Event•Teil 4 / 11Spurgeon-Konferenz 2015
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Einleitung und erste Einordnung
Ja, bin ich online? Könnt ihr mich hören? Okay, danke.
Ich setze noch einen drauf. Ich gehöre zu denen, die das Buch gelesen haben, das eben vorgestellt wurde, und ich kann es auch wirklich sehr empfehlen. Es ist auch gut geeignet für junge Leute in den Gemeinden, denen man jetzt nicht unbedingt eine Dogmatik in die Hand drücken möchte, sondern ein einführendes Buch. Hervorragend geeignet.
Also euch vielen Dank dafür, dass ihr das Buch gemacht habt. Ja, ihr tut mir ein bisschen leid, wenn ich euch so sehe, im Blick auf das, was ihr heute alles schon gemacht habt, aber auch im Blick auf das, was noch vor euch liegt. Ein sehr heißer Tag, und ich habe mir einiges vorgenommen für heute Abend. Ich werde euch einiges abverlangen, aber wir rechnen ja mit der Gegenwart Gottes, und wir rechnen damit, dass sein Geist uns hilft, wachsam zu bleiben und die Dinge auch zu verstehen.
David hat uns am heutigen Tag mit hineingenommen in die Tiefen des Propheten Jesaja, und er hat uns gezeigt, wie auf der einen Seite das Volk Gottes versagt hat: Es hat die eigene Weisheit mehr geliebt als die Weisheit Gottes, auf die eigene Kraft gesetzt und auf menschliche Bündnisse vertraut.
Wir leben jetzt im neuen Bund. Wir haben das gesehen und gehört, von dem die alttestamentlichen Propheten nur geträumt haben. Wir kennen den Messias, er ist da gewesen. Und wir neigen so ein bisschen dazu, zurückzublicken auf das Volk Israel mit so der Haltung: Ja, ganz so schlimm ist es um uns nicht bestellt wie damals Juda im Propheten Jesaja. Wir haben den Herrn erkannt, wir haben Sündenvergebung erfahren, der Durst unseres Lebens ist gestillt, wir kennen das Evangelium, wir sind schon ein Stück weiter.
Leider müssen wir, wenn wir genauer hinsehen, feststellen und bekennen, dass auch wir unsere Weisheit so lieben wie damals das Volk Israel und dass uns der Götzendienst, den das Volk Israel betrieben hat, gar nicht so fremd ist. Und darum wird es heute gehen: Was passiert, wenn das Evangelium aus dem Zentrum gerückt wird? Das ist das Thema des heutigen Abends.
Ich habe mir vorgenommen, den Vortrag in drei Abschnitte zu teilen. Im ersten Abschnitt geht es um die Schönheit des Evangeliums. Bevor wir also über die Evangeliumsarmut nachdenken, sollten wir eine Vorstellung davon haben, was ich meine, wenn ich vom Evangelium spreche. Ausgehend von der reformatorischen Entdeckung der Heilsgerechtigkeit will ich versuchen zu zeigen, dass es nichts Besseres gibt als die gute Nachricht von Jesus Christus.
Im zweiten Teil werden wir dann darüber nachdenken, was sich ereignet oder ereignen kann, wenn das Evangelium aus der Mitte unserer Theologie oder Gemeindearbeit verschwindet. Ich werde mit euch gemeinsam über einige Folgeerscheinungen nachdenken.
Drittens haben wir dann noch Zeit, wahrscheinlich nicht allzu viel Zeit, weil ihr dann wirklich müde sein werdet, über einige Fragen nachzudenken. Also haben wir wieder so eine kleine Fragerunde, einen Austausch.
Die reformatorische Entdeckung und die Schönheit der guten Nachricht
Wir fangen an mit dem ersten Teil, den ich überschrieben habe: Die Schönheit des Evangeliums.
Der Apostel Paulus begründet im Römerbrief die rettende Kraft des Evangeliums damit, dass ihm die Gerechtigkeit Gottes offenbart wird. Die Gerechtigkeit Gottes als Heilsbegriff, als Heilszusage, markiert den Beginn der Reformation.
Ich möchte versuchen, eine Brücke zur Schönheit des Evangeliums zu bauen, indem ich uns daran erinnere, wie Martin Luther, der erste große Reformator, das Gute an der guten Nachricht entdeckte. Der Augustinermönch glaubte zunächst, so wie seine Zeitgenossen und Klosterbrüder, dass wir Gott durch gute Werke, durch Gebet und durch Buße gefallen.
An der Universität Wittenberg genoss der junge Professor erstaunlich viele akademische Freiheiten, und er löste sich zunehmend von der mittelalterlichen Auslegung der Heiligen Schrift. Im Zentrum seiner Lehre stellte er die Bibel und nichts als die Bibel. An einen seiner Kritiker schrieb er 1521: Die Schrift ohne alle Glossen ist die Sonne und ganzes Licht, von welchem alle Lehrer ihr Licht empfangen und nicht umgekehrt.
Wir könnten jetzt mal einen Exkurs machen in die Gegenwartshermeneutik, und da werden wir feststellen, dass es heute ganz anders aussieht. Heute ist der Lehrer derjenige, der das Licht in die Schrift hineinträgt. Der Ausleger legt fest, was Gott sagen möchte. Es ist nicht mehr die Schrift, die den Verstand des Auslegers erleuchtet, sondern der Ausleger, der ja so klug ist, der erklärt uns, wie das eigentlich in der Schrift gemeint ist.
Während der angesehene Theologe in Wittenberg beachtete Vorlesungen hielt, kämpfte er verzweifelt mit der Frage der Versöhnung. Er studierte die Bibel, er betete den Rosenkranz, er sang den Psalter bis zur Erschöpfung und bis in die chronische Schlaflosigkeit. Denn er glaubte, nicht hinreichend bei der Sache zu sein und sich anstatt Versöhnung dem Zorn Gottes zuzuziehen.
Ein knappes Jahr vor seinem Tod hat der Reformator niedergeschrieben, wie er dann im Jahre 1515 das Evangelium entdeckte, und ich möchte uns einen Auszug aus diesem Text lesen:
Ein ganz ungewöhnlich brennendes Verlangen hatte mich gepackt, Paulus im Römerbrief zu verstehen. Aber nicht Kaltherzigkeit hatte mir bis dahin im Weg gestanden, sondern ein einziges Wort, das im ersten Kapitel steht: Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart, Römer 1,17. Denn ich hasste diese Vokabel, Gerechtigkeit Gottes, die ich durch die übliche Verwendung bei allen Lehrern gelehrt war, philosophisch zu verstehen, von der sogenannten formalen oder aktiven Gerechtigkeit, mittels derer Gott gerecht ist und den Sünder und Ungerechtigkeit straft.
Also er hatte Angst vor dem Begriff, wenn er ihn fand in der Bibel. Und nachdem Luther dann seine Not weiter beschreibt, kommt er dann durch ein gründliches Abklopfen von Römer 1,17 zu einem neuen, zu einem anderen Gerechtigkeitsverständnis, von dem er dann später erfuhr, dass es bei Augustinus schon zu finden ist, jedenfalls in Ansätzen. Bis sich, dank Gottes Erbarmen, unablässig Tag und Nacht darüber nachdenkend, auf den Zusammenhang der Worte aufmerksam wurde, nämlich: Durch das Evangelium werde Gottes Gerechtigkeit offenbart, nämlich die passive, durch die uns der barmherzige Gott gerecht macht, durch den Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus Glauben.
