Einleitung
Liebe Freunde,
Ein Diktator bekommt Staatsbesuch. Er führt den Besuch durch seinen Palast
und zeigt ihm stolz die vielen Geschenke, die ihm seine Untertanen gemacht
haben. Ganze Säle voller Kostbarkeiten, die sie gespendet und gebastelt
haben - der Besucher ist tief beeindruckt. Das haben die dir alles
geschenkt?" fragt er. Die müssen dich aber lieb haben!" – Ja", sagt der
Diktator: Die müssen mich lieb haben!"
Der unbeliebte König Herodes.
Einer, den seine Untertanen gar nicht geliebt haben, das war der König
Herodes. Nicht der Herodes, der zur Zeit von Jesus gelebt hat, sondern der,
der von 41-44 n. Chr. regiert hat. In dieser Zeit war Palästina auch noch
unter römischer Besatzungsherrschaft. Und weil Herodes mit der römischen
Besatzung unter einer Decke steckte, war er bei der jüdischen Bevölkerung
unbeliebt. Er saß also zwischen zwei Stühlen: nach oben war er abhängig und
nach unten hatte er keine Anhänger.
Das ist natürlich ziemlich schwer, wenn man ein Volk regieren muss, bei dem
man ziemlich unbeliebt ist. Da muss man dann irgendwie versuchen, sich
beliebt zu machen. Im Laufe der Geschichte hat es dazu die verschiedensten
Methoden gegeben. Die Methode der Römer war beispielsweise panem et
circenses", auf Deutsch: Brot und Zirkusspiele". Das bedeutet, um sich die
Gunst des Volkes zu verschaffen, muss man ihm genügend Brot verschaffen.
Man muss der Masse das Maul mit materiellen Gütern stopfen – dann hält sie
schon die Schnauze. Denn wem der Bauch voll ist, dem gehen nur selten die
Augen auf und wer gut gegessen hat, macht höchstens einen Rülpser, aber
keine Revolution.
Da aber der Mensch nicht nur aus Bauch besteht, sondern auch aus einem
Kopf, also ein sogenanntes geistiges Wesen ist, muss man für diesen Geist
ja auch noch etwas tun. Natürlich immer hübsch in Maßen, allzu viel ist
ungesund. Wenn die Leute anfangen nachzudenken, über manche Lehren, zum
Beispiel über manche leeren Geschäfte, kommen die noch auf ganz verkehrte
Gedanken. Es gibt ja jetzt schon welche, die verwechseln die Fleischerläden
immer mit Fliesenläden.
Um den Menschen vom Nachdenken abzuhalten, muss man ihn unterhalten. Und je
mehr Unterhaltung einer bietet, desto beliebter ist er. König Herodes
hatte, um sich bei seinem Volk beliebt zu machen, eine etwas grobe Methode.
Für solche Feinheiten wie Volksbelustigungen hatte dieser orientalische
Herrscher überhaupt keinen Sinn. Das war ihm außerdem viel zu teuer. Dafür
ließ er kein Geld fließen. Seine Methode war billiger, aber
wirkungskräftiger. Er ließ Blut fließen. Das war die Methode, die
Familientradition war. Diese hatte schon sein Großvater angewandt. Der
Großvater war jener König Herodes gewesen, der den Kindermord von Bethlehem
zu verantworten hatte. Er hatte alle Jungs bis zum Alter von zwei Jahren in
der Gegend von Bethlehem abschlachten lassen, um ein Kind namens Jesus zu
erwischen.
Nun hätte ja Herodes, der Enkel, aus der Geschichte lernen können, dass
gegen diesen Jesus mit Mord nicht anzukommen ist. Damals war es ein Engel,
der zu Joseph und Maria gesagt hat: Flieht nach Ägypten![1] und so wurde
das Jesuskind gerettet. Später, als sie es endlich geschafft hatten, als
sie diesen Jesus endlich mundtot gemacht hatten, als sie Ihn gekreuzigt
hatten, als sie Ihn begraben hatten, als sie auf seinem Grab noch einen
großen Stein gelegt hatten, ein Wachkommando davor gesetzt hatten und es
versiegelt hatten, da war es wieder ein Engel, der kam und der den Stein
vom Grab wegwälzte und der zu den trauernden Frauen sagte: Was sucht ihr
den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier! Er ist auferstanden![2]
Man kann den Auferstandenen nicht irgendwo einsperren. Man kann Ihn nicht
noch einmal totschlagen, Er lebt!
