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Prediger 1,1-18

Prediger 1,1-1,1821.09.2016
Serie•Teil 1 / 9Prediger
Warum fühlt sich alles an, als würde es im Kreis laufen? Der Blick auf Arbeit, Erfolg und Wissen ernüchtert: Du kannst dein Leben nicht festhalten – und trotzdem suchst du nach Sinn.

Einleitung in das Buch und seine Eigenart

Ich freue mich auch, bei euch zu sein. Einmal im Jahr gibt es ja die Bibelwoche, und diesmal haben wir uns eine ganze Menge vorgenommen: neun Vorträge plus zwei Fragerunden. Und das Buch heißt Der Prediger, Altes Testament.
Ich lese mal Vers 1 von Kapitel 1: Worte des Predigers, des Sohnes Davids, des Königs in Jerusalem.
Ich möchte jetzt im ersten Vortrag Kapitel 1, Verse 1 bis 18, machen und mit euch einsteigen in ein Buch, das ich persönlich total faszinierend finde.
Es gibt so Bücher, die packen einen. Die packen einen, weil sie einem von Anfang an so ein Stückchen fremd sind. Und man hat den Eindruck: Das muss etwas ganz Wertvolles sein. Man braucht nur einen Moment, bis man da reinfindet. Es erschließt sich nicht so, dass man es einmal durchliest und dann ist alles klar. Also mir ging es zumindest nicht so.
Und von daher genieße ich dieses Buch. Ich freue mich, mit euch anzuschauen, was der Prediger, der Sohn Davids, also Salomo, König in Jerusalem, uns aufgeschrieben hat.
Das Buch Prediger gehört zu dem, was man Weisheitsliteratur nennt. Es gibt bestimmte Bücher im Alten Testament, zum Beispiel das Buch Hiob, Sprüche, Prediger, Hohelied. Das gehört zur Gattung der Weisheitsliteratur.
Und wenn man sagen will, worum es dabei eigentlich geht, dann werdet ihr merken: Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Es ist ein Mix aus verschiedensten Themen. Mal geht es um Weisheit, dann geht es wieder um Geld, Politik, Tod, Freundschaft, Religion, ganz unterschiedliche Themen. Und fragt mich bitte auch nicht nach einer Struktur in dem Buch. Ich habe noch keine so richtig gefunden. Ich werde es einfach mal hintereinander predigen.
Ich habe den Eindruck, Prediger funktioniert ein bisschen wie ein schöner Blumenstrauß. Man schaut von oben rein, es ist total bunt, jede einzelne Blume ist für sich ganz schön, und in der Summe wird es noch einmal schöner. Und so ist es auch beim Buch Prediger.
Ich kann also die Struktur vom Buch Prediger nicht genau benennen. Wirklich, ich habe es ein paarmal probiert, es ist mir irgendwie nicht eingängig gewesen. Und ich liebe Strukturen. Also wer mich kennt, ich habe mir wirklich Mühe gegeben, aber es ist irgendwie nicht so gekommen.
Was ich aber sagen kann, ist, was das Buch Prediger will. Und vielleicht ist das bei dem Buch viel wichtiger als die Struktur. Das Buch Prediger will eine ordentliche Prise Realismus ins geistliche Leben bringen.

