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Johannesevangelium 3,1-12 - Die Notwendigkeit der Wiedergeburt

Johannes 3,1-1205.06.2020
Serie•Teil 14 / 44Johannes-Evangelium
Reicht gutes Leben, Wissen und Religion wirklich für Gott? Nikodemus merkt: Ohne einen radikalen Neustart von innen bleibt das Reich Gottes verschlossen.

Der Beginn des Wirkens Jesu und die Spannung zwischen Erwartung und Wirklichkeit

Guten Morgen, ihr Lieben!
Wir befinden uns im Johannesevangelium, und wir werden heute in dieser Predigt wieder ein Stück weitermachen, ganz am Anfang des Wirkens Jesu in Jerusalem. Jesus hat gerade den Tempel gereinigt, und er hat andere Wunder getan, sodass die Menschen anfangen, an seinen Namen zu glauben. Aber Jesus ist an dieser Stelle ganz merkwürdig zurückhaltend. Johannes begründet diese Zurückhaltung in Johannes 2,25 damit, dass er selbst, Jesus, wusste, was in dem Menschen war.
Jesus wusste also, was die Menschen dachten, was sie mit ihm als einem möglichen Messias an Hoffnungen verbanden, und dass es im Moment einfach nicht möglich war, sich ihnen anzuvertrauen und das, was in seinem Herzen war, mit ihnen zu teilen. Wie weit Jesus gedanklich von seinen Zeitgenossen entfernt war, das zeigt unser Text heute.
Wir wollen uns Johannes Evangelium Kapitel drei, die Verse eins bis zwölf, anschauen. Und ich möchte das an dieser Stelle einfach noch einmal sagen: Es gibt auf www.frogwords.de ein Skript. Und wenn euch die Predigt fasziniert und auch das Thema, schaut euch das Skript an und arbeitet die Predigt nach. Ich kann euch keinen besseren Rat geben als diesen: Arbeitet eine Predigt nach. Sie einmal nur zu hören, wird wahrscheinlich nicht reichen. Das Wort Gottes wird dadurch in euren Herzen einfach nicht so fest verankert, wie es in diesen schwierigen Zeiten sein muss.
Lasst uns also das Gespräch anschauen, das Jesus mit einem der führenden Männer seiner Zeit hat: dem Pharisäer Nikodemus, Mitglied des Hohen Rats und bekannt als der Lehrer Israels.
Thematisch geht es mir heute darum, euch einen Aspekt von rettendem Glauben zu zeigen. Rettender Glaube hat einen Anfang. Rettender Glaube, da gibt es eine Art Bang, einen Startschuss. Es gibt im geistlichen Leben einen Moment, den der Herr Jesus als Wiedergeburt bezeichnet, und ohne diesen Moment kann man das Reich Gottes weder sehen noch in das Reich Gottes hineingehen. Also gibt es ohne diesen Startpunkt, ohne die Wiedergeburt, keine lebendige, rettende Beziehung mit Gott.
Man wird nicht Christ, indem man in eine christliche Familie hineingeboren wird. Man wird nicht Christ dadurch, dass man Bücher liest oder Rituale vollzieht. Sondern man braucht diesen Moment der Wiedergeburt. Da geht es wirklich los.