Herodes legt sich mit Gottes Gemeinde an.
Und nun kommt also Herodes. Was keiner vor ihm und nach ihm geschafft hat,
das will er: Die verhassten Christen aus der Welt schaffen. So unbeliebt
wie Herodes waren auch die Christen. Wenn ich diese zusammenstauche, so
kombinierte Herodes, dann werde ich das jüdische Volk beeindrucken.
Als er zu Ostern 44 nach Jerusalem kam, ließ er gleich zum Frühstück einmal
ein paar Christen verhaften, darunter Jakobus, den Leiter der Gemeinde.
Jakobus ließ er gleich ohne irgendein Verhör, ohne einen Grund, ohne eine
Verhandlung mit dem Schwert töten. Jakobus war der erste christliche
Märtyrer, den eine weltliche Obrigkeit wegen seines Glaubens getötet hat.
Es fällt auf, dass der Tod des Jakobus in der Apostelgeschichte, Kapitel
12, nur so nebenbei erwähnt wird. Die Bibel ist kein Buch der
Heiligenverehrung, sondern die Bibel ist das Buch der großen Taten Gottes.
Von denen will ich euch gleich noch mehr erzählen.
Als Herodes Jakobus geköpft hat, klatschten die Juden Beifall, und das
gefiel dem Herodes. Sein Appetit nach mehr Blut wächst. Als nächstes lässt
er Petrus verhaften. Man sieht, die Aktion des Herodes bekommt allmählich
Methode. Sein Ziel ist, die Christen zu beseitigen. Er will aber kein
Massenmartyrium schaffen. Er will nur die Anführer der Christen
ausschalten.
Alle Verfolger der Christen, die etwas klug gewesen sind und etwas von
Psychologie verstanden haben, haben sorgfältig vermieden, Märtyrer in
großen Mengen zu schaffen. Der Tod von ein paar Rädelsführern als
Abschreckung ist eine delikate Sache. Massenhinrichtungen dagegen berühren
die Volksseele unangenehm. Herodes ist schlau, das heißt, er bildet sich
ein, schlau zu sein. Er rechnet damit, dass der Rest der Gemeinde
auseinanderfällt, wenn die Führungsspitze fehlt. Aber er hat, wie alle
Verfolger der Kirche, eines übersehen: Die Führung der Kirche liegt nicht
in der Hand von ein paar Aposteln, oder ein paar Bischöfen oder ein
Pfarrern, sondern sie liegt in der Hand des auferstandenen Christus.
Die Kirche lebt nicht davon, dass in der Mitte ein paar führende Männer
leben, sondern sie lebt davon, dass in ihrer Mitte das Wort Gottes lebt.
Daran ist bisher jede Christenverfolgung gescheitert, auch wenn man es noch
so gescheit anfangen wollte. Auch für Herodes ist hier der Punkt gekommen,
wo seine Macht zu Ende ist. Er trägt nur dazu bei, dass es am Ende dieses
Kapitels im letzten Satz heißen kann: Das Wort Gottes wuchs und mehrte
sich.
Herodes lässt also Petrus verhaften und im Gefängnis scharf bewachen, und
morgen ist mit seiner Hinrichtung zu rechnen. Es kommt aber im Gefängnis zu
unwahrscheinlichen Ereignissen.
Petrus im Knast. Eine Befreiung der anderen Art.
Es geht schon damit los, dass Petrus schläft. Das kommt uns ja schon
unwahrscheinlich vor, dass einer in einer solchen Situation nachts so ruhig
schläft. Aber so unwahrscheinlich ist das gar nicht.
