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Liebe: Feindesliebe

Matthäus 5,43-48
Matthäus 5,43-5,4825.08.2003
Serie•Teil 27 / 37Matthäus-Evangelium
Wie geht man mit Feinden um? Ist es möglich, sie zu lieben? Die Predigt beleuchtet die Herausforderung, unseren Feinden mit Liebe und Gebet zu begegnen, basierend auf Matthäus 5,43-48. Feindesliebe ist nicht nur ein schöner Gedanke, sondern ein göttlicher Auftrag. Der Weg zur Liebe zeigt sich in praktischen Taten und im Gebet für diejenigen, die uns verletzen. So wird es zu einem Zeichen unserer Zugehörigkeit zu Gottes Familie. Was kann jeder Einzelne tun, um die Liebe tatsächlich zu leben?

Einleitung mit historischem Beispiel

Wir schreiben das Jahr 1567. Wir befinden uns etwa ein halbes Jahrhundert nach Beginn der protestantischen Reformation. In dieser Zeit setzt der König von Spanien den Herzog von Alba als Gouverneur über den südlichen Landesteil ein.
Dieser Herzog von Alba war ein bitterer Feind der Reformation. Mit seinem Amtsantritt herrscht bald blanker Terror. Weil so viele Protestanten abgeschlachtet werden, nannte man seine Regierungsmannschaft auch abfällig den „blutigen Rat“.
Aus dieser Zeit wird berichtet, dass ein Mann, den man wegen seines biblischen Glaubens zum Tode verurteilt hatte, mitten im Winter die Flucht gelang. Verfolgt von nur noch einem einzigen Soldaten, schleppt er sich frierend und hungrig voran, bis er an das Ufer eines Sees kommt. Der See ist zugefroren, aber als er darauf tritt, merkt er, dass das Eis dünn ist. Bei jedem Schritt entstehen Risse, und es knackt gefährlich.
Da er zu keiner anderen Seite mehr fliehen kann, wagt er den riskanten Weg über das Eis. Irgendwie erreicht er sicher das andere Ufer. Gerade als er sich mit seinen Händen hochziehend die Uferböschung hinaufarbeitet, hört er die verzweifelten Rufe seines Verfolgers. Er dreht sich um und sieht den Soldaten, der durch das Eis gebrochen ist. Er kann sich nicht hochziehen, sucht Halt und rutscht immer wieder vom Eis ab.
Einen kurzen Moment dreht er sich weg und will weiter klettern. Dann plötzlich kommt ihm ein Bibelvers in den Sinn: Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen. Noch einmal blickt er auf den See. Er sieht die verzweifelten Versuche des Soldaten, mit eigener Kraft aus dem eiskalten Wasser zu entkommen. Immer noch ruft dieser um Hilfe.
Dann steigt der Christ langsam hinunter zum See, trotz der Gefahr, wieder gefangen genommen zu werden, trotz seiner Furcht vor Folter und Exekution und angesichts der realen Gefahr, selbst zu ertrinken. Er wagt es, zu dem Soldaten hinzugehen, und rettet seinen Feind vor dem Untergehen.
Warum? Weil er keine andere Wahl hat, wenn er seinem Herrn treu bleiben will. Und wir hätten auch keine andere Wahl, wenn wir den Text, um den es heute Morgen gehen soll, in unserem Leben konsequent umsetzen.
Wir wollen heute Morgen gemeinsam fortfahren in der Bergpredigt, Matthäus 5,43-48, und ich lese die Verse 43 bis 48:
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe? Und wenn ihr allein eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die von den Nationen dasselbe? Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Missverständnisse über das Alte Testament

Wenn man diesen Text liest, dann passiert es einem, dass kritische Leute kommen und sagen: Na schau mal, das ist doch ein idealer Text, um zu zeigen, wie groß der Unterschied zwischen dem Alten Testament auf der einen Seite und dem Neuen Testament auf der anderen Seite ist. Wenn Jesus sagt: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen, ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, na ja, größer kann der Unterschied zwischen Altem und Neuem Testament doch gar nicht sein. Hier Hass, dort Liebe. Was gilt denn jetzt?
