Event•Teil 8 / 10Spurgeon-Konferenz 2016
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Einen wunderschönen guten Abend.
Ich bedanke mich auch noch einmal bei allen Gästen, die gekommen sind. Die Aufmerksamen unter uns haben festgestellt, dass einige Studenten vor mir geflohen sind. Sie haben uns vorgezogen, heute Abend woanders zu sein. Sie sind in der FG München Mitte zum Jugendabend. Einige unserer Studenten sind dort Mitarbeiter, und wir wollen ja der Gemeinde dienen und keine Kräfte von Gemeinden abziehen. Deshalb habe ich sie sehr ermutigt, heute Abend dort beim Jugendabend zu sein.
Bevor wir einsteigen, möchte ich noch einige Bücher empfehlen.
Einmal möchte ich hinweisen auf das Buch von Mangalwadi, einem Inder und Professor für Philosophie, der vor etlichen Jahren zum christlichen Glauben gekommen ist. In diesem Buch beschreibt er, dass Europa der Bibel und dem christlichen Glauben sehr viel zu verdanken hat. Wir haben noch einige Leseproben da hinten auf dem Tisch. Die könnt ihr euch kostenlos mitnehmen. Ich empfehle aber auch, das Buch zu erwerben und wirklich zu lesen.
An dieser Stelle der Hinweis darauf, dass wir geplant haben, im nächsten Jahr mit Mangalwadi hier eine Vorlesung zu veranstalten.
Hinweisen möchte ich auch auf das Buch unseres Hauptreferenten, Das Markus-Experiment. Andrew Page hat vor etlichen Jahren ein interessantes Projekt ins Leben gerufen. In einem Rundtheater wird das Markusevangelium nachgespielt, mit ganz phänomenalen Wirkungen auf das Publikum. In diesem Buch wird das Projekt vorgestellt, und das Buch ist auch eine Anregung, einmal darüber nachzudenken, ob das etwas für die eigene Gemeinde wäre.
Dann noch ein Buch von Andrew Page, das ich sehr empfehlen möchte: Wie lehre ich die Bibel? Es ist ein sehr dünnes Buch, das kurz erklärt, wie man die Bibel besser verstehen kann. Es hilft dabei, Bibeltexte gründlich zu erarbeiten, und trägt auch dazu bei, dass man in der Lage ist, die Inhalte der Bibel dann an andere weiterzugeben. Das Buch ist nicht nur für Prediger oder Hauskreisleiter geeignet, sondern für alle, die mit mehr Gewinn die Bibel studieren wollen.
Noch zwei andere Bücher: einmal von David Helm, Die Auslegungspredigt. Ein sehr kleines Buch, das besonders Leuten, die Verkündigungsdienste machen, in der Gemeinde oder anderswo, hilft, Bibeltexte gründlich zu erarbeiten und auch Anwendungen aus den Bibeltexten heraus zu bringen. Das Buch liegt auch auf dem Büchertisch.
Und das letzte Buch: von Kevin DeYoung, einem Pastor mit sehr viel Erfahrung in der Studentenarbeit, hat er ein Buch verfasst, das auf Deutsch den Titel trägt: Gott beim Wort nehmen. Es ist so etwas wie eine Schriftlehre. Die Heilige Schrift ist ja ein sehr interessantes Buch, und gerade hier in Deutschland hat man in den letzten 300 Jahren dieses Buch sehr kritisch auseinandergenommen. Kevin DeYoung liefert viele Argumente für einen seriösen Umgang mit der Heiligen Schrift und ruft wirklich das Vertrauen zur Schrift wach. Wer also das Buch gelesen hat, wird merken, dass es Grund dafür gibt, diesem Buch zu vertrauen. Es geht um die Klarheit der Schrift, um die Genügsamkeit der Schrift, um die Autorität der Schrift und so weiter. Es ist besonders gut geeignet, auch für junge Leute, die selbst Zweifel haben im Blick auf die Vertrauenswürdigkeit der Schrift oder eben andere kennen und ihnen dabei helfen wollen, wieder zurückzufinden zum Vertrauen zur Schrift.
Also, ihr merkt: Ich bin ein Bücherwurm. Ich habe jetzt schon vor dem Start ein paar Bücher vorgestellt, aber so bin ich halt.
Rückblick und Ausgangspunkt
Ja, im vergangenen Jahr sprach ich an dieser Stelle über das Thema: „Was geschieht, wenn das Evangelium aus dem Zentrum des Gemeindelebens weggerückt wird?“ Ich habe zunächst über die Kraft und Schönheit der guten Nachricht gesprochen und anschließend versucht zu zeigen, welche Konsequenzen es hat, wenn es in unseren Gemeinden eine Evangeliumsarmut gibt. Wie Mitarbeitermotivation verloren geht, wir in Krisensituationen nichts mehr zu sagen haben und andere Beispiele und Bereiche habe ich dort aufgeführt. Es war mir ein Anliegen zu zeigen, dass wir den Gemeinden und der Welt nichts Besseres zu geben haben als diese frohe Botschaft von Jesu Menschwerdung, Kreuzigung, Erlösung und Auferstehung.
Heute will ich einen Schritt weiter gehen und zeigen, dass wir eine sogenannte Theologie des Kreuzes brauchen. Ich möchte an große Entdeckungen anknüpfen, die Martin Luther ziemlich genau vor 500 Jahren gemacht hat. Damals ist die Reformation ausgebrochen, und wir steuern jetzt mit großen Schritten auf das Jubiläum zu, im Jahre 2017. Ich halte es für wichtig und notwendig, daran zu erinnern, was damals eigentlich theologisch passierte.
Aber ich will noch eines hinzufügen: Ich fühle mich heute Abend hier ein bisschen zweitklassig, weil ich in den letzten Tagen gemerkt habe, wie viel Kraft es gibt, wirklich mit Bibeltexten zu arbeiten und aus dem Wort Gottes, aus der Heiligen Schrift, heraus zu erfahren, wer Jesus eigentlich ist. Was wir heute Abend machen, ist so ein bisschen systematische Theologie, Theologiegeschichte, und das ist alles wichtig. Aber eigentlich ist es im Vergleich zum Umgang mit dem Wort Gottes selbst zweitklassig.
Andrew, nochmals vielen Dank für deinen Dienst in den letzten Tagen. Wir freuen uns schon auf morgen. Ich selbst bin wirklich erfrischt worden durch die Auseinandersetzung mit dem Johannesevangelium und will jetzt irgendwie die Kurve kriegen und versuchen, auch heute Abend das interessant zu machen und zu zeigen, was in dem Evangelium alles drinsteckt.
Ich werde zunächst etwas weitergeben über die Herkunft und den Schwerpunkt der sogenannten Kreuzestheologie und werde dann diese Schwerpunkte in sieben Thesen zusammenfassen. In einem zweiten Teil plädiere ich dafür, die Theologie des Kreuzes auch im 21. Jahrhundert wertzuschätzen, zu verkündigen und zu leben.
