Serie•Teil 6 / 7Regionalkonferenz Schweiz 2020
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Einleitung und Ausgangsbeobachtung
Ja, was geht jetzt ab? Jetzt geht Folgendes ab: Wir haben alle gut gegessen, und sämtliche Energie ist jetzt da tätig und nicht da. Das ist ein Problem für mich. Also will ich spätestens dann aufhören an aller Schnarchen. Ich habe eine Hammeraufgabe gekriegt.
Im Ort, in dem wir als Familie wohnen, gibt es eine ganze Reihe von Christen, die sich von der Kirche und von der Gemeinde verabschiedet haben. Und wenn man mit ihnen redet, sagen sie Folgendes: Ich mag nicht mehr. Christsein ist sowas von mühselig, das ist sowas von anstrengend. Es gibt so viele Gebote: Tu das, mach jenes. Und so viele Verbote: Das darfst du nicht, und jenes darfst du nicht. Sie haben einfach die Schnauze voll. Sie mögen nicht mehr. Sie brechen zusammen.
Und das wundert mich, weil wir in den Evangelien das pure Gegenteil lesen. Zum Beispiel sagt Jesus: Ich bin die Tür für die Schafe. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet. Er wird ein- und ausgehen und Weideland finden. Der Dieb kommt nur, um die Schafe zu stehlen, zu schlachten und ins Verderben zu stürzen. Ich aber bin gekommen, um ihnen das Leben zu geben, Leben im Überfluss.
Oder dann das: Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.
Das Spannungsfeld zwischen Last und Verheißung
Wenn diese Sätze wirklich stimmen, wenn das Realität ist, dann finden wir bei Jesus Ruhe. Dann finden wir bei Jesus das wahre Leben, das allerbeste überhaupt.
Wenn Jesus der gute Hirte ist, dann sind die anderen im besten Fall Tierquäler und im schlimmsten Fall reißende Wölfe. Wenn er die Tür zu den Schafen ist, dann finden wir bei ihm Sicherheit. Wenn er Ruhe verspricht, dann ist woanders Stress. Wenn er sanftmütig ist, dann sind die anderen Tyrannen. Wenn sein Joch sanft ist, dann ist das Joch der anderen eine große Last. Wenn seine Last leicht ist, dann bieten uns doch andere schwere Lasten auf.
Wie nur kommt es jetzt, dass so viele Christen denken, es sei gerade umgekehrt? Jesus lädt mir eine schwere Last auf. Ich breche darunter zusammen. Wenn Jesus sagt: Ihr habt Leben im Überfluss, dann muss doch irgendetwas von diesem Leben spürbar sein.
Wenn die anderen stehlen und schlachten und verderben und schwere Lasten aufbürden, einen schinden und treiben, und damit ist nicht der Teufel gemeint. Im Kontext sind damit ganz klar die religiösen Führer gemeint, die religiöse Elite. Wenn die uns das alles auflegen, dann ist doch die Jesusnachfolge keine Last. Dann ist sie doch keine Sklaverei. Dann ist doch bei Jesus Freiheit und Leben zu finden.
Wenn Jesus verspricht: Guck mal, ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen, dann stimmt doch etwas nicht, wenn wir behaupten, der Glaube macht krank, und die Kirchen führen dazu, dass wir zum Psychiater gehen müssen, weil wir sogenannte ekklesiogene Neurosen haben. Lasten legen uns doch die anderen auf, nicht Jesus.
Jesus macht den religiösen Führern seiner Zeit genau diesen Vorwurf. Und er sagt: Ihr schnürt schwere und unerträgliche Lasten und legt sie den Menschen auf die Schultern, sagt Jesus.
Wann geistliche Leitung zur Belastung wird
Und ich habe mich dann gefragt: Wann geschieht das? Wann legen Theologen und Pfarrer den Menschen eine schwere Last auf? Wann wird die sogenannte geistliche Elite zu Sklaven treiben?
Es ist simpel, es ist einfach: wenn Sie den Fokus von der Kraft Gottes, vom Evangelium, von der Vergebung, von dem, was es eigentlich ausmacht, was Gott für uns getan hat, verlieren. Wir haben das so schön heute von Samuel Sommer gehört. Wirklich dankbar für diese Botschaft. Ich kann gleich wieder da aufbauen.
Wenn wir diesen Fokus verlieren und stattdessen den Fokus auf das Menschliche setzen, auf das, was wir können, was wir tun müssen, auf unsere Aktivitäten, dann landen wir im menschlichen Aktivismus oder setzen auf menschliche Spektakel. Dann laden wir den Menschen schwere Lasten auf.
Warum kommen wir auf solche Schnapsideen, so etwas zu tun? Weil wir denken, das simple Evangelium ist peinlich. Wir schämen uns für das Evangelium. Da steht es ja schon da an diesem Wandspruch: Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht.
Warum schreibt Paulus das? Offensichtlich gibt es einen Grund, sich für das Evangelium zu schämen. Eine Menge. Und er sagt das auch in 1. Korinther 1,21-24: Es gefiel Gott, durch die Torheit der Verkündigung, durch die dumme Verkündigung, nur das Wort, jene zu retten, die glauben.