Ich denke, die meisten kennen die Antwort. Wir haben das in den zurückliegenden Abschnitten immer wieder gesehen: Wenn es hier heißt, ihr habt gehört, dass, dann beschreibt Jesus nicht die tatsächliche Lehre des Alten Testaments, sondern die Auslegung und die Anwendung alttestamentlicher Prinzipien in seiner Zeit. Also, wenn es hier heißt: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen, dann ist das nicht ein Zitat aus dem Alten Testament, sondern es ist das, was man zur Zeit Jesu aus dem Alten Testament gemacht hat. Oder anders ausgedrückt: Der alte Text im Alten Testament unterstützt nicht die Lehre vom Hass auf die Feinde.
Interessanterweise sagt das Alte Testament auch noch ein bisschen mehr über Nächstenliebe, als hier steht. Also schauen wir uns den ersten Teil an: Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Der erste Teil, du sollst deinen Nächsten lieben, findet sich genau so im Alten Testament. Wir schlagen dazu auf: 3. Mose 19,18. Dort heißt es: Du sollst dich nicht rächen und den Kindern deines Volkes nichts nachtragen und sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Also mir geht es so: Ich bin ja manchmal in Volkshochschulkursen, wo Leute drinstecken, die genau diese Meinung haben: Altes Testament, blutrünstig, grausam, Hass auf die Feinde; Neues Testament, Liebe, Friede, Freude, Eierkuchen. Und dann nimmt man so eine Stelle und sagt: Schau mal, Nächstenliebe, den Nächsten lieben wie sich selbst, wo steht denn das? In der Bergpredigt. Und wo noch? Keine Ahnung. Und wenn euch das begegnet, nehmt 3. Mose 19,18, da steht es. Im Alten Testament schon war es Gottes Standard für zwischenmenschliche Beziehungen, dass wir einander lieben sollen. Nichts Neues im Neuen Testament. Schon im Alten Testament war es falsch, den anderen zu hassen. Es war falsch, wie es hier im Text heißt, sich zu rächen. Es war falsch, dem anderen etwas nachzutragen. Und es war vor allem falsch, wenn man dem anderen gegenüber nicht Liebe geübt hat.
Das Interessante ist, dass bereits im Alten Testament Gott eine Messlatte mitgibt. Weil es immer die Frage ist: Wie viel soll ich denn bitteschön jetzt den anderen lieben? Ich weiß ja gar nicht, wie sehr ich den anderen lieben soll. Und wenn ich nicht weiß, was ich tun soll, dann tue ich lieber gar nichts, dann mache ich auch nichts falsch. Aber hier steht etwas von einem Maß: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst. Gib dem anderen doch einfach das an Liebe, was du gerne hättest, wenn du in seiner Situation wärst, und schon erfüllst du dieses Gebot. Ganz simpel, oder? Denn wenn ich mir vorstelle, oder andersherum: Wenn ich nicht genau weiß, wie kann ich dem jetzt helfen, dann stelle ich mir einfach vor, ich wäre in seiner Situation. Und dann wüsste ich eigentlich schon, was ich so an Hilfe gerne hätte. Und genau das geben wir ihm. So einfach ist Bibel, so einfach ist das Alte Testament.
Und dass der Nächste, den ich lieben soll, dass damit durchaus auch mein Feind gemeint sein kann, auch das ist alttestamentliche Lehre. Ich möchte es euch mit dem guten alten Beispiel aus dem Alten Testament von dem verlorengegangenen Vibus erklären. Jetzt würdet ihr sagen: Von VW-Bussen steht nichts im Alten Testament. Das ist richtig, aber so etwas Ähnliches. Wir schlagen mal auf 5. Mose 22,1. Und ihr werdet feststellen: Der verlorene VW-Bus, das ist dann das Rind oder der Esel. 5. Mose 22,1: Nicht darfst du zusehen, wie das Rind deines Bruders oder sein Schaf umherirrt und dich ihnen entziehen; du sollst sie deinem Bruder unbedingt zurückbringen.
