Ich möchte mit euch in den Predigten, die ich dieses Jahr noch halten werde, und wahrscheinlich auch in ein, zwei, drei Predigten im nächsten Jahr, über das Thema Gefühle sprechen. Dabei geht es nicht um irgendwelche Gefühle, sondern um die hässlichen – also um Dinge wie Zorn, Furcht, Eifersucht, Verzweiflung, Verachtung und Scham.
Als Grundlage für diese Predigtreihe dient mir ein Buch, das ich vorweg erwähnen möchte. Ich habe sehr viel von diesem Buch profitiert, genau genommen von diesem Buch und von anderen Werken, die der Autor Dan B. Allender geschrieben hat. Das Buch heißt The Cry of the Soul. Ich empfehle jedem, der gut Englisch kann, dieses Buch zu lesen. Es sagt viel mehr aus, als ich euch in meinen Predigten vermitteln kann.
Ich finde es einfach fantastisch, wie Allender Dinge auf den Punkt bringt. Für mich ist es unglaublich schade, dass es davon kaum Übersetzungen ins Deutsche gibt – abgesehen von einem Buch über Missbrauch. Viele andere Werke von ihm sind noch nicht ins Deutsche übersetzt, und ich sehe auch nicht, dass sich das in nächster Zeit ändern wird.
Das heißt, es gibt da etwas, und ich sage das ganz bewusst, damit ihr euch nicht wundert und denkt: „Was, das ist ja fast schon ein seelsorgerliches Thema.“ Jürgen ist doch gar nicht so der Seelsorger. Ja, das stimmt. Auch wenn Gott mich in den letzten Jahren mehr in diese Richtung gebraucht hat, sehe ich mich selbst eher als Bibellehrer.
Ich lese gute Bücher, denke mit meiner Bibel in der Hand über das Gelesene nach und wenn ich dann sage: „Hey, das hast du richtig gut auf den Punkt gebracht“, verarbeite ich das in Form von Predigten. Das ist eine Vorbemerkung.
Einführung in das Thema und persönliche Vorbemerkungen
Wo kommt das Ganze her? Zweite Vorbemerkung
Ich spreche hier über normale Gefühle. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die traumatische oder okkulte Erfahrungen gemacht haben. Diese Menschen kennen eine ganz andere Art von Emotionen.
Sie erleben Gefühle, die plötzlich und ungeplant über sie kommen, sie aus dem Hier und Jetzt herausreißen und völlig überwältigen. Diese Gefühle sind auch rational zunächst nicht beherrschbar.
Wenn du in deinem Leben diese Art von Gefühlen kennst, dann hier ein Tipp: Ich werde nicht über diese Art von Gefühlen predigen. Es ist in diesem Fall wirklich wichtig, dass du lernst, mit diesen überwältigenden Gefühlen umzugehen.
Mein Rat ist, dass du dir jemanden suchst, der Erfahrung hat. Diese Person kann dich an die Hand nehmen und dir zeigen, wie du mit ein paar Tricks und Kniffen wieder in die Gegenwart zurückkommst, wenn solche Gefühle auftreten.
So viel als Vorbemerkung.
Gefühle als Ausdruck unseres inneren Lebens
Also Gefühle, Teil eins: Vorbemerkungen
Was sind eigentlich Gefühle? Gefühle verbinden unser Innerstes mit all seinen Höhen und Tiefen mit dem Leben. Wenn wir ehrlich sind, dann sind die Gefühle, die wir empfinden, manchmal mehr, als wir ertragen können. Die Frage ist: Warum?
Die Antwort lautet: Wir leben in einer Welt des Seufzens. Deshalb beginne ich mit Römer 8. Wir leben in einer Welt des Seufzens, und ob wir das wollen oder nicht, ob es uns passt oder nicht, wir seufzen mit. Das geschieht auf der Ebene der Gefühle ganz massiv.
In Römer 8, Verse 19 bis 23 heißt es:
„Denn das sehnsüchtige Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes. Alles, was an Schöpfung existiert, sehnt sich danach, dass endlich die Söhne Gottes, also wir als Gotteskinder, zu dem werden, wozu wir eigentlich gedacht sind. Die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden – nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat – in der Hoffnung, dass auch die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit freigemacht wird zur Freiheit der Herrlichkeit, also zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.“
Gott hat uns eine Zukunft geschenkt und sagt: Das wird einmal großartig sein. Wenn diese Zukunft sich manifestiert, wenn sie Realität wird, wenn wir frei sind von dem, was uns heute einengt – einem nicht erlösten Körper, dem Zugriff der Sünde, einer Welt, die von Ungerechtigkeit geprägt ist – wenn all das hinter uns liegt, dann können wir durchatmen und sagen: Erledigt, alles geschafft.
