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Rachepsalmen (4/9)

Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
10.09.2026
SerieTeil 4 / 9Rachepsalmen
Darfst du wütend vor Gott sein? Manche harte Gebete sind kein Widerspruch zur Feindesliebe, sondern der erste Schritt aus Ohnmacht und Schmerz.

Ein verstörender Einstieg in ein altes Gebet

Rachepsalmen
Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
Ein Gastbeitrag von Regina Gallwitz, Theologin, Krankenschwester und Autorin des Buches „Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert“.
Meine Feinde sind voller Gift wie eine giftige Schlange, Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Maul. Das steht in der Bibel. Und zwar in Psalm 58.
Na, bist du schockiert?
Nicht ohne Grund fragen sich viele Christen, wie solche Gebete, wie solche Psalmen und die Bergpredigt zusammenpassen. Schließlich fordert Jesus: Liebt eure Feinde.
Und das, was wir jetzt eben gehört haben aus den Psalmen, diese Strafbitte, „zerschlag meinem Feind die Zähne im Maul“, das scheint doch dem völlig zu widersprechen, was Jesus fordert.
„Liebt eure Feinde“ – hat Jesus jetzt diese Gerechtigkeitspsalmen mit der Feindesliebe abgelöst oder nicht?

Die Frage nach Kontinuität zwischen den Testamenten

Wie wir diese Frage beantworten, hängt letztlich davon ab, wie wir das Verhältnis zwischen dem Alten und dem Neuen Testament verstehen. Die Frage ist: Was bleibt aus dem Alten Testament bestehen, und was verändert sich mit Jesus? Oder anders gefragt: Was gilt aus dem Alten Bund auch im Neuen Bund weiter, und was hat sich mit Jesu Kommen verändert?
Bei manchen Dingen sind wir uns als Christen ziemlich einig. Das Gebot, Gott und den Nächsten zu lieben, gilt auch im Neuen Bund, und Mord oder Ehebruch werden nicht plötzlich erlaubt. Andere Dinge aus dem Alten Bund werden dagegen nicht fortgeführt, wie zum Beispiel der Opferkult.
Bei der Frage, ob wir die Gerechtigkeitspsalmen auch im Neuen Bund beten können, wird es etwas komplizierter. Deshalb kommen hier selbst bibeltreue Theologen an dieser Stelle zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Ich möchte euch jetzt einen Deutungsansatz vorstellen, der mich persönlich am meisten überzeugt.

Wie das Neue Testament die Psalmen liest

Wenn wir uns ansehen, wie Jesus und das Neue Testament selbst mit den Psalmen umgehen, dann fällt auf: Das Neue Testament zitiert die Psalmen in der Regel nicht deshalb, um die Psalmen um ihrer selbst willen auszulegen. Vielmehr werden sie häufig in einem christologischen Kontext verwendet, also im Zusammenhang mit der Frage, wer Jesus ist und was sein Leben, sein Sterben und seine Auferstehung bedeuten.
Nachdem Jesus zum Beispiel den Emmausjüngern begegnet, lesen wir in Lukas 24,27: Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. Und in Lukas 24,44 sagt Jesus nach seiner Auferstehung zu seinen Jüngern: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und den Psalmen.
Jesus erklärt hier nicht einfach die Psalmen um ihrer selbst willen. Er sagt auch nicht: Jetzt erkläre ich euch, warum manche Psalmen problematisch sind oder warum wir sie heute nicht mehr beten sollten. Nein, er zeigt, dass die Schriften, und dazu gehören eben auch die Psalmen, auf ihn hinweisen.
Warum ist das so wichtig? Israel wartete seit Jahrhunderten auf den Messias, und dieser Messias musste die alttestamentlichen Verheißungen erfüllen. Nur wenn Jesus zeigen konnte, dass sich diese Verheißungen in ihm erfüllen, konnte sein Anspruch glaubwürdig sein. Deshalb zeigt Jesus anhand des Gesetzes, der Propheten und der Psalmen: Schaut mal her, ich bin derjenige, auf den diese Texte hingewiesen haben.
Die Psalmen mussten also nicht erst durch Jesus als Wort Gottes bestätigt werden. Für die Juden zur Zeit Jesu waren alle Psalmen heilige Schrift, und auch die ersten Christen übernahmen sie als solche. Wir haben jedenfalls keine Belege dafür, dass die frühe Kirche die Gerechtigkeitspsalmen als nicht inspiriert aussortierte oder sie aus dem öffentlichen kirchlichen Leben entfernte.
Es war eher andersherum: Nicht Jesus legitimiert die Psalmen, sondern die Psalmen legitimieren Jesus als verheißenen Messias. Es wäre deshalb widersprüchlich, wenn Jesus genau die Schriften verwerfen würde, die seine eigene Sendung bezeugen.
Darüber hinaus zitiert das Neue Testament Verse aus den Gerechtigkeitspsalmen, wie zum Beispiel in Apostelgeschichte 1,20 oder in Römer 11,9-10. Diese Verse werden dort ganz selbstverständlich zitiert und nicht schon fast peinlich berührt nach dem Motto: Na ja, okay, ich zitiere jetzt diesen Psalm, aber Entschuldigung, dass er in der Bibel steht.
Wir müssen fairerweise sagen: Der Leser der Bibel kann diese Psalmen problematisch finden, aber die Bibel selbst problematisiert diese Psalmen nicht mit einer Silbe.
Okay, bis hierhin haben wir gesehen: Die Gerechtigkeitspsalmen werden im Neuen Testament nicht einfach verworfen.

