Serie•Teil 1 / 37Matthäus-Evangelium
Generierte Mitschrift
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Einleitung: Die Gefahr, wenn das Zentrum verloren geht
Wir wollen gemeinsam mit einem Text aus der Offenbarung anfangen, der zunächst einmal nur ein Einstieg sein soll, noch nicht einmal in das Thema, sondern eigentlich in das größere Thema. Da heißt es über eine Gemeinde: Ich kenne deine Werke und deine Mühe und dein Ausharren und dass du Böse nicht ertragen kannst. Und du hast Ausharren und hast vieles getragen um meines Namens willen und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Denke nun daran, wovon du gefallen bist.
Hier wird eine Gemeinde vorgestellt, die eigentlich ganz positiv dasteht. Ich kenne deine Werke und deine Mühe und dein Ausharren und dass du Böse nicht ertragen kannst. Das ist wirklich positiv gemeint. Aber der Text zeigt auch eine Gefahr auf, in die Gemeinden geraten können, besonders solche, in denen etwas wächst, in denen wirklich etwas passiert, in denen Menschen sagen: Wow, ich komme ja gar nicht durch das braune Brett hindurch, was die hier alles machen. Es ist eine Gefahr, in die solche Gemeinden hineinfallen können.
Ich nenne diese Gefahr einmal außen hui und innen pfui. Nach außen hin stimmt es. Aber nach innen ist da etwas am Kaputtgehen. Da ist etwas, das anders sein müsste, aber im Moment gerade falsch läuft. Das Eigentliche, nämlich unsere Beziehung zu Jesus, ist vielleicht schon vor einer ganzen Weile verloren gegangen. Aber ich habe gegen dich, heißt es, dass du deine erste Liebe verlassen hast.
Das heißt, in dieser Gemeinde ist die Quelle für echte Motivation zum Dienst verloren gegangen, nämlich die Liebe zum Herrn Jesus, das, was im Zentrum eigentlich den Kern des Christseins ausmacht. Vielleicht gefangen im Erfolg und auch in der Routine einer Gemeinde, verliert sie die Liebe zum Herrn aus dem Blick.
Wenn Beziehung zur Routine wird
Ich denke, es ist so ähnlich wie in der Ehe. Wenn man in der Ehe nicht aufpasst, dann geht auch das Feuer aus. Und damit meine ich: Wenn das Feuer ausgeht, fängt man an, nebeneinander herzuleben. Man ist schon noch verheiratet, ja, aber es knistert nicht mehr. Da ist nicht mehr dieses: Du kommst nach Hause und freust dich auf den anderen. Oder dieses: Ich meine, das geht jetzt ein bisschen mehr in die Richtung der Verheirateten, aber dieses Gefühl, wenn du sagst: Jetzt habe ich richtig Lust, meine Frau in den Arm zu nehmen und sie zu knuddeln, ja, und wann ist bloß die nächste Gelegenheit dazu? Du kannst es kaum erwarten, bis endlich die Kinder im Bett sind und du einfach mal Ruhe und Zeit hast.
Das ist so dieses Knistern, diese Spannung, die ein Stück weit zu einer Ehe dazugehört. Und die Gefahr für jede Ehe besteht darin, dass das verloren geht, dass Routine kommt, dass man sich an den anderen gewöhnt. Und genau das Gleiche kann halt auch in unserer Beziehung zu Jesus passieren.
Und die Frage ist: Was hält eine Ehe lebendig? Oh, wenn ich meiner Frau ab und zu einen Mercedes schenke, dann ist ja schon alles gut, oder? Große Geschenke, das hält meine Ehe lebendig. Und ich kann euch sagen: Eine Ehe bleibt nicht dadurch lebendig, dass ihr eurer Frau ab und zu einen Mercedes schenkt.
Das, was eine Ehe lebendig hält, das, was jede Beziehung lebendig hält, ist die persönliche Auseinandersetzung mit dem anderen, dass ich mich immer wieder um ihn persönlich bemühe, dass ich Zeit mit ihm verbringe oder anders ausgedrückt, dass wir Geheimnisse miteinander haben, dass es Dinge gibt, die gewachsen sind, weil ich einfach Momente der Zweisamkeit hatte, zwischen dem anderen und mir. Und diese Momente, diese Geheimnisse, die halten mich zusammen, die geben meiner Ehe und letztlich jeder Beziehung ein Stück weit das Feuer.
Und genau das Gleiche gilt im Hinblick auf Jesus.
Das Gegenmittel: den Blick neu auf Christus richten
Ein Christ, der die erste Liebe verlassen hat, zeigt, wie ein Ehemann, der seine erste Liebe zu seiner Frau verlassen hat, ein anderes, ein verändertes Verhalten. Und dieses andere Verhalten, da gibt es sicherlich tausenderlei Weisen, woran das deutlich wird. Es kann sein, dass plötzlich Dinge in den Vordergrund rücken, wo du vor zehn Jahren gedacht hättest: Das hätte ich mir nie vorstellen können, dass das in meinem Leben noch einmal so einen Wert hat. Hobbys, Beruf, Ansehen, irgendetwas, Urlaub, wo auch immer. Dinge, wo du gedacht hättest: Die habe ich ein für alle Mal hinter mich gelassen. Ich hänge jetzt an Jesus. Ich stehe auf und sage: Ich habe mein Leben Jesus gegeben. Dem möchte ich jetzt folgen. Wo er mich hinführt, will ich hingehen. Ihn will ich allein lieben.
Und jetzt schaust du zurück auf dein Leben und denkst dir: Das ist lang her, das war früher mal. Früher konnte ich das sagen. Heute, wenn ich heute mein Leben kritisch anschaue, dann muss ich sagen: Es ist doch Jesus und geworden. Jesus und mein Hobby, mein Beruf, vielleicht die Familienatmosphäre, die mir mehr wert ist als irgendetwas anderes, vielleicht diese kleinen Träumereien, denen ich nachhänge. Aber so nur Jesus? Nein, das war früher. Das war, als die Kinder noch klein waren, als noch gar keine Kinder da waren, da war das so. Heute ist es ganz schön anders geworden.
