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Fragerunde 4 (Samstagmittag)

24.06.2015
Vierte Frage-und-Antwort-Runde auf der E21-Konferenz 2015. Mit Jan-Carsten Schnurr und Greg Gilbert, moderiert von Matthias Lohmann.

Ein gemeinsamer Blick auf den Weg

Wir wollen vor dem Mittagessen, vor der Mittagspause, noch eine kurze Talkrunde haben, in der wir noch einmal einigen Fragen nachgehen wollen, die heute früh vielleicht auch aufgeworfen wurden.
Zunächst einmal herzlichen Dank an euch beide! Es ist immer wieder erstaunlich, wie Gott es führt, dass Vorträge nachher wirklich sehr gut zusammenpassen. Der kirchengeschichtliche Vortrag über John Bunyan und Pilgrims Progress und jetzt der Vortrag von Greg zum neuen Himmel und zur neuen Erde: Beides gibt uns ja dieses Bild des Unterwegsseins. Greg hat davon gesprochen, wie wir Fremdlinge in dieser Welt sind, also auf dem Weg hin zu einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Und genauso war der erste Punkt in deinem Vortrag, Jan Carsten, dass wir auf dem Weg sind zur himmlischen Stadt.
Ich möchte einige Fragen zu dem stellen, was wir gehört haben. Denn ich denke, eine große Herausforderung für uns ist es ja, dass wir müde werden auf diesem Weg. So wie das Christian in Pilgrims Progress erlebt hat, so erleben wir das ja auch. Die Herausforderungen in diesem Leben können dazu führen, dass wir das Streben nach der himmlischen Stadt eintauschen gegen ein Leben hier in dieser Welt mit einem Fokus auf das Hier und Jetzt, denn das ist viel greifbarer.
Nun sitzen hier eine Menge Prediger, Pastoren, Jugendleiter und Älteste. Herr Hauskreisleiter, was würdet ihr ihnen sagen, wenn sie mit Menschen zu tun haben, die ganz konkret in der Gefahr stehen, das Streben nach dem Jenseitigen, nach der himmlischen Stadt, einzutauschen gegen ein angenehmes Leben im Hier und Jetzt? Herr Carsten, was hätte John Bunyan gesagt, oder was würdest du sagen? Als Rat?
Du hast viele Studenten, mit denen du zu tun hast. Ich bin mir sicher, das ist auch für viele Studenten eine ganz regelmäßige Herausforderung.

Gemeinschaft als Hilfe auf dem Weg

Das ist für uns alle eine Herausforderung. Ich denke, wir leben ja in einer Spannung. Wir leben in dieser Welt, und wir sollen sie gestalten, wir sollen unser Leben führen. Sie hat einen Wert, sie ist Gottes Schöpfung. Wir sollen unser Potenzial entfalten, und gleichzeitig haben wir doch eine andere Heimat.
Diese Spannung: Wir sind in der Welt, nicht von der Welt. Wir haben das Reich Gottes schon unter uns, und doch ist es noch nicht vollendet. Es ist eine Spannung, in der wir alle leben und wo wir einander brauchen.
Für mich ist christliche Gemeinschaft, deswegen habe ich es betont, so eine wunderbare Sache, dass wir sowohl im grösseren Kontext als auch in einzelnen Beziehungen leben. Und mir persönlich hat zum Beispiel eine Gebetspartnerschaft sehr geholfen, dass man mit einem einzelnen Freund über Dinge reden kann, beten kann, sich gegenseitig Rat geben kann in wichtigen Fragen.
Mir scheint es auch sehr wichtig, dass wir als Christen lernen, Menschen zu lieben. Ich glaube, wichtig ist nicht, dass wir nur irgendwelche Floskeln wiederholen, sondern dass wir Menschen lieben lernen und sie zu verstehen versuchen und ihnen dann ein Stück des Weges weiterzuhelfen versuchen. Und andere Menschen uns. So helfen wir uns gegenseitig in unseren Anfechtungen und Herausforderungen, die das Leben mit sich bringt.
Greg, irgendwas, was du ergänzen würdest oder was du Leuten sagen würdest, die vielleicht sagen: Greg, wenn du über den Himmel sprichst, über neuen Himmel, neue Erde, das ist ja Vertröstung auf die Ewigkeit. Ich lebe aber im Hier und Jetzt.