Die eigentliche Spannung und die Frage nach der Absicht

Damit ist aber die eigentliche Spannung noch nicht gelöst. Wie passen jetzt die Strafbitten der Psalmen und Jesu Gebot der Feindesliebe zusammen?
Ich glaube, wir kommen an dieser Stelle nicht weiter, wenn wir diese Texte lediglich anhand ihrer Aussagen miteinander vergleichen. Wir müssen hier die richtigen Fragen stellen, wenn wir weiterkommen wollen.
Die erste Frage, die ich an dieser Stelle wichtig finde, hat der Alttestamentler Thorsten Uhlig gestellt. Er fragt: Welche kommunikative Handlung liegt hier vor? Diese Frage klingt kompliziert, meint aber im Grunde: Was tut der jeweilige Autor mit seinen Worten? Welche Absicht verfolgt er? Will er informieren, will er zum Handeln auffordern, will er trösten?
Und genau hier haben wir einen entscheidenden Unterschied zwischen diesen Psalmen und der Bergpredigt. Sie verfolgen nämlich gar nicht dieselbe Absicht. Auf den ersten Blick wirken sie wie Gegensätze, weil sie inhaltlich beide vom Thema Feinde sprechen. Tatsächlich beantworten diese Texte aber unterschiedliche Fragen.
Ich erkläre das mal

Psalmen als Gebetssprache und Ausdruck innerer Not

Die Psalmen sind Gebete, Gedichte und Lieder. Sie wurden nicht als spontane Gebete aufgeschrieben, sondern bewusst zum Nachbeten formuliert. Das zeigt: Gott hat sich die Bibel nicht als Einbahnstrasse gedacht. Sie ist nicht nur Wort Gottes an uns, sondern sie gibt uns auch Worte, die wir leihen können, um mit Gott zu sprechen.
Deshalb nennt man die Psalmen auch Gebrauchstexte. Sie sind dazu da, gebraucht zu werden: im Gottesdienst, im persönlichen Gebet und im Gesang. Dass die Psalmen Gebrauchstexte sind, erkennt man auch an ihren Überschriften. Dort finden wir Anweisungen wie zum Beispiel: für den Chorleiter.
Die Gerechtigkeitspsalmen sind von ihrem Wesen her eher ein Gefühlsbericht als ein Tatsachenbericht. Sie beschreiben zwar reale Erfahrungen, aber sie tun das in der Sprache des Gebets und der Poesie. Sie wollen nicht in erster Linie Ereignisse dokumentieren, sondern Menschen Worte geben, mit denen sie ihre Gefühle vor Gott aussprechen können. Und dabei geht es nicht nur um Gefühle, die wir als fromm empfinden, sondern auch um Gefühle, die wir vielleicht lieber verdrängen würden, wie Wut oder Hass. Gott verschweigt diese Gefühle nicht, sondern gibt ihnen im Gebet einen Platz.
Und jetzt kommt noch etwas dazu: Es kommt nämlich nicht nur darauf an, was der Psalmist sagt, sondern auch darauf, wie er es sagt. Gedichte und Lieder arbeiten typischerweise mit Bildsprache. Wenn wir also die drastischen Gewaltwünsche des Psalmisten lesen, dann müssen wir genau hinsehen: Was ist hier wörtlich gemeint, was ist poetische Bildsprache, und was will der Beter mit diesen Worten eigentlich ausdrücken?
Nehmen wir zum Beispiel Psalm 58. Da bittet der Psalmist, Gott zerbreche ihnen die Zähne im Maul. Ja, ich weiss, das klingt schockierend, aber schauen wir uns den Psalm genauer an. Dort vergleicht der Psalmist seine Feinde mit giftigen Schlangen und reissenden Löwen. Die Bilder passen also zusammen: Die Gefahr geht von den Zähnen dieser Feinde aus. Wenn der Psalmist also bittet, zerschlage ihnen die Zähne, dann meint er sinngemäss: Gott, nimm meinen Feinden ihre Angriffsfähigkeit, mach sie unschädlich.
Das nimmt dem Psalm zwar nicht seine Härte, aber es hilft uns zu verstehen, was der Beter hier eigentlich tut. Ich fasse das noch einmal kurz zusammen.

