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Rachepsalmen (6/9)

Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
14.09.2026
SerieTeil 6 / 9Rachepsalmen
Darf man Gott wirklich Wut, Hass und Verzweiflung hinwerfen? Diese harten Klagepsalmen geben Opfern Worte, bremsen Gewalt und machen den Ruf nach Gerechtigkeit hörbar.

Einleitung und thematische Verortung

Rachepsalmen über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
Ein Gastbeitrag von Regina Gallwitz, Theologin, Krankenschwester und Autorin des Buchs „Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert“.
In der letzten Folge haben wir uns ganz konkret Psalm 137 angesehen. Jetzt wollen wir unseren Blick etwas weiten. Aus den Beobachtungen über Psalm 137 will ich einige Verallgemeinerungen anstellen über das Wesen der Gerechtigkeitspsalmen und darüber, wie wir Christen mit diesem Psalm umgehen können. Ich habe dazu einmal sechs Gedanken formuliert.

Erstes: Festhalten an Gott trotz Enttäuschung

Erstens: Die Gerechtigkeitspsalmen sind ein leidenschaftliches Festhalten an Gott, obwohl eigentlich alles gegen Gott spricht.
Es ist tragisch, wenn Christen Gott den Rücken zukehren, weil sie von ihm enttäuscht sind. Der Slogan „Gott enttäuscht nie“ ist einfach nicht wahr. Auch Gott erfüllt nicht immer unsere Erwartungen und antwortet und handelt nicht immer so, wie wir uns das vorstellen. Das muss er ja auch nicht, er ist schließlich Gott.
Diese Enttäuschung erlebt auch der Psalmist. Gott scheint weit, weit weg zu sein. Mitten in diesem Gotteszweifel und in der Verzweiflung an den Menschen klagt der Psalmist zu Gott. Er ringt in diesem Psalm mit Gott. Deshalb nannte Bernd Janowski diese Psalmen Konfliktgespräche mit Gott.
Und wo eigentlich alles gegen Gott zu sprechen scheint, da hält der Psalmist trotzdem an ihm fest. Das ist ein trotziger Glaube, ein Glaube trotzdem. Damit drückt der Psalmist aus: Gott, ich verzweifle an dir, und ich vertraue dir trotzdem.
In Psalm 73 klagt der Psalmist, und dann sagt er trotzdem: Ich bleibe bei dir, du hältst mich an der rechten Hand.

Zweites: Gebet ohne Anwalt

Zweitens: Die Gerechtigkeitspsalmen sind Gebete von Opfern ohne Anwalt. Wenn ich Betroffenen von Unrecht sage: Naja, aber diese harten Worte aus dem Psalm, diese harten Vergeltungsbitten, die kannst du doch nicht einfach nachbeten, und vor allem nicht als Christ, was passiert dann eigentlich? Beteilige ich mich mit solchen Worten nicht selbst am Unrecht? Nehme ich diesen Menschen damit nicht das Wichtigste weg, was sie noch haben, nämlich das Gebet zu Gott? Bringe ich sie mit meinen Worten nicht noch ein zweites Mal zum Schweigen?
Wie leicht ist es doch, aus meinem bequemen Sessel heraus über diese verzweifelten Gebete zu urteilen. Ich glaube, wir sollten mit unserem Urteil darüber sehr, sehr vorsichtig sein, besonders dann, wenn wir selbst nie erfahren mussten, was diese Menschen durchgemacht haben.
Ich stelle mir manchmal vor: Würde ich jetzt zum Beispiel Eltern treffen, die, ich sage mal, ihr Kind durch einen Attentat verloren hätten, und sie kämen jetzt und hätten absolute Wut, und sie würden ihre Wut und ihre Verzweiflung in dramatischen, in rohen, in harten Worten rausschreien, wie würde ich dann reagieren? Ich habe mir das oft vorgestellt. Was würde ich dann machen, wenn diese Eltern zu mir kommen würden? Könnte ich ihnen dann wirklich sagen: Na na na, aber so sprechen wir als Christen nicht, ihr könnt doch jetzt nicht diese Gebete sprechen aus diesem Psalm. Ihr könnt doch jetzt nicht so wütend und so verzweifelt sprechen. Könnte ich das zu solchen Eltern sagen?
Also ich glaube ganz ehrlich: Mir würde sich dazu die Zunge nicht biegen. Ich glaube, wenn ich solchen verzweifelten Eltern begegnen würde, ich könnte erst einmal gar nichts sagen. Und vielleicht wäre das auch erst einmal die angemessenste Reaktion auf eine solche Situation: erst einmal nichts dazu zu sagen.
Wir wissen, dass manche Menschen, die ein Trauma erlebt haben, über das Erlebte verstummen. Ihnen fehlen die Worte für das, was ihnen angetan wurde. Das Erlebte kann so überwältigend sein, dass es sich kaum in Worte fassen lässt. Aus der Psychologie wissen wir, dass es Traumatisierten helfen kann, das Erlebte zur Sprache zu bringen und es dadurch zu verarbeiten. Und genau hier knüpfen diese Psalmen an.
Diese Psalmen können das Unaussprechbare, das Unsagbare, in Worte kleiden. Sie leihen mir Worte: Worte über das erlittene Unrecht, Worte für meinen Hass über den anderen und über den ich selber erschrecke. Diese Psalmen zeigen: Wir dürfen Gott wirklich alles sagen. Wenn Gott doch sowieso weiß, was in meinem Herzen ist, warum es dann nicht auch vor ihm zur Sprache bringen? Genau das kann meine aufgewühlten Gefühle kanalisieren, und zwar in einer gewaltlosen Weise.
Die Wut, die Angst, die Verzweiflung, sie müssen nicht verdrängt werden oder in Gewalt gegen die Feinde ausarten. Ich frage mich: Wo ist denn meine Wut besser aufgehoben, in meinem Herzen oder bei Gott?