Realismus statt religiöser Magie

Und was meine ich damit? Ich meine, dass, wenn ich mir meine christlichen Freunde anschaue, sich da manches Mal eine bestimmte Idee hält. Ich will nicht sagen, dass ihr diese Idee habt, aber es hält sich die Vorstellung, auch unter Christen, dass, wenn man nur fleißig betet, jede Woche den Gottesdienst besucht und ein gehorsames Leben nach der Bibel führt, dann automatisch das Leben gelingen muss.
Und wenn man dann all das richtig gemacht hat und trotzdem erlebt, dass eine Ehe zerbricht oder dass man selbst durch eine Psychose lahmgelegt wird oder vielleicht der Partner Alzheimer bekommt oder sich die Arbeitslosigkeit nicht auf ganz wundersame Weise in den Traumjob auflöst, dann fragt man ganz schnell: Hat Gott womöglich einen Fehler gemacht?
Auch unter Christen können die Erwartungen ans Leben immens sein. Und deswegen die Frage: Kann es in einem geistlichen Leben, das sich um Gott dreht, Misserfolg geben, obwohl ich alles richtig mache? Antwort: Ja. Warum? Weil es eben so ist. Woher weiß ich das? Weil ich das Buch Prediger gelesen habe.
Das Buch Prediger bewahrt uns davor, dass wir Glauben mit Magie verwechseln. Das Buch Prediger nimmt uns hinein und beschreibt uns, wer der Gläubige ist. Und ich fasse das mal mit meinen Worten ganz am Anfang zusammen: Der Gläubige hängt sich an Gott, und er möchte Teil von Gottes Geschichte werden. Aber er überlässt es Gott, diese Geschichte zu gestalten.
Wir sind in Gottes Geschichte keine Roboter, wir sind keine Marionetten oder Schauspieler, die eine vorbestimmte Rolle spielen müssten. Wir sind Menschen, wir bleiben Menschen, geschaffen nach Gottes Ebenbild, ausgerüstet mit einem freien Willen, mit Kreativität, mit Intelligenz und mit Begabungen. Berufen von Gott. Und jetzt kommt es zu einem bestimmten Punkt in der Geschichte, an einem bestimmten Ort, unseren Beitrag zu leisten. Und keiner von uns weiß, wie dieser Beitrag aussieht.

Menschen zwischen Berufung, Begrenzung und Schicksal

Da gibt es vielleicht eine kleine Hanna. Hanna ist immer lustig. Hanna ist die, die betet, dass sie schwanger wird, ja, und dann wird sie schwanger, ja, das ist doch toll. Und vielleicht bist du eine kleine Hanna, die betet, und Gott segnet das Gebet.
Vielleicht bist du ein kleiner Josia, der die Bibel entdeckt und eine Erweckung in seiner Umgebung auslöst. Und es geht richtig voran, und du freust dich darüber, was du in deiner kurzen Lebenszeit alles schaffen kannst.
Vielleicht bist du aber auch ein kleiner Jeremia, und du predigst ein Leben lang ohne Erfolg einem Volk, das dich für einen grossen Spinner hält. Vielleicht bist du auch ein kleiner Hiob. Und Gott lässt dich alles verlieren, um ihn mitten im Leid zu verherrlichen und zu finden.
Ich weiss nicht, was Gott mit dir vorhat. Wichtig ist nur: Wir können durch Gebet und durch kluge Lebensentscheidungen unser Leben modulieren. Aber wir können mit noch so viel Wissen unser natürliches Leben nicht aus der Gefahrenzone des Schicksals herausmanövrieren. Das können wir nicht. Keiner von uns weiss, was morgen kommt, und keiner hat es im Griff.
Woran liegt das? Das liegt an diesem zentralen Begriff, den Philipp schon vorgestellt hat, Vers 2: „Nichtigkeit der Nichtigkeiten, spricht der Prediger; Nichtigkeit der Nichtigkeiten, alles ist Nichtigkeit.“
Schönes Wort, oder? Nichtigkeit, das klingt schon richtig bäh, ja, Nichtigkeit. Im alten Begriff steht dieser Begriff „Nichtigkeit“ für das, was keine Substanz hat, für Dinge, die mich verführen, aber die mich nicht wirklich zufriedenstellen können.
Ich möchte euch zu diesem Begriff einen Vers aus dem Neuen Testament vorlesen. Da heisst es in Römer 8,20: Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden, nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin.
Die Schöpfung, in der wir leben, ist der Nichtigkeit unterworfen worden. Paulus beschreibt den Zustand der Schöpfung nach dem Sündenfall. Eine Welt, die einmal gemacht worden war, um Bühne zu sein für das schöpferische Gestalten des Menschen, ein Ort des Genusses, ein Ort der Begegnung mit Gott, der puren Freude und der Anbetung, wurde der Nichtigkeit unterworfen. Sie wurde ein Ort voll von Leid und Tod, Gottvergessenheit und Schmerz, Krieg, Hass, Angst, Streit, Bitterkeit usw.
Nichtigkeit steht für das, was diese Welt, in der wir leben, auszeichnet. Oder ich würde es mal mit meinen Worten sagen: Nichtigkeit steht für das Frustpotenzial menschlicher Existenz, für die Unmöglichkeit, meinem natürlichen Leben, von mir aus, indem ich mich anstrenge, ich nachdenke, ich plane oder von mir aus auch geniesse, einen bleibenden Wert zu geben.
Wir werden das gleich sehen: Das Brutale an unserem Leben ist, wir kommen, wir gehen, und so sehr wir uns auch anstrengen werden, wir werden nichts zurücklassen.

