Serie•Teil 1 / 8Vogelflüge biblischer Bücher
Generierte Mitschrift
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Einleitung und Blick auf den Ursprung
In unserer Serie „Kommen wir zum Anfang?“ unternehme ich dies zwar nicht gleich zu Beginn meiner Tätigkeit, nämlich durch die Bücher zu fliegen, eine Vogelschau oder, heute würde man fast sagen, eine Dronenschau zu machen. 1. Mose ist ein Buch, zu dem ich immer wieder zurückkehre, das Buch der Anfänge. Genesis bedeutet ja auch Anfänge. Es zeigt auf, wie alles angefangen hat.
Eine Grundfrage des Menschen, der ja ein transzendierendes Wesen ist, das heißt, über sich selbst hinaus schaut und sich für das Warum interessiert, ist diese Frage. Schon intuitiv fragen auch Kinder: Woher kommt alles? Woher kommen wir? Woher ist unser Ursprung? Und das erste Buch Mose gibt eine Antwort darauf.
Nun ist im 21. Jahrhundert, vor allem im Westen, natürlich klar, dass von den meisten belächelt wird, was hier am Anfang der Bibel steht, oder es zumindest in das Reich der antiken, ja, nicht Geschichtsschreibung, sondern der antiken Erzählung zugeordnet wird, wo es mehr sprichwörtlich poetisch zugehen soll. Fakt ist, dass Gott uns ohne Einleitung, ohne Hintergrundwissen, ohne zu sagen, von anderen Planeten und Leben, intelligentes Leben auf anderen Planeten, vieles, was uns interessiert, wird uns hier nicht beantwortet. Stattdessen wird unmittelbar eingestiegen, und zwar mit dem Ja, programmatisch, das ist ein Lieblingswort von mir, mit einer Programmansage, nämlich: Im Anfang.
Dieser Anfang kommt nochmals vor, nämlich am Anfang des Evangeliums in Markus über den Sohn Gottes und in Johannes 1,1. „Im Anfang war das Wort“, der Logos-Prolog des Johannesevangeliums. Es geht zurück, wirklich auf den Anfang. Und 1. Mose 1,1, da ist auch schon viel darüber gestritten worden, bildet zwar eine Art Überschrift zum Schöpfungsbericht, mit dem die Bibel ohne Einleitung beginnt. Da ist ein Gott, der schafft, der Leben schafft, der das ganze Universum schafft. Und dieser Akt des Schaffens, das ist auch hervorgehoben worden, ist ein Wort im Hebräischen, das nur für Gott selbst verwendet wird. Das ist dieser ursprüngliche Akt dessen, der, wie es Paulus in Römer 4 ausdrückt, das Nichtseiende ins Leben ruft.
Und nur durch Glauben erkennen wir, wie es in Hebräer 11 steht, dass die Welten durch Gott gemacht worden sind. Das sieht der Glaube. Gott schafft dieses Universum, und darum steht an vielen Stellen, zum Beispiel in Psalm 24, dass die Erde und ihre Fülle Gott gehört. „Deinetwegen wurde alles ins Dasein gerufen und geschaffen“, steht in Offenbarung 4,11.
Das begründet etwas sehr Wesentliches: Es gibt einen Schöpfer, der über seiner Schöpfung steht und gleichzeitig in sie hineinwirkt. Er ruft sie ins Dasein, schafft sie sozusagen aus freien Stücken. Er ist nicht von ihr abhängig, sondern schafft sie zu seiner Ehre, zu seiner Herrlichkeit, und verfolgt darin auch einen Plan. Es geht nicht in erster Linie um uns, sondern es geht um ihn, der uns geschaffen hat, weit über uns hinausgeht und gleichzeitig jeden Gedanken von uns kennt. Das ist der persönlich unendliche Gott, der alles ins Dasein ruft.
