Serie•Teil 1 / 7Der Prophet Joel
Generierte Mitschrift
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Einleitende Worte und persönliche Vorstellung
Schön, dass wir uns wiedersehen können. Jedenfalls ist es für einige von uns ein Wiedersehen. Einige von euch kenne ich noch nicht, oder nicht mehr, ich glaube, noch nicht.
Ich soll mich kurz vorstellen. Ich kenne Klaus schon seit vielen Jahrzehnten, muss man schon sagen. Seit 1981, ja, tatsächlich. Da waren wir noch jung. Jedenfalls haben wir damals in Weil mit Mark Walker begonnen, und der Kontakt ist geblieben.
Ich bin Verkündiger. Also so, wie ich es jetzt mache, dass ich verkündige, das ist seit 1997 so, dass ich also vollzeitlich tätig bin. Der Herr hat es so geführt, dass ich an verschiedenen Orten Lehrtätigkeit haben durfte. Vor allem mit Mark Walker war ich viel in Rumänien unterwegs. Dann haben sich in Ungarn, in Moldawien, in der Ukraine und sogar jetzt in Kasachstan von verschiedenen Orten her Türen aufgetan.
Ich komme gerade von einer Reise aus Kasachstan zurück, und es war für mich ein grosses Erlebnis. Dort konnten wir an einem Ort den Römerbrief lehren, die ersten neun Kapitel. Und zwar waren dort 130 Gemeindeleiter aus Kirgisien, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan dabei. Das war ein grosses Vorrecht, dort sprechen zu dürfen. Und das Gebet ist, dass sie das, was wir gelernt haben, auch mit nach Hause nehmen und dass es dort in den Gemeinden Frucht bringen darf. Das ist immer wieder das Gebet. Jedenfalls bin ich dankbar auch für eure Gebete, für die, die es jetzt gewusst haben und dafür gebetet haben.
Dann soll ich noch etwas zu meiner Person sagen. Meine Frau ist Schweizerin, ich bin Österreicher. Wir sind seit 1989 verheiratet. Wir haben vier Kinder, und die Älteste ist auch schon wieder verheiratet. Der Jüngste ist 14 Jahre alt. Wir wohnen seit 19 Jahren in der Schweiz. Vorher waren wir in Österreich tätig, in der Gemeindearbeit im Salzburger Raum, im Salzburger Land. Dort haben wir damals auch schöne Aufbrüche erleben dürfen.
Ich arbeite zusammen mit Herbert Jansen, der auch den meisten ein Begriff ist. Ich sage das in der Gegenwart, und ich arbeite immer noch mit ihm zusammen, obwohl er schon 92 Jahre alt ist. Ich habe ihm jetzt nicht direkt gesagt, dass ich in Lörrach bin, aber wer ihn kennt, wird sicher gerne Grüsse von ihm bekommen, wenn ich das nächste Mal mit ihm Kontakt bekomme.
Ja, ich durfte mit Herbert Jansen ein wenig zusammenarbeiten bei der Übersetzung des Neuen Testaments. Das war seine Ausgabe. Er wurde ja gebeten, sein Neues Testament herauszugeben, woran er immer wieder gearbeitet hat, in einem Grundtext. Das waren zehn Jahre Arbeit zusammen mit ihm bis zum Jahr 2007, dann kamen die Psalmen noch dazu.
Durch Herbert Jansen habe ich auch Kontakt zu den russlanddeutschen Gemeinden in Deutschland bekommen, und da bin ich jetzt auch oft unterwegs, in verschiedenen Gemeinden dort. Also so viel dazu.
Ich merke immer wieder, wie sehr man abhängig ist von den Gebeten der Geschwister. Und es ist auch ein Anliegen, dass der Herr uns in diesen zwei, drei Tagen Gnade schenkt, einen ziemlich anspruchsvollen Teil des Wortes Gottes zu lesen und durchzuarbeiten. Das wird jetzt nicht so eine klassische Predigt werden, also bitte erwarten Sie das nicht. Es wird mehr eine Textarbeit sein, im Seminarstil. Es dürfen auch natürlich Fragen gestellt werden. Man versucht dann auch zu antworten, wenn es geht.
Ich habe euch die Gliederung verteilt. Wir haben noch ein bisschen zu wenige Kopien, da müssen wir dann noch mehr Kopien machen, damit jeder ein Blatt bekommt. Wir werden es so machen, dass ich zuerst ein paar allgemeine Dinge über die zwölf Propheten sagen möchte, die zwölf kleinen Propheten.
Wir haben ja in der Bibel, im hebräischen Kanon, diese Anordnung von Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zephanja, Haggai, Sacharja und Maleachi. Und ich habe einmal festgestellt, als ich diese kleinen Propheten miteinander verglichen habe, dass der Erste und der Letzte einiges gemeinsam haben. Hosea und Maleachi sprechen sehr viel von der Liebe Gottes.
