
Matthäus 5,7-5,724.02.2002
Serie•Teil 15 / 37Matthäus-Evangelium
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Ein vertrauter Einstieg und die Frage nach dem Nächsten
Ich möchte heute Morgen eine Kindergeschichte vorlesen. Zumindest hat man den Eindruck, wenn man den Text aufschlägt, dass jeder ihn kennt. Und wenn man solche Texte hat, die jeder kennt, dann kann man sie ruhig als Einleitung nehmen, während die Notizen zur Predigt noch herumliegen.
Der Text befindet sich im Lukasevangelium, und zwar in Kapitel 10. Dort heißt es:
Und siehe, ein Gesetzgelehrter stand auf und versuchte ihn, nämlich Jesus, und sprach: Lehrer, was muss ich getan haben, um ewiges Leben zu erben? Jesus aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Wie liest du? Er beantwortete und sprach: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand und deinen Nächsten wie dich selbst. Er sprach aber zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu dies, und du wirst leben.
Indem er aber sich selbst rechtfertigen wollte, sprach er zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Jesus aber erwiderte und sprach: Ein Mensch ging, und jetzt kommt die Geschichte her, ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter die Räuber. Die ihn aber auszogen und ihm Schläge versetzten und weggingen und ihn halbtot liegenließen.
Von ungefähr aber ging ein Priester jenen Weg hinab, und als er ihn, das ist diesen Halbtoten da liegen sah, ging er an der entgegengesetzten Seite vorbei. Ebenso aber kam auch ein Levit, der an den Ort gelangte und ihn sah, wie er da so lag, und ging an der entgegengesetzten Seite vorüber.
Aber ein Samariter, der auf der Reise war, kam zu ihm hin, und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt. Und er trat hinzu und verband seine Wunden und goss Öl und Wein darauf. Und er setzte ihn auf sein eigenes Tier, einen Esel oder ein Pferd, und führte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn, sprich: Er hat für ihn bezahlt. Und am folgenden Morgen zog er zwei Denare heraus und gab sie dem Wirt und sprach: Trage Sorge für ihn, und was du noch dazu verwenden wirst, werde ich dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.
Was meinst du jetzt, spricht wieder Jesus zu dem Schriftgelehrten, der sich selbst rechtfertigen wollte: Was meinst du, wer von diesen dreien der Nächste dessen gewesen ist, der unter die Räuber gefallen ist? Der die Barmherzigkeit an ihm übte. Jesus aber sprach zu ihm: Geh hin und handle ebenso.
Der Blickwechsel, den Jesus auslöst
Was Jesus hier in der Geschichte macht, ist, dass er eine falsche Haltung aufdeckt. Der Gesetzesgelehrte kannte die Gebote und wollte trotzdem durch einen klugen Schachzug die Gebote umgehen. Er stellt nämlich eine Frage und sagt: Ja, ja, ich soll meinen Nächsten lieben, das weiß ich schon. Aber wer ist denn eigentlich mein Nächster? Versteht ihr: Wenn nicht jeder mein Nächster ist, dann muss ich ja auch nicht alle lieben. Ist doch klug.
Und Jesus benutzt diese Geschichte vom barmherzigen Samariter, um einfach mal die Blickrichtung umzudrehen. Er macht dem Mann klar: Es geht nicht darum, wen du in deine Kategorie „mein Nächster“ steckst, sondern es geht um die Frage, wem werde ich Nächster? Wem bin ich Nächster, einfach durch mein Leben, beziehungsweise wem kann ich Nächster sein?
Ich denke, wir stimmen alle miteinander darin überein, dass heute, zweitausend Jahre später, in unserer Welt ein ganz enormer Bedarf an barmherzigen Samaritern besteht. An Menschen, die auf praktische Weise Liebe üben und sich um andere kümmern. Das soll heute unser Thema sein: Barmherzigkeit. Und ich möchte versuchen, den Wert und die Wichtigkeit von Barmherzigkeit euch vor Augen zu stellen und auch ein klein wenig darüber nachzudenken, wie Barmherzigkeit praktisch aussehen kann in unserem Leben.
Bevor ich das tue, will ich euch aber den Predigttext vorlesen, um den es heute gehen soll. Er befindet sich in der Bergpredigt. Es ist die fünfte Seligpreisung, und die fünfte Seligpreisung in Matthäus 5,7 heißt: Glückselig die Barmherzigen. Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren. Matthäus 5,7.
Vom Weg zu Gott zum Leben mit Gott
Mich hat interessiert, wie diese unterschiedlichen Glückseligpreisungen oder Seligpreisungen eigentlich zusammenpassen. Ich habe versucht, euch in den letzten Predigten Schritt für Schritt ein Stück weit mitzunehmen.
Wir haben gesehen, dass Jesus in den ersten vier Seligpreisungen einen Weg aufzeigt, wie ein Mensch Schritt für Schritt zu Gott kommt. Wir haben uns die erste Seligpreisung angeschaut, in der der Mensch sich als bettelarm im Geist Gott zur Verfügung stellt. Er sagt: Ich habe nichts mehr. Ich stehe vor dir, Gott, als einer, der leere Hände hat. Ich kann überhaupt nichts bringen. Ich bin unfähig, mein eigenes Schicksal zu verändern. Ich brauche dich. Das war die erste Seligpreisung.
