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Offenbarung 21,1-716.04.1978
Du musst nicht auf bessere Zeiten wetten: Die große Hoffnung trägt schon heute. Wer sich von Gottes „Ich mache alles neu“ packen lässt, findet Mut für den Alltag und Trost für die Tränen.

Die biblische Verheißung als Ausgangspunkt

Unsere große Freude von Jubilate liegt in der großen Hoffnung, die wir als Christen haben.
Ich lese als Predigttext Offenbarung 21,1-7:
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen, und das Meer ist nicht mehr.
Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.
Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein.
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss.
Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst.
Wer überwindet, der wird alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.
Herr, danke, dass du uns die Augen öffnest für deine große Zukunft. Amen.

Hoffnung in der Welt und ihre vielen Formen

Weh dem, der keine Hoffnung hat. Ohne Hoffnung kann man nicht leben. Darum wird Hoffnung auch heute in unserer Welt in allen Preis- und Güteklassen verkauft. Es gibt keine noch so billige Zeitung, die nicht Hoffnung macht. Heute Morgen sogar auch unser Bild-Zeitungsverkäufer vom Dienst: keine Steuererhöhungen, Benzin wird nicht teurer. Es steht in dicken Lettern. Wer glaubt es denn noch?
Hoffnung wird gemacht, und die Politiker stehen dem nicht nach, indem sie uns sagen: Hauptsache, es kommt wieder einmal Hoffnung in unser Volk, dass man aus dieser wirtschaftlichen Stagnation herauskommt, in eine neue Zukunft, dass die Abrüstung in dieser Welt weitergeht. Von der Hoffnung lebt man. Und selbst die jungen radikalen Ideologen, die links von der Aschenbahn laufen, die haben sehr kühne Hoffnungen. Ich las in diesen Tagen einen Satz eines führenden Denkers der Studentenrevolte von 1968, der sagt: Noch nie in der Geschichte war die Möglichkeit der Verwirklichung des Menschheitstraumes vom Paradies so groß. Hoffnungen!
Und nun male man sich aus, wie das auf junge Leute wirkt, die enttäuscht sind, auch von ihren Schwächen und von ihren Niederlagen, von ihren Fehlern im Elternhaus, im Beruf, in der Schule. Wir können das Paradies schaffen, wir sind ganz nah dabei. Hoffnung, dann sagen andere, man braucht überhaupt Hoffnung, sonst hat das Leben keinen Sinn mehr. Ohne Hoffnung kann man nicht leben. Und das sagt der Arzt, wenn er am Krankenbett des Unheilbaren sitzt und ihm so fröhlich und munter erzählt, wie alles sich wieder wenden wird und wie alles gut werden wird. Und wenn Hoffnung nur ein Strohhalm am Abgrund ist.
Die Pädagogen wissen, dass man nur aus Hoffnung erziehen kann. Nur wenn ich diesem Kind noch zureden kann und sagen kann: Du kannst es schaffen, nur Mut, glaube mir, es kann alles anders werden. Ja, und zuletzt, ich darf es doch wohl sagen, auch die Fußballer leben von der Hoffnung. Wenn ihr FC so nahe dran ist, dass er absteigt aus der Liga in die nächst untere, dann ziehen sie noch einmal mit ihren Fahnen hinunter in ihr Stadion. Ich will es ihnen gar nicht vormachen, wie die jubilieren. Aber da ist es noch einmal der Wunsch: Wenn wir rufen und wenn wir tüchtig schreien, dann locken wir aus den müden Knochen unserer Profis noch einmal ein paar Leistungen heraus. Das muss doch irgendwie klappen, dass die noch, ja, wir hoffen doch, dass die es vielleicht doch noch schaffen: das Ziel, das wir uns gesetzt haben.