Wir leben ja in einer Zeit, in der sich sehr viel verändert. Allein in den letzten 50 Jahren hat sich in unserer Welt unglaublich viel verändert. Und wenn wir jetzt noch 500 Jahre zurückgehen, ich werde versuchen, das in einigen Beispielen zu zeigen, könnte man sagen: Wir leben eigentlich in einer anderen Welt als Martin Luther. Kann uns da eine Theologie des Kreuzes noch etwas sagen? Ich bin überzeugt, dass das so ist. Wir müssen nicht alles so machen wie Martin Luther, aber ich glaube, dass die Theologie vom Kreuz Antworten hat auf die Nöte der Menschen und dass es sich lohnt, das Vertrauen auf Christus zu setzen.
Noch eine letzte Vorbemerkung: Ich habe heute kein Skript zum Verteilen. Das liegt daran, dass ich das Skript in den letzten zwei Tagen über geändert habe. Ich habe eigentlich eines vorbereitet. Aber wer Interesse hat an den Quellen, ich werde sie nicht nennen, um einfach Zeit zu sparen, der kann gerne heute Abend auf mich zukommen oder mir eine E-Mail schreiben. Ich schicke ihm dann das Skript mit dem nötigen Quellenmaterial zu.
Herkunft und Grundgestalt der Kreuzestheologie
Also, wir kommen zum ersten Teil: Was ist Kreuzestheologie? Herkunft des Begriffs?
Der Begriff Kreuzestheologie ist in der alten Kirche und im Mittelalter überhaupt nicht als Begriffskombination bekannt. Das ist ganz einfach erklärbar. Der Begriff Theologie allein hat sich erst in der Mitte des zwölften Jahrhunderts im christlichen Denken durchgesetzt.
Gewöhnlich wird die Theologie des Kreuzes auf Christus selbst und auf Paulus zurückgeführt. Eine Zuspitzung hat sie bei dem Reformator Martin Luther erfahren. Luther hat den Begriff relativ selten benutzt, aber es gibt die berühmte sogenannte Heidelberger Disputation, also eine große Diskussion Luthers mit der katholischen Kirche. 1518 hat Martin Luther diesen Begriff in einer ganz besonderen und programmatischen Art und Weise benutzt und der sogenannten Theologie der Herrlichkeit gegenübergestellt, also Theologie des Kreuzes und Theologie der Herrlichkeit.
Worin unterscheiden sich diese beiden Theologien?
Der Theologe der Herrlichkeit, so sagt Luther, findet Gott in der Schöpfung oder durch die Schöpfung. Der Aufbau des größten theologischen Werkes des Mittelalters, also der Summa Theologiae oder Theologica von Thomas von Aquin, kann zum Beispiel auf die Formel reduziert werden: Wir finden Gott, oder Gott hat sich durch die Welt offenbart, und wir finden dann durch die Welt zu Christus. Der Gläubige setzt sich mit der Welt auseinander und findet dann irgendwann zu Christus.
Luther wandte sich gegen diese Form der Theologie und sagte, wir müssen uns von den Einflüssen der griechischen Philosophie befreien, die vorgibt, vernünftige Wege vom Menschen zu Gott entdeckt zu haben. Luther verurteilt dann in einer seiner Thesen, in These neunzehn, diese Theologie mit folgenden Worten: Ein Theologe darf sich eigentlich nicht Theologe nennen, er ist es nicht wert, Theologe zu heißen, der Gottes unsichtbares Wesen durch das Geschaffene erkennt und erblickt. Die Theologie der Herrlichkeit verzehrt Gott, und sie raubt Gott die Ehre. Sie bläht auf, sie macht blind, sie macht verstockt.
Und es heißt dann in These 22, das dem Menschen zugewandte und sichtbare Wesen Gottes ist das Gegenteil des Unsichtbaren, nämlich seine Menschheit, seine Schwachheit, seine Torheit. Gott will im Leiden erkannt werden. So formuliert Luther dann in These 20: So genügt oder nützt es keinem schon, Gott in seiner Herrlichkeit und in seiner Majestät zu erkennen, wenn er nicht zugleich in Niedrigkeit und Schande des Kreuzes erkannt wird. Also liegt in Christus, dem Gekreuzigten, die wahre Theologie und Erkenntnis Gottes.
In Johannes 14,6 heißt es: Niemand kommt zum Vater denn durch mich. In letzter Analyse geht es Luther also darum zu zeigen, dass eine Theologie der Herrlichkeit auf die Werke des Menschen setzt. Sie beschönigt das Sündersein des Menschen, und sie missbraucht die Erkenntnis Gottes aus der Schöpfung. Allein eine Theologie des Kreuzes lässt Gott dem ihm geschuldeten Ruhm zukommen, da sie alles von Christus erwartet. Wir finden nur durch Christus zu Gott und in einem gewissen Sinn auch zur Welt. Es gibt keine wahre Theologie ohne Kreuz.
Es sei mir an dieser Stelle gestattet, eine kleine Nebenbemerkung zu machen. Es gibt ja hier einen Banner, da steht der Name Martin Buser drauf. Wir als Martin-Buser-Seminar haben uns ja nach diesem Mann benannt, aber kaum jemand kennt ihn. Ich weiß nicht, wer kennt ihn, Martin Buser? Also einige, ja, die Studenten vor allem. Ein Reformator, der 1518, als diese Diskussion in Heidelberg stattfand, zum Kloster gehörte, dort in Heidelberg. Er war ein großer Anhänger von Erasmus, also von einem Humanisten, und er hat dann diese Disputation miterlebt zwischen Luther und anderen Gelehrten. Er war total fasziniert, was da passiert ist, das hatte er noch nie gehört.
Und dann war Luther so clever, zusammen mit Staupitz, damals noch einen Tag später den Martin Buser zu einem Essen einzuladen. Und da haben die sich noch ein paar Stunden unterhalten beim Essen über die Theologie des Kreuzes. Das hat den Martin Buser umgekrempelt, und er ist zu einem großen Reformator geworden. Er hat dann in Straßburg Johannes Calvin für die Reformation gewinnen können.
Das nur als Nebenbemerkung: Es kann manchmal sehr hilfreich sein, Leute zum Essen einzuladen und über interessante Themen zu diskutieren.
Von der Reformation zur Gegenwart
Die Betonung des Kreuzes, die Luther so wichtig war, hat im Laufe der Reformationsgeschichte langsam an Bedeutung verloren. In der sogenannten lutherischen oder reformierten Orthodoxie wurde kaum noch sinnvoll darüber gesprochen. Erst ungefähr vor hundert Jahren wurde diese Theologie wiederentdeckt, durch einige Leute, die ich jetzt gar nicht erwähnen möchte. Und wir haben jetzt natürlich eine große Diskussion darüber: Wie aktuell ist diese Theologie eigentlich?
Bevor wir uns das anschauen wollen, möchte ich Sie mit einer ganz kurzen Definition und sieben Thesen vorstellen. Ich werde das nur anreißen, damit es nicht zu intensiv wird.
