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Johannes der Täufer im Gefängnis

25.07.1993
Wenn Gott anders führt als erhofft, wird Vertrauen hart. Johannes sitzt im Dunkeln und fragt: Bist du wirklich der Richtige? Jesu Antwort: Schau auf das, was heil wird – und halt dich ans Wort.

Die Begegnung mit dem angefochtenen Täufer

 Matthäus 11,1-6
Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, dass er von dort weiterging, um in ihren Städten zu lehren und zu predigen.
Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?
Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt. Und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Hier geht es um Johannes den Täufer. Er ist der letzte der Propheten des Alten Testamentes und eine grandiose Gestalt. Ich kann das gar nicht anders ausdrücken: eine grandiose Gestalt.
Schon äußerlich war er besonders. Er trug ein Kleid aus Kamelhaaren und ernährte sich von wildem Honig. Da könnten sich selbst die heutigen Alternativen noch etwas abschneiden bei diesem Johannes dem Täufer. Das war ein echter Mann, ein Kerl, wie er im Buche steht.
Und was noch wichtiger ist als seine äußere Erscheinung, war sein inneres Leben. Denn die Bibel sagt, dass er als einziger Mensch überhaupt von Mutterleib an mit dem Heiligen Geist erfüllt war. Das konnte er nicht selbst beeinflussen, auch nicht seine Eltern. Er war von Mutterleib an mit dem Heiligen Geist erfüllt.
Und als seine Mutter mit ihm schwanger ging, er war sechs Monate alt im Mutterleib, da begegnete Elisabeth der Maria. Und da hüpfte Johannes der Täufer als sechs Monate alter Embryo im Bauch der Elisabeth vor Freude, als er die Mutter Jesu, die Mutter seines späteren Erlösers, reden hörte. Das berichtet uns die Bibel.
Johannes der Täufer wuchs in einer Priesterfamilie auf. Zacharias, sein Vater, war Priester. Seine Mutter war Elisabeth. Sie waren beide schon hochbetagt, als sie ihn erwarteten. Und das zeigt wiederum, dass da ein besonderer Mensch geboren wurde.
Immer wenn Gott ein besonderes Werkzeug seiner Heilsgeschichte vorbereitet hat, gibt es eine besondere Geburtsgeschichte in der Bibel. Meistens geht da eine lange Zeit der Unfruchtbarkeit voraus. Und dann waren diese Kinder ganz besonders erbeten. Denn Eltern, bei denen die Kinder so nach der Reihe kommen, die beten nicht groß darum, dass jetzt das nächste Kind kommt. Aber bei denen, wo schon zwanzig oder in dem Fall noch mehr Jahre zurücklagen und der innige Kinderwunsch da war, das war ein erbetetes Kind.
Und dann kam er im hohen Alter seiner Eltern, von Mutterleib an mit dem Heiligen Geist erfüllt, und er wuchs auf, ganz in der Stille. Über seine Jugendjahre wird uns nicht viel berichtet. Aber dann müssen seine Eltern wohl früh gestorben sein, weil sie eben hochbetagt waren. Und dann ging Johannes in die Wüste, um dort von Gott vorbereitet zu werden.

Schule der Wüste und Ruf zur Umkehr

Ich weiss nicht, wer von uns schon einmal in der Wüste war, vielleicht kurz bei einer Safari oder so in Afrika. Ich war einmal am Rand der Wüste dort, aber gelebt hat dort wohl keiner von uns. Wir ahnen gar nicht, was es heisst, in der Wüste zu leben.
Die Wüste war für Johannes den Täufer eine wichtige Schule. Die Wüste lehrt etwas über Trockenheit. Und so lernte Johannes dort in der Trockenheit der Wüste, mit dem ausgetrockneten Geist der Menschen seiner Generation umzugehen, dort am Jordan. Die Menschen waren ausgetrocknet, da war kaum noch geistliches Leben. Es gab nur noch eine Handvoll Menschen in Israel, die festhielten an den Verheissungen des Alten Testaments, dass bald der von Gott versprochene Retter kommen würde. Es gab nur noch eine Handvoll Leute, die warteten.