Die Situation ist ganz einfach: Du gehst in deinen Vorgarten, da steht plötzlich eine Kuh. Du denkst: Ups, hat ja gar keine, wo kommt die denn her? Und dann hat die so ein Schild, und da steht dann drauf: Ich bin Wallis Kuh. Und dann weiß ich: Aha, das ist Wallis Kuh. Und dann soll ich die nicht schlachten und möglichst schnell in meine Gefriertruhe packen, sondern dann soll ich zu Walli gehen und sagen: Walli, deine Kuh hat sich zu mir verirrt. Das ist der Gedanke von dem Text.
Jetzt werden viele von euch wissen, dass das fünfte Buch Mose eine Wiederholung der Gebote ist, die wir schon im zweiten Buch Mose lesen. Warum? Zwischen dem zweiten und dem fünften Buch Mose liegen, grob gesagt, vierzig Jahre. Und in dieser Zeit ist eine ganze Generation von Israeliten gestorben. Und bevor es jetzt wieder hinein ins verheißene Land geht, wiederholt Mose für die neue Generation noch einmal die Gebote. Und wir können jetzt schauen, wo sich dieses Gebot befindet, das ich eben vorgelesen habe. Ich lasse mal seine erste Erwähnung in 2. Mose. Und da springen wir mal hin zu 2. Mose 23,4.
 2. Mose 23,4 hört sich ziemlich ähnlich an. Da heißt es: Wenn du das Rind deines Feindes oder seinen Esel umherirrend antriffst, sollst du sie ihm auf jeden Fall zurückbringen. In 5. Mose formuliert es sich so: Wenn du das Rind deines Bruders findest, bring es ihm zurück. Hier: Wenn du das Rind deines Feindes findest, dann bring es bitte auch zurück. Und was ich damit zeigen möchte, ist, dass es gar keine Rolle spielt, ob derjenige, dem das Rind gehört, mein Bruder oder mein Feind ist. In beiden Fällen soll ich ihn lieben, wie ich es gerne für mich selber hätte. Und wenn meine Kuh irgendwo davonläuft und jemand findet sie, und ich lebe womöglich von dem, was diese Kuh an Milch gibt, und sie ist ein großer Wertgegenstand, ein bisschen wirklich vergleichbar mit dem Auto, das du fährst, dann hätte ich es gerne wieder zurück. Und das Alte Testament macht klar: Es spielt überhaupt keine Rolle, ob der, von dem du da etwas gefunden hast, dein Bruder oder dein Feind ist.
Fazit: Das Alte Testament kennt kein Gebot: Du sollst deinen Feind hassen. Und wenn es dann in Matthäus 5,43 heißt: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen, dann geht das tatsächlich an den Geboten Gottes vorbei. Und von daher verwundert es uns wahrscheinlich auch nicht, wenn wir nur noch ein anderes Beispiel in Sprüche 25 lesen, über den Umgang mit Feinden, dass da nicht steht: Hasse sie, sondern Sprüche 25,21: Wenn dein Hasser Hunger hat, gib ihm Brot zu essen, und wenn er Durst hat, gib ihm Wasser zu trinken; denn glühende Kohlen häufst du auf sein Haupt, und der Herr wird es dir vergelten.
Ich habe einen Feind, und ich soll ihm, das ist jetzt alles Altes Testament, mit Nächstenliebe begegnen. Und ich soll ihm mit ganz, ganz praktischer Hilfe begegnen.

Jesu Gebot und die praktische Feindesliebe

Damit wir die Tragweite dieser Lektion wirklich begreifen, befiehlt Jesus mit bahnbrechender Deutlichkeit in Matthäus 5,44: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde!“
Zur Zeit der amerikanischen Revolution – ihr seht, ich mache mit euch immer ein bisschen Geschichte – also zur Zeit der amerikanischen Revolution, das war Ende des 18. Jahrhunderts, lebte in Ephrata, das ist eine Stadt in Pennsylvania, ein Baptistenpastor mit dem Namen Peter Miller. Dieser Peter Miller war ein guter Freund des Oberkommandierenden der amerikanischen Streitkräfte, George Washington.
