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Rachepsalmen (1/9)

Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
07.09.2026
SerieTeil 1 / 9Rachepsalmen
Warum stehen in der Bibel so harte Racheworte? Für manche sind sie unerträglich, für andere der einzige Ort, an dem Wut und Unrecht vor Gott Platz haben.

Einleitung und erste Irritation

Rachepsalmen
Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
Ein Gastbeitrag von Regina Gallwitz, Theologin, Krankenschwester und Autorin des Buches „Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert“.
Es gibt kaum ein biblisches Buch, das unsere Kultur so geprägt hat wie die Psalmen. Seit Jahrtausenden werden sie gebetet, gesungen und gelesen. Komponisten wie Bach, Mendelssohn und Beethoven haben sie vertont. Sie werden bei Hochzeiten und Beerdigungen vorgetragen.
Sätze wie „Der Herr ist mein Hirte“ oder „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen“ kennen selbst viele Menschen, die mit dem christlichen Glauben gar nichts anfangen können. Solche Verse finden wir auf Postkarten und in Kalendern. Sie haben schon unzähligen Menschen in ausweglosen Situationen Trost und Hoffnung gespendet.
Aber es gibt in den Psalmen nicht nur erbauliche Verse, sondern auch solche, die auf den ersten Blick grausam und erschreckend klingen und mit denen viele Christen bis heute ringen. Im selben Psalm 139, aus dem der bekannte Vers stammt: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin“, heißt es nur wenige Verse später: „Gott, bring sie doch alle um, die dich und deine Gebote missachten, wie ich sie hasse, die dich hassen, Herr!“
Das ist doch ein heftiger Text, oder? Als ich das gelesen habe, dachte ich mir nur: Boah, und das steht in meiner Bibel? Wir lesen hier von Hass gegen Feinde und dem Wunsch, dass Menschen getötet werden. Das sind drastische Worte.
Vielleicht denkst du jetzt: Na ja, das ist wahrscheinlich eine Ausnahme. Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall. Der Alttestamentler Norbert Lofing schätzt, dass ungefähr hundert der hundertfünfzig Psalmen ausdrücklich von Feinden sprechen. Das heißt: Der Beter und seine Feinde ist eines der großen Themen der Psalmen.
Falls du dich fragst, welche Psalmen denn eigentlich gemeint sind, wenn wir von solchen gewaltvollen Psalmen sprechen: Du kannst zum Beispiel Psalm 58 oder Psalm 109 aufschlagen. Dort findest du einige dieser drastischen Verse.
Ich habe diese gewaltvollen Psalmen inzwischen Dutzenden von Menschen vorgelesen und sie anschließend gefragt, welche Gefühle diese Texte in ihnen auslösen. Die häufigsten Antworten waren: Erschrecken, Widerstand, Ekel, Abscheu.
Dann stellte ich diesen Menschen noch eine zweite Frage: Habt ihr selbst schon einmal schwere Gewalt, Missbrauch oder andere traumatische Erfahrungen durch Menschen erlebt? Die meisten antworteten mit Nein. Das brachte mich zum Nachdenken. Könnte es vielleicht sein, dass manche dieser Psalmen gerade deshalb für manche von uns so befremdlich klingen, weil wir nie durch schweres Unrecht erschüttert wurden? Aber nicht jeder empfindet solche Verse als verstörend.