Der Blick auf die Vergänglichkeit der Welt

Vers 3: Welchen Gewinn hat der Mensch von all seinem Mühen, mit dem er sich unter der Sonne abmüht?
Noch so ein Begriff, den ich eingangs erklären muss: unter der Sonne. Damit meint Salomo das Leben auf der Erde. Die Frage ist also: Welchen Nettogewinn haben wir am Ende unseres biologischen Lebens vorzuweisen? Inwiefern macht es einen bleibenden Unterschied auf dieser Erde, dass es uns gab? Was lassen wir zurück, worauf wir stolz sein können?
Achtung, und das muss ich wirklich noch einmal betonen: Der Fokus des Predigers ist ganz stark auf die Diesseitigkeit bezogen, auf das Leben unter der Sonne, auf das materielle Diesseits. Natürlich ist es so, dass Jesus uns eine Belohnung für unsere Treue verspricht und dafür, dass wir uns um sein Reich mühen. Aber das ist nicht das, worum es Salomo hier geht. Die Nichtigkeit, die Salomo meint, ist eine Nichtigkeit, der auch der Gläubige nicht entflieht, selbst wenn er zuerst nach dem Reich Gottes trachtet. Es gibt etwas, bei dem wir sagen müssen: Darauf haben wir überhaupt keinen Einfluss. Wir hinterlassen selbst als Gläubige keine ewigen Werte.
Und das Verrückte ist: In uns tief drin steckt eine tiefe Sehnsucht danach, etwas wirklich Bedeutungsvolles zu schaffen, etwas, das die Welt prägt, etwas, das diese Welt zum Guten verändert. Aber welchen Gewinn hat der Mensch von all seinen Mühen, mit denen er sich unter der Sonne abmüht?
Vers 4: Eine Generation kommt, und eine Generation geht, aber die Erde besteht in Ewigkeit. Im Sinne von: Man könnte das auch mit „bleibt immer dieselbe“ übersetzen, sie verändert sich nicht. Und was Salomo jetzt macht, ist, dass er den Wechsel der Generationen mit der Unveränderlichkeit der Natur vergleicht.
Und jetzt wird einer sagen: Aber wir können doch die Welt verändern. Stimmt, wir können die Wälder abholzen, wir können unseren Plastikmüll ins Meer kippen, keine Frage, wir können das Ozonloch ein bisschen vergrößern, und trotzdem wird Planet Erde immer weiter auf seiner Bahn laufen. Wir sind faktisch wie Ameisen auf einem Felsen, wir hinterlassen keine wirklichen Spuren.
Eine Generation kommt, eine andere geht. Kurze Frage: Kennst du das Geburtsjahr deiner Urgroßmutter? Nein. Kennt irgendjemand den Beruf seines Urgroßvaters? Genau, einer, zwei, drei, vier, okay, das ist schon fünf, das ist schon viel. Wäre ich noch ein, zwei Generationen weiter nach hinten gegangen, ich habe es euch ja noch leicht gemacht, dann wäre es einfach vorbei gewesen.
Es stimmt einfach: Eine Generation kommt, eine Generation geht, aber die Erde besteht in Ewigkeit.

