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Die Reformation und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft

05.05.2017
Reformation war mehr als Kirchenstreit: Sie gab Bildung, Wissenschaft, Freiheit und Arbeit einen neuen Wert. Die Frage bleibt: Was trägt heute noch unsere Gesellschaft – und was davon ist nur selbstverständlich?

Einleitung und geistliche Ausrichtung

Ja, prima. Dann wollen wir auch die Zeit nutzen und gleich loslegen. Mein Name ist Kai Soltau. Ich bin Teil des Leitungskreises von E21 und freue mich, diesen Vortrag über die Reformation und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft zu halten.
Lasst uns beten, und dann wollen wir mit diesem Thema beginnen.
Himmlischer Vater, wir danken Dir dafür, was Du durch die Reformation bewirkt hast und wie es auch heute noch unsere Gesellschaft beeinflusst, ja unser Leben und die Art und Weise, wie wir unser Leben betrachten und wie wir unser Leben leben. Und das nicht nur unser Leben, sondern auch das Leben jener, die nichts von Dir wissen wollen, die gar nicht registrieren, wie wir uns heute als Erben der Reformation in einem Land, auf einer Welthälfte befinden, die in den letzten 500 Jahren geprägt worden ist von der Wiederentdeckung von sola scriptura und sola gratia.
Himmlischer Vater, wir bitten Dich, dass Du uns heute Morgen hilfst, wenn wir uns ein wenig Geschichte und auch Soziologie anschauen, einfach zu staunen. Zu staunen darüber, was die Wahrheit in einer Gesellschaft bewirkt.
Darum bitten wir nun in Jesu Namen, und dass auch dieser Vortrag zur Ehre Jesu Christi dient und ihn als den großen Erlöser, den großen Retter und den Herrn aufzeigt. Amen, Amen!

Der öffentliche Blick auf das Reformationsjubiläum

Das Lutherjahr 2017 wird nicht nur in der Kirche gefeiert oder bedacht, sondern auch in unserer Gesellschaft. So haben die Bundesregierung und auch einige Bundesländer die staatliche Geschäftsstelle Luther 2017 eingerichtet. Diese staatliche Seite will vor allem die Wirkung und die Errungenschaften der Reformation in Kunst, Kultur, Gesellschaft und Politik aufzeigen. Sie will aufzeigen, dass Deutschland das Land der Reformation ist, und auch das Erbe der Reformation vermitteln. Außerdem will sie das theologische, historische, mentale und politische Selbstverständnis Deutschlands und des Westens generell aufzeigen und deutlich machen, wie die Reformation unser Land in diesen Bereichen geprägt hat.
Wenn wir diese Worte hören – theologisch, historisch, mental und politisch –, dann würden wir sagen: Ja, sicherlich, die Reformation hat viel bewirkt. Aber ich könnte mir jetzt eigentlich nicht erklären, was Schrift allein, Glaube allein und Gnade allein damit zu tun hat, dass eine ganze Gesellschaft, eine Politik und letztendlich das Denken und die Werte der Menschen geprägt werden. Doch genau das wollen wir heute Morgen betrachten.
Einer der Referenten hat schon ein wenig belächelt, dass Luther nun als Vorkämpfer der Frauenrechte missbraucht wird. Und so könnte man heute Morgen viele andere Dinge aufzeigen, die durch Luther und die Reformatoren bewirkt wurden. Es gibt viele Auswirkungen, die uns auf den ersten Blick gar nicht so offensichtlich sind. Es geht darum, wie und wodurch die Reformation für Veränderungen in der Gesellschaft, in der Politik, aber auch im Hinblick auf die Bildung gesorgt hat.

Christlicher Glaube als prägende Kraft in der Gesellschaft

Ich denke, wir alle sind uns bewusst, dass der christliche Glaube, ja, dass die Bibel das Leben von Menschen verändert. Denken wir zum Beispiel an diese kleine Anekdote von einem Soldaten, einem amerikanischen Soldaten, der während des Zweiten Weltkriegs auf einer abgelegenen Pazifikinsel auf einen Einheimischen stieß und diesen Einheimischen dort sah, wie er mit einer Bibel unterm Arm marschierte. Der Amerikaner belächelte ihn und sagte: Ja, wir haben auch mal an die Bibel geglaubt, ja, aber das ist ja altmodischer Kram.
Woraufhin dieser Einheimische sagt: Du kannst dankbar sein, dass ich diese Bibel trage und lese, denn sonst würde ich dich heute Abend zum Abendbrot essen.
Ja, es war also hier ein Kannibale, ein Stamm von Kannibalen, und es war erst durch den Glauben an Jesus Christus, erst durch die Schrift, dass ihr Denken über die Würde des Menschen und darüber, ob ich jetzt einen anderen Menschen verzehren soll oder nicht, verändert und geprägt wurde.
In diesem Beispiel ist es vielleicht jetzt sehr offensichtlich, wie die Gesellschaft, okay, wie also die Bibel die Gesellschaft prägt. Der Soziologe Professor Alwin Schmidt führt in seinem Buch „Wie das Christentum die Welt verändert“ ein weiteres Beispiel auf. Und hier sehen wir vielleicht, dass viele der Veränderungen, die die Reformation herbeigeführt hat, uns heute gar nicht so wirklich bewusst und offensichtlich sind.
Schmidt schreibt: Wenn in unserer säkularen Kultur moderne Menschen Barmherzigkeit und Mitleid angesichts der unterschiedlichen Tragödien zeigen, zum Beispiel angesichts von massiven Hungersnöten, Erdbebenkatastrophen, Massenmorden, dann zeigen diese Journalisten unbewusst das christliche Konzept von Mitleid, das sie verinnerlicht haben. Selbst sogenannte objektiv berichtende Journalisten kommen nicht drum herum, Emotionen zu zeigen, wenn sie über schwerwiegende Katastrophen im Radio oder Fernsehen berichten. Aber wären diese Journalisten nicht unter dem zweitausend Jahre alten Schirm des Einflusses von christlicher Wohlfahrt aufgewachsen, dann würden sie nicht viel Mitleid für diese Katastrophen haben.
Und Alwin Schmidt verweist dann und sagt: Ja, wenn wir in der Zeit der Griechen und der Römer und anderer Kulturen leben würden, dann hätten wir nicht solch ein Mitleid mit Menschen, die so in Not sind.
Ja, wie Josiah Stamp sagt: Die christlichen Ideale haben die Gesellschaft durchdrungen, bis Nichtchristen, die meinen, ein anständiges Leben ohne Religion leben zu können, den eigentlichen Ursprung des Inhalts und Zusammenhangs ihres Anstandes vergessen haben.
Und ich denke, das trifft zu auf unsere Gesellschaft. Wir leben im Erbe der Reformation. Wie der Mensch in unserer Gesellschaft denkt, ja, das ist ja logischer Menschenverstand; wie wir unseren Beruf betrachten, wie wir Wissenschaft angehen, wie wir den Menschen in Würde begegnen, dass wir letztendlich an Freiheiten, an Meinungsfreiheit, an Gewissensfreiheit, an Forschungsfreiheit, an was auch immer für Freiheiten wir jetzt denken, das nehmen wir alles für selbstverständlich.
Aber wir haben diese Werte in unserer Gesellschaft bewusst oder unbewusst, weil wir unter dem Schirm der letzten 500 Jahre des Einflusses der Reformation leben. Und einige dieser Werte, ihren Ursprung und was sie mit der Reformation zu tun haben, wollen wir in diesem Vortrag heute Morgen einmal betrachten.

