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Liebe

Das Flagschiff der Geistesfrucht
1. Korinther 1306.05.2023
SerieTeil 3 / 4Glaube, Hoffnung, Liebe
Liebe ist kein Gefühl, sondern das, was du weitergibst. Ohne sie sind selbst Glaube, Einsatz und Erfolg nur laute Nullen.

Einleitung und Rückblick auf das Grundprinzip der Liebe

Einen wunderschönen guten Abend hier vor Ort und auch an den Endgeräten. Schön, dass ihr wieder dabei seid.
Wir haben gestern angefangen, uns mit den Korinthern zu beschäftigen. Bevor wir uns 1. Korinther 13 angeschaut haben, habe ich gesagt, dass es wichtig ist, eine ganz wichtige Sache zu verinnerlichen, nämlich das 747-Prinzip. Ein Prinzip, das wie die Boeing breite Tragflächen hat und uns zum Fliegen bringen soll. Der Vers steht in Lukas 7,47. Und deswegen kann man sich das gut merken: Wem viel vergeben wurde, der liebt viel.
Das ist eine ganz gewaltige Aussage, die Jesus macht. Und das ist eine Sache, die wichtig ist, wenn wir über Liebe nachdenken, weil wir Liebe aus uns heraus gar nicht produzieren können. Wir haben das veranschaulicht an einem römischen Brunnen, wo ein Wasserstrahl aufgepeitscht wird und dann in die erste Schale fällt. Das Becken füllt sich, und irgendwann ist so viel Wasser in der Schale, dass sie das Wasser an die nächste Schale weitergibt. Und wir haben festgestellt: Eigentlich ist unser Leben wie so eine Schale, die weitergeben kann, was sie selbst empfangen hat. Und das ist das Prinzip von Liebe. Liebe ist, weiterzugeben, was man selbst empfangen hat.
Und gestern Abend haben wir dann einen Schnellritt gemacht. Das war ein guter, also wir sind mit dem Düsenjet rübergeflogen, das stimmt. Trotzdem seid ihr heute Abend hier, vielen Dank dafür. Wir haben tatsächlich in so einem schnellen Ritt die Korinther mal kennengelernt. Was waren das für Menschen? Was hat sie ausgezeichnet?
Und das ist ja schon sehr spannend. Ich habe euch einen Vers vorenthalten, der steht in 1. Korinther 11,17. Da schreibt Paulus über ein Problem, das die Korinther eigentlich auszeichnet, und es geht da um das rechte Verhalten beim Abendmahl. Und da sagt Paulus in 1. Korinther 11,17: Wenn ich aber Folgendes vorschreibe, so lobe ich nicht, dass ihr nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren zusammenkommt.
Also hier formuliert Paulus eigentlich schon juristisch. Man muss den Satz ein paarmal lesen, um ihn zu verstehen. Er ist mit Verneinungen gebaut. Was sagt Paulus aus? Er sagt: Liebe Leute, ihr seid gerade auf einer Abwärtsspirale nach unten unterwegs. Es wird nicht besser mit euch, sondern es wird schlechter.
Und das ist natürlich ein ganz gewaltiger Warnschuss, den Paulus hier vor den Bug setzt bei den Korinthern, die sich auf vieles etwas eingebildet haben.

Die Einbettung von 1. Korinther 13 in den Brief

Ja, und heute Abend kommen wir jetzt zu 1. Korinther 13. Thomas hat das bei der ersten Begrüssung ja gesagt: Er denkt dabei an Hochzeitspredigten, und das stimmt. Wenn wir 1. Korinther 13 hören, dann bekommen unsere Blicke so eine verklärte Miene, und wir denken: Ach, wie schön, das hohe Lied der Liebe.
 1. Korinther 13 ist tatsächlich ein wunderbares Kapitel. Es ist wunderschön, und es ist ganz interessant eingebettet. Wenn wir uns Kapitel 12 des Korintherbriefes anschauen, dann wird dort das Konzept geistlicher Gaben von Paulus vorgestellt. In Kapitel 14 geht es um die richtige Anwendung dieser Gaben. Und dann kommt Kapitel 13, und Kapitel 13 macht deutlich, dass diese Gaben in Liebe angewendet werden müssen.
Der Gebrauch, oder besser gesagt der Missbrauch, der Gaben hatte offensichtlich zu Eifersucht bei den Korinthern geführt. Und inmitten dieser Krise, die Paulus beschreibt und auch benennt, weht uns die frische Brise aus 1. Korinther 13 entgegen – die Brise für die Krise. Das ist die Liebe, die Paulus hier mit grossen Lettern aufmalt und anzeigt.
Und es geht Paulus nicht um die Abwertung der Gaben, sondern um die Aufwertung der Liebe. Die stellt er hier aufs Podest. Ich habe gedacht: Liebe ist eigentlich ein sehr oft benutztes Wort. Wenn ihr das bei Google eingebt, werdet ihr mehr als einen Suchtreffer finden. Aber es ist eine selten gemachte Erfahrung, oder? Wir erleben ja in unserem Alltag auch ganz viele Lieblosigkeiten. Und deswegen ist es wichtig, sich mit der Liebe zu beschäftigen. Das Thema ist ja heute das Flaggschiff der Geistesfrucht.
In Galater 5,22 wird uns die Frucht des Geistes aufgelistet, und da nennt Paulus an erster Stelle die Liebe. Und das ist, glaube ich, ganz immens, dass wir das verinnerlichen, weil die Liebe als erste Frucht des Geistes wichtiger ist als die Gaben des Geistes.

Ein Bild für den Wert, den Liebe verleiht

Und Jonas, ich brauche dich jetzt einfach mal, um eine kleine Mathematikeinheit durchzuführen. Und zwar habe ich mal ein schönes Beispiel gehört und gedacht, das muss einfach mal verinnerlicht werden.
Kannst du dich da hinstellen? Ich habe heute gebastelt, und ihr seht jetzt mal hier: Ich habe einfach mal so eine Reihe von Nullen mitgebracht, okay? Wer kann mir sagen, was der Wert von dieser gigantischen Zahl ist? Das ist null. Also: Ich kann den ganzen Saal hier voll machen mit Nullen, die Summe bleibt null.
Aber wenn ganz am Anfang eine positive Zahl davorsteht, bekommt die Summe direkten Wert. Und das ist, glaube ich, wichtig, danke dir, Jonas. Wenn wir uns mit Liebe beschäftigen: Wie viele Nullnummern häufen wir auf in unserem Leben? Auf wie viele Nullen verlassen wir uns und stellen fest, dass es ins Wanken kommt, wenn wir unser Leben anschauen? Und es ist so wichtig, dass die erste Zahl hier positiv ist, weil dadurch alles, die ganzen Nullnummern, einen Wert bekommen.
Und das ist so schön, weil Paulus ein Mann ist, der das selber durchbuchstabiert hat. Paulus, der Mann, der zu den Füßen Gamaliels saß. Paulus, der Mann, der Pharisäer war, der sich auf seine religiöse Ausbildung etwas hätte einbilden können. Paulus, der Mann, der Briefe geschrieben hat in der Bibel, sagt: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.
Und das macht Mut, oder? Das macht Mut, weil dadurch deutlich wird, dass Gott ja derjenige ist, der unser Leben verändert und umkrempelt. Und dass Gott derjenige ist, der am Ende auch alles in der Hand hat.