Der Unterschied zwischen menschlicher und christlicher Hoffnung

Wenn man das alles überschaut, was menschliche Hoffnung ist, dann ist menschliche Hoffnung ein Traum, ein Ansporn, etwas, das jemandem hilft, sein Leben zu bewältigen.
Und wir wollen heute Morgen klar sagen: Unsere christliche Hoffnung hat mit all dem nichts gemein. So oft uns andere in diese Ecke geschoben haben, verdröschen das tut der Arzt, der mit dem Unheilbaren redet. Das Neue Testament sagt dazu mit keiner Silbe.
Unsere Hoffnung hat ein gewisses Fundament, einen festen Grund, und sie ist ganz anders als all die irdischen Träume und Hoffnungen, die in dieser Welt gemacht werden.
Ich möchte heute Morgen drei Kennzeichnungen unserer christlichen Hoffnung nennen.
Unsere Hoffnung macht lebenstüchtig, macht diesseitig lebenstüchtig. Wenn man so über den Daumen peilt, könnte man meinen, all die Hoffnungen seien doch etwa dasselbe, weil sie ja alle irgendwie von der Zukunft handeln. Sie greifen irgendwie hinein ins Morgen und in den kommenden Tag. Aber das wäre uns doch jetzt zu wenig.
Nehmen wir noch einmal unsere verehrten Freunde vom Fussball, weil ich selber da etwas dafür übrig habe und mir gerne ein Fussballspiel anschaue. Wenn wir da noch einmal sehen: Warum haben die denn da ihr Hoffnungsgebrüll? Sie haben ihr Hoffnungsgebrüll, um anzuspornen.
Schauen Sie mal die jungen Revolutionäre an, wenn die sich in Massen auf den Strassen versammeln und ihre Fahnen schwenken. Warum denn? Um anzuspornen. Um das Letzte aus den Menschen herauszuholen, damit die Mauern zerbrochen werden können, die sie zerbrechen wollen, damit Veränderungen in der Welt geschehen. Sie wollen etwas in Bewegung setzen.
In der christlichen Hoffnung geschieht überhaupt nichts, um Menschen anzuspornen. Es gab immer wieder christliche Fanatiker, die genau dasselbe gemacht haben. Und manchmal meinen auch Christen, man sollte das alles kopieren, weil das so ähnlich sei. Dabei merken sie den grundlegenden Unterschied nicht.
In der menschlichen Hoffnung wird aus einem Menschen noch etwas herausgequetscht. Dort geschieht eine Nötigung. Dort will man unserer Welt noch etwas Neues bieten, damit sie wieder in Bewegung kommt: Hoffnung als Ansporn, als Nötigung, als Druckmittel.
So wie es die Revolutionäre verstehen: Gebt der Jugend ein Bild, damit sie wieder etwas hat, wofür zu leben sich lohnt. Nein, doch kein Druckmittel, doch kein Ansporn!
Für uns Christen ist unsere Hoffnung etwas Ganzendes, nicht Anspornendes. Lassen Sie das bei den Schwärmern, bei den Fanatikern, wo man dann auf dem Stuhl herumrutscht und meint, man müsste jetzt immer auf die fernsten Tage harren.
Christliche Hoffnung macht uns ganz diesseitsbezogen, weil im Mittelpunkt dieser grossen Schau des Johannes das Wort des erhöhten Herrn steht: Siehe, ich mache alles neu. Ich bringe dieses Leiden der Welt zu Ende, ich schaffe Gerechtigkeit und Frieden, ich bin der Herr, dem die Welt nicht aus der Hand entgleitet.