Deutungen des Anfangs und die Frage nach dem Bericht
Es sind viele Theorien zu diesem Anfang entwickelt worden, also dazu, wie das erste Kapitel zu verstehen sei. Eine Theorie bezeichnet man als Lückentheorie. Dabei soll zwischen Vers 1 und Vers 2 ein undefinierter Zeitraum liegen. Dann, in Vers 2, steht diese wüste Erde, die schon wüst und leer daliegt. Manche haben vermutet, dass dem bereits etwas vorausgegangen sei, nämlich der Fall Satans, den manche in Jesaja 14 und Hesekiel 28 vorgebildet sehen, sowie diese Folge der Zerstörung. Auf jeden Fall greifen manche auf das Argument zurück, dass bereits Materie vorhanden sei und diese Materie nun von Gott geformt werde.
Es gibt weitere Theorien, die sagen, dass diese sieben Tage nicht buchstäbliche Tage seien, sondern sogenannte Arbeitstage Gottes, die nicht mit den 24 Stunden vergleichbar seien. Es gibt viele weitere Ansätze, die versuchen, auch den modernen evolutionistischen Ansatz, das heisst die langsame Entwicklung, mit dem Bericht des ersten Buches Mose kompatibel zu machen.
Einige sagen, dazu gehört auch Timothy Keller, dass dieser ganze Aufbau des Berichts eine poetische Form habe. Tatsächlich erkennen wir eine Struktur, ein Mass, eine Massgabe in diesem Bericht, nämlich dass er immer gleich eingeleitet und gleich abgeschlossen wird. Für mich sind das alles zu wenig substanzielle Gründe. Mag sein, man kann den einen oder anderen gelten lassen. Doch ich nehme das in erster Linie so, wie es da steht: als historischen Bericht.
Man fragt natürlich gleich, wer ihn verfasst hat. Es ist ja niemand dabei gewesen. Ja, klar muss Gott dem Mose das vielleicht durch die Tafeln, die Familientafeln, von denen immer wieder die Rede ist, nämlich die Toledot auf Hebräisch, mitgeteilt haben. Das ist übrigens auch die Unterteilung des ersten Buches Mose. Es kommt immer wieder vor, dieser Ausdruck: Dies ist die Geschichte. Und die Geschichte, das sind diese Toledot. Das könnten Familienchroniken gewesen sein. Die ersten Chroniken dürften von Adam und seinen Nachkommen geschrieben worden sein. So könnten auch diese Berichte zu Mose gelangt sein, der sie dann später kompilierte und zusammenstellte.
Das alles sind Vermutungen, Theorien. Vor einem Gott, der alles ins Dasein ruft, ist es kein Problem, dies auch zu bewerkstelligen, zum Beispiel in einer Vision an Mose.
Übrigens glaube ich, dass wir uns ganz neu bewusst werden müssen, dass jemand uns gemacht hat, dass wir einen persönlichen Ursprung haben. Für mich erfordert es viel mehr Glauben, einen unpersönlichen Anfang anzunehmen, also aus Materie und Energie, aus denen sich dann intelligentes Wesen entwickelt haben soll. Das ist für mich sehr schwer nachzuvollziehen. Ich kann mir aber gut denken, dass jemand, der den Gedanken eines persönlich unendlichen Gottes unterdrücken will, wie das Paulus in Römer 1 sagt, natürlich eine Alternative dazu aufstellen muss.
Fragt sich vielleicht noch kurz, wie ich dann zu diesen aktuellen Resultaten stehe, zu diesen angeblich exakten Ergebnissen. Da denke ich einfach: Seien wir vorsichtig mit vorschnellen Annahmen, dass diese Theorien die letzten gewesen seien. Es gibt immer wieder, sogar heute, auch atheistische Wissenschaftler wie Thomas Nagel, die das Ganze in Frage stellen.
Und diese Annahmen, die ja noch nicht so alt sind und im neunzehnten Jahrhundert entwickelt wurden, hatten natürlich schon Vorläufer. Es gab schon Denker, die solche Gedanken früher geäussert hatten. Aber auch das ist schliesslich von Vorannahmen geprägt und in einem weltanschaulichen Rahmen entstanden. Für mich liegt durchaus die Möglichkeit darin, dass diese Theorie eines Tages wieder über den Haufen geworfen wird.