Die erste große Warnung: Liebe ohne Inhalt

Und Paulus führt das sehr plastisch aus, 1. Korinther 13, und wir wollen mal die ersten drei Verse durchlesen, weil Paulus da uns vor Augen führt, was passiert, wenn Liebe fehlt. Paulus listet fünfmal einen Tatbestand auf, nennt fünf konkrete Beispiele und setzt dann dreimal ein „aber keine Liebe habe“ daran. Dazu knüpft er auch dreimal eine Rechtsfolge, und das ist ziemlich frustrierend.
Also schreibt Paulus hier: Wenn ich in den Sprachen der Menschen und der Engel rede ... Und direkt bei den Korinthern schlägt das natürlich ein wie eine Bombe. Die Sprachenrede war nämlich eine wahnsinnig beliebte Sache bei den Korinthern. Und Paulus sagt: Hör mal, selbst wenn ich nicht nur in den Sprachen der Menschen rede, sondern auch noch der Engel, und jetzt kommt das erste Aber: aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz oder eine schallende Zimbel.
Ich habe gedacht, da muss ich euch etwas mitbringen, um das zu veranschaulichen, damit ihr mir nicht direkt am Anfang wegpennt. Stellt euch mal vor, ich würde so die Predigt halten. Die Technik ist schon ganz aufgeregt. Keine Sorge, ich höre auf. Das wäre lieblos, genau. Also das wäre schlimm, oder? Weil ihr mich liebt, würdet ihr es vielleicht so eine Minute aushalten, aber spätestens nach fünf Minuten wäre der Saal hier leer. So etwas können wir nicht gebrauchen, das geht doch ordentlich auf den Zeiger, oder?
Und Paulus sagt: Wenn ich die Sprachen der Menschen und der Engel bedienen könnte, aber keine Liebe habe, ja, dann bin ich genauso schräg drauf wie so ein Instrument, das uns innerhalb kürzester Zeit auf den Senkel geht. Übrigens ganz interessant, liebe Eltern: Ist euch das aufgefallen? Geschenke kauft man seinen Kindern ja nicht selbst. Haben wir geschenkt bekommen von lieben Freunden? Also so Nervinstrumente würden wir ja gar nicht anschaffen für unsere Kinder. Und Paulus macht das hier deutlich und sagt: Ohne Liebe bringt das nichts.
Und dann führt Paulus weiter aus: Und wenn ich Weissagung habe und alle Geheimnisse und alle Erkenntnis weiß ... Damit macht Paulus deutlich: Liebe Leute, stellt euch vor, ich wäre ein Lexikon auf zwei Beinen. Und dann führt er einen weiteren Sachverhalt an, den dritten: Und wenn ich allen Glauben habe, sodass ich Berge versetze. Ja, da denken wir ja an die Worte von Herrn Jesus, ne? Also selbst wenn ich diesen gigantischen Glauben hätte, der Berge versetzt, und dann kommt wieder ein Aber: Aber keine Liebe habe, so bin ich nichts.
Das finde ich erschreckend: allen Glauben zu haben, aber keine Liebe. Und Paulus macht deutlich: Da fehlt die positive Zahl am Anfang. Das ist eine Reihe von Nullnummern, die ist erschreckend lang, aber da fehlt vorne der Wert. Das bringt nichts.
Und dann führt er weiter aus, und jetzt geht es richtig ans Portemonnaie und dann sogar ans Eingemachte. Vers 3: Und wenn ich alle meine Habe zur Speisung der Armen austeile. Paulus beschreibt hier einen Menschen, der wirklich seinen letzten Pfennig hingibt, um die Armen zu versorgen. Und solche Menschen, für die sind wir dankbar, oder? Das sind sozial engagierte Menschen, Menschen, die die anderen doch im Blick haben, oder?
Paulus führt hier leider an, dass dieser Mensch keine Liebe hat. Und er bringt ein weiteres Beispiel, wo es sogar darum geht, dass eine Person seinen Leib hingibt, damit sie Ruhm gewinnt, aber keine Liebe hat: so nützt es mir nichts. Und das war zur damaligen Zeit, wenn man die Geschichte der Märtyrer so ein bisschen verfolgt, dann waren einige Märtyrer schon zu Lebzeiten sehr bekannt, sehr berühmt, sehr gefeiert. Und der ganze Ruhm weitete sich noch aus, als die Menschen dann hingerichtet wurden. Und Paulus sagt: Wenn ich so ein Märtyrer wäre, aber keine Liebe dabei hätte, wäre das alles für die Tonne.
Und das ist schon wirklich auch aufrüttelnd und erschreckend.