Es folgte die zweite Seligpreisung, die mehr mit unserem Gefühlsleben zu tun hatte. Der Mensch, der vor Gott steht und sich seiner Armut und Hilflosigkeit bewusst ist, ist derselbe, der sagt: Ich bin so traurig über mein eigenes Leben, weil ich in meinem Leben so viele Dinge finde, die da nicht hineingehören, und ich werde sie nicht los. Kannst du mir bei meiner Sünde und bei meiner Schuld helfen? Das war der zweite Schritt auf Gott zu.
Der dritte Schritt hat etwas mit der Bereitschaft zu tun, Gott zu gehorchen, Gott zu folgen und das anzunehmen, was er mir sagt, dass ich tun soll. Es geht darum, dann den Weg, den er vorschlägt, bereitwillig zu gehen. Die vierte Seligpreisung hatte etwas mit dem inneren Antrieb zu tun, den ein Mensch auf dieser Reise braucht: Hunger, Hunger nach Gottes Gerechtigkeit, Hunger danach, mit Gott ins Reine zu kommen, eine leidenschaftliche Sehnsucht, endlich Gott auf seiner Seite zu wissen.
Und solchen Menschen, Menschen, die sich auf diese Reise durch diese verschiedenen Schritte einlassen, verspricht Gott, dass sie in sein Reich kommen, dass sie getröstet werden, dass sie seine Segnungen erhalten. Und schließlich verspricht er ihnen, dass er sie gerecht macht. Das sind die ersten vier Schritte, die ersten vier Seligpreisungen gewesen.
Die fünfte Seligpreisung geht nun in eine andere Richtung. Waren die ersten vier eine Beschreibung des Weges eines Menschen zu Gott, geht es jetzt vielmehr um die Frage: Ja, wie lebt ein Mensch denn mit Gott?
Gelebte Liebe als Kennzeichen des Glaubens
Also geht es nicht mehr so sehr um das Innere. Es geht nicht mehr so sehr um die Frage: Bin ich traurig über meine Sünde? Bin ich bereit zum Gehorsam? Habe ich wirklich Sehnsucht und Hunger nach Gottes Gerechtigkeit? Und verstehe ich, wie ich vor Gott dastehe?
Es geht mehr um die Frage: Wie läuft dein Alltag? Es geht eigentlich um die Frage: Wenn wir Kinder Gottes sind, wenn wir die ersten vier Schritte durchlaufen haben, wenn Gott uns seine Gerechtigkeit geschenkt hat und uns unsere Sünden vergeben hat: Wie sieht denn dann unser Leben aus? Was sind denn die Prioritäten, die Gott in unserem Leben dann gerne sehen möchte?
Die nächsten vier Seligpreisungen werden auf diese Frage mindestens Teilantworten geben. Und deswegen heißt die Reihe, die wir jetzt starten, auch, das steht auf den Zetteln: Echter Glaube. Und das ist jetzt Teil eins: Echter Glaube zeigt sich im Leben. Er zeigt sich unter anderem durch Barmherzigkeit.
Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.
Was ist Barmherzigkeit? Barmherzigkeit ist die praktische Seite der Liebe. Darf ich das nochmal sagen? Barmherzigkeit ist die praktische Seite der Liebe. So ein Stück Liebe in Aktion.
Die Gesellschaft zur Zeit Jesu war, wie heute auch, nicht von Barmherzigkeit geprägt. Die Schriftgelehrten und die Pharisäer, das waren die religiösen Vorbilder ihrer Zeit, waren Menschen, die durch Stolz und Selbstgerechtigkeit charakterisiert waren. Sie waren ganz schnell darin, einen anderen zu verurteilen und etwas Schlechtes über ihn zu sagen.
Und wenn Jesus auf solche Leute trifft, dann muss er sie immer wieder korrigieren. Und er tut das in puncto Barmherzigkeit am Ende seines Dienstes in unglaublich scharfer Form. Wir lesen in Matthäus 23,23 die Erwiderung Jesu auf das Leben der Pharisäer und Schriftgelehrten. Da heißt es in Matthäus 23,23: Ihr verzehntet die Minze und den Anis und den Kümmel.
Sprich: Wenn die zum Kochen in ihr Kräutergärtchen gegangen sind und da so ein Blättchen abgeschnitten haben für einen Kochtopf, dann sind sie in die Küche gegangen, haben das hingelegt und haben noch einmal ein Zehntel davon abgeschnitten, damit sie auch ja nicht vergessen würden, auch von dem letzten Krümel, den sie haben, den Zehnten zu geben. Das klingt ja so furchtbar heilig. Und Jesus sagt: Ihr verzehntet diese kleinsten Dinge, aber ihr habt die wichtigeren Dinge des Gesetzes beiseitegelassen.
Und dann beschreibt er diese wichtigeren Dinge des Gesetzes: das Gericht und die Barmherzigkeit und den Glauben. Da steckt die Barmherzigkeit drin. In ihrem Eifer, die kleinsten Gebote zu halten, haben sie die für Gott wirklich wichtigen Dinge aus den Augen verloren.
Man kann sogar sagen: Pharisäer und Schriftgelehrte hatten in vielen Dingen eine heidnische, eine gottlose Einstellung entwickelt, und zwar insbesondere im Blick auf andere Menschen. Im Blick auf Menschen waren sie bereit, Liebe und Barmherzigkeit nur dort zu üben, wo ihnen auch von den Menschen Liebe und Barmherzigkeit wieder zurückgegeben werden konnte.
Matthäus 5,46 beschreibt der Herr Jesus das so: Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe? Und Zöllner sind einfach ein Beispiel für Sünder, ja?