Kreisläufe ohne bleibenden Zugriff

Und Salomo malt uns das so vor Augen:
Vers 5: Und die Sonne geht auf, und die Sonne geht unter, und sie strebt ihrem Ort zu, wo sie wieder aufgeht. Der Sonne ist es völlig Wurst, ob es dich gibt.
Vers 6: Der Wind geht nach Süden, wendet sich nach Norden, immer wieder sich wendend geht er dahin, und zu seinem Ausgangspunkt kehrt der Wind zurück. Also, hier sind Windströmungen globaler Art beschrieben. Der Wind weht einfach. Hallo, ja, ob du morgen zur Arbeit gehst oder nicht, ist dem Wind völlig Wurst.
Vers 7: Alle Flüsse gehen ins Meer, und das Meer wird nicht voll. An den Ort, wohin die Flüsse gehen, dorthin gehen sie immer wieder. Die Flüsse fließen ins Meer, und der Prediger versteht nicht so genau, wie das da genau läuft. Aber er sagt: Dadurch, dass das Meer nicht überläuft, muss es ja wahrscheinlich irgendeine Form von Zyklus geben.
Vers 8: Und da steht bei euch: Alle Worte mühen sich ab. Ich würde das lieber übersetzen mit: Alle Dinge sind beschwerlich. Im Hebräischen ist das Wort für Wort und Ding dasselbe. Man kann statt zu sagen: Alle Worte mühen sich ab, auch sagen: Alle Dinge sind beschwerlich. Das ist das Fazit des Predigers zu den Versen 3 bis 7.
Was er damit meint, ist: Die Heiterkeit, das Garten Eden ist weg. Überall ist nur Mühe. Alles ist irgendwie im Fluss, und wir sind mittendrin. Die Natur nimmt ihren Lauf, und wir können daran nichts ändern. Wir können nur feststellen, dass es wohl das Beste ist, gar nichts zu sagen.
Kapitel 1,8b: Nichts vermag ein Mensch zu sagen. Und jetzt wirst du denken: Wenn du meine Nachbarin kennen würdest, die hat ständig was zu sagen. Stimmt, das ist nur nicht hier gemeint. Natürlich können Menschen reden, und manche Menschen schnattern dir ein Ohr ab, gar keine Frage. Aber die Geschichte Gottes, das Leben als Ganzes, davon haben wir keine Ahnung. Nicht einmal, wie wir dann später in ein paar Vorträgen hören werden, die Weisesten unter uns.
Das Geheimnis hinter dem Leben, warum die Dinge genau so sind, wie sie sind, und warum sie sich so entwickeln, wie sie sich entwickeln, geopolitisch, aber auch ganz persönlich, das erfassen wir nicht. Das können wir nicht erklären, das können wir kaum kontrollieren, und das können wir definitiv nicht beeinflussen. Die Sprache versagt.
Da merken wir auch: Mit dem Schauen und dem Hören ist es auch nicht anders. Das Auge wird nicht satt zu sehen, und das Ohr nicht voll vom Hören. Wir kommen nie dahin, dass man mal irgendwann sagt: Es ist genug. Ist euch das mal aufgefallen? Man hat nie den Eindruck: Boah, jetzt ist mal genug gesehen, genug gehört. Es gibt immer noch eine Sehnsucht nach mehr, es gibt immer noch eine Sehnsucht nach Ewigkeit, nach einem Leben, das in diese gespürte Frustration, in die Nichtigkeit, in die irgendwie gespürte Sinnlosigkeit des Lebens eingreift.
Aber egal, was wir dabei tun, es ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Warum? Weil der Tod und die Unveränderlichkeit der Naturabläufe uns einen Strich durch die Rechnung machen. Wir werden nichts ändern, und man wird uns vergessen. Wir sind wirklich nur ein Hauch, kurz sichtbar und dann weg.