Die Gemeinde als Weggemeinschaft

Ich stimme Carsten zu. Ich glaube, er hat Recht. Und ich glaube, das ist der Grund, warum Jesus Christen dazu beruft, Mitglieder einer Gemeinde zu sein. Die Menschen sollen Mitglieder in einer Gemeinde sein.
Ich liebe die Pilgerreise. Ich glaube, es ist ein wunderbares Buch. Aber der Titel lautet Die Pilgerreise, Pilgrims Progress, im Singular, in der Einzahl. Und ich würde mir wünschen, es würde heißen Pilgrims Progress in der Mehrzahl, und dass wir diese Pilgerreise mehr als ein gemeinsames Erlebnis verstehen, also als Gemeinschaftserlebnis. Das ist es, was Gott auch von uns erwartet und uns schenkt.
Wenn wir zusammen in einer Gemeinde sind, wenn wir zusammenkommen, dann sind wir in der Lage, einander zu ermutigen und einander anzuspornen. Und wenn wir sehen, dass einer vom Weg abkommt, dann können wir ihn greifen und wieder zurückziehen.
Ihr solltet über eure Gemeinde als eine Militäreinheit denken. Es ist kein Kreuzfahrtschiff in den Himmel, es ist kein Altenheim. Deine Gemeinde ist eine Militäreinheit. Und die Soldaten haben die Aufgabe, einander zu ermutigen, die Aufgabe zu beenden, auf dem Weg zu bleiben und das Ziel anzusteuern.

Figuren am Rand des Weges

Vielen Dank euch beiden für die hilfreichen Antworten. Greg, nur zu deiner Ermutigung: Jan Carsten hat uns gezeigt, wie der zweite Teil von Pilgrims Progress ja dann doch auch ein bisschen Gemeinschaft zeigt. Prima.
Eine Frage vielleicht ganz konkret zu Pilgrims Progress und dann doch wieder ganz konkret auch zu unserer Situation. Wir sehen ja, wie Christian auf seinem Weg hin zur himmlischen Stadt alle möglichen Charaktere trifft, interessante Figuren. Du hast uns da einige vorgestellt, die letztendlich immer wieder für ihn auch zu Menschen werden, die ihn versuchen, vielleicht nicht immer bewusst, aber doch daran zu hindern, diesen Weg weiterzugehen. Oder Leute, die selber diesen Weg einfach nicht gehen, weil sie Abkürzungen wählen oder weil sie falsche Erwartungen haben.
Und wenn man das Buch liest, dann klingt das immer ganz witzig, und die Namen klingen in gewisser Weise so absurd, dass man denken könnte, die haben nicht sehr viel mit unserer Realität zu tun. Aber natürlich haben sie ganz viel mit unserer Realität zu tun. Welche dieser Charaktere, was sind so diese Figuren am Wegesrand, die wir in unseren Gemeinden vielleicht am meisten treffen, und wie können wir ihnen helfen, den Weg des Christians mitzugehen?
Das ist eine schwierige Frage. Jan Carsten, hast du eine Antwort? Ich bin jetzt nicht vorbereitet auf die Frage und müsste deshalb vielleicht noch einmal darüber nachdenken. Was ich denke, was sich aus diesem Buch herausstellt, ist vor allem die Vielfältigkeit, diese ganze Palette von Figuren. Und vor allem würde ich mitnehmen, dass Menschen sehr unterschiedliche Situationen, sehr unterschiedliche Herausforderungen und auch Anfechtungen haben können. Christen können sehr unterschiedlich sein, und das muss man nicht alles über einen Kamm scheren.
Bestimmte Dinge, glaube ich, haben sich immer gehalten. So wie die Bibel heute noch aktuell ist, so sind viele der Grundherausforderungen, Versuchungen oder auch Ermutigungen für uns immer noch dieselben. Und dann gibt es Spezielle, die in einer bestimmten Zeit vielleicht besonders relevant sind oder vielleicht besonders aufgrund der äußeren Situation, der gesellschaftlichen oder geistigen Situation oder einer Notlage besonders relevant sind. Nicht schlecht für uns, einmal darüber nachzudenken: Was sind die besonderen Herausforderungen für uns heute?
C. S. Lewis habe ich erwähnt. Er hat ja auch eine Autobiografie geschrieben, ganz kurze Zeit, nachdem er Christ wurde, als Allegorie. Und er hat versucht, seine eigene Geschichte auch allegorisch mit bestimmten Figuren darzustellen. Da repräsentieren die Figuren bestimmte Geistesströmungen seiner Zeit, die ihn eine Zeit lang beeinflussten und die er dann hinter sich ließ. Er hat versucht, sie einzugruppieren in bestimmte Himmelsrichtungen. Aber ich wage jetzt nicht so spontan, das für unsere Zeit zu tun.
Das ist auch in Ordnung, danke aber für diesen Ansatz. Greg, hast du Vorschläge? Was denkst du, was sind die besonderen Herausforderungen? Du musst jetzt nicht konkrete Charaktere aus Pilgrims Progress dabei erwähnen, aber siehst du bestimmte Tendenzen, die heute in unseren Gemeinden für uns auf unserem Weg zur himmlischen Stadt vielleicht in besonderer Weise problematisch sind und uns in besonderer Weise zu verführen versuchen, von einem guten Weg abzukommen? Also, wo siehst du die Strömungen, wo es gilt, für uns besonders wachsam zu sein? Und ich frage ganz spezifisch nach Strömungen innerhalb von Gemeinden.

