Wir nehmen in diesen Tagen einige Psalmen durch. Es ist sozusagen die Fortsetzung vom vergangenen Jahr, als wir uns eine Woche lang verschiedene Psalmen angesehen haben. In dieser Woche haben wir insgesamt 14 Psalmen. Ihr könnt euch also ausrechnen, wie viele Jahre es noch dauern wird, bis wir durch sind.
Heute Abend beschäftigen wir uns mit Psalm 3. Wir haben gesagt, die Psalmen sind das Gesang- und Gebetbuch der Bibel. Dabei haben wir gesehen, dass sie sehr verschieden sind – sowohl in ihrer Länge als auch in ihrer Art und Weise.
Gestern Abend haben wir uns damit beschäftigt, wie unterschiedlich die Psalmen angelegt sind. Nicht nur in der Länge, sondern auch in der Form. Gestern Abend und heute Morgen hatten wir zwei Psalmen, Psalm 1 und 2, die Lehrpsalmen waren – also keine Gebete. Sie wurden zwar alle gesungen, aber sie sind nicht wie in unseren Liederbüchern manche Lieder, die Gebete sind, in denen Gott oder der Herr Jesus angesprochen wird. Manche Lieder drücken Lebenserfahrungen oder Warnungen aus. Genau so ist das auch bei den Psalmen.
Einführung in Psalm 3 und seine Einordnung
Dieser dritte Psalm, den wir uns heute Abend ansehen, ist ein Gebet. Darüber steht auch, wer ihn gedichtet hat. Ob David ihn auch komponiert hat, weiß ich nicht genau. David hatte die Psalmen geschrieben und für den Tempel, den sein Sohn Salomo bauen sollte, bereits den Tempelchor organisiert. Er hatte den obersten Musiker, Asaf, beauftragt, diesen Chor heranzubilden. Viele der Psalmen wurden von David geschrieben und komponiert.
Man kann sich bei manchen Psalmen sehr gut vorstellen, wie sie gesungen worden sind. Dieser hier, und das habe ich gestern schon gesagt, ist wie manche andere in verschiedene Teile unterteilt. Man kann sagen, das sind wie in heutigen Liedern verschiedene Verse oder Strophen. Den Psalm drei, den wir jetzt vor uns haben, können wir auch in drei Strophen einteilen.
Ein weiterer Vorteil dieses Psalms ist, dass darüber steht, in welcher Situation David ihn gedichtet hat. Viele der Psalmen haben Ursachen, ähnlich wie die Lieder in unseren Liederbüchern. Oft sind Lieder aus besonderen Situationen entstanden. Denken wir zum Beispiel an die Lieder von Paul Gerhardt. Dort kann man häufig herauslesen, in welchen Situationen und Bedrängnissen er diese gedichtet hat.
Auf der anderen Seite helfen uns die Psalmen immer wieder, auch in unseren eigenen Situationen mit schwierigen Umständen besser fertigzuwerden. Ich habe diesen Psalm einmal so überschrieben: „Zuversicht trotz Zuflucht“.
„Trotz Flucht bist du mein Schild.“ Das Resultat steht im letzten Vers: „Bei Gott sind wir sicher geborgen.“ Ihr seht, ich habe darunter ein Symbol gemacht, das man als Notweg oder Ausweg in brenzligen Situationen erkennt.
Psalm 3: Text und historische Einordnung
Ich lese diesen Psalm erst einmal, es sind ja nur neun Verse, ein Psalm von David. Er entstand, als David vor seinem Sohn Absalom floh. Entschuldigung, es ist gut, dass ihr aufpasst: Ja, es ist Absalom, vor dem er floh.
„Herr, wie zahlreich sind meine Bedränger! Viele erheben sich gegen mich, viele sagen von mir: Es gibt keine Rettung für ihn bei Gott.
Du aber, Herr, bist ein Schild um mich her, meine Ehre und der, der mein Haupt emporhebt.
Mit meiner Stimme rufe ich zum Herrn, und er antwortet mir von seinem heiligen Berg.