Ordnung, Vielfalt und Zielrichtung der Schöpfung
Zurück zu diesem Schöpfungsbericht. Wir sehen darin einige Dinge, die ich noch erwähnen möchte. Zuerst, dass Gott spricht. Dieses Sprechen, dieser Sprechakt Gottes, ist einzigartig. Das heißt: Er spricht, Psalm 33, und es steht da, dass durch sein Wort die Welt entsteht. Er spricht, und es ist da.
Das Zweite ist, dass er sieht und beurteilt. Er beurteilt die ganze Schöpfung als gut und am Schluss den Menschen als sehr gut. Es steht auch, dass er Bereiche voneinander scheidet. Er schafft Unterscheidungen, zum Beispiel zwischen Himmel und Erde, zwischen Wasser und Land. Und er benennt auch: Er nennt das Licht Tag, er gibt ihm ein charakteristisches Gepräge. Er gibt diese Unterscheidung.
Und wie es auch mehrmals steht, schafft er alles nach seiner Art. Er schafft unterschiedliche Arten. Also sehen wir einerseits einen Gott, der einen Kosmos schafft, und gleichzeitig eine Vielfalt darin gibt, zum Beispiel in den Pflanzenarten, in den Tierarten, aber auch in den unterschiedlichen Landschaften, die da geschaffen werden.
Weiter steht ganz typisch, dass es, wenn er spricht, auch so geschieht. Und dass Abend wurde und Morgen wurde, dass auch der Tag und die Nacht voneinander getrennt werden. Wir sehen, dass Gott als Schöpfer hervorbringt, Vers 12 zum Beispiel, und dass er auch durch sekundäre Ursachen schafft. Nämlich dass zum Beispiel die Erde dann Gras und Gewächs hervorbringt. Also: Er schafft, er ruft ins Dasein direkt, und er wirkt dann auch durch sekundäre Ursachen, das heißt zum Beispiel durch die Pflanzen, die dann wachsen.
Er schafft auch die Lichter, die Himmelslichter, Sonne, Mond und Sterne, die als Zeichen dienen. Und er erschafft eine Ordnung nicht nur von Tag und Nacht, sondern auch den Jahreszyklus und natürlich auch den Wochenzyklus. Er schafft zuerst das Unbelebte und erschafft dann die Tiere am sechsten Schöpfungstag und dann auch noch den Menschen am Schluss.
Und beim Menschen steht ganz besonders, schon bei den Tieren, dass auch Gott sie segnete und sie fruchtbar machte. Das heißt, dass er ihnen den Auftrag gab, sich zu vermehren, Vers 22 für die Tiere und auch Vers 26, die folgende dann für den Menschen.
Es ist sehr viel darüber nachgedacht worden, ob diese Schaffung des Menschen mit dieser charakteristischen Ansprache „Lasst uns Menschen machen“ ein Pluralis majestatis sei oder ob hier schon ein Hinweis auf den dreieinen Gott bestehe. Ich sehe eher diese Variante: dass der dreieine Gott im ganzen Werk der Heilsgeschichte schon in der Schöpfung, wie dann auch in der Neuschöpfung, in der Erlösung und im Gericht, immer als der eine Gott in drei Personen mit unterschiedlichen Rollen wirkt. Das ist übrigens auch schon ein Hinweis auf den Geist, der über den Wassern schwebt, schon Vers 2, und eben diese Anspielung in Vers 26: „Lasst uns Menschen machen.“
Und zwar werden diese Menschen im Ebenbild Gottes geschaffen, ihm ähnlich. Und viele haben sich dann gefragt, worin diese Gottes-Ebenbildlichkeit oder diese Ähnlichkeit besteht. Die einen vermuten sie eher in diesen Charaktereigenschaften, wie es in Epheser 4 steht, von neuen Menschen in Gerechtigkeit und Heiligkeit. Ich gehe aber eher davon aus, dass hier, wie es in Vers 26b steht, in erster Linie diese stellvertretende Herrschaft des Menschen über die Schöpfung gemeint ist. Übrigens wird die Herrschaft durch Mann und Frau ausgeführt. Ganz wichtig habe ich zu betonen: Gott schuf bipolar in Mann und Frau und überträgt ihnen gemeinsam die Herrschaft. In Kapitel zwei wird dann differenziert, dass beide unterschiedliche Rollen ergänzend, komplementär ausführen.