Also, eine kurze Definition: Kreuzestheologie steht für eine Theologie, die das Kreuz Christi zum Ausgang und Mittelpunkt aller Rede von Gott und vom Menschen macht und Heil wie auch Heiligung vom Kreuz her versteht.
In dieser Definition stecken schon gewaltige Dinge drin. Das Kreuz ist die Mitte aller Rede von Gott und vom Menschen. Man kann das auch andersherum formulieren; dann wird es vielleicht deutlicher: Ohne Kreuz können wir nicht angemessen von Gott und vom Menschen sprechen. Ohne Kreuz können wir nicht angemessen von Gott und vom Menschen sprechen.
Das Zweite, was darin steckt: Das Kreuz, also das stellvertretende Leiden und Sterben von Jesus Christus, ist nicht nur die Tür für den Eintritt in das Reich Gottes, sondern es bleibt auch in der Nachfolge Jesu – wir nennen das in der Regel Jüngerschaft – der entscheidende Fixpunkt. Jüngerschaft, Predigt, Seelsorge: Ohne Kreuz bleiben Trost und Kraft los.
Sieben Grundlinien der Kreuzesbotschaft
Jetzt einige wesentliche Gedanken der Kreuzestheologie.
Erstens: Der klassische Belegtext ist 1. Korinther 1–2. Wir lesen dort zum Beispiel 1. Korinther 1,18: Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit für die, die verloren gehen; für die aber, die gerettet werden, für uns, ist es eine Gotteskraft. Und in den Versen 22–24 heißt es dann: Während die Juden Zeichen fordern und die Griechen Weisheit suchen, verkündigen wir Christus den Gekreuzigten, für die Juden ein Ärgernis, für die Heiden eine Torheit. Für die aber, die berufen sind, Juden wie Griechen, ist Christus Gottes Kraft und Weisheit.
Die Wendung vom Wort vom Kreuz hat Paulus ad hoc formuliert. Es ist etwas, was er sozusagen erfunden hat. Wir finden sie weder in der vorpaulinischen Tradition noch sonst irgendwo im Neuen Testament. Wir können das Wort Logos, das da drinsteckt, oder Logon, die Rede, sowohl als Rede als auch als Predigt übersetzen. Der Inhalt der Predigt ist das Kreuz Christi, das Paulus verkündigt.
Zweitens: Im Wort vom Kreuz wird der Gekreuzigte vergegenwärtigt. Also das Kreuz ist für Paulus und für die anderen Jünger nicht nur ein historisches Faktum, das ist es natürlich auch, sondern es ist ein Geschehen, das in der Predigt wachgerufen wird. Paulus hat zum Beispiel den Korinthern den gekreuzigten Christus verkündigt. Er hielt es für wichtig, unter den Christen in Korinth nichts zu wissen als allein Christus, den Gekreuzigten. Und nach Galater 3,1 malt er denen, die von der Gesetzesgerechtigkeit verzaubert sind, den gekreuzigten Jesus vor Augen: O ihr unverständlichen Galater, wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt wurde als der Gekreuzigte?
Drittens: Das Wort vom Kreuz ist nicht nur ein polemischer Kampfbegriff. Wir finden in der Tat nur zwei größere Abschnitte, den 1. Korintherbrief und den Galaterbrief, in denen wir die Rede vom Wort vom Kreuz finden. Es gibt noch einige Bekenntnisformeln im Philipperbrief, aber im Wesentlichen sind es diese beiden Abschnitte. Und trotzdem ist diese Kreuzestheologie mehr als ein Kampfbegriff. Sie ist inhaltlich deckungsgleich mit dem Wort der Versöhnung, das wir in 2. Korinther 5,19 finden. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort der Versöhnung. Also, wer mir das nicht glaubt, wer einen Beweis, einen Schriftbeweis braucht, der sollte sich dann mein Skript organisieren, da habe ich das weiter ausgeführt.
Viertens: Der Verstehenshorizont für die Auferstehung ist das Kreuz. Es ist ja klar, dass wir das Kreuzesgeschehen ohne Auferstehung gar nicht verstehen können. Andrew hat die Tage darauf hingewiesen, Mike hat es erklärt: Ohne Auferstehung ist da gar nichts. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so schreibt Paulus, ist unsere Verkündigung leer, leer ist euer Glaube. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist euer Glaube nichtig, dann seid ihr noch in euren Sünden. Und gleichwohl ist die Auferstehung vom Kreuz her zu deuten und nicht umgekehrt. Die Auferstehung ist vom Kreuz her zu deuten. Beides gehört zusammen, aber der Verstehenshorizont für die Auferstehung ist das Kreuz.
Einige populäre theologische Entwürfe haben das Verhältnis umgekehrt. Ein ganz wirkmächtiger Ansatz, der heute unter Evangelikalen wieder populär wird, ist der von Jürgen Moltmann. Er hat eine Theologie der Hoffnung geschrieben, er hat auch eine Theologie des Kreuzes geschrieben. Aber zum Beispiel Pierre Bühler hat nachgewiesen, dass die Betonung der Auferstehung das Kreuz ganz in den Schatten stellt. Deshalb wirft er ihm völlig zu Recht vor, dass Moltmann unter dem Titel Kreuzestheologie eigentlich eine Herrlichkeitstheologie betreibt. Ich glaube übrigens, dass auch N. T. Wright in ähnlicher Weise das Kreuz durch seine Königreichstheologie verschluckt. Das Kreuz ist mit der Auferstehung sozusagen die Überleitung zu der Königsherrschaft, und es ist irgendwie nur eine Station auf dem Weg.
Fünftens: Das eigentliche Subjekt der Rede vom Kreuz ist Gott selbst. Klingt jetzt kompliziert, ich werde es gleich erklären. Das eigentliche Subjekt der Rede vom Kreuz ist Gott selbst. Jesus Christus ist nicht nur der Gegenstand unserer Verkündigung, sondern Christus selbst ruft durch die Predigt den Hörer zum Gehorsam auf, zum Glauben auf. Die Rede vom Kreuz ist also so etwas wie eine persönliche Anrede, die Gott sich ausgesucht hat, um Menschen zu sich zu rufen, um sie zum Glauben zu rufen.
Also, ich hoffe einerseits, dass dieser Punkt ganz klar ist, besonders für diejenigen, die schon mehrfach an unseren Spurgeon-Konferenzen teilgenommen haben. Es ist ja unser Anliegen, zu zeigen, dass wir mutige Verkündiger des Evangeliums brauchen. Und wir zeigen gleichzeitig, dass die Vollmacht der Verkündigung nicht aus dem Verkündiger kommt. Es liegt nicht an seinen rhetorischen Gaben, an seiner Bildung, an seiner Menschenfreundlichkeit, an seinem schönen Gesicht und seiner Freundlichkeit. All das kann natürlich die Botschaft unterstreichen, aber die Vollmacht des Verkündigers kommt aus dem Wort Gottes heraus. Deshalb ist es die Aufgabe des Verkündigers, dieses Wort auch wirklich treu auszulegen. Und wir plädieren für die Auslegungspredigt, dass wir also Bibeltexte in der Predigt transportieren.