Die Parallele dazu haben wir heute: Es gibt nur noch wenige Christen, die überhaupt in der Naherwartung der Wiederkunft Jesu Christi stehen, obwohl es die Bibel ganz klar sagt. Und zur Zeit Johannes des Täufers war es eben auch nur noch eine Handvoll.
Und dann lehrt die Wüste auch etwas über Abhängigkeit von Gott. Dort in der Wüste, bei wilden Tieren, immer in der Gefahr, kein Wasser und keine Nahrung zu finden, da wurde Johannes völlig abhängig von seinem Gott. Dort lernte er, mit ihm zu leben, und in dieser Zeit wurde er vorbereitet und zubereitet für seinen Dienst.
Zu predigen, da war seine Predigt eine herbe Predigt, eine raue, eine Buss-Predigt, aber eine Erweckungspredigt. Er predigte nicht irgendwelche Kanzelvorlesungen, wo der Intellekt gekitzelt wurde, oder irgendetwas Seichtes und Oberflächliches, sondern er ging an die Wurzel. Seine Predigt war: Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; wenn ihr nicht Busse tut, wird der Baum umgehauen. Diese Botschaft an Israel, oder: Da ist schon die Tenne gefegt, und er wird kommen mit der Worfschaufel usw. und die Tenne fegen und Spreu und Weizen trennen. Eine Predigt mit echtem prophetischem Geist.
Johannes der Täufer war Prophet, und Propheten haben den Auftrag, im Namen Gottes das Wort zu predigen, die Wahrheit Gottes zu predigen. Dabei wird immer Sünde aufgedeckt, bei Einzelnen, bei Königen, bei Fürsten, bei Herrschenden oder auch beim allgemeinen Volk. Prophetie ist sündenaufdeckende Rede, dass jemand durch den Geist Gottes bevollmächtigt so redet, dass die Hörer auf einmal merken: Da bin ich gemeint. Nicht mein Nachbar neben mir, da bin ich gemeint. Jetzt legt Gott seinen Finger auf meine wunde Stelle. Das ist Prophetie.
Wir denken bei Prophetie immer an Zukunftsvoraussage, das ist auch dabei. Zehn Prozent der Prophetie im Alten Testament ist Zukunftsvoraussage, der Rest ist sündenaufdeckende Rede, und zwar auch beim Volk Gottes. Und in diesem Sinne haben wir heute noch prophetische Rede und prophetischen Dienst, hoffentlich unter uns.
Und das tat Johannes der Täufer. Und weil er kein Blatt vor den Mund nahm, als die Menschen zu ihm zum Jordan strömten, kam er ins Gefängnis. Er hat dort keinen Anstaltsgottesdienst gehalten, wie ich das manchmal gemacht habe oder mitgewirkt habe da im Gefängnis, sondern er ist Insasse, er atmet gesiebte Luft. Er ist ins Gefängnis geworfen worden, weil er auch dem König, dem Regierenden seines Volkes, dem Herodes, den Spiegel des Wortes Gottes vorgehalten hat und gesagt hat: Es ist nicht recht, dass du mit der Frau deines Bruders zusammenlebst. Es ist nicht recht. Und das bedingte, dass er nun ins Gefängnis geworfen wurde, und das sah er.

Zweifel im Kerker und das Bild vom Messias

Und wir lesen hier in unserem Kapitel in Vers 2: Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen, ihn Jesus: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?
Johannes der Täufer sitzt im Gefängnis, und im Gefängnis sieht die Welt ganz anders aus als draußen. Ein Gefangener hört anders, ein Gefangener empfindet anders, denkt anders. Er hört von den Werken Christi: Blinde sehen, Lahme gehen. Draußen geschehen Wunder, und bei ihm tut sich nichts.
