Serie•Teil 5 / 7E21 Regionalkonferenz Schweiz 2026
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Einleitung und Blick auf die heilsgeschichtliche Linie
Ja, ihr seht es schon im Titelbild: Jesus befindet sich zwischen Mose und Elija.
Ich glaube, Ramun hat gestern Abend bei der Einführung gesagt, dass Leute manchmal, oder dass jemand gesagt habe, er interessiere sich nur für das, was Jesus gesagt hat. Meine Antwort darauf wäre: Okay, dann lies das Alte Testament, denn das ist das, was Jesus gesagt hat, sein Wort.
Ich habe gestern im Abendvortrag gezeigt, wie die Herrlichkeit Gottes, die einst in Eden gegenwärtig war, auf dem Berg Sinai seinem Volk wieder erschienen ist. Der Sinai, das habe ich gestern auch schon gezeigt, ist das Gegenbild zu Eden, aber eben nicht Garten, sondern Wüste. Gott kommt dort an diesen Ort des Fluches, an den Ort des Todes, um sein Volk von dort ins verheißene Land zu bringen und um in ihrer Mitte zu wohnen.
Vom Sinai, auch das habe ich gestern Abend gezeigt, zieht Gott dann um in die Stiftshütte. Diese Stiftshütte ist ein irdisches Abbild des himmlischen Heiligtums und gleichzeitig eine Art mobiler Sinai. Der Sinai zieht dann mit dem Volk Israel mit durch die Wüste ins verheißene Land. Dort, im verheißenen Land, baut Salomo ihm nach einiger Zeit einen Tempel.
Das Allerheiligste im Tempel, das ist der Ort der Wohnung Gottes auf Erden. Damit habe ich gestern Abend abgeschlossen: der Ort, wo Gott seinem Volk nahe ist und sich offenbart.
Ein Tempelgebäude, und das muss man sich immer bewusst machen, ist immer auch eine Verhüllung Gottes. Wegen der Sünde wohnt er nur noch verhüllt unter uns, im Dunkel, hinter Vorhängen und Mauern verborgen. Ohne Tempelgebäude wäre seine Herrlichkeit sichtbar da, aber er verbirgt sich hinter diesen Tempelmauern und hinter dem Vorhang ins Allerheiligste. Er verhüllt sein Angesicht. Kein Mensch kann Gottes Angesicht sehen und doch leben.
Diese Spannung bleibt im Alten Testament unaufgelöst. Gott ist da, aber er verbirgt sich im Tempel.
Gericht, Verlust und die Hoffnung auf Rückkehr
Das Hesekiel-Buch handelt davon, wie in den 580er Jahren vor Christus die Babylonier Jerusalem erobern und mitsamt dem Tempel zerstören. In einer großen Vision sieht Hesekiel in den Kapiteln 8 bis 11, wie Israel durch Greuel, wie es dort heißt, den Tempel verunreinigt. Unter anderem sieht Hesekiel, wie sie mit dem Rücken zum Tempelgebäude stehen und nach Osten schauen und die aufgehende Sonne anbeten, eben das Schöpfungslicht statt den Vater des Lichts. Und die von der Wolke verhüllte und getragene Herrlichkeit Gottes verlässt dann den Tempel, und zwar verschwindet sie nach Osten hin.
Am Ende von Hesekiel 11 lesen wir: Und die Herrlichkeit des Herrn erhob sich aus der Stadt und stellte sich auf den Berg, der im Osten vor der Stadt lag. Der Berg im Osten Jerusalems ist der Ölberg. Dort wird die Herrlichkeit Gottes zuletzt gesehen, und dann verschwindet sie.
Wie nach dem babylonischen Exil die Juden den Tempel wieder aufbauen durften, das erzählt uns das Buch Esra. In Esra 3 wird von der Grundsteinlegung des Tempels berichtet, die zeitlich ins Jahr 520 v. Chr. fällt. Dort wird, wenn sie diesen Grundstein legen, die Fundamente des Tempels, alles parallel berichtet zur Tempeleinweihung unter Salomo. Aber dort, wo bei Salomo dann die Herrlichkeit Gottes im Tempel erscheint, heißt es in Esra 3: Und viele von den betagten Priestern, Leviten und Sippenhäuptern, die das frühere Haus noch gesehen hatten, weinten laut, als nun dies Haus vor ihren Augen gegründet wurde. Viele aber jauchzten vor Freude, so dass das Geschrei laut erscholl, und man konnte das Jauchzen vor Freude und das laute Weinen nicht unterscheiden.
Warum weinen die Alten, und warum jauchzen die Jüngeren? Der Prophet Haggai war bei der Grundsteinlegung des zweiten Tempels dabei, und in Haggai 2,3 fragt Gott durch den Propheten Haggai das Volk: Wer ist noch unter euch übrig, der dies Haus in seiner früheren Herrlichkeit gesehen hat, und wie seht ihr es nun? Sieht es nicht wie nichts aus?
Die Alten wissen: Beim Tempel geht es nicht nur um Architektur. Der Tempel ist die Wohnung Gottes in unserer Mitte. Im ersten, im salomonischen Tempel hat die Herrlichkeit Gottes gewohnt. Aber wo ist sie jetzt, diese Herrlichkeit Gottes, die den Tempel verlassen hat? Wird sie auch im zweiten Tempel wohnen? Wird sie zurückkehren?
Verheissung und Reinigung des kommenden Hauses
Haggai verheißt dann noch im gleichen Kapitel: Denn so spricht der Herr Zebaoth: Es ist nur noch eine kleine Weile, so werde ich Himmel und Erde, das Meer und das Trockene erschüttern. Ja, alle Heiden will ich erschüttern; da sollen dann kommen aller Völker Kostbarkeiten, und ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der Herr Zebaoth. Denn mein ist das Silber, und mein ist das Gold, spricht der Herr Zebaoth. Es soll die Herrlichkeit dieses neuen Hauses größer werden als die des ersten gewesen ist, spricht der Herr Zebaoth, und ich will Frieden geben an dieser Stätte, spricht der Herr Zebaoth.