Übrigens: Schwarz heisst, dass sie in Juda geweissagt haben, und rot ... Nein, das stimmt nicht, das stimmt nicht. Doch, Micha war auch in Israel, Nordisrael. Ich war mir nicht mehr sicher, ob Micha in Nordisrael geweissagt hat. Im Nordreich. Ja, ja, doch, das stimmt, das war im Nordreich. Micha war ja ein Zeitgenosse von Jesaja, und das hat mich ein bisschen stutzig gemacht. Aber Jesaja war im Süden, und Micha war im Norden.
Also die Roten sind jetzt Nordreich, und die Schwarzen sind Südreich. Da sind auch die nachexilischen Propheten dabei, Maleachi, Haggai und Sacharja, die also erst später geweissagt haben, im sechsten Jahrhundert vor Christus, als dann die Juden aus der Gefangenschaft zurückgekehrt waren.
Also, die Ersten und der Letzte haben einiges gemeinsam. Dann haben wir Paare: Joel und Amos ist so ein Paar, und auch Haggai und Sacharja ist so ein Paar. Die gehören zusammen und haben viel gemeinsam. Dann Obadja und Zephanja haben wieder viel gemeinsam, und zwar vor allem auch über den Tag des Herrn. Jona und Habakuk sprechen beide ganz stark über die Barmherzigkeit Gottes, über das Erbarmen des Herrn. Und Micha und Nahum haben auch einiges gemeinsam. Da möchte ich jetzt nicht darauf eingehen. Wir wollen uns ja vor allem jetzt dem Joel zuwenden.
Man ist sich nicht ganz sicher, wann Joel geweissagt hat, aber die meisten Ausleger haben sich doch für die Frühdatierung entschieden, das heisst im neunten Jahrhundert vor Christus, also etwa 830, 840 vor Christus. Und das ist auch meine Meinung. Manche meinen, er hätte sehr spät geweissagt, aber es gibt viele Argumente dagegen. Und ein Grund, warum ich meine, dass Joel zu den früheren Propheten gehört, ist, dass er zusammen mit Amos im Kanon gerade so angeordnet wird, dass er ganz neben Amos steht. Amos war auch ein früher Prophet, und Amos zitiert aus Joel, also das Ende von Joel und der Anfang von Amos, die sind gleich.
Der Herr brüllt, wie heisst es dort? Joel 4,16: Der Herr brüllt vom Zion her und lässt aus Jerusalem seine Stimme erschallen. Und das greift Amos auf, ganz am Anfang seiner Prophetie, in Kapitel 1, Vers 2. Er sprach: Der Herr brüllt vom Zion her und lässt aus Jerusalem seine Stimme erschallen. Das ist haargenau derselbe Satz im Hebräischen. Und es ist offensichtlich, dass Amos Joel zitiert und nicht Joel Amos, denn bei Joel steht das mitten in einem Bericht über den Tag des Herrn, und Amos beginnt gerade mit diesem Vers.
Jedenfalls weissagte Joel vor Amos. Joel lebte auch vor Jesaja, denn Jesaja zitiert ihn in Jesaja 13,6. Das ist ein Vers, der in Jesaja 13 von Joel kommt: Heult, denn nahe ist der Tag des Herrn, er kommt wie eine Verwüstung vom Allmächtigen. Das ist Joel 1,15 und wird dort in Jesaja 13,6 zitiert.
Die Feinde, um die es im Joel-Buch geht, sind die Phönizier, die Philister, die Griechen und die Sabeer. Es fällt auf, dass nicht die Assyrer und Babylonier genannt werden. Das sind alles Feinde, die frühe Feinde waren, also im neunten Jahrhundert, nicht im sechsten und siebten Jahrhundert. Die Assyrer waren ja im siebten und achten Jahrhundert die Feinde, die Babylonier im sechsten und siebten Jahrhundert. Das deutet also auch auf eine frühe Abfassung hin.
Dann ist es interessant, dass kein König zitiert wird, kein König im Joel-Buch vorkommt. Da werden die Priester hervorgehoben, die stechen hervor, die werden angesprochen. Der König kommt nie vor. Und das könnte deshalb sein, weil es eine Zeit gab, als Joas regierte. Da war er ein Kind, und eigentlich regierte gar nicht Joas, sondern Jojada, der Priester, der Hohepriester, der ihn versteckt hatte. Und es könnte also sein, dass die Weissagung genau um diese Zeit war.
Das sind jetzt also einige Argumente, die für mich für die frühe Datierung des Joel sprechen.
Wir lesen Vers 1: Das Wort JHWHs, das an Joel, den Sohn Betuels, geschah.