Da hatte ich das Empfinden, ich sei geradezu von neuem geboren und durch geöffnete Tore in das Paradies selbst eingetreten. Da zeigte mir sofort die ganze Schrift ihr anderes Gesicht. Wie sehr ich vorher die Vokabel Gerechtigkeit Gottes gehasst hatte, so pries ich sie nun mit entsprechender großer Liebe als das mir süßeste Wort. So ist mir die Paulusstelle wahrhaftig das Tor zum Paradies gewesen.
Luther hatte den Text zunächst so verstanden, als ob es dort um die Gerechtigkeit geht, durch die Gott selbst gerecht ist und die er jedem so austeilt, wie er es verdient und wie es dem Gesetz entspricht. Demnach käme Menschen mit guten Werken das Heil zu und solchen, die Böses tun, das Unheil. Da aber alle Menschen Sünder sind, bedeutete das, dass Gott alle Menschen mit seiner Gerechtigkeit strafen würde. Gottes Gerechtigkeit wäre dann ein Synonym für den Zorn Gottes.
Aus dem Kontext von Römer 1,17 hat er aber dann erkannt, dass die Gerechtigkeit, von der Paulus dort spricht, eine andere Gerechtigkeit ist. Es ist die Gerechtigkeit, die Gott dem Glaubenden offenbart. Es ist nicht die gesetzliche Gerechtigkeit, die jedem gemäß seiner Werke erteilt wird, sondern die Gerechtigkeit, die Gott dem Sünder zuspricht, der ihm vertraut. Gerechtigkeit Gottes ist also hier eine geschenkte Gerechtigkeit, durch die Gott den Sünder, den Gottlosen, gerecht macht.
Luthers Entdeckung der Glaubensgerechtigkeit war ein wesentlicher Anstoß für die Rückgewinnung des Evangeliums in der Reformationszeit. Luther war freilich weder der Erste noch der Letzte, der Gottesgerechtigkeit als Gabe erkannt hatte. Wenn wir uns jetzt die Mühe machen würden, mal die Kirchengeschichte daraufhin abzuklopfen, wann gab es erweckliches Leben, würden wir wahrscheinlich erkennen, dass es da einen ganz engen Zusammenhang gibt zwischen der Betonung des gnadenreichen Evangeliums und dem geistlichen Wachsein.
Schon zur Zeit der ersten Christen war das so. In ihrer ausgereiftesten Form enthielt die Missionspredigt, so schreibt das Adolf von Harnack, ein großer liberaler Theologe, die Kunde, dass die bisherige Gesetzesbeobachtung nicht ausreiche, um die Sünde zu tilgen beziehungsweise die Gerechtigkeit zu gewinnen, dass aber Jesus der Messias gestorben sei zur Vergebung der Sünden.
Im vierten Jahrhundert war es Augustinus, der den Blick für die schenkende Gnade Gottes wieder neu in den Fokus nahm und schon davon sprach, dass Gott Menschen mit seiner Gerechtigkeit einkleidet. Es lassen sich andere Beispiele finden: die Bewegung der Waldenser im zwölften Jahrhundert. Ich möchte auch hinweisen auf Spurgeon in England oder Martin Lloyd Jones vor gar nicht allzu langer Zeit in London.
Ich habe heute mit David gestern und heute über Martin Lloyd Jones gesprochen. David hat ihn ja sehr gut kennenlernen können in London, und das war natürlich ein Vergnügen zu hören, wie unter Martin Lloyd Jones das Evangelium London geistlich belebt hat.
Ein vergessenes Zeugnis aus Berlin
Unter den vielen euch bekannten Beispielen möchte ich einmal eines herausgreifen, das ihr wahrscheinlich überhaupt nicht kennt. Und zwar geht es um einen Mann, der Johann Jänecke hieß. Er lebte von 1748 bis 1827. Karl Friedrich Lederhose hat eine Biografie über ihn verfasst, und so wissen wir ziemlich viel über diesen in Vergessenheit geratenen Mann.
Er lebte in einem Berlin des ausklingenden achtzehnten Jahrhunderts. Es war, so schreiben Kirchenhistoriker, eine Wüste im Reich Gottes. König Friedrich II. von Preußen hatte Freigeister wie Voltaire nach Brandenburg geholt und die Abkehr vom Glauben gefördert. Innerhalb der Kirche gab es einen Selbstsäkularisierungsprozess. Friedrich Schleiermacher, der Vater der liberalen Theologie, unterrichtete in Berlin und genoss höchstes Ansehen.
Jänecke war Pfarrer der Bethlehemskirche, und das müsst ihr euch auf der Zunge zergehen lassen: Er galt im damaligen Berlin als der einzig gläubige Prediger. Berlin hatte damals noch keine drei Millionen Einwohner, oder 3,6 Millionen, so wie heute. Aber es ist schon eine Aussage, dass man nur diesen Jänecke als gläubigen Prediger ansah.
Und was machte dieser einsame Rufer in der Wüste? Er gründete eine Bibelgesellschaft, er machte Hausbesuche, aber vor allem predigte er das Evangelium gemäß der Schrift. Wenn es mein Vater, meine Mutter, meine Lehrer sagten, äußerte er sich manchmal, und der Herr Jesus sagt es nicht oder widerspricht ihm sogar, dann weg damit! Wir verwerfen es als seelenschändlich, als grund- und in die Hölle stürzend. Und es ist große Sünde, wenn man klüger sein will als der treue, wahrhaftige Zeuge, in dessen Mund kein Falsch ist.
Seine Predigten leitete er kniend mit einem Gebet ein. Augenzeugen schildern, dass sich seine Verkündigung um drei Hauptthemen drehte: Erstens: Jesus ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben. Das war damals in Berlin unter Schleiermacher sehr umstritten. Zweitens: Die Menschen sind Sünder. Und drittens: Nur durch das Verdienst Jesu Christi werden sie gerecht.
Und wisst ihr, was im damaligen gottlosen Berlin passierte? Der einsame Prediger, der treu das Evangelium weiterverkündigte, hat ohne es wirklich zu wissen eine Erweckung ausgelöst. Es gibt dazu eine Dissertation von Gottfried Sommer, der nachgewiesen hat, dass damals der Adel von Berlin von der Verkündigung erfasst wurde und dass das Evangelium von dort bis weit nach Pommern ausströmte, sodass sich viele erweckliche Kreise bilden konnten.
Was das Evangelium ist und was es ausmacht
Das führt uns zum Evangelium. Darüber, was das Evangelium eigentlich ist, wird ja heutzutage sehr intensiv diskutiert. Ich kann auf die aktuellen Debatten nicht eingehen, aber ich möchte zumindest eine vorläufige Definition anbieten, bevor wir konkreter darüber nachdenken, was passiert, wenn das Evangelium aus dem Zentrum verschwindet.
Also hier eine vorläufige Definition: Das Evangelium ist die frohe Heilsbotschaft, dass Gott die Menschen gemäß seiner Verheißungen mit sich selbst versöhnt, indem Jesus, von Gott gesandt, stellvertretend für die Schuld der Welt am Kreuz starb und durch den Vater von den Toten auferweckt und erhöht wurde. Diejenigen Sünder, die durch den Heiligen Geist wiedergeboren werden und Jesus Christus von Herzen vertrauen, also glauben, gehen nicht verloren, sondern werden als Gerechtfertigte mit dem ewigen Leben beschenkt und auf das Bild Christi hin erneuert.
Das also als kurze Definition. Ihr könnt zuhause weiter darüber nachdenken, oder wir können später darüber diskutieren, wo die Schwächen oder Stärken dieser Definition liegen.
