
Kleine Erzählungen - Teil 1
Gelesen vom Schwiegersohn von Wilhelm Busch, Pfr. i. R. Hans Währisch
Serie•Teil 1 / 2Kleine Erzählungen - Das Hörbuch
Generierte Mitschrift
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Ein Lebenszeugnis und der eigentliche Auftrag dieser Geschichten
Wilhelm Busch, geboren achtzehnhundertneunundneunzig in Elberfeld, wuchs in Frankfurt am Main auf und besuchte dort das Gymnasium. Als Pfarrersohn fand er im Ersten Weltkrieg als Frontsoldat zum lebendigen Glauben an Jesus Christus. Nach dem Ersten Weltkrieg studierte er in Tübingen Theologie und war dann Gemeindepfarrer in Bielefeld und Essen, wo er neunzehnhundertdreißig Jugendpfarrer wurde. Im Dritten Reich erlitt er Verfolgung und Verhaftung. Nach Kriegsende erreichte Pastor Wilhelm Busch als Evangelist mit seiner Botschaft von Jesus Christus zahlreiche Menschen. Wilhelm Busch starb neunzehnhundertneunundsechzig.
Das Hörbuch wird im Folgenden gelesen von seinem Schwiegersohn Hans Werisch.
Als mich einmal jemand fragte, wo ich all die Geschichten her hätte, konnte ich nur erwidern: Man erlebt halt so viel. Und nun sind hier ein paar solcher Geschichten zusammengestellt. Viele von ihnen sind in den letzten fünfzehn Jahren da und dort gedruckt worden.
Einer, der das Manuskript durchlas, stellte in Zweifel, ob Geschichten, die vor neunzehnhundertdreißig geschrieben wurden, heute noch etwas zu sagen hätten. Ich muss es dem Leser überlassen, das zu beurteilen.
Der Apostel Paulus hat einmal gesagt, dass er nichts wisse als den Gekreuzigten. Genauso geht es diesen Geschichten: Sie wollen nur eins, ein Zeugnis ablegen für Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen.
Essen im September neunzehnhundertneunundvierzig
Wilhelm Busch.
Kinderstimmen in der Halle
Kleine Gottesboten, ein Lied in der Bahnhofshalle, ein getrösteter Bergmann.
Es war vormittags, so gegen neun Uhr. Ich ging quer durch die große Bahnhofshalle. An meiner rechten Hand hielt sich mein kleiner Junge, an die linke klammerte sich mein Töchterlein fest, damit es im Gedränge nicht losgerissen würde.
Die weite Halle machte den kleinen Trabanten sichtlich Eindruck. Das dumpfe Gemurmel der Menschenmenge gab einen verworrenen Widerhall. Da meinten die beiden, sie müssten doch einmal ausprobieren, ob ihre Stimmen auch so schön hallen, in diesem weiten Raum.
Also stieß bald der Junge, bald das kleine Mädchen einen hellen Juchzer aus, und sie freuten sich königlich an dem gewünschten Erfolg. Aber so ein Juchzer ist schnell vorüber. Darum war der Genuss immer nur kurz. Um ihn auszudehnen, gingen sie zu einem Lied über.
Das kleine Mädchen stimmte an, und der Junge fiel mit seiner lauten, hellen Stimme ein: „Harre, meine Seele, harre des Herrn, alles ihm befiehl, er hilft dir doch so gern.“
Das war natürlich eine ungewohnte Melodie, vormittags um neun Uhr in der Bahnhofshalle. Wenn da eine Lokomotive gellend zischte, wenn ein Zigarettenverkäufer brüllend seine Ware anpries, wenn ein Bursche unbekümmert den allerneuesten Schlager pfiff, da drehte sich natürlich kein Mensch um.
Aber ein geistliches Lied in der Bahnhofshalle, schallend gesungen von zwei hellen Kinderstimmen, das gab schon einiges Aufsehen. Etliche lächelten, ein paar guckten verlegen, wieder andere schüttelten den Kopf. Die Kinder ließen das völlig unbekümmert. Fröhlich sangen sie weiter: „Größer als der Helfer ist die Not ja nicht.“
Ein Lied erreicht einen Müden
Da ging ein Bergmann vorbei. Er hatte wohl den Weg quer durch die Bahnhofshalle gewählt, um schneller heimzukommen. Mit seinem müden Gang, seinem gesenkten Kopf und den hängenden Schultern sah er aus, als ob unsichtbare Lasten auf ihm drückten. Die Kohlentüte auf seinem Rücken zeigte, dass er von Schicht kam.
