20 überhaupt nicht möglich, das nachzuvollziehen. Vielleicht ist das, was ich jetzt predige, eher etwas für die Leute, die 35, 40 sind.
Aber ich konnte in dem Moment, als ich das las und darüber nachdachte, ich bin so ein Buchtyp, okay, ja, ich muss immer lesen, ich kriege immer meine besten Ideen durch Bücher. Da mögen auch Vorträge für jemanden funktionieren oder ein gutes Gespräch, aber bei mir sind das Bücher. Und ich konnte mit einem Mal sehen, wie ich jahrelang nicht Gottes Trost gesucht hatte, sondern meinen eigenen Fluchtmechanismen gefolgt war. Und meine Fluchtmechanismen waren Ablenkung, Action, neue Projekte und Dominanz. Das waren meine Fluchtmechanismen: bloß nicht den Schmerz spüren. Und das ist Götzendienst.
So, jetzt, wenn du mich länger kennst, wirst du vielleicht instinktiv denken: Jürgen, das ist viel zu einseitig dargestellt, das kann man doch nicht so sagen. Geschenkt, einverstanden. Ich habe nicht vor, Leben, das superkompliziert und vielschichtig ist, so holzschnittartig mit drei, vier Strichen darzustellen. Und trotzdem: Ja, ich habe mit gutem Gewissen und vollem Einsatz versucht, Gott zu gefallen. Und ja, Gott hat an vielen Stellen einfach Gnade geschenkt. Aber die Tatsache, dass wir funktionieren und Erfolg haben, darf uns nie darüber hinwegtäuschen, dass wir Angst davor haben, dass Gott in unserem Leben wirklich Gott werden könnte.
Es darf uns nie darüber hinwegtäuschen, dass jeder Schritt Richtung Christusebenbildlichkeit tatsächlich, genau wie es in diesem Lied heißt, immer mit echter Demut anfängt. Und solange ich mich nicht demütige, solange ich sage: Da gibt es Bereiche in meinem Leben, die gehören mir, da darf Gott nicht ran, da habe ich einfach nur Panik, wenn auch nur irgendeiner in die Nähe kommt, da will ich nicht darüber nachdenken, nicht darüber reden, und ich will definitiv diese Bereiche in meinem Leben nicht integrieren, ich will die nicht noch einmal durchleben, ich will gar nichts damit. Wenn das da ist und ich nicht vor Gott zerbreche, dann kann er mich nicht trösten.
Ich habe dann weitergelesen, weitere Bücher gelesen und bin wieder in den Wald gegangen, um zu weinen. Diesmal dann nicht über die Cgmg, sondern über mich selber, über die verpassten Chancen meines Lebens auf Liebe, über die verpassten Chancen meines Lebens auf Förderung, über Versprechen, die man mir als Kind gegeben hat und die nie eingelöst worden sind, über eine Jugend, die mich hart gemacht hat, aber irgendwie nicht herzlich, über ein tief sitzendes Gefühl, nicht wertvoll genug zu sein, um geliebt zu werden. Und ich habe da im Spandauer Forst mit Gott gerungen. Ich habe ihn mit meiner Kritik überhäuft. Und ich kann viel und lange und ausgiebig kritisch sein, das könnt ihr mir glauben. Ich habe ihm alles gesagt. Ich habe ihn gefragt: Wo warst du, als ich dich am meisten gebraucht habe? Ich habe nichts zurückgehalten.
Und der Clou ist: Irgendwann ist mit dem Klagen Schluss gewesen, und ich fand Trost. Um genau zu sein, war es ein zweistufiger Prozess. Erst findet man übernatürlichen Frieden, das liest man in Philipper 4,6-7. Das heißt, du bist total sauer, und plötzlich passiert etwas, wo du denkst: Das ist jetzt aber komisch, das gehört jetzt nicht hierher, ich bin doch jetzt sauer. Und es kommt etwas über dich, wo du merkst: Hier ist Gott. Das ist das, wo dich kein Therapeut hinbringen kann, wo ich dich zu ermutigen kann, aber wo du in die Gegenwart Gottes eintrittst und sagst: Okay, holy ground, hier brennt der Dornbusch ohne zu verbrennen, hier gibt es Frieden mitten im Chaos. Und dann kam sein Trost.
Dieser Prozess dauerte bei mir ungefähr zwei bis drei Jahre. Immer wieder lesen, klagen, Trost finden, weiterlesen, nachdenken, mehr klagen, mehr Trost finden. Bis in den Urlaub hinein hat mich das verfolgt. Heute noch: so ein Strandabschnitt, die Sonne scheint, Sonnenbrille, und ich heule da eine Stunde lang und sage Gott, wie fies das alles ist. Die sprachen alle nur Spanisch, als ich da auf Deutsch laut vor mich hin klagte. Und dann wieder dieses Boah und wieder dieser Friede und wieder dieses Ankommen bei Gott.