Die großen Linien des Vortrags

Ja, wir wollen uns überlegen, was der Gedanke von Sola gratia, der Rechtfertigung durch den Glauben allein, damit zu tun hat, welche Wertschätzung meine Arbeit hat und mit welcher Arbeitsmoral ich meine Arbeit angehe. Wir wollen uns darüber Gedanken machen, welche Auswirkungen der Gedanke von Sola Scriptura, der Schrift allein, auf Forschung und Wissenschaft gehabt hat. Wir wollen uns überlegen, was nicht nur Sola Scriptura, die zu den Bibelübersetzungen geführt hat, sondern auch der Gedanke von Sola Gratia damit zu tun hat, dass alle Menschen Meinungsfreiheit haben sollen und auch das Recht auf Bildung.
Ja, auf den ersten Blick sehen wir hier diese Zusammenhänge nicht. Ich hoffe aber, dass im Laufe dieses Vortrags diese Zusammenhänge sehr deutlich werden.
Nun, ich komme aus Wien und bin dort Dozent an der Evangelikalen Akademie für biblische Studien, hauptsächlich im Alten Testament. Ich bin also kein Soziologe, ich bin kein Kirchengeschichtler. Da fragt man sich natürlich, warum ich diesen Vortrag halte.
Ich muss sagen, dass ich in den letzten Jahren viele Bücher zu diesem Thema gelesen habe. Ich bin einfach fasziniert, auch von einer apologetischen Seite her, aufzuzeigen, dass es das Christentum und das Christsein sind, die so vieles in unserer Gesellschaft bewirkt haben. So halte ich heute Morgen diesen Vortrag und werde vielleicht auch nicht viele Fragen beantworten können, weil das eher ein persönliches Interesse von mir ist als ein Spezialgebiet.

Literaturhinweise und methodische Vorbemerkungen

Zwei Bücher, die hier insbesondere hervorstechen, sind ein Buch, das auch in den letzten Jahren sehr populär war. Seit 2014 wurde es vom Brunnen Verlag übersetzt, nämlich Das Buch der Mitte: Wie wir wurden, was wir sind. Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur. Wer bei diesem Vortrag vielleicht denkt: Mensch, das ist ein interessantes Thema, dem kann ich dieses Buch sehr empfehlen.
Nun, ich komme aus Wien, deshalb habe ich dieses Buch nicht hierher geschleppt. Es ist ein Buch mit 600 Seiten, geschrieben von dem Inder Vish Mangalwadi: Das Buch der Mitte. Auch auf unserer EAN20-Seite gibt es eine Buchrezension, die ich sehr empfehlen kann.
Ein weiteres Buch, das ich ebenfalls schon zitiert habe, ist von Alwin Schmidt: Wie das Christentum die Welt veränderte – Menschen, Gesellschaft, Politik und Kunst. Schmidt ist Soziologe und Professor am Illinois College. Er hat sich in vielen Veröffentlichungen mit diesem Thema beschäftigt und sehr interessante Einblicke gegeben, wie letztendlich die Bibel und das Christentum die Menschenwürde, die Institution der Ehe, die Freiheit von Frauen, das Gesundheits- und Sozialwesen, die Bildung, die Wissenschaft, die Freiheit, die Gerechtigkeit, die Kunst und auch die Literatur in der westlichen Welt beeinflusst haben.
Es gäbe noch viele weitere Bücher, einige davon werde ich heute Morgen zitieren. Wer eine Bücherliste haben möchte, kann mich gerne fragen oder auch auf meinem Blog nachschauen. Aber fangen wir einfach mal an.

Menschenwürde als Grundpfeiler des Westens

Zuerst einmal ist mit dem Thema, wie bereits in einem der Zitate angedeutet, die Menschenwürde, das Mitleid und die Mitmenschlichkeit gemeint. Hier müssen wir sagen, dass mit der Rückbesinnung auf das biblische Menschenbild zur Zeit der Reformation, eigentlich noch weiter gefasst schon zur Zeit der Renaissance, die allgemeine Menschenwürde zu einem wesentlichen Pfeiler der westlichen Gesellschaft wurde.
Ja, also hier: Es ist durch die Lehre der Reformatoren, aber vielleicht sogar schon in dieser Zeitströmung der Reformation. Die Reformation entsprang ja auch der Renaissance, in der viele der alten Schriften wieder auflebten und neu betrachtet wurden. Ein Rückbezug nicht nur auf die römischen und griechischen Klassiker, sondern auch auf die Kirchenväter hat hier für ein Umdenken und für einen Aufbruch gesorgt.
Mangalwadi behandelt in seinem dritten Teil seines Buches, ja, in dem Buch der Mitte, einen ganzen Abschnitt über das Thema des Samens der westlichen Zivilisation. Was ist letztendlich der entscheidende Faktor, dass aus der westlichen Zivilisation das geworden ist, was sie geworden ist? Er überschreibt das letztendlich mit: Was ist die größte Errungenschaft des Westens? Das ist der Titel seines fünften Kapitels. Was ist die größte Errungenschaft des Westens? Und er sagt: Es ist Mitmenschlichkeit, Mitmenschlichkeit.
Die Betrachtung der Menschenwürde, dass man dem Menschen Würde zuspricht, und er sagt, dies sei geschehen durch einen Rückbezug, einen Rückverweis auf die Schrift, sola scriptura. Und das nicht erst in der Zeit der Reformation.
In einem anderen Vortrag heute Morgen könnten wir darauf eingehen, wie in den frühen Zeiten, in der frühen Geschichte der Kirche, die Menschenwürde um einiges gesteigert wurde. Wir glorifizieren manchmal die römische und griechische Kultur, aber wie dort mit Behinderten, mit Säuglingen umgegangen wurde, mit Mädchen, die ausgesetzt oder abgetrieben wurden, wie Selbstmord gang und gäbe war und wie die Gladiatorenkämpfe aussahen, das zeigt: Menschenleben war zu der Zeit der frühen Kirche nicht sehr viel wert.
So sehen wir auch schon dort letztendlich, wie die Bibel, die Lehre Jesu Christi, die Menschenwürde gefördert hat. Aber das soll heute Morgen nicht unser Thema sein. Wir wollen jetzt einfach einmal 1500 Jahre weitergehen in der kirchlichen Geschichte.
Dann sehen wir am Ende des Mittelalters, zur Zeit der Renaissance letztendlich, dass man sich zurückbezog auf die Schrift und auf das Menschenbild der Schrift. Damit wurde letztendlich die entscheidende Säule für unsere westliche Zivilisation geschaffen und wiederentdeckt, nämlich die Mitmenschlichkeit und die Menschenwürde.

Vom Mittelalter zur Renaissance

Hier, denke ich, müssen wir uns vielleicht auch in die Zeit der Reformatoren und auch in die Zeit des Mittelalters hineinversetzen. Mangalwadi beschreibt hier am Anfang seines Kapitels über Mitmenschlichkeit und sagt: Vor tausend Jahren war die islamische Kultur Europa auf fast allen Gebieten überlegen. Islamische Herrscher galten als wohlhabender, ihre Heere als schlagkräftiger, islamische Intellektuelle erzielten in Kunst, Forschung, Wissenschaft und Technik weit größere Fortschritte. Doch dies sollte sich alles ändern.
Wir sehen also dann in der Zeit der Renaissance, wie letztendlich im Westen sich etwas tat, wodurch wir heute zurückschauen und sagen, dass die westliche Welt die islamische Welt in vieler Hinsicht überholt hat. Nun, natürlich wurde auch schon Europa weit vor 1500 nach Christus christianisiert. Wir gehen da zurück zu Konstantin, aber das soll nicht bedeuten, dass zu der Zeit des Mittelalters wirklich das biblische Menschenbild den Alltag der Menschen prägte. Vielmehr war der Alltag geprägt von vorchristlichem heidnischem Denken, von dem griechisch-römischen kosmischen Weltbild und vor allem auch vom islamischen Fatalismus.
Ja, denn wir müssen uns hier bewusst sein, dass dort, wo die frühe Kirche war, nämlich im byzantinischen Reich, mittlerweile alles von den Muslimen eingenommen worden war. So waren viele der Kulturschätze der Kirche in den Händen der Muslime und mussten dann vom Arabischen ins Lateinische übersetzt werden. Letztendlich wurde dadurch, dass vieles von diesen Kulturgütern erst über die muslimische Welt nach Europa kam, auch das islamische Menschenbild und der Fatalismus mit überliefert. Das hat sich in die Gesellschaft und in das alltägliche Leben eingeschlichen.
Mangalwadi beschreibt dann weiter und sagt: Der zunehmende Einfluss des Heidentums, das kosmische Weltbild und der Fatalismus machten den Menschen des Mittelalters zu einer hilflosen Kreatur, die sich von dunklen Mächten bedroht fühlte. Er hatte sein Schicksal und sein Glück nicht mehr in der Hand. Vielmehr erlebte er einige der Mächte, die sein Schicksal bestimmten, als extrem unberechenbar und rücksichtslos. Astrologen und Wahrsager hatten eine wichtige Stellung inne, aber letztendlich waren auch sie von denselben dunklen Mächten abhängig. Das menschliche Leben war, kurz gesagt, eine Tragödie.