Ich legte mich nieder und schlief, ich erwachte, denn der Herr stützt mich.
Ich fürchte nicht zehntausende Kriegsvolks, die rings um mich belagern.
Steh auf, Herr, rette mich!
Mein Gott, denn du hast alle meine Feinde auf die Backe geschlagen,
die Zähne der Gottlosen hast du zerschmettert.
Bei dem Herrn ist die Rettung, dein Segen komme auf dein Volk!“
Soweit Gottes Wort.
David flieht vor seinem Sohn Absalom. Wenn wir diese Begebenheit im zweiten Buch Samuel nachschlagen, merken wir, wie dramatisch die Situation war. Ich denke, das war für David einschneidender und bedrängender als alle seine vorherigen Kriegszüge. Er war durchaus kriegserfahren. Aber wie verhält man sich, wenn der eigene Sohn gegen einen aufsteht?
Psalm 3 in drei Strophen und musikalische Begleitung
Und wir können uns diesen Psalm einmal so vorstellen: Ich habe bereits erwähnt, dass er aus drei Strophen besteht. In manchen Bibeln findet man zwischen Vers 3 und Vers 4 sowie zwischen Vers 5 und Vers 6 das Wort „Sela“.
In der Neuen Elberfelder Übersetzung wird dies durch zwei Schrägstriche ersetzt. Die jungen Leute nennen das „Slash“ oder „Doppelslash“. Es bedeutet dasselbe wie das Wort „Sela“ und steht für ein „Zwischenspiel“.
Offensichtlich wurden die Psalmen beim Singen von Instrumenten begleitet. Dabei gab es – so wie Martin es hier vorne macht, wenn er spielt – zwischen den Strophen kurze Akkorde. Vermutlich handelte es sich hier um ein paar Akkorde, also ein Zwischenspiel. Dieses gab den Zuhörenden die Möglichkeit, über das Gesungene nachzudenken und sich Gedanken zu machen.
Manchmal denke ich, dass es auch heute wichtig ist, dass so etwas öfter passiert. Heutzutage sind wir es gewohnt, alles gleich durchzusingen, als hätten wir keine Zeit. Aber ob wir wirklich beim Singen darüber nachdenken, ist fraglich.
Diese drei Strophen lassen sich folgendermaßen überschreiben: Erste Strophe – was die Feinde über David sagen, zweite Strophe – was David seinem Gott sagt, und dritte Strophe – was David erlebt.
Die Hintergründe des Psalms im zweiten Buch Samuel
Und wie gesagt, wenn wir die Ursache betrachten, warum David diesen Psalm schreibt und welche Erfahrungen er dabei gemacht hat, dann geht es um die Zeit, als Absalom sich gegen ihn erhob. Ich habe heute Nachmittag noch einmal Kapitel 15 im zweiten Buch Samuel durchgelesen. Dabei kann man nachempfinden, wie sehr David das Herz schmerzte.
David hatte regiert, und dann entstanden diese schlimmen Ereignisse: Sein ältester Sohn Amnon hatte sich an seiner Halbschwester, der Tochter von David und Schwester von Absalom, vergangen. David hätte damals als König und Richter Israels eingreifen müssen. Nach dem Gesetz Mose hätte er seinen ältesten Sohn töten müssen. Doch David tut das nicht. Es steht geschrieben, dass er zornig wurde und schweigt.
Man kann sich fragen: Warum schweigt David in einer solchen Situation, in der ein so schweres Verbrechen in seiner Familie geschehen ist? Vielleicht hatte David selbst Schuld auf sich geladen. Vorher war die Geschichte mit Batseba gewesen. Hätte er seinen Sohn Amnon verurteilt, hätte Amnon ihm vielleicht rechtmäßig erwidert: „Vater, was willst du denn? Du bist doch nicht besser als ich.“ Wir erkennen hier, dass Sünde im eigenen Leben einem den Mund verschließt. Man kann nicht klar urteilen oder richten.