Entschiedenheit für Gott. Früher ja, heute nicht mehr. Nicht mehr so wie damals. Da hat sich einfach etwas geändert. Früher war es irgendwie besser. Da war es leichter, Jesus nachzufolgen. Da war es nicht so ein Kampf. Da war es logisch, dass man sich getroffen hat, dass man sich investierte, dass man dabei war. Heute, und das musst du einfach verstehen, Jürgen, heute sind andere Dinge dazukommen. Heute habe ich so viele andere Aufgaben, das geht einfach nicht mehr.
Und ich habe mich gefragt, weil ich das doch sehe in unserer Gemeinde: Was kann ich machen? Was kann ich machen, um diesem Trend ein Stück entgegenzuwirken? Was kann ich auch machen, dass die Generation, die jetzt heranwächst, nicht in das gleiche Fahrwasser gerät? Und ich möchte euch ein Gegenmittel vorstellen und dann dieses Gegenmittel auch anwenden.
Wir schlagen gemeinsam Hebräer 12 auf. Da steht das Gegenmittel gegen, ich sage es mal, Liebe zur Welt, das Gegenmittel gegen verlorene Liebe zum Herrn. Hebräer 12,1-3. Da heißt es:
Deshalb lasst nun auch uns, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, jede Bürde und die leicht umstrickende Sünde ablegen und mit Ausharren den vor uns liegenden Wettlauf laufen, indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
Und jetzt hört her: Denn betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet und in euren Seelen ermattet.
Matthäus als sorgfältig gebautes Evangelium
Merkt ihr, was das Gegenmittel dagegen ist? Das Gegenmittel gegen eine Beziehung, gegen eine Ehe, die langsam ausgeht, bei der das Feuer verlöscht, ist, dass ich mich mit dem anderen beschäftige. Wenn ich merke, es funkt nicht mehr, dann musst du mehr Zeit mit deinem Ehepartner verbringen und nicht weniger.
Und in dem Moment, wo ein Christ merkt: In meinem Leben ist eigentlich auch diese Beziehung ein Stück weit ausgegangen, dann sollen wir genau das Gleiche machen. Wir sollen hinschauen, dass wir auf Jesus schauen, den Anfänger und Vollender des Glaubens, und uns mit ihm beschäftigen.
Ich denke, da habe ich euch in den letzten Jahren ein bisschen wenig Möglichkeiten gegeben. Ich habe sehr wenig über Jesus gepredigt, und deshalb werde ich jetzt ein bisschen mehr über Jesus predigen. Insofern werde ich meinen Teil dazu beitragen, dieses Gegenmittel auch zu produzieren. Ihr werdet in der nächsten Zeit von mir aus sehr viel über Jesus hören.
Und womit ich anfangen möchte, ist: Ich dachte mir, wir schauen uns einfach ein Evangelium an. Genau, aus der Ecke schallte voraus das Matthäusevangelium, und ihr habt die Folien. Das ist der Versuch, das Matthäusevangelium einfach aus der Vogelperspektive zu betrachten.
Wir nehmen mal die 28 Kapitel, die zu einem großen Teil wirklich sehr interessant sind, viele Dinge, die man so kennt: Bergpredigt, Missionsbefehl, bestimmte Gleichnisse, der Schatz im Acker zum Beispiel oder die Vögel, die da so das Korn auf dem Feld und auf dem Weg wegpicken. All das, was ihr da so kennt, ist Matthäusevangelium.
Was Matthäus ausmacht, und deswegen traktiere ich euch tatsächlich heute Morgen mit so einer Folie, aber nur drei Minuten: Ich habe versucht, euch die Struktur von Matthäus zu zeigen, bevor wir uns dann mit dem Text beschäftigen.
Matthäus ist in sich unglaublich strukturiert aufgebaut. Du hast immer einen Wechsel von Handlung und Rede. Und so kommt man insgesamt zu fünf großen Reden bei Matthäus. Das fängt an mit der bekanntesten Rede, das ist hier die Eins, das ist die Bergpredigt. Dann gibt es noch vier weitere Reden, die sind dann schon nicht mehr so bekannt, aber diese gibt es trotzdem: die Aussendungsrede, die Gleichnisrede, die Gemeinderede und die Endzeitrede.
Also ihr merkt euch: Bei Matthäus ist es so, ich habe immer einen großen Block Handlung, und danach kommt ein großer Block Rede. Dann kommt wieder ein großer Block Handlung, und dann kommt wieder Rede. Dadurch, dass das so strukturiert, schon fast systematisch aufgebaut ist, merkt man schon: Matthäus war nicht einer, der dachte, na ja, ich habe hier so einen Stapel Papier mit Geschichten von Jesus, die schreibe ich einfach mal hintereinander ab, wird schon irgendwas rauskommen. Das war nie sein Ziel.
Er wollte mit dem, was er schreibt, ein Ziel erreichen, ein bestimmtes Ziel. Er hatte eine, wir würden sagen, eine Schreibabsicht. Und deshalb teilt er auch das Evangelium in bestimmte Bereiche ein.
Und wenn ihr es mal durchlest, was ich euch sehr empfehlen kann, dann achtet auf einen bestimmten Satz, einen Einschnitt, der kommt immer wieder vor. Immer da, wo ich hier so ein Dreieck gemalt habe, kommt dieser Satz vor, und ihr merkt: Aha, da ist anscheinend immer irgendwas zu Ende. Und dieser Satz heißt: Nachdem Jesus beendet oder vollendet hatte. Also nachdem Jesus die Reden vollendet hatte, da nochmal vollendet, dann sind hier die Gleichnisse vollendet, ja, und so geht das hier durch.