Gott kündet also an, dass die Herrlichkeit zurückkehren soll, und zwar eine noch größere Herrlichkeit, als sie im salomonischen Tempel war. Aber wie soll das geschehen? Es gibt noch einen zweiten Propheten, der auch dabei war, 520 bei der Grundsteinlegung des zweiten Tempels, das ist Sacharja. Der Herr Zebaoth wird wiederkommen, herrlicher als zuvor. Zebaoth ist das Wort, das Heerscharen bedeutet. Gott ist der Herr der himmlischen Heerscharen. Aber der Herr, der die himmlischen Heerscharen befehligt, kündigt durch Sacharja an: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. Er befehligt die himmlischen Heerscharen, aber er sagt: Ich brauche sie nicht, ich sende meinen Geist.
Wir können daran denken, wie Jesus im Garten Gethsemane seinen Jüngern sagt, dass er mehr als zwölf Legionen Engel herbeirufen könnte, damit sie ihm helfen. Er ist der Herr der Herrscharen, aber er ruft sie nicht, sondern gibt sein Leben, um unter uns zu wohnen. Durch meinen Geist soll es geschehen, sagt der Herr der Herrscharen.
Nach Haggai und Sacharja folgt im Alten Testament noch ein Prophet, der später gewirkt hat, das ist Maleachi. In Maleachi können wir sehr deutlich sehen, dass die Prophezeiungen von Haggai und Sacharja sich noch nicht erfüllt haben. Das dritte und letzte Kapitel des Maleachi-Buches, und es ist das letzte prophetische Kapitel des Alten Testaments, beginnt so: Siehe, ich will meinen Boten senden, der vor mir her den Weg bereiten soll, und bald wird kommen zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Engel des Bundes, den ihr begehrt; siehe, er kommt, spricht der Herr Zebaoth.
Drei von vier Evangelien beziehen sich im ersten Kapitel auf Maleachi 3. Der Bote, der den Weg bereitet, ist Johannes der Täufer, und dann kommt der Herr zu seinem Tempel. Aber was wird er dort tun? Was tut eigentlich der Herr, wenn er zu seinem Tempel kommt? Es geht weiter bei Maleachi, etwas weniger bekannt als dieser Vers, nämlich: Wer aber wird den Tag seines Kommens ertragen können, und wer wird bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer eines Schmelzers und wie die Lauge der Wäscher. Er wird sitzen und schmelzen und das Silber reinigen. Er wird die Söhne Levi, gemeint ist die Priesterschaft, reinigen und läutern wie Silber.
Mit anderen Worten: Wenn der Herr zu seinem Tempel kommt, wird er den Tempel zuerst reinigen.
Jesus als Herr des Tempels
Darum ist die Tempelreinigung so ein wichtiges Zeichen, eine Zeichenhandlung Jesu. Mit dieser Zeichenhandlung macht er deutlich: Der Herr kommt in sein Eigentum, er reinigt seinen Tempel, das Ereignis von Maleachi 3 tritt ein.
Wenn wir beispielsweise im Lukasevangelium lesen, welche Gespräche Jesus nach der Tempelreinigung führt, achtet einmal darauf: Vorher hat er fast immer mit Pharisäern gestritten, nach der Tempelreinigung fast nur noch mit Sadduzäern und Priestern, also mit denen, die die Aufsicht im Tempel hatten. Die Gruppe ändert sich, und es geht fast immer um die Frage: In welcher Autorität hast du das gemacht, dass du in den Tempel kommst und dich so aufführst, als gehöre er dir?
Die Antwort lautet: Er ist der Herr des Tempels. Er ist in sein Eigentum gekommen, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Viele Neutestamentler sind der Meinung, dass die Tempelreinigung das Schlüsselereignis war, das zur Kreuzigung Jesu geführt hat. Dort hat er die Handlung begangen, mit der er praktisch seine Kreuzigung fast provoziert und herbeigeführt hat.
Gehen wir jetzt also ins Neue Testament. Erstens: Jesus und der Tempel. Und auch wenn ich jetzt nicht Zeit in Fülle habe, möchte ich trotzdem Johannes 1,1-14 vollständig lesen, jeweils mit eingeschobenen Kommentaren von mir.
Das Wort, das Fleisch wurde
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen.
Johannes beginnt bei der Schöpfung und macht deutlich, dass Jesus das Wort ist, durch das Gott die Welt erschaffen hat und durch das Leben und Licht in die Welt gekommen ist. Darüber habe ich gestern im ersten Vortrag gesprochen.
Es war ein Mensch von Gott gesandt, der hieß Johannes. Der kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.
Johannes ist also der Bote, der das Kommen des Lichtes in die Welt ankündigt und bezeugt. Und Jesus ist das Licht der Welt, das Schöpfungslicht des ersten Tages. Sein Kommen ist eine neue Schöpfung. Durch ihn kommt erneut das Schöpfungslicht Gottes in die finstere Welt.
Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, nämlich Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind, so wie Gott Adam seinen Atem eingehaucht hat.
Und jetzt kommt der bekannteste Vers wahrscheinlich: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Das Schöpfungswort Gottes ist in Jesus Christus Fleisch geworden, und es wohnte, auf Griechisch heißt es zeltete, unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit. In Jesus Christus hat die Herrlichkeit Gottes unter uns gewohnt, so sagt es Johannes. Und wir sahen seine Herrlichkeit, was den Menschen im Alten Testament nicht vergönnt war, weil diese Herrlichkeit ja verhüllt war.