Ein angesehener Mann mit erstaunlicher Offenheit

Schauen wir uns das an: Johannes 3,1. Es war aber ein Mensch von den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden.
Nikodemus ist definitiv ein Mann, der etwas darstellt. Er stand geistlich den Pharisäern nahe. Er war selbst einer; heute würden wir sagen: ein Konservativer. Er war Oberster, das heißt, er war Mitglied des Hohen Rats, des höchsten politischen Gremiums im Land. Und er wird in Vers 10 als „der Lehrer Israels“ bezeichnet.
Nikodemus ist noch aus einem anderen Grund für mich eine absolut bemerkenswerte Persönlichkeit. Mich fasziniert, dass er sich trotz seines Alters, seines Wissens, seiner Macht und seines Ansehens trotzdem eine Offenheit bewahrt hat. Das ist nicht selbstverständlich. Da ist jemand, zu dem Menschen aufschauen und erwarten, dass sie von ihm die Antworten bekommen. Und trotzdem ist er bereit, zu diesem Jesus hinzugehen und von ihm zu lernen.
Diese Offenheit ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum man Nikodemus auch am Ende des Johannesevangeliums wieder antrifft, wo er zusammen mit Joseph von Arimathia den Leichnam des Herrn Jesus nach der Kreuzigung beerdigt. Soweit wir das sagen können, hat Nikodemus sich bekehrt und ist ein Jesusjünger geworden.
Und diese Offenheit, mit der Nikodemus an Jesus herangeht, und das Interesse an dem, was Jesus zu sagen hat, das ist für mich persönlich wirklich ein Ansporn. Ich möchte gerne auch im Alter noch offen bleiben für neue Sichtweisen. Ich möchte im Alter offen bleiben für ein tieferes Verständnis biblischer Wahrheiten. Ich möchte nicht irgendwann aufhören zu lernen. Ich möchte, so wie Nikodemus, der viel wusste, einer sein, der immer noch mehr wissen möchte.

Die Frage nach der Herkunft von Jesu Autorität

 Johannes 3,2: Dieser kam bei Nacht zu ihm und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn, Gott ist mit ihm.
Nikodemus kam nachts, und man kann spekulieren, ob er vielleicht nicht mit Jesus gesehen werden wollte. Wir wissen das nicht. Spannend ist, und viel interessanter, die Frage: Wen meint Nikodemus mit „wir“?
Nikodemus kommt und sagt: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen. Wer ist „wir“? Also, wir können ausschließen, dass damit der Hohe Rat als Ganzes gemeint ist. Der Hohe Rat ist das Gremium, das Jesus am Ende zum Tode verurteilt. Die werden schlechterdings am Anfang geglaubt haben, dass Jesus ein Lehrer ist, von Gott gekommen.
Und doch muss es im Umfeld von Nikodemus Menschen geben, die die Zeichen sehen, die Jesus tut, und daraus schließen, dass Gott mit ihm ist. Vielleicht hatten sie auch mit der Tempelreinigung sympathisiert. Wahrscheinlich war ihnen dieser Kommerz selbst ein Stück unangenehm. Und Jesus war mit seinen Zeichen und mit dem, was er da so getan hat, mit seinem Auftreten, für sie vielleicht so etwas wie ein Prophet.
Jedenfalls ist diese Gruppe nicht gegen Jesus eingestellt, ganz im Gegenteil: Sie sucht den Kontakt.

Das Reich Gottes als geistliche Wirklichkeit

Vers Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.
Das ist eine Stelle, wo ich als junger Christ immer gestutzt habe. Hier steht: Jesus antwortete. Und ich dachte immer: Hä, Nikodemus hat doch gar keine Frage gestellt. Und doch weiß Jesus, was er auf dem Herzen hat, und er geht darauf ein.
Dazu muss man Folgendes wissen: Das Reich Gottes war wirklich das Thema zur Zeit Jesu. Wann würde Gott sein Reich aufrichten? Und wir müssen verstehen, dass die Erwartungshaltung stetig zugenommen hat.
Jahrhunderte vorher bekommt der Prophet Daniel ein prophetisches Bild, und zwar von einer Statue. Die hat einen goldenen Kopf, dann silberne Arme und eine silberne Brust, dann einen Bauch und Lenden aus Bronze und Beine aus Eisen, beziehungsweise die Füße sind dann aus Eisen und Ton. Ihr könnt das in Daniel 2 nachlesen.
In der Erklärung bekommt Daniel dann gesagt: Die Statue, das sind Weltreiche. Also jeder Teil – Kopf, Brust, Bauch, Beine – jeweils ein Weltreich. Der Kopf steht für Babylon, die Arme und hier oben dann so die Brust für Medopersien, der Bauch und die Lenden für Griechenland und ganz unten die Beine für das römische Reich. Das ist die letzte Zeit.
Und dann springen wir mal in Daniel 2 rein, Daniel 2,44. Da heißt es dann: „Aber zur Zeit dieser Könige“ – das sind die Letzten, ihr müsst es nur nachlesen, das sind Könige, die zu diesen Beinen gehören, also zum römischen Reich – „aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird. Und sein Reich wird auf kein anderes Volk kommen; es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören, aber es selbst wird ewig bestehen.“
Das ist die Verheißung. Und die Juden kannten ihre Bibel. Damit war klar: Es kann jetzt irgendwie nicht mehr lange dauern, bis Gott sein Reich aufrichtet.
Wir haben also bei dem Propheten Daniel vier Weltreiche, und es ist klar: Wir sind beim letzten Weltreich angekommen. Da muss doch irgendwas passieren.