Liebe als notwendige Grundhaltung statt bloßer Pflicht

Und deswegen ist fehlende Liebe keine Kleinigkeit. Fehlende Liebe ist auch nicht einfach etwas, bei dem man sagt: Ja, wir müssen ja alle noch dazulernen. Ich glaube, das ist schon wichtig, weil wir bei Liebe ja auch viel entschuldigen können.
Es ist ganz interessant, dass Paulus noch im Römerbrief schreibt. Das kann man sich gut merken: Römer 13,8. Dort lautet die Aussage: Seid niemandem etwas schuldig, als nur einander zu lieben. Da könnte man also sagen: Ja gut, mit Liebe haben wir ja alle unsere Probleme, und jetzt kann ich dem anderen auch mal von Karren fahren. Das ist nicht die Ansage von Paulus, und das macht der erste Korintherbrief hier sehr deutlich.
Paulus fordert uns auf, über Liebe nachzudenken. Wir wollen uns heute Abend die ersten acht Eigenschaften anschauen. Ich weiß nicht, ob es klappt, ich verspreche euch nur, ich mache pünktlich Schluss. Es ist ein steiles Ziel, aber es ist einfach wunderschön, was da alles drinsteckt.
Die ersten acht Eigenschaften sind ein Ausdruck der Selbstverleugnung. Paulus macht hier keine theoretische Abhandlung über den Begriff der Liebe, sondern er schreibt auf, was Liebe tut oder unterlässt. Und die Eigenschaften werden im Griechischen nur als Verben, also als Tunwörter, beschrieben. Kennt man aus der Grundschule: Was tut man? Genau das wird hier verwendet. Damit will Paulus deutlich machen: Liebe ist ganz aktiv, nicht passiv. Liebe hat Hände und Füße, Liebe packt an.
Und MacArthur schreibt in seinem Kommentar: Liebe ist aktiv, nicht abstrakt oder passiv. Sie empfindet nicht nur langmütig, sondern sie übt Langmut aus. Sie hat nicht nur gütige Gefühle, sondern sie handelt in Güte. Sie erkennt nicht nur die Wahrheit, sondern sie freut sich an der Wahrheit. Und deswegen schreibt Johannes dann in seinem ersten Brief: Daher lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit. Das ist wichtig.
Paulus malt in diesen Versen ab Vers vier ein wunderschönes Porträt der Liebe, und kein Geringerer als unser Herr steht dafür Modell. Das sind ganz verschiedene Facetten, ganz verschiedene Nuancen, die Paulus da betont. Und wir können den Begriff der Liebe streichen und durch Jesus Christus ersetzen, und wir werden hundertprozentige Übereinstimmung finden. Das finde ich bewegend. Wie groß ist unser Herr, oder?
Ja, in 1. Korinther 13 wird beschrieben, wie wir uns in Ehe, Familie, Freundschaft, Gemeinde und Gesellschaft zu verhalten haben. Und wir können dabei nur in Abhängigkeit vom Herrn lieben. Das ist mir wichtig, noch einmal zu unterstreichen. Denkt an die erste Einheit: Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Wir sind an allererster Stelle erst einmal geliebte Kinder Gottes. Und es ist so großartig, das zu wissen und zu verinnerlichen.

Die erste Eigenschaft: Geduld mit langem Atem

Ja, wir lesen die Verse ab Vers vier und fünf nur: Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, sie neidet nicht, die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf, sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu.
Machen wir bis dahin erst mal genau, weil weiter werden wir eh nicht kommen.
Die Liebe ist langmütig. Langmütig bedeutet, einen langen Weg zum Zorn zu haben, einen langen Atem zu haben. Ich denke da immer an so einen Apnoetaucher, der ohne Sauerstoffflasche in die Tiefen des Wassers steigt. Also den längeren Atem zu haben. Es gibt ja auch dieses Lied: Gib mir einen längeren Atem. Das wird manchmal auch falsch verstanden, nach dem Motto: Gib mir das letzte Wort. Darum geht es ja gar nicht. Also den längeren Atem zu haben bedeutet, auch mal die Luft anzuhalten und zur Ruhe zu kommen, den anderen auch mal ausreden zu lassen.
Und es steht im Gegensatz zur griechischen Welt, und MacArthur schreibt in seinem Kommentar Folgendes: Aristoteles zum Beispiel lehrte, dass die Verweigerung, Beleidigungen und Verletzungen zu ertragen, und die Vergeltung der geringsten Beleidigung eine große griechische Tugend war. Rache war eine Tugend. Und das finde ich schon sehr erschreckend. Und da setzt Paulus hier einen kompletten Gegenpol dagegen und sagt: Die Liebe ist langmütig, die Liebe hat einen langen Atem. Und Langmut ist damit die Eigenschaft, die alles erduldet.
Und jetzt guck mal rein in Vers sieben, da endet diese Auflistung mit den Worten: Sie erduldet alles. Und ich finde das so schön, wie poetisch Paulus dieses hohe Lied der Liebe aufbaut. Er beginnt mit der Langmut und sagt: einen langen Atem haben, und der ganze Kreislauf endet damit: sie erduldet alles. Und damit macht Paulus auch deutlich: Liebe Leute, wenn ihr da hinten angekommen seid, könnt ihr von vorne direkt wieder anfangen. Also Liebe hört nie auf, Liebe, da drehen wir uns im Kreis. Das hat keinen Anfang und kein Ende. Und das ist so gewaltig auch hier dargestellt, auch schon mit den Worten.
Und die Korinther waren, oder einige Mitglieder der Gemeinde in Korinth, hatten tatsächlich auch persönliches Unrecht erfahren. Wir hatten das schon dargestellt in 1. Korinther 6. Da wird uns berichtet, dass einige Gerichtsprozesse über sich haben ergehen lassen müssen, von lieben Geschwistern angezettelt. Da ist Langmut erforderlich, um das zu ertragen. Wir haben das gestern auch betrachtet, gestern Abend das Unrecht gegenüber den Armen bei der Mahlzeitverteilung. Im Zusammenhang mit dem Mahl des Herrn im 1. Korinther 11 wird Paulus da sehr deutlich und sagt: Hör mal, könnt ihr da mal aufeinander Rücksicht nehmen?
Und besonders wenn es um persönliche Verletzung oder ungerechte Behandlung geht, trachtet Langmut nicht nach Revanche. Da ist so eine interessante Feststellung, die man hat: Die meisten Gerichtsverfahren, da sitzen Leute wie du und ich, deren Gerechtigkeitsgefühl wurde verletzt, und wenn man denen zuhört, kann man das auch verstehen. Und plötzlich stellt man fest, dass irgendwann etwas entgleitet, dass irgendwann mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Das ist ganz extrem. Die geraten in einen Teufelskreis, der nach unten geht. Die werden selber nicht zufrieden sein, selbst wenn sie den Prozess gewinnen. Das ist nicht gut.
Paulus fordert hierzu Langmut auf, und Langmut ist auf menschlicher Ebene nicht nachzumachen, aber für den Christen muss sie unbedingt zu einer Grundeinstellung werden. Und Paulus unterstreicht das in Epheser 4. Da schreibt Paulus: Ich ermahne euch nun, 1. Korinther 4,1, ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, wandelt würdig der Berufung, mit der ihr berufen worden seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut einander in Liebe ertragend. Das ist Langmut, ja, und das Leben ist kein Ponyhof, das muss man ja auch sagen. Unser Leben ist ja voller Enttäuschung, es ist voller Verletzung und auch voller Ungerechtigkeiten. Ich glaube, jeder von uns wird schon irgendeine Ungerechtigkeit in seinem Leben erfahren haben, und das ist nicht schön. Wir werden angegriffen, unsere Entscheidungen werden kritisiert, und vielleicht bekommen wir es auch mit, dass Leute hinter unserem Rücken über uns reden. Das ist so unschön, oder? Und wir brauchen Langmut, um solche Angriffe zu erdulden.
Langmut ist auch wichtig, um miteinander als Geschwister richtig umzugehen, und Paolo schreibt das sehr plastisch in 1. Thessalonicher 5. Da schreibt er ab Vers 14: „Wir ermahnen euch aber, Brüder, weist die Unordentlichen zurecht“, ist die erste Gruppe, „tröstet die Kleinmütigen“, die zweite Gruppe, „nehmt euch der Schwachen an“, ist die dritte Gruppe, und dann fasst er alles zusammen: „Seid langmütig gegen alle.“ Alle brauchen Langmut. Da ist keiner, der da irgendwie sagt: Ich habe es nicht nötig. Wir sind doch auch auf Langmut von den Geschwistern angewiesen.