Das ist doch nichts Ungewöhnliches, wenn wir die Leute lieben und uns um die kümmern, die uns wieder lieben, die sich um uns kümmern. Es ist doch nichts Besonderes, wenn wir die einladen, die uns wieder einladen, denen mal, was weiß ich, zehn Euro leihen, die uns wieder zehn Euro leihen, und und und. Das ist doch nichts Besonderes. Das tun die Heiden. Dazu muss man nicht gläubig sein.
Aber das war das Niveau, auf dem Pharisäer und Schriftgelehrte gelebt haben. Und Jesus sagt: Schaut euch bitte Gott an. Gott ist so anders. Gott ist ein Gott, der sich sogar um die Menschen kümmert, die ihn ablehnen.
Das sehe ich nicht. Oh doch, ich schon. So hätte morgen die Sonne aufgegangen? Ja, gut so, oder? Ist sie nur über uns aufgegangen, scheint sie nur über unseren kleinen Fleckchen? Nein, sie scheint überall auf der ganzen Welt.
Ja, warum denn? Weil Gott die Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte. Weil Gott keinen Unterschied in seiner Barmherzigkeit, in seiner Freundlichkeit, in seiner Güte macht. Weil er alle liebt.
Und so ist es, dass Gott von uns tatsächlich dasselbe verlangt: Glückselig die Barmherzigen. Und nicht nur die Barmherzigen, die ihre eigenen Leute barmherzig behandeln, sondern alle.
Zwei Warnungen aus dem Leben der Pharisäer
Ich möchte jetzt einfach mal zwei Gefahren aufzeigen, in denen Gemeinden stehen, in denen es an Barmherzigkeit mangelt. Es gäbe viele, ich habe einfach zwei aus der Bibel herausgesucht. Und dazu muss ich euch zwei Geschichten erzählen. Die eine Geschichte findet sich in Matthäus 9, die andere findet sich in Matthäus 12.
Zwei Gefahren also, wenn Menschen es nicht schaffen, Barmherzigkeit zu üben, beziehungsweise wenn in ihrem Kopf Barmherzigkeit überhaupt nicht richtig verstanden worden ist.
Die erste Geschichte geht folgendermaßen: Da sitzt Matthäus im Zollhaus. Jesus kommt vorbei und sagt dem Matthäus, der innerlich anscheinend schon vorbereitet war: Folge mir nach. Und Matthäus überlegt nicht lange und sagt sich: Das Angebot kriege ich genau einmal in meinem Leben. Er steht auf, quittiert seinen Job und sagt: Jesus, wenn du das ernst meinst, dass ich dir nachfolgen darf, dann bin ich dabei. Und er geht ihm hinterher.
Matthäus ist jetzt einer, der seine Begeisterung nicht für sich behält. Wir würden sagen, er richtet einen evangelistischen Hauskreis bei sich zu Hause ein. Und evangelistische Hauskreise haben aber zwei Kriterien: gutes Essen und den Herrn Jesus. Und das war hier auch so. Er lädt seinen ganzen alten Kumpel ein, und da sitzen dann Zöllner und andere Sünder, alle, die halt so ein bisschen außerhalb der Gesellschaft waren.
Aber das Schöne ist: Unser Hauskreis ist nicht allein. Er hat Zuschauer. Um das Häuschen herum und an der Tür, da stehen die Pharisäer. Und die Pharisäer denken sich: Was macht dieser Jesus da? Sie trauen sich aber nicht an Jesus selber ran, holen sich so einen der Jünger ran und stänkern ein bisschen rum. Sie fragen diesen armen Jünger dann: Warum ist euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern? Und meinen: Das tut man einfach nicht. Mit solchen Leuten gibt man sich doch nicht ab, wenn man ein bisschen was auf sich hält und theologisch ein bisschen besser dasteht.
Die Antwort gibt Jesus selber, und er sagt: Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das ist: Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer.
Also sagt er diesen Pharisäern: Ihr habt eine wichtige Lektion in der Grundschule verpasst, in der Grundschule des Glaubens. Ihr habt es nicht gelernt, welchen Wert Barmherzigkeit hat. Und der Herr Jesus sagt: Gott will Barmherzigkeit. Das ist keine Sache, ob ich es jetzt habe oder nicht habe, also blaue Schuhe oder rote Schuhe, das ist eine Geschmackssache. Nein, Gott sagt: Ich will Barmherzigkeit.
Gottes Perspektive sind Menschen. Und aus dieser Perspektive heraus sind Menschen, die nur eine religiöse Form haben, aber nicht wirklich ein Interesse an anderen Menschen, die verloren gehen, unbarmherzig.
Ich habe für mich das so aufgeschrieben: Gelebte Barmherzigkeit rettet Menschen davor, vielleicht auch uns davor, ein exklusives Grüppchen zu werden, dem es genügt, jede Woche so einen heimeligen Gottesdienst zu feiern, mit Kerzchen, vielleicht mal mit Chor und einem netten Kuchenbuffet, und darüber zu vergessen, was die Barmherzigkeit Gottes von uns eigentlich verlangt.
Eine Gefahr.
Eine zweite Gefahr: Wir treffen auf unsere Freunde, die Pharisäer, nämlich noch einmal in einer weiteren Geschichte, wo sie fast die gleiche Antwort von Jesus bekommen. Diesmal aus Matthäus 12.
Jesus und die Jünger sind am Sabbat unterwegs. Ein Trampelpfad führt durch ein Feld. Man hat Hunger. Das war damals erlaubt, das ist nicht verboten. Links und rechts standen ja die Ehren, und die Jünger reißen da so ein paar Ehren ab. Und ich weiß nicht, ob ihr schon mal versucht habt, eine Ehren zu essen: Da muss man die Spelzen abmachen, man reibt das so ein bisschen in der Hand, dann kommen die Körner raus, und die Körner kann man essen.