Wachsamkeit in der Gemeinde

Ich muss sagen, dass ich, als Karsten gesprochen hat, mit meinen Gedanken beschäftigt war. Ich habe versucht, diese bunyanmäßigen Namen hier einmal vorzutragen. Ich habe versucht, diese Charaktere auf meine Gemeindemitglieder zu übertragen. Ja, ja, ja, ja. Mr. Irrläufer oder wie? Ja, ja, ja. Der Schläfrige und Zweifel und all diese Dinge.
Da gibt es natürlich viele Herausforderungen, auch innerhalb der Gemeinde, auf unserem Weg zum Himmel. Und ich glaube, das Wichtigste, was ich darüber sagen kann, ist, dass wir über uns selbst denken sollten, es wäre leicht, über uns selbst zu denken, dass wir Menschen sind, für die Probleme geschaffen wurden. Die Realität ist: Weil wir gefallene Sünder sind, sind wir auf die eine oder andere Weise wahrscheinlich zu einem Problem für andere.
Wenn wir das verstehen, wenn wir alle das verstehen, dann glaube ich, werden wir vielmehr von Gnade und Barmherzigkeit gekennzeichnet sein. Und wir werden lernen, andere Leute zu lieben, von denen wir heute noch denken, sie seien für uns ein Problem. Und wenn das in der Gemeinde anfängt zu geschehen, dann ist es, wie es das Neue Testament ausdrückt: Die Liebe bedeckt viele Sünden.
Es ist vielleicht hilfreich für uns, so zu denken, dass wir einerseits in der Gemeinde lauter Christians sind und vielleicht einige, die es noch nicht sind, aber gleichzeitig wir alle auch noch Persönlichkeitsaspekte haben, die sich bei Madam Asleep und Mr. Irritating usw. finden. Und deswegen sollten wir uns gemeinsam immer wieder darauf besinnen, dass es letztendlich nicht um den tollen Christian geht, sondern um den Kompass des Evangeliums.
Denn nur so kommen wir dann alle gemeinsam immer mehr dahin, dass wir Christus ähnlicher werden. Und so kommen wir dann auch immer weiter hin zu unserem himmlischen Ziel, als Weggemeinschaft.

Die Rolle der Gemeinde bei Berufung und Auftrag

Okay, wenn das so ist, also wenn die Gemeinde so wichtig ist, die Gemeinschaft so wichtig ist, dann möchte ich uns jetzt mal ein bisschen wegbewegen von Pilgrim’s Progress und gedanklich noch einmal zurückführen zu dem, was wir am ersten Abend vor allem gehört haben: die Mission der Gemeinde. Und letztendlich auch die Mission, unter anderem auch ein Auftrag, den wir als Christen individuell haben, nämlich Jünger zu machen.
Welche Rolle spielt die Gemeinde im Bestreben eines Einzelnen, Jünger zu machen? Oder, um es noch konkreter zu fassen: Welche Rolle spielt die Gemeinde, wenn jetzt hier jemand sitzt und sagt: Ja, meine Gemeinde ist da ein bisschen schläfrig, und der ist da nicht so richtig im Blick, aber ich persönlich gehe jetzt in die Mission, ich persönlich werde jetzt Prediger. Ob meine Gemeinde ist da jetzt wurscht, die brauche ich dazu nicht. Ich mache das alleine. Die anderen behindern mich nur, bremsen mich nur aus, aber ich habe Energie und ich liebe Jesus und ich gehe voran.
Hat die Gemeinde dann eine Rolle zu spielen, oder ist es gutes Denken zu sagen: Wenn die Gemeinde so schläfrig ist, dann mache ich es halt allein?
Greg, jetzt fordere ich dich heraus.