Stimmen der Betroffenen

Im Gegenteil, manche empfinden sie sogar als befreiend und tröstlich.
Vor einigen Jahren besuchte mich eine traumatisierte Frau, die aus einem Kriegsgebiet geflüchtet war. Sie musste zusehen, wie ihre Familie brutal ermordet wurde, und sie wurde vergewaltigt. Sie sagte: Regina, weißt du, ich habe nie Schwierigkeiten mit Vergebung gehabt. Aber was diese Soldaten uns angetan haben, ich weiß wirklich nicht, wie ich das vergeben soll. An den allermeisten Tagen kämpfe ich mit Wut und Hass. Ich frage mich oft: Warum tut Gott nichts? Wo bleibt denn Gottes Gerechtigkeit? Ich ertrage es nicht, dass diese Verbrecher frei herumlaufen und weiter anderen schaden. Am liebsten würde ich selber Hand anlegen. Mich verfolgen Tagträume, in denen ich es diesen Menschen heimzahle. Und das Einzige, was mich tröstet, sind diese Psalmen, wo es heißt: Gott, zerbrich ihnen doch die Zähne im Maul, nach Psalm 58. Vertilge die Feinde, Gott, um deiner Treue willen, nach Psalm 54. Gott der Rache, erscheine, nach Psalm 94. Und dann sagt sie: Ich bete diese Psalmen ganz häufig nach.
Spannend fand ich an dieser Stelle, was für die einen Menschen abstoßend klingt, kann wiederum die Menschen trösten, die schweres Unrecht erlebt haben. Natürlich heißt das jetzt nicht, dass jeder, der schweres Unrecht erlebt hat, diese Psalmen tröstlich findet. Und umgekehrt: Auch wer so etwas nicht erlebt hat, kann verstehen, warum diese Psalmen für Betroffene tröstlich sein können. Und trotzdem: Unsere eigenen Erfahrungen können anscheinend beeinflussen, mit welchen Ohren wir diese Psalmen hören.
Aber zurück zu der Geschichte mit der traumatisierten Frau. Ich muss sagen, ich verstehe die Wut dieser Frau. Ich verstehe ihren Frust, ihre Ohnmacht, und ich verstehe, warum Feindesliebe und Vergebung erst einmal unmöglich scheinen. Und ich frage mich, ob ich an ihrer Stelle anders beten würde.

Die Frage nach dem Beten vor Gott

Und gleichzeitig drängt sich bei mir die Frage auf: Wie können wir als Christen überhaupt solche Gebete sprechen? Können wir Gott einfach so um die Bestrafung, ja sogar um die Vernichtung unserer Feinde bitten, wenn doch Jesus in der Bergpredigt sagt: „Liebt eure Feinde, segnet die, die euch fluchen“?
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr merkte ich: Es geht hier nicht nur um die Frage, wie Christen beten sollen. Es geht um eine noch tiefer liegende Frage: Wie können solche Gebete, solche Straf- und Vernichtungswünsche überhaupt Gottes Wort sein, wenn Gott doch ein Gott der Liebe ist?
Da solche Psalmen den Charakter Gottes in Frage stellen, sahen auch Bibelkritiker wie der Psychologe Franz Bugle. Er schreibt in seinem Buch, ich zitiere: „Die Psalmen seien ein in weiten Teilen von primitiv unkontrollierten Hassgefühlen bestimmter Text.“
Aus dem Psalm und aus anderen Gewalttexten der Bibel leitet Bugle ab, dass der Charakter Gottes absolut verkommen sein müsste. Und Bugle geht noch einen Schritt weiter. Er meint, wir müssten heute gar nicht lange suchen, um Menschen zu finden, deren moralisches Niveau höher ist als das des biblischen Gottes. Deshalb könnte man seiner Meinung nach die Bibel doch nicht mehr als geistliches Buch verehren.
Das ist eine heftige Kritik, und ich finde, das ist eine ernstzunehmende Kritik. Wie können Christen jetzt mit diesem Psalm umgehen?