Ein Vorbild gelebter Langmut

Und ich möchte dazu ein Beispiel aus diesem Buch bringen: Robert Chapman, der Mann, der Christus lebte. Eine ausgezeichnete Biografie, sie liegt hinten aus. Sie ist auch im Brotkorb, da können wir entsprechend etwas für den Preis hineintun. Robert Chapman ist bekannt geworden als der Apostel der Liebe, der Mann, der Liebe lebte.
Das ist ganz interessant: Man hat einmal einen Brief nach England geschickt, an den Apostel der Liebe, war er, meine ich, adressiert, also irgendetwas in der Richtung auf jeden Fall. Und der Brief wurde korrekt an Chapman zugestellt. Das ist schon großartig, dass ein Mann so etwas ausgezeichnet hat.
Dieser Mann war auch mit vielen Konfrontationsgesprächen durchaus vertraut. Und einer, der ihn dabei auch sehr herausgefordert hat, war John Nelson Darby. Chapman war in einen Konflikt hineingeraten oder sprach dann mit Darby über eine Trennung, die Darby vollzogen hatte. Dann steht in dem Buch, in dieser Biografie, Folgendes. Ich lese es einfach mal vor:
Während des Treffens sagte Chapman herausfordernd zu Darby: Du hättest mit der Trennung länger warten sollen. Womit Darbys Unvermögen, seinen Konflikt mit Newton zu lösen, und sein Vorgehen von 1845 gemeint war. „Ich habe sechs Monate gewartet“, antwortete Darby, um sich zu verteidigen. Ungewöhnlich gereizt erwiderte Chapman: Aber wenn das in Barnstaple passiert wäre, hätten wir gegebenenfalls sechs Jahre gewartet.
Boah, das finde ich eine gute Ansage, oder? Das ist Langmut. Und das Schöne ist, dass Darby mit großer Hochachtung von Chapman gesprochen hat.
Ein weiteres Zitat aus dem Buch: Als einige von Darbys Anhängern versuchten, die anderen davon zu überzeugen, dass Chapman in einigen grundlegenden Lehren irrte, wies Darby sie zurecht und sagte: Lass diesen Mann in Ruhe, er erlebt, was ich lehre. Ein anderes Mal sagte Darby: Wir reden über die himmlischen Örter, aber Robert Chapman lebt in ihnen.
Das finde ich eine gewaltige Aussage, das ist schön. Also sehr zu empfehlen, dieses Buch. Man kann es in einem Rutsch durchlesen. Ihr findet hinten genau Robert Chapman, die Biografie.
Langmut bedeutet nicht, dass man Menschen nicht mit ihrer Sünde konfrontiert. Das ist auch wichtig festzuhalten bei diesem Begriff. Man könnte ja sagen: Langmut deckt jetzt immer schön alles zu, lässt Gras darüber wachsen, und schon ist alles okay? Nein. Wenn wir uns Paulus anschauen im ersten Korintherbrief, dann deckt Paulus sehr deutlich Fehler und Missstände auf. Er gibt sie trotz ihrer ungerechten Kritik aber nicht auf oder wendet sich von ihnen ab, sondern er weist ihnen gegenüber eine echte Geduld.

Gottes Langmut als Maßstab

Und wie barmherzig ist unser Gott mit unserem Fehlverhalten! Jesus ist langmütig. Als seine Mörder ihn ans Kreuz schlagen, ruft er in Lukas 23 aus: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Und in diesem Satz finde ich so viel Liebe von unserem großen Heiland. Er ist die Liebe für uns Menschen. Vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun. Er verwendet sich für uns selbst in dieser Situation. Und was für eine gewaltige Liebe zu Gott, dem Vater! Er ruft in dem Moment aus: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.
Das finde ich so gewaltig, was unser Herr für ein gewaltiges Vorbild an Liebe ist. Das schönste Beispiel ist unser großer Gott. Und 2. Petrus macht das deutlich in 3,9. Da schreibt Petrus: Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten, sondern er ist langmütig euch gegenüber, da er nicht will, dass irgendwelche verloren gehen, sondern dass alle zur Buße kommen.
Unser großer Gott möchte, dass alle zur Buße kommen. Bist du dabei? Wenn nein, ich bin danach noch ein bisschen da. Lass uns darüber reden. Es ist echt so wunderbar, einen langmütigen Gott zu wissen und zu kennen, mit dem eine Beziehung zu haben. Was für ein Geschenk!

Der nächste Schritt: Güte als aktive Zuwendung

Die nächste Sache ist: Die Liebe ist gütig. Und jemand sagte einmal: Güte ist Liebe in Dienstkleidung. Sie ist der ideale Gegenpart zur Langmut gegenüber Mitmenschen.
Langmut erträgt passiv das Fehlverhalten anderer Menschen. Güte geht noch einen Schritt weiter, indem sie dem Menschen, der sich so schlimm verhält, noch etwas Gutes tut. Sie verhält sich also dem Menschen gegenüber noch positiv. Güte geht damit noch einen Schritt weiter, sie ist aktiv.
Und wir können da noch einmal an den römischen Brunnen denken, wenn wir ihn uns vor Augen führen: dieses Weitergeben von dem, was man selbst bekommen hat. Es nicht für sich behalten, sondern es ausfließen lassen auf die Menschen, die um uns herum sind.
Das beste Vorbild ist unser Herr Jesus Christus. Jesus rührt einen Menschen an, der voller Aussatz war. Erschüttert uns das noch? Hätten wir das gemacht? Oder hätten wir uns angeekelt weggewendet? Jesus hat das nicht gemacht. Jesus hat mit Zöllnern und Sündern gespeist. Jesus hat Kinder gesegnet, sie zu sich auf den Schoß genommen und mit ihnen geredet, während die Jünger schon längst den Feierabend einläuten wollten. Was für eine Güte ist das?
Jesus betete für seine Mörder, haben wir betrachtet. Und er betet auch bereits für uns in Johannes 17, in diesem Gebet, in dem er sich an seinen Vater wendet. Und dann sagt er: Ich bitte nicht nur für die, sondern auch für die, die durch das Wort an mich glauben werden. Wie groß ist unser Gott, was für eine gewaltige Güte!
Und wenn Güte fehlt, geht etwas kaputt. Das kann man sehr gut an Rehabeam deutlich machen. Rehabeam ist der Thronnachfolger von König Salomo, diesem weisen König. König Salomo hat in viel Weisheit regiert, und er übergibt dann den Staffelstab. Der geht weiter an seinen Sohn Rehabeam. Rehabeam trommelt erst einmal die Berater zusammen und fragt: Wie soll ich mich gegenüber dem Volk verhalten?
Er holt sich zunächst Rat bei den Älteren ein. Die raten ihm: Seid zu diesem Volk gütig! Dieses Wort taucht da auf: Seid zu diesem Volk gütig! Wir wissen es: Rehabeam hat diesen Tipp in den Wind geschlagen. Und was ist die Folge davon? Eine Reichsteilung. Zack, Nordreich, Südreich, Juda und Israel. Das ist nicht schön, oder? Da wäre Güte so wichtig gewesen.