Die Renaissance und die Rückkehr zur Schrift

Ich denke, wir können uns das gar nicht vorstellen, in diesem dunklen Mittelalter zu leben. Aber es war dann in der Zeit der Renaissance, dass man sich auf die griechischen und lateinischen Klassiker zurückbesann und dass hierdurch, durch das Studieren der Klassiker, auch irgendwo ein Aufbruch geschah.
In der säkularen Universität würde man sicherlich sagen: Ja, es war durch die Griechen und die Römer und die Philosophen, die jetzt hier wieder gehört wurden, dass die Menschenwürde zu so einem zentralen Faktor in unserer westlichen Welt wurde. Aber ich denke, das ist ein Irrtum. Denn wenn wir die Griechen und die Römer lesen, dann sehen wir dort nicht die Menschenwürde, die letztendlich unsere Gesellschaft geprägt hat.
Der Humanismusforscher Trinkhaus kommt zu einem ganz anderen Schluss, nämlich dass die Humanisten der Renaissance, obwohl sie mit den Schlüsselwerken der griechischen und römischen Klassiker vertraut waren und diese liebten, zitierten und förderten, auch die Bibel heranzogen. Ja, es war letztendlich die Sicht von der Würde des Menschen, die sie nicht von den Klassikern herleiteten, sondern von der Bibel.
Es war durch die Kirchenväter, besonders auch Augustinus, dass hier letztendlich ein ganz neues Menschenbild die Renaissance prägte, die im deutschen Raum auch sehr viel Überlappung mit der Reformation hatte. Es war insbesondere auch hier die Zurückbesinnung auf die Schöpfungsgeschichte und darauf, dass dort gesagt wird: Ja, wir wollen den Menschen machen, unser Ebenbild, das uns ähnlich ist. Ja, dass letztendlich die Ebenbildlichkeit des Menschen einer der Schlüsselfaktoren war, der in der Zeit der Renaissance und darüber hinaus dann auch in der Reformation für ein ganz anderes Denken über den Wert des Menschen prägte.

Christus, Gnade und die Gleichheit vor Gott

Hier war es sicherlich auch interessant, einfach einmal nachzufragen, warum konnte denn dieses Menschenbild nicht auch innerhalb des Islam geprägt werden? Warum gibt es diese Menschenwürde nicht im Islam?
Und auch hier sehen wir einen weiteren Faktor der Reformation, nämlich Solus Christus, ja, Christus allein. Diese Betonung auf Christus und das Hervorheben von Christus macht den Unterschied. Denn in unserem christlichen, biblischen Glauben sehen wir, dass Gott den Menschen so sehr schätzt und ihm mit solch einer Wertschätzung begegnet, dass Gott sogar bereit ist, Mensch zu werden.
Auch das zeigt Hans-Jürg Stückelberger, der Prediger und Politiker aus der Schweiz, in seinem Buch sehr schön auf. Er macht deutlich, wie letztendlich diese Menschenwürde gar nicht durch die Lehre des Islam hätte aufkommen können. Denn hier war wieder zentral, dass Gott den Menschen in Jesus Christus geliebt hat, indem auch Jesus Christus Mensch wurde.
Das war natürlich auch schon etwas, was die katholische Kirche gelehrt hat. Aber es war in dieser Zeit, in der Zeit der Renaissance, dass dieses Menschenbild wieder in den Vordergrund gerückt wurde. Sicherlich merken wir schon, dass hier jetzt nicht nur der Rückbezug auf die Schrift und damit das schriftliche Menschenbild entscheidend war, sondern auch die Lehre von Sola gratia, wie wir im Laufe des Vortrags noch sehen werden. Diese führt letztendlich dazu, dass wir sehen: Jeder Mensch ist vor Gott auf derselben Ebene. Es gibt keine Klassen, es gibt keine minderwertigen Menschen und höher gestellten Menschen, wie die katholische Kirche mit ihrer klaren Differenzierung zwischen Klerus und dann dem Pöbel, dem allgemeinen Menschentum, das einteilte.
Aber bevor wir auf diesen Einfluss von Sola gratia zu sprechen kommen und darauf, wie das die Gesellschaft geprägt hat, sodass letztendlich jedes Leben und auch jeder Beruf aufgewertet wurde, wollen wir noch einmal hier bei Sola Scriptura stehenbleiben und auch noch einen Gedanken weitergehen, nämlich den Gedanken der Hermeneutik, der Auslegung der Bibel durch die Reformatoren.

Schriftverständnis und wissenschaftlicher Aufbruch

Hier ist es sehr spannend, und ich wage zu behaupten, dass es sein könnte, dass jene von euch, die hier sitzen, entweder Mangalwadis Buch gelesen haben oder den Australier Peter Harrison, den ich gleich zitieren werde. Eigentlich ist zu behaupten, dass das, was ich jetzt sage, die meisten von euch sich noch nie wirklich darüber Gedanken gemacht haben, nämlich der Einfluss der Reformation auf unser wissenschaftliches Denken.
Die Reformation hat als eine Nahauswirkung eine wissenschaftliche Revolution ausgelöst. Und hier will ich vielleicht noch einmal, bevor ich das jetzt erläutere, was jetzt das Schriftverständnis der Reformatoren mit einer wissenschaftlichen Revolution zu tun hatte, noch einmal auf Mangalwadis Zitat über diese islamische Kultur zurückkommen, die fast allen Gebieten Europas unterlegen war.
Vor tausend Jahren war die islamische Kultur Europa auf fast allen Gebieten überlegen. Islamische Herrscher galten als wohlhabender, ihre Herrscher als schlagkräftige islamische Intellektuelle. Sie erzielten in Kunst, Forschung, Wissenschaft und Technik weitaus größere Fortschritte. Doch dies sollte sich alles ändern.
Mittlerweile übersetzen die Spanier jedes Jahr gleich viele Bücher in ihrer eigenen Sprache, wie die Araber in den gesamten letzten tausend Jahren. Spanien allein, das ist sehr interessant, hat mehr Bücher jedes Jahr übersetzt als die Araber in den gesamten letzten tausend Jahren. Wenn wir das Erdöl in diesem Vergleich einmal ausklammern, dann exportieren die fünf Millionen Einwohner Finnlands jährlich mehr Güter und Dienstleistungen als die 165 Millionen Menschen in der arabischen Welt.
Wir sehen also hier einen Fortschritt in der westlichen Welt, in Wissenschaft und in Technik, wobei der Westen die arabische, die muslimische Welt bei Weitem abgehängt hat. Aber warum? Was für ein Motor war hier die Reformation?
Ich denke, jeder von uns erkennt, wenn wir wirklich einmal darüber nachdenken, den Zusammenhang zwischen Theologie und Wissenschaft. Ja, und die Wissenschaftler, die hier sitzen, haben sich vielleicht schon mehr Gedanken darüber gemacht. Aber um wissenschaftlich zu arbeiten, muss ich ganz bestimmte Dinge über meine Umwelt, über die Natur und über die Welt glauben. Diese prägen dann, wie ich arbeite.