Zeugnisse der Apostel und die Sicht auf Jesu Herrlichkeit
Und Johannes ist nicht der einzige, der sagt: Wir sahen seine Herrlichkeit. 2. Petrus 1,16
Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus, sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen.
Der Hebräerbrief beginnt mit folgenden Worten: Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch seinen Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit, also das, was wir von der Herrlichkeit Gottes sehen, und das Ebenbild seines Wesens. Und er trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe.
Für alle Apostel war nicht von Anfang an, sondern erst nachdem sie den Auferstandenen gesehen hatten und Jesus in den Himmel aufgefahren war, klar, dass Jesus die Herrlichkeit Gottes ist.
Die Wolke, die in Hesekiel 11 zum letzten Mal auf dem Ölberg im Alten Testament gesehen wurde, verschwindet dann. Im Neuen Testament taucht sie wieder auf, wo sie auf dem Ölberg, hier das Bild rechts, bei der Himmelfahrt Jesu ihn verherrlicht und in die himmlische Herrlichkeit aufnimmt.
Dass Jesus die Herrlichkeit Gottes ist, bedeutet, dass die Gläubigen des Alten Testaments schon mit ihm Gemeinschaft hatten. Wenn Mose in die Wolke ging, das Bild links, um Gott zu begegnen, dann ist Mose Jesus begegnet. Elija ist dem Gewittersturm Jesus begegnet. Wenn Mose und Elija, das ist jetzt das Bild in der Mitte, auf dem Berg der Verklärung mit dem verherrlichten Jesus reden, dann sprechen Leute miteinander, die sich schon kennen. Sie haben sich dort nicht zum ersten Mal gesehen.
Als Jesaja, oder auch Jesaja, bei seiner Berufung im Allerheiligsten die Herrlichkeit Jesu gesehen hat, wie es das Johannesevangelium in Kapitel 12, Vers 41, explizit formuliert, wird dort gesagt, wie Jesus Jesaja zitiert, und dann sagt: nein, wie Jesaja etwas über Jesus schreibt. Und dann heißt es im Johannesevangelium: Das hat Jesaja gesagt, weil er seine Herrlichkeit gesehen hat. Gemeint ist die Herrlichkeit Jesu.
Jesu Gegenwart als neuer Tempel
Wenn also das Wort Fleisch wurde und unter uns wohnte, dann bedeutet das, dass in der Zeit, in der Jesus auf Erden wandelte, der eigentliche Tempel nicht in Jerusalem war. Vielmehr war der Leib Jesu die Wohnung Gottes auf dieser Erde, der Ort, an dem Gott auf dieser Erde gegenwärtig ist.
Jesus hat das für die, die Ohren haben zu hören, immer wieder deutlich gemacht. Ich zeige zwei Beispiele. Man könnte da ganz vieles nennen, aber diese Beispiele sollen auch helfen, die Geschichten von Jesus besser zu verstehen.
Erstens: In Matthäus 11,28-30 ruft Jesus: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Ruhe ist das Stichwort für den Sabbat. Unmittelbar darauf folgt in Kapitel zwölf die Begebenheit, wie die Jünger Jesu am Sabbat hungrig sind und Ähren raufen, als sie unterwegs sind, wie es auf dem Bild dargestellt ist.
Aber Gott hat Israel schon auf der Wüstenwanderung gesagt, in den Mosebüchern, dass sie am Freitag doppelt so viel Manna sammeln sollen, damit sie am Sabbat Nahrung haben. Sie sollen am Sabbat nicht Nahrung sammeln. Das heißt: In dieser Geschichte gibt es noch eine zweite, wo Jesus am Sabbat heilt. Dort sagt Gott, dass der Sabbat um des Menschen willen geschaffen ist, nicht umgekehrt. Also: Heilen ist erlaubt, aber Ähren raufen ist ein Verstoß gegen das Sabbatgebot. Sie hätten am Tag vorher überlegen sollen, was sie essen.
Darum fragen die Pharisäer Jesus, warum seine Jünger tun, was am Sabbat nicht erlaubt ist. Und Jesus bestreitet das gar nicht, sondern er antwortet – ich nehme jetzt nur einen Teil der Antwort, das andere geht um David, es ist eigentlich dieselbe Antwort, aber etwas komplizierter zu erklären, darum nehme ich den einfacheren Teil der Antwort Jesu –: „Habt ihr nicht gelesen im Gesetz, wie die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen und sind doch ohne Schuld? Ich sage euch aber: Hier ist Größeres als der Tempel.“
Das Argument von Jesus zielt hier darauf ab, dass der Tempel der einzige Ort in Israel ist, an dem das Sabbatgebot nicht gehalten wird. Die Priester müssen am Sabbat im Tempel arbeiten, die Schaubrote müssen am Sabbat ausgewechselt werden, die Menorah muss mit Öl versorgt werden, und sie müssen sogar doppelt so viele Brandopfer darbringen wie am Wochentag. Also: Während alle gemütlich haben, müssen die Priester arbeiten.
Und Jesus sagt den Pharisäern damit eigentlich: Die Jünger, die um mich herum Ähren raufen, die sind gerade im Tempel. Habt ihr nicht gemerkt, dass sie im Tempel sind? Sie sind nämlich in der Gegenwart der Herrlichkeit Gottes, und darum können sie den Sabbat brechen und sind doch ohne Schuld. Wer mit Jesus in Gemeinschaft ist, der ist im Heiligtum. Das ist der Grund, warum er es legitimiert.
Ich persönlich bin der Meinung, aber das ist natürlich jetzt spekulativ, dass Jesus den Jüngern gesagt hat, sie sollen das tun, weil er den Pharisäern eine Lektion erteilen wollte. Also ich glaube, es war ein abgekartetes Spiel und nicht einfach ein Zufall, um diese Lektion zu erteilen.