Er sitzt im Gefängnis Tage und Nächte, Wochen und Monate. Wir wissen nicht genau, wie lang, unter Umständen über ein Jahr. Und es tut sich nichts. Und er hat die Hinrichtung vor Augen, in den Händen des Herodes. Und da kommt die Anfechtung. Auf einmal kriegt Johannes der Täufer das nicht mehr zusammen.
Er selbst hat Jesus Christus gepredigt als den, der kommen wird, als den Messias Israels, als den Gesalbten, den Erlöser. Und in der Vorstellung der Juden war das einer, der auch jetzt die politische Macht übernehmen würde und die Römer aus dem Land jagen, die das Land besetzt hielten. Sie warteten auf den politischen Befreier, und so wartete Johannes auf eine doppelte Befreiung: auf die Befreiung Israels von den Römern und auf seine eigene Befreiung aus dem Gefängnis.
Und es tut sich nichts. Und das ist die schlimme Situation des Johannes. Es tut sich nichts, es geschieht kein Wunder, worauf er so gewartet hatte. Das war Anfechtung, im höchsten Grad.
Johannes der Täufer hatte Jesus Christus ganz klar erkannt. Als er zu ihm an den Jordan kam, um sich taufen zu lassen, da sagte er vor allem öffentlich: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. Und einige Verse später wird berichtet: Siehe, das ist Gottes Sohn. Er nennt Jesus Gottes Lamm und Gottes Sohn. Er hat ihn klar erkannt. Aber jetzt im Gefängnis, in der Anfechtung, in der Schule Gottes, des Wartens, des Nichtwissens, wie es weitergeht, da kommt die Anfechtung unter Zweifel.
Das ist ein echter Zweifel: Bist du es, oder sollen wir auf einen anderen warten? Habe ich mich getäuscht am Jordan, als ich dich proklamiert habe als den Messias? Das war die Situation Johannes’. Eine Anfechtung, aus blühender Arbeit herausgerissen und bis auf die Wurzel angefochten, so sehen wir ihn hier.
Und ich sage an der Stelle immer wieder gerne: Das ist doch so großartig, dass uns die Bibel die Menschen Gottes so beschreibt, wie sie wirklich waren, dass wir dann nicht die germanischen Heldensagen haben, wo sie alle so hoch stehen auf dem hohen Sockel und wir unten und zu ihnen hinaufgucken. Sondern die Männer und Frauen in der Bibel, die werden beschrieben, wie sie wirklich waren, mit ihren Stärken und Tugenden und mit ihren Siegen, aber auch mit ihren Schwächen und Niederlagen und Gemeinheiten und Niedertrachten und Anfechtungen. Das sehen wir in Johannes, wie er war.
Und die Folge ist: Wir können uns identifizieren. Auf einmal sind sie uns ganz nah, und wir finden Trost für unsere Schwachheit. Nur einen zeigt uns die Bibel ohne Schwachheit, und das ist der Herr Jesus. Und auf den dürfen wir schauen, und das ist der, der Kraft gibt, auch in der Anfechtung helfen kann.

Gefängnisse des Lebens und die harte Gnade Jesu

Und so sehen wir Johannes hier, und wir können diese Situation durchaus auf unser Leben übertragen. Johannes ist im Gefängnis, und es geschieht kein Wunder. Und es gibt auch heute Gefängnisse: Gefängnisse einer körperlichen Krankheit, wo es länger dauert, wo es chronisch wird, wo es vielleicht sogar gefährlich wird, wo es ans Leben geht, und es geschieht kein Wunder.