Dann atmen nicht nur wir durch, sondern die ganze Schöpfung atmet mit uns durch. Vers 22 sagt: „Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung zusammenseufzt und zusammen in Geburtswehen liegt bis jetzt.“ Nicht nur die Schöpfung, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, seufzen in uns selbst und erwarten die Sohnschaft, die Erlösung des Leibes.
Wir seufzen – das ist eine Realität. Wir seufzen, weil unsere Gefühle immer wieder die Realität spiegeln. Diese Realität heißt: Wir sind hier nicht zu Hause. Diese Erde ist kein Paradies. Wir leben tatsächlich jenseits von Eden, auf einem verfluchten Planeten, der nur eine Hoffnung hat. Und diese Hoffnung ist die abschließende Erlösung, wenn Gott richtet und anstelle dieser Welt einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft, in der endgültig Gerechtigkeit wohnt.
Dann gibt es keinen Platz mehr für Sünde. Stellt euch das vor: Kein Platz mehr für Krankheit, kein Platz mehr für Tod und Vergänglichkeit, kein Platz mehr für Fruchtlosigkeit – wo das, was du beginnst, du auch zu Ende bringst. Kein Platz mehr für Schmerz und Tod. Das ist das, worauf wir warten.
Weil wir das nicht erleben, seufzen wir. Viele Menschen, wenn sie mit diesen negativen Gefühlen konfrontiert werden, die zum Leben dazugehören, versuchen, diese Gefühle zu unterdrücken. Ich verstehe das auch.
Gerade weil diese Gefühle eine Tür zur Realität öffnen. Und öfter als uns lieb ist, wollen wir dieser Realität entfliehen. Wir wollen sie nicht wirklich ins Auge sehen. Wir wollen den Schmerz nicht spüren, der damit einhergeht, wenn uns ein guter Freund verrät, ein Lebenstraum nicht gelingt und langsam verloren geht, oder wenn im Kollegenkreis unser Ruf beschädigt wird, man einen Anschlag auf uns plant – und all die anderen deprimierenden Dinge.
Wenn das passiert, ist es leicht zu sagen: „Komm, bloß nichts fühlen, bloß nicht daran denken, bloß das nicht zulassen.“
Die Bedeutung und Herausforderung negativer Gefühle
Ich möchte heute eine Lanze dafür brechen, dass das falsch ist. Ich behaupte, dass Gefühle die prägendsten Kräfte im Leben sind. Sie besitzen eine Dynamik, die alles andere, was uns sonst noch antreibt, in den Schatten stellt.
Ich könnte das ganz leicht beweisen, wenn niemand verliebt wäre. Ja, dann tut er einfach alles. Ist das rational? Nein. Ist das emotional? Ja, hundert Prozent Gefühl. Und genau dieses Gefühl treibt ihn an dieser Stelle an.
Das ist so verrückt, weil Gefühle auf der einen Seite gleichzeitig unberechenbar, unbeherrschbar und absolut präsent sind. Und doch darf ich ihnen nicht uneingeschränkt vertrauen, aber auch nicht einfach ignorieren. Verrückt, oder? Und es bringt definitiv nichts, sie zu unterdrücken.
In christlichen Kreisen hört man oft, dass leidenschaftliche Gefühle, vor allem die negativen, ungeistlich seien. Der reife Christ ist demnach jemand, der mit einer gewissen Coolness durchs Leben geht – fast schon mit stoischer Ruhe im Umgang mit den Wechselfällen des Lebens. Das Schicksal kann machen, was es will, aber ich lasse mich nicht davon mitreißen, dass ich jetzt mal heftig etwas empfinde.
Vorsicht: Ich sage dazu nur, lasst uns bitte nicht Gleichgültigkeit mit Gottvertrauen verwechseln. Es gibt Zeiten im Leben, in denen ein Mangel an Emotionalität – also dass man etwas nicht spüren kann oder nicht spüren will – kein Ausdruck von Glauben ist. Vielmehr ist es bestenfalls ein Abfallprodukt von Überheblichkeit oder Abgebrühtheit.