Auch den Menschen segnet Gott und gibt ihnen den Auftrag, sich zu vermehren. Ich glaube, es ist ein Schöpfungsmandat, auch an ein Paar, wenn es Kinder haben kann, dass es dann Kinder hat. Es steht nicht wie viele, aber es steht, dass sie fruchtbar sein sollen und sich vermehren sollen. Gott gibt ihnen das Gewächs und die Früchte zur Nahrung, Vers 29, und er befindet alles, wie ich es schon gesagt habe, als sehr gut.
Und dann wird die Schöpfung, die Schöpfungswoche, dieser Wochenzyklus, sehr, sehr wichtig. Diese Schöpfungswoche wird durch den Ruhetag beendet. Das heißt, in Vers 2 und 3 werden vier Verben gebraucht: er vollendete, er ruhte, er segnete, er heiligte. Und dann wird nochmals wiederholt: er ruhte am siebten Tag.
Dieser Gedanke der Ruhe zieht sich durch die ganze Bibel. Es ist wie ein Pfeil, sagt Donald Carson, ein Neutestamentler. Das Thema der Ruhe zieht sich von der Schöpfung zum Sabbat, wo auch wieder ein Ruhetag verordnet wird, zur Landnahme unter Josua, zu den Psalmen, Psalm 95, wo David diesen Gedanken der Ruhe aufnimmt, hin zum Hebräerbrief, zur ewigen Ruhe. Da geht es also wirklich um diese Hinordnung, diese Teleologie, diese Hinordnung auch auf ein Ziel der gesamten Schöpfung. So wird diese Schöpfung vollendet.
Dieses erste Kapitel beschreibt die Schöpfung, und es wird der Gottesname Elohim gebraucht. Und interessanterweise dann im zweiten Kapitel Elohim-Jahwe. Der Gottesname ändert sich, und es wird die anthropozentrische Perspektive, die Erschaffung des Menschen, aus einer anderen Perspektive nochmals das Gleiche erörtert.
Der Mensch als Geschöpf, Gegenüber und Bundespartner
Eingeleitet mit 1. Mose 2,4, mit diesem charakteristischen Ausdruck: Dies ist die Geschichte des Himmels und der Erde. Was ich vorher gesagt habe, sind einzelne Geschichten, die hier aneinandergehängt werden. Eventuell waren das geschriebene Familienchroniken, die über die Generationen weitervererbt wurden.
Gott bildet den Menschen, 1. Mose 2,7. Auch dies ist wieder ein charakteristischer Ausdruck: Gott der Herr bildet den Menschen nämlich aus Staub der Erde, aus Staub des Materiellen, und bläst den Odem des Lebens in seine Nase. So wird er eine lebendige Seele, also Leib und Seele. Auch dieses Ineinander verschränkt eine Persönlichkeit, bestehend aus dem Materiellen und dem Immateriellen. Auch das ist sehr wichtig, ebenso heute zu betonen wie auch die Erschaffung als Mann und als Frau, die Bipolarität.
Wir sehen dann, dass Gott den Menschen in einen Garten setzt. Dabei entspricht das nicht unserem heutigen Gartenbild, sondern es geht vielmehr um einen Tempelgarten, einen Ort der Begegnung zwischen dem Menschen und Gott beziehungsweise Gott und den Menschen. Gott besucht den Menschen, pflegt Gemeinschaft mit ihm. So nehmen es zumindest einige Theologen an. Er schließt auch einen Bund, er tritt mit Adam in eine Bundesbeziehung. Das ist die charakteristische Art, wie Gott Beziehungen mit dem Menschen schließt.