Im gleichen Ort wie Peter Miller lebte auch Michael Whitman. Und der war nun ein ziemlich übler Geselle, der eigentlich alles daran setzte, dem Pastor das Leben schwer zu machen und ihn auch öffentlich zu demütigen.
Eines Tages kommen Soldaten und nehmen diesen Michael Whitman fest. Er wird angeklagt, des Verrats für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Als Peter Miller das hört, schleppt er sich über einhundert Kilometer zu Fuß von Ephrata nach Philadelphia, um das Leben dieses Verräters zu retten.
Nachdem er bei seinem Freund George Washington vorgelassen und seine Bitte vorgetragen hatte, antwortete George Washington: „Nein, Peter, ich kann dir das Leben deines Freundes nicht schenken.“ Meines Freundes, entgegnete der alte Prediger, „das ist nicht mein Freund, das ist mein bitterster Feind.“ „Wie bitte?“, ruft dann George Washington. „Du bist die ganze Strecke von Ephrata bis Philadelphia gelaufen, um das Leben deines Feindes zu retten?“ „Ja, das stellt deine Bitte allerdings in ein anderes Licht. Ich werde Erfolge leisten, und ich werde ihn begnadigen.“
Und so geschah es auch. Peter Miller konnte seinen alten Feind mit zurück nach Ephrata nehmen. Und es muss wohl kaum erwähnt werden, dass noch auf dem Weg aus Feindschaft Freundschaft wurde.
Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde!
Es ist menschlich, wenn wir lieben, was uns attraktiv erscheint, was uns irgendwie angenehm ist. Leute, die wir hübsch finden, da finden wir es leicht, sie zu lieben. Hobbys, die Spaß machen, sind auch kein Problem. Autos, die so ein bisschen sportlich fahren, alles keine Schwierigkeit. Das können wir alles ganz leicht lieben.
Nur: Diese Form von Liebe ist nicht die Form von Liebe, die Gott von uns erwartet. Wirkliche Liebe, echte Liebe macht sich nicht davon abhängig, ob ich in dem anderen etwas finde, was mir liebenswert erscheint. Sondern sie macht sich nur von einer Sache abhängig: Braucht der andere meine Liebe?
Also geht es nicht um ein Gefühl, ob ich mich dabei irgendwie wohlfühle, wenn ich ihm helfe, sondern es geht um die Tat, ob ich ihm tatsächlich auch Unterstützung bringe.
Woher weiß ich das? Das ist die Art von Liebe, wie Gott lebt. In Römer 5,8 heißt es: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist.“
Gott schaut auf diese Menschheit und sieht diese hässlichen, kleinen, dreckigen, nichtswürdigen Sünder, die vom ersten Tag ihres Lebens an darauf gepolt sind, sich gegen ihn aufzulehnen, ihr Leben in Ablehnung und im Schmarotzertum gegen Gott zu verbringen. Und Gott sieht diesen Abschaum. Und da gibt es nichts, wo er sagen würde: „Oh, wie nett, ja, dafür lohnt es sich zu retten.“ Nein, das gibt es nicht.
Er sieht uns durch und durch. Er sieht uns, ich sag’s mal, klarer, als wir uns selber sehen. Er erkennt in uns die Sünde, die wir noch gar nicht selber als Sünde erkannt haben, und trotzdem, trotzdem liebt er uns.
Liebe, Gottesliebe, sie sieht den Einzelnen. Sie sieht die Not des Einzelnen, seine Verlorenheit, seine Hoffnungslosigkeit, sein schreckliches Schicksal. Und Gottes Liebe antwortet darauf. Darf ich so formulieren: Gott tut etwas. Er liebt sichtbar, praktisch.
In 1. Johannes 4 lesen wir von dieser praktischen Liebe Gottes. Nachdem Johannes schreibt: „Gott ist Liebe“, 1. Johannes 4, jetzt Vers 9, fährt er fort mit: „Hierin ist die Liebe Gottes zu uns geoffenbart worden, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben möchten.“
„Hierin ist die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden.“
Gott tut etwas. Gott liebt praktisch. Gott liebt die, die nicht liebenswert sind. Und von daher kann Jesus so deutlich formulieren: Liebt eure Feinde, weil Gott es selber auch getan hat.