Das Alte bleibt, und das Neue ist nicht neu

Vers 9: Das, was war, ist das, was wieder sein wird, und das, was getan wurde, ist das, was wieder getan wird. Und es gibt gar nichts Neues unter der Sonne. Gibt es ein Ding, von dem einer sagt: Siehe, das ist neu? Längst ist es gewesen für die Zeitalter, die vor uns gewesen sind. Da gibt es keine Erinnerung an die früheren und an die künftigen, die sein werden. Auch an sie wird man sich nicht mehr erinnern bei denen, die noch später sein werden.
Das ist brutal, oder? Gibt es ein Ding, von dem einer sagt: Siehe, das ist neu? Längst ist es gewesen für die Zeitalter, die vor uns gewesen sind. Faszinierend.
Und jetzt wird einer vielleicht sagen: Ja, aber was ist denn mit Autos, Internet und Handys? Das ist doch neu. Ja, es ist so lange neu, solange wir nicht darüber nachdenken, was eigentlich das Neue daran ist. Es stimmt schon, es gibt irgendwo Erfindungen. Und wenn hier steht, da gibt es keine Erinnerung an die früheren, ja, es gibt schon ein paar alte Namen, die jeder kennt: Caesar, Alexander der Große, Richard Löwenherz.
Aber jetzt mal ganz ehrlich: Streicht das durch, was der Prediger sagen möchte. Die fundamentalen Ereignisse des Lebens bleiben immer gleich. Man wird geboren, man heiratet, man bekommt Kinder, man geht arbeiten, man wird krank, man stirbt. Und ja, logisch, wir können heute ein Stück schneller reisen als früher. Ja, es ist nicht mehr die Kutsche, super, ja, wir machen es mit dem Flieger. Wir haben Zugriff auf mehr Informationen, ja, völlig richtig, und wir können über weite Strecken miteinander kommunizieren, richtig. Aber mal ganz ehrlich: Das Grundsätzliche, dass wir reisen, dass wir forschen, dass wir uns unterhalten, das bleibt immer noch gleich.
Und übrigens: Immer noch geht die Sonne auf und unter, die Winde wehen, die Flüsse fließen. Immer noch strecken sich Menschen aus nach Ruhm und Macht und Glück. Und irgendwie ist es so ein großes Rad, das sich dreht. Ein Mensch kommt, ein anderer geht, und beide werden vergessen. Es ist fies, oder? Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
Die Probleme des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind im Kern dieselben Probleme, die es zur Zeit Jesu gab. Wisst ihr, woher ich das weiß? Weil ich meistens sonntags ein oder zwei Predigten habe. Und ich nehme ein uraltes Buch als Grundlage für meine Predigten, um hineinzusprechen in das Leben ganz moderner Menschen. Und es sind die gleichen Themen, es sind die gleichen Fragen, es sind die gleichen Probleme und immer noch die richtigen Antworten, weil sie direkt von Gott kommen.
Das ist nicht neu. Die Tatsache, dass an die Stelle eines Schwertes eine Kalaschnikow tritt, ist nicht wirklich eine Verbesserung oder Veränderung. Es bleibt alles beim Alten.

