Gott wird Mensch – Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Episode 686: Keine Frucht, Teil 4
Jesu Handeln im Tempel und die Reaktion der religiösen Führer
Jesus ist im Tempel. Zuerst wirft er die Händler und ihre Kunden hinaus. Danach beginnt er, Lahme und Blinde zu heilen. Der Herr Jesus heilt, und alle freuen sich, besonders die Kinder.
Nun ja, vielleicht nicht alle. Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten sind unwillig und wollen Jesus zur Rede stellen.
Matthäus 21,16:
Und sie sprachen zu ihm: „Hörst du, was diese sagen?“
Jesus aber antwortete ihnen: „Ja, habt ihr nie gelesen: ‚Aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet‘?“
Das Problem des Verstehens biblischer Texte
Bevor wir uns das Zitat genauer anschauen, ein Wort zu dem Satz „Habt ihr nie gelesen?“ Natürlich haben die Schriftgelehrten und die Hohenpriester den Text, den Jesus hier zitiert, schon gelesen. Er stammt schließlich aus dem Alten Testament.
Sie haben ihn nur nicht verstanden. Es gibt also ein Lesen der Bibel ohne Verstehen. Es gibt Schriftgelehrsamkeit, die den eigentlichen Sinn eines Textes nicht erfasst. Ich denke, dass gerade die Schriftgelehrten uns eine Warnung sein müssen.
Man kann lesen und doch nicht wirklich lesen. Man kann sich mit Texten beschäftigen, aber den eigentlichen Sinn der Texte nicht verstehen. Man kann stille Zeit machen und doch nicht wirklich etwas fürs Leben lernen oder lernen wollen.
Psalm 8 als Hintergrund des Zitats
Schauen wir uns nun das Zitat etwas genauer an. Es stammt aus Psalm 8, genauer gesagt aus den Versen 1 bis 3. Der Psalm ist dem Chorleiter nach der Gittit gewidmet und wurde von David verfasst.
Der Text lautet:
„Herr, unser Herr, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde! Du hast deine Hoheit gelegt auf den Himmel. Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du Macht gegründet, wegen deiner Bedränger, um zum Schweigen zu bringen den Feind und den Rachgierigen.“
In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, wird der für uns relevante Teil aus Psalm 8, Vers 3, folgendermaßen übersetzt:
„Aus dem Mund von Unmündigen und Säuglingen hast du dir ein Lob bereitet wegen deiner Feinde, um zu vernichten Feind und Rächer.“
Man erkennt hier eine interessante Verschiebung: Wo im Hebräischen „Macht“ steht, findet sich im Griechischen „Lob“. Diese Veränderung der Bedeutung ist nicht zufällig, sondern gewollt und sinnvoll.
Im hebräischen Text ist die Macht, die aus dem Mund von Kindern kommt, gegen Gottes Feinde gerichtet. Das heißt, Gott setzt das Schwache ein, um seine Gegner zum Schweigen zu bringen.
Die griechische Übersetzung macht deutlicher, wie das geschieht: Das Lob der Schwachen selbst ist Gottes machtvolle Antwort auf seine Widersacher.
Jesus übernimmt diese Deutung, wenn er den Psalm auf die Kinder im Tempel bezieht.
Die Bedeutung von Psalm 8 im Alten und Neuen Testament
Psalm 8 ist zunächst ein Schöpfungspsalm. Der Psalmist staunt über die Majestät Gottes als Schöpfer und beschreibt anschließend die besondere Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung. Der Mensch ist nur wenig geringer als die Engel und mit Herrschaft über die Werke von Gottes Händen betraut.
Es geht in Psalm 8 also um die königliche Bestimmung des Menschen als repräsentativer Herrscher unter Gott. Im Neuen Testament wird dieser Psalm christologisch zugespitzt. Erst der Christus verwirklicht die Herrschaft, die dem Menschen ursprünglich zugedacht war.
Das ist die eine Seite von Psalm 8. In Matthäus 21 liegt der Akzent jedoch anders. Jesus zitiert nicht den Teil des Psalms über die Herrschaft des Menschen, sondern den Vers über das Lob aus dem Mund der Kinder. Hier steht nicht die universale Herrschaft des Menschensohns im Vordergrund, sondern die paradoxe Weise, wie Gott seine Herrlichkeit sichtbar macht, nämlich durch die Schwachen.