Praktische Formen von Güte im Alltag und in der Ehe

Und ich habe mich gefragt, wie Güte praktisch aussehen kann. Güte kann so aussehen, dass du zum Beispiel eine Karte an Kranke schreibst. Dass du einen fürsorglichen Telefonanruf absetzt, dass du jemanden zum Abendessen einlädst, dass du bereit bist, in der Not zu helfen, dass du Getränke für ältere Geschwister kaufst, warum sollen die sich abschleppen, dass du Interesse an den Problemen des anderen hast. Ein Besuch kann es sein.
Ich möchte noch einmal auf unser Zuhause eingehen, weil ich glaube, dass die erste Prüfung für uns immer unser Zuhause ist. Die erste Prüfung christlicher Güte ist das Zuhause. Und gestern hatte ich das mit den Kindern angesprochen, heute möchte ich einfach mal auf die Ehe eingehen.
Wir haben in Epheser 5 eine sehr steile Ansage von unserem großen Herrn, über unseren großen Herrn. Da steht drin, da werden wir aufgefordert: Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat. Und damit wird direkt deutlich, sagt uns Paulus direkt: Liebe Ehemänner, ihr habt die Aufgabe, euer Leben hinzugeben für eure Frau. Das ist schon interessant. Ich habe keine Stelle in der Bibel gefunden, wo ich aufgefordert werde, mein Leben hinzugeben für meinen Dienst. Ich habe in der Bibel auch keine Stelle gefunden, wo ich aufgefordert werde, mein Leben hinzugeben für meine Kinder, obwohl das selbstverständlich ist, würden wir machen, aber ich werde in der Bibel aufgefordert, mein Leben hinzugeben für meine Frau.
Damit wird deutlich gemacht: Die wichtigste Person in diesem Universum ist meine liebe Mimi. Das Ja für sie ist das Nein für alle anderen Frauen, ist auch wichtig. Und ich finde das wichtig, gerade deswegen, weil unsere Frauen auch in einer schrecklichen Welt aufleben. Medien spiegeln absolut unrealistische Schönheitsideale vor. Meine Frau stößt auf Unverständnis, wenn sie sagt: Ich bin zu Hause bei meinen Kindern und verzichte deswegen auf eine gute Karriere. Die ganze Zeit wird meine Frau eigentlich motiviert, sich mit anderen Frauen zu vergleichen. Und dann komme ich abends nach Hause, tue die Füße auf den Tisch und sage so: Feierabend. Willkommen Neandertaler, oder? Das ist eigentlich Steinzeit, oder? Was ist, wenn ich nach Hause komme? Gehe ich dann erst mal eine halbe Stunde auf Toilette?
Ist ganz interessant, ist euch das mal aufgefallen, wenn ihr irgendwo seid, so zu Besuch und so, der Ehemann kommt von der Arbeit nach Hause, sagt: Ich gehe erst mal aufs Klo. Und dann denkt man, Mensch, ey, in der Zeit hat der ja die ganze FAZ am Sonntag sogar durchgelesen, bis er wieder draußen ist. Das dauert ja wirklich lange. Also, was macht der in der Zeit da so lange? Der hat doch noch Familie und Kinder.
Meine Familie existiert nicht für mich, sondern wir sollen ein Segen sein für unsere Frau und für unsere Kinder. Fördere ich das geistliche Wachstum meiner Frau? Das ist ja auch wichtig. Räume ich meiner Frau einfach mal Bewusstheit ein, wo ich sagen kann: Setze ich einfach mal hier einen schönen Sessel, hier ist ein Kaffee, habe einfach mal Zeit mit Gott, das ist so wichtig. Treffen wir Entscheidungen gemeinsam? Setze ich mich neben meine Frau hin, wenn die Kinder im Bett liegen? Ist bei uns mittlerweile ein bisschen schwierig, je älter die Kinder werden, mittlerweile gehe ich vor denen ins Bett. Aber gibt es so Zeiten, wo wir noch zusammensitzen und einfach mal den Tag reflektieren? Wenn wir nebeneinander sitzen und uns unterhalten, ist der Rechner aus oder an? Dieses: Ja, warte Schatz, ich muss noch kurz eben hier die Mail zu Ende schreiben, das kannst du direkt knicken, vergiss es, der Rechner gehört aus dabei.
Das sind alles so Sachen. Das Problem ist, ich habe sie immer noch nicht ergriffen. Also ich bin da auch noch ein Lernender. Das ist ja aber echt eine wichtige Sache, glaube ich, dass wir die umsetzen in die Tat. Gehen wir gemeinsam einkaufen oder muss meine Frau die Einkäufe alleine schleppen? Und hören wir auf das, was uns unsere Frau sagt. Das ist ja auch wichtig. Meine Frau wird mir nur so viel erzählen, wie ich zuzuhören bereit bin.
Und dieses Buch habe ich schon ein paarmal empfohlen, zielstrebig, ich empfehle es wieder, es ist wirklich das beste Buch überhaupt, finde ich, in den letzten Jahren für Männer. Da schreibt sie Farrah Folgendes: Spricht Gott heute noch zu uns? Und ob, er spricht in seinem Wort zu uns, aber er hat noch eine andere Möglichkeit, zu uns durchzudringen. Es ist erstaunlich, wie Gott durch meine Frau und meine Kinder zu mir spricht, und wenn ich anfange, dasselbe immer und immer wieder zu hören, dann sollte ich besser aufmerken. Wenn ich eine glückliche Familie will, dann sollte ich besser auf ein paar ihrer Worte hören und sogar auf ihr Schweigen.
Mir fällt das nicht leicht. Genau wie du verfalle ich oft in einen Trott. Ich werde zielorientiert und versteife mich auf meinen Kurs. In solchen Momenten ist es für mich nicht leicht, die emotionalen Bedürfnisse meiner Familie wahrzunehmen. Im Eifer des Gefechts rege ich mich leicht auf und werde ungehalten und fange an, mit harten Worten um mich zu werfen. Das entspricht meiner natürlichen Neigung. Das ist aber nicht gut.
Das Buch findet einen, für den, der Schwierigkeiten hat zu lesen, das gibt es auch als Hörbuch, wunderbar gesprochen, liegt auch hinten aus.