Erwartung, Prophetie und die Frage nach dem Messias

Und dann kommt Johannes der Täufer. Matthäus 3,1-2, die Predigt:
In jenen Tagen aber kommt Johannes der Täufer und predigt in der Wüste von Judäa und spricht: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahegekommen.
Reich der Himmel, das ist dasselbe wie Reich Gottes. Matthäus schreibt sein Evangelium an Juden, und die nehmen das Wort Gott einfach nicht gerne in den Mund. Da gibt es dann Umschreibungen wie zum Beispiel Himmel.
Wichtig ist: Hier kommt Johannes der Täufer, und er predigt: Tut Buße, Begründung: Denn das Reich der Himmel ist nahegekommen.
Also, ich habe die Prophetie von Daniel, und jetzt kommt noch so ein anderer, der auch irgendwie wie ein alttestamentlicher Prophet auftritt. Und der sagt: Das Reich der Himmel ist nahegekommen. Logisch, dass die Leute an der Stelle erwarteten: Jetzt muss es doch bald losgehen.
Und dann kommt quasi in dritter Stufe Jesus. Und Jesus reinigt den Tempel, und Jesus tut Zeichen. Und jetzt fragen sich alle: Ist das der Messias?
Die Frage stand schon im Raum, als Johannes der Täufer anfing zu predigen. Den hatte man ja auch gefragt, nur der hat gesagt: Nein, ich bin's nicht. Aber jetzt habe ich diesen Jesus. Vielleicht ist dieser Jesus jetzt endlich der, auf den wir warten.
Das ist die Frage, die sich viele gestellt haben: Werden wir zu Lebzeiten noch das Reich Gottes sehen? Wird Gott jetzt sein ewiges Reich aufrichten, solange wir noch leben?

Missverständnisse über das kommende Reich

Und damit kommen wir, wenn wir diese Fragen hören, zu einem Problem. Ein Problem, das ich euch an Lukas 17,20 erklären will. Da heißt es: Und als er, gemeint ist Jesus, von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte.
Also hatten die Pharisäer, und mit ihnen wahrscheinlich der Rest des Volkes, eine ganz falsche Vorstellung vom Reich Gottes. Sie hatten ein Reich vor Augen, das man sehen konnte. Und Jesus muss sie korrigieren. Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten kann. Es kommt, das ist keine Frage, aber anders. Das Reich Gottes ist ein unsichtbares, ein geistliches Reich.
Wisst ihr, für die Pharisäer war das Thema Reich Gottes ganz eng mit der Idee eines sichtbaren Königreiches verbunden. Reich, das heißt Herrschaft eines Königs, aber natürlich nicht irgendeines Königs, sondern das sollte schon der Messias sein, ihr König. Der, ich nenne ihn mal, zweite David, der irgendwie an die Erfolge seines Ahnen anknüpft und dann das Volk und vor allem den Staat wieder zu einer geopolitischen Größe macht. Neuer Glanz und Gloria, das war die Idee.
Und natürlich ist das keine Idee, die weit hergeholt ist. Wir müssen uns nur anhören, was Gabriel der Maria verkündet. Lukas 1,32. Da sagt Gabriel, der Engel, zu Maria, der Mutter Jesu, über Jesus: Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden, und der Herrgott wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird über das Haus Jakobs herrschen in Ewigkeit, und seinem Königtum wird kein Ende sein.
Also ganz ehrlich, ich sage mal, das kann man schon in den falschen Hals bekommen. Worte wie Thron, Königreich, herrschen. Wow, da braucht es nicht viel, um an einen „richtigen“ König zu denken.