Im ursprünglichen Psalm ist das Lob der Kinder ein Zeichen dafür, dass Gottes Majestät selbst durch das Geringe bezeugt wird, und zwar im Gegensatz zu seinen rachgierigen Feinden. In Matthäus 21 entspricht dieser Konstellation die Szene im Tempel. Die religiösen Führer reagieren ablehnend, während eine Gruppe von Jungen Jesus als Sohn Davids preist. Die Rollen sind klar verteilt.
Die theologische Aussage Jesu im Tempel
Wenn Jesus Psalm 8 zitiert, wird deutlich, wer die Bösewichte sind. Doch wir dürfen nicht übersehen, was Jesus hier zusätzlich zum Ausdruck bringt. Psalm 8 spricht von der Größe und Herrlichkeit Gottes, die die ganze Erde erfüllt. Es ist Gott, der sich aus dem Mund von Kindern sein Lob bereitet.
Im Tempel geschieht genau das: Kinder nennen Jesus „Sohn Davids“ und feiern ihn als den versprochenen Retter. Die religiösen Führer ärgern sich darüber. Jesus führt daraufhin Psalm 8 an, um sie zum Schweigen zu bringen.
Die Frage ist: Wie kann ein Mensch einen Psalm als Argument anführen, in dem es um das Lob für Gott geht? Merkt ihr, was Jesus damit sagen will und wie er sich nicht nur als messianischer König darstellt? Psalm 8 funktioniert nur als Argument, wenn Jesus davon ausgeht, der rechtmäßige Empfänger des Lobs zu sein, das eigentlich für Gott bestimmt ist.
Er sagt es nicht direkt, doch eigentlich sagt er es durch die Blume: Ich bin Gott. Was in den Psalmen über Gott gesagt wird, kann er zu Recht auf sich beziehen. Wenn ihr wissen wollt, warum das Geschrei der Kinder völlig in Ordnung ist, dann denkt einmal in Ruhe über Psalm 8 nach.
Die Haltung der Gegner Jesu und ihre Bedeutung
Was tun Jesu Gegner? Sie erweisen sich als genau die Art von Menschen, über die im Psalm 8 geschrieben steht: rachgierige Feinde.
In Markus 11,18 heißt es: „Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten hörten es und suchten, wie sie ihn umbringen könnten; sie fürchteten ihn nämlich. Denn die ganze Volksmenge geriet außer sich über seine Lehre.“
Jesus hat also noch mehr gelehrt. Was genau, wissen wir nicht, aber es muss sich deutlich von dem unterschieden haben, was die Rabbis sonst lehrten.
Nicht zum ersten Mal ist die Volksmenge erstaunt über das, was Jesus sagt und lehrt.
Die Herausforderung, das Gehörte wirklich zu verstehen und zu leben
Und weil ich am Anfang der Episode darauf hingewiesen habe, dass man einen Text lesen kann, ohne ihn zu verstehen, möchte ich hier noch eine andere Beobachtung anfügen.
Man kann von der Art, wie jemand predigt, völlig begeistert sein und doch wenige Tage später kein Problem damit haben, dass dieser Lehrer unter fadenscheinigen Gründen erst gefangen genommen und dann als Verbrecher hingerichtet wird. Begeisterung schützt anscheinend auch nicht vor Oberflächlichkeit.
Auch das sollten wir uns gut merken: Es gibt einfach viel zu viele Christen, die sich nach einer Predigt von den Worten berührt beim Prediger bedanken, aber trotzdem nicht auf den Gedanken kommen, das Gehörte auch umzusetzen. Es reicht nicht, Texte nur zu lesen. Es reicht nicht, nur emotional von einer Predigt berührt zu sein.
Was wir wirklich brauchen, ist der Wunsch, tiefer zu graben und wirklich zu verstehen. Wir sollten uns nicht nur in Erstaunen und Begeisterung versetzen lassen. Jesus will uns belehren und berühren, weil er sich Veränderung für uns wünscht. Er will, dass wir ihn erkennen und uns ihm anschließen.
Er will nicht heute gefeiert und ein paar Tage später vergessen werden. Er will Herr sein in unserem Leben.
Einladung zur persönlichen Reflexion
Was könntest du jetzt tun? Denk nach! Wie liest du die Bibel? Liest du genug? Denkst du darüber nach und liest du mit dem innigen Wunsch, mehr wie Jesus zu werden?
Das war's für heute. Wenn dir das Thema Göttlichkeit Jesu Kopfzerbrechen bereitet, habe ich dazu eine YouTube-Playlist mit Vorträgen und ein ausführliches Skript.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen!