Das Wort JHWHs geschah, ereignete sich, es kam an Joel. Joel heisst: Der, dem JHWH Gott ist, also der, dessen Gott JHWH ist. Das ist ein bekannter Name, gibt es öfters in der Bibel.
Und lesen wir zuerst jetzt einmal einige Verse. Dann kommen wir hinein.
Der Rahmen des Seminars und der Blick auf die Propheten
Wir werden uns besonders mit Kapitel 3 beschäftigen; das wird uns länger beschäftigen, und morgen mit Kapitel 4, denn dort geht es um den Tag des Herrn. Überhaupt ist das Thema des Tages des Herrn in diesen Propheten von großer Bedeutung. Fünfmal kommt dieser Ausdruck, der Tag des Herrn, vor, und ich denke, dass hier einiges geklärt werden muss, was eigentlich der Tag des Herrn ist.
Ich habe gemerkt, dass es unter Christen dazu ganz viele verschiedene Meinungen gibt, und Joel gibt uns schon eine große Hilfe. Aber lesen wir zuerst Vers 2:
Hört dies, ihr Ältesten, und nehmt es zu Ohren, alle Bewohner des Landes! Ist solches in euren Tagen geschehen oder in den Tagen eurer Väter? Erzählt euren Kindern davon, und eure Kinder ihren Kindern, und ihre Kinder der folgenden Generation.
Was der Nager übriggelassen hatte, fraß die Heuschrecke; und was die Heuschrecke übriggelassen hatte, fraß der Abfresser; und was der Abfresser übriggelassen hatte, fraß der Vertilger.
Es geht hier um eine Heuschreckenplage, die zu jener Zeit in Israel war. Heuschrecken gab es öfters, also solch eine Plage. Aber diese Plage war indes eine besondere, weil sie hindeutete auf den Tag des Herrn. Und diese schreckliche Plage wird hier zusammengeblendet mit dem großen Tag des Herrn. Da gibt es einen Aufruf zur Buße. Und tatsächlich fruchtet dann dieser Aufruf zur Buße, und Joel weist dann auf den Segen hin, den der Herr bringen wird aufgrund der Buße. Dabei spricht er sehr viel von der Endzeit, Kapitel 3, Kapitel 4.
Wer diese Heuschrecken sieht, oder warum diese Heuschreckenplage hier als so ein furchtbares Gericht dasteht und wie der Gerichtstag des Herrn hier genannt wird, das wollen wir jetzt ein bisschen anschauen. Die Verse 1 bis 4 sind sozusagen die Einleitung. Wir haben Vers 2 bis 4 jetzt gerade gelesen, ja, und jetzt ab Vers 5 bis 7 kommen Aufrufe, eigentlich 5 bis 14, kommen Aufrufe an verschiedene Bevölkerungsgruppen.
Warnung an die Genussmenschen und Verlust der Ernte
Vers 5 bis 7 an die Trinker: Wachet auf, ihr Trunkenen oder Angetrunkenen, und weint! Und heult, all ihr Weintrinker, über den Most, weil er weggenommen ist von eurem Mund. Denn ein Volk ist über mein Land heraufgezogen, mächtig und ohne Zahl. Seine Zähne sind Löwenzähne, und es hat das Gebiss einer Löwin. Es hat meinen Weinstock zur schaurigen Öde gemacht und meinen Feigenbaum zerknickt. Es hat ihn vollständig abgeschält und hingeworfen, seine Ranken sind weiß geworden.
Die, die gerne Wein trinken, sollen weinen, weil es keinen mehr gibt. Das ist hier die Aussage. Die Heuschrecke hat die Ernte kaputt gemacht, mächtig an Zahl, also viele, viele Heuschrecken. Und hier werden sie grässlich beschrieben: Die Zähne sind Löwenzähne und das Gebiss einer Löwin, also eine furchtbare Bedrohung für das Volk. Auch der Feigenbaum ist zerknickt, ist also jetzt verdorrt, weil die Heuschrecke ihn gefressen und abgeschält hat.
Das nächste, Vers 8 bis 10, richtet sich an eine ungenannte Adresse. Das steht nicht da, an wen er hier spricht. Wehklage wie eine Jungfrau, die wegen des Gatten ihrer Jugend mit Sacktuch umgürtet ist. Speisopfer und Trankopfer sind weggenommen vom Haus Jachwes.
Speisopfer deshalb, weil das Korn angeschlagen ist, also durch die Heuschrecke vernichtet. Die Kornernte, also die Weizenernte, ist vernichtet. Und die Trankopfer, weil die Weinernte vernichtet ist, also kann jetzt nichts mehr dargebracht werden im Hause des Herrn. Es trauern die Priester, die Diener Jachwes. Das Feld ist verwüstet, es trauert der Erdboden, denn das Korn ist verwüstet, der Most ist vertrocknet, verwelkt ist das Öl.