Reinheit, Berührung und die Macht des Lebens
Dann, zweites Beispiel: Viele Bibelleser haben Mühe mit der Stelle, wo Jesus einem Mann, der noch seinen Vater begraben möchte, antwortet: Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes. Das ist ja doch ein bisschen pietätlos von Jesus. Die Bedeutung dieses harten Wortes wird aber deutlicher, wenn wir 3. Mose 21 lesen.
In 3. Mose 21 geht es zuerst darum, woran sich die Priester halten müssen, wenn sie Dienst haben, und danach darum, woran sich der Hohepriester halten muss. In den Versen 1 bis 4 im Kapitel heißt es, dass Priester sich nicht an Toten unrein machen dürfen, mit Ausnahme der nächsten Verwandten. Also für Mutter, Vater, Sohn, Tochter, Bruder, Schwester dürfen sie an die Beerdigung gehen, sonst nicht. Und früher hat man bei Beerdigungen die Leiche berührt.
Wenige Verse später heißt es dann, dass der Hohepriester, der gesalbt und geheiligt ist, wenn er im Dienst ist, zu keinem Toten kommen darf, nicht einmal zu Vater und Mutter. Wenn Jesus jemandem, der ihm nachfolgen will, sagt, er dürfe nicht einmal seinen Vater beerdigen, dann sagt er ihm: Wenn du mir nachfolgst, dann bist du in dem Moment ein Hohepriester, der gerade im Dienst ist, der ins Allerheiligste tritt. Es gilt die höchste Heiligungsstufe, und du musst den Bereich des Todes ganz verlassen. Das ist der Grund dafür. Es ist eigentlich auch eine Lektion darüber, mit wem ihr es eigentlich zu tun habt, wenn ihr mit mir unterwegs sein möchtet.
Auch andere Begebenheiten im Leben Jesu werden damit deutlich. Wir haben gestern Abend gesehen, was Heiligkeit und Unreinheit ist. Unreinheit lässt sich im Alten Testament durch Berührung übertragen. Wenn ich eine Leiche berühre, werde ich unrein. Es gibt ein gewisses System, das kann ich hier jetzt nicht erklären. Aber das Gleiche gilt auch für Heiligkeit, das habe ich gestern zu zeigen versucht. Reinheit ist nichts, sie ist die Abwesenheit von Unreinheit. Und was eigentlich Substanz hat, ist Heiligkeit auf der einen Seite, eben mit dem Salböl beispielsweise, oder Unreinheit, Berührung mit dem Tod.
Im Allerheiligsten ist die Lebenskraft Gottes gegenwärtig. Vom Allerheiligsten aus geht der Strom Edens, alles bekommt Leben von dort aus. Auf der anderen Seite ist die Unreinheit die Wüste, die Macht des Todes. Und die Frage ist jetzt: Was geschieht, wenn Jesus unreine Menschen berührt?
Die heilende Kraft Christi und die Aufhebung der Todesmacht
Achtet euch einmal darauf im Neuen Testament: körperliche Berührungen spielen eine erstaunlich große Rolle. Das hat alles mit Tempeltheologie zu tun. Was geschieht, wenn Jesus unreine Menschen berührt, Aussätzige beispielsweise, die blutflüssige Frau, die ihn berührt, oder die Sünderin im Haus von Simeon, die ihm die Füße salbt?
Tatsächlich denkt sich Simeon, als die Sünderin ihm die Füße salbt: Wenn er wüsste, wer sie ist, würde er sich nicht von ihr berühren lassen, denn sie ist unrein, heißt es. Oder: Wenn er ein Prophet wäre, dann würde er das wissen. Also weiß er es nicht einmal. Und tatsächlich: Ein Prophet würde sich nicht verunreinigen lassen. Aber Jesus ist nicht einfach ein Prophet, sondern er ist der Heilige Gottes.
Diese reinigende und heiligende Lebenskraft, die von ihm ausgeht, ist stärker als die Macht des Todes. Der Neutestamentler Matthew Thiessen hat in seinem Buch Jesus and the Forces of Death gezeigt, dass die Reinheitsgebote im Neuen Testament nicht aufhören, weil Jesus sie aufgehoben hätte, oder weil er findet, das Innerliche sei wichtiger als das Äußere, oder weil er ein bisschen liberaler ist als Mose, sondern weil die Reinheitsgebote voraussetzen, dass der Mensch unter der Macht des Todes steht.
Bei den Reinheitsgeboten geht es immer darum, dass der Mensch sich von der Macht des Todes freimachen und reinigen muss. Unreinheit heißt eigentlich immer Todverfallenheit. Und wer mit Jesus in Berührung kommt, wird der Macht des Todes entrissen, weil er geheiligt wird. Nicht weil es keine Unreinheit gibt, sind im Neuen Testament die Reinheitsgebote zu Ende, sondern weil die Macht des Todes über denen gebrochen ist, die mit Jesus unterwegs sind, und der Tod darum gar keine Kraft mehr über sie hat. Darum müssen sie sich nicht mehr reinigen. Sie sind ein für alle Mal gereinigt. In seinem Tod und in seiner Auferstehung hat Jesus die Macht des Todes gebrochen.
Paulus kann aber auch sagen: Wer nicht glaubt, ist verpflichtet, das ganze Gesetz zu halten. Also ist er eben auch unter der Todesmacht und muss sich auch an die Reinheitsgebote halten.
Ich könnte noch viele weitere Texte in den Evangelien besprechen, um nur einige anzudeuten, die ich aber nicht bespreche. Als Jesus nach der Tempelreinigung zu den anwesenden Juden sagt, sie sollen den Tempel in drei Tagen abbrechen, und er werde ihn in drei Tagen aufrichten, da spricht er von seinem Leib. Als Jesus mit der Samaritanerin über den wahren Ort des Gottesdienstes spricht, ob das Jerusalem oder Garizim ist, beginnt er das Thema mit lebendigem Wasser. Und sie versteht offenbar sofort: Wenn er von der Quelle lebendigen Wassers spricht, spricht er von der Frage, wo der Tempel ist. Eden ist der Ort, an dem das Wasser der ganzen Welt entspringt, und Jesus sagt: Ich bin die Quelle des Lebenswassers.