Heute ist der Tag der Opfer des Faschismus. Wir denken heute besonders an
die, die wegen ihres Glaubens in der Nazizeit gequält wurden und ihr Leben
verloren haben. Im Jahre 1944, also genau 1900 Jahre, nach dem Petrus im
Gefängnis gesessen hat, saß ein anderer Mann der Kirche im Gefängnis,
nämlich der Bischof Lilje[3]. Er hat später ein Buch geschrieben über die
Gestapohaft, worin er beschrieben hat, dass er trotz der Aufregung, des
Lärms, des Gestanks, der harten Pritsche, trotz der grellen Lampe, die die
ganze Nacht in der Zelle brannte, geschlafen hat wie ein Kind.
So wie Petrus, der schläft wie ein kleines Kind. Wie es bei ihm weitergeht,
das lese ich euch jetzt vor, Apostelgeschichte 12: 6In der Nacht, bevor
Herodes ihn vor Gericht stellen wollte, schlief Petrus zwischen zwei
Wachsoldaten. Er war mit zwei Ketten gefesselt. Vor der Tür der Zelle waren
weitere Posten aufgestellt. 7Plötzlich stand ein Engel des Herrn in der
Zelle. Der Glanz, der von ihm ausging, erhellte den Raum. Der Engel
rüttelte Petrus und sprach: schnell, steh auf! Im gleichen Augenblick
fielen Petrus die Ketten von den Händen. 8Der Engel drängte: Zieh dich an
und binde dir die Sandalen fest. Petrus tat es, und der Engel sagte weiter:
Nimm den Mantel und komm mit. 9Petrus folgte ihm nach draußen. Er wusste
nicht, dass das alles Wirklichkeit war, sondern meinte, zu träumen. Sie
kamen an der ersten Wache vorbei, ebenso an der zweiten, standen
schließlich vor dem eisernen Tor, das in die Stadt führte. 10Sie eilten zum
Tor, und das Tor ging von selbst auf. Sie liefen auf die Straße hinaus, und
plötzlich war der Engel verschwunden. 11Als er wieder zu sich kam, sprach
Petrus: Der Herr hat mir tatsächlich einen Engel geschickt, um mich vor
Herodes zu retten und mich vor dem zu bewahren, was die Juden mir zufügen
wollten.
Soweit die Geschichte aus der Apostelgeschichte 12. Ich muss ja sagen, es
ist ja wirklich eine sehr verwunderliche Geschichte. Zumal wenn man
bedenkt, dass neben dem Wort Gottes Gefängnismauern zu dem Stabilsten
gehören, was es auf dieser Welt gibt. Aber da nicht einmal Petrus selbst
erklären kann, wie er dort hinaus gekommen ist, und wie das passiert ist,
da brauche ich mir hier auch keinen abzubrechen mit Erklärungsversuchen.
Gott allein weiß, welchen Engel Er damals zu dieser Rettungsaktion benutzt
hat. Fakt ist jedenfalls, dass Petrus unter Herodes verhaftet war, und dass
er nachher noch jahrelang draußen herumgelaufen ist und gepredigt hat. Und
dazwischen liegt diese Befreiung. Die hat Petrus selber erlebt wie einen
Traum. Genauso wie es die Bibel schon Hunderte von Jahren vorher im Psalm
126 angekündigt hat: Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann
werden wir sein wie die Träumenden[4].
Als Petrus zur Besinnung kommt, da steht er mitten in der Nacht mitten auf
der Straße. Ab jetzt schaltet er ganz klar. Er hat nur einen Gedanken: Ich
muss jetzt zu den anderen!" Denn das weiß er ganz genau: Die anderen, seine
Freunde, die pennen jetzt nicht, obwohl es mitten in der Nacht ist. Sondern
die tun was. Sie tun das einzige, das Christen in dieser Situation tun
können, nämlich beten.
Petrus: nicht freigekauft, sondern freigebetet. Die Macht des Gebets.
Ich möchte dich fragen, ob du Menschen hast, die für dich beten. Hast du
einen, der für dich betet, wenn du in der Klemme sitzt? Kannst du dich
darauf verlassen, dass an dem Tag, wo es für dich abgeht, ins Sterbezimmer
oder ins Krankenhaus oder in den Knast, es jemanden gibt, der für dich
betet? Wenn du niemanden auf der Welt weißt, der für dich betet, dann hast
du bisher die falschen Freunde gehabt. Ich rate dir: Verschaffe dir
Menschen, die für dich beten, die deinen Namen jeden Tag vor den Thron
Gottes bringen. Das ist wichtig, das ist lebenswichtig! Für den Petrus war
das überlebenswichtig, er verdankt seine Freiheit dem Gebet seiner Kumpels.