Jetzt drang der Gesang an sein Ohr. Er blieb stehen und schaute ernst auf die Kinder. Es war, als wolle er dieses Lied in sich hineintrinken: Rett auch meine Seele, du treuer Gott! Dann ging er weiter, ganz anders auf einmal, als ob er aus einer Quelle getrunken hätte. Da wusste ich, dass die beiden Kinder in aller Dummheit und Schwachheit etwas Großes vollbracht hatten.
Am Nachmittag besuchte mich ein lieber Gast von auswärts. „Mann“, sagte er, „ich muss dir mal eine köstliche Geschichte erzählen. Heute Morgen, als ich auf eurem Hauptbahnhof ankam, war ich ein sehr verdrießlicher und sorgenbeladener Mann. Es war mir Verschiedenes quergegangen, und als ich nun so recht betrübt durch die Sperre gehe, da klingt es an meinem Ohr: In allen Stürmen, in aller Not wird er dich beschirmen, der treue Gott. Das schallte durch die Bahnhofshalle. Als wenn vom Himmel herab eine Stimme zu mir sprechen wollte. Es müssen wohl Kinder gewesen sein, die irgendwo sangen. Ich habe sie im Gedränge nicht sehen können. Aber ich habe da alle meine Sorgen auf meinen himmlischen Herrn geworfen und bin fröhlich weitergegangen.“
Ich aber bin schnell zu meinen Kindern gelaufen und habe ihnen einen kräftigen Kuss gegeben. Singen hilft Siegen.
Streit im Zug und die Kraft eines Liedes
Ungleiche Reisegesellschaft und wie man ihrer Herr wird
Mensch, guck dir dies Gedränge an! Rappelvoll stand der Bahnsteig des riesigen Frankfurter Hauptbahnhofs. Und als der Personenzug nach Heidelberg endlich anrückte, gab es einen Sturm wie auf den Dübler Schanzen. Nun ja, Ferienanfang. Da geht es eben ein bisschen stürmisch her auf der Eisenbahn.
Mit meinen Geschwistern hatte ich mich in ein großes Abteil für Reisende mit Traglasten gequetscht. Jeder kennt ja die Wagen: neun Sitzplätze, zwanzig Stehplätze. Unserer alten Mutter hatten wir im Eck einen Sitzplatz ergattert. Wir anderen türmten unser Gepäck aufeinander und setzten uns darauf.
Ja, und dann ging es los. Der Bummelzug hielt an jedem Nest. Wenn man gerade meinte, nun sei er glücklich in Fahrt, da war es schon wieder aus. Und kein Mensch wollte aussteigen, im Gegenteil: Immer mehr stiegen zu. Wir hatten das Gefühl, als reise die ganze Menschheit nach Heidelberg. Und dazu brannte die Sonne nicht schlecht auf die heißen, überfüllten Wagen.
Es war schon kein Vergnügen mehr. Kein Wunder, dass die Stimmung im Abteil für Reisen mit Traglasten schlecht, ja geradezu gereizt war. Es fehlte nur noch das Streichholz, das das Pulverfass zur Explosion brachte.
Das kam dann auch wirklich an irgendeiner Station in Gestalt einer sehr resoluten Frau, die ihr Kindchen auf dem Arm auch noch mitfahren wollte.
„Besetzt!“, brüllte ein Mann zum Fenster hinaus.
Die Frau tat, als habe sie nichts gehört. Entschlossen riss sie die Tür auf und drängte sich herein.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass besetzt ist“, sagte der Mann scharf und drückte gegen die Frau.
„Ich muss aber mit!“, schrie sie aufgeregt und drückte sich herein.
Sie hätte aber doch den Kürzeren gezogen, wenn nicht der Schaffner von außen her die Tür zugequetscht hätte.
„Nun ist die Heringstonne fertig“, meinte einer trocken.