Der Messias als König und die überraschende Art Jesu

Und hatten nicht die Propheten den zukünftigen Messias, hatten sie ihn nicht sogar David genannt? Zwei Beispiele: Ezechiel 37,24-25. Und mein Knecht David wird König über sie sein. Das ist Zukunft, Prophetie, nach vorne gerichtet. Da geht es um den Messias. Und mein König David, nein, mein Knecht David wird König über sie sein, und sie werden alle einen Hirten haben. Und sie werden in meinen Rechtsbestimmungen leben und meine Ordnungen bewahren und sie tun. Und sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Und sie werden darin wohnen, sie und ihre Kinder und ihre Kindeskinder bis in Ewigkeit. Und mein Knecht David wird ihr Fürst sein für ewig.
Oder Hosea 3,5: Danach werden die Söhne Israel umkehren und den Herrn, ihren Gott, aufsuchen und David, ihren König. Und sie werden sich bebend zum Herrn wenden und zu seiner Güte am Ende der Tage.
Bingo, der Messias ist ein zweiter David, ein König. Und man muss sagen: ja und nein. Ja, Jesus wird sein Reich aufrichten. Er wird tatsächlich am Kreuz die Schlacht gegen alles Böse gewinnen, und er wird dort zum König der Könige gekrönt. Er richtet das ewige Reich auf, das Reich, von dem Daniel gesprochen hat oder das Daniel verkündet worden ist. Er wird tatsächlich ein zweiter David, aber er wird kein politischer Führer sein, so wenig, dass er später, das lesen wir in Johannes 6, als man ihn zwangsweise zum König machen möchte, einfach verschwindet, damit das bloß nicht passiert.
Also: Die Juden erwarten einen König, der die Römer aus dem Land treibt, und sie bekommen einen, der damit anfängt, jüdische Händler aus dem Tempel zu treiben. So unterschiedlich ist es. Jesus kann sagen: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Aber es ist ein Reich, bitte schön, es ist ein Reich, nur eben ein geistliches. Und wer es sehen will, der braucht mehr als zwei Augen. Er braucht eine neue Geburt.

Die Notwendigkeit einer geistlichen Neugeburt

Zurück zu Johannes 3, Johannes 3, Vers 3: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.
Das Reich Gottes, das Gott im Blick hat, das Jesus aufrichten will, kann nur der sehen, der von Neuem geboren wurde. Ein geistliches Reich kann nur von geistlichen Menschen gesehen und erlebt werden.
Und von Neuem geboren ist begrifflich erst einmal eine komplett schräge Vorstellung. Ein zweites Mal geboren zu werden, die Idee ist schon radikal, und ich verstehe die Überraschung.
Auf Seiten von Nikodemus: Hört euch das an, Johannes 3, Vers 4. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er etwa zum zweiten Mal in den Leib seiner Mutter hineingehen und geboren werden?
Ihr merkt, Nikodemus hat an der Stelle echt null Idee, was Jesus meinen könnte. Also, hier steht der Lehrer Israels, ein Mann mit Lebenserfahrung und bestimmt nicht dumm, aber er versteht nicht, was Jesus meint, was Jesus sagen will. Er will das Reich Gottes sehen, aber er hat keine Ahnung, was Jesus mit diesem „von Neuem geboren“ meinen könnte.
Seine beste Idee ist tatsächlich die, dass man noch mal in den Uterus seiner eigenen Mutter geht. Und wir brauchen das gar nicht weiterdenken. Ja, also das kann Nikodemus selber nicht glauben.
Also legt Jesus jetzt nach.