Die Reichweite der Liebe und das Gebet für Gegner

Wenn wir das verstanden haben, dann stellt sich für uns auch nicht mehr die Frage: Wen soll ich lieben? Wer ist mein Nächster?
Wobei man natürlich, wenn man solche Fragen stellt, im Kopf immer schon filtert. Da gibt es immer eine Gruppe von Leuten, die werden nie meine Nächsten sein. Im Neuen Testament waren Zöllner, Prostituierte und Samariter nie die Nächsten. Die haben nie Hilfe bekommen.
Aber wenn man merkt, dass Jesus für alle gestorben ist, dann weiß man, dass diese Unterscheidung in die Guten, denen ich mal helfe, wenn es darauf ankommt, und die Bösen, mit denen ich eigentlich nichts zu tun habe, schrecklich unbiblisch ist.
Es geht nicht um die Frage: Wen soll ich lieben? Nein, die eigentliche Frage lautet: Wie kann ich am besten lieben? Was kann ich tun, damit meine Liebe bei dem anderen auf die bestmögliche Weise ankommt und ihm am besten hilft?
Und dann sagt Mark Twain, spitz wie immer: Bevor man anfängt, seine Feinde zu lieben, sollte man seine Freunde besser behandeln.
Ich habe mich da wiedergefunden. Ich merke, es ist so leicht, über Feindesliebe zu philosophieren. Ja, wie wichtig es ist, meine Feinde zu lieben. Und wenn ich in der Situation wäre mit dem ertrinkenden Soldaten, wäre ich dann womöglich auch umgekehrt. Vielleicht.
Aber über all diese Philosophiererei gelingt es mir gleichzeitig, meine Ehefrau schlecht zu behandeln. Sie ist ja nicht mein Feind. Kann man so argumentieren? Nein, ich glaube, wenn wir unsere Feinde lieben sollen, dann ist das ein Ausdruck dafür, dass jeder Mensch, der uns über den Weg läuft, ein Recht auf unsere Liebe hat.
Es müssen nicht nur die Leute sein, die gerade dabei sind, uns das Leben zu nehmen, die wir lieben. Es können auch die ganz gewöhnlichen Leute sein, die uns über den Weg laufen. Leute, die einfach nur ein klein bisschen gemein zu uns sind oder ein bisschen ungeduldig. Vielleicht Leute, die uns gegenüber ein Vorurteil haben, manchmal gehässige Bemerkungen machen, sich so ein bisschen in den Vordergrund spielen, wenn wir dabei sind. Vielleicht sind es auch Leute, die einfach nur eine andere Meinung haben als wir.
Das können ganz normale Leute sein. Das kann dein Ehemann sein, deine Mutter, dein Schulfreund, deine Nachbarin, ein Verkäufer im Supermarkt. Denen wir begegnen, und immer gilt dieses Gebot: „Liebet eure Feinde“ heruntergebrochen auf jede einzelne Begegnung unseres Lebens. Liebe die Menschen, denen du begegnest. Liebe sie so praktisch wie möglich und so viel wie nötig.
Und noch etwas: Wenn du schon beim Lieben bist, dann bete doch auch für sie! Matthäus 5,44: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen!“
Ich dachte mir, das ist einer von diesen schönen, einfachen Versen, wo die Anwendung so einfach ist. Die Anwendung von dem Vers lautet ungefähr folgendermaßen: Also, wer immer dich verfolgt, mit meinen Worten, wer immer dir irgendwie das Leben schwer macht, ihr könnt ja mal durchgehen, ob es solche Leute in eurem Leben gibt, die euch an irgendeiner Stelle das Leben so ein bisschen schwer machen, versauern, wo ihr sagt: Wenn der nicht da wäre, dann wäre ein bisschen mehr Sonnenstrahl in meinem Leben.
