09.09.2026
Serie•Teil 3 / 9Rachepsalmen
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Generierte Mitschrift
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Einleitung: Erschütterung und die Frage nach Gerechtigkeit
Rachepsalmen: Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
Ein Gastbeitrag von Regina Gallwitz, Theologin, Krankenschwester und Autorin des Buchs Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert.
Ich erinnere mich noch genau an den 7. Oktober 2023. An diesem Tag klebte ich an meinem Handy und schaute immer wieder nach, was in Israel passiert war, weil ich mitbekommen hatte, dass dort etwas Schlimmes geschehen sein musste. Es kamen gefühlt stündlich neue Nachrichten aus Israel, und jede Nachricht übertraf die vorige an Grausamkeit.
Am Anfang sah alles nur nach einem schweren Raketenangriff aus. Dann wurde relativ schnell klar: Es war mehr als das. Hamas-Terroristen hatten israelische Ortschaften überfallen, Menschen in den Gazastreifen verschleppt und an diesem Tag etwa 1200 Menschen ermordet.
Noch heute kann man Aufnahmen von diesem Tag sehen. Sie zeigen Menschen, die panisch um ihr Leben laufen. Sie zeigen frisch verwaiste Kinder und Terroristen, die ihre Taten filmen und ihre Opfer verhöhnen. Es sind Bilder, die für mich persönlich kaum zu ertragen sind.
Wenn wir solche Bilder sehen, was passiert da in uns? Ich erinnere mich noch ganz genau an meine Gefühle. Ich war absolut erschüttert, und alles in mir hat geschrien, und zwar nach Gerechtigkeit.
Je mehr ich von solchen Nachrichten über schweres Unrecht höre, desto mehr drängt sich bei mir die Frage auf: Wo wird dieses Unrecht jemals geradegerückt? Nach Auschwitz, nach dem 7. Oktober, nach Jeffrey Epstein – wer sorgt dafür, dass all das nicht das letzte Wort behält?
Ja, wir haben unsere menschlichen Gerichte. Sie sprechen Recht, sie schützen die Gesellschaft. Aber auch diese menschlichen Gerichte können oft keine vollkommene Gerechtigkeit schaffen. Das kann weder Nürnberg noch Den Haag. Kein Urteil bringt einen ermordeten Menschen zurück, keine Strafe heilt ein traumatisiertes Kind, und viele, viele Täter werden nie zur Rechenschaft gezogen. Manche sterben friedlich im hohen Alter. Und selbst dort, wo Recht gesprochen wird, bleibt manchmal ein Rest von Unrecht, den kein Mensch ungeschehen machen kann.
Und wir spüren intuitiv: So darf doch die Geschichte nicht einfach enden. Genau auf diese Sehnsucht, auf diesen Schrei nach Gerechtigkeit, antwortet das Evangelium mit einem Versprechen.
Gottfried Bachl beschreibt dieses Versprechen sehr schön. Er schreibt: Der Fluss der Ereignisse rinnt nicht unendlich weiter, über Blut und Opfer, über Güte und Bosheit, über Schuld und Unschuld hinweg. „Gott wird den Lauf der Geschichte anhalten und klar machen, dass es zwischen Recht und Unrecht einen Unterschied gibt. Er wird die zugeschütteten Opfer aufsuchen, die vergessenen Kinder, die geschändeten Frauen, und er wird die versteckten Täter finden.“
Mit dem Tod wird die Geschichte eben nicht eingefroren. Unsere Sehnsucht nach Gerechtigkeit strandet nicht am Grab der Opfer und auch nicht am Tod der Täter. Jemand sagte einmal: Nicht nur die Liebe, sondern auch die Gerechtigkeit ist stärker als der Tod.