Und wenn du dann noch in der Bibel liest, dann wirst du feststellen: Dann schickt Gott dir die richtigen Bibelverse. Und wenn du Predigten hörst, wirst du garantiert auf die richtigen Predigten stoßen. Und wenn du bei YouTube unterwegs bist, den richtigen Channel packen. Also Gott weiß, wie er dich trösten kann an der Stelle.
Und mit Trost kam in mein Leben, das war der zweite Punkt, Hoffnung. Also ich konnte getröstet mir meine Kindheit ohne Angst anschauen. Wisst ihr, auch wenn man viel vergisst, ich habe ja ein kaputtes Langzeitgedächtnis, weil ich mich darauf trainiert habe, in meiner Kindheit so schnell wie möglich die negativen Sachen zu vergessen, aber selbst wenn man viel vergisst, es gibt irgendwo immer noch Momente, auch in einer Vergangenheit, die schlimm ist, wo man Güte Gottes sehen konnte.
Eines Tages musste ich schmunzeln. Da kam diese Frage hoch: Jürgen, was ist eigentlich das einzige, was von deiner Kindheit übrig geblieben war? Und mit einem Mal machte es plopp. Und ich weiß nicht, ob er euch das vorschenkt, und du bist klagend im Wald und bist irgendwie frustriert über deine Kindheit, und mit einem Mal zeigt dir Gott ein Bild. Und er zeigt dir: Weißt du, es gibt eine Sache, die du aus deiner Kindheit noch hast: einen kleinen Lederfrosch, den ich mir als Zwölfjähriger gewünscht habe und den Gott damals mir geschenkt hat.
Wo ich mir sage: Wie absurd ist das denn? Warte mal, Gott hat dem Zwölfjährigen schon einen Frosch geschenkt, hat dafür gesorgt, dass dieser Frosch, wo ich alles verloren habe, irgendwie bei mir blieb. Und in dem Moment, und das könnt ihr nicht nachvollziehen, kam dieser Gedanke auf: Wie, du hast in dem Zwölfjährigen schon den Frosch gesehen? Ja, das hört sich so verrückt an für euch, das weiß ich, weil ihr dieses Subjektive nicht empfinden könnt.
Mein Spitzname ist Frosch. Und ich habe ihn mir nicht ausgesucht, der wurde mir gegeben. Und heute heißt meine Homepage Frog Words, also die Worte vom Frosch. Der YouTube-Kanal heißt FrogTube, also das hat alles was mit Fröschen zu tun. Du kommst in mein Büro, kannst ein Spiel machen: Wie viele Frösche findest du? Und es sind einige. Und du denkst dir: Hallo, kann das sein, dass dieser kleine Junge, eingepfercht in die unglückliche Ehe seiner Großeltern, abgeschoben von seiner Mutter, die ihn nicht haben wollte, irgendwo in einem kleinen bayerischen Dorf, wo er nicht weiß, was aus ihm werden soll, dass Gott diesen kleinen Jungen sieht und sagt: Ich gebe dir ein kleines Hoffnungszeichen mit. Wenn du mal 45 bist, dann gehst du durch einen Wald und es wird dir einfallen, dass ich dich immer schon gesehen habe, dass ich nie weg war.
Und das ist passiert. Weil ich mein Herz, weil ich den Schmerz Gott gegeben habe, weil ich ihn nicht mehr versteckt habe, kam Hoffnung in mein Leben. Die Hoffnung, dass der Gott, der mich immer schon als den Frosch gesehen hat, der meine Vergangenheit überblickt hat, der in meiner Vergangenheit Momente des Wunders und der Majestät hineingelegt hat und seiner Führung hineingelegt ist, dass das natürlich der Gott ist, der auch meine Zukunft im Blick hat. Das ist doch logisch: Wenn ich ihn hinter mir sehe, wo alles turbulent ist, wie viel mehr kann ich ihn vor mir sehen, wo ich heute mit ihm unterwegs bin.
Und das ist das: Wenn Trost da ist, dann kommt Hoffnung. Und wo Hoffnung ist, ja, da, ähm, wie soll ich das sagen, da kommen wir zur Anbetung. Da kommen wir dahin, dass ich vor Gott stehe und sage: Wow, was ist das für ein Gott! Wie irre ist das denn? Gott ist in meinem Leben immer schon Immanuel gewesen, immer schon Gott mit uns oder persönlicher Gott mit mir. Und er hat mitten in Sünde, in menschlicher Dummheit und Chaos mich bereits auf meinen Dienst vorbereitet. Und ich könnte euch mehr Dinge aus meiner Kindheit zeigen, wo ich schmunzelnd im Wald feststellen musste: Das passte, und das passte, und das passte.
Es waren furchtbare Zeiten, aber Gott war nicht weg. Und so wird aus Zerbruch Trost, Hoffnung, Anbetung.

Ehrlichkeit vor Gott als Weg in die Freiheit

Letzte Frage: Darf ich dich heute Morgen einladen, ehrlich zu werden?