In Offenbarung 18,7 spricht die Hure Babylon, die in der Bibel als das antigöttliche System schlechthin gilt. Sie sagt in ihrem Herzen: „Ich sitze als Königin und bin keine Witwe, und Traurigkeit werde ich nicht sehen.“ Merkt ihr das? Das Antigöttliche sagt: „Ich werde nie etwas Negatives spüren. Ich werde dafür sorgen, dass ich mich immer gut fühle.“
Das ist nicht das, was die Bibel meint, wenn sie sagt, man soll immer über den Dingen schweben. Es ist eher anders herum. Wir haben das im Jakobusbrief schon betrachtet: Jakobus fordert uns in Kapitel 4, Vers 9 auf: „Fühlt euer Elend!“ Was für ein Satz! Überlegt noch einmal: Du hast das hier schon als Predigt gehört. „Fühlt euer Elend und trauert und weint, euer Lachen verwandle sich in Traurigkeit und eure Freude in Niedergeschlagenheit.“ Das ist Bibel.
Lass ruhig negative Gefühle zu! Ein Mangel an diesen Gefühlen ist meines Erachtens kein Zeichen geistlicher Reife, sondern eher ein Unwille – der Unwille, den Sorgen des Lebens angemessen zu begegnen. Vielleicht ist es auch ein Mangel an Hunger nach der Ewigkeit. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber es ist definitiv nichts Positives.
Wir dürfen unsere Gefühle bitte nicht einfach unterdrücken.
Umgang mit Gefühlen in der christlichen Gemeinschaft
Wir dürfen auch nicht denken, dass es bei Gefühlen immer nur darum geht, die schlechten Gefühle zu nehmen und sie durch gute zu ersetzen. Das ist ein zweiter Punkt, der in christlichen Gemeinden manchmal gehört wird, aber nicht ganz richtig ist.
Wir werden sehen, dass es zu kurz greift, einfach nur zu sagen: „Weg mit den schlechten Gefühlen und her mit den guten.“ Vielmehr müssen wir uns mit dem beschäftigen, was diese zunächst scheinbar schlechten Gefühle uns über unsere Beziehung zu Gott lehren. Sie sind nämlich da und real. Sie einfach durch einen Trick zu ersetzen, hilft nur wenig. Dazu werden wir uns im Verlauf der Reihe noch ein paarmal unterhalten.
Der erste Punkt für mich ist, dass ich euch einladen möchte, gerade bei negativen Gefühlen, die einen oft erst einmal erschrecken, diese Gefühle wahrzunehmen und zuzulassen. Das ist der erste wichtige Schritt. Lasst uns bei Gefühlen solche sein, die sie wahrnehmen, und nicht denken, dass das Auf und Ab unseres Gefühlslebens ein Problem ist, das es zu lösen gilt. Das ist erst einmal noch gar nicht der Punkt.
Jetzt wird der eine oder andere denken: „Aber Jürgen, du hast doch selbst gesagt, dass man bei Entscheidungen nicht auf seine Gefühle hören soll.“ Dazu stehe ich weiterhin. Es gibt im Leben eines Menschen den Willen, die Tat und das Gefühl. Und das Gefühl ist in diesem Zusammenhang tatsächlich kein guter Ratgeber. Es bleibt klug, wenn der Wille entscheidet, was zu tun ist, dann folgt die Tat und zugegebenermaßen manchmal mit einem gewissen Verzug auch das Gefühl. Ich stehe nach wie vor zu dieser Aussage.
Aber ich sage auch, dass das Leben nicht nur aus richtigen Entscheidungen besteht. Wir sind nicht immer in der Situation, sofort eine Entscheidung treffen zu müssen. Zu sagen, dass etwas so Unbeständiges wie ein Gefühl – das man, wenn man ehrlich ist, schon dadurch manipulieren kann, dass man mal zu wenig schläft, zu viel Kaffee trinkt oder zum Beispiel seine Tage bekommt – über das Wohl und Wehe meines Lebens entscheiden darf, ist eine Sache.
Zu behaupten hingegen, Gefühle wären absolut irrelevant und man könnte sie einfach unter den Tisch des Lebens kehren, weil man sich nicht um sie kümmern muss, halte ich für absolut falsch. Gefühle dürfen bei wichtigen Entscheidungen nicht ausschlaggebend sein. Aber du darfst sie nicht ignorieren. Du musst sie wahrnehmen und richtig mit ihnen umgehen.
Die Psalmen als Vorbild im Umgang mit Gefühlen
Ich mag die Psalmen. Wir werden viel in den Psalmen lesen, wenn wir diese Reihe miteinander machen. Ich glaube, wir sollen lernen, mit Gefühlen so umzugehen, wie es die Psalmisten tun.