Wenn Jesus sagt, er sei das Licht der Welt, dann bezeichnet er sich als Schöpfungslicht, als die Herrlichkeit Gottes.
Erniedrigung und Erhöhung des Gottesknechtes
Mein zweiter Punkt: die Erniedrigung und die Erhöhung Jesu. Ich habe gestern Abend den zweiten Vortrag abgeschlossen mit Jesaja 57: So spricht der Hohe und der Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.“
Ich habe da gezeigt, dass eben dieser Hohe und Erhabene, den die Himmel aller Himmel nicht fassen können, sich so klein machen kann, dass er in denen wohnt oder bei denen, die zerschlagenen und demütigen Herzens sind. Er macht sich ganz klein. Das ist ein bisschen wie, finde ich manchmal, die unendlichen Weiten des Universums. Und je besser man im Kleinsten sehen kann, was eigentlich dort alles geschieht, desto mehr sieht man, dass man das ganze Universum im Kleinsten nochmals hat, mit der gleichen Unendlichkeit oder sogar mit einer noch größeren. Ich finde das ein schönes Bild dafür, dass das ganz Große sich auch ganz klein machen kann.
Interessant, jetzt will ich darauf eingehen: Man sieht schon, ich habe es nämlich gelb gefärbt: der Hohe und Erhabene. Diese beiden Wörter kommen in dieser Verbindung nur relativ selten vor, und im Jesajabuch kommen sie zusammen zum ersten Mal vor, als Jesaja berufen wird. Jesaja schreibt dort in der Ich-Form: In dem Jahr, als der König Usia starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel. Gott ist der Hohe und Erhabene, und sein Thron ist hoch und erhaben.
Die Wortverbindung kommt aber noch einmal vor, und zwar zwischen diesen beiden Texten in Jesaja 52, wo Gott sagt: Siehe, mein Knecht wird es gelingen, er wird hoch und sehr erhaben sein. Hoch und erhaben sind im Jesajabuch Attribute Gottes. Aber hier wird über den Knecht Gottes gesagt, dass er hoch und erhaben sein wird. Doch zuerst, es heißt, er wird hoch und erhaben sein, muss er erniedrigt werden.
Es folgen dann sehr bekannte Passagen, die im Neuen Testament immer wieder auf Jesus bezogen werden. Ihr habt sie sicher teilweise im Ohr: Fürwahr, er trug unsere Krankheiten und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen; die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
Dann heißt es dort auch noch weiter – ich lese jetzt nicht den ganzen Text –, aber es heißt: Als er gemartert war wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, tat er seinen Mund nicht auf. Sein Grab wurde ihm gegeben, obwohl er nie Unrecht getan hat. Aber wenn er sein Leben als Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und die Länge leben und Licht schauen und die Fülle haben. Er wird den Vielen Gerechtigkeit schaffen, denn er trägt ihre Sünden.
Wir sehen einen Gottesknecht, der durch Leiden und Tod hindurch erniedrigt, danach aber auferweckt und erhöht wird, und zwar so hoch, dass er hoch und erhaben genannt wird, wie Gott selber. Auf dem Thron Gottes wird er erhöht.
Wenn es nämlich dann später heißt, wenn man das Jesajabuch fortlaufend liest, also: Der Thron Gottes ist hoch und erhaben, der Gottesknecht ist hoch und erhaben, wir haben hier diese Abfolge, wenn man in dieser Reihenfolge liest, Jesaja 57,15: Es spricht der Hohe und Erhabene –, kann man sich fragen: Wer spricht jetzt da eigentlich? Spricht der auf diesem Thron, oder ist der Knecht jetzt schon hoch und erhaben, oder ist vielleicht beides der Gleiche, weil der es ist, der sich erniedrigt und wieder erhöht wird? Das fällt zusammen im Jesajabuch.
Der Weg Christi durch Kreuz, Altar und Himmel
Die Erniedrigung des Gottesknechtes wird dabei mit Tempelsprache verbunden, auch bei Jesaja: die Opferung eines Lammes, das Tragen der Schuld. Paulus schreibt in 1. Korinther 2,5-11 den sogenannten Christushymnus, und dort haben wir genau diese Bewegung. Ich habe jetzt hier mal Jesus ins Allerheiligste gesetzt. Dort beginnt er nämlich im Philipperbrief, und man kann mit dieser Tempelauslegeordnung, oder mit den Tempelräumen, eigentlich die Bewegung darstellen, die Jesus gemacht hat.
Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an. Er war den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuz.
Jetzt ist er ganz unten angekommen, da, wo der Altar ist, wo das Wasserbecken ist. Jesus ist ja auch in die Taufe hinabgestiegen, was eigentlich nach den Evangelisten eine Taufe zur Buße, zur Vergebung der Sünden war. Und indem er in die Taufe gegangen ist, fragt Johannes noch: Was soll ich dich taufen? Du hast ja gar keine Sünden gemacht. Das ist der Hintergrund. Jesus hat sich unter die schuldige Menschheit gestellt, also er hat sich mit der Menschheit in die Taufe hineinbegeben und dann an den Altar auf Golgatha.
Ja, und dann heißt es aber weiter, zweite Hälfte aus 1. Korinther 2,5-11: Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen alle derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes des Vaters.
Wir können also die ganze Bewegung, die Jesus gemacht hat, in den Räumen des Tempels beschreiben. Jesus war in göttlicher Gestalt im himmlischen Allerheiligsten, aber er nahm Knechtsgestalt an, damit wir überhaupt sein Angesicht sehen können. Er erniedrigte sich bis in den Tod.