Während die Juden Zeichen fordern und die Griechen Weisheit suchen, verkündigen wir Christus, das Vorbild. Christus, der Umweltaktivist. Nein: Christus den Gekreuzigten, den von Gott an unserer Stelle Bestraften.
Das Ärgernis des Kreuzes und die Versuchung des Zeitgeists
Für die Juden ist das ein Ärgernis, ein Skandal. Für die Heiden ist das eine Dummheit, eine Torheit. Für die aber, die berufen sind, Griechen wie Juden, ist Christus was? Als Kraft Gottes, als Gottesweisheit.
Die Juden zur Zeit von Jesus wünschten sich einen Messias der Wunder. Einen Messias für Spektakel, einen Messias für die fünf Sinne, eine politische Manifestation gegen die verhassten Römer. Ein leidender, ein sterbender, ein schwacher Messias, das war für sie nicht zu akzeptieren. Das ist ein Skandal.
Und die Griechen, die wollten eine Lehre, die den Intellekt befriedigt. Mit Unerklärlichem, mit Geheimnisvollem, da konnten sie nichts anfangen. Der Glaube stand nicht in ihrem Fokus.
Und Paulus sagt: Guck mal, der gekreuzigte Christus ist unser Zeichen, ist unser Wunder. Christus ist unsere Weisheit, Christus ist unsere Kraft.
Wenn ich das so lese, dann muss ich feststellen: Zwei Jahre später, nachdem Paulus das geschrieben hat, hat sich nichts verändert. Das Evangelium von dem gekreuzigten Christus geht nach wie vor unzähligen Menschen als Skandal. Und zunehmend, das muss ich leider jetzt auch sagen, immer mehr auch, besonders in der Schweiz, innerhalb der evangelikalen Szene, immer mehr Rauch, man macht Abstriche. Es ist ein Skandal.
Das läuft dann ungefähr so in der Argumentation: Der allmächtige Gott, dieser Gott, der nur Liebe ist, braucht Blut, das fließt, um die Welt mit sich zu versöhnen? Er soll seinen eigenen Sohn geschlachtet haben, damit Menschen gerettet werden? Hallo? Was ist das denn für ein Monster? Er soll doch einfach beide Augen zudrücken, und alles ist gut.
Wenn das Evangelium durch Aktivismus ersetzt wird
Das Evangelium ist nach wie vor ein Skandal. Das Evangelium gilt nach wie vor für viele Menschen als Dummheit. Das eigentliche Problem, das wir Menschen haben, soll Schuld gegenüber Gott sein? Sünde soll unser existentielles Problem sein? Und die Rettung der Sünder soll das Problem lösen? Hallo, seid ihr noch zu retten? Das ist doch eine Dummheit, das ist schlecht, einfach nur peinlich.
Reden wir doch lieber von Dingen, die heute aktuell sind, die trendy sind. Wenn wir ankommen wollen, dann reden wir davon, wie verfeindete Nationen befriedet werden können. Wie wir die Gleichstellung von Mann und Frau herstellen können. Wie wir das Klima schützen können. Wie wir die Artenvielfalt retten können. Das kommt an. Und eliminieren wir diese peinlichen Elemente wie das Kreuz und das Blut und das Opfer und Sünde und den zornigen Gott aus dem Evangelium, und wir sind wieder voll dabei. Wir haben wieder etwas zu sagen, und die Welt hört auf uns.
Und in diesem Eifer setzen wir auf Themen, die rein menschlich sind, auf Gesellschaft, auf gesellschaftspolitischen Aktivismus, auf unzählige Tipps und Tricks, wie wir in dieser Welt die Welt besser machen können. Wir machen sie besser, wir machen sie gut. Eine perfekte Welt, und wir machen sie perfekt.
Oder wir setzen auf Unterhaltung. Das ist auch etwas ganz Menschliches. Wir denken, wenn wir die Leute genug unterhalten, dann kommen die Leute auch automatisch zu uns. Oder auf leere, billige Versprechungen wie: Jesus, mach dich reich. Mit Jesus wirst du nie krank. Mit Jesus gelingt dir einfach alles. Und dann denken wir, wir kommen angeblich beim Publikum an.
Die Scham über das Evangelium und die Logik des Erfolgs
Und Paulus sagt an entscheidenden Stellen immer wieder dasselbe: Schäme dich nicht! Offensichtlich gibt es einen Grund, sich für das Evangelium zu schämen.
„Schäme dich nicht“, schreibt er an seinen engsten Mitarbeiter Timotheus, „Zeugnis abzulegen für unseren Herrn, auch nicht dafür, dass ich für ihn im Gefängnis bin.“
Schau mal: Greta, unsere Klimagräthchen, braucht sich nicht zu schämen für ihre Botschaft. Die kommt in unserer Welt an und war sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Paulus nie.
Man muss sich für das Evangelium schämen. Es gibt den Grund, sich zu ärgern. Man bekommt sogar Ärger mit gewissen Behörden. Paulus landet im Gefängnis.
Schäme dich nicht, sondern: Und es geht weiter. Für das Evangelium gibt es Mühsal und Plage. Es kostet uns Mühsal und Plage, es diskriminiert uns. Ja, die Leute verachten uns, wenn wir dieses Evangelium verkündigen.