Naturgesetze und die Rolle des Schöpfers

Lassen Sie mich hier ausführen: Die Griechen, die Ägypter, die Chinesen und die Muslime besaßen weitreichende Kenntnisse über die Natur. Es gab Erfindungen und Einblicke schon bei den Chinesen oder auch schon bei den Griechen und Ägyptern, wo sie uns germanischen Barbaren bei weitem voraus waren. Vieles hat nicht Europa entdeckt.
Viele Erfindungen, zum Beispiel der Buchdruck, gab es schon lange, bevor wir den Buchdruck hier hatten. Aber er wurde nicht so eingesetzt, wie er dann in Deutschland und in Europa eingesetzt wurde. Aber warum? Warum waren all diese Erkenntnisse, auch mathematische und physische Erkenntnisse, warum sind die nie Teil von einer wirklich wissenschaftlichen Methode geworden? Warum haben die nicht wirklich eine wissenschaftliche Revolution in der Antike ausgelöst?
Es war aufgrund des Weltbildes. Wenn wir über unsere Welt denken als eine verzauberte Welt, wo die Planeten nicht festen Gesetzen folgen, sondern irgendetwas Mystisches haben, so dass wir sie sogar anbeten, wenn die Natur etwas ist, was verzaubert ist und von Millionen kleiner Gottheiten wie dem Regengott und einer Flussgöttin beherrscht wird, dann werde ich ganz bestimmt nicht diese Einblicke und diese vielleicht Zufallsfälle, wo ich etwas in der Natur beobachte, den nächsten Schritt tun und jetzt diese Beobachtungen versuchen, in Gesetzen niederzuschreiben. Ich werde also keine wissenschaftliche Methode wirklich anwenden, um jetzt diese vielen unterschiedlichen Einblicke auch zu sortieren und wirklich daraus Erkenntnisse abzuleiten, die ich dann wiederum auch auf weitere Experimente und Untersuchungen anwende.
Um wirklich also aus diesen zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Einblicken und Experimenten, die gemacht wurden, jetzt zu einer wissenschaftlichen Methode zu gelangen, musste der Wissenschaftler erst einmal zu der Erkenntnis gebracht werden, dass es Naturgesetze gibt. Dass wir es hier nicht mit anzubetenden Planeten und Sternen zu tun haben, sondern dass wir hier Gesetze haben, eine Gleichmäßigkeit und in gewisser Weise auch einen Schöpfer, der für diese Gesetze sorgt.
Was ich darüber voraussetze und glaube, was ich beobachte und verstehe, entscheidet, was ich mit den Fakten danach mache. Was ich also voraussetze und glaube, wird dann auch Einfluss darauf nehmen, wie ich jetzt meine Experimente und meine Beobachtungen auswerte. Und was ich darüber voraussetze und glaube, was für Gesetze es in der Natur gibt, entscheidet, wie ich dann wissenschaftlich mit diesen Einblicken arbeite.

Die Reformation als Motor der Wissenschaft

Mangalwadi bringt letztendlich die Frage auf: Was hat die Reformation hier beeinflusst, und wie hat sie die Wissenschaft geprägt? Diese Frage beantwortet Mangalwadi, wenn er sagt, dass sich nur in Europa die Astrologie zur Astronomie, die Alchemie zur Chemie und die Mathematik zur Sprache der Wissenschaft entwickeln konnte. Und das auch erst im 16. und 17. Jahrhundert, als die westliche Christenheit begann, Gottes Anweisung wörtlich zu nehmen. Gemeint ist die Anweisung: Seid fruchtbar und mehret euch, und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
Ich denke, viele von uns haben diesen Vers, diesen Auftrag, dieses Kulturmandat, wie wir es auch nennen können, im 1. Mose schon häufiger gelesen. Gerade gestern Abend wurde er zitiert: 1. Mose 1,28. Seid fruchtbar und mehret euch, und füllt die Erde, und macht sie euch untertan, und herrscht über sie. Viele von uns haben diesen Vers schon öfters gelesen, und wir haben uns noch nie darüber Gedanken gemacht. Uns war nicht bewusst, dass dieser Vers, dieser Auftrag, als er in der Reformation ganz neu bedacht wurde, für eine Revolution gesorgt hat.
Mangalwadi sagt: Zuerst einmal wurde diese Anweisung Gottes wirklich ernst genommen. Und hier sehen wir, dass die Reformatoren, die sich für den Literalsinn eingesetzt haben, damit Einfluss auf die wissenschaftliche Revolution genommen haben. Warum? Was ist hier der Zusammenhang?
Nun, die katholische Kirche war geprägt von der jüdischen Auslegung und letztendlich auch vom hellenistischen Denken und der hellenistischen Auslegung der Bibel, wo vieles in der Bibel auch allegorisch interpretiert wurde, nicht im Literalsinn. Und so wurde nicht nur das Wort Gottes, also die Bibel, allegorisch ausgelegt, sondern auch das Werk Gottes, die Natur, wurde allegorisch ausgelegt. Genauso wie die Schrift nicht wortwörtlich gelesen wurde, so sah man auch die Natur als etwas, das symbolisch zu verstehen ist. Ausgehend von diesem Gedanken, weil man die Schrift allegorisch gelesen hat, hatte man auch die Vorstellung, dass auch das Werk Gottes allegorisch und symbolisch auszulegen sei.
Mit den Reformatoren, die dafür plädierten, die Bibel müsse befreit werden von dieser vierfachen Hermeneutik, von dieser vierfachen Auslegung, bei der über den Literalsinn hinaus auch das Allegorische, das Analogische und das Typologische verstanden werden sollten, änderte sich das. Darauf wollen wir hier nicht weiter eingehen. Aber genauso wie die Reformatoren dafür plädierten, den Literalsinn der Schrift ernst zu nehmen, hatte das auch Auswirkungen auf die Naturwissenschaften.
Hier ist insbesondere die Forschungsarbeit des Geistes- und Sozialwissenschaftlers Peter Harrison von der australischen Bond University sehr interessant. Peter Harrison sammelte Beweise dafür, dass die Wissenschaft zur Revolution wurde, weil die Protestanten darauf pochten, dass Gottes Wort in der Bibel und in der Natur wörtlich genommen und nicht allegorisch gelesen werden sollte. Peter Harrison sagt:
Die Entstehung korrekter Naturgeschichte ist zu einem großen Teil auf die Bemühungen der Reformation zurückzuführen. Man glaubt immer, als einzelne in der frühen Moderne die Welt aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten begannen, hätten sie nicht mehr länger glauben können, was in der Bibel steht. In diesem Buch möchte ich jedoch darlegen, dass das Gegenteil der Fall war. Als die Menschen im 16. Jahrhundert die Bibel auf neue Weise zu lesen begannen, sahen sie sich gezwungen, überkommene Weltbilder über Bord zu werfen. Die Bibel, ihre Inhalte, die Kontroversen, die sie auslöste, ihr wechselnder Erfolg als Autorität: Die neue Leseart in protestantischen Kreisen trug wesentlich zur Entstehung der Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert bei.
Ja, es war also der Einfluss der Reformatoren, auch darauf, wie überhaupt die Natur auszulegen ist. Und so war es, dass sie hier nicht nur die Bibel und auch die Natur wortwörtlich nahmen, sondern insbesondere auch diese Erzählung der Schöpfung. Und wenn Gott dann sagt: Mit welchem Auftrag hat Gott dem Menschen nach der Schöpfung einen Auftrag gegeben? Dann fing man auch an zu fragen: Was ist unser Mandat von Gott in der Schöpfung? Es ist: Seid fruchtbar und mehret euch und macht euch die Erde untertan und herrscht über sie.
Und man begann zu überlegen: Ja, wie sieht es denn aus, sich die Erde untertan zu machen? Sie verstanden es so: Sich die Erde untertan zu machen bedeutet, dass ich versuche, die Welt zu verstehen, dass ich versuche, durch Naturgesetze und durch eine wissenschaftliche Methode die Welt wirklich zu begreifen und dann auch die Welt um mich herum zum Wohle des Menschen zu nutzen und einzusetzen.