Schlagt mal auf Psalm 42, Vers 12 auf. Dort merken wir, dass der Psalmist seine Gefühle nicht einfach ignoriert oder unter den Tisch kehrt. Stattdessen beschäftigt er sich mit dem, was er da spürt. Es klingt so: „Was bist du so aufgelöst, meine Seele, und was stöhnst du in mir?“ Ich mag diesen Vers sehr. Ich finde das herrlich. Da sagt der Kopf zum Bauch: „Sag mal Bauch, was machst du eigentlich gerade?“ Nicht in dem Sinne von „Das darfst du nicht“, sondern eher ein kritisches „Was passiert da eigentlich in mir?“
Ich bin jetzt ganz durcheinander. Also dieses In-sich-hineinhorchen, wahrnehmen, was da passiert, wahrnehmen, wie es mir geht, und dann darüber nachdenken: Was geht in mir vor? Das ist zutiefst biblisch, und da möchte ich gerne mit euch hin.
Ich möchte deshalb mit euch dorthin gehen, weil ich denke, dass Gefühle auf der horizontalen Ebene entstehen. Horizontal bedeutet hier: Mensch zu Mensch im Allgemeinen. Ein negatives Gefühl entsteht, wenn Menschen mich verletzen oder wenn von Menschen geschaffene Umstände mich überfordern. Mein Gefühl reagiert zuerst einmal auf das, was Menschen mit mir tun – auf der horizontalen Ebene.
Der Clou ist jetzt: Wenn wir uns den Gefühlen nähern und zulassen, dass wir definieren, was ich da eigentlich spüre, und uns diesem negativen Gefühl stellen, das ein anderer Mensch durch sein Verhalten in mir hervorruft, dann entdecken wir dahinter eine weitere Ebene – eine vertikale Ebene. Vertikal bedeutet: Ich zu Gott.
Witzigerweise wird das Gefühl auf der einen Seite durch einen anderen Menschen ausgelöst, also horizontal. Aber dieses Gefühl entsteht, weil ich eine Beziehung zu Gott habe. Wie ich mit der Situation umgehe, die ein anderer Mensch provoziert, offenbart eine ganze Menge darüber, wie es mir gerade mit Gott geht. Meine Gefühle sagen mir viel darüber, ob ich mich gerade auf Gott zubewege oder von ihm wegbewege.
Deshalb ist es so wichtig, Gefühle nicht einfach zu unterdrücken und zu sagen, „die sind ja so furchtbar lästig“, sondern hinzuhören und sich die Frage zu stellen: Was passiert da eigentlich? Und dann noch einen Schritt weiterzugehen und zu fragen: Was sagt mir das bitteschön über meine Beziehung zu Gott aus?
Gefühle offenbaren uns in diesem Zusammenhang manchmal viel mehr, als uns lieb ist. Ich bin mir darüber im Klaren, dass, wenn negative Gefühle hochkommen, es oft Gefühle sind, auf die man nicht gerne hört. Das sind Dinge, für die wir uns schämen. Man denkt: Ein guter Christ darf das doch nicht haben. Oder es sind Gefühle, die so schlimm sind, dass wir uns davor fürchten. Wir denken: Wie kann ich eigentlich sowas überhaupt noch denken? Wie kann ich sowas überhaupt noch wollen?
Trotzdem möchte ich euch Mut machen, im Verlauf dieser Reihe genau hinzuhören. Ich glaube, das ist der erste Schritt auf einem Weg der Veränderung. Ich möchte, dass dort, wo destruktive, negative Gefühle sind, eine Veränderung stattfindet. Aber nicht durch Unterdrücken, Verdrängen oder Wegschauen, sondern dadurch, dass wir zuerst einmal hinhören.
Gerade schwierige Gefühle wie Zorn, Furcht, Eifersucht, Neid, Verachtung, Verzweiflung oder Scham helfen uns tatsächlich, in der Realität anzukommen. Es ist die Realität, der Moment der Wahrheit, in dem letztendlich Veränderung stattfindet.
Wir dürfen nie vergessen: Was braucht es, um verändert zu werden? Ich glaube, es braucht brutale Ehrlichkeit. Solange wir uns etwas vormachen und denken, wir sind viel besser als die anderen, wird sich nichts ändern. Du brauchst brutale Ehrlichkeit, wenn du verändert werden willst. Du brauchst Verletzlichkeit, damit Gott wirken kann.