David schweigt also. Doch wer handelt? Sein Sohn Absalom. Er fühlt sich in der Familienehre verletzt und ermordet oder lässt seinen älteren Bruder Amnon ermorden. Danach flieht Absalom – und wieder schweigt David. Offensichtlich denkt er, dass das Problem mit Absaloms Flucht erledigt sei.
Später bringt ihn sein Heeroberster auf trickreiche Weise dazu, Absalom wieder aufzunehmen. Absalom bittet nicht um Vergebung, und David sagt auch nichts. Die beiden nehmen sich in den Arm und tun so, als sei nichts geschehen. Man merkt, dass hier „Leichen im Keller“ liegen, doch David schweigt.
Nach einiger Zeit beginnt Absalom, die Leute Israels auf seine Seite zu ziehen. In 2. Samuel 15,1 lesen wir: „Es geschah danach, dass sich Absalom Wagen und Pferde anschaffte und fünfzig Mann, die vor ihm herliefen. Frühmorgens machte er sich auf und stellte sich an den Rand des Weges zum Tor.“
Es geschah, dass jeder Mann, der einen Rechtsstreit hatte und zum König kam, um eine Entscheidung zu suchen, von Absalom angesprochen wurde. Er fragte ihn: „Aus welcher Stadt kommst du?“ und sagte: „Dein Knecht ist aus einem der Stämme Israels.“ Dann sagte Absalom weiter: „Siehe, deine Anliegen sind gut und recht, aber du hast beim König niemanden, der dich anhört.“
Absalom fügte hinzu: „Würde man mich doch als Richter im Land einsetzen! Bei mir würde jedermann Eingang finden, der einen Rechtsstreit hat und eine Entscheidung sucht. Ich würde ihm gerecht sprechen.“ Wenn sich jemand ihm näherte, um sich vor ihm niederzuwerfen, streckte Absalom seine Hand aus, ergriff ihn und küsste ihn.
Absalom handelte so mit allen Israeliten, die zum König kamen, um eine Rechtsentscheidung zu suchen. So stahl er das Herz der Männer von Israel. Er machte Meinungsbildung und Wahlwerbung.
Dann heuchelte er seinem Vater vor, dass er ein Gelübde zu erfüllen hätte und um Urlaub bat. Doch stattdessen versammelte er viele Menschen, und sie machten einen Aufruhr gegen David.
In Vers 13 heißt es: „Ein Bote kam zu David und sagte: Das Herz der Männer von Israel steht hinter Absalom.“ Da sagte David zu seinen Knechten, die bei ihm in Jerusalem waren: „Macht euch auf und lasst uns fliehen, denn sonst gibt es für uns kein Entkommen vor Absalom.“
Für David wäre es ein Leichtes gewesen, jetzt sein Heer unter seinem Feldherrn zusammenzurufen. Doch er schweigt und geht. Er räumt das Feld.
Die Bedeutung von Sünde und Flucht in Davids Situation
Und wir merken – und das wissen wir wahrscheinlich auch aus eigener Erfahrung: Wenn Sünde in unserem Leben ist, können wir keine echten Entscheidungen treffen. Wir sind dann hilflos.
Häufig sehen wir den einzigen Ausweg in der Flucht. So flieht auch David. Seine Getreuen begleiten ihn. Das ist besonders bewegend, wenn man Kapitel 15 und 16 liest. Das könnt ihr heute Abend noch auf euren Zimmern tun.
Einzelne schließen sich David an. Es wird beschrieben, wie David von seinem Palast in Jerusalem hinunter ins Kidrontal geht. Auf der anderen Seite steigt er den Hang zum Ölberg hinauf, bis er über der Kuppel ist und vorläufig in Sicherheit gelangt.
Während dieser Zeit kommt Absalom mit seinen Leuten und nimmt Jerusalem ein.
Wir können diesen Psalm auf verschiedene Weise lesen und unterschiedlich gewichten. Zum einen können wir ihn so betrachten, wie David damals die Ereignisse wirklich erlebt hat. Das ist beeindruckend. Trotz seiner Verzweiflung und der Tatsache, dass er wegen seiner früheren Schuld nicht offen handeln kann, wendet er sich in seiner Not an Gott. Das können wir immer wieder von ihm lernen.