Wenn ihr eure Bibel aufschlagt, dann habt ihr da Kapitel und Verse drin. Aber die Kapiteleinteilung ist erst relativ spät in die Bibel reingekommen. Eine Kapiteleinteilung gab es nicht vor dem dreizehnten, und eine Verseinteilung nicht vor dem sechzehnten Jahrhundert.
Aber wie haben die Leute damals verstanden, wo hört denn jetzt dein Gedanke auf, Matthäus? Na ja, ihr müsst euch vorstellen: Eine Bibel hatte damals nicht jeder. Das heißt, man hat das vorgelesen. Und man hat nicht vorgelesen: Kapitel eins, Vers eins, und dann den Satz gesagt, weil das gab es nicht. Sondern man hat einfach bestimmte Sätze, die immer wieder kommen, gehört. Und du sagst: Da habe ich ja schon mal gehört. Stimmt, den Satz gab es schon mal bei Matthäus. Und du blätterst zurück und sagst: Ah, da war er schon mal, jetzt kommt er wieder. Und dann liest er weiter und sagt: Da ist er wieder im Einschnitt.
Und so entwickelt sich allmählich eine Struktur für den Leser im Kopf. Und wenn du das zweimal hörst, dann stellst du beim ersten Mal fest: Aha, das ist mein Satz, auf den muss ich achten. Und beim zweiten Mal stellst du fest: Aha, so ist die Struktur von Matthäus. Eine Handlung gehört anscheinend irgendwie zu einer Rede dazu.
Herkunft, Zielgruppe und Botschaft des Evangelisten
Gehen wir noch ein bisschen tiefer ins Matthäusevangelium hinein und schauen uns an, was wir über das Matthäusevangelium ganz allgemein sagen können.
Sein Autor ist der Zöllner Matthäus. An anderer Stelle heißt er auch Levi, aber das braucht euch nicht zu beunruhigen, es ist derselbe.
Wenn man die Aussagen der Kirchenväter, also der Leute, die im ersten Jahrhundert nach Christus gelebt haben, ein wenig zusammenfasst, dann ergibt sich folgendes Bild: Der Zolleinnehmer Matthäus hat wahrscheinlich etwa im Jahr 45 nach Christus eine erste Fassung seines Matthäusevangeliums geschrieben. Damals noch in einer Sprache, die wir heute nicht kennen, nämlich Aramäisch. Etwas später wurde das dann ins Griechische übersetzt, und diese griechische Version ist das, was bei uns Einzug gehalten hat, also als Grundlage in unsere Bibel als Matthäusevangelium.
Griechisch war damals die Umgangssprache, und Matthäus passte einfach sehr gut in die damalige Zeit hinein. Auf der einen Seite musste er als Zöllner mit den Römern zusammenarbeiten, die nicht römisch sprachen, wie man vielleicht meinen möchte, sondern griechisch. Römisch war damals also ziemlich out, das hat man nicht gesprochen. Ja, man sprach griechisch, das war es. Und auch die Römer sprachen griechisch.
Insofern konnte Matthäus, weil er mit ihnen zusammenarbeitete, gut Griechisch. Auf der anderen Seite konnte er natürlich auch das, was man in der Gegend sprach, also Aramäisch und Hebräisch.
Der Stil von Matthäus, das wird euch noch auffallen, ist eher ein wenig nüchtern. Man kann sich vorstellen, dass er so ein typischer Beamter war: nicht viel Ausschmückung, nicht viel drumherum. Ganz anders als Markus, der wahrscheinlich noch die Predigten von Petrus im Blick hatte. Da geht es richtig zur Sache, mit kleinen Nuancen; das spart sich Matthäus alles.
Dann haben wir die Zielgruppe. Das Matthäusevangelium ist eigentlich an Juden geschrieben, und man merkt das daran, dass er ein bestimmtes Vorverständnis hat. Bestimmte Begriffe, was ein Pharisäer ist, was ein Sadduzäer ist, wer Herodes ist, das wird nie erklärt. Wenn wir also jetzt durch Matthäus gehen, werde ich euch ab und zu Begriffe erklären, weil Matthäus einfach voraussetzt, dass seine Leser schon wissen, wer das ist.
Eine andere Sache ist, dass Matthäus hier einfach Zitate von Propheten bringen wird, einige Zitate von Propheten, und er erwartet, dass seine Hörer wissen, wer diese Propheten sind, wann sie gelebt haben, was sie gesagt haben und warum sich das eigentlich auf Jesus bezieht. Das setzt er einfach voraus. Ich werde euch das in den nächsten Malen erklären.
Und er hat bestimmte Schwerpunkte. Er schreibt zum Beispiel viel über Petrus. In keinem anderen Evangelium werdet ihr mehr über Petrus finden. Petrus ist die Figur, über die es kapitelweise heißt: Petrus, Petrus, Petrus, und Petrus sagte, und Petrus machte. Ja, warum das? Weil Petrus der Mann ist, der den Juden das Evangelium gebracht hat. Er war der Mann, der sich an Pfingsten als erster Missionar hingestellt und gesagt hat: Ich erkläre euch jetzt das Evangelium. Und danach haben sich ein paar tausend Leute bekehrt.
Es ist natürlich logisch, wenn ich ein Evangelium für Juden schreibe, dass ich den Schwerpunkt auf den Mann und auf die Entwicklung dieses Mannes lege. Da muss man sagen: Ja, das ist echt von Interesse für mich als Jude, mal zu hören, wo Petrus herkommt. Wie ging das mit Petrus? Wie hat er verstanden, dass Jesus der Messias und der einzige Retter ist? Das interessiert mich. Und wenn ich jetzt den Juden schreibe, dann schreibe ich natürlich das.