So, die Pharisäer sind wieder dabei, also sie sind wirklich auch immer dabei, und sie sehen jetzt, wie die Jünger das reiben. Und per Definition nimmt man dieses Reiben gleich als Mahlen. Mahlen gleich Arbeit. Arbeit am Sabbat verboten. Da könnt ihr sagen: Sowas Kleinkariertes. Aber es war so. Und deswegen gehen sie zu Jesus. Diesmal haben sie sich getraut, ihn selber anzusprechen, und sagen: Du, das, was deine Jünger da machen, das geht nicht.
Wie antwortet Jesus in so einer Situation? Jesus sagt: Habt ihr schon mal im Alten Testament gelesen? Da gab es so eine Situation von König David. Der war auch gerade unterwegs, und dann kam er da bei den Priestern an, und er hatte irren Hunger. Und er hat dem Priester gesagt: Ich brauche jetzt, ich und meine Leute, wir brauchen jetzt was zu essen. Und die Priester sagen: Oh, wir würden dir gern was geben. Aber wir sind auch gerade ein bisschen blank, also wir haben gerade nichts da, außer die Schaubrote. Und du weißt, die Schaubrote sind eigentlich nichts für dich.
Schaubrote, das waren die Brote, die man im Tempel hingelegt hat. Die haben eine besondere Bedeutung, und wenn man die dann weggenommen hat, dann durften die Priester die aufessen. Es wurde nichts weggeworfen. Jetzt sagt der Priester: Ich habe nur diese Schaubrote, die eigentlich für die Priester sind, und David kriegt sie. Und nirgendwo im Alten Testament wird dieses Verhalten irgendwie ausgeschimpft. Das heißt, die Not eines David steht über diesem Gebot, dass das Brot nur für die Priester ist.
Jesus bringt noch ein Argument und schließt dann mit folgenden Worten, Matthäus 12,7, immer noch im Blick auf die Pharisäer: Wenn ihr erkannt hättet, was das heißt: Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer, so würdet ihr die Schuldlosen nicht verurteilt haben.
Das bedeutet konkret: Wenn ihr verstanden hättet, in eurem religiösen Beurteilungssystem, was jeder ja im Kopf hat, was gut und was schlecht ist, wo muss ich was sagen und jemanden zurechtweisen und wo kann ich ruhig den Mund halten, weil es einfach nicht so wild ist, wenn da bei euch Barmherzigkeit richtig drin wäre, richtig eingetaktet wäre, wenn das in eurem Bewertungssystem wirklich einen Wert hätte, dann hättet ihr jetzt den Fehler nicht gemacht, dass ihr die Jünger für etwas verurteilt hättet, wofür ihr sie gar nicht verurteilen braucht.
Und die Gefahr dieser Pharisäer, das ist auch die Gefahr, in der wir stehen: dass wir ohne Barmherzigkeit in ein kleinliches, kleinkariertes, gesetzliches Denken verfallen können, das erstens mit der Bibel gar nichts mehr zu tun hat, weil Gott gar nicht so ist. Es repräsentiert Gott nämlich in einer völlig falschen Weise. Und zweitens kann es dazu führen, dass wir andere Christen, die es wirklich ernst meinen, in einer Form verletzen und verschrecken, wie es einfach nicht sein darf.
Also zwei Gefahren: Die Gefahr, Menschen falsch einzuschätzen, Menschen unbarmherzig zu behandeln, weil wir überhaupt keinen Begriff von Barmherzigkeit haben, und auch die Gefahr, in ein ganz falsches Denken und Beurteilen von Menschen hineinzukommen.
Gottes eigenes Wesen als Maßstab der Barmherzigkeit
Vorhin hatte ich gesagt, Barmherzigkeit sei die praktische Seite der Liebe. Ich habe mir letzte Woche natürlich mehr Gedanken zu diesem Thema gemacht. Ich habe mir mal angeschaut: Wo kommt das eigentlich in der Bibel vor, dass Gott barmherzig ist?
Dann gibt man im Computerprogramm „Barmherzigkeit“ ein oder „barmherzig“ oder „barmherz“ und dann noch ein Sternchen dazu. Und dann sucht man das heraus. Und weißt du: Wenn du dann irgendwie bei hundert Treffern bist, dann denkst du dir, es kommt öfter vor. Und wenn du bei zweihundert Treffern bist, denkst du dir: Oh, Backe, jetzt hätte ich nicht einen Begriff nehmen können, der ein bisschen weniger arbeitsaufwendig ist?
Und mir fiel auf: Barmherzigkeit oder barmherzig sein, das ist etwas, das sich in der gesamten Bibel findet, überall.
Ein Beispiel: Mose, dieser Freund Gottes, hat einen Wunsch. Er sagt zu Gott: Ich möchte so gerne mal deine Herrlichkeit sehen. Und Gott sagt: Du, das ist eine gefährliche Sache mit meiner Herrlichkeit. Aber weil du es bist, machen wir Folgendes: Ich nehme dich und stelle dich in eine Felsspalte. Dann lege ich meine Hand darauf und ziehe an dir vorbei. Und wenn man fast nichts mehr von hinten sehen kann, dann schaust du mal kurz raus, und dann kannst du es überleben.