Wir können diesen Psalm also einerseits unter dem Aspekt lesen, wie es damals wirklich mit David war – wie er es empfand und wie er reagierte. Daraus können wir viel lernen.
Zum anderen können wir den Psalm auch unter dem Gesichtspunkt lesen, wie es dem Herrn Jesus erging, als er auf der Erde war. Das ist bezeichnend: David geht damals den Weg der Flucht, den gleichen Weg, den Jesus ging, bevor er im Garten Gethsemane gefangen genommen wurde. Er geht hinunter ins Kidrontal und dann die Anhöhe des Ölbergs hinauf.
Von David wird gesagt, dass er auf diesem Weg weinte. Jesus hingegen geht diesen Weg anders. Nach dem Passahfest und dem Abendmahl, in der letzten Nacht, geht Jesus mit Blick gen Himmel – so beschreibt Johannes das in seinem Evangelium – und betet.
Zunächst erklärt er seinen Jüngern vieles, was in der nächsten Zeit geschehen wird. Er verheißt ihnen den Heiligen Geist. Dann betet er in Kapitel 17 das sogenannte hohepriesterliche Gebet.
Wir merken: Jesus weiß, dass er sterben wird. David hingegen hofft immer noch, am Leben zu bleiben. Und doch geht Jesus diesen Weg anders als David.
Ich habe hier – man kann es schlecht erkennen – Jerusalem gezeigt, dann den Weg hinunter ins Kidrontal und den Berg zum Ölberg hinauf.
Anwendung auf das eigene Leben: Umgang mit Bedrängnis
Als Drittes können wir diesen Psalm auch in Bezug auf uns lesen: Wie verhalten wir uns in Not und Bedrängnis? Schauen wir uns die erste Strophe an. Ich habe Ihnen überschrieben, was die Feinde über David sagen. Eigentlich ist nur das in Vers 3 das, was die Feinde sagen, aber David empfindet das schon in Vers 2: „Herr, wie zahlreich sind meine Bedränger, viele erheben sich gegen mich.“
David wusste, dass Absalom die Männer von Israel auf seine Seite gebracht hatte. Ganz offensichtlich war es David nicht verborgen geblieben, dass sein Sohn jeden Morgen unten am Tor stand. Aber David greift nicht ein. Auf der einen Seite können wir darin sehen, wie auch der Herr Jesus, der alles wusste, nicht eingegriffen hat. Alle versammeln sich gegen ihn, bis schließlich im Garten Gethsemane die Herrscharen kommen, um ihn gefangen zu nehmen.
Und was sagt Jesus zu Petrus? Er sagt, er könnte seinen Vater bitten, und dann sähe das hier ganz anders aus. Er ruft nicht die Engelscharen zusammen, um gegen seine Feinde anzutreten. David tut es auch nicht.
Die Frage ist: Wie verhalten wir uns in solchen Situationen? Jeder von uns kennt solche Momente sicherlich. Häufig sind das bei uns nicht unbedingt körperliche Schwierigkeiten, bei denen jemand uns täglich angreift, sondern verbale Angriffe. Wir nennen das Mobbing oder Diffamierung. Und wie reagieren wir? Wie schnell sagen wir dann: Ich rufe meinen Anwalt! Ich hole die staatliche Heeresmacht, um mich zu wehren.
Paulus musste den Korinthern sehr deutlich sagen: „Was tut ihr? Warum streitet ihr euch vor Ungläubigen?“ Dann stellt er eine Frage, die mich immer wieder bewegt. Paulus fragt: „Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen?“ Und wir sagen: „Aber das ist doch mein Recht!“ Natürlich hätte David Recht gehabt. Er war der vereidigte König, und sein Sohn Absalom versuchte einen Putsch.
Nun, wer seine Bibel kennt, weiß, wie das ausgegangen ist. Beim Herrn Jesus war es anders: Er musste sterben. Die Frage bleibt: Wie reagieren wir in solchen Situationen?