Oder am Ende von Matthäus werden wir sehen: Die Zeugen, die Matthäus dafür bringt, dass Jesus wirklich der Messias ist, das sind alles Zeugen, die nicht Jünger von Jesus waren. Also bringt er nur Leute, die für einen Juden auch annehmbar sind, weil du natürlich sagen würdest: Ein Jünger ist von vornherein befangen. Du findest keinen Jünger, der als Zeuge herangeführt wird. Du findest einen römischen Hauptmann, du findest Leute, bei denen man gedacht hätte: Wie kannst du die zitieren? Aber die hörst du.
Und so könnte man noch andere Schwerpunkte nennen, die uns zeigen, dass Matthäus tatsächlich die Juden als Zielgruppe hat. Seine Botschaft lautet: Jesus ist der König. Er ist der verheißene König, im Alten Testament verheißen, der sich offenbart hat, der von seinem eigenen Volk verworfen wird, aber Matthäus wird uns auch sagen: Er ist der König, der wiederkommt.
Der König, der verworfen wird
Und die vier Evangelien beschreiben Jesus jeweils aus einer anderen Perspektive heraus. Matthäus beschreibt ihn als den König, Markus als den Knecht, Lukas als den vollkommenen Menschen, Johannes als den Sohn Gottes, vom Himmel gekommen, Gott selbst. Vier Perspektiven, eine Person. Das heißt: vier Facetten desselben Lebens.
Und Matthäus legt jetzt auch hier wiederum in seiner Botschaft Jesus als den König dar. Er ist der, der im Alten Testament verheißt worden ist. Er ist der, der den Thron Davids übernehmen wird, der vollkommene König, der über sein Volk herrscht.
Er wird dabei auch wiederum einen Schwerpunkt setzen, und dieser Schwerpunkt liegt darauf, dass er verstossen wird. Und von Anfang an werden wir lesen, dass Jesus verstossen ist. Es beginnt eigentlich schon vor seiner Geburt. Die Geburt ist so, dass Joseph Maria verstossen hätte, wenn Jesus nicht eingegriffen hätte. Und dann ist das Baby da, und was passiert? Sofort Verfolgung. Herodes will ihn am liebsten gleich kalt machen, es gelingt ihm nicht. Und so könnte man weiter fortfahren.
Wie ergeht es Johannes dem Täufer, der ihn ankündigt? Wie endet er? In einer Villa am Toten Meer, ah ah, ohne Kopf in einem Kerker. Wieder wird sein Herold umgebracht. Was passiert, als Jesus zum ersten Mal durchblicken lässt, dass er Gott ist? Die Leute heben Steine auf und wollen ihn steinigen, und und und und.
Und nirgendwo wird das stärker betont als hier bei Matthäus. Aber kommen wir zum Text.
Der Stammbaum als erste Bewährungsprobe
Nehmen wir an, es ist eine ganz typische Szene: Du hast einen guten Freund, und du redest deinen guten Freund dazu, doch mal in der Bibel zu lesen. Wo soll ich denn anfangen? Soll ich bei 1. Mose anfangen? Nein, nein, nicht 1. Mose, das ist zu kompliziert. Fang mal beim Neuen Testament an, denkst du dir nichts Böses dabei. Und der macht seine Bibel auf, fängt im Neuen Testament an, liest, und nach ungefähr drei Versen bleibt er erschrocken stehen und sagt: Hä, was denn das? Kannst du mir erklären, was das soll?
Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak, Isaak aber zeugte Jakob, Jakob aber zeugte Juda und seine Brüder, Juda aber zeugte Perez und Serach von der Tamar, Perez aber zeugte Hezron, Hezron aber zeugte Ram.
Und dann hören die Leute auf zu lesen, spätestens an der Stelle. Weil sie schon mit den Augen sehen, dass das noch mindestens 14 Verse weiter so geht. Und es ist wirklich die Frage: Warum?
Ich lese eine ganze Menge christlicher Traktate zum Weitergeben. Ich muss echt sagen: Wenn ich so ein Ding in die Hände bekäme, das so anfängt, ihr werdet es nie am Büchertisch finden, garantiert nicht. Es ist schon ziemlich heftig, wenn man das in die Hand gedrückt bekommt. Und trotzdem fängt genau so das Neue Testament an.
Ist das nicht eine irre Hürde? Ist das nicht anti Public Relation? Das weiß ich ja. Also Anti-Werbung. Ist das nicht genau das, was man nie machen würde? Und man kann sagen: Ja und Nein.
Ja, aus unserer Perspektive, weil wir damit nicht so viel anfangen können. Und total nein, wenn wir uns in die Situation eines Juden versetzen. Und das müssen wir jetzt einen Moment lang tun: in die Erwartungshaltung eines Juden hineinversetzen, der das erste Mal das Neue Testament aufschlägt und sich die Frage stellt: Kann Jesus von Nazareth, wie die Christen behaupten, eigentlich mein Messias sein? Geht das überhaupt?
Die messianische Identität wird überprüft
Und dazu müssen wir uns Folgendes überlegen: Wie kriege ich genau eine Person identifiziert? Also, du möchtest mich herausfischen aus 6,3 Milliarden Menschen. Wie machst du das? Du brauchst ein paar Merkmale, bei denen ich anders bin als andere Leute.
Und ich gebe dir mal ein paar Merkmale, wie du mich aus 6,3 Milliarden Menschen herausfischen kannst, mit ganz wenigen Angaben. Zum Beispiel: Mein Vorname ist Jürgen. Da fallen schon eine ganze Menge Milliarden weg. Mein Nachname ist Fischer. Naja, das ist nicht ganz so berauschend. Da bleiben noch einige übrig. Aber Jürgen Fischer schränkt es schon ein, nur weil ich den Namen genommen habe.