Sie haben ihn freigebetet. Wir werden erst in der Ewigkeit sehen, wie viele
Menschen und wie viele Völker ihre Freiheit dem Gebet verdanken. Wie viele
es sind, die zumindest durch die Gefängniszeit durch das Gebet hindurch
getragen worden sind. Wir sind ja noch nicht in der Ewigkeit. Aber vorhin
vor der Predigt kam jemand zu mir und hat gesagt: Ich habe einmal im Knast
gesessen und ich habe das gemerkt, wie Menschen für mich gebetet haben. Ich
kannte damals nur ein Bibelwort, und an dem habe ich mich festgehalten."
Kennst du ein Bibelwort, dass du auswendig weißt, an dem du festhalten
kannst, das du dir hersagen kannst? Nimm deine Bibel und lerne ein paar
Verse auswendig, damit du damit leben kannst, wenn es einmal darauf
ankommt. Das nur nebenbei.
Petrus jedenfalls verdankt seine Freiheit dem Gebet seiner Freunde. Das
Gebet hat eine ganz gewaltige Macht. Schon das Gebet eines einzelnen
Menschen ist wirkungskräftig. Und das Gebet von vielen, die sich
zusammentun, ist noch kräftiger. Wir können mit unserem Gebet auf Gott
einwirken. Wir haben es doch nicht mit einem eiskalten Schicksalsablauf zu
tun! Wir haben es mit Gott, unserem Vater zu tun, der auf uns hört, der auf
uns eingeht. Er freut sich, wenn wir Ihn um etwas bitten.
Ich bin Vater von drei Kindern. Als sie klein waren, habe ich mich immer
gefreut, wenn sie reinkamen und haben mich um etwas gebeten – Papa, kann
ich einmal deine Luftpumpe kriegen?" – Na, warum nicht." Mal angenommen,
die Tür zum Wohnzimmer knallt auf, und alle drei kommen hereingerammelt und
wollen gleichzeitig etwas. Da sind die Chancen noch größer! Seht ihr, das
ist Gebetsgemeinschaft! Da sind die Chancen größer. Gebetsgemeinschaft
heißt, dass die Kinder Gottes sich zusammen tun und bei Gott zur Türe
hereinrammeln und Ihm ihre Wünsche vortragen. Das machen die Freunde des
Petrus. Von dem Moment seiner Verhaftung an beten sie rund um die Uhr, Tag
und Nacht. Gegen den Staatschef, der unschuldige Bürger ohne Gerichtsurteil
einfach köpfen lässt, und gegen die Gefängnismauern und die Wachsoldaten
setzen sie eine einzige Macht: Das gemeinsame Gebet. Sie bitten Jesus: Wir
bitten dich für unseren Bruder Petrus, befreie ihn aus den Händen des
Herodes!"
Die verdutzte Gebetsgemeinschaft.
Wie sie so beten, klopft es plötzlich draußen an der Türe. Sie lassen sich
in der Gebetsgemeinschaft gar nicht stören, da kann ja jeder kommen, und
beten feste weiter. Bloß eine Sklavin war etwas neugierig (es war ja ein
Mädchen), sie hatte den schönen Namen Röslein, geht zur Türe und horcht,
wer da draußen ist. Als sie die Stimme des Petrus erkennt, ist sie so
verdattert, dass sie die Hauptsache vergisst, nämlich aufzumachen, rennt
zurück und platzt in die Gebetsgemeinschaft, und ruft: Feierabend, aus,
ihr könnt Schluss machen: der Peter steht draußen."
Worauf die gesamte christliche Gemeinde im Chor antwortet: Du spinnst ja!"
Das muss man sich mal vorstellen: Da beten welche eine Nacht lang um die
Befreiung eines Todeskandidaten. Und als es an der Türe klopft, als der
Befreite vor der Tür steht, als die Gebetserhörung leibhaftig da ist, da
finden sie das unwahrscheinlich.