Verantwortung statt Einzelmission

Nein! Lass mich einen spezifischen Kommentar darüber abgeben, was du gesagt hast. Ich mag es eigentlich nicht, über die Mission eines Individuums zu sprechen. Ich bevorzuge es, wenn wir über Einzelne sprechen, vielmehr über ihre Verantwortung und Verpflichtungen zu sprechen.
Also, die, die hier am Sonntagmorgen sind, die am Sonntagmorgen zum Gottesdienst kommen werden: Da wird er sprechen. Übrigens, herzlich eingeladen am Sonntag um zehn, morgen um zehn Gottesdienst in der Arche. Ihr seid alle da. That was an invitation. They should all stay until tomorrow. Und heute Abend auch in der Jugend, in der Jugend heute Abend neunzehn Uhr, neunzehn Uhr, Arche Jugendraum. Anything else?
Und dann wollte ich noch sagen: Es ist gut, dass mir der Übersetzer hat, der sich immer kümmert. Da werde ich morgen von dem Gleichnis über die Talente sprechen, und jetzt werde ich schon einiges vorwegnehmen. Ich glaube, dass diese Talente Verantwortungen und Pflichten sind.
Also, für jeden Einzelnen besteht euer Leben aus einer Kombination von zwei Dingen: Die Verantwortung, die du hast als Vater, Mutter oder Ehepartner, Verantwortung und Pflichten, die du in deiner Gemeinde hast, Verantwortung und Pflichten, die du auf deiner Arbeit hast. Und dann gibt es vielleicht ein Verlangen in dir, etwas zu tun, und die Christen nennen das sehr oft einen Ruf.
Also, alle diese Dinge zusammengenommen machen unser Leben als Individuen aus. Und ich nenne das vielmehr Verantwortung und Pflichten, als dass ich das Mission nenne. Aber Teil unserer Verantwortung und Pflicht als ein lebendiges Mitglied einer Gemeinde, dessen Mission es ist, ist, das Evangelium zu verkündigen, ist natürlich, dass wir selbst das Evangelium verkündigen. Das wollte ich nur klarstellen.

Wie Gemeinde Berufung prüft und begleitet

Also, wie hilft die Gemeinde in dieser Frage? Es geschieht durch Ausbildung und Ermutigung. Die Gemeinde als Ganzes wird unterwiesen, damit das Evangelium erklärt wird und auch die Fragen beantwortet werden, die ihr habt. So könnt ihr auch Fragen beantworten, die andere euch stellen.
Aber nicht nur das: Die Rolle der Gemeinde besteht auch darin, dass wir einander in der Versammlung auf verschiedene Weise ermutigen, das Evangelium weiterzugeben. Wir erinnern einander daran, dass es vielleicht durchaus Gründe geben mag, sich zu fürchten, es aber dennoch gilt: Das Evangelium ist die Kraft Gottes zur Rettung. Das ist ein unglaublicher Satz. Keine andere Botschaft in der Welt wird als die Kraft Gottes zur Rettung bezeichnet. Das Evangelium hat eine eigene Kraft. Und auch durch unsere Furcht hindurch sprechen wir es aus. Als Mitglieder einer Gemeinde sind wir verpflichtet, einander genau dazu zu ermutigen.
Aber was ist, wenn die Gemeinde das vielleicht nicht so tut und jemand sagt: Ich denke, ich habe eine Berufung, Missionar zu sein, Pastor zu sein, und dann gehe ich eben allein. Ist mir ja egal. Brauche ich die Gemeinde dazu, oder ist das eine ganz individuelle Entscheidung?
Um das etwas zu konkretisieren: Ich war vor einiger Zeit an einer Bibelschule und traf jemanden, der bei uns nie Mitglied der Gemeinde geworden war, aber viele, viele Jahre bei uns in der Gemeinde gewesen war. Plötzlich war er an der Bibelschule. Ich hatte gemerkt, dass er nicht mehr bei uns in der Gemeinde war, und er sagte: Ich werde jetzt Pastor. Ich war doch leicht überrascht, weil ich davon in der Gemeinde überhaupt nichts gemerkt hatte, dass da eine Begabung sein könnte. Er war aber auch nicht gefragt worden. Die Bibelschule hatte diese Person angenommen, ohne jemals mit uns zu sprechen. Das war übrigens nicht euer Fall.
Wäre das okay, oder ist das problematisch? Nein, nein, nein, das ist nicht gut. Du brauchst die Gemeinde. Die Mission ist die Mission der Gemeinde. Sie ist der Gemeinde gegeben als der Außenposten des Königs, nicht direkt jedem Einzelnen. So üben wir die Mission der Gemeinde aus, als lebendige Glieder unter der Autorität der Gemeinde. Das ist die theologische Wahrheit, wie der König es eingerichtet hat.
Aber lass mich noch ein paar Worte über diesen Gedanken der Berufung, des Rufes, verlieren. Ich höre so viele Christen über einen Ruf sprechen, wie du es beschrieben hast. Und das ist absoluter Quatsch. Ein Ruf zu etwas besteht aus drei Dingen, die alle vorhanden sein müssen: einem Verlangen, einer Gabe und einer Gelegenheit.
Wenn es um das Verlangen geht, dann kannst du das ziemlich gut mit dir selbst abmachen. Habe ich ein Verlangen, Pastor zu sein? Habe ich ein Verlangen, Missionar zu sein? Aber die anderen beiden kommen wirklich von den zwei anderen beteiligten Parteien. Wenn es um die Frage der Gabe geht, kommt das Urteil darüber, ob du die Gabe hast, dies oder jenes zu tun, von der Gemeinde. Die anderen Brüder und Schwestern schauen dich an und haben ein Gefühl dafür, ob du überhaupt in der Lage bist, dies oder das zu tun.
Nun hast du also ein Element der Berufung, das aus deinem Inneren entspringt, dann ein Element, das aus dem Urteil der Gemeinde kommt, und dann das dritte Element, die Gelegenheit. Diese muss aus der Vorsehung Gottes in den Umständen deines Lebens kommen. Und wenn nicht alle diese drei Dinge da sind, dann bist du nicht wirklich berufen, das zu tun.
Lass uns darüber nachdenken: Wenn es nur ein Verlangen bei dir gibt, aber niemand sagt dir, dass du die Gabe dafür hast, und du auch keine Gelegenheit hast, es auszuführen, zum Beispiel weil dich keine Gemeinde zu ihrem Pastor ruft oder keine Organisation dich zu einem Missionar macht, dann hast du keinen Ruf dazu. Alles, was du hast, ist das Verlangen, etwas zu tun. Damit daraus ein Ruf wird, muss das Urteil der Gemeinde dazukommen, und es muss auch eine Gelegenheit dazu geben. Und wenn das geschieht, dann erst ist es angemessen, von einem Ruf zu sprechen.
Herr Karsten, würdest du dem etwas hinzufügen wollen? Was sind deine Gedanken dazu?

