Die Kraft der Bibel
"Ha, ha, ha", lachte der Mann und wischte sich den Schnurrbart. "Lieber
Herr Pfarrer, lassen Sie mich mit Ihrem Christentum in Ruhe. Der eine sagt
so und der andere so, und am Ende weiß man gar nicht mehr, was man glauben soll. Und so habe ich mir meinen eigenen Glauben zurecht gemacht. Mein Glaubensbekenntnis heißt: Zwei Pfund Rindfleisch gibt eine gute Suppe." Ich verabschiedete mich. Es gibt einem einen Stich durchs Herz, wenn man
als Pfarrer bei seinen Hausbesuchen auf so oberflächliche und doch
entschlossene Abwehr trifft. Hier schien jedes weitere Gespräch
überflüssig. Darum ging ich.
Wer beschreibt mein grenzenloses Erstaunen, als ich ein Vierteljahr später
diesen Mann an einem Platz wieder traf, an dem ich ihn am wenigsten
vermutet hätte. In einem kleinen Saal hatte ich jede Woche eine
Bibelstunde. Und da saß er eines Abends in der vordersten Reihe und nickte
mir freundlich zu. Nach der Bibelstunde kam er auf mich zu und sagte:
"Herr Pastor, ich habe eine Bitte."
"Wenn ich kann, will ich sie Ihnen gern erfüllen. Worin besteht sie?"
"Ich habe eine Schwägerin. Die ist in irgendeiner Sekte. Und nun hat sie
ganz kindliche Auffassungen von der Bibel. Dauernd verfolgt sie mich mit
ihren Bibelsprüchen. Leider kann ich ihr aber gar nichts entgegnen, weil
ich die Bibel nicht kenne. Das ist ja schließlich auch ein schweres Buch.
Weil ich aber meine Schwägerin jetzt einmal richtig widerlegen will, möchte
ich Sie bitten: Lehren Sie mich die Bibel lesen."
Ich lachte: "Kennen Sie das Abc?"
"Aber gewiss!"
Da zog ich mein Taschentestament heraus, gab es ihm und sagte: "Das will
ich Ihnen schenken, wenn Sie mir versprechen, dass Sie es ganz durchlesen
wollen."
Er versprach es, nahm das Testament und ging davon.
Ein Vierteljahr lang hörte ich nichts mehr von ihm. Eines Tages erschien er
wieder bei mir. "Nun", fragte ich ihn, "wie ist es Ihnen ergangen mit der
Bibel?"
Er wurde sehr ernst. Langsam und nachdenklich erklärte er mir:
"Ganz eigentümlich ist es mir ergangen. Ich fing an zu lesen. Und da war
vieles, das verstand ich nicht. Weil ich aber versprochen hatte, das ganze
Buch durchzulesen, machte ich weiter. Dann fand ich vieles, was mich
schrecklich ärgerte. Es war, als wenn da einer auf mich sticheln wollte. Am
liebsten hätte ich das Buch an die Wand geworfen. Aber weil ich es
versprochen hatte, las ich weiter. Und dann fand ich vieles, was mich
langweilte. Aber ich las weiter. Und sehr vieles — ja, das muss ich offen
sagen — fand ich, das mich getröstet hat, wie mich noch nie etwas getröstet
hat. Und als ich das Buch aus hatte, da musste ich zu mir sagen: Wenn das
wahr ist, was in diesem Buche steht — und es ist wahr —, dann bis du ein
verlorener Mann, wenn du weiterlebst ohne Gott wie bisher. Und dann gab es
in meinem Herzen einen heißen Kampf, bis ich diesem Buche recht gab. Nun
soll es die Grundlage meines Lebens werden."
Es sind seitdem viele Jahre vergangen. Der Mann hat sich bewährt als ein
treuer Jünger des Herrn Jesus, den er in der Bibel gefunden hat.