Die Theologie des Kreuzes geht hier noch ein Stück weiter. Sie sagt nichts anderes, sie geht darüber hinaus. Sie sagt nämlich, dass Christus selbst in der Predigt zum Glauben ruft. Indem das Wort treu ausgebotschaftet wird, ruft Christus Menschen in die Nachfolge. Andersherum formuliert: Der Hörer begegnet dort, wo das Evangelium verkündigt wird, nicht nur dem Verkündiger und der Schrift. Danke, Stefan, danke, Mike, Entschuldigung, ich habe die falsche Brille auf. Sondern der Hörer einer treuen Verkündigung begegnet Christus selbst in der Predigt. Es ist Christus, der durch sein Wort und durch die Verkündigung die Menschen ruft.
Sechstens: Das Verstehen des Kreuzes bleibt der weltlichen Weisheit und der Machbarkeit des Verkündigers verwehrt. Also die Vernunft des Hörers und die Klugheit des Verkündigers reichen niemals dafür aus, dass der Hörer versteht, um was es hier eigentlich geht. Gottes Geist muss die Herzen der Menschen aufbrechen, er muss sie erleuchten, er muss ein Verständnis dafür schaffen, damit sie verstehen, was das Wort, die Botschaft vom Kreuz, eigentlich ist.
Siebtens, der letzte Punkt meiner Thesen: Zur Nachfolge unter dem Kreuz gehören Selbstverleugnung, Gehorsam und Leid. Jetzt trinke ich mal einen Schluck. Danke, Mike. Zur Nachfolge unter dem Kreuz gehören Selbstverleugnung, Gehorsam und Leid. Nachfolger Jesu halten sich der Sünde für gestorben. Wir brauchen das Kreuz nicht nur als Eintritt oder Eintrittskarte für den Zugang zum Reich Gottes, sondern wir brauchen das Kreuz auch in unserer Heiligung. Als Kinder des Gehorsams lassen sich Christen nicht von ihren Begierden regieren, sondern sie führen, so sagt es Petrus zum Beispiel im ersten Kapitel, im 1. Petrusbrief, einen heiligen Lebenswandel.
Jesus lädt uns ein zu einem Leben in täglicher Selbstverleugnung, Lukas 9,23. Wer auf den Messias hört, der schafft sein eigenes Ich nicht ab, aber er unterordnet sein Ich dem Willen des Vaters, auch dort, wo es schmerzt. Wir haben die Gnade empfangen, an Christus zu glauben, und nicht nur das, und ich zitiere jetzt Paulus, sondern auch für ihn zu leiden. Und in Römer 8,17–18 sagt er: Sind wir aber Kinder, dann sind wir auch Erben, ja, das hören wir gern, dann sind wir auch Erben, und dann geht es weiter: Gottes Mitarbeiter Christi, also Miterben Christi, sofern wir mit ihm leiden, um so auch mit ihm verherrlicht zu werden. Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zur Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.
Also, ihr Lieben, das Kreuz wird in dieser Welt immer ein Anstoß bleiben. Es ist Widerspruch gegen die Macht der Sünde, und das folgt daraus, dass das Kreuz Verachtung erntet, Schmach, und dass Nachfolger des Kreuzes damit leben müssen, dass sie nicht überall beliebt sind. Also wenn zum Beispiel Ulrich Parzany im Dezember 2015 davon sprach, dass es unter den Christen hier in Deutschland eine unverständliche, für ihn unverständliche Wehleidigkeit gibt, dann spielt er genau auf diesen Punkt an, und meines Erachtens zu Recht. Er sagte damals: Wenn wir meinen, wir hätten so etwas wie Christenverfolgung in Deutschland, dann haben wir keine Ahnung, was das eigentlich ist, Christenverfolgung.
Das Leiden gehört zur Nachfolge dazu, und mich schüttelt es immer, wenn ich in der Verkündigung irgendwelche Pointer dahingehend lese, dass das Nachfolgen Jesu nichts anderes ist als Freude, als Glück, als Reichtum, als erfüllte Sexualität, als erfülltes Geschäftsleben und ich weiß nicht was alles. Das ist keine biblische Botschaft.
Die Frage nach der Gegenwart
Wir kommen jetzt zum zweiten Teil, also zu der Frage: Wie ist das eigentlich mit dieser Theologie des Kreuzes, die ich allerdings jetzt wirklich sehr komprimiert vorgestellt habe? Hat die überhaupt noch Platz in unserer Welt? Luther ist lange tot. Leben wir nicht in einer völlig anderen Zeit, als wir es damals waren? Brauchen wir so etwas wie eine Kreuzestheologie, und wenn ja, in welcher Art und Weise sollen wir diese Kreuzestheologie an die Zeit, in der wir leben, anpassen?
Das ist ein sehr aktuelles Thema, denn die Kreuzestheologie, das kann ich wirklich sagen, ist heute nicht nur unpopulär, sie ist einfach kaum noch zu hören. Ich habe hier mal ein Zitat mitgebracht. Ich betreibe ja so einen Blog im Internet, den Theoblog, und das hat den Vorteil, dass mir Leute immer ganz viele Artikel und Beiträge schicken, wenn sie irgendetwas Interessantes gefunden haben. So werde ich immer richtig gefüttert mit aktuellen Informationen.
Ich habe gestern einen Artikel bekommen, aus der FAZ, der vor einigen Tagen erschien. Und da heißt es, wohlgemerkt in der FAZ, einer Zeitschrift mit überwiegend katholischen Lesern, folgendermaßen:
Außer der religiös blutarmen Beteuerung, man müsse die Reformation international und ökumenisch betrachten, ist der EKD trotz einer zehn Jahre langen Vorbereitung zum Erbe Martin Luthers nicht viel eingefallen. Und die Theologieprofessoren, die das anprangern, haben bis auf einige wenige reformationsgeschichtliche Einsichten selbst ebenfalls kaum etwas zu bieten. Die einst hochgerühmte deutschsprachige Dogmatik ist in dieser Hinsicht sogar ein Totalausfall.
Bevor wir jetzt auf eine aktualisierte Theologie des Kreuzes zu sprechen kommen, will ich ganz kurz skizzieren, was sich überhaupt verändert hat, damit ihr ungefähr merkt, worauf ich hier anspiele. Ich werde das jetzt nicht ausführlich erörtern, aber ich will ein paar Dinge kennzeichnen und Fragen stellen, die zur Zeit Martin Luthers ganz anders beantwortet wurden, als sie heute beantwortet werden.
Die erste Frage lautet: Gibt es Gott? Diese Frage hat zu Zeiten Luthers kaum eine Rolle gespielt, mal von einigen elitären Kreisen abgesehen. Ich rede jetzt hier natürlich von Mitteleuropa. Es gab keine grundsätzlichen und verbreiteten Zweifel daran, dass Gott der Schöpfer der Welt ist. Das ist heute natürlich für nur noch wenige Menschen wirklich selbstverständlich. Und wenn heute Leute sagen, sie glauben an Gott, dann empfehle ich, nachzufragen, was sie denn eigentlich mit Gott meinen. Die Antwort kann dann sehr überraschen.