Christen warten auf Gottes Eingreifen. Da wird gebetet, da wird geglaubt, da wird gehofft, und es geschieht nicht immer das Wunder. Manche von uns kennen Wilhelm Pahls. In den letzten vier, fünf Jahren rang er um seine Frau; sie war krebskrank. Und was hat der Mann gebetet und geglaubt, und viele mit ihm. Und in diesem Sommer musste er sie begraben. Gott hat kein Wunder getan. Er hat Wunder getan in anderer Weise. Er hat ihr Kraft gegeben. Sie durfte bis zum letzten Tag ohne Morphium und diese schweren Medikamente auskommen, das ist auch ein Wunder. Und er hat sie geistlich durchgetragen und reifen lassen bis zum Ende hin, das ist auch ein Wunder. Aber er hat sie nicht gesund gemacht, er hat sie zu sich genommen.
Da sitzen Menschen manchmal in seelischen Gefängnissen, in Gefängnissen der Depression und der Niedergedrücktheit und des Rundergezerrtseins, und auch da geschieht nicht immer gleich das Wunder, das man erwartet. Es gibt Gefängnisse seelischer Krankheit. Es gibt Gefängnisse von Demütigungen, wo uns Menschen auf dem Kopf herumtrampeln, wo wir vielleicht in schlechtes Licht gestellt werden, wo Verleumdungen über uns erzählt werden, und man kann sich nicht wehren. Man muss sagen: Herr, ich bin in diesem Gefängnis, aber du kannst alles in das richtige Licht stellen. Auch das haben manche von uns erlebt.
Also: Gefängnisse, wo wir sitzen und warten auf das Eingreifen Gottes und denken: Jesus, du musst doch jetzt so handeln. Du bist doch der Herr, und du kannst doch Wunder tun. Und ich kenne dich doch so aus der Bibel: Du tust Wunder. Du wirst doch jetzt auch in meiner Situation ein Wunder tun.
Und, ihr Lieben, jetzt sind wir an einer ganz wichtigen Stelle. Welches Bild haben wir von Jesus Christus? Ist er der große Wunscherfüllungsautomat, wo wir nur auf den Gebetsknopf drücken müssen und dann kommt unten die Erhörung heraus? Ist er der, der alles in unserem Leben so macht, wie wir das gerne hätten, der immer segnet und immer hilft und immer tröstet und aufrichtet und alle Wünsche erfüllt? Ist er das?
Die Bibel zeigt uns nach meiner Sicht ein anderes Bild von Jesus. Hier an dieser Stelle ist Jesus hart, hier ist eine harte Liebe, eine harte Gnade. Er hat Johannes den Täufer nicht befreit, und einige Zeit später ist er wegen eines Tanzmädchens enthauptet worden, und sein Haupt wurde auf einem Silbertablett durch den Raum getragen. Er, der Vorläufer Jesu Christi.
Und die Jünger des Johannes haben das Jesus nie verziehen. Es gibt Jahrzehnte später, oder zumindest zwanzig Jahre später, in Ephesus noch Johannesjünger. Warum gab es denn da noch Johannesjünger, zwanzig Jahre nachdem Johannes tot war? Die hingen immer noch an Johannes als ihrem Meister und sagten: Der, Jesus Christus, der hat unseren Meister sterben lassen im Gefängnis. Vielleicht haben sie noch ein anderes Wort gesagt: Der hat ihn nicht befreit. Und sie haben sich von Jesus abgewandt.
Merkt ihr, das Jesusbild ist ganz wichtig. Welches Bild haben wir von unserem Herrn Jesus Christus? Ein älteres Lied, das ist ein herrliches Lied, aber da kommt eine Strophe vor, mit der bin ich nicht ganz einverstanden. Trotzdem würde ich das singen. Ich glaube, wir sollten da nicht so überempfindlich sein, und wenn mal in einem Lied irgendein Buchstabe schiefsteht, dann können wir das trotzdem singen. Aber das Lied heißt „Der beste Freund ist in dem Himmel“, da kommt eine Strophe vor, da heißt es: „Er hat mir nie etwas verwehrt.“ Könnt ihr das so sagen? Das kann ich nicht sagen. Zum Glück hat er mir auch einiges verwehrt. Ich muss sagen: Wo hätte ich mich schon hingebetet, wenn Gott alle meine Gebete erhört hätte? Dann wäre ich doch heute Morgen nicht hier. Ganz gewiss wäre ich nicht hier.