Ich möchte diese Definition jetzt noch mit zehn Gesichtspunkten ergänzen, ganz kurz, eigentlich nur stichwortartig. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass ich das mit einbringe, weil es sonst zu Missverständnissen kommt. Hin und wieder werde ich versuchen, Schneisen zur Gegenwartskultur herzustellen.
Erstens: Gefallene Menschen sind Götzendiener. Als Geschöpf weiß der Mensch darum, dass er nicht aus sich selbst heraus lebt. Wenn er nicht den allmächtigen Gott anbetet, betet er nicht nichts an, sondern er verkehrt, er pervertiert den wahrhaftigen Gottesdienst zur Anbetung des Geschöpflichen. Denn obwohl die Menschen, „Gott erkannten“, heißt es in Römer 1,21, haben sie ihm nicht die Ehre gegeben, die Gott gebührt, noch ihm Dank gesagt, sondern sie verfielen mit ihren Gedanken dem Nichtigen.
Wisst ihr was? Sogar weltkluge Leute erkennen, dass wir Menschen Anbeter sind. Kennt jemand von euch David Foster Wallace, den großen Romanschreiber der postmodernen Literatur? Der Simon kennt ihn. Er hat ein paar Bücher geschrieben, das bekannteste Buch heißt Unendlicher Spaß. Das ist so ein dicker Wälzer, ich habe es nicht geschafft, ihn komplett durchzulesen, aber es ist ein hochinteressantes Buch.
Er beschreibt dort diese postmoderne Gesellschaft, die im Sog der Unterhaltungsindustrie kaputt geht. Da gibt es zum Beispiel eine Szene: Er beschreibt erwachsene Menschen, also Leute in meinem Alter oder noch älter, die vor dem Fernseher sitzen und Fernsehserien oder Unterhaltungsshows, Quizshows sehen. Und die sind so fasziniert von dem, was da im Fernsehen läuft, dass sie Windeln umgebunden haben, weil sie nichts verpassen wollen vom Fernsehen. Sie sind so vereinnahmt von dem, was da präsentiert wird, das ist ihr Leben. Dafür nehmen sie Windeln in Kauf. Sie wollen das nicht mehr missen.
Wallace hat drei Jahre vor seinem Selbstmord, er ist sehr verzweifelt gewesen, er hat sich 2008 das Leben genommen, und zwei, drei Jahre vorher hat er eine berühmte Rede gehalten. Und da spricht er davon, es ist sehr interessant, sich diese Rede mal anzuhören, dass wir Menschen mit auf Egoismus, Selbstbelohnung und Narzissmus gepolten Standardeinstellungen ausgeliefert werden und dass wir Götzenanbeter sind.
Die Bibel ist an diesem Punkt sehr klar. Der natürliche Mensch ist blind und lebt von Gott weg. Er kann nicht wollen, so hat es Luther einmal gesagt, dass Gott Gott ist. Ein anderer Reformator, Johannes Calvin, beschreibt den menschlichen Geist als eine Götzenfabrik. Der Menschengeist ist voll von Hochmut und Vermessenheit, und er baut sich einen Gott nach seinem Fassungsvermögen. Das ist aber kein Gott, sondern das ist ein Gespenst, so schreibt er.
Der menschliche Ungehorsam richtet sich nicht nur gegen Gottes Ordnungen, sondern gegen Gott selbst. Paulus beschreibt die Sünder zum Beispiel als Feinde Gottes, als Gotthasser. Der Sünder hasst also Gott, statt ihn zu fürchten. Er zürnt ihm, anstatt ihn zu lieben.
Die Mitte des Evangeliums: Kreuz, Freude und Sendung
Zweitens: Rettung durch ein stellvertretendes Sühneopfer. Gott erniedrigt sich in seiner großen Barmherzigkeit, und er wird Mensch. Gott ist gerecht, indem er seinen einzigen Sohn um unserer Sünde willen in den Tod schickt und um unserer Ungerechtigkeit willen sterben lässt. In 2. Korinther 5,21 wird ein Rollenwechsel angedeutet.
Und ich weiß, dass das Sühneopfer, das stellvertretende Sühneopfer, heute so umstritten ist und heute so aggressiv bekämpft wird. Aber ohne stellvertretende Sühne gibt es kein Evangelium. Für Luther und andere Reformatoren war das ein selbstverständliches Teilstück der evangelischen Lehre.
Einer der schönsten Luther-Texte steht für mich im Galaterbriefkommentar von 1531. Da beschreibt er diesen Vers: Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und für mich selbst hingegeben hat, Galater 2,20. Und dort sagt dann Luther: Du musst Christus so beschreiben wie Paulus hier, dass er der Sohn Gottes ist, der nicht aufgrund unseres Verdienstes oder aufgrund irgendeiner Gerechtigkeit unsererseits, sondern aus lauter Barmherzigkeit und Liebe sich dahingegeben hat und Gott sich als Opfer dargebracht hat, für uns elende Sünder, um uns in Ewigkeit zu heiligen. Ein wunderbarer Text, ein Rollenwechsel: Jesus wird zu Sünde, damit wir das Leben haben und heilig werden.
Drittens: Evangelium heißt Freudenbotschaft. Es wird ja sehr kontrovers darüber diskutiert, wo der Begriff Evangelium eigentlich herkommt. Es gibt grob genommen zwei Schulrichtungen, also Walter Bauer, Bultmann, Wilfried Härle zum Beispiel als Gegenwartstheologe oder eben auf der anderen Seite Adolf Schlatter, Otto Michel, Joachim Jeremias oder Peter Stuhlmacher. Die einen sagen, der Begriff kommt aus dem Hellenismus, und gemeint ist die Siegesbotschaft. Die anderen sagen, dass der Begriff auf semitische Wurzeln, auf alttestamentliche Wurzeln, zurückgeht und am besten mit Botschaft oder mit Frohbotschaft zu beschreiben ist.
Es ist eine frohe Botschaft, eine frohmachende Botschaft, die wir zu verkündigen haben. Es ist Heilzusage für diejenigen, die verloren sind.
Viertens: Paulus spricht von dem Evangelium Gottes oder von dem Evangelium Christi. Ich werde das jetzt mal nur ganz kurz sagen, dass beides richtig ist aus meiner Sicht. Das Evangelium, im Evangelium handelt Gott uns zum Heil durch seinen Sohn Jesus Christus. Gott ist also Stifter des Evangeliums, und zugleich ist Christus selbst das Evangelium.
Fünftens: Der Gemeinde ist die Verkündigung des Evangeliums aufgetragen. Mit anderen Worten: Die Gemeinde verkündigt nicht irgendetwas, sondern sie verkündigt das Evangelium. Wir verkündigen nicht uns selbst, 2. Korinther 4,5, wir verkündigen auch nicht Botschaften, die wir uns selber ausgedacht haben, 2. Petrus 1,16, sondern den für uns am Kreuz Gestorbenen und den auferstandenen Jesus Christus. Verkündigung des Evangeliums ist die treue Ausbotschaftung der Tatsache, dass Gott uns in Christus mit sich selbst versöhnt hat.
Wenn zum Beispiel John Howard Yoder betont, dass die sichtbare Kirche nicht die Überbringerin des Evangeliums, nicht die Überbringerin der christlichen Botschaft ist, sondern selbst die Botschaft ist, dann liegt hier eine Fehldeutung des Zeugendienstes zugrunde. Als Gesandte oder Zeugen des Evangeliums sind wir Überbringer einer Botschaft und nicht selbst Urheber oder Gegenstand dieser Botschaft.