Aber es geht weiter. Ich wohne in Berlin. Ah, da haben wir jetzt nur noch 1500, weiß ich nicht, einige. Es gibt einige Jürgen Fischer. Versucht mich nie im Telefonbuch zu finden. Aber wenn ihr mich schon finden wollt, dann nehmt noch eine Information dazu. Wie wäre es mit Gerlinger Straße 18? Wir sind bei vier Informationen, und du hast mich eigentlich direkt getroffen. Durch einen irren Zufall mag es just in der Gerlinger Straße 18 noch einen Jürgen Fischer geben, also nehmen wir noch Erdgeschoss links. Und damit hast du mit fünf Angaben mich aus sechs Milliarden Menschen herausgezogen.
Und genau das tut das Alte Testament. Das Alte Testament hat Prophezeiungen auf den Messias. Man spricht von über dreihundert Stück. Und diese Prophezeiungen beschreiben exakt eine Person. Und jeder Jude wird natürlich sagen: Also wenn du behauptest, dass Jesus der Messias ist, dann muss er alle diese Vorgaben auch erfüllen. Tut er das denn?
Und das Erste, was er fragen wird, ist: Hat er eigentlich den richtigen Stammbaum? Wo kommt der Kerl eigentlich her, den du mir da als Messias, als Retter, als König verkaufen willst? Und deswegen heißt mein erster nächster Punkt: der richtige Stammbaum.
Und jeder, der schon ein bisschen in der Bibel gelesen hat, wird feststellen, es gibt zwei Stück davon in der Bibel: einen bei Matthäus, das ist der, auf den wir gleich eingehen, und einen zweiten bei Lukas. Und die sind unterschiedlich. Man kann sich die Frage stellen: Warum sind die unterschiedlich? Das ist doch die gleiche Person, sie sollte irgendwie den gleichen Stammbaum haben.
Und die einfachste Erklärung ist die, dass Matthäus uns den Stammbaum berichtet von Josephs Seite her, und Lukas beschreibt den Stammbaum einfach von Marias Seite aus. Damit habe ich zwei unterschiedliche Stammbäume, die eng miteinander verwoben sind, auch manchmal sich so ein bisschen kreuzen. Aber damit kann ich verstehen, warum wir zwei Stammbäume haben. Logisch, weil man halt Papa und Mama hat. Warum die unterschiedlich sind, und das, was sie brauchen, kann ich heute nicht erklären, aber das könnt ihr euch selber zuhause überlegen.
Ich will euch nur zeigen, was es heißt in Lukas 3. Da heißt es in Vers 23: Und er selbst, Jesus, war ungefähr dreißig Jahre alt, als er auftrat und war, wie man meinte, ein Sohn des Josef, des Eli. An dieser Stelle denkt selber noch ein bisschen weiter, es ist nur: wie man meinte. Hier beginnt jetzt der Stammbaum Marias, und er wird zurückgeführt bis auf Adam.
Aber kommen wir zu den beiden Herren, die am Anfang des Matthäus-Evangeliums stehen: Buch des Geschlechts Christi Jesu, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Ein Messias muss zwingend diese beiden, man nennt das Verheißungsträger, diese beiden Herren in seinem Geschlechtsregister aufweisen.
Ihr könnt das nachlesen in 1. Mose 22,18. Nachdem Abraham seinen Sohn Isaak opfern sollte und auch dazu bereit war, bekommt er eine Verheißung, und diese Verheißung heißt, ein bisschen platt formuliert: Einer deiner Nachkommen wird der Messias sein. Das heißt, jeder Jude wird zuerst fragen: Ist Abraham in seinem Stammbaum dabei? Und Matthäus fängt damit an: Ja.
Und die zweite Frage wird sein: Ist die zweitwichtigste Person auch im Stammbaum dabei, nämlich David? Denn David hat in 1. Chronika 17 diese Verheißung bekommen, dass auf seinem Thron, aus seinem Haus, das heißt aus seiner Nachkommenschaft, der Messias kommen wird. Und gleich Matthäus sagt: Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.
Und jeder Jude wird innerlich jetzt erst mal sagen: Okay, das war die erste Hürde. Er hat anscheinend den richtigen Stammbaum, den richtigen Hintergrund.
Ein Stammbaum der Gnade und der Aussenseiter
Und wenn wir uns den Stammbaum anschauen, wenn wir ein bisschen lesen: Abraham zeugte Isaak, Isaak aber zeugte Jakob, Jakob aber zeugte Juda und seine Brüder, Vers 6. Isai aber zeugte David, den König. David aber zeugte Salomo von der Frau des Uria. Und dann, Vers 16: Jakob aber zeugte Joseph, den Mann Marias, von welcher Jesus geboren wurde, der Christus genannt wird.
Dann merkt ihr: Der Stammbaum fängt oben an bei Abraham, zieht sich über David durch und kommt am Ende tatsächlich bei Jesus heraus.
Und ich möchte euch zeigen, dass dieser Stammbaum eigentlich eine Schande ist. Also, wenn wir uns einen König anschauen, dann wäre das wahrscheinlich der Stammbaum, den wir sofort unterschlagen hätten. Da sind so viele Typen drin, mit denen wir nichts zu tun haben wollen, dass es uns wirklich wundern muss, warum der Messias sich nicht einen etwas angemesseneren Hintergrund geschaffen hat.
Es ist nämlich zum einen ein Stammbaum der Gnade. Abraham und David machen da keinen Unterschied. Ihr lest ihre Leben durch und ihr stellt fest: Abraham lügt einfach mal. Seine Frau? Ja, eigentlich bin ich nicht mit ihr verheiratet. Ja, und ein anderer heiratet sie oder will sie heiraten. Puh. Ja, dann denkst du dir: Okay, das hast du jetzt einmal gemacht, Abraham. Und er macht es gleich noch einmal. Dann denkst du dir: Abraham, hast du nicht verstanden, dass es kein Mann ist, der total perfekt wäre?
Oder David. Ich meine, David braucht man fast nichts zu sagen. David, ein Mann nach dem Herzen Gottes. Ein Mann nach dem Herzen Gottes, Jürgen. Da war doch die, wie heißt das hier im Text, zeugte mit der Frau des Uria. War da nicht so eine Geschichte mit Batseba, Ehebruch, Mord, danach furchtbare Zeiten innerhalb der Familie, Inzest, Revolution, Aufstand, Bürgerkrieg? Ja, das stimmt.