Die Quelle der Güte: Christus als sanftes Joch

Ja, bei der Güte sind wir gerade. Und ich habe mich jetzt gefragt: Okay, jetzt habe ich hier so einen richtigen Einlauf gegeben, ne? Und jetzt sitzt du da und denkst: Okay, boah, Mist, wie soll das gehen?
Ich habe erst einmal als Erinnerung wieder die erste Predigt im Hinterkopf: Weitergeben können wir nur das, was wir selber empfangen haben.
Ich habe noch ein Anschauungsmaterial für euch dabei, und zwar ist das hier ein Joch. Und das Joch ist für zwei Tiere, also für zwei Ochsen. Man kann da hier etwas einspannen. Im alten Israel ist man folgendermaßen vorgegangen, wenn man einen jungen Ochsen an die Arbeit gewöhnen wollte: Man hat einen alten Ochsen genommen und einen jungen Ochsen. Und man hat beim alten Ochsen die Gurte richtig krass angespannt. Also eigentlich hat der alte Ochse die Last alleine getragen, und der junge Ochse ist so nebenher gedackelt und hat sich an dieses Gefühl gewöhnt: Wie ist es, wenn ich unter so einem Joch gehe?
Ich habe es deswegen mitgebracht, damit ihr das vielleicht als Bild von heute Abend mitnehmt. Denn Jesus sagt in Matthäus 11: Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.
Wisst ihr, was das Schöne ist? Sanft heißt Christos, und gütig ist Christoiomai. Also, ich kann kein Griechisch, aber es macht schon deutlich: Es ist die gleiche Wortgruppe. Das kann man gut voneinander ableiten.
Mein Joch ist sanft, da können wir auch an die Güte denken, die Güte unseres großen Gottes. Die Güte desjenigen, der unsere Lasten trägt. Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er ist besorgt für euch.
Und ich glaube, dass wir von einigen Lasten wissen, die unser Herr getragen hat. Es ist unsere große Schuld, die Jesus ausgelöscht hat durch sein Blut am Kreuz. Aber wie viele Lasten haben wir gar nicht auf dem Radar, die unser Herr auf sich genommen hat, um sie für dich und für mich zu tragen? Er geht mit. Es ist so gewaltig: Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir. Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Mein Joch ist leicht, und meine Last ist sanft. Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

Die Gefahr des Neides und die Freude am Guten des anderen

Ja, die nächste Eigenschaft von Liebe: Sie neidet nicht.
Neid ist im Griechischen mit Begriffen wie eifern, sieden, kochen verbunden. Es spricht von einem inneren Brodeln. Stellt euch einfach einen Topf vor, in dem ihr Nudeln kocht. In dem Moment, in dem ihr die Nudeln hineinkippt und hineinschaut, brodelt alles. Genau so ist eigentlich Neid: Wenn da richtig etwas am Sieden ist.
Das ist nicht immer schlecht. Wenn wir in den 2. Korintherbrief schauen, dann schreibt Paulus sogar von einem Eifer, und der ist sehr positiv. Da schreibt Paulus in 2. Korinther 11,2: Denn ich eifere um euch mit Gottes Eifer; denn ich habe euch einem Mann verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau vor den Christus hinzustellen.
Also: Eifer kann durchaus auch gut sein. Aber wenn wir an das schlechte Neiden denken, an das, was nicht gut ist, dann tritt Neid eigentlich in zwei Facetten auf.
Das Erste ist: Ich möchte, was der andere hat. Ich sehe etwas und denke: Mensch, boah, ist das schön, das will ich auch. Das ist dieses: Ich auch. Das lernen die Kinder irgendwie gefühlt am frühesten. Ich auch Gummibärchen. Ich auch. Also immer sehen, was der andere hat, und dann: Ich auch. Das ist irgendwie in uns drin.
Aber es gibt noch eine pervertiertere Form: Ich möchte, dass der andere nicht hat, was er hat.
Und da kann uns als Beispiel einfach mal Salomo dienen. Er wird als Richter hinzugezogen. Zwei Frauen kommen vor ihn und fordern eine Entscheidung. Sie haben ein Kind dabei. Beide sind Mütter, beide Mütter haben jeweils ein Kind gehabt. Ein Kind ist tot, und jetzt ist die Frage: Wessen Kind ist das? Einen DNA-Abgleich gab es damals noch nicht. Und dann macht Salomo sein weises Urteil, für das er bekannt geworden ist, das salomonische Urteil. Er sagt: Holt ein Schwert und schneidet es in der Mitte durch.
Das wäre gerecht, theoretisch. Natürlich sträuben sich bei allen die Nackenhaare. Und die Frau, die die Mutter ist, will das auf gar keinen Fall und sagt: Nein, gib es lieber der anderen. Aber diese andere Mutter, die ist wirklich böse drauf und sagt: Ja, das ist gut, mach das. Sie will nicht nur ein Kind haben, was man ja noch verstehen könnte, sondern sie gönnt es der anderen Frau sogar nicht. Und der Hass ist so schlimm, dass sie bereit ist, den Tod eines Kindes in Kauf zu nehmen.
Neid macht uns kaputt, und andere Menschen auch noch. Das macht diese Begebenheit so deutlich.
Mit Eifersucht hatten die Korinther Probleme. 1. Korinther 3,3 haben wir gestern schon gelesen. Da schreibt Paulus: Denn wo Eifersucht und Streit unter euch ist, seid ihr da nicht fleischlich und wandelt nach Menschenweise?
Rickard sagte einmal: Der Blick des Neides sieht zu seiner eigenen Pein nur alles Fremde groß und alles Eigene klein.
Neid macht uns kaputt. Es war Neid, der Kain zum Mörder an seinem Bruder Abel machte. Aus Neid verkauften Josephs Brüder Joseph nach Ägypten. Aus Neid wurde Daniel letzten Endes in die Löwengrube geworfen. Und Neid brachte den älteren Bruder im Gleichnis vom verlorenen Sohn dazu, sich nicht über das Glück seines Vaters mitzufreuen, dass der verlorene Sohn nach Hause gekommen war.
Jakobus wird da in seinem Brief sehr deutlich, in Jakobus 3,16: Denn wo Neid und Eigennutz sind, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat.