Aber darin ist die Kraft Gottes, der uns rettet und uns berufen hat mit einem heiligen Ruf. Nicht auf uns haben wir es wieder, ich kann es ja nicht ändern, es tut mir da so leid. Aber ich mache nichts anderes als die Bibel vorlesen: der uns mit seinem heiligen Ruf berufen hat, nicht aufgrund unseres Tuns oder Willens oder Wollens oder Anstrengung, sondern aufgrund was? Seiner souveränen freien Wahl.
Gott hat sich für uns entschieden, weil wir uns nie für ihn entschieden hätten, in seiner Gnade, die er uns in Christus Jesus zugedacht hat, vor aller Zeit, bevor wir überhaupt geboren wurden.
Gnade statt Leistung: der Kern des Evangeliums
Offensichtlich gab es vor zweitausend Jahren also auch genauso tausend Gründe, sich für das Evangelium zu schämen. Denn dieses besteht nicht darin, dass wir die Welt retten, sondern dass Gott uns rettet. Gott rettet Sünder, das ist die Botschaft des Evangeliums. Menschen also, die nichts zu bringen haben: Nichtse, Versager, Unfähige, geistlich Tote.
Wir lesen: Er hat uns berufen mit heiligem Ruf, eben nicht aufgrund unseres Tuns, sondern aufgrund seiner freien Entscheidung. Gott hat uns in seiner Gnade berufen. Das nennen wir Evangelium der Gnade. Und Evangelium, wenn es griechisch sein will, heißt ja Euangelion. Evangelium, die Botschaft, ist nicht irgendeine Botschaft, sie ist gut. Eine gute Botschaft sollte gut sein.
Eine gute Botschaft führt dich doch nicht in die Depression, sie führt dich doch nicht zum Psychiater. Es kann doch keine gute Botschaft sein. Das Gegenteil von Euangelion im Griechischen ist Kack, das kann man sich gut merken. Und es gibt auch ein Kackangelium. Es gibt es. Kackangelium ist, wenn wir den Leuten Lasten aufladen, wenn sie in der Depression landen, im Burnout landen, nur weil sie glauben.
Historische Irrwege von Pelagius bis Luther
Und ich frage mich: Wie kommt es, dass ausgerechnet wir Christen, die wir uns evangelisch nennen, so sehr nicht auf das Evangelium setzen, sondern auf menschlichen Aktivismus, auf das, was wir tun und was wir machen müssen? Wie kommt es denn? Wieso verlassen wir die Kraft Gottes?
Ich glaube, es gibt drei Gründe. Der eine Grund ist, dass wir nicht wirklich von der Kraft Gottes überzeugt sind. Das ist ja das, was so die Hyperliberalen glauben, die sagen: Okay, Gott hat sich längst aus dem Tagesgeschäft herausgezogen. Er überlässt uns Menschen uns selbst, unserem Schicksal. Wir sind jetzt gefordert. Okay, dann ist menschlicher Aktivismus gefordert.
Oder aber es gibt einen zweiten Grund: Das Kreuz ist uns schlicht einfach zu peinlich. Strafender Gott, Blut, das fließt, all diese Dinge – ach, peinlich.
Oder der dritte Grund ist, und das ist die fromme Version: Wir haben das Gefühl, zu viel Gnade verdirbt den guten Charakter. Das gibt es. Zu viel Gnade verdirbt den guten Charakter. Manchmal gibt es auch eine Mischung aus allen drei oder nur zwei, je nachdem.
Auf jeden Fall hat es katastrophale Konsequenzen, wenn wir sagen: Wir wenden uns ab von der Kraft Gottes, vom Evangelium, und wenden uns hin zu dem, was der Mensch tut. Das ist nichts Neues. Seit es Christen gibt, ist dieser Beschuss immer wieder da.
Schon im Jahr 390 bis 410 gab es in Rom einen frommeren Mönch, einen britischen Mönch. Er hat dort in Rom gepredigt und gesagt: „Liebe Leute, wir sind gut, wir sind als gute Menschen geboren, wir können Gott gefallen aus eigener Kraft.“ Er hat an die Moral appelliert, und er wollte moralisch hochstehende Menschen. Pelagius hieß er. Er sagt: „Wir werden nicht mit Sünde geboren, wir können aus eigener Kraft Gott gefallen.“
Die damalige römisch-katholische Kirche, die damals einfach katholische Kirche genannt wurde, hat im Jahr 416 diese Lehre verdammt und gesagt: Das ist eine Irrlehre, das ist total falsch. Und selbst die Hälfte, wenn man Pelagius halbiert, also seine Lehre halbiert und sagt: Okay, die Hälfte ist gut, fifty-fifty, fifty Gott, fifty Mensch – selbst das hat die katholische Kirche verdammt und gesagt: Es ist nicht fifty-fifty.
Reformation und Gegenbewegungen in der Neuzeit
Also, es war eigentlich klar: Man muss auch die katholische Kirche in dieser Hinsicht rehabilitieren. Aber im späten Mittelalter war von diesem Evangelium kaum mehr etwas zu spüren. Rettung wurde für viel Anstrengung und noch mehr Geld verkauft.