Wissenschaft, Schöpfung und praktische Herrschaft

Wir stellen uns die Frage: Warum existierte bis zum sechzehnten Jahrhundert keine tragfähige Wissenschaft? Warum fingen die Menschen nicht an, zu versuchen, all ihre Beobachtungen so zu organisieren, dass sie daraus irgendwo Gesetze ableiteten?
Hier antwortet Peter Harrison, und er sagt: Als der Schöpfungsbericht seiner symbolischen Elemente entkleidet wurde, konnte Gottes Gebot an Adam mit weltlichem Handeln in Zusammenhang gebracht werden. Wenn der Garten Eden lediglich eine hochtrabende Allegorie war, wie es viele, etwa Origenes und später Hugo von Sankt Viktor, sagten, dann bestand wenig Anlass, das Paradies auf Erden wiederherzustellen. Wenn Gottes Gebot an Adam, den Garten zu bebauen und zu bewahren, nur eine symbolische Bedeutung gehabt hätte, wie Augustinus glaubte, dann wäre der Gedanke, der Mensch sollte durch Gartenbau und Landwirtschaft das Paradies wiedererrichten, im Denken des siebten Jahrhunderts nicht so stark zum Ausdruck gekommen.
Aber das ist jetzt etwas, das als Auswirkung der Reformation auch den Wissenschaftlern Antrieb gab. Es war sozusagen: Lasst uns hier wieder durch Gartenbau, durch Landwirtschaft, durch wissenschaftliches Denken irgendwo das wiederherstellen, nämlich diese Herrschaft des Menschen über die Natur, wie Gott es uns in diesem Mandat aufgetragen hat.
Und da ist es interessant, einmal auf den ersten Historiker der Royal Society of Science in Großbritannien zu verweisen, Thomas Brad. Wir sind jetzt im siebzehnten Jahrhundert, und er beschreibt in dieser Geschichte, was die Royal Society antrieb. Er sagte, diese Gesellschaft sollte die Menschen befähigen, wieder die Herrschaft über die Dinge zu übernehmen. Das war der frühe Anstoß unter den Wissenschaftlern, sich die Welt untertan zu machen, indem wir sie jetzt wissenschaftlich untersuchen und auch durch wissenschaftliche Gesetze irgendwo versuchen, diesen Einblick und diese Herrschaft über die Welt zu gewinnen.
Hier will ich auf einen weiteren Soziologen verweisen, Rodney Stark, der auch sehr viele gute Bücher geschrieben hat, zum Beispiel das Buch The Triumph of Christianity, Der Triumph des Christentums, wo er sehr schön aufzeigt, welche Veränderung das Christsein und auch die Bibel bewirkt haben. Rodney Stark hat eine Liste der 52 bedeutendsten Wissenschaftler zusammengestellt, Wissenschaftler, die Pioniere der Wissenschaft waren und die in den frühen Tagen die einzelnen Disziplinen innerhalb der Naturwissenschaften angetrieben und geprägt haben.
Er kam zu dem Schluss: Von diesen 52 Vätern, die Pioniere der Wissenschaft waren, waren gerade zweimal keine Christen. Alle anderen 50 waren konfessionschristlich. Und 60 dieser Wissenschaftler waren ernsthafte, überzeugte Christen, die letztendlich aus ihren christlichen Überzeugungen heraus angetrieben waren, in diesem Wissensdurst, in dieser Begierde, die Welt sich untertan zu machen.
Ich denke, dass es gerade für die Wissenschaftler, die jetzt hier im Raum sind, einmal ein sehr interessanter Einblick und letztendlich etwas ist, worauf wir auch aufbauen können.

Wissenschaft und biblisches Weltbild

So viel von unserer Auseinandersetzung zwischen Christsein und Wissenschaft ist die Debatte über die Schöpfung, wo letztendlich Wissenschaft gegen die Bibel, Wissenschaft gegen den biblischen Glauben und das biblische Weltbild ausgespielt wird.
Aber hier sollten wir einen Schritt weiter denken und uns wirklich überlegen, ob denn überhaupt die wissenschaftliche Methode, die von der Wissenschaft betrieben wird, unabhängig von dem, was die Bibel lehrt, über Gott, über einen Gott, der für Naturgesetze sorgt, der letztendlich dafür sorgt, dass es Regelmäßigkeiten gibt, die dann auch hier diese wissenschaftliche Methode zulassen.
Sollten wir denken: Ist es wirklich so, dass die Wissenschaft den Glauben oder das biblische Menschen- und Weltbild letztendlich negiert? Oder ist es vielmehr so, dass das biblische Menschenbild und Weltbild überhaupt erst eine Voraussetzung ist, um wirklich wissenschaftlich zu arbeiten?
Und hier ist vielleicht ein kurzer Blick auch wieder zum Islam hochinteressant. Der Schweizer Hans-Jürg Stückelberger, wie gesagt, eine Mischung zwischen Prediger und Politiker, hat das Buch geschrieben: Europas Aufstieg und Verrat. Eine christliche Deutung der Geschichte, wo er auch viele Elemente, die wir in diesem Vortrag aufzeigen, sehr schön nachweist.
Und er vergleicht und sagt: Lässt denn der Islam auch solch eine wissenschaftliche Methode zu, wo ja auch an einen Gott geglaubt wird und damit an einen Schöpfer? Lässt der so eine wissenschaftliche Methode zu?
Und Stückelberger sagt: Diese Abhängigkeit vom jeweiligen unerforschlichen Willen Allahs umfasst auch die Natur. Und er zitiert hier Huff, der beschreibt sie als eine deterministische Sicht der Natur, gemäß welcher Gott die Welt von Augenblick zu Augenblick durch seinen Willen zusammenhält. Er kann auch die Gesetze der Natur jederzeit ändern. Also: Allah, der Allah des Islams, kann jederzeit die Gesetze der Natur ändern. Deshalb ist es kaum sinnvoll, sie zu erforschen.
Bei Allah haben wir es mit einem unerforschlichen Willen Gottes zu tun. Wir haben es mit einem Gott zu tun, der jederzeit seine Meinung, seinen Willen und seine Gesetze ändern kann. Er unterstellt sich letztendlich keinen Gesetzen, argumentiert Stückelberger weiter, und sagt: Deshalb ist es kaum sinnvoll, sie zu erforschen. Und Abweichung von diesem Denken könnte mit Abfall vom Islam gleichgesetzt werden, worauf die Todesstrafe stand. Keine Ermutigung zum unabhängigen Denken.
Im Gegenteil: Naturgesetze zu erforschen und daraus Berechnungen anzustellen, ist lebensgefährlich. Denn da Allah absolut frei ist, kann die Behauptung von unabänderlichen Naturgesetzen als Gotteslästerung interpretiert werden, weil sie eine Begrenzung der Freiheit Allahs behauptet.
Faszinierend, sich einmal darüber Gedanken zu machen, wie das muslimische, islamische Gottesbild eigentlich nicht die wissenschaftliche Methode fördert, die letztendlich dem Westen den Aufschwung verpasst hat, wie die Geschichte es zeigt. Ja, weil der Mensch es gar nicht wagen kann, hier Gottes, Allahs, Willen nachzuvollziehen oder gar ihm Gesetze festzustellen, die dann ja den freien Willen Allahs eingrenzen würden.
Aber hier sehen wir, wie das biblische Gottesbild und das biblische Weltbild genau diese wissenschaftliche Methode fördert.