Mitfreude statt Konkurrenzdenken

Ein positives Beispiel ist Georg Müller, der Gründer der Waisenanstalten in Bristol. Was viele nicht wissen: Er arbeitete dort auch mit Henry Craig in einer Gemeindearbeit zusammen. Die beiden hatten die geistliche Leitung der Gemeinde in Bristol übernommen. Dabei stellte Georg Müller fest, dass die Leute Craig lieber predigen hörten als ihn.
Das kratzt natürlich ein wenig an der Ehre, wahrscheinlich bei einem Mann. Und dann schreibt Georg Müller Folgendes: Als ich 1832 bemerkte, dass manche Menschen lieber meinem teuren Freund als mir zuhörten, beschloss ich in der Kraft Gottes, mich darüber zu freuen, anstatt ihn zu beneiden. Ich sagte wie Johannes der Täufer: Ein Mensch kann nichts empfangen, es sei ihm denn aus dem Himmel gegeben. Und indem er so dem Teufel widerstand, verhinderte er eine Trennung.
Gerade in jener Zeit brodelte es ja voller Trennungen. Es gab ja viel davon, wie wir gerade auch schon an Beispielen gelesen haben. Kurz zuvor hat Paulus in 1. Korinther 12 dargelegt: Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; oder wenn ein Glied verherrlicht wird, so freuen sich alle Glieder mit. Damit macht er deutlich: Neid hat in der Gemeinde eigentlich gar nichts verloren. Er ist verkehrt. Stattdessen sollen wir uns mitfreuen am Glück des Anderen.
Paulus macht das auch im Philipperbrief deutlich. Dort zeigt er, dass es manche Leute gibt, die mit edlen Motiven predigen, und andere, die aus Neid predigen. Und dann sagt er: Ist mir egal, auf welche Weise Christus verherrlicht wird. Was ist das für eine gute Einstellung, die Paulus hier ausgezeichnet hat?
Es gibt dieses Gebet von einem unbekannten Soldaten. Er hat Folgendes formuliert, und ich finde das sehr passend. Oder besser gesagt: Es beschreibt sehr schön, was fehlender Neid auszeichnet. Da schreibt dieser Mann: Ich bat Gott um Stärke, um etwas leisten zu können, und ich bekam Schwäche, um gehorchen zu lernen. Ich bat um Hilfe, um größere Dinge zu tun, und ich bekam Hilflosigkeit, um bessere Dinge zu tun. Ich bat um Reichtum, um glücklich zu sein, ich bekam Armut, um weise zu sein. Ich bat um Macht, um Beifall von Menschen zu haben, bekam Schwachheit, um zu lernen, Gott nötig zu haben. Ich bat um alles, um mich am Leben zu erfreuen, und bekam das Leben, um mich an allem zu erfreuen. Ich bekam nichts von dem, was ich bat, ich bekam aber alles, was ich nötig hatte. Fast gegen meinen Willen wurden meine unausgesprochenen Gebete erhört, so dass ich jetzt unter allen Menschen der am reichsten Gesegnete bin.
Neid ist schlimm. Gestern hatten wir ja den Gallio behandelt, diesen Prokonsul von Achaia, der sich nicht um Recht und Ordnung bemüht hat. Und wenn wir an Pilatus denken, diesen Statthalter, dann war der auch nicht besser. Denn als die Juden den Herrn Jesus ihm überlieferten, schreibt Matthäus: Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überliefert hatten. Merken wir, wie schlimm diese Pflanze ist, der Neid? Dass damit nicht zu spaßen ist?
Manfred Siebald hat ein wunderschönes Lied geschrieben: Das gönne ich dir. Und das sagen wir ja manchmal in böser Absicht. Wir meinen dann nichts Gutes für diesen Menschen. Manfred Siebald hat das in einem Lied einfach umgekehrt. Im Refrain schreibt er: Das gönne ich dir, dem Menschen, dem alles gelingt. Er beschreibt dort wunderbare Sachen: Bei dem Mann läuft eigentlich alles glatt. Und dann sagt er im Refrain immer wieder: Das gönne ich dir, so soll es weiter sein, dass vom Himmel freundlich dich die Sonne bescheint. Das gönne ich dir, ich will mich mit dir freuen, und ich will Gott danken, der es gut mit dir meint.

Die Versuchung, sich selbst groß zu machen

Die Liebe tut nicht groß. Das gehen wir noch an. Groß tun sich die Dinge rühmen, die man besitzt. Und da ist jetzt wieder ein Pärchen.
Also, wir hatten gerade vorhin ja schon die ersten beiden Eigenschaften: Langmut und Güte. Langmut erträgt passiv, und Güte setzt aktiv noch einen oben drauf. Und jetzt haben wir gerade den Neid gehabt. Der Neid, der nur das Eigene klein sieht und das andere groß, dem stellt Paulus jetzt Folgendes gegenüber: Die Liebe tut nicht groß.
Und das ist auch wieder so ein Pärchen, was wir da finden, was nicht gut ist. Großtun setzt voraus, dass man andere kleiner macht, um selber besser dazustehen und aus der Menge hervorzustechen. Es ist also eine Eigenschaft, die auf Kosten von anderen Menschen passiert. Und das ist immer schlecht.
Leute, die viel von sich halten und sich bei jeder Unterhaltung in den Mittelpunkt drängen, sind schwer zu ertragen. Aber spielen wir nicht selber eine Rolle in diesem Spiel? Und Paulus hatte den Korinthern in 1. Korinther 4,7 hingeschrieben: Denn wer gibt dir einen Vorrang? Was aber hast du, dass du nicht empfangen hast? Wenn du es aber auch empfangen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?
Deswegen führt Paulus dann aus in 1. Korinther 1,31. Da schreibt er schon: Damit, wie geschrieben steht: Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn. Wenn wir uns etwas rühmen können, dann nur unseres großen Herrn und Heilandes, des Jesus Christus.
Und diese Eigenschaft passt auch gar nicht so zu Menschen, die sich Christen nennen, die den Namen des Herrn Jesus Christus ja in ihrer Bezeichnung damit aufgenommen haben. Der Jesus sagte mal in Markus 10,43-45: So aber ist es nicht unter euch, sondern wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein. Und wer von euch der Erste sein will, soll aller Sklave sein. Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.