Als ich an dieser Predigt arbeitete, habe ich Folgendes erlebt. Da kam eine
junge Frau, sie hatte Schmerzen im Bauch. Sie ging zum Arzt und bekam die
Diagnose, sie muss sofort operiert worden, jede Stunde Zeitverlust ist
gefährlich, Verdacht auf Krebs. Nun wirst du ja in einer Großstadt am
Freitag nicht mehr operiert, sondern musst bis Montag warten, und da haben
wir bis zum Montag alle gebetet wie die Irren um Gesundheit. Am Montag geht
die Frau erst noch einmal zu einem anderen Arzt, er untersucht sie und
sagt: Ich weiß gar nicht, was Sie haben, Sie haben nichts! Es ist nichts,
kein Krebsverdacht." Jetzt kommt der springende Punkt: Statt vor Freude in
die Luft zu springen, statt sich über die Gebetserhöhung zu freuen, fängt
die Frau an zu zweifeln. Sie kann es nicht fassen, sie hält es für
unwahrscheinlich, sie kann es nicht glauben.
Genau wie die damals nicht glaubten, dass ihre Gebetserhörung schon vor der
Türe steht. Statt das zu glauben, was heißt zu glauben, statt hinauszugehen
und ihre Gebetserhörung in Empfang zu nehmen, fangen sie an, zu überlegen,
ob so etwas möglich ist. Sie können es sich nicht erklären, und so erklären
sie lieber die Sklavin Röslein, die einzige, die die Realität wirklich
richtig sieht – die erklären sie für verrückt – Röslein, Röslein, Röslein
rot, du spinnst, der Peter ist längstens tot."
Als das Röslein fest und steif darauf besteht, dass der Peter draußen vor
der Tür steht, da sagen sie: Es ist sein Doppelgänger oder es ist ein
Totengespenst, was seinen Tod anzeigen will! Inzwischen klopft und klopft
der Petrus ruhig und geduldig draußen an der Türe weiter, bis sie da drin
aufhören zu diskutieren, wer hier verrückt ist und was möglich ist und was
nicht möglich ist. Bis sie endlich die Türe aufmachen und sehen, was
möglich ist. Da sehen Sie den Peter stehen. Hallo, Leute!" sagt er. Und
bevor die in ein Freudengeschrei ausbrechen können, macht er gleicht:
Psst! Die Nachbarn sollen nichts hören" spricht er weise – Der Feind hört
mit" und er informiert kurz die Gemeinde und er taucht dann anschließend
gleich unter, damit er nicht mehr erwischt werden kann.
Der Rest von der Geschichte. Herodes' unwürdiges Ende.
Am nächsten Tag gibt es natürlich eine große Aufregung im Knast und im
Palast, der Häftling ist spurlos verschwunden! Herodes lässt sofort die
Wachmannschaften einbuchten. So lernen die das Gefängnis einmal von innen
kennen, wo sie vorher nur davor gestanden haben. Und er selber verlässt
fluchtartig in einer großen Staubwolke Jerusalem.
Der Schluss des Kapitels ist schnell erzählt. Herodes gelingt es, einen
Wirtschaftskrieg zu beenden, also dem Volk wieder Brot zu verschaffen, und
nach dem Motto Brot und Zirkusspiele" lässt er in einer Großveranstaltung
sich von den Massen beklatschen und als Gott verehren. Die rufen: Das ist
die Stimme Gottes!" nachdem er eine Rede gehalten hat. Ich hatte euch ja
gleich am Anfang gesagt, dass solche Zirkusspiele nichts für Herodes
gewesen sind, und tatsächlich bekommt ihm der ganze Zirkus seines
Personenkultes schlecht. Ihn trifft auf der Stelle der Schlag oder so
etwas, er stirbt und muss, husch husch, zu den Würmern.
Und dann kommt der wichtigste Satz aus dem ganzen Kapitel zwölf, der das
eigentliche Wunder beschreibt, Vers 24: Und das Wort des Herrn wuchs und
mehrte sich.