In der ersten Strophe, die wir gelesen haben, fragt David: Wie zahlreich sind meine Bedränger? Dreimal kommt das vor. Manche übersetzen das so: „Wie viele sind meine Bedränger, viele erheben sich gegen mich, viele sagen von mir.“ David fühlt sich allein.
Wohin wendet man sich, wenn man in Situationen ist, denen man nicht gewachsen ist? Mich tröstet, dass David sich als Erstes in Vers 2 an den Herrn wendet. Er sagt: „Herr, ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich stehe leicht in der Gefahr, bei solchen Situationen, wenn etwas auf mich eindrückt, mich selbst aufzuregen, dann mit anderen darüber zu reden. Und wie lange dauert es, bis ich zu meinem Herrn komme im Gebet?“ Das möchte ich von David lernen.
Das Erste ist, dass er sich an seinen Herrn wendet und ihm die Situation schildert. Er sagt: „Viele, zahlreich sind meine Bedränger, viele erheben sich gegen mich, viele sagen von mir.“ Er sagt nicht: „Mein Sohn Absalom ist gegen mich“, wahrscheinlich weil er merkt: Eigentlich bin ich selber schuld daran. Ich habe versagt.
David wendet sich an Gott und sagt nur, was die anderen sagen. Seine Feinde sagen: Es ist keine Rettung für ihn bei Gott. Aber David wendet sich an Gott.
Das bewegt mich immer wieder, wenn man Berichte liest, gerade jetzt aus dem Vorderen Orient, wo Christen verfolgt werden und enthauptet werden sollen. Man liest immer wieder, dass sie nicht um Hilfe schreien oder um Gnade bitten, sondern sich an Gott wenden und für ihre Feinde beten. Davon möchte ich lernen.
David sagt: Die Feinde sagen, es ist bei ihm keine Hilfe bei Gott. Wie hat Jesus reagiert, als er am Kreuz hing? Im Psalm 118 wird etwas geschildert, dass man meinen könnte, Jesus hätte den Psalm selbst gedichtet. Der Psalmdichter schreibt dort, wie viele ihn umgeben, wie viele ihn verachten, wie viele über ihn lästern.
Wenn wir die Berichte in den Evangelien lesen, merken wir, dass es genauso war. Sie lachen über ihn, sie verspotten ihn: „Komm runter, wenn du Gottes Sohn bist, steig ab!“ Sie lachen über ihn. Es heißt: Es ist keine Hilfe bei Gott für ihn.
Und was tut der Herr Jesus? Er sagt: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“ Er wendet sich an Gott.
Psalm 118 sagt sehr deutlich: Wende dich nicht an die Vornehmen des Volkes, an die Edlen, da ist keine Hilfe. Häufig ist das bei uns auch so. Mir geht das manchmal so: Man liest etwas in der Zeitung, etwas Bedrängendes, und denkt: Eigentlich müssten wir jetzt zu einem der Oberen gehen und mit denen reden, damit sich etwas ändert.
Ich sagte heute Morgen schon: Zwei gefaltete Hände sind mehr wert, als wenn ich zu irgendeinem Politiker gehe.
Vielleicht fragt sich auch der eine oder andere: Wie ist das bei dir? Was sagen andere über dich, und wie gehst du damit um? Das möchte ich von David lernen: Er wendet sich an Gott und erwartet alles von ihm.
Danach folgt ein Zwischenspiel und dann die zweite Strophe. Dort wird beschrieben, was David seinem Gott im Gebet sagt. Wir haben das gelesen, Vers 4: „Du aber, Herr, bist ein Schild um mich her, meine Ehre und der, der mein Haupt emporhebt. Mit meiner Stimme rufe ich zum Herrn, und er antwortet mir von seinem heiligen Berg.“
Gottes Schutz und Antwort in der Not
Er ruft: Herr, du bist mein Schild.