Wir sehen verschiedene Bestandteile dieses Bundes, nämlich die Ankündigung der Verheißung. Dann auch den Gehorsamsakt, das heißt die Auflagen, die Bundesauflagen, nämlich gehorsam zu sein. Und auch die Ankündigung des Bundesfluchs, wenn diese Abmachung nicht eingehalten würde: An dem Tag, an dem er davon essen würde, würde er gewisslich sterben.
Interessant ist, dass Gott den Menschen nicht einschränkt, indem er sagt, dass er ihm nur wenige Bäume zuweist, sondern er weist ihm alle Bäume außer dem einen in der Mitte des Gartens zu. Er darf nach Belieben davon essen. Gott gibt dem Menschen den Auftrag, den Garten, den Tempelgarten, zu bewahren und zu bebauen. Bebauen heißt weiterentwickeln, bewahren heißt auch Fürsorge zu tragen, eben diese stellvertretende Herrschaft des Menschen.
Nebenbei erfahren wir auch, dass die Arbeit zur ursprünglichen Schöpfung gehört. Arbeit ist keine Folge des Sündenfalls, sondern Arbeit ist ursprünglich das Mandat Gottes an den Menschen.
Wir sehen dann auch, dass Gott befindet, dass es nicht gut sei, dass der Mensch allein sei. Dann bringt er nicht nur die Tiere zum Menschen. Der Mensch gibt ihnen in seiner Funktion als Stellvertreter und als Bebauer und Bewahrer Namen. Er entdeckt an den Geschöpfen Gottes die Schöpfung, erforscht sie und benennt sie. Darüber hinaus lässt Gott den Menschen in einen tiefen Schlaf fallen und bildet aus der Rippe oder aus der Seite eine Frau.
Diese Frau wird im Hebräischen „neged“ genannt, ein Gegenüber, ein ihm Entsprechendes, ein Gegenüber, ein Ebenbildliches. Gleichzeitig ist sie ihm eine Hilfe, das heißt: Der Mann ist zu einem bestimmten Teil hilflos, und sie ist ihm eine Gehilfin, ein Gegenüber. Zusammen entdeckt er dann, dass sie Fleisch von meinem Fleisch ist, dass sie etwas von mir selbst ist. Also gibt es eine einzigartige Gemeinschaft zwischen Mann und Frau.
Und es ergeht dann der Auftrag, das Schöpfungsmandat, dass ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlässt. Das ist sehr interessant: also die Vater-Mutter-Kind-Struktur. Schon diese Struktur ist in der Schöpfung angelegt. Dann das Verlassen dieser ursprünglichen Familie, die Bildung einer neuen Familie. Dann ein Mann und eine Frau, sehr wichtig hier zu beachten, im Singular, in einer dauernden Gemeinschaft. Es steht das Wort „ankleben“, was auch für die Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk oft gebraucht wird: ein inniges Ankleben, eine dauerhafte Gemeinschaft, die eigentlich zur körperlichen Vereinigung führt und Nachkommen schafft.
Sehr wichtig: 1. Mose 2,24 wird auch im Neuen Testament wieder aufgegriffen und zitiert, ein Basisvers für die ganze Sexualethik der Bibel. Dann wird noch erwähnt, dass die ganze Scham durch die Nacktheit eine Folge des Sündenfalls darstellt.
Man könnte hier noch vieles über diese ersten beiden Kapitel sagen. Es ist unendlich wichtig zu sehen: Sie zeigen uns, woher der Mensch kommt. Sie geben uns eine Menge von Hinweisen darauf, wie Gott es ursprünglich eingerichtet hat. Er wollte den Menschen als sein Ebenbild schaffen, damit er stellvertretend die Herrschaft über die Erde ausübe. Seine Arbeit würde darin bestehen, die Schöpfung weiterzuentwickeln, aber auch in Fürsorge zu bewahren, in dem Sinn die Schöpfung auch zu benennen. Das sehen wir vor allem im Akt mit den Tieren. Und auch fruchtbar zu sein, das heißt, Kinder nachkommend zu zeugen: also Ehe, Arbeit, Gottesdienst, alles Schöpfungsordnungen.