Niemand kann das Wachstum der Gemeinde Gottes verhindern.
So aussichtslos die Situation für die verfolgte Kirche auch gewesen ist,
Gott hat immer eine Möglichkeit gefunden, um seine Kirche am Leben zu
erhalten. Und so aussichtsreich oft die Situation gewesen ist für die
Verfolger der Kirche, es ist ihnen niemals gelungen, die Kirche zu
erledigen. Und überall, wo es kirchliche Märtyrer gegeben hat, und das
waren bis zum heutigen Tag Millionen Christen, überall dort war das Blut
der Märtyrer der Samen der Kirche.
Nehmen wir zum Beispiel einmal China. In China gab es vor der
Kulturrevolution eine Million Christen. Während der Kulturrevolution wurden
die Christen verfolgt, die Kirchen geschlossen und verboten, die
Organisation aufgelöst, es gab keine Kirche mehr. Keine Mensch durfte mehr
in seinem Haus eine Bibel besitzen und so weiter und sofort. Und die ganze
Welt hat gedacht, in China ist die Kirche erledigt. Na und, was ist jetzt,
nachdem der Spuk vorbei ist? Da stellt sich heraus, dass es in China vier
bis sechs Millionen Christen gibt. Also trotz der Verfolgung, oder
vielleicht wegen der Verfolgung hat sich die Kirche nicht etwa vermindert,
sie hat sich nicht bloß verdoppelt, sie hat sich vervier-, verfünf,
versechs-, verachtfacht!
Wie Gott solche Wunder macht vor unseren Augen, wie Er es macht, dass die
Kirche wächst und wie Er macht, dass sie lebt, das kann ich nicht erklären.
Er macht es jedes Mal anders, Er macht es in dem einen Fall so, dass Er
einen sterben lässt wie den Jakobus und dass dadurch die Kirche wächst, und
in dem anderen Fall macht Er es so, dass Er einen befreit, wie den Petrus,
und dass dadurch die Kirche wächst. In dem einen Fall erhört Gott die
Gebete noch schneller, als die Beter glauben und fassen können, im anderen
Fall hört Er die Gebete nicht. Und ich nehme an, dass die Gemeinde für den
Jakobus vorher ja auch gebetet hat. Könnt ihr euch vorstellen, was das für
die erste Christen-gemeinde für ein Schock gewesen ist, als Jakobus geköpft
wurde. Die hatten doch auch um sein Leben gebetet und mussten die Erfahrung
machen, dass Gott offenbar etwas zulässt, was sie nicht begreifen können.
Und sie hätten ja resignieren können, sie hätten sagen können: Es hatte
keinen Zweck, zu Gott zu beten. Offenbar ist Gott machtlos gegen Herodes!
Und wenn Petrus jetzt im Knast ist, dann brauchen wir gar nicht erst
anfangen, für ihn zu beten."
Genau so haben sie nicht gedacht. Die Gemeinde wird nicht kopflos, nachdem
Jakobus geköpft worden ist. Sondern gerade weil Jakobus geköpft worden ist,
setzen sich die Christen ein paar Nächte später schon wieder zusammen und
beten für Petrus und seine Befreiung. Und dann machen sie die Erfahrung,
dass Gott kein Automat ist, der in jedem Falle gleich reagiert. Sondern dem
einen öffnet Gott die Gefängnistür und lässt ihn in die Freiheit, und den
anderen überlässt Er dem Henker. Die einen lässt Er frei, die andern lässt
Er Opfer des Faschismus werden. Dem Bischof Hanns Lilje hat Er die Gestapo
Haft überleben lassen, den Pfarrer Schneider ließ Er im KZ Buchenwald
sterben.