Sechstens: Das Evangelium muss verkündigt werden, also das steckt schon in dem Begriff drin. Es ist eine frohe Botschaft, die eben herausposaunt werden möchte. D. A. Carson hat dazu kürzlich etwas sehr Hilfreiches geschrieben. Ihr findet im Skript die entsprechenden Quellen.
Siebtens: An der Verkündigung des Evangeliums scheiden sich die Geister. Für die einen ist es der Ruf zur Umkehr, zur Versöhnung, zur Nachfolge, und für andere ist das Evangelium Ärgernis, Torheit, Tod.
Achtens: Nur ein Evangelium rettet. Die Welt ist eingeladen zum Evangelium, die Einladung ist universal, aber sie ist nicht inklusiv in dem Sinn, dass es da verschiedene Evangelien geben kann, die retten. Im Blick auf das Evangelium selbst ist es exklusiv, es ist nicht kompatibel mit anderen Evangelien. Die Bekräftigung des Evangeliums geht deshalb einher mit der Verwerfung von Pseudo-Evangelien. Der Galaterbrief, den wir letztes Jahr hier auf der Konferenz durchgenommen haben, ist ja dafür ein wichtiger Quelltext.
Neuntens: Eng damit verbunden müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass das Evangelium bedroht bleibt. Die Verkündigung des Evangeliums provoziert immer Widerspruch und auch Aufstand der Finsternis. Wir finden da schon Texte im Alten Testament, Zeugentexte: Unser Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe, und er sucht, wen er verschlinge. Während die Bedrohung von außen verhältnismäßig leicht zu ertragen ist, sogar dann, wenn sie zum Märtyrium führt, ist die Bedrohung von innen wirklich das, was wehtut. Aber das Neue Testament beschreibt uns, dass falsche Brüder aus den eigenen Reihen herauskommen. Denn es leben viele unter uns, ich habe schon oft von ihnen gesprochen und tue es jetzt wieder unter Tränen, die Feinde des Kreuzes Christi sind, schreibt er in Philipper 3,17.
Der zehnte Punkt: Wer dem Evangelium glaubt, bekommt einen neuen Herrn. Gelegentlich wird das Evangelium ja so verstanden: Okay, ich habe Jesus angenommen in meinem Leben, ich bin jetzt gerettet, ich komme in den Himmel, und ich kann so weiterleben, wie ich mir das vorstelle. Das ist ein großes Missverständnis. Nachfolge ist neutestamentlich, bei Jesus selbst, mit einem Herrschaftswechsel verknüpft. Wenn wir mit Christus gestorben sind, dann glauben wir auch, dass wir mit ihm leben. Ein Christ ist der Sünde gestorben und lebt voller Dankbarkeit für Gott in Christus Jesus, unserem Herrn.
Wenn das Evangelium aus der Mitte verschwindet
Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Thema. Ich weiß gar nicht, wie lange ich schon unterwegs bin mit dem Vortrag. Ihr braucht keine Angst zu haben, also ihr werdet den Abend überleben.
Und zwar geht es um das Thema: Was passiert eigentlich, wenn das Evangelium fehlt? Ich habe mal versucht, mit einigen Leuten ins Gespräch zu kommen, und oft bekam ich als Antwort so einen Gegenpol: Auf der einen Seite, wenn das Evangelium fehlt, zieht die Gesetzlichkeit in die Gemeinde ein, und auf der anderen Seite: Wenn das Evangelium fehlt, dann verweltlicht die Gemeinde, also sie säkularisiert.
Es ist durchaus möglich, meines Erachtens, mit diesen beiden Polen dieses Thema sozusagen aufzuarbeiten. Eine andere Möglichkeit wäre jetzt, einmal zu schauen: Was drängt sich eigentlich in die Mitte des Lebens oder des Gemeindelebens, wenn nicht mehr das Evangelium in der Mitte steht? Dort, wo die Kreuzesbotschaft die Gemeinde nicht durchdringt, drängt sich ja etwas anderes in das Zentrum. Was ist das? Unterhaltungsindustrie, Weltverantwortung, Rechtgläubigkeit, Gemeindewachstumswahn oder was auch immer?
Ich habe mir überlegt, weder jetzt über Gesetzlichkeit und Säkularisierung noch über die Frage der Mitte an das Thema heranzugehen, sondern ich habe mir vorgenommen, vier Punkte anzusprechen, vier Baustellen zu benennen, die ich persönlich für sehr, sehr wichtig halte, also die mir sehr auf dem Herzen liegen.
Und der erste Punkt, den ich ansprechen möchte, ist der Mangel an Bekehrungen. Der erste Punkt betrifft also fehlende oder unechte Bekehrungen in den Gemeinden dann, wenn das Evangelium nicht verkündigt wird. Wenn das Evangelium nicht verkündigt wird, kann es keine Bekehrung geben. Der Glaube kommt nach Römer 10,17 aus der wortgemäßen Verkündigung. Wie sollen Menschen denn zum Glauben kommen, wenn sie nichts über ihre Verlorenheit und über ihre Rettung hören?
Ich weiß auch als Seelsorger, dass das Thema ziemlich heikel ist, weil es so eine Kategorie und Gruppe von Christen gibt, die sich für unbekehrt halten, die aber wiedergeboren sind. Sie folgen Jesus nach, und sie leiden an ihrer Unvollkommenheit, und sie neigen dazu, den Anklagen des Teufels nachzugeben. Und diese Christen, die brauchen Ermutigung, sie brauchen Trost, sie müssen Jesus als ihren Fürsprecher erkennen. Das, was ich hier ansprechen will, ist nicht die fehlende Heilsgewissheit, sondern der wirkliche Mangel an Bekehrungen.
Die Bibel stellt einen Zusammenhang her zwischen Erleuchtung, geistlicher Wiedergeburt und Bekehrung. Wenn Gott in das Leben eines Menschen hineintritt, dann hinterlässt das Spuren. Wenn sich ein Mensch bekehrt, erhält das Leben eine neue Ausrichtung. Ein Mensch, der sich zu Gott bekennt und gleich so lebt, als wenn es Gott nicht gäbe, der lebt in einem Selbstwiderspruch. Auch die Dämonen glauben, dass Gott da ist, allerdings zeugt ihr Leben eben nicht davon.
Spurgeon, der mit dem Problem der Scheinbekehrungen gut vertraut war, hat einmal gesagt: Wenn du mit deinem Herzen auf Jesus vertraust, dann bist du errettet. Wenn du aber bloß sagst: Ich vertraue auf Jesus, dann rettet dich das nicht.
Wie kommt es zu solchen Pseudobekehrungen? Es hängt oft damit zusammen, dass nicht klar kommuniziert wird, was das Evangelium ist und dass Buße notwendig ist. Buße im eigentlichen Sinne von Umkehr, metanoia, gehört zum Evangelium dazu. Entscheidend für die Umkehr ist eben nicht, dass wir uns einer Gemeinde anschließen. Entscheidend für die Umkehr ist nicht, dass wir anfangen, einen neuen Lebensstil einzuüben. Entscheidend ist nicht, dass wir jetzt unsere spirituellen Bedürfnisse nicht mehr im Yogakurs decken, sondern im Gottesdienst. Entscheidend ist auch nicht, dass wir regelmäßig unsere Bibel lesen oder unseren Selbstwert über Gott definieren. All diese Dinge haben ihre Berechtigung, und trotzdem geht es neutestamentlich um etwas anderes.