Wenn unser Leben von Scheinheiligkeit geprägt ist, von Verdrängung oder wenn wir uns so einen emotionalen Panzer zulegen, dass uns bloß keiner wehtun kann, dann wird in unserem Leben geistlich nichts vorangehen. Warum nicht? Weil Gott uns dann nicht begegnet. Wenn wir so leben, lassen wir Gott nicht an unser Innerstes heran.
Ich kann das nur immer wieder als Zeugnis sagen: Gott begegnet uns am intensivsten in Zeiten der Schwäche, wenn wir nicht stark sind. Gott offenbart sich uns in den dunklen Momenten unseres Lebens viel mehr als in den glücklichen.
Und wenn du mich fragst, woher ich das weiß, dann sage ich dir: Erfahrung. Das ist jetzt gemein, oder? Ihr hättet erwartet, dass ich einen Bibelvers zitiere. Ich weiß, aber bevor der Bibelvers kommt: Erfahrung.
Es ist die Erfahrung, dass die geistlich fruchtbarsten Momente meines Lebens – und ich meine nicht die, in denen ich intellektuell am meisten dazugelernt habe, sondern die, in denen in mir Nähe zu Gott gewachsen ist, absolutes Gottvertrauen gewachsen ist, diese hundertprozentige Sicherheit, dass Gott es gut mit mir meint – genau diese Momente entstanden sind nicht durch Tausende von Seiten Kommentare lesen, nicht durch viele Gottesdienstzeiten mit anderen Geschwistern, nicht durch das Hören von Liedern.
Ich muss persönlich sagen: Nein! Die fruchtbarsten Momente, die mich in seine Nähe gezogen und ihn mir mit seinem ganzen Herzen und seiner ganzen Liebe am meisten offenbart haben, waren gleichzeitig die furchtbarsten Momente meines Lebens.
Momente tiefster Frustration, Momente von Verrat, in denen du ganz alleine dastehst. Momente absoluter Hoffnungslosigkeit, in denen du denkst: Okay, es ist nur noch schwarz. Momente von Konfusion, in denen ich nicht mehr weiß, ob ich nach links, rechts, oben oder unten denken soll. Ich fühle mich wie ein Haufen Spaghetti, alles läuft durcheinander.
Momente absoluter Angst, in denen dir die Angst so kalt über den Rücken läuft und du denkst: Wenn jetzt hier was schiefgeht, kannst du dein ganzes Leben in die Tonne treten. Oder auch unglaublicher Scham.
Es waren die Momente, in denen ich zerbrochen war. Und ich habe meine Gebrochenheit genommen und mit meiner Gebrochenheit getan, was die Bibel empfiehlt beziehungsweise was ich bei den Psalmisten gesehen habe.
Ich habe all das Dunkle in mir, all dieses Unverständnis, diese ganze Finsternis genommen – nicht um zu murren oder Gott aus Unglauben anzuklagen. Darum ging es mir überhaupt nicht. Sondern ich habe sie genommen und mein Unverständnis vor Gott bekannt.
Ich weiß nicht, ob ihr die Psalmen mögt. Es sind 150 Lieder, die man im Gottesdienst singt. Wer die Psalmen noch nie gelesen hat und hört, dass da 150 Lieder drin sind, die man Gott im Gottesdienst gesungen hat, wird vielleicht denken: Oh schön, hundertfünfzig fröhliche Lieder, bei denen man tanzen, feiern und klatschen kann.
Dann liest man die Psalmen durch und denkt bei einigen: Also ich weiß nicht, wie es euch geht, wenn ihr die Psalmen nicht mehr vor Augen habt. Tipp: Hört sie euch nächste Woche einfach mal mit den Ohren an. Bewertet jeden Psalm nur nach seiner Gottesdiensttauglichkeit: Würde ich mich trauen, das im Gottesdienst zu singen? Ja oder nein?
Ganz ehrlich: Das ist der Hammer. Das sind zum Teil absolut verstörende Texte, die uns nur deshalb nicht so nahegehen, weil sie ein bisschen poetisch sind und die Beispiele schon etwas älter.
Wenn das jemand in unserer Zeit eins zu eins übersetzen würde, würde er sagen: Hey, so kann man doch nicht mit Gott reden. Das ist doch kein Thema für den Gottesdienst. Ein bisschen positiver müsste es da schon sein – und dann noch mit authentischer Musik.
Wir hatten da mal Psalm 88 vertont, falls das jemand nachhören möchte.