Die Grenze des Denkens und die Last der Weisheit

Jürgen, das kann doch nicht alles sein. Das geht doch nicht. Ich hoffe, dass Sie das ein bisschen spüren können.
Man liest Prediger und ist nach einem halben Kapitel schon total deprimiert und denkt sich: Das geht doch nicht. Weil in uns diese Spannung drinsteckt. Auf der einen Seite nicken wir und sagen: Stimmt, alles kommt und geht und bleibt irgendwie beim Gleichen. Irgendwie geht nichts wirklich voran.
Also, wenn wir die letzten fünf, sechs, sieben Tausend Jahre Kulturgeschichte überschauen, so in der Grössenordnung, dann mal ganz ehrlich: Haben wir irgendetwas Signifikantes dazugelernt? Geht man weltweit im einundzwanzigsten Jahrhundert besser mit Frauen und Kindern um als noch vor fünftausend Jahren? Ehrlich gesagt: nein, da ist nichts passiert. Es ist irgendwie so.
Da ist auf der einen Seite dieser Wunsch: Jetzt machen wir doch endlich mal etwas. Und gleichzeitig diese Unmöglichkeit. Kann das alles sein?
Und es stellt sich natürlich, und das, was wir jetzt miteinander studieren, die zwei Kapitel, Kapitel eins und zwei, stellt sich natürlich die Frage: Mann, ich muss doch irgendwo mal ausbrechen aus dieser Nichtigkeit. Es muss doch irgendwann mal eine Generation von Menschen geben, die endlich Sachen richtig macht, das festhält, an die nächste Generation weitergibt. Die nehmen das und machen doch ein bisschen mehr richtig, geben das wieder weiter, und dann machen die noch ein bisschen mehr richtig. Das muss doch irgendwann mal klappen. Warum klappt denn das nicht? Vielleicht haben die nicht genügend nachgedacht. Vielleicht muss man einfach mehr nachdenken. Vielleicht muss man aktiver werden, mehr investieren.
Und ihr könnt euch vorstellen, Salomo hat das ausprobiert:
Vers 12 und Vers 13: Ich, der Prediger, war König über Israel in Jerusalem, und ich richtete mein Herz darauf, in Weisheit alles zu erforschen und zu erkunden, was unter dem Himmel getan wird. Ein übles Geschäft hat Gott da den Menschenkindern gegeben, sich darin abzumühen.
Überlegt mal, was hier steht: Der weiseste Mensch seiner Zeit, Salomo, nennt es ein übles Geschäft. Was er sagt, ist: Es ist ein lausiger Job, über die Welt und ihre Zusammenhänge nachdenken zu müssen.
Warum?
Vers 14: Ich sah all die Taten, die unter der Sonne getan werden, und siehe, alles ist Nichtigkeit und ein Haschen nach Wind.
Alles, was Menschen tun, ist Nichtigkeit, ist dieses Flüchtige, ist dieses Nichtdauerhafte, ein Haschen nach Wind. Es ist, als wären wir dazu verdammt, zu verschwinden. Es bleibt nichts. Leben ist wie der Wind. Es lässt sich nicht fangen, und könnte man es, hätte man nichts in der Hand.
Warum?
Und jetzt gibt es eine Erklärung.
Vers 15: Gekrümmtes kann nicht gerade werden, und Fehlendes kann nicht gezählt werden.
Salomo startet mit: Oh, man müsste nur mal richtig nachdenken. Ich richtete mein Herz darauf, in Weisheit alles zu erforschen und zu erkunden, was unter dem Himmel getan wird. Okay, jetzt fängt er an zu denken, und er stellt fest: Gekrümmtes kann nicht gerade werden.