Ein warnendes Beispiel aus der Geschichte eines Königs

Mit Blick auf die Uhr, ich glaube, mal gucken, wie wir morgen weitermachen. Aber das gibt mir die Gelegenheit, noch einen kleinen Exkurs in dieses wunderbare Buch zu machen.
Weil jemand, der sich großgetan hat, war Usia. Usia war ein König, und bei diesem König ging lange Zeit richtig vieles glatt. Das war also phänomenal, was er alles erfunden hat. Ich muss mal gerade die Stelle gucken, Entschuldigung, seit 143, ach, da war er. Er wird uns hier beschrieben als ein Mensch, der stark wird, der alle möglichen Dinge entwickelt und erfindet. Also ist es wahnsinnig, was der aufgezogen hat an militärischen Anlagen.
Und dann steht da dieser interessante Satz: Und als er stark geworden war, erhob sich sein Herz, bis er zu Fall kam. Da merkt man: Ah Mann, schade. Da passiert doch irgendwas. Und Usia steigt seine Größe in den Kopf, und er macht sich auf den Weg und geht in den Tempel hinein, um zu räuchern.
Und Usia begegnet dann, als er in den Tempel hereinkommt, Menschen, die sich ihm gegenüberstellen. Und jetzt will ich mal gerade gucken, wo die genaueste Stelle ist, weil ich euch nicht zu viel vorlesen will. Die Spannung steigt. Genau, hier ist es. Also Azarja, der Priester, stellt sich ihm mit siebzig Leuten gegenüber. Und dann schreibt Steve Ferrer in seinem Buch Folgendes:
Die versuchen, ihn aufzuhalten, und der Usia macht aber: Nein, ich gehe weiter. Und dann wird er von Aussatz befallen, und die Priester scheuchen ihn aus dem Tempel heraus. Und er muss in Einsamkeit, eigentlich abgeschieden von der Welt, isoliert sterben. Und wird auch nicht bei den Königen begraben, weil er Aussatz hatte.
Und dann schreibt Steve Ferrer: Ohne Frage sehe ich, wenn ich geistliche Leiter anschaue, die sich in Unmoral verstrickt haben, eine Sache, die sie alle gemeinsam haben. An irgendeinem Punkt in ihrem Leben haben sie jegliche Rechenschaft gegenüber anderen Brüdern in Christus abgetan.
Rechenschaft zu geben ist die Bereitschaft, das eigene Handeln zu erklären. Und weißt du was? Jeder von uns braucht zu unterschiedlichen Zeiten im Leben diese Disziplin, sein Handeln zu erklären. Jeder von uns braucht ein oder zwei gottesfürchtige Freunde, die bereit sind, uns zu konfrontieren und zu sagen: Was machst du da? Warum bist du in die Richtung unterwegs? Warum verhältst du dich so? Warum verbringst du deine Zeit auf diese Weise? Warum spielst du mit so etwas herum? Du begibst dich in Gefahr, wenn du jetzt nicht umkehrst.
Hast du solche Männer in deinem Leben? Männer wie die tapferen Männer, die einen mächtigen, von Stolz geblendeten König im Tempel konfrontieren? Wie reagierst du, wenn sie sich dir in den Weg stellen und dir schwierige Fragen stellen? Wenn du feststellst, dass du sehr wütend wirst, wenn du merkst, dass du dich aus der Rechenschaft herausziehen willst, dann nimm dich in Acht. Du bist schon ziemlich weit auf dem Holzweg unterwegs.
Jeder von uns braucht Freunde, die uns genug lieben, um von uns zu verlangen, dass wir unser Handeln erklären. Das ist eine Vorsichtsmaßnahme, ein Sicherheitsnetz für uns. Wie mein Freund Stu Weber sagte, diese Sorte Freunde ist wie eine Leitplanke auf einer schmalen Straße durch die Berge.
Nimm das vielleicht auch einfach mit. Ich glaube, das ist wichtig, gerade auch für uns Männer, dass wir ein oder zwei Freunde haben, denen wir schonungslos offen über unser Leben Dinge berichten müssen, unser Handeln erklären müssen. Weil wir sonst viel zu schnell aufgebläht werden, uns groß tun und genau in das verfallen, wovor Paulus hier warnt: Die Liebe tut nicht groß.

Weiterführende Hinweise und Literatur

Ja, noch jetzt in aller Kürze noch hier noch ein paar Buchempfehlungen.
Von Alexander Strauch habe ich das Buch hinten mit „Liebe leiten“. Es ist ein sehr kurzes Buch und es behandelt perfekt, also tatsächlich habt ihr es heute Nacht durchgelesen. Es behandelt die Geschichte von Robert Chapman mit ganz faszinierenden Geschichten. Also das ist dieser Mann, der Liebe lebte, und dieses Buch lässt eigentlich los.
Ihr seht, das hier ist gut markiert. Da sind Zitate drin von Chapman, die das Lesen wahnsinnig bereichern, die man sich auch auf eine Karte irgendwo aufschreiben kann, weil die Sprüche so gut sind. Komprimiert zusammengefasst mit Liebe, Leiden, Praxis lernen am Beispiel von Robert Cleaver Chapman. Alexander Strauch hat dieses Buch geschrieben.
Und der hat auch, so sah es früher aus, so sieht es jetzt aus: Platz ist in der kleinsten Hütte. Geschrieben vom Segen der Gastfreundschaft. Ich glaube, dass eine wahnsinnige Möglichkeit, Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, eine offene Tür ist. Dass Leute wissen: Hey, hier kann ich vorbeikommen. Nachbarn, die auf eine Tasse Kaffee vorbeikommen, Freunde, mit denen man abends einfach mal einen Grill anschmeißt.
Alexander Strauch ermutigt mit diesem Buch Platz ist in der kleinsten Hütte dazu, dass es eigentlich gar keine Ausrede gibt, Gastfreundschaft nicht zu praktizieren. Wer hier Impulse braucht, kann das Buch gerne mitnehmen.
Genau, und jetzt stehen wir noch auf, ich bete noch.

Abschlussgebet

Ja, lieber Vater, ich möchte dir auch für die Geduld der Geschwister danken, für das Zuhören, Herr. Und ich bin dir so dankbar für dein großartiges Wort.
Wir dürfen so kleine Schimmer wahrnehmen von dem Licht, das uns aus 1. Korinther 13 entgegenstrahlt, und das ist so gewaltig. Wir sind hier so dankbar für diesen Brief. Wir sind hier dankbar für diesen Brief, weil er so aktuell ist, weil er deutlich macht, dass unser Handeln dann Sinn bekommt, wenn wir es in Abhängigkeit von dir tun. Dass du ein Gott bist, dem es nicht um große Taten geht, sondern dem es um die richtige Einstellung geht.
Und ich möchte dich bitten, dass wir ehrlich werden vor anderen und vor uns, vor allem vor uns selbst, damit wir da nicht heucheln, damit wir uns da nichts vormachen, sondern damit wir wissen, dass wir abhängig sind von dir und uns dann von dir auch verändern lassen, du großer Gott.
Und danke, dass du ein Gott bist, der uns gibt, dass wir lieben dürfen, weil du uns zuerst geliebt hast. Dir dafür die Ehre, du großer Gott!
Wir legen uns in deine Hände, Herr. Wir bitten dich für eine gute Nachtruhe. Wir bitten dich für kranke Geschwister, mich noch einmal für Horst bitten, dass du seinen Fuß gut verheilen lässt, Herr, dass das Penicillin aufgetrieben werden kann. Wir bitten für Geschwister, die auch sonst erkrankt sind. Baue du sie auf und stärke sie, und gib du uns heute eine gute Nachtruhe, du großer Gott. Amen!