Wasser, Geist und die zweite Geburt

 Johannes 3,5: Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen.
Okay, was Jesus hier tut, ist Folgendes: Er verwendet etwas andere Begriffe, erklärt aber dasselbe Konzept. Aus „von neuem geboren werden“ wird jetzt „aus Wasser und Geist geboren werden“. Gleiches Konzept, andere Worte. Und auch bei „das Reich sehen“ und „in das Reich hineingehen“ geht es letztlich um dieselbe Sache.
Das ist irgendwie auch klar: Wenn jemand das Reich Gottes sehen will, dann will er nicht draußen davorstehen und sagen: Schön, die anderen haben alle so eine tolle Beziehung mit Gott, aber ich halt nicht. Sondern wenn ich das sehe, dann will ich selber da hineingehen.
Irgendwie muss Jesus jetzt Nikodemus erklären, wie das mit der neuen Geburt, mit der Wiedergeburt, funktioniert. Seine Erklärung lautet: Wir müssen aus Wasser und Geist geboren werden.
Man kann diese Formulierung auf drei unterschiedliche Weisen verstehen. Erstens, und das ist die eine Erklärung, die ich nicht glaube: Wasser und Geist stehen für Wassertaufe und Geistestaufe.
Warum glaube ich das nicht? Ich glaube das aus drei Gründen nicht.
Punkt Nummer eins: Hier steht nichts von Taufe. Das ist erst einmal ein Grund, nicht in diese Richtung zu denken.
Punkt Nummer zwei: Die christliche Taufe ist noch völlig unbekannt, und zwar sowohl die mit Wasser als auch die mit heiligem Geist. Natürlich kann ich rückblickend nach meiner Bekehrung, jetzt als Gläubiger, feststellen, dass meine Taufe tatsächlich widerspiegelt, was bei meiner Wiedergeburt passiert ist. Der alte Mensch stirbt, und der neue steht auf.
Aber dass ich das kann, dass ich meine Wassertaufe als Bild für meine Bekehrung verstehe, das kann ich nur, weil ich weiß, dass Jesus auferstanden ist, weil ich weiß, was nach Pfingsten passiert ist. Und solange ich das nicht weiß, solange ich keine Vorstellung von einer christlichen Taufe habe, solange ich keine Vorstellung von Auferstehung habe, vielleicht solange mir auch Römer 6 fehlt, wo genau das erklärt wird, solange macht eine Formulierung, die darauf anspielt, überhaupt keinen Sinn.
Also: Nikodemus hätte das nicht wissen können. Und deswegen glaube ich nicht, dass Jesus das gemeint hat, weil er Nikodemus nicht verwirren will. Er will ihm etwas erklären.
Und ein dritter Punkt: Wenn diese Auslegung stimmt, dann müsste ich sagen, die Wassertaufe ist heilsnotwendig. Sie ist eine Voraussetzung für die Wiedergeburt. Und das ist etwas, was ich nicht glaube.
Also ich sehe das zum Beispiel beim Schächer am Kreuz, der eine Verheißung bekommt, heute noch das Paradies zu sehen, und definitiv nicht getauft ist.
Okay, so weit, so gut. Das ist die erste Sichtweise, die ich nicht glaube.

Eine mögliche alttestamentliche Deutung

Es gibt eine zweite Auslegung. Sie ist gut, nicht mein Favorit, aber sie ist gut.
Jesus möchte mit der Formulierung, dass jemand aus Wasser und Geist geboren sein muss, etwas sagen, was Nikodemus verstehen kann. Also muss die Formulierung „Wasser und Geist“ irgendwie einen Anknüpfungspunkt in seinem Denken haben. Man könnte davon ausgehen, ja, vielleicht sogar im Alten Testament.
Gibt es eine Stelle, wo Wasser und Geist und vielleicht auch neuer Bund, Reich Gottes, miteinander verknüpft sind? Ja, die Stelle gibt es. Ihr seht hier Kapitel 36, die Verse 25-27, eine Beschreibung des Neuen Bundes, und ich lese es euch mal vor: Hesekiel 36,25-27.
Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein, von all euren Unreinheiten und von all euren Götzen werde ich euch reinigen. Wasser, ja, Wasser ist ein Bild für die Reinigung von unseren Sünden.
Okay, dann Vers 26: Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben, und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Neues Herz, sowas wie neues Leben, das könnte man in Richtung neue Geburt lesen.
Und dann Vers 27: Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben. Das wäre dann der Geistaspekt aus Wasser und Geist. Ja, und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut.
Dieser Text beschreibt tatsächlich die Prinzipien des Neuen Bundes. Alle, die wirklich gläubig sind und heute mit Gott leben und zum Neuen Bund gehören, sind tatsächlich von ihren Sünden gereinigt, und sie haben ein neues Herz, und der Geist Gottes hat tatsächlich in ihnen Wohnung genommen.
Die neue Geburt aus Wasser und Geist wäre dann eine neue Geburt durch die Reinigung von unseren Sünden und durch den Empfang des Heiligen Geistes.
Wie gesagt, eine durchaus schöne und irgendwie auch gute Auslegung. Und eine, wo man sagt: Wenn die gemeint ist, hätte Nikodemus auch draufkommen können. Aber nicht mein Favorit.