Der Hebräerbrief betont gegen Ende, dass Jesus, damit er das Volk heilige, durch sein eigenes Blut draußen vor dem Tor gelitten hat. Man könnte sagen: vor den Toren Edens, also außerhalb der heiligen Stadt, außerhalb Jerusalems, auf Golgatha. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen, aus dem Lager, und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Also der Hebräerbrief sagt uns eigentlich: Weil wir diese Stadt suchen, sollen wir jetzt da hinausgehen. Da ist unser Ort, bis diese Stadt herabkommt. Und da ist der Platz der Gemeinde, der Gemeinde Jesu in Knechtsgestalt, könnte man sagen. Ich würde es mal so beschreiben: Der Gottesdienst ist eigentlich die Gelegenheit, einmal pro Woche diesen Raum zu betreten. Aber dann müssten wir wieder raus, dahin sind wir gerufen. Dahin hat Gott uns gestellt, draußen vor dem Tor.
Der Altar war außerhalb des Heiligtums, außerhalb Edens, am verfluchten Ort. Dorthin ist Jesus gegangen, an den Ort des Fluches, da, wo die Disteln und die Dornen wachsen. Er hat sich mit einer Dornenkrone krönen lassen, und dann hat er Versöhnung geschaffen.
Am großen Versöhnungstag, das habe ich auch gestern gezeigt, spielen zwei Böcke eine Rolle: Der Sündenbock trägt die Sünden des Volkes und wird in die Wüste geschickt. Die Wüste ist der Tod. Jesus ist hinabgestiegen ins Reich des Todes, und er hat unsere Schuld getragen ins tiefste Meer. Der andere Bock aber wird geschlachtet, und mit seinem Blut wird das Heiligtum gereinigt, durch den Hohen Priester, der es bis ins Allerheiligste hineinträgt.
Jesus hat beide Bewegungen vollzogen, von beiden Böcken. Er hat unsere Schuld tragend nach draußen gebracht, und er ist mit seinem eigenen Blut in den Himmel aufgestiegen und hat das himmlische Allerheiligste gereinigt.
Kreuz, Vorhang und neue Sicht auf Gottes Gegenwart
Lukas betont, dass bei der Kreuzigung, als Jesus starb, zwei Dinge ungefähr gleichzeitig geschahen. Und übrigens sagt Lukas direkt beim Schächer am Kreuz: Heute wirst du mit mir im Paradies sein, also zurück im Garten Eden. Dann heißt es sofort, dass sich die Sonne verfinsterte und der Vorhang im Tempel in zwei Teile zerriss.
Wir haben also diese beiden Ereignisse: die Sonnenfinsternis und das Zerreißen des Vorhangs.
Die Sonnenfinsternis ist zunächst einmal ein Zeichen des Gerichts. Als der Sohn Gottes stirbt, wird es finster. Wenn wir aber das Ereignis der Sonnenfinsternis zusammen mit dem Zerreißen des Vorhangs sehen, dann wird damit noch etwas anderes angekündigt.
Was ist denn die Funktion des Vorhangs? Er verhüllt die Herrlichkeit Gottes. Wenn aber der Vorhang zerreißt, dann zerreißt Gott sozusagen seinen Gesichtsschleier, mit dem er sein Angesicht verhüllt. Und wenn dieser zerrissen ist, dann braucht es keine Sonne mehr. Die Sonne verliert ihren Glanz, weil sie nicht mehr gebraucht wird, sobald das Gesicht Gottes sichtbar wird.
Im letzten Kapitel der Bibel, Offenbarung 22, lesen wir über den neuen Himmel und die neue Erde, dass wir sein Angesicht sehen werden. Und es wird keine Nacht mehr sein. Sie bedürfen keiner Leuchte und nicht des Lichts der Sonne, denn Gott der Herr wird sie erleuchten, und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Die Gemeinde als Ort der Gegenwart Gottes
Drittens: die Gemeinde als Tempel Gottes.
In Jesus ist also die Herrlichkeit Gottes. Als er auf Erden war, war sie unter uns, so dass die Apostel schreiben können: Wir sahen seine Herrlichkeit. Bei der Himmelfahrt wird er nach seiner Erniedrigung wieder erhöht. Die Wolke verhüllt ihn erneut und nimmt ihn der Schau der Apostel weg. Er verschwindet vor ihren Augen in der Wolke, wie Gott schon auf dem Sinai in der Wolke unsichtbar war.
Die Wolke der Herrlichkeit Gottes nimmt ihn auf, und der Menschensohn kommt mit den Wolken des Himmels zu dem, der uralt war, so heißt es in Daniel 7. Dort empfängt er Macht, Ehre und Reich, damit ihm alle Völker und Leute aus so vielen Sprachen dienen sollten. Daniel 7,13-14.
Jetzt können wir uns fragen: Bedeutet das denn, dass Jesus nach der Himmelfahrt nicht mehr auf Erden wohnt? Wir sollten dabei nochmals daran denken, was ich gestern betont habe: dass der Tempel der Ort ist, wo Himmel und Erde sich verbinden. Eden, die Spitze des Sinai, die Stiftshütte, der Jerusalemer Tempel und am Schluss der Leib Christi, als er auf Erden war, wo die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte.
Als Jesus im Johannesevangelium ankündigt, dass er gehen wird, kündigt er gleichzeitig an, dass er seinen Heiligen Geist senden wird. Und er sagt: In diesem Geist komme ich selber zu euch. Die Feuerzungen, die sich beim Pfingstereignis beim Kommen des Geistes auf alle Gläubigen setzen, bringen zum Ausdruck, dass jeder, der den Geist Gottes empfängt, zur Wohnung Gottes, zum Begegnungszelt wird.