Hoffnung als Ermutigung zum Handeln im Alltag

Nun kommt bei uns sofort der Einwand, wenn wir das sagen, dass manche meinen, diese Botschaft mache uns träge. Dann würden wir uns ja um nichts mehr in der Welt kümmern.
Das ist nicht richtig. Ist es nicht das grosse Glück unseres Lebens, überhaupt irgendwo an einer Stelle mitarbeiten zu können? Dort, wo Liebe geschieht, wo Freude unter Traurigen gemacht wird, da wollen wir doch mitwirken. Aber die grosse Lähmung in dieser Welt geschieht immer wieder, weil ich denke: Wer bin ich denn? Ich bin doch so klein und habe keinen Einfluss. Ich habe keine Macht, ich habe niemanden, der mich protegiert, und ich bin ja nur ein Einzelner unter vielen Millionen Menschen. Und darum sagen viele: Es hat doch gar keinen Sinn mehr. Und sie stecken ihren Kopf in den Sand.
Darum ist die christliche Hoffnung die grosse Ermutigung zum Handeln heute, und sie macht lebenstüchtig. Es stimmt tatsächlich, dass in unserer Generation das Amt einer Mutter verlästert wurde. Was ist denn das schon, was leistet sie denn schon? Ich will das nicht gegeneinander ausspielen, gegen einen anderen Beruf. Aber wenn man von der Ewigkeit her nicht mehr gesehen hat, was es bedeutet, nur ein Kind zu erziehen, und nur von dem Herrn her, der sagt: Ich mache alles neu, dann bekommt der Dienst einer Mutter und jede Berufsarbeit in dieser Welt ihren Sinn.
Das war ja eine Ermutigung für Johannes, der in der Deportation auf Patmos lebte. Dem man die Hände gebunden hatte, der war ja keiner mehr, der an den Schalthebeln der Macht saß. Das war kein Bundeskanzler und kein Bundespräsident. Der konnte nicht bestimmen über Wirtschaftsaufschwung und Abrüstung. Er war ein ganz, ganz kleiner Mann ohne Einfluss. Und diesem Mann wurde gesagt: Auch wenn du schwach bist, dein Platz ist von Gott bemessen und hat seinen Sinn. Siehe, ich mache alles neu. Ich mache alles neu.
Und dieses Werk dieses Herrn beginnt nicht irgendwann einmal in der Ewigkeit, sondern dieses Werk beginnt ja heute. Das geschieht ja heute im Gottesdienst, dass ein Mensch plötzlich merkt: Mein Leben kann ja neu werden. Darum predigen wir, darum gehen wir in die Häuser, darum sagen wir dieses Evangelium weiter, weil diese grosse Veränderung ja schon angebrochen ist in dieser Welt. Darum werden wir auch nicht unruhig schielen, bis die endgültige Vollendung der Welt kommt. Wir haben ja die Hände voll zu tun, heute an dieser Veränderung mitzuarbeiten, wo unser Herr Neues macht.
Das ist ja aufregend, wie im Evangelium erzählt wird, wie da Menschen waren, die besessen waren vom Geld und vor lauter Geiz und Verstocktheit nichts anderes mehr denken konnten als in Bilanzen, in Erträgen und Gewinnen. Und dann trat Jesus, dieser Herr der Ewigkeit, der sagt: Ich mache alles neu, vor solch einen Menschen hin und sagte: Ich mache alles neu. Ich muss heute in dein Haus einkehren. Und dann wurde ein Mensch von Grund auf verändert.
Ich würde es heute Morgen nicht erzählen, wenn es nicht im Evangelium mehrfach wäre, dass Jesus mit Vorliebe zu Menschen ging, die in unserem zwanzigsten Jahrhundert wichtig zu nennen sind, weil sie von einem falschen Sexverständnis total ausgeflippt und zerstört waren, zu Dirnen und denen sagte: Ich mache alles neu. Und auf einmal ist etwas entstanden in einem zerstörten und kranken Leben, dass ein Mensch wieder ein Geschöpf Gotteswürde fühlen konnte, wie ein Mensch es seit Jahren nicht mehr fühlen konnte.
Das Schöne und das Reine und das Gute, das ist das Grosse. Die christliche Hoffnung will uns nicht aufputschen, sie will uns auch nicht nötigen, sondern sie stellt uns heute an unsere Aufgaben, an die kleinen Dienste, in denen wir sind. In ihnen dürfen wir Grosses tun für unseren Herrn. Wir dürfen heute schon Taten der Ewigkeit vollbringen.