Und trotzdem bin ich dankbar dafür, dass Jesus diese Leute in seinem Stammbaum hat, weil es mir zeigt, dass Gott treu ist. Es zeigt mir, dass, wenn er solche Leute als seine Vorfahren hatte, ich, der ich nicht besser bin als ein Abraham und auch schon gelogen habe, ich, der ich nicht besser bin als ein David und das vielleicht noch nicht öffentlich gemacht habe mit einer anderen Frau, aber wie oft in Gedanken, wie oft ist dieser Reiz da, dass ich sagen kann: Wenn die zwei dazugehören, dann weiß ich, anscheinend ist bei Jesus auch für mich Platz.
Frauen im Stammbaum und die Logik der Gnade
Und wenn ich das noch nicht ganz an der Stelle sehen würde: Der Stammbaum ist nicht nur ein Stammbaum der Gnade, er ist auch ein Stammbaum der Außenseiter. Und das wird besonders an der Stelle deutlich, wo Frauen in diesen Stammbaum eingefügt werden.
Da haben wir es zum Beispiel in Vers 3 mit Tamar zu tun. Tamar ist eine Heidin, das ist nicht schlimm. Tamar ist die Schwiegertochter von Juda, das ist auch noch nicht schlimm. Und Tamar war verheiratet mit zwei Söhnen von Juda. Das kann passieren, denn der erste ist gestorben. Aber wie ihr lest, hat sie Söhne von Juda.
Wie kam es denn dazu, dass sie mit ihrem Schwiegervater Söhne gezeugt hat? Nun, es gab da eine Zeit, in der Tamar nicht warten wollte, und sie hat sich einfach als Prostituierte ausgegeben. Es war nicht ihr Beruf, aber an einer bestimmten Stelle hat sie einfach ihren Schwiegervater, na ja, wir würden es freundlich formulieren, reingelegt. Und am Ende waren da zwei Babys.
Oder schauen wir uns die nächste an: Rahab. Rahab war dann von Beruf Prostituierte, auch eine Heidin, und lebte in Jericho. Und was macht sie? Sie versteckt die israelitischen Spione. Und nachdem Jericho eingenommen ist und alles, was in Jericho lebt, umkommt, ist sie die Einzige, die überlebt. Und Rahab ist ein Vorbild für Glauben.
Du sagst dir: Das ist doch eine Prostituierte, die hat doch Hochverrat begangen. Eine Prostituierte, die Hochverrat in ihrem Volk begeht, ist ein Vorbild für Glauben. Anscheinend müssen wir noch viel lernen im Umgang mit Gott, der bereit ist, Leute in seine Verheißungslinie aufzunehmen, wo wir sagen würden: Wenn die in meiner Verwandtschaft wäre, die würde ich nie zum Geburtstag einladen. Und Jesus sagt: Ich lade sie nicht nur zu meinem Geburtstag ein, sondern ich mache sie einfach mal zur Ur-Ur-Ur-Ur-Oma von Jesus.
Oder eine Dritte: Ruth. Und jetzt Batseba habe ich hier nur in Klammern geschrieben, über die können wir auch reden. Aber da ist dann Ruth, eine Moabiterin, ist halt so. Eigentlich hat sie gar nichts im Volk Israel verloren. Und trotzdem nimmt Gott sie mit rein.
Es ist ein Stammbaum, in dem die, die eigentlich von den anderen ausgestoßen werden, dazugehören. Da wird gesagt: Mit denen nicht. Aber Gott sagt: Die gehören dazu. Und damit ist der Stammbaum auch eine Abbildung der Gemeinde. Denn letztlich ist Gemeinde das Becken, in dem sich die sammeln, die sagen: Eigentlich bin ich nicht besser als Abraham und David und Tamar und Rahab, eigentlich bin ich genauso. Und ich weiß auch nicht, wie sich das in meinem Leben jemals ändern sollte, ich bin so.
Und wenn man das verstanden hat, dann sagt Jesus: Wunderbar, jetzt passt du zu mir wie ein Abraham und wie ein David und wie eine Tamar und eine Rahab. Jetzt bist du passend für mich, jetzt kannst du kommen.
Warum der Stammbaum heute nicht mehr überprüfbar ist
Heute gibt es das alles nicht mehr. Wenn heute jemand kommt und sagt: Ich bin der Messias, dann können wir nur sagen: Es mag sein, dass du das glaubst, beweisen kannst du es nicht. Wenn heute jemand sagt: Ich bin ein Nachkomme Davids, dann kannst du sagen: Das magst du glauben, aber beweisen kannst du es nicht.
Denn all diese Geschlechtsregister, all diese langen Listen von Namen, wer wann und wie von wem abstammte, sind alle im Jahr 70 nach Christus bei der Zerstörung des Tempels mit verbrannt. Und heute kann niemand mehr sagen, zu welchem Stamm Israels er gehörte oder wo seine Vorfahren dazu gehörten. Heute gibt es diese Genealogien, diese Geschlechtsregister, nicht mehr.
Das war's. Aha, Jesus hat tatsächlich den richtigen Stammbaum.
Die Bedeutung der Jungfrauengeburt
Und jetzt zeige ich euch noch kurz, dass er auch die richtige Geburt hat. Man diskutiert heute sehr viel darüber, ob Jesus wirklich von einer Jungfrau geboren wurde oder nicht. Aufgeklärte Theologen meinen, es sei besonders schick, das anzuzweifeln.
Vielleicht reicht es von hier vorne zu sagen: Wenn die Jungfrauengeburt fällt, stürzt das gesamte christliche System in sich zusammen. Eine Theologie, die nicht mehr die Jungfrauengeburt kennt, ist nicht nur eine unbiblische, sondern überhaupt keine Theologie mehr. Denn Jungfrauengeburt heißt: Gott wird Mensch. Und weil Gott Mensch wird, ist Jesus beides. Er ist Mensch und Gott in einem.