Zur Bekehrung gehört, dass wir erkennen, dass wir Sünder sind, dass wir tot sind in unseren Sünden, dass wir Sklaven der Sünde sind. Und dass nur ein Gott von außen uns retten kann, und dass dieser Retter nur Jesus Christus sein kann, der, wenn ich mich bekehre, zu meinem Herrn wird. Umkehr gemäß der Bibel ist ein Geschenk Gottes, nicht etwas, was ich mir verdient habe oder erarbeitet habe, was ich mir aneigne, indem ich teilhabe oder praktiziere, zum Beispiel in der Gemeinde, sondern etwas, was mir durch Jesus Christus gegeben wird. Denn durch die Gnade seid ihr gerettet aufgrund des Glaubens, und zwar nicht aus euch selbst, nein, Gottes Gabe ist es, nicht durch eigenes Tun, damit niemand sich rühmen kann.
Gleichzeitig geschieht dort, wo ein Mensch wiedergeboren wird und Christus vertraut, etwas mit diesem Menschen. Er kehrt um, er kapituliert vor Gott, und er lebt in eine neue Richtung. Er kehrt wirklich um, er lebt jetzt in eine andere Richtung. Er lebt für den lebendigen und wahren Gott. Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung. Altes ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Im Hintergrund übrigens steht eine Zusage aus Jesaja 43. Ihr findet die Einzelheiten im Skript, wenn ihr euch dafür interessiert.
Ich wünschte mir manchmal, dass wir bei evangelistischen Predigten Klartext reden und dass wir nicht den Eindruck erwecken, dass dort, wo wir Jesus nachfolgen, das Leben attraktiver wird, sondern dass wir wirklich sagen, worum es geht: Es geht um eine Umkehr. Und diese Umkehr steht des Öfteren auch im Zusammenhang mit neuen Leiden, die ich kennenlernte, mit Problemen, die ich vorher gar nicht hatte.
Mir hat das mal jemand erzählt als Reaktion auf eine Predigt, wo der Eindruck erweckt wird, wenn du Jesus nachfolgst, dann sind deine Probleme alle verschwunden. Der sagte mir dann: Als Jesus die Herrschaft in meinem Leben übernommen hat, fingen die Probleme eigentlich erst an.
Eckhart Graf, der unter Rainer Riesner über die Situation der ostindischen Kirche promoviert hat, hat dort herausgefunden, dass die Verfolgungssituation in Ostindien mit Erweckung korrespondiert, dass dort, wo das Evangelium, wo die Jünger Jesu unter Druck geraten sind, in paradox anmutender Weise die Gemeinde Jesu Wachstum erlebt.
Pseudo-Evangelium, Selbstrechtfertigung und Gemeinschaft
Zweitens: das therapeutisch-moralistische Pseudo-Evangelium.
Christian Smith und Melinda Denton haben eine Forschungsarbeit über den Glauben junger Leute in Nordamerika geschrieben. Dabei haben sie herausgefunden, dass der Gott, an den diese jungen Leute tatsächlich glauben – sie glauben also an Gott –, hauptsächlich die Funktion hat, ihre Wünsche zu erfüllen.
Michael Herbst hat in seiner Seelsorgerlehre Marianne Gronemeyer zitiert, die den spätmodernen Sündenbegriff auf einen schönen Satz gebracht hat. Sie schreibt dort: Ich werde an meinem einzigen Leben schuldig, wenn ich nicht ein Optimum an persönlicher Erfüllung erreiche. Ich werde an meinem einzigen Leben schuldig, also ich werde an mir schuldig, wenn ich nicht ein Optimum an persönlicher Erfüllung erreiche.
Das trifft die Erwartungshaltung heute sehr gut. Das Gemeindeleben übersetzt heißt das: Gott ist dafür da, mein Leben zu optimieren, mein Leben zu erfüllen. Ein „Evangelium“, dass Gott dafür da ist, das Leben für mich leichter zu machen, ist längst auch in evangelikale Gemeinden eingedrungen.
Die Soziologin Marsha Witten hat einmal 150 presbyterianische und baptistische Pastoren gebeten, ihr ihre Predigten über das Gleichnis vom verlorenen Sohn zuzuschicken. Sie hat diese ausgewertet und befragt, welche Konzepte von Sünde, Identität oder Bekehrung dahinterstecken. Dabei hat sie einen wirklich interessanten Befund veröffentlicht.
Erstens: Die Transzendenz Gottes ist verschwunden. Gott ist nicht mehr der heilige Andere, sondern er ist der mitfühlende Freund oder sogar der Geliebte.
Zweitens: Die Prediger haben Schwierigkeiten mit dem traditionellen Sündenverständnis. Sünde erscheint eben nicht mehr als Rebellion, die sich gegen Gott richtet, sondern als ein Verhalten, mit dem ich mich selbst schade.
Drittens: Bekehrung und Nachfolge werden nicht als Abkehr von der menschlichen Selbstzentrierung gepredigt, sondern im Sinne einer therapeutischen Selbstverwirklichung. Im Gewand biblischer Begriffe wird humanistische Psychologie. Es geht um Selbstannahme, um Ichstärkung, um Entfaltung der persönlichen Potenziale. Kurz: Gott ist eben dafür da, dass es mir als Mensch gut geht.
Drittens: die Selbstrechtfertigung. Der dritte Punkt, der dritte Baustein oder die dritte Baustelle: Was passiert, wenn das Evangelium die Gemeinde oder mein Leben nicht bestimmt?
Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Matz hat ein interessantes Buch geschrieben: Die narzisstische Gesellschaft. Er ist ziemlich radikal in seiner Diagnose. Solange wir kein Mittel und Wege finden, den Narzissmus und die ihm zugrunde liegende Bedürftigkeit zu zähmen, so lange gleichen alle unsere Versuche, die Krise zu überwinden und die gesellschaftlichen Verhältnisse doch noch zum Besseren zu verändern, einem Stühlerücken auf der Titanic.
Den Begriff Narzissmus kennt ihr: der Mythos von Narziss, er verliebt sich in sein Spiegelbild, also er ist selbstverliebt. Krankhafter Narzissmus ist eben eine krankhafte Selbstverliebtheit. Und es gibt – ich will jetzt die Quellen nicht alle nennen – doch interessante Therapeuten, die darauf aufmerksam machen, dass unsere postmoderne Gesellschaft sehr stark anfällig ist für narzisstische Einstellungen. Erkennbar zum Beispiel daran, dass Medienfiguren idealisiert werden, dass innere Leere überdeckt wird mit Erfolgstreben, mit gieriger Ansprüchlichkeit oder auch mit der Nutzung von Sex als Konsum.
Nun, ich glaube, dass unsere postmoderne Lebenskultur in der Tat narzisstische Persönlichkeiten stärkt oder ihnen viele Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Aber das Problem scheint mir tiefer zu liegen. Das übertriebene Bedürfnis nach Aufmerksamkeit oder nach Bewunderung ist Ausdruck einer tief empfundenen Minderwertigkeit und Bedürftigkeit. Zutreffend wird deshalb Narzissmus als Hunger nach Anerkennung beschrieben.
Dieser Hunger nach Anerkennung ist auch in unseren Gemeinden zu finden. Narzissmus ist eine Form von Selbstrechtfertigung. Wenn einem die Gewissheit fehlt, durch den Glauben gerechtfertigt zu sein, dann muss er selbst Rechtfertigungsgründe schaffen. Und wie schafft er diese Rechtfertigungsgründe? Er schafft sie einmal, indem er sich selbst davon überzeugt, was er für ein bedeutungsvoller, für ein wertvoller, für ein wichtiger Mensch ist, oder dass er das Ja anderer für sich einfordert.