Diese drei, das Korn, also der Weizen, der Most, also der Wein, und das Öl, also die Olivenbäume, sind verwüstet, vertrocknet und verwelkt. Wir werden sehen, der Prophet spricht sehr poetisch, und das ist im Hebräischen natürlich viel stärker als im Deutschen. Aber auch im Deutschen merkt man, dass er immer in einer Dreiergruppe spricht, immer wieder drei Dinge erwähnt. Später dann einmal vier, also in Vierergruppen, aber sonst spricht er in Dreiergruppen. Das fällt hier richtig auf: das Korn, der Most und das Öl zum Beispiel hier.
Wehklage, Vers 8: Wehklage wie eine Jungfrau, die wegen des Gatten ihrer Jugend mit Sacktuch umgürtet ist. Also Israel soll hier klagen, wie eine Braut, deren Verlobter gestorben ist. So soll Israel in Trauer liegen. Hier ist eine leichte Anspielung auch auf die Ehe zwischen dem Herrn und seinem Volk Israel. Der Herr ist der Verlobte aus der Jugendzeit Israels, und Israel ist die Ehefrau Gottes. Und Israel hat ihren geliebten Herrn verloren. Es gab offensichtlich Sünden, und dieses Gericht, das hierher gekommen ist, ist offensichtlich ein Gericht wegen der Sünden Israels.
Jedenfalls, wir lesen mal weiter, Vers 11 und 12: Seid beschämt, ihr Ackerbauern. Jetzt richtet er sich an die Weinbauern und an die Ackerbauern. Seid beschämt, ihr Ackerbauern! Heult, ihr Winzer oder ihr Weinbauern, über den Weizen und über die Gerste, denn die Ernte des Feldes ist zugrunde gegangen. Der Weinstock ist verdorrt, der Feigenbaum verwelkt.
Granatbaum und Palme und Apfelbaum, alle Bäume des Feldes sind verdorrt, ja, verdorrt ist die Freude von den Menschenkindern. Hier haben wir wieder eine Dreiergruppe, und auch die Sätze sind Dreiersätze. Vers 12 sind drei Sätze: Der Weinstock ist verdorrt und der Feigenbaum verwelkt ist der erste Satz. Granatbaum, Palme und Apfelbaum, alle Bäume des Feldes sind verdorrt, ist der zweite Satz. Ja, verdorrt ist die Freude von den Menschenkindern, ist der dritte Satz. Man wird es immer wieder merken, solche Dreiergruppen. Also hier richtet er sich an die Bauern, die sollen beschämt sein, sollen heulen und weinen, weil die ganze Ernte dahin ist.
Und an die Priester, Vers 13 und 14: Umgürtet euch und wehklagt, ihr Priester! Heult, ihr Diener des Altars! Kommt, übernachtet in Sacktuch, ihr Diener meines Gottes, denn Speisopfer und Trankopfer sind dem Hause eures Gottes entzogen.
Die Priester als Erste müssen jetzt sehen, dass der Gottesdienst nicht mehr so ausgeführt werden kann, wie er sonst im Tempel ausgeführt wird. Es gibt kein Speisopfer mehr und kein Trankopfer mehr. Heiligt ein Fasten, ruft eine Festversammlung aus. Das heißt jetzt, sie sollen die Gemeinde zusammenrufen, einen Fasttag aussondern. Heiligt heißt aussondern. Sondert einen Fasttag aus, ruft eine Festversammlung aus.
Es gab ja nur einen Fasttag im Jahr unter den Israeliten, das war nur ein Versöhnungstag. Aber jetzt sollten sie einen zusätzlichen Fasttag machen und beten. „Versammelt die Ältesten, alle Bewohner des Landes zum Haus Jachwes, eures Gottes, und ruft zu Jachwe.“ Also jetzt der Aufruf, zu Gott zu beten. Es braucht oft lange, es braucht oft Gericht, große Krisen, bis das Volk Gottes anfängt zu beten und zu rufen.
Die Deutung des Gerichts im Licht des kommenden Tages
In den Versen 15 bis 20 spricht er dann über den Tag des Herrn. Jetzt verbindet er dieses Gericht durch die Heuschrecken mit dem Tag des Herrn. Das ist typisch für die Prophetie im Alten Testament. Dort gibt es immer wieder Gerichtszeiten, historische Gerichtszeiten, und diese werden im Licht der Endzeit betrachtet.