Aber der wütende Mann hatte keinen Sinn für Humor. Er schimpfte Mord und Brand, und alle seine Gereiztheit ließ er an der armen Frau aus. Andere fielen ihm bei. Doch die Frau hatte den Mund am rechten Fleck, kein Wort blieb sie schuldig. Und bald war der hitzigste Krach im Gang.
Der Mann wurde vor Wut richtig blaurot im Gesicht. Der Krach nahm immer bedrohlichere Formen an.
Wenn Gesang den Zorn übertönt
Da stimmte unsere Mutter mit ihrer schönen, hellen Stimme ein Lied an. Wir begriffen schnell und fielen zuerst ein wenig verlegen ein. Aber dann klang es aus acht Kehlen: Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit.
Wahrhaftig, wir sangen den Krach einfach nieder. Die Leute schauten uns erstaunt an. Jede Miene fragte: Seid ihr verrückt? Aber nun waren wir schon einmal dran und machten fröhlich weiter. Das schöne Lied hatte viele Strophen.
Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide. Wirklich, jetzt guckten schon ein paar ganz schüchtern aus dem Fenster und entdeckten auch, dass da draußen in sommerlicher Herrlichkeit Gottes schöne Welt liegt. Die Bächlein rauschen in dem Sand und malen sich und ihren Rand, mit schattenreichen Myrten, die Wiesen liegen hart dabei.
Uns selber gefiel unser Lied immer besser, und wie es schien, den Leuten auch. Sie schwiegen jetzt wenigstens. Der Weizen wächst mit Gewalt, darüber freut sich jung und alt und rühmt die große Güte des, der so überschwänglich labt und mit so manchem Gut begabt das menschliche Gemüte.
Ach, wie schaute der Mann noch finster drein, und wie bissig war das Gesicht der Frau! Aber wo Gottes Lob erklingt, hält’s der Teufel nicht aus. Ich singe mit, wenn alles singt. Wie ging es nun weiter?
Allmählich hellte sich die böse Miene des Mannes auf, und er rückte ein ganz klein wenig beiseite. So hatte die Frau nun auf einmal Platz und guckte auch schon fröhlicher in die Welt. Wir aber sangen und sangen. Wir sangen die Ewigkeit in die Zeit. Welch hohe Lust, welch heller Schein wird wohl in Christi Garten sein, wie wird es da wohl klingen?
Und schließlich schlossen wir unser Lied mit dem ernsten Gebetsvers:
Erwähle mich zum Paradeis und lass mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen.
Wir waren zu Ende. Da erhob sich in der Ecke ein Mann und bot der Frau schweigend seinen Platz an. Jeder bemühte sich auf einmal, so lieb wie möglich zu sein. Und da war es nun seltsam, ganz erträglich im Abteil. Alle hatten Platz genug, die überhitzte Spannung war verflogen.
Schließlich meinte jemand schüchtern: Singen Sie doch noch eins!
So stimmten wir an: Harre, meine Seele, harre des Herrn. Das konnten viele. Erst brummten sie leise mit, bald sangen ein paar und rissen die anderen mit, und schließlich sangen alle. Und so sangen wir miteinander bis Heidelberg hinauf.
Ein unerwartetes Zeugnis aus einem veränderten Haus
Gib mir einen neuen gewissen Geist.
Herein! Der Pfarrer drehte sich nach der Tür um. Etwas aufgeregt kam eine stattliche Frau herein, und gleich polterte sie los.
„Ich höre, Sie wollen meine Nichte nicht konfirmieren.“
Der Pfarrer begütigte sie: „Setzen Sie sich erst einmal.“
„Nun will ich Ihnen in aller Ruhe die Sache erklären“, sagte er. „Sehen Sie, Ihre Nichte, sie wohnt ja wohl seit dem Tod der Eltern ganz bei Ihnen, ist geistig stark behindert. Sie ist ja auch in der Hilfsschule für Minderbegabte. Ich habe versucht, das Kind zu unterrichten, aber es hat nicht ein Lied behalten können, vom Katechismus ganz zu schweigen. Und da müssen Sie verstehen, dass sich dies stark behinderte Kind unmöglich zur Konfirmation zulassen kann.“
Die Frau unterbrach ihn.