„Er hat mir nie etwas verwehrt“ – so dürfen wir nicht denken. Er verwehrt uns, Gott sei Dank, auch einige unserer Gebete, wo wir töricht beten, im Endeffekt von Gott her gesehen töricht, ganz dumm. Und wir erfüllen unseren kleinen Kindern auch nicht alle ihre Wünsche. Wir setzen sie nicht auf die heiße Herdplatte. Wir wissen, was ihnen gut tut und was nicht.
Johannes im Zweifel, in der Anfechtung, und er kam aus dem verzerrten Jesusbild. Er hatte das alttestamentliche Jesusbild, und da einseitig: Er kommt als der Befreier, er wird das Wunder tun. Und Jesus tat es nicht. Und darum ist es wichtig, dass wir nicht in dieses selbe Fahrwasser kommen, eines alttestamentlichen Jesusbildes oder eines verzerrten Bildes, wo er eben so dargestellt wird, wo wir immer nur so machen brauchen.

Jesu Antwort aus dem Wort und die Bedeutung der Zeichen

Aber jetzt der zweite Teil dieser Auslegung heute Morgen. Das ist etwas ganz Großartiges, wenn wir jetzt auf die Reaktion Jesu schauen, wenn wir sehen, wie Jesus mit diesem angefochtenen Menschen umgeht. Das ist köstlich.
Vers 4: Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und dem Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Johannes macht es richtig. Er macht seinem Herzen Luft. Er hat das nicht einfach in sich hineingefressen, bis er daran zugrunde ging, sondern er hat seinem Herzen Luft gemacht. Da war Anfechtung, er bekam das nicht zusammen, und er hat es ausgesprochen. Er konnte nicht direkt zu Jesus; er sagte es seinen Jüngern, und die gingen zu Jesus.
Wir haben heute den direkten Weg. Wir dürfen mit dem, was uns bedrückt und womit wir nicht zurechtkommen, immer zuerst den direkten Weg zu unserem Herrn gehen. Aber wir dürfen es auch Menschen des Vertrauens sagen. Und wenn wir die nicht haben, dann dürfen wir es wenigstens einem Tagebuch anvertrauen. Auch das kann manchmal schon große Hilfe sein. Raus damit, aus dem Inneren, raus aus der Seele, damit sie nicht darunter zugrunde geht.
Und das macht Johannes: Er macht seinem Herzen Luft, und er geht zu Jesus, an die beste Adresse. Und er bekommt eine zweiteilige Antwort. Zunächst einmal sagt Jesus nicht: Johannes, du solltest dich schämen. Am Jordan große Sprüche klopfen, Gottes Lamm und Gottes Sohn, und jetzt bist du es oder bist du es nicht? Du solltest dich schämen. Das sagt Jesus nicht.
Jesus sieht ganz genau, ob ein Zweifel aus einer hochmütigen Haltung kommt, die sich nicht unter die Schrift beugen will, oder ob ein Zweifel aus einer angefochtenen Lebenssituation kommt, ob jemand etwas nicht zusammenkriegt. Das sah er hier, und er gibt eine ganz barmherzige Antwort.
Der erste Teil der Antwort ist ein Zitat aus Jesaja. Er zitiert drei Stellen aus dem Propheten Jesaja. Was wir hier lesen, ist eine Zusammenfassung: Jesaja 29,18-19, Jesaja 35,5-6 und Jesaja 61,1. Wir wollen die Stellen jetzt nicht lesen, ihr glaubt mir das, dass das da steht. Das fasst Jesus hier zusammen und sagt ihm damit: Johannes, glaub doch dem Wort.