Drittens: Der Ruf nach Wiederherstellung von Recht

Drittens: Gerechtigkeitspsalmen sind Schreie nach Gerechtigkeit. Im Mittelpunkt steht eben nicht die Lust an der Gewalt, sondern die Sehnsucht nach der Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Der Psalmist bringt das Unrecht, das ihn und sein Volk getroffen hat, vor den gerechten Gott, bei dem kein Ansehen der Person ist. Was er fordert, ist, dass das Böse, das die Mächtigen tun, auf sie zurückfällt.
Jetzt könnte man aber sagen: Na ja, in Psalm 79,12 betet doch der Psalmist: „Siebenfach vergilt unseren Nachbarn den Hohn.“ Das riecht doch ganz faul nach Rache. Ja, das sieht auf jeden Fall erst einmal danach aus. Aber das hebräische Wort, das hier mit „vergelten“ übersetzt wird, meint in diesem Zusammenhang das Zurückkehren einer Tat zum Täter, nach dem Prinzip: Was man sät, das wird man ernten. Und die Zahl sieben kann hier als Symbol der Vollständigkeit verstanden werden.
Diese Symbolsprache finden wir zum Beispiel auch in Psalm 12,7. Da heißt es, die Worte des Herrn sind gereinigt siebenfach. Im übertragenen Sinn bedeutet das: Gottes Wort wurde vollkommen geläutert. Gemeint ist also im Psalm 79 nicht: „Herr, lass die Feinde siebenmal mehr leiden“, sondern: „Herr, verhilf mir vollständig zu meinem Recht.“ Hier geht es also um Gerechtigkeit.

Viertens: Gewalt wird begrenzt, nicht befeuert

Viertens: Gerechtigkeitspsalmen begrenzen Gewalt. Für den Religionskritiker Franz Bugle waren die Gerechtigkeitspsalmen gefährlich, denn aus seiner Sicht könnten ihre harten Worte zu Gewalt anstacheln.
Auf den ersten Blick könnte man tatsächlich genau das denken: Diese Psalmen motivieren zu Gewalt. Wenn ich mir diese Psalmen jedoch genauer ansehe, komme ich zu einem anderen Schluss. Sie können gerade deshalb Gewalt begrenzen, weil der Wunsch nach Vergeltung vor Gott gebracht wird. Denn indem ich sage: Gott, schaffe du Gerechtigkeit, verzichte ich darauf, selbst Hand anzulegen.
Hier bewahrheitet sich ein Gedanke von Jürgen Ebach. Er sagt: Gerade die Bibeltexte, die besonders oft zur Begründung der These herangezogen werden, die Bibel sei ein grausames Buch, zeigen bei genauerem Hinsehen das Gegenteil.