„Das ist ja alles schön und gut, aber jetzt will ich Ihnen sagen: Gott hat dies arme, schwache Kind als Werkzeug benutzt, um unser ganzes Haus umzuwandeln.“
Erstaunt schaute der Pfarrer auf.
„Wie ging denn das zu?“
„Ich weiß nicht, ob Sie es wissen, wir führen eine Wirtschaft. Ich muss offen bekennen, es herrschte bei uns ein übler, leichtsinniger Geist. Als nun meine Schwester vor einem Jahr starb, nahm ich ihr Töchterchen in mein Haus auf. Das arme Wurm tat mir leid. Viel Platz hatte ich ja auch nicht, aber ich stellte noch ein Bett in die große Kammer, in der die beiden Mädels schlafen, die in der Wirtschaft beschäftigt sind.
Und nun geschah etwas Seltsames: Als das Kind am ersten Abend spät mit den Mädeln zu Bett ging, faltete es seine Hände und betete den einzigen Spruch, den es behalten hatte: Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist.
Na, Sie können sich denken, die beiden Mädels fingen an zu kichern und zu spotten. Aber die Kleine kümmerte sich nicht darum, sie schlief ein, und am nächsten Morgen betete sie ihr Sprüchlein aufs Neue. Wieder großes Hallo der beiden.
Aber als die Kleine am Abend wieder betete und eines von den beiden Mädchen anfing zu lachen, sagte das andere ernst: Du, dies Kind hat Recht, das ist es, was uns fehlt, ein reines Herz. O Gott, ja, das fehlt mir, ich bete mit.
Und wahrhaftig, das Mädel betete auch: Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist. Nach drei Tagen betete auch die andere um einen neuen Geist.
Und nun wissen Sie das besser als ich, Herr Pastor? Wenn man um den Heiligen Geist bittet, dann kommt er. Ich will’s kurz machen: Meine Mädels wurden ganz anders. Ich fragte: Wie kommt das, dass ihr so anders geworden seid? Da erzählten sie alles, und sie sagten: Wenn der Geist hier im Haus nicht anders wird, dann gehen wir.
Nun, ich erschrak. Sie hatten Recht. Da fing auch ich heimlich an zu beten. Und heute sieht es bei uns anders aus, völlig anders. Mein Mann hält mit uns des Morgens Andacht. Wo früher der Teufel regierte, da regiert heute Gottes neuer Geist. Und das alles kam durch dieses Kind.“
Aufmerksam hatte der Pfarrer zugehört.
„Liebe Frau“, sagte er tief bewegt, „das Kind wird konfirmiert.“
Frenzken und die Angst vor dem Abendmahl
Frenzken, von dem diese Geschichte handelt, ist heute ein stattlicher junger Mann. Er nimmt es mir nicht übel, dass ich die Geschichte weitererzähle, und denkt gewiss, sie könnte manchem ein Licht aufstecken helfen.
Und am allerschlimmsten sind die Konfirmanden, schloss der Mann seinen Bericht über meine neue Gemeinde. Dann nehmen sie am besten jedes Mal einen kräftigen Rohrstock mit.
Mir wurde Angst und Bange. Da stand ich nun als blutjunger Pfarrer vor dieser großen Gemeinde. Wenn der Mann recht hatte, dann musste es eine furchtbare Horde sein, die hier hauste. Und die Konfirmanden, oh du liebe Zeit, ich hatte in meinem Leben noch nie einen jungen Frauen und gedachte es auch in Zukunft so zu halten. Wie würde es mir ergehen?
Mit furchtsamem Herzen stand ich am nächsten Morgen vor meinen Wilden, aber bald merkte ich, dass die ebenso Angst hatten vor mir wie ich vor ihnen. Da musste ich lachen, und es wurde sehr nett. Allerdings fehlte einer: Frenzken.
Als ich nach ihm fragte, ging ein Schmunzeln durch die Reihen. Aha, dachte ich, das ist wohl der Häuptling eurer Streiche. Darum seid ihr so manierlich, weil der fehlt. Und ich nahm mir vor, auf der Hut zu sein vor Frenzken.
Aber Frenzken boykottierte mich. Er erschien einfach nicht. Also musste ich mich eines Tages auf den Weg machen, Frenzken zu suchen.