Es ist nämlich nicht von ungefähr, dass Jesus dreimal den Propheten Jesaja zitiert. Im Propheten Jesaja steht über Johannes den Täufer, dass er kommen wird, in Kapitel 40, dass er der Wegbereiter sein wird. Und dieses Buch, diese Rolle des Jesaja, die kannte Johannes der Täufer in- und auswendig. Das war sein Leib-und-Magen-Buch aus dem Alten Testament, davon bin ich fest überzeugt. Das kannte er, das hat er gelesen, das kannte er vielleicht sogar auswendig.
Und jetzt benutzt Jesus genau dieses Buch der Schrift, Jesaja, und sagt ihm damit: Johannes, es steht geschrieben. Verlass dich auf den Felsengrund des Wortes Gottes. Er sagt: Halte dich ans Wort. Anfechtung lehrt aufs Wortmerken, hat Martin Luther richtig gesagt. Anfechtung soll uns zum Wort hintreiben, damit wir dort wieder den Anker festmachen.
Es steht geschrieben, nicht: Ich habe gefühlt, ich habe erlebt, ich habe gespürt. Sondern: Es steht geschrieben. Wenn ich auch gar nichts fühle von deiner Macht, du bringst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht, hat Julius Hausmann gedichtet.
Also, Jesus zitiert das Wort. Manchmal sagen Leute, wenn jemand so niedergeschlagen ist, vielleicht in Depression, dann kann ich dem nicht mit der Bibel kommen. Ja, mit was denn sonst? Willst du ihm aus dem Mannheimer Morgen vorlesen, willst du ihm den Quelle-Katalog vorblättern, was soll ihm das helfen? Das Wort Gottes, selbstverständlich. Es hat Kraft. Es kann Leib und Seele gesund machen, und wenn den Leib nicht, dann aber zumindest die Seele. Nicht immer gleich auf Knopfdruck, aber es hat Kraft.
Und wir dürfen das Wort Gottes lesen, und wir dürfen den Menschen im Gebet Gott anbefehlen.

Das Evangelium für die Armen und die letzte Seligpreisung

Wir werfen noch einen kurzen Blick auf den Inhalt dieser Zitate aus Jesaja. Jesus sagt: Blinde sehen. Es ist herrlich, dass Jesus Blinde sehend gemacht hat. Ich hoffe, dass ich im neuen Jahr darauf eingehen kann.
Wir wollen über Zeichen und Wunder sprechen, über messianische Wunder Jesu, die einen ganz bestimmten Zweck erfüllt haben. Dann werden wir sehen, dass es genau die Wunder waren, die Jesus tun musste, um als Messias erkannt zu werden. Aber die Juden haben ihn trotzdem abgelehnt.
Blinde sehen, das heißt: Die Augen werden für Jesus geöffnet. Das ist das größte Wunder, das heute geschehen kann, wenn unsere Augen, die von Natur aus verklebt und verblendet sind, aufgehen und wir Jesus sehen, ihn am Kreuz, ihn, den Schönsten unter den Menschenkindern.
Lahme gehen: Kannst du gehen, oder bist du geistlich gelähmt? Sitzst du noch auf der Stelle? Er will auch Lahme gehend machen, damit sie vorwärtsgehen.
Aussätzige werden rein: Wir dürfen mit dem Aussatz unseres Lebens zu ihm kommen, mit den Dingen, die uns sonst kaputt fressen. Wir dürfen es ihm sagen.
Tote stehen auf: Das größte Wunder ist, wenn Jesus Menschen geistlich auferweckt und sie zum lebendigen Glauben kommen.
Armen wird das Evangelium gepredigt: Arme sind nicht Leute, die nichts auf dem Konto haben, sondern Leute, die ohne Jesus leben, die noch nicht errettet sind, die mit sich selbst bankrott sind, die den Herrn brauchen. Das sind die Armen, denen das Evangelium, die gute Nachricht, gepredigt wird. Da ist einer, der aus Liebe für dich am blutigen Stamm starb. Das ist das Evangelium. Er hat dich mit Gott versöhnt und den Weg gebahnt. Er will dich wirklich mit dem Vater ins Reine bringen.