Ihr kennt sicher das Beispiel mit den Bergen, bei dem man die Täler dazwischen nicht sieht. Wenn man in die Schweiz schaut und eine Berggruppe sieht, dann sieht man die Täler dazwischen nicht. Man sieht einfach eine ganze Gruppe und meint, das gehöre alles zusammen. Wenn man aber hinfährt, merkt man: Da ist ja viel dazwischen. So sieht der Prophet hier dieses eine Gericht und verbindet es mit dem letzten grossen Tag des Herrn, von dem er später dann noch viel sagen wird. Er verkürzt dabei gewissermassen die Zeit.
„Ach, welch ein Tag! Denn nahe ist der Tag Jachwes.“ Also: Er sieht jetzt, dass dieser grosse Gerichtstag Gottes nahe ist, der Endzeittag Gottes ist nahe. Das ist ein Tag des Gerichts und ein Tag des Heils für Israel. Auch im Amos ist von diesem Tag des Herrn die Rede. Dort heisst es nicht, dass der Tag des Herrn ein heller Tag sein wird. Er wird ein dunkler Tag sein, ein Gerichtstag, sagt Amos in Kapitel 5.
Jedenfalls wird an diesem Tag Gott alles stürzen, was sich gegen ihn richtet. Ein Ausleger, Keil, schreibt dazu: Alles Wirken Gottes in der Gegenwart ist ein fortwährendes Gericht, das am Ende mit einem grossen Gerichtsakt abschliessen wird. Joel sieht in der Heuschreckenplage den endzeitlichen Tag des Herrn kommen. Es handelt sich um eine für biblische Prophetie typische Zusammenblendung von historisch gegenwärtiger Katastrophe mit dem endzeitlichen Gerichtstag. Dabei wird die zeitliche Komponente verkürzt oder ganz ausser Acht gelassen.
Joel verkündet nun nicht verschiedene Gerichte, die Gott im Lauf der Zeit über Israel und über die Völker bringt, sondern er verkündigt das Gericht über Juda und über die Völker in einer Gesamtheit. Er nennt dieses Gericht Tag des Herrn, ohne die einzelnen Momente, in denen sich dieses Gericht historisch verwirklicht, näher zu entfalten oder auch nur anzudeuten, so der Kommentator Keil in seinem Kommentar. Das finde ich sehr gut ausgedrückt.
Es handelt sich hier also um eine Zusammenblendung von Gegenwärtigem und Zukünftigem. Das eine Gericht der Heuschrecken ist für ihn wie eine Ankündigung: Jetzt gleich kommt der Tag des Herrn, jetzt gleich kommt das Endgericht. Jedenfalls sagt er hier: Nahe ist der Tag Jachwes, und er kommt wie eine Verwüstung vom Allmächtigen. Das ist hier Jesaja 13,6; dort greift Jesaja diesen Ausdruck auf.
Fünfmal kommt also der Ausdruck „Tag des Herrn“ vor: in Kapitel 1, Vers 15 hier, dann in Kapitel 2, Vers 1 noch einmal. Da heisst es: „Es kommt der Tag des Herrn, ja, er ist nahe: ein Tag der Finsternis und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölks und des Wetterdunkels.“ Dann noch in Kapitel 2, Vers 11: „Der Herr lässt vor seiner Heeresmacht seine Stimme erschallen, denn sein Heerlager ist sehr gross, denn der Vollstrecker seines Wortes ist mächtig, denn gross ist der Tag Jachwes und sehr furchtbar, und wer kann ihn ertragen?“ Dann in Kapitel 3, Vers 4: „Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag Jachwes kommt, der grosse und furchtbare.“ Und dann noch einmal in Kapitel 4, Vers 14: „Scharen über Scharen im Tal der Entscheidung, denn nahe ist der Tag Jachwes im Tal der Entscheidung.“ Die Sonne und der Mond verfinstern sich, und die Sterne verlieren ihren Glanz. Und der Herr brüllt vom Zion her.
Mehrmals heisst es auch noch: „An jenem Tag, an jenem Tag“ und so weiter. Das kommt also noch öfters vor. Aber dieser Ausdruck Tag Jachwes, diese Stellen, kommt auch in den anderen Propheten vor. Ich möchte jetzt schauen, ich denke, ich habe hier eine Folie, muss ich suchen, wo ich diese ... Ah, die habe ich nicht hier. Nein, ist nicht hier. Dann woanders.
In Maleachi 3,1-2 heisst es: „Und plötzlich wird zu seinem Tempel kommen Jachwe, den ihr sucht, und der Bote des Bundes, den ihr begehrt, siehe, er kommt. Wer aber kann den Tag seines Kommens ertragen, und wer wird bei seinem Erscheinen bestehen?“ Hier heisst es nicht Tag des Herrn, sondern nur der Tag seines Kommens, also der Tag des Kommens Jachwes. Wer kann den Tag ertragen? Also ein Gerichtstag.