Mentoring, Heimat und geistliche Begleitung

Ich wollte vielleicht einfach noch ergänzend oder erweiternd sagen, dass die Gemeinde ein ganz besonderes Potenzial hat, weil sie so unterschiedlich zusammengesetzt ist. Sie kann Einzelnen in ihrer Lebenssituation helfen, aber auch jungen Menschen bei ihren wichtigen Lebensentscheidungen.
Ich habe das selbst als sehr hilfreich erlebt, dass es Menschen gab. Dostojewski hat gesagt: Jeder Mensch braucht jemanden, zu dem er nach Hause kommen kann. Gerade junge Leute brauchen Menschen, mit denen sie reden können, über ihre Fragen und über die Entscheidungen, die sie treffen müssen. Und dann, wenn sie vielleicht in eine andere Stadt gekommen sind, brauchen sie noch einmal einen Rückhalt, einen Anknüpfungspunkt und Begleitung. Sie brauchen ein Zuhause, auch wenn man im Laufe der Ausbildungsphase und auch danach von hier nach dort zieht und sich die Lebenssituation oft total verändert.
Auch in dem Vortrag über Titus 2 haben wir gehört, dass wir aufgefordert werden, dass die ältere Generation die jüngere Generation lehrt und ihnen hilft. Ich denke, dass wir als Gemeinde ein großes Potenzial haben, das wir aber noch mehr nutzen könnten.
So ein Klima des Mentoring vielleicht: nicht jeder ist für jeden verantwortlich, aber sich einzelne Menschen aufs Herz legen zu lassen, die einem wichtig sind, für die man betet und die man auch vielleicht in so einer neuen Lebensphase, in der sie weggehen, begleitet. Man hält Kontakt, sodass man ihnen auch in den wichtigen Fragen eine Hilfe sein kann.