Also, ich schaue mir die Fakten des Lebens an, und ich stelle fest: Manches ist krumm. Und krumm ist das, was nicht passt, es ist nicht stimmig. Es gibt Bereiche des Lebens, da kenne ich das Problem, aber nicht die Lösung. Und egal, wie viel ich nachdenke, ich komme auch nicht darauf, auch nicht, wenn ich mich mit aller Weisheit anstrenge.
Warum nicht?
Unter anderem deshalb, weil mir Informationen fehlen. Gekrümmtes kann nicht gerade werden, und Fehlendes kann nicht gezählt werden. Manche Probleme kann man nicht lösen, und an bestimmte Informationen kommen wir einfach nicht ran. Da kannst du nachdenken, wie du willst.
Und jetzt stell dir das vor: Du bist der weiseste Mensch aller Zeiten, und du näherst dich dem grössten Problem, das es gibt, nämlich: Wie kann ich diesem Leben etwas mehr Bedeutung geben? Wie kann ich das, was ich spüre an Nichtigkeit und Flüchtigkeit und Vergänglichkeit, wie kann ich dem entrinnen?
Und ich muss feststellen: Egal, wie klug ich bin im Denken, egal, wie viele Zusammenhänge ich schon verstanden habe, es bleibt eine riesige Menge an Themen, wo ich ganz nüchtern sagen muss: Die kriege ich nicht erklärt. Da komme ich einfach nicht weiter.
Und vielleicht geht es dir ähnlich, dass es in deinem Leben Bereiche gibt, wo du sagst: Da habe ich angefangen nachzudenken, und irgendwann habe ich gemerkt, ich komme eigentlich nicht mehr weiter. Vielleicht gibt es persönliche oder theologische Fragen, wo du sagst: Da komme ich so weit, und irgendwann stecke ich fest. Und da habe ich auch schon mit hundert Leuten geredet, und ich bin nicht wirklich weitergekommen.
Und ich sage mal: Vielleicht liegt das dann einfach daran, dass wir als Menschen nicht alles durch Denken, zu Ende Denken und Verstehen können. Wenn Salomo sagt, es gibt Dinge, die sind einfach krumm, die passen nicht, und die werden auch durch mehr Nachdenken einfach nicht passender. Und wenn Salomo sagt, es gibt Probleme, die wirst du nicht lösen, weil dir einfach Fakten fehlen, wo du also nicht nur sagst, die Fakten passen nicht, sondern ich habe noch nicht mal die Fakten, wenn das Salomo sagt, dann wird es auch in unserem Leben solche Momente geben, wo wir sagen: Das passt nicht. Und wo wir nichts weiter machen können, als zu sagen: Okay, dann ist das eben so.
Hoffentlich gibt es viele Bereiche, wo du im Lauf deines Lebens dann doch noch Lösungsansätze findest. Aber es wird Bereiche geben, wo das nicht so ist. Wo wir auf das angewiesen sind, was wir in der Bibel haben, nämlich Offenbarung. Wo ich merke: Als Mensch bin ich begrenzt, als Geschöpf bin ich nicht der Schöpfer, und ich brauche Gott, dass er mir hilft, mit seiner Weisheit und mit seiner Perspektive aufs Leben und mit seinem Wort, damit ich zu Ende denken kann, wo das Krumme und das Fehlende für mich sich nicht mehr erschliesst.