Unterschiedliche Aufgaben von Psalmen und Bergpredigt

Die Psalmen sind Gebrauchstexte. Sie geben Menschen Worte, mit denen sie ihre Erfahrungen und Gefühle vor Gott bringen können.
Die Bergpredigt dagegen verfolgt eine ganz andere Absicht. Sie ist keine Sammlung von Gebeten, sondern eine Unterweisung Jesu an seine Jünger. Jesus beschreibt darin den Lebensstil der Menschen, die zu seinem Reich gehören. Er zeigt, welche Werte Gottes Reich prägen und wie seine Nachfolger mit anderen Menschen umgehen sollen. Auch mit ihren Feinden.
Die Bergpredigt will also nicht in erster Linie Gefühle ausdrücken, sondern Jesu Jünger zum Handeln anleiten.
Die Gerechtigkeitspsalmen und das Gebot der Feindesliebe stehen also nicht in Konkurrenz zueinander. Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben und beantworten unterschiedliche Fragen. Diese Psalmen beantworten die Frage: Wie können wir mit Gott über unsere Feinde reden? Die Aufforderung zur Feindesliebe beantwortet die Frage: Wie sollen wir unseren Feinden begegnen?
Nachdem wir gefragt haben, welche Absicht diese Texte verfolgen, können wir unsere Perspektive noch einmal erweitern.

Wer angesprochen wird: Opfer und Handelnde

Der Alttestamentler Julius Steinberg stellt eine weitere gute Frage: An wen richten sich diese Texte eigentlich? Oft lesen wir diese Psalmen und die Bergpredigt nämlich so, als würden beide Texte an dieselbe Person in derselben Situation gerichtet sein. Genau das stellt Julius Steinberg in Frage. Er schlägt vor, dass die Gerechtigkeitspsalmen vor allem an Opfer gerichtet sind und die Aufforderung zur Feindesliebe dagegen vor allem an Handelnde.
Was meint er damit? Denken wir zuerst an die Gerechtigkeitspsalmen. Hier sprechen ja Menschen, die schwerem Unrecht ausgeliefert sind, Menschen, die sich nicht selbst helfen können. Steinberg schreibt: Hier gilt, das Opfer muss Unrecht nicht einfach hinnehmen, sondern darf es beim Namen nennen und Gerechtigkeit einfordern. Wer das Unrecht getan hat, muss mit den Folgen seiner Tat konfrontiert werden und sich seiner Verantwortung stellen. Feindesliebe bedeutet nicht, dass das Opfer auf Gerechtigkeit verzichten muss.
Ganz anders klingt dagegen die Bergpredigt. Wenn Jesus sagt: Liebt eure Feinde, dann spricht er vermutlich eher Menschen an, die handeln können, das heißt Menschen, die zurückschlagen könnten. Menschen, die den Kreislauf von Rache fortsetzen könnten. Wer stark ist, den fordert Jesus auf, einen anderen Weg zu gehen, den Gewaltkreislauf zu durchbrechen und den ersten Schritt zur Versöhnung zu gehen.
Julius Steinberg bringt hier einen wichtigen Gedanken ins Spiel. Er sagt: Feindesliebe kann man nicht aus einer Position der Schwäche heraus üben, sondern nur aus einer Position der inneren Stärke.