Da gab es einen kleinen deutschen Augustinermönch, der mit einer heftigen Schriftschrift dagegenhielt. Und er sagte: Die Schrift, die ich hier geschrieben habe, ist meine wichtigste Schrift. Ihr könnt alles von mir verbrennen, außer dieser Schrift und dem Katechismus. Das ist mir das Wichtigste, weil er gesagt hat: Das ist der Kern des Evangeliums.
Seine Schrift könnt ihr im Internet herunterladen. Ich würde es euch empfehlen, sie einmal intensiv zu lesen. Aber es braucht viel Zeit. Nicht, weil es wenig Stoff ist, sondern weil es viel zu verdauen gibt. Vom unfreien Willen, ui! Tönt nicht gut. Vom Unfreiwerden.
Und Luther sagt: Guck mal, wir können uns anstrengen, wie wir wollen, wir können Gott nie gefallen. Es ist Gott, der den Sünder rettet, nicht meine Willensanstrengung.
Noch einmal: Wie kommt es, dass wir evangelikal, und das heißt ja nichts anderes als evangelisch, wie kommt es, dass wir in unseren Gemeinden oft so wenig Evangelium verkünden? Stattdessen so viel Betonung eben auf den Willen: Ich strenge mich an. Wie kommt es, dass wir glauben, dass eigentlich das Evangelium in Moral und Aktivismus besteht? Dass wir sagen: Evangelium, das sagen einige Leute tatsächlich, was ist Evangelium? Evangelium ist gutes Tun.
Charles Finney als Beispiel eines moralistischen Evangeliums
Das Evangelium. Während meines Studiums in Gießen habe ich mich in meiner ersten Semesterarbeit mit einem Mann beschäftigt, der weltbekannt ist und in evangelikalen Kreisen unglaublichen Einfluss hatte. Dieser Mann heißt Charles Finney.
Charles Finney, ihr merkt es, hat schon vor langer Zeit gelebt: 1792 bis 1875. Das liegt sehr weit zurück, aber bis heute ist sein Einfluss ganz, ganz stark. Ich war fasziniert von diesem Finney. Als Kind habe ich seine Biografie gelesen, und die ist phänomenal. Was er erlebt hat! Dann wurde er bekehrt und begann zu predigen.
Robert Godfrey, ein amerikanischer Historiker, hat einmal gesagt, er habe untersucht, wer als Evangelist erfolgreich war. Es sind Evangelisten, es sind Menschen mit großen Augen. Er hatte große Augen. Dann reißt er die Herzen auf, große Augen. Das hatte er, merkt man: stechende Augen, die Leute direkt zur Buße geführt haben, nur schon mit seinen Augen. Ich war also überwältigt von seinem Erfolg. Er soll 500 Menschen zur christlichen Religion geführt haben.
Aber dann habe ich mich intensiv mit seiner Theologie beschäftigt. Er hat eine sogenannte systematische Theologie herausgegeben, seine Vorlesungen, die er später dann als Professor am Oberlin College gehalten hat. Und wenn ich da hineinschaue, dann merke ich: Das ist nicht evangelisch, das ist auch nicht katholisch. Das ist das, was selbst die katholische Kirche x-mal verdammt hat, nämlich Pelagius, und zwar in reinster Form.
Finneys Anthropologie, Soteriologie und Heiligungslehre
Das vertritt hier Charles Finney. Wenn ich die ersten fünf Kapitel anschaue, dann geht es nur um Moral: moralische Kontrolle, moralische Regierung, moralisches Handeln, immer nur moralische Kontrolle.
Dann sind die Kapitel sechs bis sieben dem Thema gewidmet: ganzer Gehorsam. Ganz wichtig: ganzer, totaler Gehorsam.
Die nächsten sieben Kapitel, muss ich besser sagen, sind dem Thema Laster gewidmet, also Egoismus. Dazu kommen ein paar Tugenden. Erst im Kapitel 21 kommen ein paar Dinge vor, bei denen ich denke: Okay, das hat jetzt mit Theologie zu tun. Sühne, Wiedergeburt, Reue, Glauben. Und dann wieder ganz zentral, lang, lang, lang: die natürliche Fähigkeit des Menschen. Wir werden gleich schauen, was er darunter versteht.
Danach gibt es ein kurzes Kapitel über Rechtfertigung und anschließend sechs Kapitel über was? Heiligung.
Also merkt man: Der Kerl hat nicht wirklich eine systematische Theologie geschrieben. Ich unterrichte systematische Theologie, und das ist keine systematische Theologie, das ist eine Morallehre. Und da ist null Evangelium drin.
Finneys Sündenlehre sieht so aus: Der Mensch ist nicht wirklich in Sünde gefangen, nicht radikal in Sünde gefangen. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, schreibt er. Ihr könnt gerne alles nachlesen, ich erzähle keinen Mist. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, von sich aus Gott zu gefallen, und zwar so gut, dass Gott ihn rechtfertigen muss.
Finney sagt, die Erbsündenlehre, also die Lehre, dass wir sagen, wir haben unsere Sünde von Adam geerbt und darum sind wir von Grund auf schlecht, ist, Zitat, ein „antibiblisches, unsinniges Dogma“, sagt er. Und er besteht darauf, dass die eigentliche Wiedergeburt von der Entscheidung des Menschen abhängt. Das heißt: Ich entscheide, ob ich wiedergeboren werden will.