Wenn du jemand bist, der sagt: Ich weiß nicht, wohin mit diesen ganzen negativen Gefühlen, die da hochkommen, wenn du Angst hast, dich deinen schlimmsten Gefühlen zu stellen, dann lies die Psalmen. Du wirst sie alle dort finden.
Du klagst Gott an, weil es keinen Sinn ergibt, was in deinem Leben gerade passiert? Kein Problem, du findest das in den Psalmen. Du hast Zweifel? Du wirst von tiefer Eifersucht getrieben? Du fühlst dich vielleicht ganz alleine oder kurz vor einer Panikattacke? Lies die Psalmen.
Hallo, es ist alles schon da. Du bist bei weitem nicht der Erste, der in seiner Beziehung mit Gott an so einem Punkt ist.
Die offensichtliche Lektion der Psalmen lautet: Wenn deine Gefühle in dir Amok laufen, dann rede mit Gott und ringe mit Gott.
Psalm 130, Vers 1, nur ein halber Vers: „Aus den Tiefen rufe ich zu dir, o Herr!“ Ist das nicht schön? Wir denken oft, das kommt nicht vor. Aber was steht da? „Aus den Tiefen“ – da ist jemand, der ganz unten ist, der kein Licht mehr sieht, keine Hoffnung mehr hat, keine Kraft mehr, keine Freunde mehr, der am Ende ist.
„Aus den Tiefen rufe ich zu dir, o Herr!“
Wenn wir uns trauen, mit Gott zu ringen und unsere Gefühle nicht vor ihm zu verstecken, dann werden wir nicht nur die Sündhaftigkeit unserer Gefühle erkennen – das passiert auch –, sondern auch merken, was unsere tiefsten Anfragen an Gott sind.
Ich hatte das schon gesagt: Unsere negativen Gefühle spiegeln etwas wider.
Unsere horizontale Ebene, Mensch zu Mensch, spiegelt etwas über unsere vertikale Ebene, also unsere Beziehung zu Gott, wider.
Deine Gefühle spiegeln etwas über die tiefsten Fragen, die du an Gott hast.
Wenn du zornig bist, was ist das anderes als die unausgesprochene Frage, ob Gott wirklich gerecht ist und mir Recht verschafft?
Wenn du dich fürchtest, was steckt dahinter anderes als die unausgesprochene Frage, ob Gott mich wirklich vor dem Bösen bewahren kann?
Wenn du eifersüchtig bist, was ist das anderes als die Frage, ob Gott mich wirklich versorgt, ob er gut ist, ob er mich segnet oder nur die anderen und ich leer ausgehe?
Wenn du verzweifelt bist, was steckt dahinter anderes als die unausgesprochene Frage, ob Gott in seiner Güte auch mir seine unbedingte Nähe anbietet oder mich im Stich lässt?
Was steckt hinter Verachtung, wenn nicht die Frage, ob Gott mich bedingungslos liebt? Oder ob der Chor derer, die mir immer wieder bestätigen, dass ich nicht liebenswert bin, Recht hat?
Und was steckt hinter Scham, wenn nicht die Frage, ob Gott mich auch dann noch liebt, wenn er sieht, wer ich wirklich bin?
Merkt ihr, wie wichtig es ist, dass wir uns diesen Gefühlen stellen? Nicht nur, um sie zu ersetzen, sondern um überhaupt zu erkennen, wo ich eigentlich im Blick auf Gott stehe.
Gefühle bilden etwas von deiner Gottesbeziehung ab.
Zusammenfassung der Vorbemerkungen und Einladung zum Umgang mit Gefühlen
Es geht mir heute nur um die Vorbemerkungen. Ich wünsche mir, dass ihr erstens versteht, wie absolut wichtig Gefühle sind. Zweitens wünsche ich mir, dass ihr Gefühle als etwas versteht, das meine Beziehung zu Gott ausdrückt. Das Buch „Cry of the Soul“ – das ist der Titel – bedeutet: „Meine Gefühle sind das Schreien der Seele.“ Ich schaue mit meinen Gefühlen hinein in meine Seele.
Drittens wünsche ich mir, dass ihr euch einladen lasst, eure schlimmsten Gefühle nicht nur wahrzunehmen und zu analysieren, sondern sie mit Gott zu besprechen. Noch einmal: Ich bin kein Kenner der Psalmen. Das ist ein Buch, das mir noch zu groß ist; ich merke, das entzieht sich mir noch. Trotzdem habe ich eine Sache verstanden: Die Psalmisten laden mich ein, Gott meine negativsten Gefühle, meine größten Zweifel und mein größtes Unverständnis zu bringen.