Die natürliche Geburt und die geistliche Geburt

Warum? Weil ich glaube, dass Jesus tatsächlich die Frage beantwortet, die Nikodemus ihm stellt. Nikodemus fragt, wie ein Mensch von Neuem geboren werden kann, wenn er alt ist.
Und weil ich glaube, dass man Vers 5 und Vers 6 zusammen lesen muss, möchte ich das kurz tun.
 Johannes 3,5-6: Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen. Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.
Schauen wir uns kurz die Parallelen an. In Vers 5 heißt es: aus Wasser und aus Geist. In Vers 6 heißt es: aus dem Fleisch und aus dem Geist. In beiden Versen taucht der Heilige Geist auf, aber die Formulierung „aus Wasser“ findet sich nur in Vers 5, und in Vers 6 wird anstelle von „aus Wasser“ „aus dem Fleisch“ formuliert.
Und das wird spannend, denn „aus dem Fleisch geboren“ ist relativ einfach zu verstehen. Das ist die natürliche Geburt. Nikodemus fragt: Wie kann es sein, dass jemand noch einmal von Neuem geboren wird? Muss er zurück in den Leib seiner Mutter? Und jetzt sagt Jesus: Nein, Nikodemus, du musst nicht zurück in den Bauch deiner Mutter. Wenn du in das Reich Gottes hineingehen und wenn du es sehen möchtest, dann brauchst du eine zweite Geburt. Eine, die nicht aus Wasser, nicht aus Fleisch, nicht natürlich ist, sondern du brauchst eine zweite, übernatürliche Geburt durch den Heiligen Geist.
Und es ist ganz wichtig, dass wir das verstehen: Jeder Mensch braucht, wenn er gerettet werden will, eine Wiedergeburt. Jeder Mensch muss zweimal geboren werden, zuerst von seiner Mutter und dann geistlich, noch einmal aus dem Geist.

Warum geistliche Dinge geistlich erkannt werden müssen

Frage: Warum kann man eine natürliche Geburt dann als eine Geburt aus Wasser bezeichnen?
Okay, ich glaube, das weiß jeder, der schon einmal dabei war und gesehen hat, was passiert, wenn eine Fruchtblase platzt. Das passt schon.
Für Nikodemus ist etwas anderes wichtig, ganz egal, wie qualifiziert ich bin. Ganz egal, was ich im Leben schon erreicht habe und wie gut ich die Bibel kenne: Ohne diese zweite geistliche Geburt kann niemand das Reich Gottes sehen und hineinkommen. Das geht einfach nicht.
Und das ist auch der Grund dafür, warum ungläubige Menschen, ihr wisst selbst, selbst dann, wenn sie Theologie studiert haben – und das gibt es –, oft so wenig mit Glaubensdingen anzufangen wissen. Sie sind einfach nicht qualifiziert genug.
 1. Korinther 2,14
Ein natürlicher Mensch, das heißt ein nicht wiedergeborener Mensch, einer ohne den Heiligen Geist, ohne die Wiedergeburt: Ein natürlicher Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird.
Geistliche Dinge müssen geistlich beurteilt werden. Ohne dass ich von neuem durch den Heiligen Geist geboren werde und neues Leben geschenkt bekomme, ist vieles von dem, was Gott tut, für mich einfach nur Torheit, und es macht für mich einfach keinen Sinn.