Verdrängung und ihre Grenzen

Der einfachste Weg ist es, sie zu ignorieren, und genau das ist in der Kirchengeschichte immer wieder geschehen. Ich kenne das zum Beispiel aus manchen freikirchlichen Gemeinden. Dort wird dann zum Beispiel Psalm 130 vorgelesen, aber nur die in Anführungsstrichen erbaulichen Verse. Die Verse, in denen es um Hass und den Tod der Feinde geht, werden einfach ausgelassen.
Psalmen, die im Großen und Ganzen feindlich wirken, wie Psalm 58, hört man im Gottesdienst dagegen eher gar nicht. In der evangelischen Kirche ist das nicht anders. Im evangelischen Gesangbuch stehen nicht nur Lieder, sondern auch Psalmen, die im Gottesdienst gemeinsam gebetet oder gelesen werden. Allerdings wurden die feindlich klingenden Psalmverse ausgelassen und ganze Psalmen erst gar nicht aufgenommen.
Und die katholische Kirche kann sich von der Ignoranz bestimmter Psalmen auch nicht freisprechen. 1971 wurde im Zuge einer Liturgiereform darüber diskutiert, ob man solche gewaltvollen Psalmen den Zuhörern im Gottesdienst zumuten könnte. Am Ende wurden ganze Psalmen und einzelne Verse aus der Liturgie und im Stundengebet gestrichen, weil sie bei den Gottesdienstbesuchern psychologische Schwierigkeiten auslösen könnten.
Und, ehrlich gesagt, ich kann diese Reaktion bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Solche Verse werfen auch Fragen auf. Man kann sie ja nicht einfach vorlesen und anschließend so tun, als wäre nichts gewesen. Sie verlangen eben nach einer Erklärung. Und trotzdem glaube ich, dass wir uns mit dem Verschweigen dieser anstößigen Texte keinen Gefallen tun.

Warum die schwierigen Verse zum Ganzen gehören

Schliesslich werden manche Aussagen in den Psalmen erst im Zusammenhang mit den schwierigen Versen verständlich. Nehmen wir noch einmal Psalm 139. Viele kennen den Schluss: Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine, und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.
Das sind wunderschöne Verse. Aber ist dir schon einmal aufgefallen, wann der Beter sie spricht? Unmittelbar davor hat er gebeten, seine Feinde zu töten. Und er hat Gott gesagt, dass er seine Feinde hasst. Erst dann betet er: Erforsche mich, Gott.
Und plötzlich bekommt diese Bitte eine neue Perspektive. Damit sagt der Beter Gott: Du kennst mein Herz. Du weisst, was diese Feinde getan haben. Du kennst meine Wut. Prüfe mich, zeige mir, ob ich auf bösem Wege bin.
Wenn wir die Gewaltbitten vorher streichen, verliert dieser Schluss einen wichtigen Teil seiner Bedeutung. Deshalb glaube ich, dass wir die Finger davon lassen sollten, biblische Texte so lange zu amputieren, bis sie unserem Geschmack entsprechen oder bis sie uns nicht mehr schockieren. Stattdessen sollten wir die Bibel als Ganzes lesen und ernst nehmen.
Und ich merke an dieser Stelle: Es geht hier nicht nur um die Frage, was wir jetzt mit diesen schwierigen Psalmen machen. Es geht auch um die Frage, was wir mit der Bibel machen, wenn sie uns widerspricht, irritiert oder unser Gottesbild infrage stellt. Und genau deshalb sind diese anstössigen Psalmen für mich auch ein Prüfstein dafür, wie wir mit der Bibel als Ganzes umgehen.
Und damit kommen wir zu einem zweiten Grund, warum ich glaube, dass wir diese Texte nicht verdrängen sollten.

Der Blick auf Gottes Wesen

Wir haben bereits gesehen, dass gerade diese Psalmen zu den Angriffspunkten der Bibelkritik gehören. Und ich muss sagen, ich kann durchaus nachvollziehen, warum Kritiker fragen: Und das soll etwa euer Gott der Liebe sein? Wie passt das denn zu diesen rachelüsternen Gebeten?
Ja, das ist eine gute Frage. Und genau dieser Frage möchte ich in dieser Podcast-Reihe nachgehen. Schließlich geht es letztendlich nicht um schwierige Psalmverse. Es geht auch um das Wesen Gottes, das hier in Frage gestellt wird.
Das war’s für heute. Das Buch von Regina Gallwitz ist im Litt Verlag erschienen.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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