Er wehrt sich vehement dagegen, dass der Glaube ein Geschenk von Gott ist. Wiedergeburt besteht bei ihm darin, dass es kein übernatürliches Geschenk ist. Wiedergeburt ist vielmehr so: Ich entscheide kraft meines Willens, jetzt Gott zu gefallen und Gott zu lieben, und ich orientiere mich dabei an Christus, nur als mein Vorbild und nicht mehr an Adam.
Die Folgen eines entscheidungsgetriebenen Glaubens
Mit dieser Aussage hat er natürlich wenig. Man merkt einen massiven Einfluss auf die evangelikale Evangelisation. Da ist immer die Rede: Entscheide dich, damit du neu geboren wirst. Das finden wir bei ihm, das gab es vorher nicht.
Moderne Evangelisten rufen also die Menschen dazu auf, sich für die Wiedergeburt zu entscheiden. Das heißt, der Glaube und die Umkehr gehen der Wiedergeburt voraus. Wie soll das gehen? Das heißt Bekehrung: Ich muss zuerst Gutes tun, dann erst kann Gott mich annehmen, heißt das.
Exakt an diesem Punkt wird das Sola gratia der Reformation umgestoßen. Das hat eine ganze Folge von anderen Implikationen. Das heißt, Christus, sagt er, ist nicht für unsere Sünden gestorben. Explizit sagt er das. Christus hätte gar nicht für unsere Sünden sterben können. Wenn schon, dann wäre er nur für seine eigenen Sünden gestorben. Er hätte nur sich selbst rechtfertigen können. Er hat eine ganz komische Christologie. Ah, das ist sehr defekt.
„Gerechtfertigt“, sagt er, hör gut zu, „gerechtfertigt wird ein Mensch nur auf der Grundlage eines vollkommenen und ununterbrochenen Gehorsams gegenüber dem Gesetz Gottes.“ Wow! Und er sagt dann weiter: Wenn das ausreichte, was Christus gemacht hat am Kreuz, wenn das so wäre, warum, da kommt eine rhetorische Frage, warum ist es denn so, dass wir uns durch unseren eigenen Gehorsam retten?
Gut zugehört: Wir retten uns durch unseren eigenen Gehorsam, sagt er. Da braucht es doch nicht die Lehre, dass Jesus alles getan hat. Das reicht nicht. Christus allein genügt nicht. Also soll uns Christus auch dann wegradiert.
Die Logik des Aktivismus und die Kritik an Erweckungsmethoden
Und Finney sieht eigentlich immer eine große Gefahr darin, dass Gläubige lasch werden können, dass sie in Sünde fallen, dass sie die Sünde nicht ernst nehmen. Er sagt, wir orientieren uns am Beispiel von Jesus. Er ist das moralische Vorbild, wie er gelebt hat, und dann meiden wir die Sünden.
Und er sagt, nur wer wirklich tatsächlich heilig lebt und heilig ist, wird von Gott angenommen. Morgen schon können wir wieder zu den Verworfenen gehören. Es gibt ja die schönen Fragen, die Theologiestudenten immer wieder auf und ab diskutieren: Hört ein Christ auf, Christ zu sein, wenn er sündigt?
Unabhängig davon, wie wir die Frage beantworten, beantwortet Finney sie so: Immer wenn er sündigt, hört der Christ vorerst auf, heilig zu sein. Der Christ ist also nur so lange gerechtfertigt, wie er gehorcht, und muss verurteilt werden, wenn er nicht gehorcht. In dieser Hinsicht befinden sich also der sündigende Christ und der unbekehrte Sünder auf genau demselben Boden.
Er hat überlegt: Bevor ich heute Morgen noch zur Dusche ging und die Tür aufmachte, hätte ich keine Chance gehabt. Ich bin verloren, nonstop, weil ich die Sicht von Finney hatte, jedenfalls nicht die von Luther. Luther hatte eine realistische Sicht von sich. Er hatte gesehen, es reicht nicht. Ich bin Sünder durch und durch, ich alter Madenfresser, ich kann nichts, ich bin nichts, ich bin ein Sünder. Und er hat sich dann die ganze Zeit angestrengt, sechsmal täglich, sechsmal täglich beichten gegangen. Sein Beichtvater war halb wahnsinnig an ihm.
Er sagte ihm: Hallo Luther, komm mal, mach das da, geh einfach und liebe Gott. Weißt du, was Luther gesagt hat? Gott lieben? Ich hasse diesen Gott manchmal, weil er wusste, ich genüge ihm nicht.
Und dann hat Luther ja das Evangelium entdeckt, aber Finney offensichtlich nicht.
Das „andere Evangelium“ und die natürliche Religion
Für Finni ist heiliges Leben die Bedingung der Rechtfertigung. Das heißt: Dieser Satz stürzt das ganze Evangelium um. Aus der guten Nachricht wird die schlechteste Nachricht überhaupt.