Freiheit des Gewissens und die Macht der Bibelübersetzung

Und so sehen wir hier einen hochinteressanten Zusammenhang zwischen dem Lesen der Schrift, der Wertschätzung der Schrift durch die Reformatoren und ihrem Beharren darauf, dass sie im Literalsinn gelesen werden soll. Hier soll letztendlich auch der Auftrag Gottes, sich die Welt untertan zu machen, wortwörtlich gelesen und verstanden werden. Es war dieser Auftrag, der dann durch die Reformatoren als im Literalsinn verstanden wurde und der auch die Basis und letztendlich der Anstoß für diese wissenschaftliche Revolution war, die dann hunderte Jahre später, im siebzehnten Jahrhundert, stattfand.
Also ein Zusammenhang, der mir nie so deutlich war, wie nachdem ich diese unterschiedlichen Beiträge gelesen habe. Aber so haben wir jetzt die Wertschätzung des Menschen, die Mitmenschlichkeit, die Wertigkeit des Menschen gesehen und wie die Renaissance und die Reformation dazu beigetragen haben, dass das letztendlich zu einer Säule unserer westlichen Kultur und Gesellschaft wurde. Kurz sind wir verharrt bei diesem Bild des Menschen, der im Ebenbild Gottes geschaffen wurde, und haben dann den Schritt gewagt zu der Frage, was dann der Auftrag an den Menschen seit der Schöpfung war. Dass das letztendlich hier eine wissenschaftliche Revolution angeregt hat, wurde dabei deutlich.
Aber wir wollen jetzt zurückkommen zu dieser Wertschätzung für jeden einzelnen Menschen und sehen, wie auch hier letztendlich Sola Scriptura und die Wertschätzung der Reformatoren für die Bibel zu einer Revolution geführt haben in Bezug auf die Freiheit des Menschen, die Meinungsfreiheit des Menschen, die Bildungsfreiheit und die Gewissensfreiheit jedes einzelnen Menschen.
Auf der eingerichteten Seite www.luther2017.de, wo also vieles von dem Erbe der Reformation zusammengefasst wird, heißt es: Freiheit war ein zentraler Begriff in Martin Luthers Glauben, Handeln und in seiner Haltung. Am deutlichsten wird dies in seiner Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen. Sein Ruf nach Freiheit wurde in der Reformation in vielfältiger Weise gehört, etwa im Verhältnis des Einzelnen zur kirchlichen und weltlichen Obrigkeit. Aus der Freiheit jedes Einzelnen folgt auch die Gewissensfreiheit, die bis heute unser Miteinander in Staat, Kirche und Gesellschaft prägt.
Ohne Frage ist uns bewusst, dass dieser hohe Wert heute auch gerade in der Auseinandersetzung mit dem Mittleren Osten eine Rolle spielt. Wir meinen damit Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit, letztendlich die Freiheit des Menschen. Und das hat etwas zu tun mit Sola Scriptura und letztendlich mit der dadurch ausgelösten Übersetzung der Bibel in die Sprache des allgemeinen Volkes.
Luther selbst war natürlich einer, der auf seine Gewissensfreiheit bestanden hat. Denken wir da an den Wormser Reichstag 1521, wo Luther sich auf das moralische Gewissen gegenüber den staatlichen und kirchlichen Autoritäten bezogen hat und letztendlich gesagt hat: Hier stehe ich und ich kann nicht anders. Er hat sich damit letztendlich selbst eine Mündigkeit gegenüber der Kirche und dem Staat zugetraut.
Das, was dann Martin Luther durch seine Schriften und vor allen Dingen durch die Bibelübersetzung gefördert hat, hat dazu aufgefordert, dass auch seine Mitmenschen genau dieselbe Gewissensfreiheit für sich in Anspruch nehmen und als mündige Bürger gegenüber Kirche und Staat auftreten.

Bibel in der Volkssprache und gesellschaftliche Mündigkeit

Was hat das mit Bibelübersetzung zu tun? Die Bibelübersetzung und die weite Verbreitung der Bibel und der Schriften der Reformatoren durch den Buchdruck führten zur Mündigkeit des allgemeinen Volkes. Denn mit dem Buchdruck und dem Zugang zu Gottes Offenbarung und Wort für jeden, der lesen konnte, wurde jetzt die Autorität und Vormachtstellung der Kirche und des Klerus gemindert.
Ich denke, unser Vortrag heute Morgen hat das schon so klar aufgezeigt, dass im Mittelalter sogar die Bibel in der Inquisition auf die schwarze Liste, die Bücherliste, gestellt wurde, als etwas, was man nicht lesen sollte. Es war niemandem außerhalb der Kirche möglich, hier mitzureden, sich seine eigene Meinung zu bilden. Denn wir haben es heute Morgen im Vortrag gesehen, wie das eine der Hauptsäulen der katholischen Kirche war, dass sie gesagt haben, es hat nur die Kirche letztendlich das Recht, die Autorität und die Fähigkeit, die Bibel recht auszulegen.
Aber jetzt, mit der Bibelübersetzung, kam ein Schwarm von Bibeln in die Hände des allgemeinen Volkes. Und wenn sie lesen konnten, konnten sie plötzlich mitreden, konnten sie mitdiskutieren, konnten sie zu ihrer eigenen Meinung, ja, ihr eigenes Gewissen sprechen lassen. Das wäre ohne diese Bibelübersetzung in die Sprachen der einzelnen Länder Europas nicht möglich gewesen.
Und Mangewadi beschreibt hier sehr interessant am Beispiel von England, was für eine Auswirkung die Bibelübersetzung für das allgemeine Volk hatte. Mangewadi beschreibt, als die englischen Bischöfe begriffen hatten, dass sie die Menschen nicht davon abhalten konnten, die Bibel zu kaufen und zu lesen, erlaubte König Heinrich der Achte, jeder Pfarrei eine Bibel in englischer Sprache zu besitzen. In den Unruhen der Reformationszeit dachte Henry zunächst, angeregt durch William Tyndales Buch The Obedience of a Christian, Der Gehorsam des Christenmenschen, dass die Lektüre der Bibel die Engländer gefügig machen und gehorsam machen würde. Als dann das Gegenteil eintrat, reagierte er sehr ungehalten.
Fast jede Kneipe wurde zu einem Debattierclub. Das Volk begann, jegliche kirchliche Tradition und Entscheidung des Königs zu hinterfragen. Mit der Bibel in der Hand stellte das Volk die religiösen und politischen Machthaber auf den Prüfstand. Von nun an besaß das Wort Gottes mehr Autorität als Kirche und Staat zusammen.
So war es die Fähigkeit, die Bibel in ihren eigenen Händen zu halten, die dazu anregte, sich seine eigene Meinung zu bilden, zu seinem moralischen Gewissen zu stehen, ja sogar auch die Autorität der Kirche und des Staates zu hinterfragen.
Weiter beschreibt Mangewadi und sagt: Durch das Lesen der Bibel wurden alle Engländer, die lesen konnten, nicht nur denen in den Universitäten, ein neuer logischer Ansatz zugänglich. Innerhalb nur kürzester Zeit erfasste diese Revolution alle Lebensbereiche. Bis dahin hatte man sich England im Machtgefüge der Staaten eher im Mittelfeld gefunden. Aber als die Engländer begannen, mittels Logik die Bibel zu interpretieren, führte diese Fähigkeit auch dazu, dass diese Nation in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft weltweit eine führende Stellung einnahm.
Der Erfolg Englands ist zurückzuführen darauf, dass die Menschen dieselbe Logik, mit der sie jetzt für sich selbst die Bibel auslegten und interpretierten, auch auf andere Bereiche wie Wissenschaft, wie wir eben schon gesehen haben, aber auch Politik und Wirtschaft anfingen anzuwenden. Sie begannen einfach, das System zu hinterfragen und, dem Beispiel der Reformatoren folgend, zu sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Nicht nur auf der Schrift stehen, sondern überhaupt darin, dass sie sich in ihren eigenen Überzeugungen behauptet haben.