Und in dieser Situation, wo Mose in der Felsspalte geschützt durch die Hand Gottes steht und die Herrlichkeit Gottes an ihm unsichtbar vorbeizieht und er nur seine Ohren aufsperrt, um zu überlegen: Ja, was wird er jetzt sagen? Wie wird Gott sich mir offenbaren in dieser Situation? Da lesen wir, dass Gott sagt: Der Herr, Herr, Gott! Und dann beschreibt Gott sich selbst als barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und reich an Gnade und Treue.
Was ist das Erste, was Gott über sich sagt, was wir begreifen müssen, was wir verstehen müssen? Er ist barmherzig. Das ist das Allererste, was Gott von sich sagt: Ich bin barmherzig.
Gleich noch ein paar Stellen im Alten Testament anschauen. Ich muss nur vorwegnehmen: Durch das ganze Alte Testament hindurch beschreibt sich Gott immer wieder als barmherzig. Immer wieder handelt Gott in Barmherzigkeit, an vielen, vielen Stellen. Und immer wieder erfahren ihn die Gläubigen auch als einen barmherzigen Gott.
Und wer das je miterlebt hat, dass Menschen meinen, der Gott des Alten Testaments, das sei der grausame, böse, furchtbare Gott, und zum Glück haben wir das Neue Testament, der weiß: Es stimmt nicht. Und es stimmt vielleicht an keiner Stelle weniger als an denen, wo man die Barmherzigkeit Gottes anschaut und sagt: Wahnsinn, wie kann er an der Stelle überhaupt noch weitermachen? Weitermachen zum Beispiel mit seinem Volk Israel.
Die Geduld Gottes mit seinem Volk und mit einzelnen Menschen
4. Mose 14 ist das, was ich jetzt gleich vorlesen werde.
Das Volk Israel war in der Sklaverei. Gott riss es übernatürlich aus der Gefangenschaft heraus. Und kaum sind sie mit Gott unterwegs, fangen für Gott die Probleme an. Wir würden denken: Na ja, befreit aus jahrhundertelanger Sklaverei, da werden alle begeistert sein. Da wird keiner dabei sein, der Gott irgendwie ärgern will.
Und lest 2. Mose, lest 4. Mose: Dieses Volk, eigentlich berufen dazu, die Herrlichkeit, die Weisheit und die Größe Gottes zu zeigen, fängt an zu murren. Es bleibt nicht beim Murren. Man baut ein goldenes Kalb, das man anbetet, im Götzendienst gegen Gott. Sie lehnen Mose ab. Und trotzdem lässt Gott sie immer weiterziehen bis an die Grenzen des gelobten Landes.
Dann schicken sie Kundschafter aus, um sich dieses herrliche Land anzuschauen. Die Kundschafter kommen zurück und sagen: Klasse, das Land ist wirklich gut. Aber könnt ihr vergessen, da hineinzukommen. Die Bewohner sind viel zu stark, ihr habt null Chancen.
Und das Herz des Volkes, eigentlich müsste man meinen, sollte an Gott hängen. Sie haben ihn doch erlebt. Doch es wendet sich komplett von Gott ab. In dieser Situation, wo du nur sagen kannst: Da fällt mir menschlich nichts mehr dazu ein, Wunder, Versorgung, Hilfe über Hilfe. Und das Volk fängt an zu jammern. Da heißt es dann: Wären wir doch im Land Ägypten gestorben. Boah, das ist starker Tobak. Oder: Wozu bringt uns der Herr in dieses Land? Wäre es nicht besser für uns, nach Ägypten zurückzukehren!
Und ich hätte großes Verständnis gehabt, wenn die Geschichte Israels an der Stelle ein für allemal aus gewesen wäre. Ich hätte vorher schon Verständnis gehabt bei dem goldenen Kalb und bei dem Murren und all diesen Dingen. Aber an dieser Stelle, wenn ich all das erlebt habe und den Segen Gottes in greifbarer Nähe ist und dann sagt mir einer: Nö, er hat uns zwar aus Ägypten rausgeholt, aber dass er uns da hineinbringt, das glaube ich nicht. Ich hätte bombiges Verständnis dafür, wenn Gott gesagt hätte: Schluss.
Aber Mose betet. Und Mose kennt seinen Gott. Und wisst ihr, was er betet? Er sagt in 4. Mose 14,19: Vergib doch die Schuld dieses Volkes nach der Größe deiner Barmherzigkeit. Vergib doch die Schuld dieses Volkes nach der Größe deiner Barmherzigkeit.
Und wisst ihr, was Gott tut? Er vergibt.
Es ist bewegend zu lesen, wie in Nehemia 9 Nehemia die jahrhundertelange Geschichte seines Volkes vor seinem geistigen Auge im Gebet vorüberziehen lässt und dabei immer wieder zeigt: Die Geschichte Israels war eine Mischung aus dem fortwährenden Versagen Israels auf der einen Seite und der immer wieder aufhelfenden Barmherzigkeit Gottes auf der anderen.
Lest Nehemia 9, wenn ihr Probleme damit habt, dass der Gott des Alten Testaments irgendwie ein grausamer, rächender Gott sein soll. Und überlegt, was Gott ertragen hat in diesem einen Fall mit einem Volk.
Und das, was für das ganze Volk im Alten Testament galt, das galt auch für den Einzelnen, also auch für die persönliche Situation des Gläubigen.
David, der König Israels, etwa, hat gelebt so um 1000 vor Christus. David ist einer, der sündigt. Die Bibel beschönigt nichts am Leben solcher Männer. Ist doch gut so, wenn wir uns leichter mit ihnen identifizieren.