Fünftens: Gebet als Angebot für unterschiedliche Erfahrungen

Fünftens: Gerechtigkeitspsalmen sind Gebetsangebote.
 Psalm 137 ist aus einer konkreten historischen Situation entstanden. Nicht nur ein einzelner Mensch hat Unrecht erlebt, sondern ein ganzes Volk hat Krieg, Vertreibung und Exil erlitten. Hier wird eine kollektive Gewalterfahrung ausgedrückt. Deshalb lässt sich dieser Psalm nicht ohne Weiteres auf jede persönliche Unrechtserfahrung übertragen. Die extreme Kriegserfahrung, die hinter Psalm 137 steht, ist vermutlich weit entfernt von dem, was die meisten Menschen in Deutschland aus ihrem eigenen Leben kennen.
Manche Christen sagen mir: Regina, ich kann diesen Psalm nicht mitbeten. Ich kann mich damit einfach gar nicht identifizieren. Ich habe vielleicht ein sehr behütetes Leben gehabt. Zumindest kann ich mich nicht an solche Gefühle erinnern, wie ich sie in diesem Psalm sehe. Deshalb kann ich zu diesen Gebeten auch nicht von Herzen Amen sagen.
Ich verstehe das, und meiner Meinung nach ist das vollkommen in Ordnung. Gerechtigkeitspsalmen sind Gebetsvorlagen, aber eine Vorlage ist immer auch ein Angebot und keine Pflicht. Wenn wir die Worte aus Psalm 137 innerlich nicht mitbeten können, dann können wir einen anderen Gerechtigkeitspsalm wählen, der unserem Erleben nähersteht. Ich denke da an Gerechtigkeitspsalmen, die aus der Sicht von Einzelpersonen verfasst wurden, wie Psalm 55 oder Psalm 69. Man kann natürlich auch einen eigenen Psalm formulieren.
Entscheidend ist, dass wir mit unserem Wunsch nach Gerechtigkeit und mit unserer Wut zu Gott kommen. Und dort, wo Psalm 137 für den einen Menschen historisch und emotional zu weit weg ist, da kann derselbe Psalm einem anderen Menschen, der vielleicht ähnliche kollektive Gewalterfahrungen gemacht hat, sehr nahekommen.
Ein eindrückliches Beispiel dafür erzählt der Theologe Miroslav Volf. Er erinnert sich an einen Gottesdienst, den er während des Krieges im kroatischen Osijek in den neunzehnhundertneunziger Jahren gehalten hat. In einem Interview sagt er: Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine so eindrückliche Predigt gehalten. Und das lag nicht daran, dass ich besonders wortgewandt gewesen wäre, sondern daran, dass ich in einer Gemeinde gepredigt habe, in der vielleicht fünfzig Prozent der Menschen Flüchtlinge waren, die im Krieg geradezu alles verloren hatten. Ich predigte über Psalm 137: „Wohl dem, der deine jungen Kinder am Felsen zerschmettert.“ Das ist eine der brutalsten Stellen der gesamten Bibel. Und normalerweise wehrt man sich gegen jeden Gedanken, dass so etwas überhaupt angemessen sein könnte, selbst es nur zu denken, geschweige denn auszusprechen. Und doch steht es im Psalm.
Ich glaube, dass es dort steht, weil es auch in unseren Seelen vorhanden ist. Das ist es, was wir empfinden, und das muss zum Ausdruck gebracht werden. Aber es muss in der Gegenwart Gottes zum Ausdruck gebracht werden. Als ich es den Zuhörern gegenüber ausgesprochen und darüber gesprochen hatte, war die Wirkung sehr stark und auf eine bedeutende Weise befreiend. Und ich glaube, dorthin gehört unsere Wut.
Die Menschen in dieser Extremsituation empfanden im Psalm 137 genau das: Worte für das, was sie selbst empfanden. Ist es nicht interessant, dass gerade die Verse, die manche am liebsten aus ihrer Bibel gestrichen hätten, auf andere Christen befreiend wirken? Genau deshalb schreibt Erich Zenger: Diese Psalmen müssen geschützt werden, weil es keine andere Form von Gebeten gibt, die ihre Funktion übernehmen könnten.

Sechstens: Die Texte stellen uns selbst infrage

Sechstens: Die Gerechtigkeitspsalmen zwingen uns hinzusehen. Diese Psalmen zeigen mit dem Finger auf das Böse und auf das Grausame in dieser Welt. Sie halten uns den Spiegel vor: Inwiefern bin ich selbst am Unrecht beteiligt?
Wenn wir über diese Psalmen erschrecken, erschrecken wir dann auch über uns selbst? Sind wir vielleicht der Grund, weshalb andere Menschen Vergeltungsbitten sprechen? Angesichts dieser Fragen, die uns diese Psalmen schonungslos stellen, ist es kein Wunder, dass sie uns provozieren und uns Unbehagen bereiten. Sie klingen eben nicht so glatt, so fromm und wohlig, wie wir es von anderen Psalmen gewohnt sind. Denn sie wollen unsere Seele nicht streicheln, sondern konfrontieren.
Wenn diese Welt in Ordnung wäre, dann bräuchten wir diese Psalmen nicht.
Das waren meine sechs Überlegungen zu den Gerechtigkeitspsalmen und zu der Frage, welche Bedeutung sie für uns Christen haben können. In den bisherigen Folgen habe ich immer wieder über Betroffene von Unrecht gesprochen. Meine Überlegung zu diesem Psalm war für mich vor allem durch die Verbindung zwischen diesen Texten und traumatisierten Menschen interessant. Was ich dabei herausgefunden habe, möchte ich mit euch in der nächsten Folge teilen.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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