Wenn dir die Gewissheit fehlt, dass Gott in Jesus Christus Ja zu dir gesagt hat, dann brauchst du das Ja anderer. Und so wird die Anerkennung durch andere zu einer maßgeblichen Antriebskraft für dein Leben, und daraus entstehen Abhängigkeiten. Ich lebe von der Zustimmung anderer Menschen.
Die Frage der Selbstrechtfertigung hat Paulus wieder einmal im Galaterbrief erörtert. Ich bringe da einige Beispiele im Skript, die könnt ihr nachlesen, wenn ihr das wollt. Umgekehrt zeigt Paulus, dass Glaubensgerechtigkeit, also dass die Gewissheit, ich bin von Gott angenommen, Gott hat in Jesus Christus Ja zu mir gesagt, eine Voraussetzung dafür ist, den geistlichen Kampf mit den Boten falscher Evangelien, Pseudoevangelien, aufzunehmen.
Woher hatte Paulus die Kraft, für die Wahrheit des Evangeliums einzustehen und sich falschen Forderungen nicht zu unterwerfen? Er beschreibt das in 1. Korinther 1,10. Will ich jetzt die Zustimmung von Menschen oder die Zustimmung Gottes gewinnen? Suche ich den Beifall von Menschen? Wenn ich jetzt noch den Beifall von Menschen fände, dann wäre ich kein Diener Christi.
Ganz wichtiger Punkt: Ich bin ja nun nicht mehr der Jüngste und kann auch aus seelsorgerlicher Erfahrung sprechen und euch wirklich zusagen: Wenn ihr Ältester in eurer Gemeinde seid oder Pastor in eurer Gemeinde seid oder werden wollt und gleichzeitig mit dem Anspruch, mit dem Bedürfnis in den Dienst hineingeht, ihr wollt von eurer Gemeinde geliebt werden, dann werdet ihr an den Punkt kommen, wo es um die Frage geht: Was verkündige ich jetzt? Das, was die Leute hören wollen, oder das, was Gott uns in seinem Wort sagt?
Wenn Paulus die Anerkennung von Menschen suchte, dann, so sagt er, dann wäre er kein Diener Christi mehr. Weil er aber zu Christus gehört, kann er gegen den Widerstand ihm liebgewordener Brüder das eine Gnadenevangelium ausbotschaften.
Narzissmus kann auch im frommen Gewand von Heiligungsansprüchen in unser Leben eindringen und unser geistliches Leben vergiften. Wenn ihr mal einen Blick werft in die Verlagsprogramme einiger Verlage, dann werdet ihr ganz schnell erkennen, wie Menschen, wie Christen, von sich selbst fasziniert sind. Wie viele Bücher erheben den Anspruch, die geistliche Performance zu verbessern, indem wir uns intensiver mit uns selbst auseinandersetzen.
Versteht mich bitte nicht falsch, ich predige nicht den völligen Abbruch mit der Selbstbeobachtung. Aber ich halte dagegen: Dort, wo wir von uns wegschauen und wo wir über die Gnade und Größe Gottes staunen, dort wachsen wir. Nicht die Selbstbespiegelung, sondern die Selbstvergessenheit und der Blick auf Christus befreit uns vom Fluch der Selbstrechtfertigung. Wir schauen auf den siegreichen König, und wir freuen uns darüber, dass wir durch ihn mit Gott versöhnt sind und dass wir in seinem Auftrag unterwegs bleiben.
Mangel an dienender Gemeinschaft ist mein letzter Punkt, ganz eng verbunden mit der Selbstrechtfertigung. Mangel an heilsamer, andienender Gemeinschaft, das ist ein Riesenproblem. Ich habe jetzt das Zeugnis einer jungen Frau gelesen, die aus einer großen Gemeinde kommt, die sehr viel und sehr schnelles Wachstum erlebt hat, einer Gemeinde, in der man sehr viel Wert gelegt hat auf ein gutes Programm, auf professionelle Gottesdienstgestaltung und einen sehr hohen Unterhaltungswert.
Sie hat dann irgendwann gemerkt, dass das Ganze aufgezogen ist wie eine Maschine, und sie hat sich selbst beschrieben als ein Glied, als ein Teil in einer großen Maschinerie. Es fehlte zwar nicht an professionalisierter, managementmäßiger Projektplanung und Durchführung und Umsetzung, sondern es fehlte an dieser heilsamen und an dieser dienenden Gemeinschaft, die wesensmäßig zur Christusgemeinde dazugehört.
Wo selbstgerechtfertigte zusammenkommen, ist der Boden für dienende Gemeinschaft entzogen. Menschen, die aus sich selbst heraus leben, die die Anerkennung anderer brauchen, die brauchen den Vergleich mit dem anderen. Sie rauben dem Bruder oder der Schwester die Ehre und säen Zwietracht.
Dietrich Bonhoeffer hat das sehr schön herausgearbeitet in seiner großartigen Abhandlung über den Dienst. Er zitiert dort Lukas 9,46: Es kam der Gedanke unter sie, welcher wohl unter ihnen der Größte war. Nur wer aus Gnade lebt, ist bereit, zurückzustecken und Beleidigungen und Kränkungen ohne Protest anzunehmen. Wo dieser Gedanke der Selbstrechtfertigung Raum gewinnt, zerstört er Gemeinschaft.
Bonhoeffer schreibt: Hier ist keine Zeit zu verlieren, denn vom ersten Augenblick der Begegnung mit dem Anderen an sucht der Mensch nach der Kampfstellung, die er dem Anderen gegenüber beziehen und durchhalten kann. Es ist der Kampf des natürlichen Menschen um Selbstrechtfertigung. Er findet sie nur im Vergleich mit dem anderen, am Urteil, am Gericht über den anderen.
Selbstrechtfertigung und Richten gehört zusammen, wie Rechtfertigung aus Gnaden und Dienen zusammengehört. Wer dienen will, muss zuerst lernen, zu sehen, wer er wirklich ist, nämlich ein Sklave, ein Diener Christi. Niemand denke höher von sich selbst, als sich zu denken gebührt, Römer 12,3.
Ich möchte zum Schluss kommen, will euch nicht zu lange strapazieren. Wir wollen ja auch noch Zeit haben für Fragen und die Sachen so ein bisschen zusammenfassen.
Schlussgedanken: Gemeinde, Analyse und Rückkehr zur Quelle
Ich habe also nicht alles gesagt, was im Skript steht. Erörterungen rund um das Thema Gemeindebau werden heutzutage stark von empirischen Erwägungen geprägt. Wir beschäftigen uns mit Stadtsoziologie, mit Kontextualisierungsansätzen, Milieutheorien, Kulturhermeneutik, Transformationsprozessen, Mentoringprogrammen und Säkularisierungsthesen.
Mir liegt es fern zu sagen, erfahrungswissenschaftliche Beobachtungen spielten keine Rolle. Das sehe ich nicht so. Das sagt schon der einfache Menschenverstand, dass man das mit in Erwägung ziehen sollte.
Zugleich glaube ich allerdings, dass wir uns von den Erfahrungswissenschaften nicht zu viel erhoffen sollten. So manche Erwartung, die wir damit verknüpfen, wird unerfüllt bleiben. Ich formuliere es vielleicht noch kräftiger: Die empirische Forschung ist im Vergleich zu dem, was unsere Gemeindearbeit von der Mitte her bestimmen soll, einigermaßen unwichtig. Mehr noch: Sie kann sogar die Gemeinde von ihrem eigentlichen Auftrag entfremden.