Zweitens: Die Bibel ist Gottes Wort. Die Heilige Schrift konnte zwar damals kaum jemand lesen, obwohl das auch nicht ganz so schlimm war, wie es in der Literatur manchmal dargestellt wird. Wir sind ja jetzt immer mehr dabei zu entdecken, dass das Mittelalter gar nicht so finster war, wie man uns oft suggeriert hat. Aber es stimmt schon, dass nicht viele sie selbst lesen konnten. Damals war es selbstverständlich eine Offenbarung: Gott hat zu uns Menschen gesprochen, und wir können das, was er gesagt hat, auch verstehen.
Drittens: Wer oder was ist der Mittelpunkt der Welt? Für die Menschen damals war das Zentrum des Universums Gott. Gott ist der Schöpfer, der das Universum geschaffen hat. Und die Schöpfung hat sich an Gott auszurichten. Heute ist das Verhältnis umgekehrt. Wir Menschen wollen uns nicht mehr nach Gott richten, sondern Gott hat sich nach uns zu richten. Gott ist dafür da, sich um den Menschen zu kümmern. Der Mensch ist nicht für die Ehre Gottes geschaffen, sondern Gott ist dafür da, die Bedürfnisse des Menschen zu erfüllen.
Viertens: Gibt es eine verbindliche Wahrheit? Natürlich wurde zur Zeit Luthers darüber diskutiert, wo wir diese Wahrheit finden, welche Bücher und welche Schriften wir aufschlagen müssen. Aber das alles geschah unter der Voraussetzung, dass es überhaupt noch eine Wahrheit gab. Und das hat sich natürlich in den letzten hundert Jahren tiefgreifend gewandelt. Wir haben ein geschichtliches Wahrheitsverständnis. Das, was für mich heute Wahrheit ist, kann für mich morgen schon Lüge sein. Die Wahrheit verändert sich, und wir brauchen eine historisch-kritische Methode, um herauszuarbeiten, was für mich heute noch gilt.
Und der fünfte Punkt: Wem dürfen wir eigentlich vertrauen? Es gibt eine gigantische Vertrauenskrise in unserer Gesellschaft. Ja, natürlich hat es zuerst die Kirchen erwischt, mit all den Skandalen und Skandälchen. Und dann hat man irgendwie gehofft: Auf die Polizei kann man vertrauen, auf die Fußballwelt kann man vertrauen, auf die Olympiawelt kann man vertrauen, auf den ADAC hier in München kann man vertrauen. Und irgendwie stellt sich heraus: Eigentlich gibt es keine Institution, der man wirklich vertrauen kann. Selbst die Ärzte müssen mit einem Vertrauensverlust kämpfen.
Der aus Polen stammende jüdische Soziologe Sigmund Baumann vergleicht die Situation der Menschen heute im Vergleich mit der Neuzeit, also mit der Reformationszeit beispielsweise, mit dem Nomadentum. Er sagt, es geht den Menschen heute darum, Bindungen, feste Beziehungen zu vermeiden. Sie weigern sich, auf die eine oder andere Weise festgelegt zu werden oder irgendeinem Menschen oder irgendeiner Sache Beständigkeit oder Treue zu schwören. Sie haben Bindungsängste.
Es hat sich also unglaublich viel geändert. Ich will noch auf eine letzte Frage eingehen, die heute anders beantwortet wird als damals: Wie finde ich einen gnädigen Gott? Das war ja die große Frage der Reformationszeit. Damals haben die Menschen nicht danach gefragt: Gibt es Gott? Sie haben danach gefragt: Wie werde ich mit diesem Gott versöhnt? Und diese Frage spielt heute für nur noch wenige Menschen eine wirklich tiefgreifende Rolle. Es ist sogar umgekehrt so, dass für viele Menschen Gott für die Probleme in unserer Welt verantwortlich ist. Gott muss mit uns Menschen versöhnt werden.
Ich habe gestern noch etwas zu erledigen gehabt, im Münchner Zentrum, da am Karlsplatz, am Stachus. Auf einmal kam da ein Reporter vom Bayerischen Rundfunk auf mich zu und fragte: Darf ich Sie mal kurz etwas fragen, haben Sie Zeit für ein kurzes Interview? Ich bin ja immer so ein bisschen skeptisch bei solchen Sachen. Und dann sagte er: Ja, sagt Ihnen Trinitat irgendetwas, Trinitat? Dann habe ich Trinitatis erzählt und so ein bisschen die Dreieinigkeit erklärt. Und dann wurden seine Augen immer größer, und dann hat er sich ganz herzlich bedankt und gesagt: Das war ja wirklich eine schöne Antwort.
Warum erzähle ich das? Weil die Reporter selbst hier in München nicht mehr allzu viele Leute treffen, die einem erklären können, was das eigentlich ist: Dreieinigkeit. Da hat sich so viel verändert. Man spricht ja davon, dass die Gesellschaft sich immer mehr säkularisiert hat. Das stimmt aus meiner Sicht nicht ganz, weil die Alternativen zum christlichen Glauben ja nicht nur der Atheismus sind, sondern auch ganz andere Dinge. Und jetzt kommt mal einer und erklärt einem ein bisschen etwas.
Ich kann euch erzählen, wie mir es danach ging: Mir ging es sehr schlecht. Ich bin die Bände weitergelaufen, und dann hörte ich den Hahn krähen. Wisst ihr warum? Ich habe dem die Dreieinigkeit erklärt, und ich habe es tatsächlich verpasst, das Evangelium da mit reinzupacken. Ich weiß ja nicht, ob das ausgestrahlt wird, aber ich habe gedacht: Ron, was bist du für ein Petrustyp? Anstatt jetzt die Möglichkeit zu nutzen, um da noch ein bisschen etwas über die Menschwerdung zu erzählen, ob das nun in die Frage reinpasst oder nicht, sie hätten es dann eben mitsenden müssen, und ich habe es nicht gemacht.
Nicht daran gedacht, zu feige gewesen, ich kann das nicht genau erklären. Aber das ist unter anderem ein Grund dafür, warum ich Christ bin: weil ich jetzt nicht verzweifeln muss. Ich habe mich nicht den ganzen Tag darüber geärgert, warum hast du da nicht die richtige Antwort gegeben. Ich kann jederzeit mit Jesus reden, ich kann ihm mein Versagen, meine Versäumnisse bringen, und ich weiß, dass Jesus mir vergibt.
Mögliche Wege im Umgang mit der Kreuzesbotschaft
So, jetzt kommen wir zu der großen Frage: Ja, wie ist das denn? Wir leben in einer neuen Zeit, die Reformation ist vorbei. Wie gehen wir mit dieser Theologie Luthers um, und nicht nur mit Luthers, sondern auch mit der einiger anderer?