Und das ist das, was der Begriff „eingeboren“ eigentlich sagen will. Eingeboren, das ist nicht der Aborigines, es ist der Einzigartige, der Einziggeborene, der, von dem es genau einen gibt. Und das ist Jesus. Er ist der Einzige, bei dem du sagen kannst: Er ist Mensch und Gott, ganz Mensch, ganz Gott, in einem vereint.
Das sprengt mein Denkvermögen und deins auch, das ist mir klar. Aber versuche es erst einmal zu verstehen: Jesus ist ganz Mensch und ganz Gott. Und weil er das ist, deswegen bekommt das Evangelium Sinn. Als Mensch kann er das stellvertretende Opfer sein, als Gott hat dieses Opfer Qualität und Größe, um die Schuld der gesamten Menschheit zu bedecken.
Jesus muss ganz Mensch und ganz Gott sein, damit er dich erretten kann. Wäre er weniger, wäre er für uns nicht wirklich hilfreich.
Jesus als mehr als nur moralischer Lehrer
Ein anderer Gedanke noch: Heute gibt es viele Leute, die sagen: Ja, Jesus ist ein guter moralischer Lehrer, und ich finde das toll, was er in der Bergpredigt sagt. Wenn sich doch bloß alle Leute danach richten würden. Aber dass er von sich behauptet hat, Gott zu sein, das geht mir deutlich zu weit.
Nur so viel: Wer Jesus annimmt, muss ihn ganz annehmen, entweder als Mensch und Gott oder gar nicht. Wer behauptet, dass er einfach nur ein moralischer Lehrer sei, aber im Hinblick auf die Gottheit und seine Aussagen, er sei Gott, hat er uns alle angelogen, der macht es sich zu einfach. Das passt nicht.
Wer behauptet, er sei ein moralischer Lehrer, der muss sich fragen, woher das kommt. Er ist deshalb ein so hoher moralischer Lehrer, weil er Gott ist. In ihm liegt einfach göttliche Weisheit verborgen, und die leuchtet dann an allen Ecken und Kanten hervor. Sie taucht in allen Gesprächen wieder auf, in jeder Antwort, die er gibt.
Die Spannung zwischen Verlobung und öffentlicher Schande
Vers 18 Mit der Geburt Jesu verhielt es sich aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef verlobt war, wurde sie, ehe sie zusammengekommen waren, schwanger erfunden von dem Heiligen Geist.
Es heißt hier, dass die beiden verlobt waren. Die Hochzeit im biblischen Sinne verläuft in zwei Stufen. Da gibt es einmal die Verlobung, das heißt dann Kidduschin. Das ist so etwas wie die rechtliche Seite. Man unterschreibt den Vertrag, das machen manchmal die Eltern, ohne dass die Kinder gefragt werden. Man bezahlt den Brautpreis, und dann war man eigentlich Mann und Frau.
Wenn wir jetzt von Verlobung sprechen, so wie bei euch beiden, ist das ein bisschen etwas anderes. Ihr seid noch nicht verheiratet. Die beiden waren verheiratet, nur eben auf einer niedrigeren Stufe. Sie waren verheiratet, aber sie wohnten noch nicht zusammen. Praktisch war da noch nichts passiert. Und das dauerte manchmal auch bis zu einem Jahr, bis es dazu kam.
Das heißt, Maria ist zu dem Zeitpunkt, wo das hier passiert, wo sie schwanger wird, tatsächlich schon Josefs Frau, obwohl sie noch nicht mit ihm zusammenwohnte. Der zweite Schritt, das heißt Huppa oder auf Deutsch Heimholung, kommt erst noch. Das ist die Feier, bei der dann der Mann zum Haus der Braut geht und dort sagt: Jetzt hole ich dich ab, und jetzt ziehen wir zusammen. Das stand noch aus.
Und jetzt taucht ein Problem auf. Gott trifft seine Auswahl in Vers 18: Maria. Und jetzt kommt sie nach einem Besuch, nach einem längeren Besuch bei ihrer Verwandten Elisabeth, zurück. Und du denkst dir: Ja, sie hat ganz schön zugenommen. Was ist denn das für ein Bäuchlein, das du da vor dir herschiebst? Er ist auch ein bisschen ungewöhnlich von der Form her. Ist da was passiert?
Und Josef denkt sich: Schade. Ich habe sie eigentlich anders eingeschätzt. Ich habe gedacht, Maria macht das nicht, aber sie ist tatsächlich fremdgegangen in der Zeit, in der sie bei Elisabeth war, wahrscheinlich vielleicht schon vorher. Ach, schade, wie kann man sich so täuschen bei einer Frau.
Und Josef ist dabei, zu überlegen: Okay, ich war es nicht, das weiß ich. Also muss es jemand anders gewesen sein. Ich entlasse sie heimlich. Ich mache da keinen großen Wirbel drum, aber verheiratet bleibe ich mit ihr nicht. Ich werde mich scheiden lassen.
Gottes Eingreifen, Josephs Gehorsam und der Name des Kindes
Und in diese Situation hinein spricht jetzt Gott und erklärt ihm einiges in den Versen 20 bis 23. Gott kommt und klärt Joseph auf, jetzt nicht in dem Sinne, wie er Aufklärung vielleicht versteht, sondern über das, was da mit Maria passiert war. Er sagt: Maria ist nicht fremdgegangen. Das ist das Erste, was er ihm beibringt. Da braucht er keine Sorge zu haben. Das Kind ist da, es ist ein echtes Kind, aber es ist vom Heiligen Geist. Da steckt kein anderer Mann dahinter. Sei ganz zuversichtlich.