Der Wind als Bild für das Wirken des Geistes

 Johannes 3,7: Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden.
Nikodemus scheint ein wenig verwundert zu sein. Doch Jesus macht ihm klar, dass das gar nicht nötig ist. Die Geschichte Israels macht deutlich, dass weder Gebote noch göttliche Erziehung ausreichen können, um einen Menschen so zu verändern, dass er passend wird, um das Reich Gottes zu sehen und um dort hineinzugehen.
Es braucht mehr als eine natürliche Geburt durch eine jüdische Mutter. Es braucht mehr als eine religiöse Erziehung. Es braucht mehr als das strenggläubige Erfüllen der Gebote. Es braucht auch mehr als gute Werke, so wie bei Nikodemus ein kommunalpolitisches Engagement auf höchster Ebene. Es braucht mehr. Mit all diesen Dingen, so wertvoll, gut und angesehen sie auch sind, ist tatsächlich noch nichts gewonnen. Wir brauchen das Eingreifen Gottes. Ein Eingreifen, das wir nicht kontrollieren und auch nicht in letzter Konsequenz verstehen können.
Hier ist Vers 8: Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.
Der Wind ist für Menschen, wenn man einmal darüber nachdenkt, ein merkwürdiges Phänomen. Man kann ihn erleben, aber man kann ihn nicht sehen, und man kann ihn auch nicht erklären. Wenn ich auf der Dachterrasse sitze, weiß ich nicht, warum der Wind, der gerade da weht, so weht, wie er weht. Aber ich weiß, dass er weht.
Und so wie der Wind, so ist das auch mit der Erfahrung dessen, der von Neuem geboren wird. In ihm passiert etwas, aber man kann das nicht sehen. Und man kann das auch nicht kontrollieren. Und man kann es definitiv auch nicht erklären.
Du kannst einen Christen fragen: Wie war das bei deiner Wiedergeburt? Und vielleicht erinnert er sich an den Moment, an dem er sich im Gebet in seinem Studierzimmer auf die Knie begeben hat und Gott sein Leben gegeben hat. Er ist sich ziemlich sicher, den Moment zu kennen, in dem die Wiedergeburt passiert ist. Und es ist etwas passiert.
Von diesem Moment an hatte er eine Leidenschaft für Gott, eine Leidenschaft für sein Wort, eine Leidenschaft dafür, dieses Wort anderen zu erklären. Da war etwas Neues in ihm entstanden. Aber er kann dir nicht erklären, wie das Ganze passiert ist, wie das zusammenhängt, was da in ihm geschehen ist.
Es ist wie der Wind: ein Stück rätselhaft, erlebbar, doch nicht wirklich zu sehen, aber trotzdem eine Realität. Eine zutiefst übernatürliche Erfahrung.

Die Unfähigkeit des Menschen und das Problem des Unglaubens

Vers neun: Nikodemos antwortete und sprach zu ihm: Wie kann dies geschehen? Also merkt Nikodemos jetzt, dass er wirklich keine Ahnung hat.
Vers zehn: Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und weißt das nicht? Also muss die Antwort auf die Frage, wie kann dies geschehen, einfach sein. Nikodemos kennt sie nicht. Aber sie muss schlicht sein, denn sonst würde Jesus ihm keinen Vorwurf machen.
Wir schauen uns die Antwort nächste Woche an, und ich hoffe, dass ihr alle die Antwort kennt. Das ist wirklich wichtig. Ihr müsst die Antwort kennen. Was muss ein Mensch tun, um diese übernatürliche neue Geburt aus dem Geist zu erfahren? Das machen wir nächstes Mal im Detail. Heute schließen wir einfach ab mit den Versen elf und zwölf.