Ich erkenne da drei Strategien, die ich ganz kurz erwähnen will. Ich will das jetzt nicht zu intensiv vorstellen, das würde wirklich zu viel Zeit kosten. Ich muss mal gucken, wie viel Zeit ich noch habe. Ja, ich habe ja noch zwanzig Minuten, also werde ich es schnell machen.
Die erste Strategie heißt: Wir predigen treu das Evangelium so, wie Luther vor fünfhundert Jahren. Wir machen uns keine Gedanken darüber, wo die Menschen heute stehen, mit welchen Denkvoraussetzungen sie das hören, was wir verkündigen. Gibt es einige Leute, auf die man sich da berufen kann? Erklärungen, Begründungen sind unwichtig. Man kann das sowieso nicht erklären. Wir verkündigen die Botschaft vom Kreuz auf die Leute zu, und wenn Gott das will, dann verstehen es die Leute.
Eine zweite Strategie ist die Anpassung der Botschaft vom Kreuz. Da gibt es dann verschiedene Möglichkeiten, diese Botschaft zu verändern. Eine zum Beispiel besteht darin, dass man das Anstößige, den Skandal, aus dieser Botschaft herausschneidet. Das erkennen wir dann daran, dass zum Beispiel nicht mehr davon gesprochen wird, dass Jesus Christus stellvertretend für uns gestorben ist. Und wenn ihr die letzten zehn Jahre hier in Deutschland das verfolgt habt, ist das tatsächlich so, dass die Sühnetheologie, die traditionelle Sühnetheologie, unglaublich unter Beschuss gekommen ist. Wir brauchen eine Theologie des Kreuzes ohne Sühne. Und warum kann man das einfordern? Weil auf der anderen Seite auch das Sündenproblem weggeredet wird. Mit der Sünde, das ist ja auch nicht so schlimm, und dann lässt sich das dann schon irgendwie harmonisieren.
Es gibt andere Versuche, die Botschaft anzupassen, zum Beispiel, indem man die Theologie der Herrlichkeit, die Philosophie, wieder rehabilitiert und sagt: Wir brauchen jetzt eine neue Metaphysik. Wir ersetzen die Theologie durch Religionsphilosophie. Oder eben, dass man sagt: Moment mal, Luther hat ja diese biblischen Texte unter der Perspektive des Mittelalters gelesen und diese Texte mit völlig falschen Fragen befragt. Wir müssen zurückgehen in das Judentum und die Texte alle noch mal neu aus der Sicht der Rabbiner lesen, und dann werden wir feststellen, dass das mit dem Kreuz eigentlich anders gemeint ist.
Und es gibt noch eine dritte Strategie, und ich sage ganz ehrlich: Ich halte das für das Schlimmste, was mir am meisten Sorgen macht. Denn diejenigen, die diese Strategie vertreten, immunisieren sich in gewisser Weise. Sie machen sich unangreifbar. Sie vernachlässigen die Botschaft vom Kreuz. Wir sprechen einfach nicht mehr darüber. Es ist nicht falsch, aber es ist nicht relevant für uns heute. Es steckt da so viel Spaltungspotenzial drin in dem, was Luther damals gesagt hat, und wir wollen da keine unnötige Unruhe stiften.
Eine zeitgemäße Verkündigung ohne Kompromiss
Was schlage ich vor? Ich schlage vor, dass wir die Theologie des Kreuzes in einer umsichtigen Weise verkündigen. Es hat sich in der Tat sehr, sehr viel geändert. Es stimmt auch, dass Luther unter dem Eindruck der Fragen des Mittelalters stand. Die Menschen, denen wir begegnen, haben andere Fragen. Und im Gegensatz zur Zeit Luthers brauchen wir auch das Gesetz in der Verkündigung dringend.
Wir leben in einer Zeit, in der niemand mehr sich einem Gesetz unterordnen will. Zur Erkenntnis der Sünde gehört aber, wie auch Luther es sieht, das Gesetz. Deswegen muss das Gesetz auch verkündigt werden, es muss erklärt werden.
Ich empfehle, bei der Verkündigung der Kreuzestheologie so vorzugehen, wie das kluge Missionare machen, die in irgendein Gebiet kommen, in dem das Christentum noch völlig unbekannt ist. Wir interessieren uns als Missionare für die Kultur, für unsere Zielkultur. Wir erforschen, was dort gedacht wird, was da eigentlich los ist, um dann die Botschaft vom Kreuz in einer Weise zu verkündigen, dass die Leute das möglichst gut verstehen können.
Die Konturen mögen dann etwas anders aussehen, als das bei Luther der Fall war. Aber im Kern ist die Theologie des Kreuzes heute mindestens so wichtig wie zur Zeit der Reformation. Denn Luthers Botschaft lautet: Mensch, du Mensch, es gibt keine Selbsterlösung. Die Botschaft Luthers lautet: Nur das Kreuz hat die Antworten für die tiefsten Nöte des Menschen.
Und die große Stärke in der Botschaft vom Kreuz liegt darin, dass sie die Hauptprobleme des Menschen aufdeckt. Wenn wir das Kreuz zum Mittelpunkt unserer Verkündigung machen, dann können wir den Menschen Fragen stellen, von denen sie gar nicht wissen, dass es sie gibt.
Also, ihr wisst ja, dass ich auch Apologet bin und mich für das Thema sehr interessiere. Apologetik lebt normalerweise davon, dass sie versucht, auf die Fragen, die Menschen stellen, Antworten zu geben, die aus der Bibel herauskommen, mal so ganz einfach definiert. Das ist eine relativ oberflächliche Form der Apologetik. Die etwas tiefgründigere Apologetik weiß, dass Gott dem Menschen Fragen stellt, von denen er noch gar nicht weiß, dass es sie gibt.
Und die Botschaft vom Kreuz deckt die Zustände unseres Herzens auf. Gott kennt uns besser, als wir selbst uns kennen. Und das Wort vom Kreuz deckt auf, dass unsere Herzen Götzenfabriken sind. Wir stehen so unter dem Sog der Sünde, dass wir Gott weder denkerisch noch im Handeln ehren wollen. Wir haben uns so verstrickt in diese Götzenanbetung, dass Gott selbst zu uns kommen muss, um unsere Denkvoraussetzungen aufzubrechen und uns aus unserer Sündennot zu retten.
Gott sucht uns. Er kommt zu uns in seinem Sohn Jesus Christus, um uns einen Weg aus unserer tragischen Verstricktheit zu eröffnen. Denn die eigentliche Not, und hier ist die Stärke von Luther, ist, dass wir Menschen stolz sind, dass wir an uns selbst festhalten, dass wir das Geschaffene mehr lieben als den Schöpfer.