Natürlich ist es eine Herausforderung, in einer Gesellschaft zu leben, die sich von der Kirche und von Christus selbst teilweise oder völlig entfremdet hat. Es wird sehr viel Mühe kosten, auch sehr viel Kreativität, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, und zwar in einer Art und Weise, sodass sie das Evangelium verstehen können. Die weitaus größere Herausforderung scheint mir allerdings zu sein, dass wir Christen uns selbst vom Evangelium entfremden. Der Glaube der Jesusjünger verliert dort seine Schönheit und Kraft, wenn wir das Evangelium Gottes aus den Augen verlieren.
Ich habe erwähnt, dass sich dann Themen, Programme und Überzeugungen in die Mitte drängen. Aber das ist meines Erachtens nur ein Symptom und gar nicht so wichtig. Das hilft uns vielleicht bei der Analyse. Ich habe insbesondere auf vier Baustellen aufmerksam gemacht, ausführlicher aufmerksam gemacht, die mich persönlich sehr stark bewegen.
Erstens: Dort, wo das Evangelium verkündigt wird, gibt es Bekehrungen und keine Pseudobekehrungen. Nur dort, wo ein Mensch die Tiefe seiner Verlorenheit sieht, kann er die Größe, Schönheit und Macht des rettenden Evangeliums erkennen.
Zweitens: Ein Pseudoevangelium, das in die Gemeinden eingedrungen ist, kann man als therapeutisch-moralistischen Deismus beschreiben. Es ist ein Scheinevangelium, weil es den Menschen verspricht, glücklich zu werden, indem sie mit Gottes Hilfe eine bestimmte Performance entwickeln. Und der Mensch wird es nie schaffen, eine Performance zu entwickeln, die Gott gefällt, es sei denn, er lebt aus dem Evangelium heraus.
Drittens: Der Hunger nach Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Anerkennung, der auch in unseren Gemeinden zu finden ist, hat bei stringenter Analyse etwas mit Evangeliumsarmut zu tun. Wenn uns die Gewissheit fehlt, durch Christus im Glauben gerechtfertigt zu sein, dann schaffen wir uns andere Rechtfertigungen. Das bedeutet aber, wir wollen uns selbst oder anderen Menschen gefallen.
Viertens: Verschränkt mit der Selbstrechtfertigung ist der Mangel an heilsamer Gemeinschaft. Menschen, die aus sich selbst heraus leben, brauchen den Vergleich mit dem anderen. Und heilsame Gemeinschaft entwickelt sich dort, wo begnadete Sünder aus der Fülle Christi heraus leben und einander in Dankbarkeit dienen. Sie begegnen von Christus her dem Bruder oder der Schwester auf Christus hin.
Wieder hat Bonhoeffer das sehr schön ausgearbeitet, dass Christus nicht nur der Mittler zwischen uns und Gott ist, sondern dass er auch der Mittler zwischen dir und mir ist. Wir kommen von Christus her und gehen auf den anderen hin. Und weil wir von Christus herkommen, entwickeln wir auch für den anderen eine geistliche Perspektive. Und das fehlt so sehr.
Ein letzter Gedanke, ein wirklich allerletzter: Was tun, wenn das Evangelium fehlt? So manche von euch, von uns, kommen aus Gemeinden, wo das Evangelium laut zu hören ist. Andere kommen vielleicht aus Gemeinden, die von Evangeliumsarmut geprägt sind. Die meisten werden sich wahrscheinlich damit abgefunden haben, dass es da so Wellenbewegungen gibt, mal mehr, mal weniger.
Wir können die Lebensumstände nicht ändern. David hat uns heute gezeigt, dass auch Jesaja unglaublich viel Geduld haben musste zu seiner Zeit. Aber eines kann ich sagen: Du kannst in deinem Lebensumfeld kein Frohbotschafter des Evangeliums sein, wenn Jesus nicht selbst dein Herz erobert hat und dein Herz mit dem Evangelium erfüllt ist.
Was auch immer Gott mit dir vorhat: Schenke Jesus dein Herz. Erlaube ihm, König deines Lebens zu sein. Diene ihm mit Freuden. Wer bei Jesus Frieden und Erfüllung gefunden hat, wer in der Kraft seines Geistes lebt, der kann, der will noch stärker, er muss ein Ausbotschafter des Evangeliums sein.
Ich habe eingangs von diesem Pastor jenem erzählt, der in der geistlichen Wüste Berlins als einziger, wie man sagte, gläubiger Pfarrer dort das Evangelium verkündigt hat. Er hat etwas bewirkt, langfristig gesehen. Er hat nicht alle Früchte seines Dienstes selber sehen können. Aber er war, soweit man das sagen kann, eben ein Mensch, der Jesus sein Herz zur Verfügung gestellt hat, der seinem neuen König Christus erlaubt hat, sein Leben zu bestimmen, und der nur eins wollte: treu zu tun, was Gott ihm beauftragt hat, nämlich das Evangelium zu verkündigen.
Und dazu möchte ich jedem von euch Mut machen, an dem Ort, wo Gott euch hingestellt hat. Amen.
Fragen, Austausch und seelsorgerliche Vertiefung
Es ist schon spät, aber wir nehmen uns noch ein paar Minuten Zeit für Fragen. Also, gibt es Fragen unter euch? Genau, danke. Irgendjemand, Jonas glaube ich, zeigt euch jetzt die Folie. Da findet ihr das Skript, dann auch mit den Quellenangaben und mit den vielen Sachen, die ich nicht gesagt habe.
Weitere Fragen?
Ich kann das nicht zuerst als Frage formulieren, sondern als Beobachtung. Die Beobachtung ist dahingehend: Wir haben jetzt eine starke Kritik gehört an den verschiedenen Strömungen innerhalb der Gemeinden, wo das Evangelium nicht verkündet wird. Ich frage mich, oder ich suche auch danach: Wo wird das Evangelium verkündet, sodass man davon sprechen kann: Ja, das ist das Evangelium?
In vielen liberalen Gemeinden weicht man dem Evangelium aus, aus theologischen Gründen, aus psychologischen Gründen. Vielleicht weicht man zwar jetzt in Gemeinden, die das Evangelium verkünden, dem nicht aus. Aber so, wie das Evangelium verkündet wird, das beobachte ich jetzt immer mehr, ist es so uninteressant, so unansprechend, dass ich mir sage: Warum soll ich das Evangelium glauben? So geht es mir.
Es ist jetzt nicht eine Fragestellung, aber es ist eine Beobachtung. Und die Frage wäre dann: Wie können wir so etwas ändern? Wir können ja so Kreise, wie sie sich hier treffen, wie konnten die das ändern?
Okay, da es ja nicht wirklich eine Frage ist, will ich nur kurz darauf antworten. Wenn wir uns mal anschauen: Warum ist das Evangelium so langweilig, uninteressant, unspannend und lebensfremd? Dann kann das eigentlich nur darin liegen, dass wir nicht wirklich das Evangelium hören.
Und die therapeutische Empfehlung meinerseits ist in so einem Fall, dass wir uns wirklich an die Quelle wenden. Das heißt, dass wir die Heilige Schrift aufschlagen und uns anschauen: Ja, was ist das Evangelium? Und wo liegt der Reichtum, wo liegt die Schönheit? Was macht das mit meinem Leben?