Für mich persönlich ist das echt eine gute Nachricht. Und wenn ich heute mit anderen Menschen über solche Themen spreche, dann merke ich, wie schwer es ihnen fällt, diesen Gedanken zu fassen und nachzuvollziehen. Das Motiv vom Gericht Gottes wurde in der Vergangenheit so häufig missbraucht, dass viele Menschen es heute fast nur noch mit Angst verbinden.
Man hat dann vielleicht das Bild von einem ewig zornigen Gott vor Augen, der nur freudig darauf wartet, Menschen zu quälen. Nach der Bibel aber ist das Gericht Gottes etwas absolut Positives. Denn es geht vor allem darum, das wieder ins Richtige zu stellen, was durch das Böse zerstört wurde. Und es geht darum, den Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen.
Gottes Zorn ist eben nicht ein ungezügelter Gefühlsausbruch. Nein, Gottes Zorn ist seine Leidenschaft für das Recht.
Aber wie kann ein Gott der Liebe überhaupt zornig sein? Ich glaube, ein Gott, der angesichts des Bösen in dieser Welt unberührt bleibt, ist in meinen Augen nicht besonders liebenswert.
Dazu möchte ich einen Text von Miroslav Volf vorlesen, der sehr schön zeigt, warum wir uns über Gottes Zorn angesichts des Bösen freuen dürfen. Er schreibt:
„Früher dachte ich, dass Zorn etwas ist, das Gottes nicht würdig sei. Ist Gott denn nicht lauter Liebe? Nun, Gott ist die Liebe, und er liebt jeden Menschen, und gerade darum ist er auf manche von ihnen zornig. Mein letzter Widerstand gegen die Idee des Zornes Gottes brach im Bürgerkrieg in meiner Heimat, dem ehemaligen Jugoslawien, zusammen, der 200.000 Menschen das Leben kostete, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass Gott nicht zornig war. Oder denken Sie an Ruanda im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, wo innerhalb von hundert Tagen 800.000 Menschen buchstäblich totgehackt wurden. Wie hat Gott wohl auf dieses Gemetzel reagiert? Hat er die Täter unter seinen großväterlichen Schutz genommen und nicht ihr Blutbad verurteilt, sondern behauptet, dass sie doch eigentlich im Tiefsten gut seien? Ist nicht sein Zorn gegen sie entbrannt? Früher hatte ich die Vorstellung eines zornigen Gottes unanständig gefunden. Jetzt fand ich, dass ich gegen einen Gott rebellieren müsste, der angesichts des Bösen der Welt nicht zornig würde.“
Gott ist nicht zornig, obwohl er die Liebe ist. Er ist zornig, weil er die Liebe ist.
Es mag zwar sein, dass die Rede vom Gericht Gottes Menschen provoziert. Aber wir müssen verstehen: Gottes Zorn sagt zuallererst etwas über den Zustand dieser Welt aus und darüber, dass dieser Zustand nicht Gott gewollt ist und deshalb nicht einfach hingenommen werden darf.
Deshalb ist auch niemandem geholfen, wenn wir immer nur vom lieben Gott reden. Im äußersten Fall, im schlimmsten Fall brauchen Menschen keinen kuscheligen Gott, der einfach ein lieber Kumpel ist, sondern sie brauchen einen mächtigen Gott, der sich dem Bösen entgegenstellt.
Die Klage der Psalmen als Stimme der Opfer
Und vielleicht verstehen wir jetzt auch besser, warum die Psalmisten so oft nach Gottes Gericht rufen: weil sie in einer Welt leben, in der das Böse scheinbar triumphiert. Manche Christen stolpern über diese Gebete wie: „Steh auf, Herr! Richte die Erde!“ Oder über diese ganzen Strafwünsche. Und sie denken: Puh, das klingt aber überhaupt nicht christlich.
Aber vielleicht lesen wir diese Psalmen mit einer falschen Brille. Wir hören sie vielleicht aus einer sicheren und friedlichen Lebenssituation heraus. Die Menschen, die diese Psalmen verfasst haben, lebten jedoch unter ganz anderen Umständen.