Vielleicht gibt es in eurem Leben ja solche Leute, die ihr in diese Rubrik packen würdet. Und das Schöne ist: Ich kann euch jetzt sagen, dass, wenn euch jetzt ein Name einfällt oder zwei oder zehn oder fünfzig, je nachdem, was ihr da so für Freunde und Feinde habt, also wenn euch da jetzt Namen einfallen, dann setzt diese Namen heute noch auf eure Gebetsliste. Gut, ganz einfach.
Wenn du jemanden hast, wo du sagst: Also ohne den wäre es schöner in meinem Leben, wunderbar, sofort auf die Gebetsliste. Das ist das, was hier steht. Ganz einfache Anbindung.
Und warum? Na ja, das mit der Feindesliebe ist eigentlich etwas, was nicht ganz natürlich aus uns herauskommt. Da müssen wir uns überwinden. Und so kann es auch uns Christen passieren, dass es Leute gibt in unserem Umfeld, wo wir wissen: Die haben, weil Jesus es sagt, ein Recht darauf, dass wir sie lieben. Aber ganz ehrlich: Ich schaffe es nicht. Oder ich schaffe es bei weitem nicht so, wie ich mir das vorstelle.
Und hier ist das Gebet etwas, was die eigentliche Tat der Liebe vorbereitet. Wenn ich auf den Knien liege und ich habe das Gesicht eines Menschen vor Augen, von dem ich weiß, er ist wirklich gegen mich, sei es auf Arbeit oder in der Schule oder im Studium oder wo auch immer, und ich stelle mir vor und ich nehme mir Zeit, für ihn zu beten, für seine Situation, wenn er nicht gläubig ist, für seine Verlorenheit, und ich bringe das vor Gott, ich bete nicht nur über ihn: „Oh Herr, befreie mich von ihm“ oder sonst irgendetwas, und ich bete für ihn: Herr, schenke es, dass er sich bekehrt, gib du Gnade für das und das und das, wo ich mir in Vorstellung machen kann, was er braucht.
Meinst du nicht, wenn du von deinen Knien wieder aufstehst und du begegnest ihm das nächste Mal, dass du Kraft hast, ihn mehr zu lieben, weil du dich ein Stück weit gezwungen hast, ihn mit den Augen Gottes anzusehen und weil du es erlaubt hast, dass die Barmherzigkeit Gottes durch dein Leben in einem Gebet ihren Niederschlag gefunden hat?
Setze Leute, die dich nicht mögen, auf deine Gebetsliste. Und wenn wir das tun, dann führt Jesus jetzt im Folgenden noch drei Gründe an, warum dieses Tun so wichtig und richtig ist.

Drei Gründe für diese Lebensweise

Vers 45, Matthäus 5,45
Wir sollen unsere Feinde lieben und für die, die uns verfolgen, beten, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
Ist heute Morgen die Sonne aufgegangen? Ja, sieht so aus. Scheint sie nur hier in Mariendorf, nur hier in dieser Parzelle, nur hier oben rein, weil hier die Gläubigen sitzen? Nein, sie scheint überall. Oh, warte mal, auch in Zehlendorf, Olli, sie scheint überall da, wo Menschen sind, weil Gott seine Sonne heute Morgen hat aufgehen lassen über Gerechte und Ungerechte.
Er schenkt auch denen, die ihn ablehnen, materiellen Segen. Er macht keinen Unterschied zwischen den Bösen und den Guten, zwischen den Gerechten und den Ungerechten. Er schenkt einfach, er gibt. Und Gott ist derjenige, der sagt: Ich möchte dieses Verhalten, diese Freigiebigkeit, diese Unparteilichkeit im Lieben, die möchte ich auch bei meinen Kindern, bei meinen Söhnen und Töchtern sehen.
 1. Johannes 4,7
Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott, und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren.
Jeder, der liebt, ist aus Gott geboren. Das heißt: In der Geburt, in der Neugeburt, in der Neuschöpfung Gottes, im Leben eines Menschen steckt automatisch darin, dass er zu einem Menschen wird, der liebt. Und deswegen kann unsere Liebe tatsächlich allen Menschen auch zeigen, dass wir zur Familie Gottes gehören. Und das will Gott.
Ich möchte auch, dass das Verhalten meiner Kinder, und zwar das gute Verhalten meiner Kinder, allen zeigt, dass sie zu meiner Familie gehören.