Die neue Schöpfung ist schon angebrochen

Es ist eben nicht so, wie jene Hoffnungsmacher unserer Welt erzählen. Und da liegen wir mit ihnen im Streit, als ob das alles erst noch produziert werden müsste, als ob der neue Mensch geschaffen werden müsste, als ob man unsere Welt ganz neu machen müsste und alles immer wieder umbrechen müsste.
Wir dürfen ihnen sagen: Das große Neue ist schon geschehen, und wer teilhaben will an der größten, herrlichen Neuschöpfung der Welt, der darf heute das Angebot Jesu annehmen. Damals, als Jesus Christus am Kreuz starb und rief: Es ist vollbracht, damals ist diese Befreiung geschehen. Seitdem muss die Macht der Finsternis zurückweichen. Wo jemand sich unter Jesus Christus stellt, wird die Schuld ausgelöscht, die Wunden der Schuld werden geheilt, das Böse weicht, die Lüge wird zerstört, und das Neue kann wachsen.
Es ist für uns nur eine kurze Wegstrecke dieses irdischen Lebens, bis wir dann einmal am Ziel stehen, wo wir das mit unseren Augen sehen. Dann werden wir sehen, wie das ist, wo es nichts Böses und nichts Sündiges und nichts Gottfernes mehr gibt. Wir haben es noch nicht gesehen. Ich wollte es sehen, ich kann es nur im Glauben fassen, weil er es mir sagt. Aber heute darf ich es in meinem Leben erfahren. Und darum ist mein Leben heute, und jeder Tag meines Lebens, den mir mein Herr gibt, noch so wichtig.
Ich darf heute diesem Herrn Raum geben, der sagt: Ich mache alles neu. Alles: mein zerstörtes Leben, mein verkorkstes Leben, mein wüstes Leben, mein sündiges Leben, mein körperliches Leben. Er will es formen und prägen nach seiner Art. Das Erste war mir wichtig, das macht lebensdüchtig, nur das Zweite tröstet.
Alle großen Zukunftspropheten dieser Welt muss ich heute mehrfach nennen. Sie sprechen immer ganz groß von den Zielen, die sie erreichen, und sie machen Paraden und klopfen sich selber auf die Schultern, ob sie nun Che Guevara nehmen oder Stalin oder Hitler oder wie sie alle heißen. Sie sind alle ganz begeistert von dem, was sie schaffen. Man hört von denen ja nie ein Wort von den Millionen, die auf dem Weg zu ihren leuchtenden und goldenen Zielen gefoltert und gemartert wurden. Nie. Aber sie reden immer von den großen Zielen, und sie reden von dem Menschen, der das tun kann.
Und auch hier ist unsere christliche Hoffnung so anders. Es wird nie groß von uns zu reden sein. Und das hat ja ein paar Leute dazu verführt, dass sie über uns Christen spotten. Sie sagen: Ihr Christen, was habt ihr denn erreicht, was habt ihr getan? Weil wir ganz offen sagen: Wir sind es nicht. Ihr habt ganz recht, wir sind ein müder kleiner Haufe, aber wir haben einen starken Herrn. Und das glauben sie nicht, weil sie es nicht verstehen können, was das bedeutet.
Hier in dieser großen Schau des Johannes steht drin, dass Christen ohnmächtige, schwache Leute sind, denen am Ende der Herr die Tränen aus den Augen wischt.