Fini nannte die Lehre von der Rechtfertigung des Sünders durch Anrechnung der Gerechtigkeit Christi, das heißt, Christus hat an unserer Stelle den Gehorsam, den wir leisten sollen, an unserer Stelle geleistet und uns angerechnet, diese Lehre jetzt, haltet euch fest, er nennt diese Lehre ein anderes Evangelium. Er sagt: Das ist ein anderes Evangelium.
Ausgerechnet Paulus sagt das pure Gegenteil: Ein anderes Evangelium ist, wenn Christus nicht genügt. Und er sagt: Nein, das ist ein anderes Evangelium, wenn er sagt, Christus genügt. Also, das ist schon Wahnsinn.
Und er sagt weiter: In der Religion gibt es nichts, was über die natürlichen Fähigkeiten hinausgeht. Es gibt nichts, was über die natürlichen Fähigkeiten hinausgeht. Welche Pneumatologie hat er denn? Sie besteht ausschließlich in der rechten Ausübung der natürlichen Fähigkeiten, es ist nur das und nichts anderes.
Wenn die Menschen religiös werden, sind sie nicht in der Lage, Leistungen zu erbringen, die sie vorher nicht erzielen konnten; da hat sich nichts verändert. Sie üben nur die Fähigkeiten, die sie vorher schon hatten, auf andere Weise aus und benutzen sie zur Ehre Gottes, das ist alles. Es ist alles natürlich.
Kritik an Finneys Einfluss und an pragmatischer Gemeindearbeit
Es gab schon damals viele Kritiker von Charles Finney. Unter Umständen haben sie sich damit sehr unbeliebt gemacht, weil er sehr populär war. Benjamin Warfield war einer von ihnen. Er meinte zu Finney, man könne Gott aus seiner Theologie streichen, und sie würde ihren eigentlichen Charakter dennoch behalten. Warum? Weil alles ein menschliches Machwerk ist. Das ist alles nur menschliches Wunschdenken.
Seine Theologie ist nicht evangelisch, und ich würde sogar weitergehen: Sie ist nicht einmal halbwegs christlich. Und doch folgen so viele seinen Beispielen, indem sie sagen: Es ist alles machbar. Es ist alles eine Frage der natürlichen Fähigkeiten. Man muss sich nur genügend anstrengen, man muss nur gut planen, man braucht nur die richtigen Methoden.
Finney sagt: Eine religiöse Erweckung ist in keiner Weise ein Wunder oder von einem Wunder abhängig. Sie ist ein rein logisches Ergebnis des richtigen Gebrauchs der eingesetzten Mittel, ebenso wie jeder andere Effekt, der durch die Anwendung von Werkzeugen entsteht. Wenn ich mit dem Hammer auf den Nagel haue, dann ist das ein ganz normaler physikalischer Effekt. So ist es auch mit der Erweckung. Ich kann das machen.
Vor zwei Tagen hat mich ein Pastor angerufen und mir gesagt: Ich habe gekündigt. Warum ist das passiert? Es geht einfach nicht mehr. Warum denn? Er sagte: Als ich in der Gemeinde angefangen habe, hat mir die Gemeinde gesagt, eigentlich wollten wir die Gemeinde schließen. Aber wir dachten, du kommst als Pastor, du bringst uns die Erweckung.
Puh, solche Erwartungen haben wir heute in der Gemeinde. Wir holen einen richtigen Pastor, wir wenden die richtigen Methoden an, und die Erweckung kommt automatisch. Das ist Finney.
Die Mechanik von Programmen, Trends und Erfolg
Finney entwickelte ganz bestimmte Evangelisationsmethoden. Er hielt ganze Vorlesungen darüber und schrieb auch einige Bücher dazu, etwa Lectures on Revival und How to Experience Revival. Wenn man sich zum Beispiel das Inhaltsverzeichnis von How to Experience Revival anschaut, merkt man sofort: Das ist machbar. Schritt eins, zwei, drei, vier, und zack, dann hast du deine 500.000.
Wer davon überzeugt ist, dass die eigene Rettung und die Rettung der Welt allein der menschlichen Willenskraft zuzuschreiben ist, der folgt automatisch einem Aktionismus und Moralismus. Und das war Finney.
Finney war ohne Frage ein Mann der Rekorde. Er rief ein unglaubliches soziales Engagement ins Leben und forderte hohe moralische Standards. Dabei waren nicht nur Alkohol verboten, sondern auch Tabak und noch viele andere Dinge.
Soziologen sagen, er habe ganze Regionen an der Ostküste gegen das Evangelium der Gnade immunisiert, und zwar bis heute. Denn wie lange hielten denn die Bekehrten durch? Wann brachen sie unter diesen schweren Lasten zusammen? Sehr schnell.
Es gibt eine lustige Episode bei Mark Twain, in Tom Sawyer. Dort beschreibt er die wenig nachhaltigen Ergebnisse der Erweckungsveranstaltungen. Tom liegt zwei Wochen mit Grippe im Bett gefesselt. Während dieser zwei Wochen findet in seiner Stadt eine Erweckung statt, aber er bekommt nichts davon mit, weil er im Bett liegt.
Er kommt also nach zwei Wochen wieder heraus, und plötzlich haben alle etwas mit Religion am Hut: die Kinder wie die Erwachsenen. Seine guten Freunde verteilen Traktate, reden fromm und beten, alles Mögliche. Sogar seine Hühner zeichnen sie als himmlisches Zeichen.