Vers 46 und Vers 47, der nächste Grund:
Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe? Und wenn ihr allein eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die Heiden dasselbe? In eurem Text steht wahrscheinlich: die von den Nationen. Aber das meint Heiden. Tun nicht auch die Heiden und die Nichtjuden dasselbe?
Es ist einfach nichts Besonderes dabei, wenn ich wie jeder Zöllner, also wie jeder andere Sünder auch, in selbstsüchtiger Weise einfach nur mit solchen Menschen Umgang habe, herzlichen Umgang habe. Das steckt hinter dem Begriff „grüßen“. Das ist so viel wie: Ich wünsche dir Frieden und Gottes Segen. Es ist herzlicher Umgang und Liebe. Und ich übe das nur mit solchen Leuten, die ich sowieso mag, die zu meinem inneren Zirkel gehören.
Das ist nichts Besonderes, und Gott wird ein solches Verhalten auch nicht belohnen. Oder anders ausgedrückt: Wenn es um Liebe und Herzlichkeit geht, dann sollen wir tatsächlich aus der Masse herausstechen. Dann soll unser Leben im Vergleich zu dem normalen Leben anderer Menschen um uns herum einen Unterschied machen.
Und ich sage euch eins: Wenn ihr das ernst nehmt, werdet ihr bei einigen Leuten, die Gott nicht kennen, arge Probleme bekommen, sie auszustechen. Es gibt einige Leute, die ohne Gott leben und ein Maß an Liebe und Herzlichkeit zeigen, was auszustechen für uns wirklich ein Problem darstellt. Aber Gott sagt: Tschüss, liebe deine Feinde.
Vers 48
Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
„Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Wenn es irgendeinen Vers in der Bibel gibt, der klar zeigt, dass die Erfüllung eines ethischen Maßstabs, das Halten von Geboten, niemanden in den Himmel bringt, niemals die Vorbedingung für den Eintritt in den Himmel sein kann, dann das da. Denn wenn hier steht: Ihr sollt nun vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist, dann fällt auch dem dümmsten Dödel auf, dass das niemand kann. Das geht einfach nicht.
Auch das ist eine Forderung, die wir im Alten Testament finden. Im Alten Testament heißt es: 3. Mose 19,2: Ihr sollt heilig sein, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig. Da merken wir schon: Wir sollen nicht anders sein als Gott. Und an anderer Stelle, 5. Mose 18, heißt es: Ihr sollt untadelig sein. Alte Elberfelder übersetzt: Ihr sollt vollkommen sein vor dem Herrn.
Auch hier merken wir: Der alttestamentliche Anspruch ist nicht anders als der neutestamentliche Anspruch. Gott will Vollkommenheit. Und mit diesem Ziel vor Augen wird jedem von uns klar, dass wir in der Glaubwürdigkeit, in der Glaubwürdigkeit, in der Glaubwürdigkeit, in der Glaubwürdigkeit, in der Glaubwürdigkeit, in der Glaubwürdigkeit, in der Glaubwürdigkeit, in der Glaubwürdigkeit, in der Glaubwürdigkeit, in der Glaubwürdigkeit, dass wir, solange wir hier auf der Erde leben, niemals fertig sind.
Keiner von uns wird sagen können: Ich habe es geschafft, ich bin angekommen, nichts mehr zu tun. Jeder von uns hat seine Dreckecken, jeder von uns hat seine Schwachheiten, jeder von uns hat seine Situation, wo er mit der Nase nach unten auf dem Bauch liegt und jemanden braucht, der ihm wieder aufhilft. Wir sind auf einem Weg, Gott ähnlicher zu werden.
Und deswegen, lasst es mich provokativ formulieren: Wir wollen nicht nur gute Menschen werden, wir wollen Nachahmer Gottes sein.

Schluss und praktische Anwendung

Zum Schluss möchte ich das noch einmal zusammenfassen.
Ein alter Mann wird anlässlich seines hundertsten Geburtstages interviewt. Der Reporter fragt: Worauf sind Sie am Ende Ihres langen Lebens am meisten stolz? Der Greis antwortet: Ich denke darauf, dass ich keinen Feind auf der Welt habe. Ich habe jeden einzelnen von ihnen überlebt.