Und dann hängt Jesus hier noch eine Seligpreisung dran. Vielleicht ist euch das aufgefallen: Die steht nicht im Alten Testament. Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. Das ist die zehnte Seligpreisung des Matthäusevangeliums. Neun haben wir in der Bergpredigt, und hier ist die zehnte Seligpreisung, die Jesus hier für Johannes den Täufer und für uns anfügt. Er sagt: Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Man kann sich auf ganz verschiedene Weise an Jesus ärgern, und zwar als Nichtchrist, als unerretteter Mensch, der Jesus ablehnt. Das zeigt uns die Bibel. Als Jesus in seiner Familie war, da haben ihn seine Brüder abgelehnt. Jesus hat mindestens sechs Brüder gehabt, vier Brüder und zwei Schwestern mindestens, und die haben ihn abgelehnt und an ihm Anstoß genommen. Als er in seiner Heimatstadt Nazareth war, heißt es, und sie nahmen Anstoß an ihm. Sie haben ihn abgelehnt. In der Nacht, als er verraten wurde, heißt es, und sie nahmen alle Anstoß an ihm. Die zwölf seiner eigenen Jünger haben Anstoß genommen, waren nicht einverstanden mit dem Weg, den er ging. Und in 1. Korinther 1,23 steht, dass das Kreuz Christi für die ganze Judenschaft ein Ärgernis ist, für die Griechen eine Torheit.
Also: Man kann sich an Jesus ärgern. Ich habe das einmal buchstäblich vor Augen geführt bekommen, wie sich ein Mensch an Jesus geärgert hat. Als ich 1980 zum Glauben gekommen war, auf dem NATO-Fliegerhorst bei Köln, war es mein Anliegen, noch viele meiner Mitsoldaten dort, es waren 3000 Soldaten stationiert, mit dem Evangelium zu erreichen. Ich habe versucht, in alle Wartezimmer, die es da gab, und in Lesezimmer Schriften hinzulegen. Da habe ich auch in ein Wartezimmer dieses Heft hingelegt, das hieß „Schritte zum Glauben“.
Als ich nach zwei Wochen wieder hinkam und schauen wollte, ob ich ergänzen muss und so, da lag dieses Heft da. Jemand hatte das Heft von vorne bis hinten durchgelesen und überall, wo Gott, Jesus, Bibel, Heiliger Geist stand, diese Begriffe durchgestrichen, von vorne bis hinten. Er muss es total gelesen haben, von vorne bis hinten alles durchgestrichen.
Seht ihr, das heißt, Anstoß an Jesus nehmen: einfach ausstreichen aus dem Leben. Mit dem will ich nichts zu tun haben. Ich will mein Leben ohne ihn leben, vielleicht im Herrgottwinkel, vielleicht als Randfigur bei Festen und Kindertaufe und dies und das und Beerdigung, na gut, ein bisschen. Aber ansonsten: der dicke schwarze Stift. Das heißt, Anstoß an Jesus nehmen. Das kann man tun als Nichtchrist, indem man ihm einfach das Recht verweigert, dass er mich regieren kann.
Aber jetzt kommen wir zu uns, jetzt kommen wir zu denen, die ihn schon kennen. Auch wir können Anstoß an Jesus nehmen, indem wir ihm zum Beispiel in manchen Bereichen unseres Lebens einfach durchstreichen. Da gibt es etwas im Wort Gottes, was von uns eine bestimmte Haltung erwartet, einen Gehorsam verlangt, und uns passt das nicht in unseren Kram. Und wir streichen das, wir ignorieren das. Wir verweigern den Gehorsam, und wir streichen Jesus an der Stelle durch.
Aber es gibt noch einen Weg, wie wir Anstoß nehmen können, und das ist die Gefahr, in der Johannes hier stand: bei einer Führung, wo der Herr anders führt, als ich es mir wünschen würde, wo ich die und die Erwartung habe, aber er führt mich anders.