Bildung für alle und das Ende des sprachlichen Kastensystems

Aber nicht nur führte das jetzt zu einer Meinungs- und Gewissensfreiheit dieser Bibeln, die verbreitet wurden, sondern es führte auch zu einer Bildungsfreiheit und letztendlich zu einem großen Bildungsschub für das allgemeine Volk. Denn nicht nur bestand die katholische Kirche darauf, dass sie allein das Recht hatte, die Bibel auszulegen, sondern sie versperrte letztendlich taktisch jedem die Fähigkeit, mitzureden, indem alles auf Latein gelehrt und geforscht wurde. Denn nur der Adel und letztendlich der Klerus hatten überhaupt das Geld und die Zeit, um sich mit dem Latein vertraut zu machen, sodass dann die höhere Bildung für sie zugänglich gemacht wurde.
Wir sehen also: Durch das Monopol des Lateins können wir hier von einem sprachlichen Kastensystem reden. Mangewardi bezeichnet dieses sprachliche Kastensystem ganz richtig als etwas, was zwar die Macht der Kirche in Europa stärkte, aber letztendlich Europa die Macht raubte. Dieses sprachliche Kastensystem stärkte zwar die Macht der Kirchen in Europa, aber es hielt Europa schwach. Doch dieses Kastensystem wurde nun gebrochen. Man sagte: Nein, wir müssen die Bildung auch dem allgemeinen Volk zugänglich machen. Wir müssen nicht nur die Bibel, sondern auch die Bildung teilweise in den deutschen, französischen und englischen Sprachen stattfinden lassen.
Und so war es, wie Manglvali beschreibt, im Zuge der Bibelübersetzungen in die Landessprachen Deutsch, Französisch und Englisch, dass auch eine intellektuelle Brücke geschaffen wurde, über die geistliches und weltliches Wissen transportiert werden konnte. Man fing also jetzt nicht nur an, die Bibel in der Muttersprache zu lesen, sondern auch den Zugang zur Bildung in der Muttersprache zu gewähren. So wurden Menschen stark gemacht, die bisher von der lateinisch sprechenden Elite unterdrückt und nicht beachtet worden waren.
Auch konnte der Gedanke einer Volksregierung für das Volk und durch das Volk nur umgesetzt werden, weil die Umgangssprache des Volkes jetzt zur Lern- und Regierungssprache geworden war. So können wir also sagen, dass die Demokratie, die wir heute so wertschätzen, eine Auswirkung der Verbreitung der Bibel in der Muttersprache ist und letztendlich dadurch nicht nur in Hinsicht auf Bildung, sondern auch in Hinsicht auf Politik das allgemeine Volk jetzt mitredet und mitbestimmt. Es war die Lern- und Regierungssprache geworden. Der einfache Mann, der zuvor von Regierung und Gesetz nichts verstand, war nun in der Lage, an nationalen Debatten und Entscheidungsfindungen Anteil zu nehmen. Und so ist die Demokratie etwas, was auch zurückzuführen ist auf den Einfluss der Reformation.

Bildung, Katechese und die Aufwertung des Alltags

Und so waren es die Reformatoren, wie zum Beispiel auch Philipp Melanchthon, die sich für Bildung für alle einsetzten. Philipp Melanchthon wird auch als der Lehrer der Deutschen bezeichnet, und Melanchthon war überzeugt, dass jeder selbst seine Bibel lesen sollte. Ebenso sollte jeder selbst in der Lage sein, sich mit seinem Glauben auseinanderzusetzen, um ein mündiger Christ zu werden.
Wir sehen also hier ganz klar in dem Denken der Reformatoren das, was die Bibel lehrt, nämlich dass alle Menschen gleich sind. Alle Menschen sind letztendlich gleich vor Gott und sollen von daher auch denselben Zugang zur Bildung bekommen. Letztendlich war jeder selbst verantwortlich für sein eigenes Heil, und somit mussten die Menschen auch anfangen zu lernen, was sie überhaupt glauben.
Und so war es Luther, der in seinem kleinen Katechismus eine Schrift verfasst hat, in der nun auch das allgemeine Volk lernen konnte, theologisch zu denken und selbst für sich zu wissen, was es überhaupt aufgrund der Bibel glaubt. Aber Luther ging noch viel weiter, als nur durch einen kleinen Katechismus darauf zu bestehen, dass die Menschen sich theologisch ihre eigene Meinung bilden sollten. Er war vielmehr davon überzeugt, dass der Mensch gelehrt werden soll, nicht nur die Bibel, sondern auch die Welt, in der die Bibel dann ausgelebt wird, zu verstehen und darin gebildet zu werden.

Beruf, Arbeit und die Würde des Alltags

Das bringt uns jetzt in diesen letzten Minuten noch zu unserem letzten Punkt, nämlich dass wir hier sehen, wie nicht nur Sola Scriptura mit der Bibelübersetzung für eine Demokratisierung und für Freiheiten in jeglicher Hinsicht gesorgt hat, sondern auch Sola Gratia dazu beigetragen hat, dass letztendlich jeder Mensch gleichwertig ist vor Gott und deshalb in der Berufung, in dem Beruf, in der Arbeit und in seinem allgemeinen Leben in der Lage ist, Gott zur Ehre zu leben.
Mit dem zentralen reformatorischen Gedanken der Rechtfertigung durch den Glauben und des allgemeinen Priestertums wurde das weltliche Leben mit seinen Komponenten der Arbeit, Ehe, Familie und Gesellschaft zu etwas Gottverherrlichendem emporgehoben.
Mir muss vielleicht hier erklärt werden: In der damaligen Welt, wenn ich Gott dienen wollte, wenn ich etwas für Gott tun wollte, dann musste ich mich letztendlich der Kirche anschließen oder ins Kloster gehen. Denn letztendlich war das Entscheidende, was vor Gott zählt, nicht das, was der Bauer auf dem Feld und der Handwerker in seiner Arbeit tat. Gottes Erkenntnis war auf dem Feld oder an der Handwerkerbank nicht möglich.
Und so sehen wir, dass dieser Gedanke von Sola Gratia hier letztendlich die Menschen, die darin gefangen waren, in der Knechtschaft der Kirche waren, in diesem Denken, diesem starken Differenzieren zwischen Klerus und Laien, dass die Menschen überhaupt keinen Wert in dem sahen, was sie taten, weil das Einzige, was wertvoll war, nur das war, was in der Kirche geschah.
Aber so war es jetzt die Rechtfertigung durch den Glauben, die den Menschen befreite, in ihrem Alltagsleben Gott und ihrem Nächsten freudig zu dienen, statt sich auf sich selbst fokussiert aus der Welt zurückzuziehen, um sich ihr Seelenheil zu verdienen.
Letztendlich waren alle guten Werke selbstzentriert, denn alle guten Werke dienten dazu, dass ich irgendwie etwas zu meinem Seelenheil beitrage. Aber durch Sola Gratia, wo der Mensch jetzt erkennt, dass er nichts beitragen kann zu seinem Heil, dass er letztendlich nichts für Gott tun kann, was seine Beziehung zu Gott beeinflusst, sondern jetzt sieht, dass das, was ich bin, das, was ich habe, von Gott ist, will ich mit dem, was ich jetzt von Gott habe, meinem Nächsten dienen.
Mein Dienst am Nächsten, meine Nächstenliebe, ist also nicht mehr etwas Selbstzentriertes, wo ich eigentlich nur an meinem eigenen Seelenheil arbeite, sondern es ist etwas Anderszentriertes. Als Beschenkte können wir jetzt auch unseren Nächsten lieben.