Ich habe versucht, das so in den Bildern darzustellen, dass es möglichst ähnlich aussieht. Rechts ist, von El Greco, eine Pfingstdarstellung; die linke ist, glaube ich, nicht von einem gleich bekannten Künstler. Diese Feuersäule kommt also auf jeden Einzelnen. Dadurch ist Jesus nicht mehr so, wie er als Mensch war, immer an einem Ort, sondern er kann durch seinen Geist auf der ganzen Welt gegenwärtig sein.
Geist, Gemeinde und die Ausbreitung des Lebens
Wir sollten also nochmals daran denken: Da waren ja die Feuerzungen, die sich beim Pfingstereignis, beim Kommen des Geistes auf alle Gläubigen, setzen. Sie bringen zum Ausdruck, dass jeder, der den Geist empfängt, zur Wohnung Gottes, das heißt zum Begegnungszelt wird. So wie die Feuersäule über der Stiftshütte Halt machte, so die Feuerzungen über den Gläubigen.
Am explizitesten sagt es Paulus in 1. Korinther 3,16, wenn er über die Gemeinde sagt: Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Und 1. Petrus 4,14: Der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch.
In der Johannesoffenbarung werden immer wieder Bilder und Symbole des Tempels auf die Gemeinde bezogen. Die Gemeinde ist der Ort, wo Himmel und Erde sich verbinden, der Ort, wo Gott auf Erden gegenwärtig ist und wohnt.
Das können wir beispielsweise daran sehen, dass manches, was Jesus über sich selber gesagt hat, er auch über seine Nachfolger gesagt hat. In einem Evangelium sagt er: „Ich bin das Licht der Welt.“ Im Matthäusevangelium sagt er: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Er sagte zur Samaritanerin, dass er die Quelle des Lebenswassers ist, Johannes 4. Aber nur drei Kapitel später sagt er im Johannesevangelium während des Laubhüttenfestes im Jerusalemer Tempel: Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, nicht er hat immer genug zu trinken, sondern von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Der wird selber zu Eden.
Und Johannes fügt hinzu: Das sagte er aber vom Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da. Denn Jesus war noch nicht verherrlicht.
Ich habe über den Garten Eden gesagt, gestern, dass er so angelegt war, dass er sich auf der ganzen Erde ausbreiten soll. Genau das geschieht in Hesekiel 47 in der Tempelvision, wo vom Allerheiligsten ein Strom von Lebenswasser ausgeht. Zuerst fließt er durch den Tempelbereich, dann ins Land hinaus bis in die Wüste und sogar ins Tote Meer, das zum Leben erwacht. Es leben wieder Fische im Toten Meer usw. Die Wüste wird zum Garten, Tod wird in Leben verwandelt durch den Geist Gottes.
Dann in Hesekiel die Voraussetzung, dass das geschieht, das ist Hesekiel 47, ist Hesekiel 43, wo die Herrlichkeit Gottes in den Tempel zurückkehrt, und dann beginnt der Strom zu fließen. Und zwischen 43 und 44 wird im 44 bis 46 der Priesterdienst im Tempel beschrieben, unter anderem mit den Worten „bebauen und bewahren“, die wir gestern im Garten Eden gesehen haben als Auftrag des Menschen.
Frucht, Sendung und die neue Schöpfung
In Eden hat der Schöpfungssegen gelautet: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde. Dass wir fruchtbar sein sollen, wenn der Geist Gottes in uns wohnt und in uns die Quelle des Lebenswassers sprudelt, sagt auch Paulus in Galater 5, wenn er die Gemeinde auffordert, im Geist zu leben und Früchte des Geistes zu bringen.
Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit. Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln, im Garten.
Auch die Erde sollen wir füllen, sagt Jesus, als er sich von seinen Jüngern verabschiedet: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Geht hin, seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde. Macht zu Jüngern alle Völker, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes durch das Wasser hindurch und lehrt sie, zu halten die Priesteraufgabe, alles, was ich befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Weltende.
Wenn der Heilige Geist in der Gemeinde Jesu wohnt, dann wird sie zu einem Tempel Gottes, zu einem Garten, zu einem Ort, wo die Bäume Früchte tragen, wo Leben den Tod besiegt und wo Leben verbreitet wird. Kein Geruch des Todes zum Tode, sondern des Lebens zum Leben sollen wir sein.
Wo der Geist ist, da ist Freiheit. Er wirkt zum Nutzen aller, zur Auferbauung der Gemeinde. Der Geist wirkt nicht zur frommen Selbstinszenierung, auch nicht zur geistlichen Manipulation.
Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg.
Und der Geist, das müssten wir daran denken, ist derselbe Geist, durch den Gott sein Reich gebracht hat. Zacharias hat sich Jesus erniedrigt. Der Geist ist kein Geist, der mir sagt: Wenn ich viel von ihm habe, bin ich besser als die um mich herum. Also überall, wo eine Geisttheologie herrscht, wo die besonders Geistbegabten sich für geistlicher halten, ist es genau das Gegenteil dessen, wohin der Geist Jesus geführt hat.
Jesus hat immer wieder deutlich gemacht, was es bedeutet, wenn seine Jünger, seine Gemeinde, zum Tempel wird. Sie wird zu einem Ort des Lebens, zum Licht, das im Finstern leuchtet, zum Lebenswasser für die, die durstig sind.
Der einzelne Leib als Tempel und die verborgene Herrlichkeit
Und Paulus führt im ersten Korintherbrief den Gedanken sogar noch weiter: Nicht nur die Gemeinde, sondern der Leib jedes einzelnen Christen ist ein Tempel des Heiligen Geistes, eine Wohnung Gottes auf Erden, in der sich Himmel und Erde verbinden. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, fragt er, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selber gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leib.