Das Zweite, was er ihm mitteilt, steht in Vers 21. Er sagt: Es wird ein Sohn werden. Und noch etwas: Nenn ihn Jesus. Das wäre schön, wenn du ihn Jesus nennen könntest. Aha, denkt sich Joseph, es wird ein Sohn werden, Jesus soll er heißen. Übrigens steht in Lukas 1,31, dass Maria die gleiche Information von dem Engel bekam.
Und jetzt müsst ihr euch die beiden vorstellen, ja? Er nimmt sie dann irgendwann zu sich, sie sitzen beieinander, und irgendwann fragt Joseph Maria: Du, was meinst du eigentlich, was das wird? Maria sagt: Na, das ist doch ganz klar, so ein Junge. Woher weißt du das denn? Was hat mir der Engel gesagt? Ah ja, hast du schon einen Namen für den Jungen? Wir könnten ihn doch Joseph nennen, so wie ich.
Maria druckst vielleicht ein bisschen rum und sagt: Hm, ich hätte einen anderen Namen. Was hältst du davon, wenn wir Jesus nennen? Jesus, denkt sich Joseph, warum denn Jesus? Ja, das hat auch der Engel gesagt. So passt etwas zusammen, und die zwei stellen fest, unabhängig voneinander haben sie das Geschlecht und den Namen, und das sind ziemlich eindeutige Kriterien für ihr Kind bekommen. Und sie reden miteinander und merken: Da ist Gott wirklich dahinter. Das ist nicht nur Einbildung. Und es passt plötzlich wieder.
Und da wird etwas, was natürlich erst einmal als Zumutung aufgefasst werden muss und was einen Spalt in eine Ehe hineintreiben kann, wieder gekittet, einfach durch solche kleinen Informationen. Und dann wird dieser Sohn, er wird Jesus heißen. Das bedeutet: Gott rettet. Und das ist natürlich Auftrag, Gott rettet. Gott wird Mensch, nicht einfach, um den Menschen irgendetwas zu illustrieren, sondern um die Menschen zu retten, um das Opfer zu bringen, das ein für allemal reichen wird für alle Schuld der Welt, so wie Johannes der Täufer dann sagen wird: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt. Das ist Jesus. Das ist der, von dem ich mir wünsche, einfach in den nächsten Monaten mehr zu predigen.
Und dann noch ein Hinweis in Vers 22. Da sagt er, ich lese es euch vor: Dies alles aber geschah, damit erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten, der spricht: Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Immanuel nennen. Das heißt, das Letzte, was Gott Joseph noch mitgibt, ist: Schlag doch mal deine Bibel auf. Was findest du denn da? Ah, Jesaja 7, ja, was steht da? Die Jungfrau wird schwanger werden. Und was war Maria? Sie war Jungfrau. Und was wird sie? Schwanger werden.
Und plötzlich versteht Joseph. Es ist eine Ausnahmesituation, in der er sich befindet. Aber er hat jetzt alle Informationen zusammen. Er weiß von Gott, wer das Kind gezeugt hat, wozu das Kind gezeugt ist. Er hat diese Informationen, die ihm zeigen werden, dass Maria das Gleiche wusste. Und jetzt kommt quasi der Abgleich mit der Bibel: Findet sich das irgendwo im Alten Testament, ist das verheißt? Ja, es ist verheißen: Die Jungfrau wird schwanger werden.
Und dann bekommt er diesen Namen, man müsste vielleicht besser sagen: Titel. Im Alten Testament heißt es Immanuel, hier ist die griechische Fassung Emanuel. Und das bedeutet so viel wie: Gott mit uns. Und jetzt stellt euch vor, Joseph hält das Kind in der Hand und schaut auf dieses Kind, und das können vielleicht nur die, die schon mal ... und sagt: Das ist Gott mit uns. Könnt ihr euch das vorstellen? Gott mit uns. Ja, und du legst das Kind wieder zurück in die Krippe und denkst dir immer wieder: Gott mit uns. Wahnsinn, was ist da passiert?
Gehorsam als Antwort auf Gottes Offenbarung
In den letzten beiden Versen erwacht Joseph aber vom Schlaf, tut, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hat, und nimmt seine Frau zu sich. Da kommt jetzt der zweite Schritt in der Hochzeit: Er holt sie zu sich, obwohl ihn viele an dieser Stelle verspottet haben mögen. Viele werden gesagt haben: Wie kannst du diese Ehebrecherin zu dir nehmen?
Er gehorcht Gott und ist bereit, um Christi willen, wie es so schön heißt, Schmach zu tragen und sich auslachen zu lassen, sich als einen hinstellen zu lassen, dessen Frau wirklich fremdgegangen ist. Und er geht diesen Weg um Christi willen und wird zum Vater des Messias.
Darum ging es mir: die richtige Geburt, Gottes Auswahl in Vers achtzehn, Gottes Zumutung an Joseph in Vers neunzehn, Gottes Erklärung in Vers zwanzig bis dreiundzwanzig und dann am Ende in Vers vierundzwanzig und fünfundzwanzig: Gott findet Gehorsam. Das heißt, Jesus hat tatsächlich den richtigen Stammbaum, und Jesus hat die richtige Geburt.
Ich habe mir gedacht, ich gebe euch ein paar Gedanken mit. Das habt ihr auch da, worüber ihr euch heute Nachmittag beim Kaffee Gedanken machen könnt. Wäre es nicht eine schöne Sitte, wieder am Nachmittag über die Predigt vom Vormittag nachzudenken?
Hier ist eine Idee, worüber man sich Gedanken machen kann: Vergleicht die Geburt Jesu mit der Geburt von Johannes dem Täufer. Ihr werdet einiges an Parallelen finden, aber auch einiges an Unterschieden. Denkt darüber nach, warum es diese Unterschiede gibt.
Ansonsten werden wir uns, wenn ich das nächste Mal dran bin, dann im Text fortbewegen und anschauen, wie jetzt die Menschen, die damals lebten, auf sein Kommen reagiert haben.
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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