Und Luther hilft uns, unseren Unglauben zu durchschauen und zu erkennen, dass der Weg der Selbstrechtfertigung immer in eine Sackgasse hineinführt. Wie Luther oder die Kreuzestheologie sagt uns, lieber Ron, um dein Herz ist es viel schlimmer bestellt, als du dir das jemals ausmalen kannst. Du bist verloren, solange du in dir selbst etwas suchst, was dich vor Gott angenehm macht. In dir selbst gibt es nichts anderes als Hoffnungslosigkeit, da ist nichts, was du Gott bringen kannst.
Und auch das, was du, Ron, in deiner Jesusnachfolge brauchst, das kommt nicht aus dir selber, sondern das ist etwas, was Gott dir gibt. Ich zitiere mal aus der Heidelberger Disputation: Das eben will das Gesetz, dass der Mensch alle Hoffnung auf sich selbst aufgibt, indem es ihn in die Hölle führt. Das ist die Sprache Luthers, dass es in die Hölle führt und arm macht und ihm an allen seinen Wegen zeigt, dass er ein Sünder ist, wie der Apostel in Römer 2 und 3 auch tut, wenn er sagt, wir sind überführt, dass wir alle unter der Sünde sind.
Er will uns also sagen, so sagt Luther, Paulus will uns sagen: Höre auf, deine Rettung bei dir selber zu suchen. Du musst scheitern, weil deine Weisheit und Kraft niemals reichen würden. Und wenn es reichen würde, hätten wir ein Riesenproblem. Du würdest es zur Sünde machen, du würdest dir nämlich selbst die Ehre geben.
Und, ihr Lieben, was liegt in dieser Botschaft für eine Kraft? Dem Stolzen sagt die Theologie des Kreuzes: Deine Werke werden niemals ausreichen. Und wenn du Perfektionist bist und wenn du alles richtig machst, das wird nie reichen. Und dem Verzweifelten, dem, der nicht mehr weiter weiß, der genau die Erfahrung immer und immer wieder gemacht hat, dass er es nicht schafft, dem sagt die Theologie des Kreuzes: Mensch Junge, Mensch Ron, du bist eigentlich auf einem guten Weg. Jesus weiß das, dass das nicht reicht.
Praktische Konsequenzen für Gemeinde und Verkündigung
Drei Anregungen für die Praxis der Kreuzestheologie heute
Erstens: die Liebe zum Wort Gottes und die treue Ausbotschaftung des Evangeliums. Ich hoffe ja, ihr seid unter anderem deshalb hier, weil ihr euch in euren eigenen Gemeinden und auch darüber hinaus einen geistlichen Aufbruch wünscht, eine neue Freude an der Evangeliumsbotschaft. Wir hoffen darauf, dass Menschen in die Nachfolge gerufen werden und dass sie sich einbinden lassen in die Truppe der Christusjünger, in die Gemeinde. Das wird nicht gehen ohne eine Liebe zum Wort Gottes und ohne die Bereitschaft, dieses Wort treu und kreativ auszubotschaften.
Das Wort Gottes muss natürlich deine persönliche Nahrung sein. Und ich will dich an dieser Stelle mal fragen: Bist du wirklich ein Schüler der Schrift? Was sind die Quellen deines geistlichen Lebens? Was ist deine geistliche Nahrung? Vertraust du diesem Wort? Aber es geht nicht nur um die persönliche Zurüstung. Es geht auch darum, dass deine Gemeinde verarmt, wenn du das Wort nicht ausbotschaftest. Die Aufgabe des Predigers ist es, das Wort selbst sprechen zu lassen. Erinnern wir uns daran, dass Gott selbst das Subjekt ist, der in der Rede vom Kreuz die Menschen ruft. Und der Prediger hat die Aufgabe, dieses Wort zum Klingen zu bringen, dieses Wort auszulegen. Es geht also nicht um die Kreativität und darum, dass wir alle smart sind auf der Kanzel, sondern es geht darum, dass Christus die Möglichkeit hat, durch uns hindurch zu den Menschen zu sprechen und die Menschen nicht uns begegnen, sondern Christus.
Zweitens: Wir brauchen ein Beseitigen von Denkblockaden, und hier, glaube ich, ist etwas, was wir berücksichtigen müssen, wenn wir eine Theologie des Kreuzes verkündigen. Luther wandte sich an Menschen, für die noch vieles klar war. Und er hat die menschliche Vernunft in ihre Schranken weisen wollen. Aber er hat ja eigentlich gar nicht sagen wollen, dass wir keine Apologetik brauchen, dass wir uns nicht die Mühe machen müssen zu erklären, um was es im Evangelium eigentlich geht.
Hier ist es wichtig, Denkblockaden abzubauen, das Denken der Menschen, mit denen wir zu tun haben, zu hinterfragen und zu zeigen, wo die Weisheit der Welt eigentlich vor Gott Torheit ist. Ich will noch einmal darauf hinweisen, dass Luther gesagt hat: Es genügt nicht, die Herrlichkeit und Majestät Gottes zu erkennen. Das reicht nicht. Du hast Gott nicht erkannt, wenn du nicht auch Christus leidend am Kreuz erkannt hast. Und es ist absolut richtig: Was uns heute von der Situation vor 500 Jahren trennt, ist, dass die Menschen um uns herum auch die Majestät Gottes gar nicht mehr sehen können. Da haben wir einen Auftrag, das zu erklären.
Und der dritte Punkt: geistliches Leben und verbindliche Gemeinschaft. Geistliches Leben und verbindliche Gemeinschaft. Ich will jetzt mal anknüpfen an zwei Gedanken, die Francis Schäffer vor langer Zeit formuliert hat. Ihr wisst, oder die mich kennen wissen, dass ich so etwas wie ein Schäffer-Jünger bin. Er hat zwei Einsichten gehabt, die für die Kreuzestheologie meines Erachtens sehr wegweisend sind.
Die erste Entdeckung bezeichnet Francis Schäffer als Negation. Er sagt wörtlich: „Wir sollen der Herrschaft der Dinge und unseres Ichs unser Nein entgegensetzen.“ Wir sollen uns nicht von den Dingen und auch nicht von uns selbst beherrschen lassen in einer Gesellschaft, die ja so ich-orientiert ist, sondern wir sollen wirklich Nachfolger Jesu sein. Das heißt, es gibt kein geistliches Leben, wenn wir nicht Nein zur Sünde sagen. Es gibt kein geistliches Leben, wenn wir nicht bereit sind, unser Ich dem Willen Gottes unterzuordnen.
Ich treffe immer wieder Leute, die sagen: Ich würde so gern vom Heiligen Geist erfüllt werden. Ich war schon da und dort und habe mir die Hände auflegen lassen, aber irgendwie klappt das nicht, ich komme nicht weiter. Wisst ihr, worin zumindest ein, ich sage mal, Mysterium eines geisterfüllten Lebens liegt? Natürlich gehört dazu, dass wir reich aus dem Wort heraus leben. Es gehört auch dazu, ganz wichtig, dass wir unser Ich nicht irgendwie durchstreichen und vernichten, sondern dem Willen Gottes unterordnen. Schäffer sagt: Das Kreuz des Christen ist voll von Splittern, da wir in diesem Leben von einem Geist umgeben sind, der dem Reich Gottes fremd ist. Und er sagt weiter: Aber wenn wir im Leben etwas von der Wirklichkeit echten geistlichen Lebens erfahren wollen, müssen wir täglich unser Kreuz auf uns nehmen. Der Grundsatz, Nein zum eigenen Ich zu sagen, muss meine Haltung zur Welt bestimmen, die im Stadium der Auflehnung gegen den Schöpfer verharrt.