Dann bekommt Tom aber den Rückfall. Er liegt wieder drei Wochen im Bett gefesselt. Nach drei Wochen geht er erneut nach draußen und trifft seine alten Freunde wieder. Was machen sie? Sie quälen eine Katze, haben eine Wassermelone gestohlen, lügen, betrügen und fluchen.
Dann sagt Mark Twain hämisch: Arme Kerle, genau wie Tom hatten sie einen Rückfall gehabt. Mark Twain ist spöttisch, aber er hat Recht. Wie lange halten sie es durch? Ganz kurz.
Nun, das ist lange her. Wir handhaben das heute besser. Wir stehen da drüber, nicht wahr? Wenn ich unsere Evangelisationspraxis anschaue, in unseren Gemeinden im 21. Jahrhundert, bin ich mir nicht so ganz sicher. Ich glaube, wir sind nach wie vor Kinder Finneys.
Gegenwartskritik und die Suche nach einem funktionierenden Evangelium
Im Vorwort hier zum hundertjährigen Todestag von Feni schreibt Harry Corn: „Viele Diener unseres Herrn sollten fleißig nach einem Evangelium suchen, das funktioniert. Ein Evangelium, das funktioniert. Und ich freue mich, dass Sie es in diesem Buch finden können.“
Äußerst pragmatischer Ansatz: Wahrheit lässt sich am Erfolg messen. Er bringt das mit dem Flugzeugbeispiel zum Ausdruck. Wenn das Flugzeug fliegt, dann haben die Asiaten alles richtig gemacht. Und er überträgt das auf die Religion: Wenn sich Kirchen füllen, dann hast du alles richtig gemacht. Wenn das Produkt reißenden Absatz findet, dann muss es gut sein. Bei McDonalds bin ich mir nicht sicher. Und bei Facebook: 2 Milliarden haben einen Facebook-Account. Ich weiß auch nicht, ob das ein Segen für die Menschheit ist.
War es, was funktioniert? War es, was ankommt? Ist Evangelium, was im kulturellen Trend liegt? Wahrheit ist daher nicht das peinliche Gerede von Kreuz und von Gott. Das will heute niemand mehr hören. Blut und Opfer und Sünde und Vergebung? Nein, nein, nein. Evangelium ist ganz anders. Wahrheit ist: Evangelium ist soziales Engagement, ist moralisches Handeln, ist politisches Engagement. Und das werden wir als Kirche wahrgenommen. Das ist das Problem. Das sagen die Leute, die die Kirche verlassen: Ihr seid ein Club voller Moralisten. Ihr legt harte Bürden auf uns.
Wie wirkt dieses Plakat auf euch? Von der Plakatmission habe ich neulich fotografiert: „Werdet nicht müde, Gutes zu tun.“ Was denkt ein Nichtchrist, wenn er das liest? Ah, das sind die Christen, ewig müssen sie Gutes tun. Den Club schließe ich mich hier an. Da werde ich aber müde, immer Gutes zu tun.
Eine Megakirche hat neulich eine neue Kampagne gestartet, die lautet: „Weidet euch selbst!“ Ich dachte immer, Christus weidet uns und führt uns zu frischen Quellen und zur Ruhe.
Methoden, Gemeindebau und die Verführung durch Machbarkeit
In Kursen haben wir damals im Studium gelernt, wie man evangelistische Veranstaltungen nach bestimmten Methoden macht: das Licht dimmen, rhetorische Tricks einsetzen, ein bisschen Musik einbauen und ein paar Leute bitten, dass sie dann aufstehen, wenn der Aufruf kommt. Das gibt schon mal einen gewissen Sogeffekt, dann kommen die anderen auch. Das alles wird zerfunden, finde ich.
In der Gemeindebauvorlesung war es genau das Gleiche. Wir studierten damals Donald McGovern. Er sagt, man solle Gemeinde nicht nach dem Gießkannenprinzip bauen, sondern nach der homogenen Einheit: die Banker für sich, die Handwerker für sich, die Studierenden für sich. So baut man Gemeinde nach einer bestimmten Methode.
Später, in den 90er Jahren, war es eine andere Kirche in Chicago, die einen Trend setzte und sagte: Schaut mal, ihr müsst zuerst das Publikum studieren. Was will das Publikum? Was kommt an? Und dann passt die Botschaft entsprechend an. So hat man das gemacht. Es war ein Gemeindebaukonzept, das die menschliche Machbarkeit und das menschliche Marketing, diese Methoden, in den Vordergrund stellt.
Ich habe einmal Wirtschaft studiert und war damals in den 90er Jahren erschrocken. Das kenne ich doch irgendwoher. Er hat alles studiert. Der Konsument entscheidet, welches Produkt ihm gefällt. Spätestens seit dem Skandal und dem Chef jener Kirche merkte man, dass die Methode relativ simpel war: telegener, gut aussehender Prediger, erfolgreiche Show, nützliche Tipps und Tricks für den Alltag.