Der Weg von der Ohnmacht zur Versöhnung

Ich finde diesen Gedanken hilfreich, denn er macht für mich deutlich: Ein Mensch darf zuerst einmal ohnmächtig sein. Er darf seinen Schmerz und sogar seinen Hass vor Gott aussprechen. Die Gerechtigkeitspsalmen geben ihm genau dafür die Worte. Aber die Psalmen wollen den Menschen nicht in diesem Zustand festhalten.
Woran mache ich das fest? Ich habe diesen Gedanken von Thorsten Uhlig. Thorsten Uhlig sagt, in der gesamten Bibel gibt es kein in sich abgeschlossenes Handbuch zum Thema: Wie gehe ich mit meinen Feinden um? Auch im Psalmbuch haben wir nicht einfach eine abgeschlossene Sammlung von Gerechtigkeitspsalmen. Diese Psalmen sind vielmehr in eine große Sammlung ganz unterschiedlicher Gebete eingebettet.
Zum Beispiel betet David in Psalm 51: Gegen dich allein habe ich gesündigt, und erschaffe mir, Gott, ein reines Herz. Nur wenige Psalmen später finden wir in Psalm 58 einen drastischen Gerechtigkeitspsalm. Thorsten Uhlig sagt dazu: Dieses Gebet um Gottes Eingreifen ist gar nicht zu trennen von dem eigenen Bewusstsein: Ich beteilige mich auch am Unrecht.
Oder nehmen wir Psalm 139. Dort sagt der Psalmist: Sollte ich nicht hassen, die dich hassen, Herr? Und nur wenige Verse später betet dieselbe Person: Erforsche mich, Gott, erkenne mein Herz, leite mich auf ewigem Wege. Also haben wir einerseits die heftige Reaktion gegen die Feinde, und andererseits die Bitte: Gott, zeig mir, ob ich mit meiner Haltung auf dem Holzweg bin.
Die Gerechtigkeitspsalmen sind also nicht die einzigen Worte und auch nicht die letzten Worte in der Bibel zum Thema Umgang mit Feinden. Ja, wir können sie lesen und beten. Und weil sie in diesem großen Zusammenhang der Psalmen und der Bibel eingebettet sind, laden sie dazu ein, weiterzulesen und weiterzubeten. Wir müssen in unseren Vergeltungsgebeten nicht steckenbleiben.
Mit Gottes Hilfe darf der Ohnmächtige Schritt für Schritt zum Handelnden werden, der fähig wird, seine Feinde zu lieben und zu vergeben. Aber dieser Weg braucht seine Zeit.

Zorn, Verarbeitung und die Reihenfolge der Heilung

Dass dieser Weg nicht übersprungen werden sollte, beschreibt auch die Therapeutin Alice Miller. Sie schreibt, echte Vergebung führt nicht am Zorn vorbei, sondern durch ihn hindurch. Erst wenn ich mich über das Unrecht, das mir angetan wurde, empören kann, steht mir der Weg offen zu verzeihen.
Ich glaube nicht, dass Alice Miller sagen wollte, ein verletzter Mensch müsse erst Zorn oder Hass empfinden, bevor er lieben oder vergeben kann. Schliesslich verarbeitet jeder Mensch Unrecht anders. Nicht jeder reagiert mit Wut oder Hass. Ich glaube, ihr eigentlicher Punkt ist: Wenn solche Gefühle da sind, dann sollten sie nicht verdrängt werden.
Wer tief verletzt wurde, kommt oft nicht darum herum, diese Gefühle zu verarbeiten, bevor echte Feindesliebe oder Vergebung möglich werden können. Für mich liegt genau hier der Schlüssel. Ich glaube, dass die Gerechtigkeitspsalmen und das Liebesgebot dann miteinander harmonisierbar sind, wenn man sie als Reihenfolge in einem Aufarbeitungsprozess betrachtet. Sie sind wie Stationen auf einem Weg.
Am Anfang des Prozesses steht das Ausdrücken und Verarbeiten der traumatischen Gefühle. Das Ideal und zugleich das Ziel des Prozesses ist aber, dass der Geschädigte nicht Böses mit Bösem, sondern Böses mit Gutem vergilt, also dass er Feindesliebe übt. Damit sind die Gerechtigkeitspsalmen nicht das letzte Wort im Umgang mit den Feinden, wohl aber das erste Wort für die, die grosses Unrecht erleben.

Schlussgedanke zur bleibenden Ordnung von Recht und Barmherzigkeit

Um wieder zurückzukommen auf die Frage nach der Spannung zwischen den Gerechtigkeitspsalmen und der Ethik Jesu: Die Gerechtigkeitspsalmen sind gültig, aber die Feindesliebe ist endgültig.
Ich schließe mit den Worten von Berth Weber: Bevor man vorschnell von Vergebung redet oder sie einfordert und damit auf Barmherzigkeit abstellt, wird man den in der Bibel so wichtigen Bereich von Gerechtigkeit und Recht angemessen würdigen müssen. Rechtsverzicht ist nicht der erste, sondern der zweite Schritt.
Das war’s für heute. Das Buch von Regina Gallwitz ist im Litt Verlag erschienen.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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