Oder hier in Maleachi 3,16-17 ist von dem Gedenkbuch die Rede, das geschrieben wurde. Und in Vers 17: „Und sie werden mir, sagt Jachwe der Heerscharen, zum Eigentum sein, nämlich diese Menschen, an dem Tag, den ich machen werde, und ich werde sie verschonen, die Gläubigen, wie ein Mann seinen Sohn verschont, der ihm dient. Und ihr werdet wieder den Unterschied sehen zwischen dem Gerechten und dem Ehrfurchtslosen, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient. Denn siehe, der Tag kommt brennend wie ein Ofen, und alle Übermütigen und alle Täter der Ehrfurchtslosigkeit werden zu Stoppeln werden, und der kommende Tag wird sie verbrennen. Aber euch, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen mit Heilung in ihren Flügeln.“
Oder dieser Text aus Amos 5: „Wehe denen, die den Tag Jachwes herbeiwünschen! Wozu soll euch denn der Tag Jachwes sein? Er wird Finsternis sein und nicht Licht. Wird denn nicht der Tag Jachwes Finsternis sein und nicht Licht und Dunkelheit und nicht Glanz?“ In Kapitel 8, Vers 9 heisst es: „Und es wird geschehen, an jenem Tag, spricht der Herr Jachwe, da werde ich die Sonne untergehen lassen am Mittag und Finsternis über die Erde bringen am lichten Tag. Und ich werde eure Feste in Trauer verwandeln und alle eure Gesänge in Klagelieder und werde auf alle Lenden Sacktuch und auf jedes Haupt eine Glatze bringen. Und ich werde es machen wie die Trauer um den einzigen Sohn und das Ende davon wie einen bitteren Tag.“ Also: Es wird ein Gerichtstag werden.
Hesekiel 30,2: „Wehe der Tag, denn nahe ist der Tag, ja, der Tag Jachwes ist nahe, ein Tag des Gewölks, Gerichtszeit der Völker wird er sein.“ Oder in Obadja, Vers 15: „Denn der Tag Jachwes ist nahe über alle Völker; wie du getan hast, Edom, wird dir getan werden, dein Tun wird auf dein Haupt zurückkehren.“
Oder Jeremia 30,5. Da geht es um eine Stimme des Schreckens, haben wir gehört, da ist Furcht und kein Frieden. „Fragt doch und seht, ob ein Mann gebiert. Warum sehe ich die Hände eines jeden Mannes auf seinen Lenden, einer Gebärenden gleich, und jedes Angesicht in Blässe verwandelt? Wehe denn, gross ist jener Tag ohnegleichen, und es ist eine Zeit der Bedrängnis für Jakob, doch er wird aus ihr gerettet werden. Denn es wird geschehen an jenem Tag, ist der Ausspruch Jachwes der Heerscharen, dass sich sein Joch von deinem Hals zerbrechen und deine Fesseln zerreissen werden, und Fremde sollen ihm nicht mehr Dienst machen, sondern sie werden Jachwe, ihrem Gott, dienen und ihrem König David, den ich ihnen erwecken werde.“ Da spricht er von einer grossen Bedrängniszeit. Und dann in Joel diese Verse, die wir gerade gelesen haben.
Im Neuen Testament kommt der Tag des Herrn übrigens auch vor. Wenn ich hier schon vorgreifen darf: Der Tag des Herrn oder der Ausdruck heisst auch der Tag des Herrn Jesus oder der Tag unseres Herrn Jesus Christus oder der Tag Christi Jesu oder der Tag Christi oder der Tag des Menschensohnes, der grosse Tag des Gerichts, der grosse Tag seines Zorns, der Tag des Zorns oder einfach der Tag, heisst es manchmal, oder jener Tag. Und er bezieht sich auf diesen einen Tag, an dem der Herr mit Macht und Herrlichkeit kommen wird.
Dieser Ausdruck wird aus dem Alten Testament übernommen und dann auf den Herrn Jesus übertragen. Tag Jachwes wird zum Tag des Herrn Jesus. Dazu jetzt ein kleines Wortstudium: Der Tag des Herrn ist der Tag, an dem der Herr kommt oder an dem der Herr eingreift. Gott tritt auf den Plan. Das ist einfach abgekürzt, würden wir sagen, der Tag X, der Tag X, der Tag, an dem die grosse Abrechnung kommt. Er kommt wie ein Dieb in der Nacht, heisst es einmal im Thessalonicherbrief: Verderben über die Ungläubigen, 1. Thessalonicher 5,3. Dann kommt ihnen plötzliches Verderben.
Dasselbe Tag ist aber auch der Tag, an dem die Gläubigen nicht wie von einem Dieb überfallen werden. In 1. Thessalonicher 5,4 heisst es: „Ihr seid nicht in Dunkelheit, so dass der Tag euch wie ein Dieb überfallen wird.“ Die Gläubigen werden nicht von diesem Tag überfallen.