Ausbildung, Empfehlung und Gemeinde als Zentrum

Ganz konkrete Frage: FTH Gießen, da bist du ja als Dozent tätig. Erwartet ihr, dass Gemeinden einen potenziellen Studienkandidaten für das Studium empfehlen?
Ja, Studierende müssen, wenn sie bei uns anfangen möchten, Empfehlungen von Menschen ihres Vertrauens mitbringen. Meistens ist da auch ein Pastor oder Gemeindeleiter dabei. Wir haben auch selbst ein Mentoring-System.
Uns ist außerdem wichtig, dass wir nicht selbst eine Gemeinde sind. Deshalb ermutigen wir Studierende, sich im Laufe der ersten Monate umzuschauen, so viel jeder eben braucht, und dann auch eine Gemeinde zu suchen. Denn die Gemeinde ist zentral für den christlichen Glauben. Eine Ausbildungsstätte kann nur ein zusätzliches, wichtiges Angebot sein, aber sie hat die Gemeinde nicht zu ersetzen.

Praktische Formen der Begleitung

Herr Präsident! Ich möchte jetzt noch einmal ganz kurz ein letztes und ganz anderes Thema ansprechen, das jetzt nicht so viel mit euren Vorträgen zu tun hat, sondern mit vielem, was ich in meinen Gesprächen während dieser Konferenz mitbekommen habe. Eigentlich habe ich das auch schon in den letzten Jahren immer wieder gehört. Es passt zu dem, was ihr gerade eben gesagt habt, nämlich zum Thema Mentoring und Begleitung.
Hier haben wir nun sehr viele junge Menschen, die ihre Ältesten und ihre Pastoren anschauen und die Hoffnung haben, gementort zu werden. Was kann man als Pastor oder als reifer Christ in der Gemeinde, vielleicht auch als Ältester, tun, um jungen Menschen wirklich zur Seite zu stehen? Wie kann das konkret aussehen? Wie macht ihr das, wenn ihr an der FDH ein Mentoring-Programm habt? Wie macht ihr das in der Third Avenue Baptist Church in Louisville? Wie praktiziert ihr diese Form des Mentorings, des Trainierens von vielleicht zukünftigen Pastoren, Ältesten oder einfach treuen Christen?
Unser Mentoring-Programm setzt sich aus einem Kreis von Mentoren zusammen, die in unserem Umkreis wohnen und nicht selbst aus unserem Dozentenkreis kommen, weil das von den Rollen her manchmal schwierig werden könnte. Außerdem denken wir, dass es gut ist, wenn unsere Studierenden auch jemand anderen haben, der vielleicht in der Nähe der Berufung lebt, in der sie später einmal arbeiten möchten, und der schon Erfahrung hat. Also jemanden aus einer Gemeinde, vielleicht auch aus einem anderen Berufsfeld, der sich bereit erklärt, sie über ein Jahr oder zwei Jahre zu begleiten, sich ab und zu zu treffen und so ein Mentoring-Gespräch zu führen. Das ist ein Programm, das seit ein paar Jahren läuft und auch bei unseren Studierenden sehr beliebt ist.
Habt ihr dafür einen Gesprächsleitfaden, oder lesen die gemeinsam ein Buch, oder kommt der Mentee mit seinen Fragen und die werden dann diskutiert? Ich denke, dass das individuell abgesprochen wird. Es gibt Schulungen für die Mentoren, die angeboten werden, Vorträge oder auch eine ehemalige Studentin, die dafür verantwortlich ist, das einzuteilen und auch mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Aber es soll auch die Freiheit geben, das, was jeweils wichtig ist, für den einzelnen Studierenden durchzusprechen. Und jeder ist auch unterschiedlich von den Mentoren.
Abgesehen davon denke ich, dass neben diesen offiziellen Mentorenverhältnissen generell wichtig ist, dass wir einen guten Kontakt zu anderen Menschen haben, auch zu Dozenten und zu Studierenden. So hoffe ich es jedenfalls auch in Gemeinden. Das entwickelt sich manchmal natürlich. Das kann man auch nicht machen. Mit manchen ist man mehr im Gespräch, mit manchen kann man gut mitfühlen, weil man ähnliche Fragen oder vielleicht ähnliche Situationen gehabt hat. Ich meine, dass das jeder kann und dass gerade die Gemeinde dadurch einen Vorteil hat, dass eben nicht alle nur Theologen sind, beispielsweise, sondern man hat ja Menschen aus ganz unterschiedlichen Feldern und dadurch auch die Möglichkeit, Rat zu geben, in andere Felder hinein, an Menschen, die dort tätig sind.
Also würde ich Mut machen, auch jenseits von offiziellen Mentorenverhältnissen einfach zu überlegen: Wem könnte ich ein bisschen, das ist ja auch ein einfach mitmenschlicher Dienst der Liebe, wem könnte ich ein Freund sein? Wer ist mir wichtig? Ich frage mal nach. Mir war das eine ganz große Hilfe, wenn ich während meines Studiums nach Hause in meine Heimatgemeinde kam, zu erleben, dass mich Menschen ansprachen und sich freuten, dass ich da war, und nachfragten. Sie haben das irgendwie gemerkt, dass ich wieder da war. Und schon das hat mir sehr viel geholfen und gezeigt: Ich bin hier zu Hause, und ich habe auch einen Anknüpfungspunkt, wenn ich Fragen habe, wenn Entscheidungen anstehen oder wenn eine Not oder Ähnliches da ist.