Keinem der Märtyrer zwischen 1933 und 1945 ist an der Wiege gesungen
worden, dass sie einmal ihr Leben aufs Spiel setzen müssten, dass einmal
geprüft würde vor Gott und der Welt, wie viel Gott ihnen wert ist. Die
meisten von denen haben ja eine bürgerliche Jugend gehabt. Sie hatten eine
behütete Jugend, so wie wir auch. Von denen hat keiner geahnt, dass er
einmal sein Leben für Gott lassen muss. Sie wuchsen ja in einem
zivilisierten Kulturstaat auf und wussten nicht, dass ein paar Jahre später
die organisierte Barbarei ausbrechen würde. Keiner von denen hat gewusst,
dass er Märtyrer würde, keiner von denen hat sich vorgenommen, Märtyrer zu
werden. Und keiner von uns wird einen solchen Gedanken haben. Aber rechnen
muss jeder damit, dass er von Gott so geführt wird.
Gott bleibt nie untätig, aber er handelt immer anders.
Es gehört zum Wesen der Kirche, dass sie auf Widerstand stößt und dass sie
Druck und Verfolgung leidet. Die Christen wollen diesen Konflikt nicht. Es
steht in der Bibel: Ist es möglich, so viel an euch ist, so habt mit allen
Menschen Frieden[5]. Nach diesem Grundsatz hat auch die erste Gemeinde in
Jerusalem gelebt. Sie haben dem Herodes nichts getan und trotzdem hat
Herodes die Gemeinde verfolgt. Wer zur Gemeinde von Jesus gehört, muss
wissen, dass er mit Schwierigkeiten rechnen muss bis hin zu Gefängnis und
Tod. Das kann jeden treffen, dich genauso wie mich. Und Gott ist kein
Automat, der jeden befreit. Du darfst nicht denken, dass Gott jeden aus
jeder Klemme befreien muss. Es steht in diesem Kapitel nur, dass Er es
kann. Und zwar auch dann, wenn wir nicht weiter wissen. Wenn einer weiß,
dass er Krebs hat und die Ärzte ihn schon längst aufgegeben haben, dann
sind bei Gott immer noch alle Möglichkeiten drin. Es steht in der Bibel:
Bei Gott ist kein Ding unmöglich[6]. Wenn du in irgendeiner vertrackten
Situation nicht mehr mit Gott rechnest, dann bist du ein Fatalist, aber
kein Christ. Du kannst immer mit Gottes Überraschungen rechnen.
Allein unsere heutige Geschichte enthält drei Doppelüberraschungen.
Erstens: Eine Tür, von der man dachte, sie bliebe geschlossen, die
Gefängnistüre, die ging auf. Und eine Tür, von der man dachte, sie wäre
geschlossen und müsste sich auftun, nämlich die Türen der Gemeinde, die
blieb lange zu. Zweitens: Der Mann, von dem man dachte, er wäre munter in
der Nacht, Petrus in der Zelle, der schlief wie ein Kind. Und die Männer,
von denen man dachte, sie würden pennen, nämlich die Christengemeinde, die
waren munter. Und drittens: Der Mann, von dem man dachte, sein Leben sei zu
Ende, Petrus in der Zelle, der hatte ein langes Leben vor sich. Und der
Mann, von denen alle dachte, der hat ein langes Leben vor sich: König
Herodes, der musste sterben.
Gott handelt oft anders als wir denken. Aber Er handelt! Und Gott steht zu
seinen Versprechen, was Er uns schwarz auf weiß gegeben hat: Dass die
Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen können[7]. Die Kirche ist
nie verloren, wenn sie von ihren Gegnern bedrängt wird. Sie ist erst dann
verloren, wenn sie ihre Gegner für stärker hält als Gott. Von außen kann
die Kirche jedenfalls niemals zerstört werden, solange es in ihr den
Glauben an das Wort Gottes gibt. Das Wort Gottes hat eine ganz seltsame
Eigenschaft. Diese ist in tausenden von Fällen in der Geschichte geprüft
worden: Je mehr man es unter Druck setzt, umso mehr breitet sich aus. Vers
24: Und das Wort des Herrn breitete sich aus und wuchs immer mehr.
_
[1] Matthäus 2, 19-20
[2] Lukas 24, 5
[3] Hanns Lilje (1899 – 1977), ev.-lutherischer Theologe, Landesbischof von
Hannover und stellv. Ratsvorsitzender der EKD. – Anm. des Schreibers.
[4] Vers 1.
[5] Römer 12, 18
[6] Matthäus 19, 26
[7] Matthäus 16, 18