Trost für die Schwachen und der Weg zur Vollendung

Tränen sind uns peinlich. Und wenn ich hier losheulen müsste, wäre es peinlich vor Ihnen, obwohl Tränen doch noch ein Zeichen der Menschlichkeit sind. Man muss sagen: Gut, wenn noch einer weinen kann. Es wird schlimm, wenn einer nicht mehr weinen kann. Aber wir schämen uns unserer Tränen, weil das nicht männlich sei, nach dem Bild, eben nach dem Bild dieser Leute, die das große Zukunftsbild entrollen von den mündigen und starken Menschen.
Er wird uns in der Bibel eben gezeigt, dass wir durch diese Welt gehen als die, die einen harten Kampf haben. Und wenn ich an Ihre kommende Woche denke, dann weiß ich, wie Sie drinstehen in Aufgaben, die Sie schier aufreiben, und wie Sie auch in Ihrem Glaubensleben einen harten Kampf kämpfen. Und wie Sie manchmal das alles einfach hinwerfen wollen und sagen: Ich schaff’s nimmer, die Versuchungen sind zu stark. Meine Leidenschaften sind zu groß, das Böse hat zu viel Macht in mir, ich kann gar nicht mehr.
Sehen Sie, das ist das Wunderbare an unserer Hoffnung, dass er, der Herr, uns ans Ziel durchbringt und dass er es sich selbst vorbehalten hat, uns am Ende die Tränen aus den Augen zu wischen. Dass wir gar nicht drüben in der Ewigkeit ankommen mit den hochgekrempelten Armen und sagen: Das haben wir geschafft, sondern dass der Herr sagt: Bis ich dich durchgezogen hatte. Das bleibt doch der Kampf unseres Herrn Jesus Christus mit uns, bis wir achtzig sind, dass er uns losreißt von den nichtigen Dingen, von dem Halben, so wie man einen Lot aus Sodom herausschleifen musste, der gar nicht wollte, den die Boten Gottes noch am Arm packen und sagen: Du musst jetzt mit.
So muss uns unser Herr täglich fortreißen. Darum brauchen wir eine Gemeinschaft von Christen, wir sind ja gar keine Helden. Ich denke an die vielen, die in der Depression versinken, die müde und verzagt sind. Das ist doch die Ermutigung, dass wir einen Trost haben und dass wir als schwache und arme Leute uns daran freuen dürfen und heute am Jubilate-Sonntag jubilieren dürfen aus vollem, frohem Herzen: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Das ist eine Zusage unseres Herrn, die er heute schon einlöst und die in der Ewigkeit erst letztlich erfüllt wird.
Und so lange sind wir darauf angewiesen und sagen: Herr, wir können es nicht. Und dann sagt hier Johannes: Ich habe das Wort gehört von dem, der mir das gezeigt hat. Schreibe: Diese Worte sind wahrhaftig und gewiss. Ich bin der Anfang und das Ende, das sagt wieder dieser Herr. Ich stehe am Anfang deines Lebens und am Ende.
Wir haben es uns als Ziel gesetzt, dass wir einmal in der Ewigkeit sind, aber er muss ziehen. Mein Bemühen ist zu mangelhaft. Und darauf gründen wir, dass er uns durchzieht bis zum letzten Ende. Wer überwindet, der wird das alles ererben. Da liegt ein ganz gewichtiger Ton darauf: Wer überwindet diese kleinen Mühsale, die wir täglich zu erleiden haben, diesen Ärger mit den Zweifeln, die uns zu schaffen machen, wer überwindet sie doch auf diese Ziele, auf die Tröstungen Gottes, die Depressionen des Tages, die Versuchungen, die dir zu schaffen machen, wer überwindet, der wird das alles genießen, der wird das alles ererben.
Darum ist das so wichtig, dass ich heute sagen kann: Lass los, das lohnt doch nicht. Darum kommt diese neue Rangordnung in unser Leben, dass uns das doch gar nicht mehr locken kann, wenn wir uns um Ehre oder Geld oder Einkommen mühen, wenn wir sagen, da wollen wir tatsächlich uns lösen von der Welt. Weil uns das andere wichtiger ist, nämlich das Erben in der Ewigkeit. Darum wollen wir überwinden, und darum wollen wir darüber wegschauen, über diese kleinen Dinge, die uns heute angeboten werden. Wer überwindet, der wird das alles ererben. Ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