Ein anderer Pastor einer Megakirche in Kalifornien prägte den Satz: „We need deeds not creeds.“ Wir brauchen Taten, Taten. Und ich habe Bekenntnis, langweiliges Bekenntnis. Finny hätte geklatscht und gesagt: Halleluja, Bruder, Taten brauchen wir, Aktionismus.
Das Kreuz als Zentrum gegen die Langeweile des Evangeliums
Nun, wie lange halten wir das durch? Vierzig Tage Leben mit so einer Aktionismus-Vision? Wie lange? Vierzig Jahre?
Ich erlebe Menschen, die zusammenbrechen. Aber mit Bekenntnissen, wie lange halten wir das? Das heißt: auf Jesus schauen. Dies heißt: auf mich schauen. Kreuz heißt: Was hat Jesus getan? Damals, vor zweitausend Jahren, als ich gerettet wurde.
Ich kann nie mich genug schauen, ich kann mich nicht satt schauen an dem. Aber das kommt irgendwie nicht an. Das klingt irgendwie langweilig. Christen als Aktivisten, das klingt gut. Es ist voll im Tränen, mach, geh, streng dich an, gib dir Mühe, rette die Welt – unzählige Imperative.
Und das simple, einfache Evangelium von der Gnade Gottes scheint irgendwo in Verruf geraten zu sein. Es gilt als langweilig, als phantasielos, als wenig ansprechend. Aber auch das ist nichts Neues. Luther beklagte sich schon und hat es für ein sicheres Zeichen gehalten: Wenn man vom Artikel der Rechtfertigung predigt, so schläft das Volk und hustet. Wenn aber jemand Geschichten und Beispiele erzählt, dann weckt das beide Ohren auf. Dann ist man still und hört fleißig zu.
Also man will letztendlich einen Gottesdienst besuchen, wo man angesteckt wird, wo die Leidenschaft der Künstler, der Performer, uns mit ihren humorvollen Anekdoten ansteckt und mitreißt. Das Wort vom Kreuz hingegen, die simplen Sakramente wie Abendmahl und Taufe, die sind aber stinklangweilig. Und je spektakulärer die Schau, desto voller die Kirchenbänke – nein, nein, das sind ja nicht Kirchenbänke, das sind Sessel mittlerweile – ein actiongeladenes Programm. Also auch in unseren Gottesdiensten kommt man zur Ruhe nicht mal mehr im Gottesdienst.
Und die ganze Woche wird man dann auch noch getrieben. Wie die Juden zur Zeit von Paulus fordern wir Zeichen und Wunder, damit wir glauben. Wir fordern Action, eine Performance.
Das Wort Gottes als eigentliche Kraft zur Rettung
Und da die meisten Menschen das Hungergefühl ja nur noch im Magen haben und nicht im Kopf, mutiert auch das kirchliche Essen zum wichtigeren Ereignis als die Predigt.
Paulus aber setzt auf das Wort Gottes. Er sagt: Schau mal, das ist die Kraft. Der Geist Gottes wirkt wo? Im Spektakel? In der Methode? Bei uns? Nein, in seinem Wort. Dort wirkt der Geist.
Und wie gewaltig, wie dramatisch, wie kraftvoll, wie spektakulär ein Geschehen in einem Gottesdienst sein kann, kann ich mir nicht vorstellen, weil das so einfach ist.
Ein Pfarrer war in einer Gemeinde. Ein Mitglied in unserer Gemeinde hat die Predigt, die ich gehalten habe, ihrer Freundin am Telefon erzählt, einfach erzählt. Man kann sich vorstellen: Das war wenig Spektakel, simpel, nüchtern, ganz einfach, ohne große Rhetorik, einfach erzählt. Und diese Freundin hat aufgrund dieser Telefongespräche Christus gefunden.
Also: Wenn sogar die Krümel vom Krümel vom Krümel noch Menschen retten können durch das Wort Gottes, was für eine Macht! Gott rettet Sünder durch sein lebendiges Wort, nicht durch spektakuläre Zeichen, nicht durch klug formulierte, akademisch wohlklingende Worte, sondern durch die einfache, schlichte Predigt des gekreuzigten Christus.
Gottes Wort besitzt die Kraft zur Rettung von Sündern. Nicht wir Prediger, sondern Gottes Wort. Nicht unsere Programme, sondern Gottes Wort. Nicht unsere Methode, sondern Gottes Wort. Nicht unser Aktivismus, sondern Gottes Wort.
Schlussgebet
Ich bete mit uns. Wir sind einfach erstaunt, wie lebendig dein Wort ist. Wir wissen es: Dein Wort lebt, und es schafft Leben. Es verändert Herzen, es verändert Gedanken, es führt zur wahren Metanoia, zu einer totalen Gesinnungsänderung. Das ist dein Wort.
Und wie oft sind wir solche Trottel, die denken, wir könnten es machen. Wir könnten diesem Wort ein bisschen auf die Sprünge helfen, mit eigenem Aktivismus, mit eigenen Methoden, mit irgendeinem Spektakel. Nein, dein Wort genügt.
Danke, Herr, dass du uns das doch tief in unsere Gedanken hineinschreibst, dass wir nicht auf uns schauen und auf das, was wir tun, sondern auf das, was deine Kraft bewirkt. Amen.