Auf mein Schellen öffnete ein junges Mädchen die Tür. Sie musterte mich erstaunt und lief zurück ins Zimmer. Ich ging ihr nach. Aus der anliegenden Kammer hörte ich klägliches Jammern. Ich ging hinein: ein furchtbares Bild.
Auf dem schmalen Bett lag eine Frau im allerletzten Stadium einer entsetzlichen Wassersucht, ein schrecklicher Anblick. Und dies arme Weib jammert. Es dauerte erst einige Zeit, bis ich sie verstand: Mein armer Junge, mein armes Frenzken! Kein Mensch hat ihn lieb, der Lehrer haut ihn, der Vater haut ihn, der Pfarrer haut ihn, oh mein Frenzken, nur ich hab ihn lieb, und ich muss sterben.
Ich bin erschüttert. Das ist Mutterliebe. Sie denkt nicht an ihr Elend, sie denkt nur an ihr Kind. Ich will ihren Jungen lieb haben, sage ich bewegt.
Zwei Tage lebt sie noch, zwei Tage, an denen der Mann irgendwo im Gasthaus saß, zwei Tage, in denen Gottes Wort Einzug hielt in der armen Hütte und der Heiland Jesus einem armen Menschenherzen seinen Frieden schenkte. Dann ging sie heim. Bei der Beerdigung sei ich zum ersten Mal Frenzken begegnet.
Vom verschlossenen Jungen zum offenen Herzen
Er war ein großer, starker Junge mit verschlossenem Gesicht. Wir schlossen so gut es ging Freundschaft miteinander. Von da an kam er nach der Schule häufig zu mir und wurde immer mehr unser Hausgenosse. Trotzdem war mir immer so, als stehe zwischen ihm und uns eine Mauer.
Kurz vor Ostern war Konfirmation. Frenzken stand in der großen Schar der Kinder. Er sah ungewohnt feierlich aus, in seinem dunklen Anzug und dem Stehkragen. Was in ihm vorging, konnte ich nicht erkennen. Die Mauer stand dazwischen.
Eine Woche später war das Abendmahl der Konfirmanden. Am Abend vorher sammelte ich noch einmal die Schar, um ihnen eine Vorbereitung für die wichtige Stunde zu geben. Das machte ich so: Ich hatte ein Steinhausenbild vom großen Abendmahl aufgehängt. „Kinder“, sagte ich, „dies Bild ist noch nicht zu Ende. Das geht da über den Rand hinaus weiter, und da dürft ihr stehen. Auch euch hat der Heiland an seinen Tisch gerufen und geladen. Das ist eine hohe Ehre und eine ganz große Freude.“ So erklärte ich ihnen das Abendmahl.
Dann sangen wir noch ein Lied, beteten und gingen still nach Hause. Als Letzter verließ ich den Saal. Im Hof stand noch ein Trüpplein Jungen. „Na, was ist los?“, fragte ich. Schweigend wiesen sie auf Frenzken. Der stand da an die Mauer gelehnt, die hellen Tränen liefen ihm über die Backen. Der ganze Kerl war ein Bild unsagbaren Jammers.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte ich.
Keine Antwort. Dann nahm ich ihn kurz entschlossen am Arm und brachte ihn in meine Wohnung. Da saß er nun weinend vor mir und schwieg. Mir griff das ans Herz; so ein Junge weint nicht.
„Nun rück mal raus, Frenzken, was drückt dich? Komm, sag’s mir.“
Da kam es heraus, stotternd, schluchzend: Alle dürfen morgen zum Abendmahl gehen, nur ich nicht.
„Du nicht? Warum du nicht?“
„Ich, ich bin zu schlecht.“
Ich war tief bewegt. Wenn dieser trotzige Junge so erschüttert war, dann wurde es ernst. Ja, es wurde ernst. Was nun gesprochen wurde, soll kein Mensch erfahren. Das geht keinen Menschen etwas an; das war nur bestimmt für Gott.