Die Psalmen geben uns Worte, um mit Gott zu ringen. Dabei wird die komplette Skala der Gefühle durchgespielt. Wenn du in Einsamkeit fast umkommst, in dir die Wut kocht oder du vor Angst zitterst – du bist tatsächlich nicht allein. Das haben die Psalmisten schon vor langer, langer Zeit in uralte Lieder gegossen. Sie haben dasselbe erlebt, sie haben dasselbe gefühlt und sie haben eines gelernt. Und das ist der Hammer: Mitten in ihren Konflikten haben sie gelernt, Gott zu lieben.
Ich glaube, wir denken im Umgang mit Gefühlen schnell, Gott möchte artige Kinder, die nicht aufmucken und fatalistisch alles ertragen, alles über sich ergehen lassen. Solche sind die, die immer nur Ja sagen. Jetzt möchte ich dir sagen, was wirklich stimmt: Gott schätzt den Schlagabtausch, den ehrlichen Schlagabtausch. Gott schätzt das Schreien, Gott schätzt das Harren, Gott schätzt das Ringen mit ihm.
Gott schätzt es, wenn du nicht zufrieden bist mit dem Status quo. Gott schätzt Leidenschaft. Er will uns als Liebende, die erst dann zufrieden sind, wenn sie mit allen Sinnen in einer Beziehung zu ihm eingetaucht sind, wenn sie sich wirklich mit Haut und Haaren an den anderen verloren haben. Gott will Tiefgang. Und ob uns das schmeckt oder nicht: Tiefgang heißt Schmerz.
Für die Psalmenschreiber ist der ganze Schmerz des Lebens eine Realität. Er wird nicht irgendwie vergeistigt. Es gibt keinen Trick, wie du den Schmerz loswirst. Aber was die Psalmisten tun – und wo ich dich einfach nur bitten möchte, es ihnen nachzutun – ist Folgendes: Sie laden dich ein, dich mit schonungsloser Offenheit und mit der ganzen Wucht deiner Negativität auf Gott zu werfen.
Das ist es, was die Psalmisten tun: Sie schütten ihr Herz aus. Und wenn du jetzt sagst: „Ja, ja, das sind die Psalmisten, das ist altes Testament, wir sind jetzt im Neuen Testament, wir haben den Heiligen Geist und Jesus“ – Quatsch, wirklich Quatsch! Wir seufzen, sagt Paulus. Und wir seufzen nicht nur, wir werfen uns nicht nur auf Gott, sondern wir haben eine tiefe, andere Sehnsucht.
Wir haben die Sehnsucht, dass unser ganzes Leben Gott gehört. Und ich möchte doch, wenn ich das so sage, Gott genau so mit meinen Gefühlen lieben, wie ich es mit meinen Gedanken tue, mit meinem Geldbeutel, mit meinen Körperkräften, mit meiner Karriereplanung. Ich möchte Gott ganz dienen. Dazu gehört es, dass ich tatsächlich irgendwann anfange, mich meinen Gefühlen zu stellen, gerade den negativen, dass ich über sie nachdenke und dass ich das mache, was die Psalmisten tun.
Das ist eben kein simples Vier-Punkte-Programm, wie man aus negativen positive Gefühle macht. Das ist es halt nicht. Die Bibel will kein Selbsthilfebuch sein, damit es dir gut geht. Sie will etwas ganz anderes sein. Sie will dir zeigen, worauf es wirklich ankommt.
Und wirklich ankommen tut es auf eine Beziehung zu Gott, die sich nicht an ein paar guten Erfahrungen festmacht, an ein bisschen Segen, sondern eine Beziehung, die durchgerungen ist. Wo ich auf übernatürliche Weise ihm begegnet bin und weiß, wer er ist, weil er sich mir offenbart hat – auf eine ganz persönliche, aber auch absolut existenzielle Weise.
Deswegen laden die Psalmen dich ein, Gott in Frage zu stellen. Du kannst – und das machen die Psalmisten – seine Fürsorge in Frage stellen, seine Gerechtigkeit in Frage stellen, seine Zuneigung in Frage stellen, seine Planung in Frage stellen und was dir sonst noch einfällt. Gott lädt uns ein, dass wir unseren Ärger, unser Misstrauen und unsere Verzweiflung vor ihn bringen.
Aber – und das ist jetzt ganz wichtig – als Teil unserer Anbetung. Er ist der Hammer! Als zentraler Teil meiner Anbetung – und die Psalmen sind Lieder, Lieder für den Gottesdienst – schütte ich mein Herz vor Gott aus.