Das Zeugnis Gottes und die Grenze menschlichen Verstehens

Vers elf: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und unser Zeugnis nehmt ihr nicht an. Das ist das eigentliche Problem.
Nikodemus kennt also nicht die Antwort, aber dahinter steckt noch ein viel tiefer liegendes Problem. Die Antworten auf die tiefen Fragen des Glaubens waren bekannt. Die Frage ist: Wer ist „wir“? Hier sind zunächst vielleicht Jesus und Johannes der Täufer im Blick, dann aber auch vor ihnen natürlich die Propheten. Es ist die Gruppe der Zeugen, die verstanden und wahrscheinlich in einer Vision gesehen haben. Es sind die, die Gott geschickt und beauftragt hat, die Fragen zu beantworten.
Gott möchte, dass wir geistliche Zusammenhänge verstehen. Und deswegen schickt Gott Menschen, die uns geistliche Zusammenhänge erklären können. Das Problem, auf das Jesus hier aufmerksam macht, ist: Unser Zeugnis nehmt ihr nicht an. Das Problem war, dass im Volk selbst ein Widerwille gegen das bestand, was die Propheten gesagt hatten.
Ja, Propheten sind lästige Leute, und ihre Botschaft ist irgendwie auch nervig. Es ist klar: Wenn ich ständig darauf hingewiesen werde, dass Gott so Dinge wie Barmherzigkeit, Liebe, Glaube, ein beschnittenes Herz und vielleicht ungeheuchelte Liebe und auch echte Hingabe will, dann ist es kein Wunder, dass man das nicht hören möchte. Aber das sind wichtige Dinge.
Und aus diesem Nein zu den Propheten ergibt sich ein viel größeres Problem. Jetzt ist nämlich nicht nur ein klassischer Prophet aufgetreten, sondern jetzt wird Gott Mensch. Und wenn schon die Propheten viel zu sagen hatten, also wenn schon Menschen das gepredigt haben, was Menschen verstehen konnten, und man das nicht hören wollte, was passiert dann, wenn Gott Mensch wird und vielleicht anfängt, über Dinge zu reden, die wir gar nicht mehr so aus uns heraus verstehen können?
Vers zwölf: Wenn ich euch das Irdische gesagt habe und ihr glaubt nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch das Himmlische sage? Das Irdische sind Dinge, die man als Mensch noch greifen kann. Dazu gibt es noch, ich sage das mal, irdische Analogien, so wie vorhin: Wie ist das bei jemandem, der von neuem geboren wird? Das ist wie beim Wind. Man kann ihn nicht sehen, aber man kann ihn erleben. Er ist nicht wirklich zu kontrollieren, aber Veränderung geschieht, da passiert etwas.
Jesus sagt: Wenn das nicht angenommen wird, diese einfachen Dinge, was dann, wenn Jesus anfängt, über Themen zu reden, für die es keine Analogien mehr gibt? Dinge, die so himmlisch und außerirdisch sind, dass wir einfach nur davorstehen können und sagen müssen: keine Ahnung.
Ich denke zum Beispiel, die Trinität ist so ein Thema. Ich denke das deshalb, weil ich merke: Jeder Versuch, die Trinität mit einem Bild zu erklären, scheitert irgendwie. Und vielleicht gehört die Trinität in den Bereich der himmlischen Dinge, wo es aus menschlicher Sicht tatsächlich keine befriedigende Erklärung gibt, weil es einfach zu hoch ist.

Schlussgedanken zur Wiedergeburt und zum Reich Gottes

Kommen wir zum Schluss. Jesus redet mit Nikodemos, und es geht um die Frage: Was braucht ein Mensch, um ins Reich Gottes zu kommen?
Wir würden vielleicht formulieren: Was braucht ein Mensch, um ewiges Leben zu bekommen, mit Gott ins Reine zu kommen, bei Gott anzukommen, Frieden zu finden, Vergebung zu finden?
Und Jesus sagt: Dieser Mensch braucht einen Neustart, eine Wiedergeburt durch den Heiligen Geist. Ewiges Leben ist nichts, was man erlernen kann oder durch ein anständiges Leben sich erarbeiten kann. Kein Mensch, nicht einmal Nikodemos, ist für Gottes Reich von sich aus qualifiziert.
Wir brauchen Gott. Einen Gott, der uns verwandelt. Gott, der uns neu macht. Gott, der uns ein neues Herz und einen neuen Geist schenkt.
Bleibt die Frage: Was müssen wir tun? Was müssen wir tun, damit Gott auf diese wiedergebärende, erneuernde Weise anfängt, an uns zu arbeiten?
Und die Antwort auf diese Frage, die gibt es nächsten Sonntag. Gott segne euch. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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