Als Frenzken fertig war mit dem Abladen, war es ein ganzer Berg von Schuld. Erschüttert sind wir niedergekniet und haben alles vor den Herrn Jesus hingelegt und sein Erbarmen angerufen. Und dann habe ich gesagt: „So, Frenzken, jetzt musst du aber auch glauben, dass auch du, gerade du, zum Herrn Jesus kommen darfst.“
Nie vergesse ich diese Abendmahlsfeier. Alle Kinder traten an den Altar mit ihren Angehörigen, aber dann kam Frenzken. Ganz allein kam er über den Altarplatz auf mich zu. Seine Mutter war tot, sein Vater saß irgendwo in der Wirtschaft. Doch Frenskens Angesicht glänzte vor Freude.
Mir aber fiel Jesu Wort ein: Also wird Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen.
Wenn Vorwärtskommen den Glauben verdrängt
Vorwärtskommen ja, Gottes Wort nein – und wo endet solche Erziehung? Es ist schrecklich, wenn ein Mann weint. Worüber können einem richtigen Mann die Tränen kommen? Es ist das Leid um den eigenen Sohn. Das kann einen Mann schon im tiefsten erschüttern. Besonders bitter wird das Leid aber dann, wenn solch ein Mann als Vater sich sagen muss: Das habe ich selbst verschuldet.
Doch lasst mich die Sache lieber der Reihe nach erzählen.
Den Sohn lernte ich als vierzehnjährigen kleinen Kerl kennen. Da kam er in die Bibelstunden, die wir für solche Jungen eingerichtet hatten. Mit großer Freude kam er. Wie der vom Flug aufgerissene Ackerboden die Körner, so nahm sein Herz den guten Samen des Wortes Gottes auf. Wie die Sonnenblume sich nach dem Licht hinwendet, so streckte der Junge sich nach Jesus und seinem Heil aus.
Dann kam eine Zeit, die Zeit des Dritten Reiches. Da standen unsere Bibelstunden im Mittelpunkt des Kampfes. Man lief Sturm dagegen. Es wurde erklärt, es sei unnötig und unnatürlich, wenn frische Jungen in Bibelstunden zusammenkämen. Und die Jungen, die doch kamen, wurden verspottet und ausgelacht, ja manchmal bedroht.
Die Jungen trugen das tapfer. Sie verstanden gut, dass man um Jesu und der Wahrheit willen auch Kampf auf sich nehmen muss. Aber viele Eltern wurden ängstlich, unter ihnen auch der Vater meines jungen Freundes. Er meinte: Man kann ja auch so Christ sein.
Nein, sagten wir ihm, es gibt kein Christentum ohne Gemeinschaft unter Gottes Wort. Ja, aber wenn mein Junge dadurch auffällt, wenn man ihn für rückständig oder gar für dumm hält? Und er muss doch vorwärtskommen. Vorwärtskommen muss er auf alle Fälle. Da darf man auch schon mal das Segel nach dem Wind stellen.
„Lieber Herr“, so machte ihm der Leiter unserer Jungenstunde klar, „gewiss soll Ihr Junge vorwärtskommen, und das wird er auch, denn er ist ein tüchtiger Kerl. Wenn Sie ihn aber abhalten, in unsere Bibelstunde zu kommen, dann nehmen Sie dem Jungen den Halt.“
„Ach was, den Halt muss er in sich haben!“
„Nein, Sie irren sich. Wir haben keinen Halt in uns. Nur wenn so ein Junge den Herrn Jesus kennt, dann hat er Halt.“
Aber der Vater setzte seinen Willen durch. Es gelang ihm, den eigenen Sohn zu überreden, von den Bibelstunden fernzubleiben. Immer wieder luden ihn die anderen jungen Freunde ein, die noch zur Jugendbibelstunde kamen. Sie wussten ja nicht, was vorgegangen war. Sie bedauerten nur, dass dieser Freund nicht mehr kam, und suchten vergeblich nach Gründen.
Die Folge war natürlich, dass der Junge seine alten Freunde mied und ihnen, wo er nur konnte, aus dem Weg ging. Es dauerte auch gar nicht lange, dann hatte er andere Freunde gefunden, denen die Bibelstunde für Jungen schon lange ein Dorn im Auge war. Königlich freuten sich diese, dass nun einer von den frommen Knaben zu ihnen stieß. „Dem wollen wir es beibringen“, hieß die Parole, und sie brachten es ihm bei.
Der Vater merkte das zum ersten Mal am Karfreitag, als die ganze Familie zur Kirche gehen wollte. „Ich gehe nicht“, erklärte patzig der Junge.