Es geht hier in dem Psalm eben nicht um einen kleinen privaten Streit, bei dem der Nachbar vielleicht seine Baumzweige über den Gartenzaun wachsen lässt. Es geht hier auch nicht um kleinere oder größere Konflikte, die sich durch kluge Großzügigkeit oder Nächstenliebe lösen ließen. Vielmehr beschreibt der Psalmist in zahlreichen Bildern, dass die Feinde ihn zum Beispiel wie eine wilde Hundemeute umzingelt haben und dass sie ihn wie Löwen zerfleischen wollen. Er wird verfolgt, er wird verleumdet, es geht um Leben und Tod.
Die Psalmen wurden eben nicht aus der Perspektive der Täter, sondern aus der Perspektive der Opfer geschrieben. Ja, oft sogar aus einer Überlebensperspektive. Das bedeutet: Wenn wir diese Texte lesen, dann lesen wir, wie Menschen ganz unverblümt aussprechen, was sie denken und fühlen, nachdem sie schweres Unrecht erlebt haben. Ihre drastischen Strafwünsche klingen so extrem, weil sie hier ungefiltert ihre Verzweiflung, ihren Schmerz und ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit ausdrücken.
Zusätzlich erlebt der Psalmist, wie die Gewalttäter scheinbar ungestraft davonkommen. Er sieht, wie die Schwachen unterdrückt werden und wie niemand ihnen zu Hilfe kommt. Kurz gesagt: Er lebt in einer Welt, in der das Böse scheinbar triumphiert.
Genau diese Welt beschreibt Psalm 10. Dort zitiert der Psalmist in Vers 4 den Gewalttäter mit den Worten: „Gott kümmert sich sowieso nicht um das, was wir tun, es gibt ja gar keinen Gott.“ Der eigentliche Skandal ist also: Der Gewalttäter glaubt, dass niemand ihn dafür zur Rechenschaft ziehen wird.
Vielleicht fragst du dich: Warum geht der Psalmist nicht einfach vor Gericht? Dazu muss man wissen, dass es zur Zeit des Psalmisten kein ausgeprägtes Rechtssystem gab, wie wir es heute kennen. Es gab zwar Älteste im Stadttor, die über Rechtsstreitigkeiten entschieden, und dann gab es noch den König als Richter. Aber gerade diese Menschen waren manchmal selbst korrupt. Zum Beispiel wirft Psalm 58 ihnen vor: Sprecht ihr wirklich Recht? Nein, ihr tut mutwillig Unrecht.
Wenn selbst die Richter ungerecht handeln, wohin soll sich ein Mensch da noch wenden? Dann bleibt ja nur noch Gott. Deshalb schreit der Psalmist nach Gottes Gericht. In Psalm 13 ruft er: „Herr, wie lange noch willst du mich vergessen? Wie lange noch soll sich mein Feind über mich erheben?“ Und bei alldem greift der Psalmist nicht selbst zur Waffe. Er nimmt das Recht nicht selbst in die Hand, sondern überlässt das Gericht Gott.
Diese Hoffnung auf Gottes Gericht gibt ihm die Kraft, an der eigenen Menschenwürde festzuhalten, selbst dort noch, wo diese Menschenwürde mit Füßen getreten wird.
Gottes Gericht zwischen Recht und Barmherzigkeit
Und wenn der Psalmist Gott das Gericht überlässt, dann überlässt er ihm auch die Art und Weise, wie Gott dieses Gericht vollzieht, ob ihm das jetzt passt oder nicht. Wie Gott richtet, bleibt nämlich Gottes Sache. Gottes Gericht kann schärfer ausfallen oder auch milder, als der Psalmist es erbittet.
Gottes angekündigtes Gericht kann sogar damit enden, dass Menschen umkehren und Gott ihnen vergibt. Das Jona-Buch zeigt genau das. Dort verzichtet Gott auf das angekündigte Gericht, weil die Menschen von Ninive umkehren. Deshalb stehen selbst die schärfsten Strafbitten der Psalmisten unter diesem Vorbehalt: Gott bleibt eben frei, in seiner Gerechtigkeit auch barmherzig zu handeln.