Berufung, Familie und gesellschaftliche Verantwortung

Und so sehen wir, dass die Rechtfertigung durch den Glauben hier nicht nur diese starke Trennung zwischen Klerus und Laien und zwischen dem, was in der Kirche und dem, was draußen auf dem Feld geschah, auflöste, sondern auch die Motivation des Menschen, jetzt für Gott zu leben.
Die rechtfertigende Glauben befreite jetzt die Menschen von dem Missverständnis, dass nur der Klerus einen heiligen Auftrag ausführte. Rechtfertigende Glauben stellte letztendlich jeden Menschen auf dieselbe Stufe vor Gott. Von Gott zu etwas berufen zu sein, von Gott gebraucht zu werden, das war nicht mehr länger etwas, was nur in der Kirche oder im Kloster stattfinden konnte.
Wohl eine der eindrücklichsten Szenen aus dem Lutherfilm ist die, in der Luther zum Priester geweiht wird. Wie er da vor dem Altar liegt, in Form eines Kreuzes liegt er dort und wird eingesetzt, berufen als Priester, geweiht als Priester.
Der allgemeine Mensch sah in dem, was er tat, keine Bedeutung. Nichts wirklich. Okay, das ist etwas, wo Gott mich hier eingesetzt hat, das ist etwas, wozu Gott mich gebrauchen wollte. Aber das, was jetzt Luther lehrte, ist, dass es nicht nur die Priester und die Mönche waren, die jetzt diese heilige Berufung haben, sondern es sind Väter und Mütter und Kinder und Diener und Prinzen und Richter und die Arbeiter, die hier in dem Stand, in dem sie sich befinden, berufen sind.
Ich denke, wir alle wissen, dass, wenn wir von Beruf reden, so geht das zurück auf Luthers Sprache. Wir reden von einem Beruf, und zugrunde liegt: Egal, was für eine Arbeit ich tue, egal welcher Arbeit ich nachgehe, es ist eine Berufung Gottes.
Luther wertete also jegliche Arbeit auf, dadurch, dass er dieses Kastensystem zwischen Klerus und Laien aufbrach. Wesentlich ist: Jede Arbeit ist eine Berufung von Gott. Der Zustand, in dem ich mich befinde, ist eine Berufung von Gott.
Und somit war also jetzt auch nicht mehr, ausgelöst von der Rechtfertigung durch den Glauben, wo jetzt jeder gleich vor Gott stand und womit die Arbeit in der Kirche und im Kloster abgewertet wurde und die Arbeit aufgewertet wurde, es war nicht mehr eine Frage, was für Arbeit soll ich tun? Sondern die Frage war jetzt, wie und warum soll ich meine Arbeit tun?
Da wurde jetzt das, womit wir auch heute unsere Konferenzabende wurden, zu einem Leitthema, nämlich Soli Deo Gloria. Der Mensch erkannte: Ich kann durch meine Arbeit Gott verherrlichen. Es ist Gott, der mich beruft. Und jetzt will ich meine Arbeit, zu der Gott mich berufen hat, in diesem Beruf, in dem er mich bestellt hat, diese Arbeit will ich jetzt zur Ehre Gottes tun.
Letztendlich wurde das Leitthema Coram Deo, ein Leben in der Gegenwart Gottes. Coram Deo hat so viel wie Gegenwart Gottes. Das wurde zu dem Leitruf der Reformation. Es war nicht nur jetzt der Priester und der Mönch, der sein Leben in der Gegenwart Gottes lebte, sondern ein jeder, egal welcher Arbeit er nachging, konnte in der Gegenwart Gottes, zur Ehre Gottes dieser Arbeit nachgehen.
Es ist letztendlich, dass Luther dann davon spricht, von der Maske Gottes. Luther sah, egal welchen Beruf ich habe, den Menschen als einen Ko-Schöpfer mit Gott. Gott hat am Anfang die Welt geschaffen. Aber Gottes Schöpfung setzt sich darin fort, dass Menschen jetzt ihren Aufgaben, die Gott ihnen gegeben hat, zu denen Gott sie berufen hat, nachgehen und letztendlich die Maske Gottes tragen.
Ja, es ist, dass der Bauer, indem er das Essen anbaut und wachsen lässt und dann erntet und dann verkauft, letztendlich mit Gott zusammen dieses Essen schafft, dass letztendlich Gott durch den Bauern dafür sorgt, dass die Menschen zu essen haben. Es ist der Rechtsanwalt, der die Maske Gottes trägt. Es ist durch den Rechtsanwalt, dass Gott jetzt für Recht und Ordnung herrscht. Es ist durch den Handwerker, dass Gott dafür sorgt, dass Dinge heil sind, dass Dinge fabriziert werden.
Der Mensch verstand sich als Ko-Schöpfer mit Gott, ja, als in ihrem Beruf sahen sie die Maske Gottes. Und natürlich können wir hier jetzt noch abschließend einen Schritt weitergehen und das auch anwenden auf Familie und Ehe, denn auch die Familie, die Ehe wurde aufgewertet durch die Reformation. Denn gerade wenn wir hier über Priester und Mönche reden, haben wir es natürlich auch mit dem Zölibat zu tun, und Mangewardi beschreibt hier sehr nachvollziehbar:
Hinter einer solchen Einstellung, man müsse allem Vergnügen entsagen und sich die Gerechtigkeit durch fromme, gute Werke verdienen, stand die Auffassung, dass Sexualität, Ehe, Familie und wirtschaftlich produktive Arbeit, um die Familie zu ernähren, nur für Menschen gedacht ist, die sich geistlich auf einer niedrigeren Stufe befinden.
Wenn du Klerus bist, dann musst du dich nicht mit Familie und Ehe und dem wirtschaftlichen Leben auseinandersetzen. Und letztendlich war das eine Diskriminierung. Letztendlich wurde hier Sexualität und die Ehe und die Familie als etwas Minderwertiges dargestellt durch das Zölibat. Das Zölibat wurde somit zum äußersten äußeren Merkmal geistlicher Überlegenheit. Der Eintritt ins Kloster galt als der sicherste Weg, um in den Himmel zu gelangen. Dieser geistliche Hochmut führte zu großen Verurteilungen gegenüber Frauen.
Aber es war jetzt Luther, der diese Differenzierung durch Sola gratia auflöst und sagte: Nein, du kannst nicht nur Gott suchen und Gott finden und in der Gegenwart Gottes leben, wenn du ohne Frau und ohne Kind ins Kloster gehst, sondern gerade in der Familie, in der Ehe, da findet die Charakterschule statt.
Mangewardi sagt sehr lustig: Ja, es sind nicht die Feministen die Ersten, die gesagt haben, dass die Ehe ein Kreuz ist, das der Mensch ertragen muss. Ja, auch Luther sagte das, weil Luther die Ehe letztendlich sah: Das ist die Charakterschule, hier will Gott den Menschen formen, hier will Gott den Menschen verändern, dafür muss ich nicht ins Kloster gehen. Und damit wertete er letztendlich auch die Familie und die Ehe auf.
Aber, und das ist eine interessante Beobachtung, mit der ich dann schließe, bevor ich zur Zusammenfassung komme, sagt Manglwadi: Erst jemand, der sagt, ich gehe eine Ehe ein und ich sorge für eine Familie, erst der ist jemand, der sich wirklich auch nachhaltig in die Gesellschaft einbringt. Ich baue Getreide an, weil ich Hunger habe, aber ich baue einen Baum an, weil ich auch an die nächste Generation denke. Oder ich baue ein Haus, weil ich auch an die nächste Generation denke. Und somit also auch hier der wirtschaftliche Schub, der durch die Wertschätzung der Familie und Ehe, angeregt durch die Reformation, entstanden ist.

Schluss: Erbe der Reformation und heutige Verantwortung

Liebe Freunde, liebe Geschwister,
wir sehen, dass wir uns unter dem fünfhundertjährigen, also fünfhundert Jahre alten, Schirm der Reformation befinden, und vielen ist das nicht bewusst. Aber ich hoffe, dass dieser Vortrag uns das bewusster macht, was eigentlich alles in dem, was unsere Gesellschaft heute prägt, auf den Einfluss der Reformation zurückzuführen ist.
Wir haben uns in dieser Konferenz mit den fünf Solas beschäftigt und sehen das als etwas Hochtheologisches. Aber ich denke, heute Morgen haben wir gesehen, dass diese fünf Solas bei weitem nicht nur etwas Theologisches sind, sondern auch das alltägliche Leben und ja, unsere Gesellschaft beeinflussen.
Und so hoffe ich, dass dieser Vortrag und diese Einblicke auch eine Ermutigung sind. Wenn wir unsere Arbeit angehen, wenn wir unsere Mitmenschen betrachten, wenn wir wissenschaftlich denken und letztendlich mit Vernunft und Logik das Leben angehen, dann sollen wir uns einfach bewusst sein: Das tue ich auf den Schultern der Reformatoren und dessen, was sie angeregt haben.
Danke für eure Geduld und entschuldigt, dass ich zwei Minuten überzogen habe. Und damit guten Appetit.
Wir hatten jetzt nicht sehr viel Zeit für Fragen, das war vielleicht auch beabsichtigt von mir. Aber ihr könnt mich gerne kontaktieren, besonders auch, wenn es um Literaturlisten geht. Sicherlich könnt ihr irgendwo auf der e21-Seite meine E-Mail-Adresse finden.
Gut, dem haben wir empfohlen, und schöne Konferenzen.