Nicht meine Gefühle entscheiden über meinen Glauben, sondern mein Glaube entscheidet über den Umgang mit meinen Gefühlen. Und wer es nicht erlebt hat, den kann ich nur einladen. Dem kann ich wirklich zeugnishaft nur sagen: Mitten in den dunkelsten Momenten meines Glaubens, mitten in Unverständlichkeit und Ausweglosigkeit hat Gott – hat mein Herr – auf meinen Zorn und meine Angst reagiert.
Für mich ist das der Wald. Ich gehe immer in den Wald, jemand anders kniet sich hin, jemand Drittes macht, was weiß ich wo. Für mich ist es der Wald, wo ich diese dunkelsten Momente in aller schonungslosen Ehrlichkeit vor Gott verarbeite.
Und es ist unglaublich, was Gott mir in diesen Momenten, ähnlich wie den Psalmisten, an Trost, an Nähe, an Hoffnung und an Freude geschenkt hat. Es sind diese Momente absoluter Dunkelheit, wo nichts mehr ist in dir, wo du dich ganz auf Gott wirfst, an denen Gott dir begegnet und tatsächlich Glaube, Liebe und Hoffnung wachsen.
Ermutigung zum ehrlichen Umgang mit Gefühlen und Gottesbeziehung
Möchtest du Gott auf diese Tiefe, auf diese absolut wahrhaftige Weise kennenlernen? Wenn du sagst: Ja, das möchte ich, dann führt kein Weg daran vorbei, dass du mit deinen negativen Gefühlen zu ihm gehst und mit ihm ringst. In diesem Moment wirst du erkennen, wie er mit dir umgeht und wie er einer ist, dem man zutiefst vertrauen kann – ein wirklich wunderbarer Herr.
Zugegebenermaßen ist Gott nicht berechenbar, nicht manipulierbar und nicht zähmbar. Er bleibt Gott, aber er ist absolut grandios.
Vor diesem Hintergrund möchte ich dich heute mit diesen Vorbemerkungen zu drei Dingen ermutigen.
Punkt eins: Wenn du jemand bist, der seine Gefühle bislang nicht so wichtig genommen hat – vielleicht gerade die negativen Gefühle sogar noch weniger –, dann werde jemand, der sich traut, einen ehrlichen Blick auf seine Gefühle zu werfen. Was fühlst du so den ganzen Tag? Finde Worte dafür, für das, was in dir ist. Was ist das, was da in mir drin ist? Fang einfach an, Worte für deine Gefühle zu finden.
Wenn du Gefühle vielleicht eher als einen unlogischen Ballast im Leben angesehen hast, dann fang an zu glauben, dass das, was du fühlst, etwas von der Realität widerspiegelt. Dass da eine Sprache der Seele zu dir spricht, die dir an der einen oder anderen Stelle vielleicht ein bisschen unheimlich vorkommt, aber für deine Beziehung mit Gott absolut wertvoll ist.
Und drittens: Sei jemand, der versteht, dass er seine Emotionen vor Gott bringen darf, weil sie dorthin gehören. Du musst mit ihm ringen und mit ihm reden. Dann wird er dir mitten in diesem Kampf begegnen und sich dir offenbaren.
Wenn du sagst: Ich sehne mich nach einer tiefen Gotteserfahrung, dann ist das der Weg, wie du sie bekommst. Denn es sind dein Harren, dein Schreien und deine Tränen, die den Weg dafür bahnen, dass Gott dir übernatürlichen Trost und tatsächlich nie gekannte Freude schenkt.
Dann strömt etwas von dieser übermenschlichen Zuversicht in dein Leben, und du sagst: Ich weiß eigentlich nicht, was da passiert ist. Aber eines weiß ich: Ich hänge an diesem Gott mit einer Leidenschaft, mit einer Liebe und mit einem Tiefgang, dass ich es zwar nicht erklären kann, woher das kommt, aber es ist real. Und ich habe nur noch eine Sehnsucht: Ich möchte diesem Gott gefallen.
Wenn du dir das wünschst, dann führt der Weg darüber, dass du ihm begegnest. Der Startpunkt sind deine Gefühle – gerade die, mit denen du dich am wenigsten beschäftigen möchtest.
In diese Richtung soll die Reihe gehen. Ich freue mich darauf, mit euch die anderen Predigten zu den einzelnen Gefühlen durchzugehen.
Amen.