Gibt es in deinem Leben No-Go-Areas? Gibt es in deinem Leben schambesetzte Bereiche, vor denen du davonläufst, mit denen du dich nicht mehr oder noch nicht auseinandersetzen möchtest oder mit denen du dich vielleicht noch nie auseinandergesetzt hast, die du versteckst?
Es kann sein, dass du vielleicht total zornig bist über etwas, das in deinem Leben ist, und sagst: Warum ich? Und du schiebst den Zorn weg, weil du nicht weißt, wie du damit umgehen sollst.
Oder es kann sein, dass dir Dinge von anderen Menschen passiert sind, an die du nie wieder erinnert werden willst. Und du tust alles, damit nie wieder jemand so dicht an dich herankommt, um dir noch einmal wehzutun.
Oder es kann irgendetwas sein, was du angestellt hast, und du sagst: Boah, ich traue mich nicht, darüber nachzudenken. Oder, oder, oder.
Gibt es so etwas in deinem Leben?
Wenn das so ist, dann möchte ich dir von hier vorne das Evangelium predigen. Und das Evangelium heißt: Du musst dich nicht verbergen. Gott kennt dich durch und durch, und er will dir an genau den Stellen begegnen, von denen du denkst, dass du sie verstecken musst.
Ich sage das noch einmal: Gott möchte dir an den Stellen begegnen und dich da packen und sagen: Ich bin der, der dir begegnen will, wenn du dich auf mich einlässt.
Das ist kein leichter Prozess. Das ist nicht drei Schritte, fünf Minuten zum Glücklichsein. Überhaupt nicht. Deswegen habe ich euch meine Geschichte erzählt. Das ist ein jahrelanger Prozess des Ringens, des Ehrlichwerdens, des Dinge an sich Heranlassens und des Worte-Findens.
Aber wenn du das tust, dann ...
Und jetzt gebe ich euch meinen Top, die absolute Nummer eins meiner Bibelverse für die Vierziger. Also in meinen Vierzigern habe ich mir überlegt: Was ist die absolute Nummer eins? Was ist der wichtigste Vers der Vierziger?
Der wichtigste Vers der Vierziger steht in Matthäus 5. Lernt ihn auswendig. Da steht: Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Matthäus 5,4.
Glückselig, wenn du Glück suchst, wenn du sagst: Ich möchte das Glück abgreifen, das Gott für mich hat. Der Weg dahin geht über Trauer. Trauere über deine Schuld, trauere über das, was dir wehgetan hat, worüber man dir wehgetan hat. Trauere, geh hinein, werde Psalmist.
Ich habe euch 14 Predigten jetzt gehalten und oft immer in die Psalmen hineingegriffen. Warum? Weil die Psalmen einfach klasse sind. Da stehen Menschen ehrlich vor Gott und sagen: Ich bin dagegen. Und du denkst dir: Huch, darf man so mit Gott reden?
Ja, mach es mal. Mach mal, trau dich. Trauere, klage, weine, schreie, flehe, geh hinein!
Glaubst du wirklich, dass Gott Angst vor dir hat? Na, das kannst du knicken. Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben. Gott hält dich schon aus. Die Frage ist, ob du ihn aushältst. Die Frage ist, ob du bereit bist, ihn da ranzulassen, wo du sagst: Da ist meine größte Wunde meiner Seele. Gott, du musst sie jetzt!
Du musst etwas machen. Ich weiß nicht, was du tun wirst. Und es gibt nicht ein Konzept, das für alle hier gelten würde. Ich garantiere dir: Gott führt dich deinen ganz persönlichen Weg. Und du gehst am Ende raus und sagst: Boah, ich bin versöhnt mit meiner Kindheit.
Da ist eine Freiheit da, eine Qualität von Liebe zu lernen und zu leben, die vorher nicht da war. Da ist eine Qualität von Gelassenheit in meinem Leben da, heute da, die vorher nicht da war. Eine Qualität von Bereitschaft, Nähe zuzulassen, die vorher nicht da war. Vielleicht auch eine Qualität, die eigene Komischheit anzuerkennen, die vorher nicht da war.
Und das ist das, was ich euch von ganzem Herzen wünsche.
Scham ist ein Ausdruck unserer eigenen Hilflosigkeit. Sie treibt uns entweder von Gott weg in den Götzendienst, und wir fangen an, unser eigenes Leben auf unsere Weise zu leben, so wie wir das für richtig halten. Wir werden unser eigener kleiner Gott.
Oder Scham treibt uns direkt in seine Arme.
Und die Herausforderung, die Gott uns mitgibt, ist die: Wenn ich dich an irgendeiner Stelle angepingt habe mit dieser Predigt, wenn du merkst, da ist etwas, dann öffne dich, ganz harmlos, und geh zum Kreuz und sag: Herr, als ich dein Kind wurde, habe ich dir alles hingelegt, mein ganzes Leben, das war ganz einfach. Heute habe ich nur diesen Bereich. Können wir da mal drüber reden?
Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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