Sehnsucht nach der endgültigen Erfüllung

Das weckt auch Sehnsucht. Ja, das will ich nicht leugnen. Das weckt auch Sehnsucht. Ich sprach vom Trost, sprach davon, dass es lebenstüchtig macht, aber es weckt auch Sehnsucht.
Manche Dinge bleiben einem sehr lebendig, auch von Predigten, die man einmal gehört hat. Ich erinnere mich an eine Predigt. Ich hatte noch nie über diesen Predigttext gepredigt, aber ich erinnere mich, dass ich einmal in einer Predigt in Stuttgart saß, wo über dieses Wort gepredigt wurde. Ich war Student, und dort hat sich ein Prediger große Mühe gegeben, dieses Wort, wie man so sagt, mit der Präsenz-Eschatologie auszulegen, das heißt, alles im Heute und im Hier aufgehen zu lassen. Das erfüllt sich heute. Wir wollen nicht auf irgendeine Jenseitshoffnung schauen. Sie wissen, dass das ja so eine theologische Anschauung von einigen ist, dass man nicht auf eine Endzeit-Eschatologie warten soll. Ich muss ein paar Fremdwörter hier gebrauchen.
Ich weiß noch, wie mich das damals ganz tief umgetrieben hat, dass da einer sagte: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen, das ist heute und hier völlig erfüllt. Und das hat mich schier zusammengehauen. Ich war an diesem Morgen in die Kirche gekommen, mein Beten war ein leeres Gestammel, das Wort Gottes blieb stumm, ich bin in Problemen gehangen, aus denen ich mich nicht befreien konnte, und dort redete einer, als sei die Hütte Gottes hier. Bis ich merkte: Das stimmt eben nicht. Wir warten auf die volle Erfüllung. Die kommt erst an jenem Tag, wenn unser Herr endgültig das weg tut, was als Hindernis noch im Raum steht, wenn er die Macht der Finsternis beseitigt und endgültig das wegräumt, was an Versuchungen und Leiden mehr zu schaffen macht.
Ich habe liebe Hausleute, sehr liebe Hausleute, ein paar sitzen auch hier. Aber es wäre so schön, wenn ich wirklich im Hause Gottes wohnen würde, wenn Gott bei mir wohnen würde. Und selbst wenn wir morgens Hausandacht haben, das ist ja in so einer Familie nur so ein kleiner, kleiner Vorgeschmack der Ewigkeit.
Und wie ich dann in den letzten Tagen an meinem Schreibtisch saß und an meinem Bleistift kaute, wie kann ich Ihnen das predigen, und mir jetzt mein Herz zieht, dann wollte ich sagen: Ich freue mich, bis Sie an den Brunnen Gottes trinken können, bis wir alle so satt werden in unserem großen Durst, den wir haben.
Und wenn dann einer heute Morgen hierher gekommen ist in der Sehnsucht, dass sich manches löst, ich kann Ihnen diese Sehnsucht nicht wegnehmen, und ich will sie Ihnen auch nicht ausreden. Ich kann Ihnen die Sehnsucht nur noch größer machen. Unser Herr hat versprochen, dass er uns heute schon ein paar Wegrationen austeilt, dass er uns schon ein bisschen was gibt von seinen Tröstungen und dass er seine Quellen hier schon fließen lässt, mitten in dieser Welt. Aber dann sagt er: Pass doch auf, es ist doch gar nicht mehr lang.