Nur, das war jetzt ein bisschen vorgreifend, aber damit wir einen Begriff von diesem Tag des Herrn haben. Ja, das brauchen wir jetzt nicht. Gut, dann wieder zurück zu unserer Gliederung.
Wir sind in Kapitel 1, Vers 15: „Ach, welch ein Tag! Denn nahe ist der Tag Jachwes, und er kommt wie eine Verwüstung von dem Allmächtigen!“ Ist nicht das Brot vor unseren Augen weggenommen, Freude und Frohlocken vom Haus unseres Gottes? Merkt ihr wieder: Brot, Freude, Frohlocken, wieder diese Dreiergruppe. Vermodert sind die Samenkörner unter ihren Schollen, verödet sind die Vorratshäuser, zerfallen sind die Scheunen, denn das Korn ist verdorrt. Wie stöhnt das Vieh! Die Rinderherden sind bestürzt, weil sie keine Weide haben, auch die Kleinviehherden büssen. Hier immer wieder Dreiergruppen: zuerst über die Freude, dann über die leeren Scheunen und dann über das Vieh.
Vers 19: „Zu dir, Jachwe, rufe ich! Ein Feuer hat die Weideplätze der Steppe verzehrt, und eine Flamme alle Bäume des Feldes versengt. Auch das wild lebende Getier des Feldes schreit lechzend zu dir, vertrocknet sind die Wasserbäche, und ein Feuer hat die Weideplätze der Steppe verzehrt.“
Bei dieser schrecklichen Plage merkt man schon: Irgendwie steckt mehr dahinter. Das ist nicht nur eine Plage. Hinter der Plage sieht er ein Eingreifen Gottes, ein ganz schreckliches Eingreifen Gottes zur Züchtigung seines Volkes, zum Gericht über sein Volk. Deshalb sagt er hier: Nahe ist der Tag des Herrn, nahe ist das Eingreifen Gottes, es kommt ein schreckliches Gericht.
Die Bildsprache der Invasion und die Erschütterung der Schöpfung
In Kapitel 2, in den ersten elf Versen, haben wir dann eine Beschreibung des Tages Yahwehs, eine nähere Beschreibung dieses Tages Yahwehs. Und er spricht immer noch von dieser Heuschreckeninvasion. Aber wir werden gleich merken: Er blendet das wieder zusammen mit der Endzeit. Es ist, als würde er von zwei Dingen sprechen. Es ist, als würde er eine Overlay-Folie auf die Heuschreckenplage legen, und das ist der endzeitliche Tag des Herrn.
Und jetzt spricht er von diesem Gericht. Lesen wir mal. Das ist wieder in Strophen eingeteilt im Hebräischen, das ist poetisch, man kann es im Deutschen gar nicht so gut nachahmen.
Erste Strophe, Vers 1 bis 3: Die Furchtbarkeit dieses Tages. Also eine allgemeine Aussage, ein Aufruf zum Lärmblasen. Stoßt ins Horn in Zion. Zion ist übrigens der Berg in Jerusalem, das ist der Tempelberg. Er steht oft für die ganze Stadt. Zion steht für ganz Jerusalem, manchmal steht Zion für ganz Judäa oder für ganz Israel. Hier, manchmal steht es für das Volk, also für alle. Hier: Stoßt ins Horn in Zion, ist wahrscheinlich gemeint im Lande, in der Umgebung von Jerusalem, im ganzen Land Judäa. Stoßt ins Horn und blast Lärm auf meinem heiligen Berg. Beben sollen alle Bewohner des Landes, denn es kommt der Tag Jachwes, denn er ist nahe: ein Tag der Finsternis und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölks und der Wolkennacht.
Wie die Morgendämmerung ist er ausgebreitet über die Berge: ein großes und mächtiges Volk, wie es seinesgleichen von Ewigkeit her nicht gewesen ist. Jetzt beschreibt er diese Heuschreckenplage im Bild von einem Volk, das da heraufzieht, ein feindliches Volk, und zwar so groß, wie es noch nie eins gab. Wie seinesgleichen von Ewigkeit her nicht gewesen ist und nach ihm nicht mehr sein wird bis in die Jahre der Geschlechter und Geschlechter. Das heißt: Bis in alle Ewigkeit wird es nie mehr so ein schreckliches Gericht geben, so eine große Plage.
Vor diesem Volk her, Vers 3, vor ihm her verzerrt das Feuer, und hinter ihm lodert die Flamme. Vor ihm ist das Land wie der Garten Eden, also wie das Paradies, und hinter ihm eine öde Wüste, und auch keine entronnenen Reste übrig. Also: Das Paradies wird verwandelt in eine Wüste, so wie Sodom und Gomorra. Das war auch die Gegend, wo Lot gesagt hat, es war so schön wie der Garten Eden dort, und deshalb wollte er dorthin, und dann hat Gott es in eine Wüste verwandelt.