Und Gott sagt: Ich muss dich für das, was du getan hast, bestrafen. Und Gott legt ihm drei Strafen vor und sagt: Welche willst du haben? Eine kriegst du, kannst dir aber aussuchen, welche.
Und die Reaktion Davids ist klasse. Er sagt: Mir ist sehr angst. Das wäre mir in der Situation auch gewesen. Also, mir ist sehr angst. Und dann sagt er: Lass uns doch in die Hand des Herrn fallen, denn seine Erbarmungen sind groß. Aber in die Hand von Menschen lass uns nicht fallen.
Also wenn es darum geht, bestraft zu werden, und du hast die Wahl, ob Gott dir eine Strafe gibt oder ob es Menschen tun, sagt David: Ich brauche gar nicht darüber nachzudenken. Das größte Maß an Barmherzigkeit, was ich bei Menschen finden kann, ist ein Klacks, eine Lächerlichkeit im Vergleich zu den großen Erbarmungen Gottes. Und wenn ich die Wahl habe, dann bitte, ich nehme das. Das ist allemal besser als alles, was ich von Menschen jemals kriegen kann.
An anderer Stelle erlebt David etwas Ähnliches. Wie gesagt, David war nicht perfekt. Er hatte da so eine Liaison mit einer verheirateten Frau. Die Frau heißt Batseba. Als sie dann schwanger wurde, musste er das irgendwie so ein bisschen wegmachen. Und als es nicht wegzumachen ging, hat er den Ehemann von ihr weggemacht.
Und David fällt geistlich gesehen nach diesem Mord an Uria und dem Ehebruch mit Batseba in ein tiefes Loch. Er beschreibt es später: Er war innerlich zerwühlt, aufgerissen, und er wusste, er war richtig kaputt. Und dann kommt glücklicherweise ein Mann, Nathan, zu ihm, und er führt ihn zurück zu Gott. Er führt ihn an den Punkt, wo er seine Schuld bekennt.
Und später wird David diesen Prozess verarbeiten in einem Lied. Und da heißt es in Psalm 51,3: Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner Gnade, tilge meine Vergehen nach der Größe deiner Barmherzigkeit.
Stellt euch vor, ihr habt einen Mord auf dem Gewissen, einen Ehebruch auf dem Gewissen, ihr habt euer ganzes Land quasi ein Stück weit in Richtung Untergang geführt, und ihr kehrt um. Was für eine Gottesvorstellung habt ihr dann, wenn ihr zu Gott kommt?
Und David kannte seinen Gott. Und er bringt dieses Kennen zum Ausdruck, indem er sagt: Sei mir gnädig, o Gott, tilge meine Vergehen nach der Größe deiner Barmherzigkeit.
Er vertraut auf die Barmherzigkeit Gottes. Und er weiß genau: Wenn es diese Barmherzigkeit nicht geben würde, hätte ich null Chance.
Das Leben Jesu als sichtbare Barmherzigkeit
Und dieser Gott des Alten Testaments wird Mensch, kommt auf diese Erde und lebt ein Leben herausfordernder Barmherzigkeit. Nirgendwo im Neuen Testament lesen wir, dass Jesus auch nur einen abgewiesen hätte. Da sind die Kranken, die Blinden, da sind die Verkrüppelten und die Tauben, da sind die Besessenen, und wer kommt, findet bei ihm Hilfe.
Mit einer Liebe und einer Bereitschaft, anderen Menschen zu vergeben, wendet er sich an die Aussenseiter der Gesellschaft, an die, mit denen sonst niemand zu tun haben will. Wir haben vorhin gelesen, ja, mit Zöllnern und Sündern isst er. Wie kannst du das tun? Jesus kann das tun, weil er diese Menschen liebt. Und ich finde das so beeindruckend.
Im Leben Jesu musste niemand nach Hause gehen und dann gefragt werden: Du, hat Jesus sich mit dir unterhalten, hat er dir geholfen? Und dann hätte man vielleicht sagen müssen: Nein, er wollte mit mir nicht reden. Ich war ihm irgendwie nicht der Richtige. Er hat sich nicht um mich gekümmert. So etwas gab es nicht.
Andersherum wird ein Schuh draus. Könnt ihr euch vorstellen, wie der Aussätzige nach Hause kommt? Ich denke, es ist Matthäus 8 am Anfang. Er kommt nach Hause und konnte nicht sagen: Naja, ich war halt ein Aussätziger, und du weisst ja, diese hohen Herren geben sich mit den Aussätzigen nicht ab. Nein, der kam nach Hause. Wisst ihr, was er getan hat? Also, ich bin ja rein, das habt ihr jetzt gerade gesehen, aber noch viel wichtiger: Der hat mich angefasst, der hat mich als Mensch behandelt, der hat mich ernst genommen. Das ist das, was abgeht.
Oder stellt euch einen Bartimäus vor, wie er auf der Strasse sitzt und schreit: Erbarme dich meiner, Sohn Davids. Und wisst ihr, was die Menschen um Jesus herum für diesen Bartimäus übrig haben? Keine Barmherzigkeit. Sie sagen: Sei still, du passt nicht zu uns, bleib da mal in deiner Ecke sitzen, wir wollen mit dir nichts zu tun haben. Sei still und halt den Mund.
Und was macht Jesus? Er sagt: Komm her, was kann ich für dich tun? Oh ja, ich hätte einen Wunsch, ich würde gern sehen. Okay.