Die schon begonnene neue Welt und der Trost der Gegenwart

Und dann geht es hinein in das, wo wir wirklich sehen, dass es erfüllt ist: Diese neue Stadt, diese neue Welt ist schon bereitet. Sie ist nicht eine Stadt, die erst noch gebastelt oder produziert werden muss. Sie steht schon da als die unsichtbare Welt um uns her.
Es muss nur noch etwas an Pappdeckeln abgeräumt werden, und ein paar Kulissen müssen noch weggeschoben werden, die wir immer nur sehen und die uns ängstigen. Und dann kommt die neue Welt, in der wir stehen, und wo wir wissen, dass einige aus unserer Mitte ja schon vorausgeeilt sind, die dort schon vor dem Thron Gottes stehen.
Und man darf da bei aller Freude an der Diesseitigkeit dieser Welt wohl singen: Ach, wäre ich da, o stünde ich schon, o großer Gott, vor deinem Thron und trüge meine Palmen. Da wollte ich mitjubeln in dieser vollkommenen Weise.
Und dann klagen wir noch und sagen: Herr, nimm das arme Lob auf Erden in Gnaden hin. Im Himmel soll es besser werden, wenn ich bei deinen Engeln bin.
Ich sehne mich nach dieser Erfüllung, aber ich habe wieder Mut geschöpft. Nicht, dass das etwas aus mir herausquetschen will, diese Hoffnung, die uns unser Herr hier gibt, sondern eine tröstende Hoffnung, eine Hoffnung, die uns wieder Mut macht.
Du kannst dort draußen an deinen Aufgaben stehen, der Herr ist da, der alles neu macht, und du kannst staunen, wie das geschieht, wenn der Herr in deinem Leben anfängt. Ich will das ihnen auch sagen, denen, die das in ihrem Leben noch nie richtig begriffen haben.
Unser Herr will eine völlig neue Geburt machen, wie wir heute mit dem Wochenspruch unseren Gottesdienst begonnen haben. Ist jemand in Christus, dann ist er heute schon eine völlig neue Schöpfung. Sie können das Alte ablegen, wie ein Schmetterling seine Larve abstreift. Sie können mit der Kraft Jesu rechnen und doch noch leiden an den Versuchungen in der Not und an sich freund der Tröstung unseres Herrn und dann in der Sehnsucht warten, manchmal auch in Ungeduld: Ach, wenn ich doch bald da wäre!
Die Freude kommt davon her, wenn die Ewigkeit in die Zeit hereinleuchtet, Ewigkeit in die Zeit leuchte, hell hinein, dass uns werde klein das Kleine und das Große groß erscheine, selge Ewigkeit.
Amen!

Gebet und Bitte um Bewahrung auf dem Weg

Hören wir beten!
Herr, wir bringen vor Dir jetzt all diese Stürme, in denen wir noch stehen. Wir leiden sehr darunter, dass Du noch so viel zerbrechen lassen willst in dieser Welt. Dass wir darum auch so viel noch zu spüren haben von der Todesmacht, von der Macht der Finsternis. Dass wir darum so viele Versuchungen und Nöte und Anfechtungen zu durchleiden haben. Dass so viele durch Depressionen hindurch müssen. Dass Du das willst, dass zerbrechen muss, was zerbrechen soll. Dass auch so viel von unserem eingebildeten, strahlenden Christentum zerbricht und wir dann nur in Deine Arme sinken können. Und Du sagst dann: Es ist genug.
Wenn Deine Stunde kommt, wenn Du alles vernichten wirst, was nicht mehr sein darf und nicht mehr sein soll, wenn kein Leid und kein Geschrei und kein Schmerz mehr sein wird.
Wir sehnen uns nach Deiner neuen Welt und danken Dir, dass Du diese neue Welt uns auch schon erfahren lässt. Wo wir noch Tränen in den Augen haben, auch jetzt bei unseren Kranken und Niedergeschlagenen und Verzweifelten, auch da, wo Menschen der Welt ohne Hoffnung sind. Dort kommst Du mit Deinem Evangelium und sprichst von der großen Heimat, die wir bei Dir haben, heute und in der Ewigkeit.
Lass uns dies immer größer werden, dass wir uns lösen von dem, was vergeht, und wir unser Bürgerrecht bei Dir im Himmel festmachen.
Lass uns gemeinsam beten:
Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.