Na, ärgert dich das jetzt? Vielleicht dachtest du ja: Ja, super! Ich sage es Gott, und er wird dann für mich die Ärmel hochkrempeln. Und dann doch diese Enttäuschung: Na ja, Gott kann sich am Ende ja doch für Barmherzigkeit entscheiden. Wie enttäuschend.
Na ja, wenn du das jetzt nicht gedacht hast, dann bist du besser als ich. Und wenn doch, lass uns gerade mal die Perspektive wechseln. Stell dir mal vor, jemand hat dieselben Gedanken über dich. Wie sollte sich Gott deiner Meinung nach dir gegenüber verhalten?
Also ich freue mich, dass der Richter, dem ich begegnen werde, Jesus ist. Jesus, der voller Gnade und Wahrheit ist. Jesus, der voller Liebe und Gerechtigkeit ist. Das ist für mich absolut tröstlich.
Aber kommen wir gerade noch einmal zurück zum Psalmisten. Der Psalmist überlässt Gott das Gericht. Das heißt jetzt aber nicht: Na ja, wir Christen dürfen jetzt keine staatlichen Gerichte in Anspruch nehmen. Schließlich hat Gott doch nach Römer 13 den Staat genau dafür eingesetzt, um das Recht durchzusetzen. Das heißt, der Ruf nach Gottesgerechtigkeit steht nicht im Widerspruch dazu, die Regierung um Gerechtigkeit zu bitten.
Wenn wir Christen heute Unrecht erleben, dann haben wir die Möglichkeit, die Sache juristisch klären zu lassen. Auch Paulus beruft sich mehrfach auf seine Rechte, zum Beispiel in Apostelgeschichte 16. Dort werden er und Silas ohne ordentliches Verfahren öffentlich geschlagen und ins Gefängnis geworfen. Als die Behörden sie am nächsten Morgen einfach heimlich freilassen wollen, sagt Paulus: Na ja, erst haben sie uns ohne jedes Gerichtsverfahren öffentlich schlagen lassen, obwohl wir das römische Bürgerrecht besitzen. Und jetzt wollen sie uns einfach still und heimlich abschieben? Nee, das kommt nicht in Frage. Die sollen höchstpersönlich hier erscheinen und uns höchstpersönlich hier rausbitten.
Und tatsächlich: Die Behörden kommen, sie entschuldigen sich und führen sie aus dem Gefängnis. Paulus sagt hier gerade nicht: Na ja, wir sind Christen, wir lassen jetzt alles mit uns machen, und dann ist Gott mit uns glücklich.
Und auch Jesus lässt sich nicht alles gefallen. Als er während seines Verhörs von einem Diener ins Gesicht geschlagen wird, da sagt er: Habe ich übel geredet, so beweise es, dass es übel ist. Habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich dann?
Paulus und Jesus zeigen also Feindesliebe. Und der Verzicht auf Selbstjustiz bedeutet nicht, dass wir passiv bleiben müssen. Es bedeutet auch nicht, dass wir auf jedes Recht verzichten müssen.
Und trotzdem kommt es auch heute noch vor, dass Gerichte versagen und Gewalttäter einfach davonkommen. Und dann bleibt uns tatsächlich nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass Gott selbst am Ende Recht schaffen wird. Und genau hier bekommen die Gerechtigkeitspsalmen ihre besondere Bedeutung. Sie sind nicht nur Gebete verzweifelter Menschen. Sie sind auch Hoffnungsgebete, denn sie leben aus der Gewissheit, dass nicht der Gewalttäter das letzte Wort hat, sondern Gott.
Das war’s für heute. Das Buch von Regina Gallwitz ist im Lit-Verlag erschienen. Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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