Das ist eine Möglichkeit, mit Feinden umzugehen. Aber nicht die, um die es mir heute Morgen ging. Ich wollte heute Morgen zeigen, dass Feinde dazu da sind, dass wir sie lieben. Sie haben ein Recht darauf, von uns geliebt zu werden. Und wenn unsere Feinde dieses Recht schon haben, wie viel mehr unsere Freunde und jeder andere Mensch.
Wir sind als Christen dazu aufgerufen, über dem Standard dieser Welt zu leben. Donald Hagner schreibt in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium: Dieser Standard erschrickt alle, die ihn erleben. Es sollte eigentlich so sein, dass wir durch diese Welt ziehen und lieben. Und wenn jemand mit dieser Liebe konfrontiert wird, sollte er denken: Was ist denn jetzt los?
Das sollte eine so unnatürliche, übernatürliche, quasi schon göttliche Erfahrung sein, die jemand macht, der unsere Liebe erfährt, dass er erst einmal konsterniert ist. Wenn er versucht zu erklären, warum wir das tun, müsste er eigentlich zu dem Schluss kommen: Hinter dieser Art von Liebe muss eine übernatürliche Quelle stecken. Anders ist das nicht mehr zu erklären. Es ist rein menschlich nicht mehr darstellbar.
Und was solltet ihr jetzt tun? Na ja, als Erstes eure Gebetslisten ergänzen, okay? Alle Namen von Leuten darauf, bei denen ihr sagt: Ja, wenn ich mit denen besser auskommen würde, das wäre wirklich eine Verbesserung.
Danach möchte ich euch bitten, euch hinzusetzen und für jeden dieser Namen ein Blatt Papier anzulegen. Vielleicht habt ihr ja schon eine Gebetsliste, auf der die Feinde stehen. Dann legt für jeden einfach ein eigenes Blatt Papier an. Oben steht dann: Max Mustermann. Feind Nummer eins.
Und dann schreibt ihr auf dieses Blatt einfach Dinge drauf. Nehmt euch ein bisschen Zeit, setzt euch hin, trinkt vielleicht eine Tasse Kaffee und überlegt für Max Mustermann: Wie könnte ich ihm meine Liebe zeigen? Was ist das für ein Kerl? Was braucht er? Vielleicht schreibt ihr auch auf, wofür ihr beten könntet. Denn das ist ja manchmal sehr ähnlich: Wenn ihr wisst, was er braucht, dann kann man oft auch genau dafür beten. Was könnte ich ihm Gutes sagen? Wie will ich ihm nächste Woche begegnen?
Und dann geht es nächste Woche daran, das, was dort steht, ganz praktisch umzusetzen. Ihr müsst nicht alles auf einmal machen, aber fangt an. Fangt an zu lieben: am Montag, am Dienstag, am Mittwoch und am Donnerstag. Und hört nicht auf, nur weil ihr nicht zurückgeliebt werdet. Das ist ein großer, üblicher Fehler: Jetzt habe ich dem doch etwas Gutes getan, und der bläst mich immer noch an.
Okay, wenn ihr damit ein Problem habt, fragt meine Frau. Die kennt die Schwierigkeit. Nein, auch wenn ich nicht zurückgeliebt werde, mache ich weiter. Warum? Kannst du die Sonne sehen? Sie ist heute Morgen aufgegangen. Unser Vater im Himmel hat sie aufgehen lassen. Dass sie scheint, ist sein Wille. Und weißt du was? Diese Sonne wärmt die Gesichter der Menschen, die ihn fluchen und ablehnen. Und das nicht erst seit gestern oder vorgestern, sondern seit Jahrzehnten. Und er lässt trotzdem die Sonne über ihnen aufgehen.
Und genau so sollen wir sein. Nehmt jeden Morgen, wenn ihr mit diesem Gebot zu kämpfen habt, die Sonne als Erinnerungszeichen für die Liebe Gottes. Und lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen.
Amen!

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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