Ein einfaches, aber anspruchsvolles Trainingsmodell

Dankeschön! Greg, wie macht ihr das in der Gemeinde? Könnt ihr eure Hand heben, wenn ihr Pastor oder Gemeindeleiter seid, damit ich noch einmal sehe, wie viele von euch das sind? Ja, einige von euch.
Ich möchte drei Dinge sagen. Erstens, und am wichtigsten: Wir sagen unseren jungen Männern, dass das Wichtigste, was sie tun können, nicht irgendein Mentorprogramm oder ein Praktikum ist, sondern dass sie lange leben und über eine lange Zeit hinweg in einer Gemeinde bleiben und dort dienen. Darüber könnte ich viel sagen, aber das mache ich jetzt nicht.
Dann würde ich euch ermutigen, ein oder zwei Leute herauszusuchen und einen Plan aufzustellen, sodass ihr sechs bis acht Treffen über sechs bis acht Wochen habt. Lest ein gutes theologisches Buch und sprecht einmal in der Woche darüber. Das Schöne daran ist, dass es nicht offen enden muss. Ihr müsst also nicht an den Punkt kommen, an dem ihr sagt: „Ich bin müde, mich mit dir zu treffen, wir hören jetzt auf.“ Setzt es für sechs oder acht Wochen an, und wenn es gut läuft, macht einfach noch einmal sechs oder acht Wochen weiter. Das ist eine gute Sache.
Das Dritte ist, dass wir auf der dritten Ebene ein sehr einfaches Internship haben. Wir haben also ein Praktikumsprogramm in unserer Gemeinde. Wir nehmen vier Männer pro Semester auf, und es dauert vier Monate. Wir haben es in vier Module unterteilt, eines pro Monat. Ein anderer Gemeindeleiter leitet jeweils so ein Modul. Das bedeutet, dass ich innerhalb eines Jahres nur zwei Monate damit beschäftigt bin, dieses Internship zu leiten, obwohl das Training das ganze Jahr über läuft.
Und das Vierte, was wir tun, ist Predigen. Also die vier Dinge, die wir tun, sind: Predigen, Administration und Verwaltung, also Finanzen und wie man praktisch eine Gemeinde führt, Musik und Anbetung und dann Leiterschaft und Ältestenschaft. In jedem dieser Module müssen die Jungs ein Buch lesen. Aber die wichtigste Sache, und die Dinge, die es am besten tragen, ist, dass sie in diesen Modulen auch etwas tun müssen.
Zum Beispiel muss in diesem Predigtmodul jeder dreimal predigen. Wir treffen uns buchstäblich um sieben Uhr morgens im Gemeindehaus, und der jeweilige Redner hat eine 15-minütige Predigt vorbereitet. Er predigt sie mir und den drei anderen Praktikanten. Das ist ganz merkwürdig, aber es hilft, weil sie dann endlich dazu kommen und Feedback bekommen.
Ein weiteres Beispiel ist das Finanzverwaltungsmodul. Dort geben wir der Gruppe unser Budget, unser Finanzbudget, und wir sagen ihnen, dass sie eine Woche Zeit haben, darüber zu beraten, wie sie das Budget um 25 Prozent reduzieren. Wir sagen ihnen eine Woche später, dass es nicht genügend Einnahmen geben wird. Und dann sagen wir ihnen eine Woche später, dass wir dreißig der schwierigsten Köpfe einladen werden, also die Querulanten der Gemeinde. Wir laden dreißig Mitglieder unserer Gemeinde in einen Raum ein, und diese dreißig sind die schwierigsten Köpfe. Diese Jungs sollen nun diesen dreißig ihr Programm vorstellen, sollen Fragen beantworten, und dann muss die Versammlung darüber abstimmen, ob sie dieser Budgetkappung zustimmt.
Das ist ein Riesenspaß. Bis jetzt hat noch keine Internklasse geschafft, dieses gekappte Budget durch diese dreißigköpfige Versammlung durchzubringen. Aber es ist sehr praktisch und nützlich für sie. Und der Nutzen daran liegt auch darin, dass es mir nicht langweilig wird. Das könnt ihr auch machen, das ist ohne großen Aufwand ein Spaß.