„Du nicht, warum denn nicht?“, fragte erstaunt der Vater.
„Ach, das ist doch alles Quatsch“, stieß der Junge heraus.
„Man muss Geduld haben“, dachte der Mann und ließ seinen Sohn zu Hause.
Aber wenige Tage später beklagte sich die Mutter: „Unser Junge wird so frech, ich kann ihm gar nichts mehr richtig sagen, sofort widerspricht er.“
Der Vater war erstaunt. Sein Sohn? Er war doch immer so stolz auf seinen gehorsamen Sohn gewesen. So stellte er ihn kurzerhand zur Rede. Der Junge aber begehrte auf. Da wurde der Vater zornig und haute dem Bengel eine kräftige Ohrfeige herunter.
Seit diesem Tag war die Brücke zwischen Vater und Sohn abgebrochen. Es würde zu weit führen, wollte man die ganze Leidensgeschichte erzählen, die nun folgte. Der Junge tat, was er wollte. Er kam spät nach Hause, er rauchte unheimlich viele Zigaretten, abendelang saß er in den Kinos, na, und so weiter. Es half keine Strafe und keine Ermahnung mehr. Es wurde immer nur schlimmer.
Und eines Tages kam der ganz große Knall. Da erschien nämlich der Chef, bei dem der Junge in der Lehre war. Und jetzt kam eine ganz böse, dumme Geschichte ans Tageslicht.
In den Tagen war es, als der Mann mit tränenden Augen vor mir saß. Natürlich: Vorwärtskommen, dreimal ja. Aber Gottes Wort hören? Bloß das nicht. Der Preis war ihm zu hoch gewesen.
Es bleibt dabei, dass alles nichts hilft, wenn wir das Feinste versäumen: unsere Jugend zu Jesus zu bringen. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?
Eine Entscheidung am Rand des Verderbens
Die Entscheidung
Er war ein prächtiger Bursche, der junge Gärtnergeselle. Bei seiner Schlossherrschaft war er wohl angesehen, und auch das Dienstpersonal im Schloss mochte ihn gut leiden. Kein Wunder, dass die Dorfjugend ihm anhing und ihn schnell mit hineinzog in ihr lautes und wildes Treiben.
Ganz wohl war ihm nicht dabei. Er kam aus einem frommen und christlichen Elternhaus, seine Mutter hatte ihm mit vielen Ermahnungen eine Bibel in den Koffer gepackt. Aber wenn der schwarze Karl aus dem Dorf ihn zum Tanzboden abholte, dann war das alles vergessen. Ja, es war deutlich zu sehen, dass der schwarze Karl immer größeren Einfluss auf ihn gewann.
Aber da war noch einer im Dorf, der sich um den jungen Gärtner kümmerte: ein frommer, gläubiger Maurermeister. Der hatte auch Wohlgefallen an dem jungen Menschen. Mit großer Betrübnis sah er, wie er immer mehr in ein gottloses und zuchtloses Leben hineingeriet. So lud er ihn oft in sein Haus ein, und der junge Gärtner kam gern dorthin. Ja, in der Tat fühlte er sich hier viel wohler als unter seinen leichtsinnigen Gesellen. Die fröhliche und gütige Art und das geheiligte Wesen des Alten zogen ihn stark an.
Aber wenn der schwarze Karl ihn zu einer Bierreise abholte, versank das alles wieder, und der junge Gärtner wurde wilder als zuvor. So wurde er hin und her gerissen. Gott und der Teufel stritten um seine Seele. Dabei wurde er immer unsteter. Seine Arbeit ließ nach. Er, der früher ein hervorragender Arbeiter war, musste manchen Tadel einstecken.
Und dann kam die Kirmes. Ein großer Tag im Dorf! Tagelang vorher begann die Vorbereitung dafür. Große Brauereiwagen schafften Bierfässer heran, Karussells und Verkaufsbuden wurden aufgeschlagen, die Mädchen sprachen von neuen Kleidern, und die jungen Burschen überschlugen ihren Kassenbestand.