Ein Schild kennt man heute meist nur noch aus Museen oder wenn die Polizei bei Demonstrationen gläserne Schilde benutzt. Ein Schild ist also etwas, womit ich mich schützen und etwas abwehren kann. David sagt von seinem Gott: „Du bist ein Schild.“ Das bedeutet, dass er sich bei Gott bergen kann. Dieses Bild finde ich auch in Jesus am Kreuz wieder. Er sucht seine Hilfe bei Gott. Natürlich können wir sagen, er ist Gottes Sohn, aber er stirbt dort auch in seinem ganzen Menschsein.
Das ergreift mich immer wieder neu, wenn ich in Matthäus 27 lese, wie Jesus am Kreuz hängt und schreit. Nirgendwo sonst im Evangelium wird beschrieben, dass Jesus jemals geschrien hat. Er hat zwar laut gerufen, zum Beispiel „Kommt her zu mir“, aber geschrien hat er nur am Kreuz. Warum das so ist, weiß ich nicht.
Ich weiß nicht, ob ich das schon einmal erzählt habe: Vor einigen Jahren haben wir in unserer Gemeinde ein Stadtteilcafé. Dort machen wir jeden Donnerstagvormittag ein Seniorenfrühstück. Nach dem Frühstück lese ich meistens eine Geschichte vor. Eines Gründonnerstags fiel mir keine passende Geschichte ein, also las ich Matthäus 27, die Passionsgeschichte, wie Jesus am Kreuz schreit und stirbt.
Danach sagte mir einer der Senioren, Ebert, dass er an diesem Tag zum ersten Mal verstanden habe, warum Jesus sterben musste. Ich fragte ihn, warum, und er antwortete: „Wegen meiner Sünde.“ Er hatte aus dem Bibeltext verstanden, dass Jesus geschrien hat, weil er unsere Sünden auf sich genommen hat. Der Sündlose stirbt für unsere Sünden.
Er schreit die Frage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und darauf gibt es keine Antwort, Gott schweigt. Warum? Weil Gott von dir und mir eine Antwort erwartet – so wie dieser Senior in unserem Café. Auf die Frage „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ muss ich antworten: „Wegen meiner Sünde.“
David ruft zum Herrn, und er weiß, Gott antwortet von seinem Berg. Für David war das damals ganz nah und konkret. Der Berg Moria in Jerusalem war der Ort, wo er die Bundeslade hat aufstellen lassen und wo später der Tempel gebaut wurde – dort, wo heute der Felsendom auf dem Tempelberg steht.
Stellen wir uns vor: David ist von dort auf dem Ölberg, südlich des Tempelbergs, und betet diesen Psalm. Er weiß: „Mit meiner Stimme rufe ich zum Herrn, und er antwortet mir von seinem heiligen Berg.“ Für ihn ist das Moria nur etwa dreihundert Meter Luftlinie entfernt. Er weiß, Gott wird antworten, und deshalb wird sein Herz ruhig.
Ich sagte schon, Herr Jesus ruft: „Mein Gott, mein Gott.“ In seinem Fall schweigt Gott. Der Tempelplatz war nur wenige hundert Meter vom Kreuz entfernt.
An wen wende ich mich, wenn ich in Not bin? Vielleicht sagst du: „Ich bete manchmal, aber es kommt mir vor, als ginge mein Gebet nur bis zur Decke.“
Wir dürfen aber wissen, was der Prophet sagt: Gott wohnt im Himmel und bei jedem, der ein zerschlagenes Herz hat. Das heißt, wenn du wirklich niedergeschlagen bist und keinen Ausweg mehr siehst, darfst du wissen: Gott hört dich, auch wenn er vielleicht nicht sofort antwortet. Aber du darfst sicher sein, er hört.
Vertrauen und Geborgenheit trotz Bedrängnis
Und in diesem Bewusstsein legt sich David an diesem Abend nieder und schläft.
Das ist die dritte Strophe, das, was David erlebt. Was haben wir im Vers sechs gelesen? „Ich legte mich nieder und schlief, ich erwachte, denn der Herr stützt mich.“ Ist das nicht fantastisch? David befindet sich in einer lebensbedrohlichen Situation und kann dennoch schlafen. Mir persönlich geht es in der Regel anders. Ich war zwar noch nicht in einer lebensbedrohlichen Situation wie David damals, aber wenn man Probleme hat, dreht man sich doch von einer Seite auf die andere, oder?