Mehr Wissen, mehr Schmerz

Vers 16 Ich sprach in meinem Herzen und sagte: Siehe, ich habe die Weisheit vergrößert und vermehrt, mehr als jeder, der vor mir über Jerusalem war. Und mein Herz hat in Fülle Weisheit und Erkenntnis geschaut.
So viel zum Einwand, wenn jemand sagt: Salomo, du hast dich nicht genug angestrengt. Doch er sagt: Ich habe die Weisheit vergrößert und vermehrt, mehr als jeder, der vor mir in Jerusalem war. Ich habe mich wirklich mit dieser Aufgabe völlig identifiziert. Und er ist sogar noch einen Schritt weitergegangen.
Auch richtete ich mein Herz darauf, Weisheit zu erkennen und Erkenntnis von Tollheit und Torheit zu haben. Also hat Salomo sich gedacht: Okay, wenn ich mir nur die Weisheit anschaue, reicht das vielleicht nicht. Vielleicht muss man sich auch einmal die Dummheit anschauen und die Narrheit des Lebens unter die Lupe nehmen. Und jetzt sagt er: Ich weiß jetzt, wie man sich verhält und wohin es führt, wenn man ein Weiser ist. Und ich weiß, wie man sich verhält und wohin es führt, wenn man als beratungsresistenter, eingebildeter Narr durchs Leben geht.
Aber beides hat ihn nicht weitergebracht. Auch richtete ich mein Herz darauf, Weisheit zu erkennen und Erkenntnis von Tollheit und Torheit zu haben, doch erkannte ich, dass auch das nur ein Haschen nach Wind ist.
Und dann kommt Vers 18, mit dem wir jetzt diesen ersten Vortrag beenden, wo es heißt: Denn wo viel Weisheit ist, ist viel Verdruss, und wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer.
Der Mann, der sagt: Ich will mal probieren, über das Leben richtig tief nachzudenken. Vielleicht bringt es mich dahin, dass ich die Geheimnisse des Lebens so tief durchdringe, dass ich mich aus dieser Nichtigkeit, aus der Flüchtigkeit, aus der Schicksalhaftigkeit befreien kann. Und er muss sagen: Nein, das geht nicht. Und das ist sogar noch schlimmer. Denn wo viel Weisheit ist, ist viel Verdruss. Wenn ich mich daranmache, das zu verstehen, was man verstehen kann.
Und ich möchte euch von ganzem Herzen bitten, dass auch wenn jetzt die Weisheit hier so ein bisschen von Salomo dargestellt wird als etwas, was nicht die Antwort auf alle Probleme und Fragen des Lebens ist, es sich natürlich trotzdem lohnt, Weisheit zu studieren. Also, im Alten Testament gibt es das Buch der Sprüche, ein dickes Buch. Und ich rate euch: Lest genug Sprüche, denkt darüber nach, werdet weise, versteht das, was man über dieses Leben hier verstehen kann.
Aber die andere Seite ist: Wo viel Weisheit ist, ist viel Verdruss, und wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer. Je mehr du weißt, je besser du Gott kennst, umso mehr wirst du merken, das macht dich gar nicht glücklicher. Und ich möchte euch das an einem simplen Beispiel erklären.
Ihr wisst, ich liebe das Buch Hohelied, dieses alttestamentliche Buch von Salomo zum Thema Ehe. Salomo beschreibt, wie man bis ins hohe Alter eine von Leidenschaft und Bewunderung geprägte Ehe führen kann. Ich habe dieses Buch wahrscheinlich öfter gepredigt als jedes andere biblische Buch, und ich finde es absolut faszinierend. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Tipps in diesem Buch für Ehepaare, gerade wenn es angefochtene Ehepaare sind, Gold wert sind.
Aber wisst ihr was? Je mehr ich verstehe, was eine glückliche, leidenschaftliche Ehe ausmacht, desto mehr leide ich unter den Ehen, von denen ich weiß, dass sie nicht glücklich sind, weil es ihnen vielleicht gerade an dem fehlt, was Salomo sagt. Je mehr ich verstehe, dass es weise ist, Bewunderung und Zärtlichkeit in einer Ehe zu kultivieren, umso mehr leide ich darunter, wenn ich Ehen sehe, die genau das nicht tun.
Wie heißt es hier? Wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer. Das ist die Kehrseite von Weisheit. Verstehe, was Gott dir zum Verstehen gibt, aber du wirst dann auch sehen, wo Menschen das nicht leben, und mit ihnen traurig sein.

Übergang zur nächsten Frage nach dem Sinn

Jetzt schließen wir das Kapitel eins mit folgendem Fazit ab.
Man könnte ja sagen: Okay, Salomo, wenn Weisheit, Wissen, Know-how und Erkenntnis nicht der Schlüssel sind, um hinter die Geheimnisse des Lebens zu kommen, dann hast du vielleicht einfach nur an der falschen Stelle gesucht. Vielleicht ist es eben nicht der Weg der Weisheit. Vielleicht ist Salomo auf den gleichen Gedanken gekommen: Vielleicht muss man, statt weise zu werden, sich selbst mehr verwirklichen. Vielleicht muss man einfach nur das kreative Potenzial ausschöpfen, das in einem drinsteckt. Vielleicht muss man einfach richtig genießen.
Und wenn man das tut, dann kommt man an einen Punkt, an dem man merkt: Jetzt, an diesem Punkt, gewinnt mein Leben Dichte. Da ist dann irgendwann die Hohlheit des Lebens überwunden, und dann habe ich den wahren Sinn des Menschseins erfasst.
Ob Salomo auf dem Weg zum Glück gekommen ist, das schauen wir uns in Kapitel 2 an, nach der Pause.

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