Der Bruch durch die Sünde und die erste Verheißung
Nun, das in der Schlachter-Übersetzung ist gar nicht so schlecht gemacht. Es gibt ein großes Aber: Der Mensch ist in Sünde gefallen, im dritten Kapitel. Die Schlange, und da gibt es natürlich auch einen Haufen Überlegungen, warum gerade eine Schlange, war das eine wirkliche Schlange? Nehmen wir es einfach mal so, wie es hier steht: Satan, der Widersacher Gottes, tritt das erste Mal in 1. Mose auf den Plan. Und es steht, dass sie listiger war als die Tiere des Feldes. Es gibt viele Abhandlungen darüber, wie sie dann vorgeht.
Interessanterweise geht der Widersacher Gottes, ein gefallener Engelsfürst, Satan, nicht zum Mann, sondern zur Frau. Und zuerst einmal stellt er in Frage, was Gott gesagt hatte. Er verdreht auch gleichzeitig das Gebot Gottes, indem er fragt: Sollte Gott wirklich gesagt haben? Also sät er Zweifel. Er dreht das um, und er stellt es in Frageform. Das heißt, er sät dieses giftige Saatgut des Zweifels in das Herz der Frau.
Die Frau lässt sich auf diesen Dialog ein und sagt korrekterweise, dass sie von den Früchten der Bäume essen dürften, aber dass davon ein Baum ausgenommen sei. Dann, im weiteren Schritt, stellt diese Schlange, die das Gebot Gottes in Abrede stellt, die Aussage auf: Keineswegs werdet ihr sterben. Sondern er verheißt quasi eine Gottähnlichkeit, was manche Ausleger dazu geführt hat, dass die Ursünde wohl die des Hochmuts und des Stolzes sei, dass der Mensch sich an die Stelle Gottes setzen solle. Er verspricht ein Unterscheidungsvermögen zwischen Gut und Böse, und die Frau steigt schon darauf ein.
Die Saat, die giftige Saat, geht ihnen auf: des Zweifels, des Gefühls, vielleicht auch der Benachteiligung, aber vor allem auch dieser Aussicht, göttlich zu werden. Sie sieht es, und sie sieht, dass der Baum eine Lust für die Augen wäre und begehrenswert. Die Sünde findet einen Anknüpfungspunkt und ein Begehren. Und dann nimmt sie von der Frucht. Das heißt: Es ist ein innerlicher Prozess, der zu Handlung führt. Gedanke, Worte, Handlung. Sie nimmt von der Frucht, isst und gibt danach weiter davon. Das heißt, sie führt auch ihren Mann zur Sünde.
Interessanterweise wird übrigens im Neuen Testament Adam die Verantwortung für den Sündenfall zugewiesen. Er als Bundeshaupt hat die Verantwortung für diesen Sündenfall. Und auch dieser Adam ist betroffen. Tatsächlich werden ihnen in Vers 7 dann die Augen geöffnet. Sie bekommen eine neue Art der Einsicht, tatsächlich zwischen Gut und Böse. Dieses Bewusstsein für das Gesetz Gottes ist dem Menschen geblieben, auch durch den Sündenfall. Römer 1 sagt ganz klar in Vers 32, dass jeder Mensch auch erkennt, was böse ist, dass er die Gotteserkenntnis nicht nur unterdrückt, sondern auch eine ethische Empfindung für Gut und Böse hat, nach wie vor. Dieses Unterscheidungsvermögen war also da, aber der Mensch starb.
Er ist tot in Sünden, wie Paulus in Epheser 2,3 sagt. Er stirbt nicht sofort körperlich, leiblich. Gott verzögert diesen Tod. Er wird diesen Tod erleiden, denn der Tod ist der Lohn der Sünde, wie es Paulus in Römer 6 sagt. Aber er stirbt. Die Beziehung verändert sich von Gott zum Menschen, und unmittelbar dann empfinden sie diese Scham.