Im Neuen Testament finden wir eine ähnliche Situation: Petrus ist im Gefängnis, er soll am nächsten Tag hingerichtet werden (Apostelgeschichte 12). Er ist festgebunden, gekettet an zwei Soldaten – und er schläft. Er hat keine Albträume. Der Engel, der ins Gefängnis kommt, um ihn zu befreien, muss ihn sogar wachrütteln. Ich würde sagen, in so einer Situation würde ich bei jedem kleinsten Geräusch aufwachen.
Was merken wir hier? Sowohl David damals als auch Petrus im Gefängnis wissen sich geborgen in Gott. Sie sind überzeugt, dass ihnen nichts geschehen kann. Sie haben keine Angst. Warum nicht? David sagt: „Ich fürchte nicht zehntausende Kriegsvolk, die rings um mich belagern.“ Warum hat er keine Angst? Vielleicht geht es dir auch so, dass du solch einen David beneidest. Er weiß, Gott wird aufstehen, Gott wird retten. Und er sagt das hier so, in Vers acht: „Steh auf, Herr, rette mich! Mein Gott, denn du hast alle meine Feinde auf die Backe geschlagen, die Zähne der Gottlosen hast du zerschmettert.“
Das klingt vielleicht nicht besonders christlich, oder? Aber ich kann es gut nachempfinden. David war ein Kriegsmann, und wenn er selbst gekämpft hätte, wäre das noch viel mehr gewesen als nur eine Backe und ein paar kaputte Zähne. Er weiß, Gott wird handeln.
Was mich besonders beeindruckt, ist Vers neun: „Bei dem Herrn ist Rettung, dein Segen komme auf dein Volk.“ Das ist etwas, das mich sehr berührt. David weiß, Gott wird ihn retten, aber er denkt nicht nur an sich, sondern auch an Gottes Volk. Wie ist das bei uns meistens? In der Regel, wenn wir angegriffen werden oder in einer Notsituation sind, denken wir vor allem an uns selbst: „Herr Jesus, hilf mir! Herr Jesus, hilf meiner Familie! Herr Jesus, bitte, bitte!“
David hingegen sieht: Wenn Gott mir nicht hilft, was passiert dann? Was passiert mit dem Volk Gottes? Was passiert, wenn Absalom König würde? Wir merken, bei David geht es nicht nur um sein eigenes Leben, sondern er sieht das Volk in Gefahr.
Ich möchte davon lernen, dass ich nicht nur an mich denke und meine Not sehe, sondern auch die Not der Gemeinde wahrnehme. Dass mir wichtig wird, wie es anderen vom Volk Gottes geht. Ich möchte Mut machen, von David zu lernen. Er ist sich gewiss, dass Gott Rettung geben wird. Er sagt nicht: „Bei dem Herrn wird die Rettung vielleicht mal sein“, sondern er ist sich sicher: „Bei dem Herrn ist die Rettung, dein Segen komme auf dein Volk.“
Obwohl die Situation noch nicht abgeschlossen ist – Absalom ist noch nicht gefasst oder getötet, der Aufstand ist noch nicht niedergeschlagen, David ist noch nicht zurück in seinem Palast – ist er sich sicher. Er kann schlafen, weil er sich geborgen weiß in Gott.
Das möchte ich uns heute Abend mitgeben. Ihr kennt wahrscheinlich diese kleine Plastik von Dorothea Steigerwald, die „Geborgenheit“ heißt. Dieser Psalm drei macht mir deutlich: Ich darf mich bei Gott bergen. Ich darf wissen, ich bin bei ihm sicher, was auch kommen mag. Auch wenn die Situation in meinem Leben oder in unserem Volk oder in der Gemeinde schwieriger wird – bei dem Herrn ist Rettung. Ich darf mich bei ihm bergen. Amen.