Alle Paulusbriefe kreisen aber gleichzeitig auch darum, dass man äußerlich so wenig von dieser Herrlichkeit sieht. In 2. Korinther 4,6 schreibt Paulus, dass die Gabe des Heiligen Geistes eine neue Schöpfung bedeutet. Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, damit durch uns die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi entstünde.
Das ist natürlich Widerschöpfungssprache: Licht aus der Finsternis leuchtet hervor, und zwar in unseren Herzen, damit die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi erkannt wird. Die Stiftshütte, der Tempel, die waren stockfinster, kein einziges Fenster, die Türen mit Vorhängen bedeckt. Nur die Lichter, die drinnen aufgestellt wurden, haben Licht geschenkt. Und so sind unsere Herzen auch ohne Fenster von außen. Es kommt kein Licht von außen, aber sie werden erleuchtet von der Herrlichkeit Jesu Christi, die durch den Heiligen Geist in uns wohnt.
Und dann schreibt Paulus an dieser Stelle sofort weiter. Jetzt könnte man sagen: Ja, warum sieht man das euch nicht an, dass ihr so viel Herrlichkeit in euch habt? Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar wird. Offenbar wird es aber erst in der neuen Schöpfung.
Vollendung und neues Wohnen Gottes
Die Johannesoffenbarung redet immer wieder davon, dass in dieser Weltzeit, in der wir gerade leben, Himmel und Erde sich noch unterscheiden. Im Himmel ist Herrlichkeit, der Sieg über Hölle, Tod und Teufel ist schon errungen. Es wird ewiger Lobpreis gefeiert, weil das Lamm, das geschlachtet war, auf dem Thron ist und regiert.
Auf der Erde aber geht alles drunter und drüber. Gewalt herrscht, Hunger, Seuchen, Kriege, Not und Elend sind gleichzeitig da. Die Offenbarung will eigentlich, dass wir lernen, in dem, was wir auf der Welt sehen, immer wieder einen Blick in den Himmel zu werfen und die eigentliche Realität zu betrachten, die herabkommen wird.
Aber am Ende wird die himmlische Herrschaft sichtbar auf die Erde herabkommen. Das Böse, das auf der Erde zu siegen scheint, wird gerichtet. Alles wird verwandelt, und dann ist das Ziel der neuen Schöpfung erreicht.
Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Und Gott wird abwischen alle ihre Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu.
Siehe, ich mache alles neu – das ist die Jahreslosung. Und sie ist uns zugleich für die Gegenwart gegeben, in der Gott unsere Herzen erneuert und uns zu einer Wohnung des Heiligen Geistes macht. Sie ist uns auch für die Zukunft gegeben, wenn das Seufzen der Schöpfung, Kriege, Terror, Tränen, Leid, Sünde und Bosheit ihr Ende finden und wenn diese irdenen Gefäße, die jetzt schon die Herrlichkeit Gottes tragen, in der Auferstehung des Leibes neu und herrlich gemacht werden.
Das Wohnen Gottes unter uns, die Hochzeit von Himmel und Erde, ist von der Schöpfung an das Ziel, auf das alles zuläuft. Und wir dürfen Anteil daran haben.
Schlusswort und Zusammenfassung
Ich ende mit einem PS, einem kurzen Postskriptum: Gott begegnen mitten im Alten Testament, so lautet ja diese Tagung, der Titel dieser Konferenz.
Ich habe in drei Vorträgen zu zeigen versucht, dass das Wohnen Gottes auf Erden inmitten seines Volkes sich als Leitthema durch das Alte und das Neue Testament durchzieht. Man kann eigentlich alles darauf beziehen. Darum habe ich auch so viele Dinge gebracht, um zu zeigen, wie groß eigentlich die Fülle ist, die daran Anteil hat. Und man könnte noch in ganz viele weitere Texte gehen.
Vor allem habe ich auch zu zeigen versucht, dass das Wohnen Gottes im Alten Testament ein Wohnen des dreieinigen Gottes ist. Christus ist bei der Schöpfung, in Eden, auf dem Sinai, im Zelt der Begegnung, im salomonischen Tempel als Herrlichkeit Gottes anwesend. Wer ihn sieht, sieht den Vater, und er ist durch den Heiligen Geist anwesend. Mose und die Propheten können der Herrlichkeit Gottes nur begegnen, weil sie den Geist empfangen, durch den Geist.
Die Tora, die Propheten, die Psalmen, all das, und da bin ich bei dem nochmals an sich einführend gesagt haben, also: Die Bücher des Alten Testaments sind Worte Jesu Christi an sein Volk. Wenn man also auf das hören will, was Christus gesprochen hat, dann ist das Alte Testament kein schlechter Anfang. Es sind die Worte Jesu Christi an sein Volk. Und zu diesem Volk gehören wir durch Jesus Christus, wenn sein Geist in uns wohnt.
Wir sind also mit den Gläubigen des Alten Testaments in Christus verbunden. Sie umgeben uns als eine Wolke von Zeugen, heißt es im Hebräerbrief. Und diese Verbundenheit macht, dass wir in den Worten des Alten Testaments nicht nur die Worte eines uns eher fremden Gottes an das alttestamentliche Israel hören dürfen, sondern die Worte Christi auch an uns. Wir sind hineingenommen in diese Gemeinschaft und dürfen darum im Alten und im Neuen Testament dem dreieinigen Gott begegnen durch den Geist, der nicht nur die Schreiber inspiriert hat, sondern der auch in unseren Herzen wohnt und uns hilft, die ganze Bibel in dem Geist zu lesen, in dem sie geschrieben wurde: im Heiligen Geist, der der Geist Christi ist und der Geist der Herrlichkeit Gottes, und der in uns das biblische Wort, wenn wir es hören, wenn wir es empfangen, zum Lebenswort werden lässt, aus dem wir selber leben dürfen, aber dieses Leben vor allem auch weiter schenken dürfen.
Vielen Dank.