Ich glaube, dieses Thema der Scham ist noch viel zu wenig erforscht worden, bezogen auch auf die ganze Anthropologie. Was passiert mit dem Menschen, der um seine Sünde weiß? Er versucht sich sofort, Vers 7b, zu bedecken. Diese Feigenblätter: Sie versuchen, diese Scham zurückzubinden oder zu verdecken. Und sie verstecken sich, Vers 8. Ein Mensch möchte seine Scham bedeckt haben, und er findet immer wieder neue Ausreden, solche Feigenblätter, um die Scham zu verdecken, auch sich selbst gegenüber.
Gericht, Fluch und Hoffnung auf Rettung
Gott begegnet dann dem Menschen oder stellt ihn zur Rede mit programmatischen Fragen. Das ist die erste Frage der Bibel in 1. Mose 3,9: Wo bist du? Die erste Frage, er hat es natürlich gewusst. Es ist eine didaktische Frage, eine ermahnende Frage.
Der Mensch antwortet dann darauf, Adam sagt, dass er sich fürchtete, dass er nackt war und dass er sich deshalb versteckt hat. Gott stellt weitere Fragen: die zweite Frage, wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Woher hast du diese Erkenntnis? Und dann die Frage: Hast du von dem Baum gegessen?
Der Mensch bekennt an diesem Punkt nicht seine Schuld, sondern schiebt sie weiter. Es ist dieser Attributionseffekt der Psychologie, dass er immer, wenn etwas schiefgeht, die Schuld dem anderen in die Schuhe schiebt. Er sagt: Die Frau, die du mir gegeben hast. Gott fragt auch die Frau, warum hast du das getan? Und auch die Frau weist die Schuld sofort weiter, an die Schlange.
Dann spricht Gott die Bundesflüche aus für den gebrochenen Bund. Der Mensch hatte die Freiheit, zu sündigen oder nicht zu sündigen. Warum das so war, darüber gibt es natürlich viele Überlegungen, aber es bleibt schlussendlich ein Geheimnis, wie Gott diese Welt gemacht hat. Er hatte die Freiheit, zu sündigen und diesen Bund zu brechen. Er hatte aber auch das Vermögen, nicht zu sündigen. Dieses Vermögen verlor er, wie Augustin auch so schön ausgedrückt hat. Nach dem Sündenfall ist er nicht mehr in der Lage, nicht zu sündigen. Er muss sündigen, er kann Gottes Gesetz nicht mehr nachkommen, Römer 8,7.
Diese Flüche ergehen zuerst an die Schlange. Die Schlange wird verflucht und muss auf dem Bauch kriechen und Staub fressen. Dann folgt das sogenannte Protoevangelium, die erste Verheißung im ersten Bundesfluch. Nämlich, dass jemand kommen würde, ein Nachkomme der Frau, und dass dieser Nachkomme der Schlange den Kopf zertreten würde, dass er teils ihre Wirksamkeit zerstören würde, dass sie ihm aber in die Ferse stechen würde.
In der Anmerkung zu meiner Bibel steht, ein Nachkomme der Frau sollte den Teufel besiegen, wobei der Teufel auch ihn verwunden würde. Und tatsächlich wurde ja Jesus Christus am Kreuz verwundet. Und wie Hebräer 2,15 sagt, wurden durch seinen Tod und seine Auferstehung dem Teufel die Macht genommen, die Macht des Teufels besiegt. Ich lese vor: Hebräer 2,14, indem Jesus Christus durch den Tod den außerwirksam machte, der die Macht des Todes hatte, nämlich den Teufel, und alle diejenigen befreite, die durch Todesfurcht hindurch ihr ganzes Leben in Knechtschaft gehalten wurden.
Der Mensch fiel in die Knechtschaft der Sünde, und gleichzeitig kündigt Gott schon wieder etwas an, nämlich diesen Samen der Frau, diesen Nachkommen, der dann dieser Wirksamkeit des Todes Grenzen setzen würde, der, wie es in Hebräer 2 steht, ein großes Volk zu Gott zurückführen würde. Wunderbar ist diese Ankündigung schon in 1. Mose 3,15. Ich gehe näher darauf ein in meiner Predigt zum Vogelflug über die ganze Bibel.