Ich komme zu meinem letzten Punkt. Schäffer sagt, es ist ganz wichtig, dass wir Gemeinschaft untereinander haben, dass wir Liebe untereinander praktizieren. Er fordert Offenheit ein, Kritikfähigkeit, echte Kommunikation auf einer sehr persönlichen Ebene. Wir brauchen echte Gemeinschaft. Und es ist so wichtig heute. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, dass wir die Gemeinschaft, die Gemeinschaft, die Gemeinschaft, die Gemeinschaft, die Gemeinschaft, die Gemeinschaft, die Gemeinschaft, die Gemeinschaft, die Gemeinschaft, dass die Menschen nicht mehr vertrauen können. Sie haben das Vertrauen verloren.
Es gibt nicht so weit weg von hier eine sehr begabte deutsche Schriftstellerin, die fast einen großen Preis bekommen hätte: Lisa Krenzler. Sie hat ganz interessante Bücher geschrieben, und ich habe sie mal gehört in einem Interview, wo sie sagte – ich gebe es jetzt mit meinen Worten wieder –: Ich bin so weit, dass ich keinem Menschen mehr vertrauen kann. Es gibt keinen Menschen, von dem ich noch irgendetwas erwarte. Und ihre Bücher beschreiben, wie Menschen sich voneinander entfremden, weil es so viele Enttäuschungen gegeben hat.
Wir müssen diese Botschaft vom Kreuz verkündigen und flankieren durch eine Art und Weise des Lebens, die das Kreuz auch sozusagen symbolisiert. Wir sind als Gemeinde auch ein Symbol, ein Zeichen auf das Kreuz. Und die Gemeinschaft, wenn sie denn gelebt wird und wenn Christus in der Mitte steht, das ist eine heilsame Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist generationen- und interessenübergreifend. Der Leib Christi widersetzt sich dem Fragmentisierungstrend in unserer Gesellschaft. Der Leib Christi ist schöpferische Gegenkultur.
Und er gibt auch den Menschen, die auf die Botschaft vom Kreuz ansprechen, Zeit. Er gibt diesen Menschen Zeit, Fragen zu stellen, mit ihrem Misstrauen herauszukommen und zweifeln zu dürfen. Und wir können ihnen diese Zeit geben. Warum? Weil wir doch wissen: Es sind nicht wir, die Menschen zum Glauben rufen. Es sind nicht unsere Fähigkeiten, sondern es ist Christus selbst. Und Christus lässt sich manchmal sehr viel Zeit, um Menschen zu rufen. Das heißt, wir geben den Leuten Zeit, sich mitzuteilen.
Wenn Christus das Haupt ist und das Band der Liebe Glieder miteinander verbindet, dann dürfen Schwache schwach und Starke stark sein. Ich erlebe das gerade in den letzten Jahren. Also, ich muss dazu sagen, ich habe das wirklich erlebt. Das ist jetzt für mich Erfahrungstheologie sozusagen. Ich habe das erlebt, was das bedeutet, echte Gemeinschaft unter Christus zu feiern. Und das ist wirklich so, dass Menschen dort heil werden. Dass da ganz, ganz viel passiert.
Ich merke aber auch, wie wir in der Gefahr stehen, unsere Beziehungen untereinander sozusagen vom Eros prägen zu lassen, von unseren Wunschbildern, von unseren Träumereien, von unseren Sympathien. Wir möchten uns zurückziehen, wir machen uns unangreifbar, wir machen uns unverletzbar, indem wir uns in unser Schneckenhaus zurückziehen, oder wir wollen nur noch Gemeinschaft haben mit Leuten, die genauso denken wie wir. Bonhoeffer sagt dazu, dass diese Formen von Wunschgemeinschaften zerbrochen werden müssen. Gott hasst, Zitat, Träumerei, denn sie macht stolz und anspruchsvoll.
Wir brauchen eine dienende Gemeinschaft, in der Christen einander Bringer der Heilsbotschaft sind, eine Gemeinschaft, in der wir das Wohl des Bruders und der Schwester suchen, in der wir geistliche Perspektiven füreinander entwickeln. Und wir brauchen verbindliche Gemeinschaft. Gemeinde lebt von Leuten, die ihre eigene Bedürftigkeit unter den Leib Christi stellen.
Schlussgedanken
Ich komme zum Schluss. Danke euch, dass ihr das so lange ausgehalten habt. Ich muss mal gucken, ich hatte ja so eine Stunde, also bin ich ganz gut in der Zeit. Ich kann noch zwei Minuten dranhängen.
Eingangs habe ich die Frage gestellt, ob eine Theologie des Kreuzes, eine Theologie, in der das Kreuz im Mittelpunkt steht, heute überhaupt noch zeitgemäß ist. Ich habe sie erst einmal vorgestellt, ein paar Kernthesen genannt und dann gezeigt, dass diese Botschaft im Kern genauso viel Kraft hat wie vor 500 Jahren.
Es geht letztlich darum, dass wir als Menschen Gott nichts vorzuweisen haben, dass da in uns selbst nichts steckt, auf das Gott zurückgreifen könnte, dass Gott selbst zu uns kommt in seinem Sohn Jesus Christus und uns ruft. Die Kreuzestheologie muss heute erklärt werden, sie muss kultursensibel und verständnisweckend verkündigt werden, weil die Menschen, mit denen wir zu tun haben, unter ganz anderen Denkvoraussetzungen leben. Aber wir machen das, ohne irgendwelche faulen Kompromisse einzugehen, sondern wir glauben daran, dass diese Botschaft vom Kreuz, so wie vor 500 Jahren, die Botschaft ist, die Menschen zum Leben erwecken kann.
Nur dann, wenn wir verstehen und verkündigen, dass in uns nichts ist, was Gott fröhlich stimmt, rufen wir zum Glauben an das Evangelium auf.
Ich will abschließen mit einem wunderbaren Zitat von Martin Luther aus der 24. These der Heidelberger Disputation:
Gottes Liebe, wenn sie am Menschen lebendig wirksam ist, liebt Sündige, Böse, Törichte, Schwache, um sie zu Gerechten, Guten, Klugen und Starken zu machen, und so strömt sie heraus und teilt Gutes aus. Denn die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden. Sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind. So sagt Christus: Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu suchen, sondern Sünder.
Das aber ist die am Kreuz geborene Liebe, die sich nicht dorthin wendet, wo sie Gutes findet, um es für ihre eigenen Zwecke zu gebrauchen, sondern dorthin, wo sie den Bösen und Armen Gutes bringen kann. Amen.