Ich muss euch das auch an einem Beispiel verdeutlichen. 1983 wurde ich gebeten, in Karlsruhe jemanden im Krankenhaus zu besuchen. Die eigene Frau des Mannes bat mich, und sie wusste, der Mann ist unheilbar krank. Es war in der Adventszeit, und alle wussten, er wird Weihnachten nicht erleben. In besten Jahren, Anfang 50, zu Hause im Geschäft, drei Kinder. Er dachte, er hat eine Lungenentzündung, aber es war keine Lungenentzündung, es war etwas anderes.
Dann wurde ich ins Krankenhaus geschickt, diesen Mann zu besuchen, und keiner hat ihm gesagt, wie es um ihn steht, die Ärzte nicht und die Angehörigen nicht. Und ich habe auch nicht das Recht, wenn es die Ärzte und die Angehörigen nicht tun, ihm zu sagen: Sie haben Krebs. Aber ich werde nie vergessen, wie ich ihm am Sterbebett sagte. Er sprach: Ach, ich hoffe, ich bin Weihnachten wieder daheim. Er war Weihnachten daheim, aber da oben daheim. Er war gläubig, er hatte den Herrn Jesus lieb, aber er hatte trotzdem die Hoffnung. Er wollte seine Frau wiedersehen und seine Kinder. Er wollte noch weitermachen. Wer denn nicht?
Und dann habe ich ihm am Sterbebett Matthäus 11,1-6 vorgelesen, diese Geschichte von Johannes dem Täufer, und habe ihm gezeigt, wie Jesus ihn seelsorgerlich auf den Märtyrertod vorbereitet hat. Und ihm gesagt: Selig bist du, wenn du dich nicht an mir ärgerst. Selig bist du, das heißt doch: In den Himmel wirst du kommen. Er sagt: Ich habe eine ganz andere Befreiung für dich. Ich werde dich heimholen zu mir, wo es kein Leid und Geschrei und Krankheit und all die Dinge mehr geben wird. Und auf diese Weise hat Jesus Johannes den Täufer befreit. Und das habe ich diesem Mann gesagt. Und auf diese Weise hat Jesus ihn gerufen.
Und das Wichtige war: Selig bist du, wenn du dich nicht an mir ärgerst. Das heißt: Bleib in Harmonie mit Gott. Lass dich jetzt in diesem Leben eins machen mit ihm. Werde eins. Erkenne, dass seine Wege höher sind als deine Wege, und sag: Herr, ich will mein ganzes Leben ganz bewusst und vertrauensvoll in deine Hand legen. Du gehst mit mir deinen Weg, und dein Weg ist heilig und gut. Der ist besser, als ich es mir denken kann.
Und ich möchte dir heute Morgen Mut machen: Leg doch dein Leben neu ganz in Jesu Hand und sag: Herr, da hast du die ganze Verantwortung. Ich gebe es ab an dich. Mach es mit mir, wie es dir wohlgefällt, für mich, wie du willst. Und das ist Befreiung, sage ich euch, wenn man so sein Leben abgegeben hat und sagt: Herr, jetzt mach du.
Das heißt nicht, dass das dann ein für allemal geklärt ist. Es kommen neue Situationen, wo wir wieder das durchbuchstabieren müssen, immer wieder neu, und sagen Ja, Vater, und sagen: Herr, ich lege mich in deine Hände. Ich lasse mich eins machen mit dir. Ich identifiziere mich mit deinem Kreuz. Ich will den Sterbensweg gehen. Mein Wille gehört meinem Gott. Ich traue auf Jesus allein.
Bleib in Harmonie mit Gott. Gib ihm die Blankovollmacht über dein Leben. Christenstand heißt, dem Herrn auf Leben und Tod zu gehören und ihm zu vertrauen. Er führt den besten Weg.