Ein Gott, der sich Zeit nimmt für einen Bettler, der sich Zeit nimmt für ausgestossene Menschen, der sich Zeit nimmt für jeden, der ihn braucht, für Kinder. Und wie viele Geschichten könnte ich erzählen über Frauen, denen Jesus nachgegangen ist. Erinnert ihr euch an die blutflüssige Frau? Da wartet der hohe Synagogenvorsteher Jairus und klopft so ein bisschen, sagt: Bist ja nicht meiner, jetzt sollst du mit mir mitkommen, ich habe auch ein Problem. Und Jesus nimmt sich Zeit für die Frau.
Oder da ist diese Frau, die gesteinigt werden soll, und wer holt sie raus? Jesus. Und da ist diese Frau, die ihren einzigen Sohn verliert, von Nain, und wer weckt ihn wieder auf? Jesus. Und, und, und. Immer wenn dieser Schrei kam: Erbarme dich, bleibt Jesus stehen und erbarmt sich.
Mir fällt dann nichts anderes ein, als zu sagen: Sein Leben ist einfach Liebe in Aktion. Barmherzigkeit in Reinkultur. Oder fast muss man ein bisschen sagen, weil der Abstand so gross ist zu uns und zu jedem anderen Menschen, zu jedem Missions- und Hilfswerk. Eines kann man nur sagen: Einfach Jesus, oder? Es fällt ihm nichts mehr zu sein, es ist einfach Jesus. So ist kein anderer, niemand.
Der Anspruch an gelebten Glauben im Alltag
Und Jesus sagt jetzt zu uns etwas. Er sagt: Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren. Er bringt damit zum Ausdruck: Der Weg zum Glück ist der Weg der gelebten Liebe.
Ich versuche einmal mit meinen Worten kurz zu sagen, was Jesus inhaltlich meint. Er sagt, der Lebensstil eines Gläubigen ist der eines Menschen, der sich um andere kümmert. Der Gläubige gibt, der Gläubige interessiert sich, der Gläubige investiert.
Das Gegenteil davon wäre dann, wenn wir so selbstsüchtige, selbstzufriedene Leute sind wie die Pharisäer, die vielleicht noch darüber reden, wie gut und richtig es wäre, anderen Leuten zu helfen, ja, aber die schon lange aufgehört haben, etwas dafür zu tun.
Ich möchte euch noch einmal erschrecken. Ich werde euch nachher noch einmal erschrecken. In Matthäus 25 lesen wir von einem Gericht. Und das Interessante an diesem Gericht ist: Da kommen Menschen hinein, die damit nicht so richtig gerechnet haben. Jesus – ihr braucht das nicht aufzuschlagen, hört einfach zu – trennt in diesem Gericht die Gerechten von den Ungerechten.
Es lässt sich heftig darüber spekulieren, welches Gericht das ist und wann das stattfinden wird. Aber eine Sache ist klar: Die Gerechten waren ziemlich erstaunt darüber, dass Jesus sie als gerecht bezeichnet. Sie wissen gar nicht, wie sie zu dieser Ehre kommen. Es ist ja schön. Stell dir vor, du stehst deinem Schöpfer gegenüber und bist plötzlich auf der richtigen Seite und denkst dir: Oh, hätte ich nicht gedacht, aber ist gut so. Denn die anderen gehen in das ewige Feuer, und da wollte ich nicht hin.
Also merken die Gerechten: Wir sind auf der richtigen Seite. Aber was hat sie da hingebracht? Oder darf ich es anders formulieren: Was haben die Gerechten richtig gemacht und die Ungerechten falsch?
Jetzt werden wir sagen: Sie haben geglaubt. Und ich denke, dass das stimmt. Aber sie wussten nichts von ihrem Glauben. Also im heutigen Sinne: Wenn du die gefragt hättest, glaubst du an den Herrn Jesus?, dann hätten die wahrscheinlich gesagt: Nein, eigentlich nicht. Und trotzdem war in ihrem Leben etwas, was bewiesen hat, dass da eine Form von Glauben vorlag, wo Gott sagt: Top, das gilt.
Und wisst ihr, was das war? Wisst ihr, was diese Menschen anders gemacht haben als die, die tatsächlich in die ewige Verdammnis gehen? Jesus sagt ihnen auf die Frage: Ja, warum wir? In Matthäus 25,35 heißt es: Denn mich hungerte, und ihr gabt mir zu essen; mich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken; ich war ein Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir.
Darf ich es so formulieren? Gott ist nicht ein Gott der Lippenbekenntnisse und der Gemeindezugehörigkeit. Er ist kein Gott von Ritualen und Glaubensbekenntnissen. Er ist ein Gott des Herzens und des gelebten Glaubens.
Wenn ich das so lese und mir diese Frage stelle, dann stelle ich mir auch die Frage: Jürgen, was sieht man in deinem Leben davon? Wo findet sich bei mir, wo findet sich bei uns Barmherzigkeit? Oder anders ausgedrückt: Welchen Stellenwert hat Barmherzigkeit in unserem Leben?
Was ich jetzt sage, sage ich nicht gerne, aber es sieht für mich so aus, als wäre Barmherzigkeit in den Augen Gottes wichtiger als zum Beispiel das Lernen von Bibelversen, wofür ich total bin, wie alle wissen. Aber ich merke: Das scheint wichtiger zu sein. Vielleicht ist es sogar wichtiger, als an einem Ticktkurs teilzunehmen, am Brotbrechen oder an einem Frauenfrühstück. Irgendwie ist da noch einmal eine Dimension dazwischen.
Ich kann es nur so sagen: Wenn Barmherzigkeit in unserem Leben fehlt, dann scheint aus Gottes Sicht etwas ganz Gravierendes zu fehlen.