Zweite Strophe, Vers 4 bis 6: Da geht es um das Aussehen und das Auftreten und das Entsetzen der Völker vor diesen Heuschrecken, vor diesem grässlichen Heuschreckenvolk. Sein Aussehen, also das Heuschreckenvolk, sein Aussehen ist wie das Aussehen von Pferden. Also die Heuschrecken werden hier verglichen mit Pferden, und wie Reitpferde, so rennen sie. Ein ähnliches Bild ist auch in Offenbarung 9, da wird dieses Bild hier aufgegriffen.
Wie Reitpferde, so rennen sie. Wie Wagengerassel hüpfen sie auf den Gipfeln der Berge, wie das Prasseln der Feuerflamme die Stoppeln verzehrt. Sie sind wie ein mächtiges Volk, zum Kampf gerüstet. Also wie Pferde, wie ein Kriegsvolk, das zum Kampf gerüstet ist, so beschreibt er hier diese Heuschrecken. Es knistert unter ihnen wie eine Flamme. Kein Hindernis hält sie auf. Sie kommen und fressen alles nieder. Weder die Mauer noch die Fenster noch irgendetwas hält stand. Versetzt vor ihm zittern die Völker, alle Angesichter erblassen.
Nächste Strophe: Wie sie unwiderstehlich vordringen. Vers 7: Sie rennen wie Helden, wie Kriegsleute ersteigen sie die Mauer, und sie ziehen jeder auf seinem Weg, also jeder stracks vor sich hin, und ihre Pfade wechseln sie nicht. Also: Die sind unbeirrt, kommen heran und fressen alles gerade vor sich auf.
Vers 8: Und keiner drängt den anderen, sie ziehen jeder einzeln auf seiner Bahn, und sie stürzen zwischen den Waffen hindurch und verwunden sich nicht. Also sie fressen alles durch, die Waffen können ihnen gar nichts tun. Sie laufen in der Stadt umher, rennen auf die Mauer, steigen in die Häuser, durch die Fenster dringen sie ein wie der Dieb. Vor ihnen erbebt die Erde, erzittert der Himmel, Sonne und Mond verfinstern sich, und die Sterne verhalten ihren Glanz.
Es wird ganz dunkel vor lauter Heuschrecken in der Luft. Sie dringen überall hinein. Also in der Nacht ist die Nacht dunkel, die Sterne scheinen nicht und der Mond nicht, weil die Luft voller Heuschrecken ist, und am Tag ist die Sonne verdunkelt, weil die Luft voller Heuschrecken ist. Aber interessant ist doch diese Ausdrucksweise, denn später wird er vom Tag des Herrn sagen, dass der Tag ein Tag der Finsternis, des Wolkendunkels ist.
Also, wir sehen: Er spricht nicht nur von einer damaligen Heuschreckenplage, er hat hier mehr im Sinn. Er blendet zwei Dinge zusammen: die Heuschreckenplage und den großen Tag des Herrn. Und es wird noch deutlicher werden.
Vers 10: Vor ihnen erbebt die Erde, erzittert der Himmel. Also sogar der Himmel zittert vor den Heuschrecken. Was sind das für Heuschrecken? Hier sieht man: Hier spricht er schon von einem großen Beben am Tag Gottes. Sonne und Mond verfinstern sich und die Sterne verhalten ihren Glanz, weil der Herr im Gericht kommt. Deshalb zittert alles.
Vers 11: Und Yahweh lässt vor seiner Heeresmacht seine Stimme erschallen. Also Gott führt dieses Heer an, er ist der Feldherr dieses Heuschreckenheeres. Denn sein Heerlager ist sehr groß, und der Vollstrecker seines Wortes ist mächtig. Also die Vollstrecker sind diese Gerichtsheuschrecken. Ja, die sind die Vollstrecker des Gerichtswortes Gottes. Denn groß ist der Tag Jachwes und sehr furchtgebietend, und wer kann ihn ertragen? Die Antwort ist: niemand. Niemand kann den Tag des Herrn ertragen, außer denen, die sich retten lassen von dem Herrn. Davon werden wir dann nachher reden in Kapitel 3.
Also dieses zerstörende Kriegsvolk von Heuschrecken ist die Gerichtsrute in der Hand des Herrn, um das Volk zu züchtigen. Himmel und Erde geraten in Erschütterungen, der Herr selber als Feldherr geht vor ihnen her.
Vers 12 und bis Vers 17 kommt jetzt ein Aufruf zur Umkehr. Aber vielleicht machen wir hier Pause.