Also ich glaube, dass die Schönheit des Evangeliums dort erkannt wird, wenn wir in der Schrift danach forschen, und dass das Konsequenzen hat. Und wenn du sagst, dass das eben kaum noch zu hören ist oder kaum noch zu finden ist, dann glaube ich, dass man, weil man diese Erfahrung macht, aha, das Evangelium hat uns ja gar nicht wirklich etwas zu geben, sich abwendet von der wirklich lebendigen Quelle, wo frisches Wasser zu haben ist, sich irgendwelche Zisternen öffnet und meint dann, dort das Leben geistlich erfrischen zu können. Und die Erfahrung macht, wenigstens mittel- und langfristig, manchmal dauert das ja auch Generationen, dass uns das überhaupt nicht weiterbringt.
Also mit anderen Worten: Es ist für mich keine Hilfe, zu anderen Quellen zu gehen, sondern zu schauen an der Quelle: Ja, was ist das Evangelium? Und ganz ehrlich: Wenn man verstanden hat, was Christus für mich getan hat, dann kann das nicht mehr langweilig sein.
Hast du dich nicht gemeldet?
Das habe ich doch vorhin.
Ron, du hast gerade ein paar Beispiele oder Baustellen genannt. Und wenn man die Baustellen natürlich irgendwo sieht, dann ist das auch recht deutlich, und man erlebt vielleicht manche Gemeinden oder kennt Gemeinden, wo die Baustellen auch schon sehr sichtbar sind. Die Erfahrung ist ja auch zum Teil: Es gibt Gemeinden, die wirklich sehr stark und sehr intensiv vom Evangelium geprägt waren, neu begonnen haben, wirklich einen Schwung hatten. Es haben Bekehrungen stattgefunden, es sind Leute zum Glauben gekommen, die Gemeinden sind gewachsen, es war lebendiges Leben da, es war dienstbezogene Gemeinschaft da. Und irgendwann gibt es dann plötzlich mal so einen Bruch, wo dann plötzlich das Evangelium rausfliegt.
Wie kann man das irgendwo erkennen? Oder wie kann man da eine Sensibilität bekommen? Oder was würde man empfehlen, wenn man schon etwas merkt: Da geht doch irgendwo langsam das Evangelium verloren? Wo kann man da eine sensible Antenne schon beginnen? Weil oft sagt man sich: Na ja, man hat noch die Erfahrung von damals und kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass es sich irgendwann einmal ganz extrem negativ entwickelt.
Ja, also das ist natürlich eine echt gute Frage. Woran erkennt man es rechtzeitig, und was unternimmt man?
Also meine Empfehlung ist, und das deckt sich auch mit meinen Erfahrungen, dass, wenn man in der Gemeinde wirklich etwas verändern will, substanziell verändern will und nicht nur irgendwelche kleinen Gruppen retten möchte innerhalb der Gemeinde, dann muss man mit der Leitung sprechen. Sehr offen darüber reden und die Dinge benennen und die Leitung dafür gewinnen, wieder das Evangelium in das Zentrum hineinzurücken.
Also das an der Leitung vorbeizumachen, das kann mittelfristig Entlastung bringen, aber ich halte es für sehr wichtig, dass man im Gespräch ist und dass man die Leitung konfrontiert mit seinen eigenen Beobachtungen und dabei durchaus selbstkritisch bleibt. Und auch offen ist für Rückfragen, aber eben versucht, im Gespräch mit der Leitung die Sachen zu thematisieren.
Man kann das ja oft an ganz konkreten Beispielen erkennen, dass zum Beispiel die Predigt, die ursprünglich 40 Minuten ging, im Sonntagsgottesdienst reduziert wird auf 15 Minuten. Das ist für mich so ein Symptom. Und jetzt, wenn das so ist, muss man darüber ins Gespräch kommen. Sehr oft ist es nämlich der Fall, dass die 45-Minuten-Predigt stinklangweilig war. Und dann muss man auf den Grund gehen. Aber die Predigt abzuschaffen, ist nicht die therapeutische Maßnahme, die der Gemeinde wirklich weiterhilft, sondern zu schauen, dass diese Predigt wirklich vom Evangelium, vom Wort Gottes her geprägt ist.
Das heißt, wir müssen uns damit beschäftigen, wie in dem Fall im Bereich der Predigt wirklich das Wort Gottes verkündigt, ausgebotschaftet wird. Ähnliches kann in der Kinderarbeit oder auch in der Jugendarbeit passieren, dass man um der Attraktivität willen das, wozu die Arbeit eigentlich da ist, ersetzt durch Dinge, die zwar unterhaltend sind, aber die evangeliumsarm sind.
Ist das so in etwa die Antwort, oder willst du das noch konkreter?
Frag mal zurück, Thomas.
Was würdest du empfehlen, wenn man den Eindruck hat, die Leitung versteht einen nicht?
Ja, das geht vielleicht dem einen oder anderen hier in diesem Kreis so, einige kennen das. Einerseits sage ich: nicht zu früh aufgeben und auch nicht zu schnell nicht reparierbare Konsequenzen ziehen. Aber auf der anderen Seite kann es eben auch bedeuten, dass man dann eben Konsequenzen ziehen muss für sich.
Ich rate davon ab, immer gleich dann sich eine neue Gemeinde zu suchen oder separatistische Lösungen zu finden. Aber durchaus kann der Zeitpunkt gekommen sein, dass ich dann auch im Interesse meines eigenen geistlichen Überlebens, als Familie beispielsweise, mich auf die Suche machen muss nach einer Gemeinde, wo das Evangelium verkündigt wird.
Letzte Ergänzung: Was würdest du empfehlen, um selber auch einfach am Evangelium dranzubleiben, dass man selber nicht irgendwo abkühlt? Weil jeder hat, glaube ich, auch mal im Laufe der Jahre die Erfahrung, dass man merkt: Das Feuer lässt nach. Und wie du vorhin gesagt hast, man neigt vielleicht dazu, andere Quellen zu suchen, wo man den Eindruck hat, da lodert das Feuer. Und wo holt man sich einfach wieder neu wirklich die Kraft aus dem Evangelium heraus?
Ja, also die Frage ist eben: Wie bleibt das Herz geschmeidig, das eigene Herz? Und die Antwort scheint mir eigentlich auf der Hand zu liegen. Ich brauche die Gemeinschaft mit Geschwistern, die das Evangelium lieb haben, ihre Korrektur, den Austausch, die gegenseitige Ermutigung.
Das Zweite ist ganz wichtig, dass ich Gott die Möglichkeit gebe, zu mir zu reden. Das heißt, dass ich sein Wort wirklich studiere.
Und das Dritte, das ist eben das Gebet, was sehr, sehr wichtig ist. Dass ich wirklich diese Gemeinschaft mit Gott auch habe im Gespräch mit ihm und da auch sensibel dafür werde, ob da irgendetwas abkühlt oder nicht, und mir, wenn das der Fall ist, zum Beispiel den Rat eines Bruders einhole, indem ich mich offenbare.
Das Hauptproblem besteht darin, dass wir das nicht offenlegen wollen. Das geht vielleicht so manchen von uns hier heute so, dass er genau weiß: Da ist etwas abgekühlt, aber er traut sich nicht, das auszusprechen, das zu offenbaren. Da kann ich nur den Mut machen, dass man in so einem Fall mit einem Freund, der vertrauenswürdig ist, das auch anspricht.
Also: Gebet, das Wort Gottes, ist eine Quelle der Leidenschaft, in der Gemeinschaft mit Gott, der Korrektur, der Wegweisung, der Festigkeit und eben der Gemeinschaft mit anderen Christen.
Habt ihr keine Fragen mehr? Dann will ich noch ein ganz kurzes Gebet sprechen.
Herr Jesus Christus, du hast für uns alles gegeben. Schenke, dass wir in dir alles finden. Amen.