Die Frau bekommt auch einen Teil des Bundesfluches, nämlich die Mühen der Schwangerschaft. Und 1. Mose 3,16b ist ganz interessant: Da wird gesagt, dass sie ein Verlangen nach dem Mann haben wird, er sie aber auf ungute Weise dominieren würde. Einige Ausleger haben gesagt: dominieren durch zweierlei Arten, einerseits sie durch Passivität aus ihrer Rolle herausdrücken oder sie dann wirklich in seiner Macht missbräuchlich zu gebrauchen. Auch das ist ein Teil des Fluches durch den Sündenfall.
Adam wird ebenfalls ein Bundesfluch auferlegt. Dieser betrifft vor allem seine Arbeit. Die Arbeit, die ja Teil des Schöpfungsmandats ist, würde nun nicht mehr nur sinnhaft sein, sondern auch davon geprägt sein, dass er Dornen und Disteln ausrupfen und im Schweiße seines Angesichts sein Brot erarbeiten müsste.
Da es also die Bundesflüche gibt, haben einige Ausleger auch gesagt, der Mensch ist durch den Sündenfall Gott selbst, das ist die erste Störung, sich selbst, der Natur und auch gegenseitig untereinander entfremdet worden. Also eine vierfache Entfremdung: gegenüber Gott, gegenüber dem anderen Menschen, gegenüber der Schöpfung, aber auch gegenüber sich selbst. Die Frau bekommt den Namen Eva, und sie wurde die Mutter aller Lebendigen. Auch hier nochmals ein Hinweis auf das Heilshandeln Gottes. Gott verschont sie vom leiblichen Tod und macht Adam und seiner Frau Kleider aus Fell.
Für diese Felle mussten wahrscheinlich, so nimmt man an, Tiere sterben. Ein erster Hinweis auf dieses stellvertretende Opfer, das die Menschen rettet aus ihrer Schuldverfallenheit. Er erkennt diesen Unterschied, auch diese neue Art der Erkenntnis von Gut und Böse, und er schickt sie aus diesem Tempelgarten. Er entfernt sie aus dieser direkten Gemeinschaft und bewacht diesen Garten und den Baum des Lebens.
Hier sehen wir auch zuerst einmal in 1. Mose 3,24 die Cherubim, die Engelwesen, die auch zum Beispiel im Zusammenhang mit der Bundeslade wieder auftauchen. Sie sind die Wächter, die über der Heiligkeit Gottes wachen.
Also: dramatische drei erste Kapitel, die uns über den Ursprung des Menschen, seine Beschaffenheit und den ursprünglichen Plan Gottes aufzeigen. Sie zeigen aber auch, und es gibt keine zwei Seiten, es gibt bei mir nur eine Seite, was das große Problem dieser Welt ist. Das ist nämlich die Sünde, der verfallene Zustand. Der Mensch lebt zwar noch, aber ist eigentlich Gott gegenüber geistlich tot, und sein ganzes Sein, sein ganzes Wesen, sein Verstand, sein Wille und seine Gefühle sind nicht gänzlich verdorben oder total verdorben, sondern sie sind durch und durch tangiert von dieser Sünde und unfähig zu dieser Gemeinschaft mit Gott.
Aus dieser Gemeinschaft Gottes verstossen, ist der Mensch sich selbst entfremdet, Gott entfremdet, den anderen und auch der Schöpfung entfremdet. Und auch die Schöpfung leidet unter den Folgen des Sündenfalls. Diese ganz wichtige Frage: Zwei wichtige Fragen werden beantwortet in den drei Kapiteln. Erstens: Wie war es am Anfang? Und zweitens: Warum ist es nicht mehr so, wie es eigentlich sein sollte? Zwei Grundfragen des Menschen werden nach den ersten Zeiten der Bibel beantwortet.
Der nächste Teil wird sich dann darum drehen, um diese weitere Geschichte nach dem Sündenfall, wie alles begonnen hat. 1. Mose 4,11 wird dann der zweite Teil sein.