Ermutigung für Leitende und der Abschluss der Runde

Das gibt uns wahrscheinlich tiefere Einblicke in die Persönlichkeit von Greg Gilbert. Schön, dass wir dich so kennenlernen dürfen.
Ich möchte noch eine allerletzte Sache in diesem Zusammenhang sagen. Das sage ich vielleicht eher als Frage, weil ich mir vorstellen kann, dass es in Gregs Kontext ganz anders ist. Vielleicht hast du, Jan Carsten, ja noch etwas zu ergänzen.
Ich habe mit einigen hier gesprochen, die sich jetzt auf der Seite derer befinden, zu denen ihr jungen Leute hingehen würdet und sagen würdet: Auch das muss ein Mentor für mich sein. Gemeint sind eure Ältesten und Pastoren. Und ich habe von eigentlich jedem Ältesten und Pastor, mit dem ich hier in diesen Tagen gesprochen habe, gehört, dass er überlastet ist, dass er entmutigt ist, dass er unheimlich viel zu tun hat, viele Anforderungen hat und auch theologische Kämpfe austrägt. Und jetzt kommen immer noch mehr Erwartungen dazu, die zwar gut sind, aber einfach zu viel werden.
Einerseits möchte ich die Pastoren ermutigen, trotzdem zu erkennen, dass das eine ganz strategisch wichtige Sache ist, die sie tun sollten, wenn es irgendwie geht. Gleichzeitig möchte ich euch alle ermutigen, zu bedenken, dass vielleicht die Person, die von allen in eurer Gemeinde am wenigsten Mentoring bekommt, der Pastor ist. Und potenziell auch seine Ehefrau.
Das ist einfach eine Ermutigung für euch, darüber nachzudenken, wie ihr ganz bewusst, vielleicht jetzt mit lauter guten Ideen ausgerüstet, was euer Pastor noch alles besser machen müsste, in eure Gemeinden zurückgehen könnt. Und wie ihr eben nicht dafür sorgen könnt, dass eure Pastoren und Ältesten noch eine zusätzliche Last aufgeladen bekommen, sondern wie ihr sie positiv ermutigen könnt, ihnen helfen könnt und vielleicht gerade über diesen Weg auch positiv Dinge verändern könnt.
Einfach eine Ermutigung für euch, darüber nachzudenken, wie konkret ihr das in eurem Kontext vielleicht tun könnt. Also bewusst daran zu denken: Auch eure Pastoren, Ältesten und ihre Frauen sind Menschen, die Ermutigung brauchen, die Unterstützung brauchen und die es oft am schwersten haben, weil sie in der ersten Linie im geistlichen Kampf stehen und mit vielen Erwartungen konfrontiert werden.
Kurze Ermutigung für euch. Irgendwelche Gedanken dazu, Jan Carsten?
Ich stimme überein. Ich finde es ganz wichtig, eine Kultur der Ermutigung zu schaffen. Und aus der Ermutigung heraus kann man auch Akzente setzen und Neues schaffen. Aus einem Klima der Verbitterung, der Enttäuschung und des Ärgers heraus gelingt das meistens schlecht.
Greg, do you have anything to add?
No, you're right.

Dank und Verabschiedung

Okay, dann denke ich, beenden wir diese Talkrunde. Es gibt jetzt Mittagessen.
Greg, du wirst heute Nachmittag nicht hier sein, oder? Du fährst zurück.
Greg muss sich noch auf heute Abend vorbereiten. Er macht noch hier in der Arche Jugend ein Thema, und morgen predigt er noch. Das heißt, er braucht noch ein bisschen Zeit, sich vorzubereiten.
Das heißt, Greg wird uns jetzt gleich verlassen. Ich hoffe, ihr alle nicht, sonst predige ich nachher mir selbst. Aber auch das werde ich tun.
Aber bevor wir Greg dann gleich verabschieden, wollen wir doch die Gelegenheit nutzen und uns bei dir bedanken, Greg. Du hast uns gut gedient. Es war eine Freude und ein Privileg, dich hier zu haben.
Ich weiß, es war dein erstes Mal in Deutschland. Ich hoffe, du nimmst gute Erinnerungen mit, nicht nur vom Sightseeing in Hamburg und Berlin, sondern hoffentlich auch ein wenig von der Gemeinschaft, die wir mit dir haben durften.
Man nimmt Grüße mit nach Louisville.