Die Praxis der ersten Christen und die offene Frage an heute
Für die ersten Christen
Es macht immer Sinn, in der Geschichte noch einmal zu schauen, wie es die ersten Christen gemacht haben. Sie haben viele Dinge richtiger gemacht als wir.
Für die ersten Christen gehörten Barmherzigkeit und Glaube so eng zusammen, dass der römische Kaiser Julian Folgendes gesagt hat: Die gottlosen Galiläer – damit meint er Leute wie uns, also die gottlosen Galiläer – ernähren ihre eigenen Armen und unsere noch dazu.
Der Kaiser hat bemerkt: Diese Christen kümmern sich unglaublich gut um ihre eigenen Leute. Da verhungert keiner. Und das Verrückte ist, und das konnte er dann nicht mehr richtig verstehen: Die Armen, für die eigentlich wir zuständig wären, die gar keine Christen sind, die kriegen auch gleich noch etwas ab. Auch die müssen nicht mehr verhungern.
Und ich merke: Für die ersten Christen war es so, dass sie das Leid der Menschen einfach nicht ertragen konnten. Sie haben keinen Unterschied gemacht zwischen: Ja, du bist jetzt im Gottesdienst, schön, dann kriegst du etwas zu essen. Und: Du wolltest ja nicht kommen, hättest ja auch etwas kriegen können. Das gab es nicht.
Barmherzigkeit trennt nicht nach Herkunft, nach Glaubenszugehörigkeit und wir können sagen: nach Rasse und Geschlecht. Es gibt einfach da, wo Not ist.
Und ich frage mich: War das vielleicht ein Stück weit die Schlagkraft ihrer Missionstätigkeit? Es sei denn, vor 50, 70 Jahren hat das Evangelium die damals bekannte Welt verschluckt, sodass Plinius der Jüngere sich dem Kaiser gegenüber rühmt: Ja, also ich habe jetzt so hart hier durchgegriffen, so langsam fangen die heidnischen Götzendienste wieder an. Ja, vorher war da kein heidnischer Götzendienst mehr. Die Christen hatten das alles erobert. Versteht ihr, da ist etwas passiert.
Und heute freut man sich, wenn einer, zwei, fünf, zehn Leute im Jahr zum Glauben kommen. Und das ist gut so. Aber ich frage mich: Kann es sein, dass wir vielleicht das Thema Barmherzigkeit weggedrückt haben? Dass das etwas ist, worum sich die Suppenküchen kümmern, die Stadtmission, irgendwelche Hilfseinrichtungen? Und dass wir froh sind, dass die das machen, und wir machen Gemeindebau und Evangelisation?
In meinem Denken ist es auch so. Ich denke mir auch: Na ja, Diakonie und Evangelisation, Evangelisation ist schon wichtiger. Die Frage, die ich mir persönlich stelle und die ich nicht endgültig hier vorne beantworten kann und will und die ihr bitte mit nach Hause nehmt, ist die: Wie stehen wir zu dem Thema? Haben wir in unserem Kopf Barmherzigkeit als Thema richtig drin? Haben wir auch in unseren persönlichen Prioritäten Barmherzigkeit richtig abgespeichert, oder ist es nur: Ja, ich weiß schon, wir sollten barmherzig sein. Punkt.
Aber es geht nicht darum, zu wissen, was man sein soll. Es geht um Tun. Es geht um die Frage: Wann habe ich das letzte Mal einem Hungrigen etwas zu essen gegeben? Wann habe ich das letzte Mal einen Kranken besucht, und nicht nur den Kranken, der aus der Gemeinde ist? Wann habe ich das letzte Mal mich um einen Gefangenen gekümmert?
Was wäre, wenn ich plötzlich mit der Not eines Menschen konfrontiert würde? Würde ich dann helfen oder vorbeigehen? Bisher ist mein Terminkalender voll. Ich finde viele Ausreden, warum ich einem anderen Menschen nicht helfen kann. Und die Ausreden klingen mal geistlicher, mal weniger geistlich, aber niemand wird etwas dagegen sagen können.
Und trotzdem: Ich gebe es zu, dieser Text – glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren – dieser Text, plus das Leben, das Jesus gelebt hat, plus auch die Konsequenz, die Gott aufzeigt, machen mich nachdenklich. Und warum machen sie mich nachdenklich? Weil ich Barmherzigkeit brauche. Das kann ich zugeben. Ich brauche jeden Tag Gottes Barmherzigkeit, wie ich jeden Tag Gottes Vergebung brauche. Und seine Barmherzigkeit an meine zu knüpfen, wie er seine Vergebung an meine knüpft: Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.
Du möchtest in deinem Leben die Barmherzigkeit Gottes erfahren? Du möchtest, dass er dir in einer guten, freundlichen, barmherzigen Weise begegnet? Oh, Gott sagt: Ich möchte das auch. Aber darf ich dir eins sagen: Ich werde das nur tun, wenn dein Leben geprägt ist von Barmherzigkeit, so wie ich dir nur dann vergeben werde, wenn dein Leben geprägt ist von Vergebungsbereitschaft und von aktivem Vergeben.
Zum Schluss noch einmal ein Blick an den Anfang: Da waren zwei Männer in der Geschichte vorbeigegangen, und einer war stehen geblieben. Einer traf auf die Not und hat gehandelt.
Was werden wir tun? Wenn wir das nächste Mal in so eine Situation hineinkommen, total unvorbereitet, trifft uns ein Nächster mit seiner Not: Werden wir vorbeigehen, werden wir stehenbleiben?
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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