„Du“, sagte der schwarze Karl zu unserem jungen Gärtner, „das muss ein ganz großer Zug werden. Da wollen wir alles Geld, das wir haben, auf den Kopf hauen. Ich habe eine ganze Gesellschaft zusammen, wir wollen einmal das Dorf aufdrehen, dass es eine Art hat. Du machst doch mit.“
Natürlich antwortete der Gärtner: „Da wollen wir einmal Spaß haben.“
Und der große Sonntag kam. Überall Gesang, Lärmen und Juchzen. Die Musik spielte hinreißend, die Köpfe der Burschen wurden rot vom Alkohol und vom Tanz, und mitten in dem Trubel unser junger Gärtner. Er ist einer der Wildesten, aber es ergeht ihm seltsam: Je leichtsinniger und ausgelassener er sich benimmt, desto öder wird es ihm im Herzen. Nein, er ist gar nicht fröhlich. Im Gegenteil, es ist, als liege eine Last auf seiner Seele. Er will sie abschütteln, er tut noch ausgelassener. Aber sein Herz wird nur schwerer dabei.
Und plötzlich, er sitzt vor dem Bierglas und starrt in den Schwarm der Tanzenden, sieht er dies ganze Gewühl mit anderen Augen. Es erscheint ihm wie ein großer Strom, der mit lautem Brausen dem ewigen Verderben entgegen eilt. Und er, er ist mittendrin. Er, den sein Herr und Heiland so oft gerufen hat. Er, der von der Erlösung durch Jesus weiß. Er, der den Weg zum Seligwerden kennt. Er ist mitten im Strom des Verderbens.
Er hält es nicht mehr aus. Er springt auf, stößt krachend seinen Stuhl zurück und eilt hinaus. Er hört es nicht mehr, wie sie ihm lachend nachrufen. Er achtet nicht darauf, dass ein Paar ihm nacheilt. Er läuft zum Dorf hinaus, durch Felder und Wälder, er sieht nicht, wo er ist. In ihm tobt ein Sturm.
„Kann ich und darf ich noch heraus aus dem Strom des Verderbens?“, fragt sein Herz.
Spät am Abend kehrt er in seine Kammer zurück. Dort schließt er sich ein. Dann wirft er sich auf die Knie und liefert sich seinem Heiland Jesus Christus völlig aus.
Von da an war die Richtung seines Lebens entschieden. Es machte ihn auch nicht wankend, dass der schwarze Karl sein erbitterter Feind wurde. Der junge Gärtner wurde später Lehrer, dann Leiter eines großen Waisenhauses und einer Vorbereitungsschule für Lehrer. Daher wurde er vielen ein Wegweiser zum ewigen Leben. In der Ewigkeit wirst du auch einmal seinen Namen erfahren.
Ein Schuss ins Schwarze
In diesen Tagen blätterte ich wieder einmal in alten Familienpapieren. Das ist gut und nützlich, daraus lernt man seine Vorfahren kennen. Man profitiert aber auch allerlei anderes dabei. Eine hübsche kleine Geschichte von meinem Grossvater möchte ich euch jetzt erzählen.
Mein Grossvater Wilhelm kam als ein strammer Bursche zum Militär. Er freute sich auf die Zeit bei den Preussen. Freilich nahm er sich gleich vor, vom ersten Tage an offen zu bekennen, dass er ein Jünger Jesu sei. Das gab natürlich mancherlei Spott. Die Kameraden konnten es einfach nicht verstehen, dass ein frischer, fixer Bursche, wie es mein Grossvater war, in der Bibel lese und bete. Noch mehr ärgerte es sie freilich, dass Wilhelm in manchen Dingen nicht mittun wollte.
So hiess er denn Mucker, Pietist, Wassertrinker und was der lobenswerten Titel mehr waren. Er aber liess sich täglich Kraft, Mut und Freudigkeit schenken, in seiner Bibel zu lesen. Alle Schmähungen und allen Spott ertrug er mit freundlicher Ruhe.
Nach einem halben Jahr kam das Probeschiessen. Jeder von der Kompanie hatte drei Schüsse auf die Scheibe abzufeuern. Endlich kam auch Wilhelm an die Reihe. Vorher sprach er still für sich, ohne die Lippen zu bewegen, zu seinem Herrn etwa folgendes Gebet: Wenn du mich heute zu Ehren bringen wolltest, nachdem ich um deinetwillen schon viel Verachtung erfahren musste, hätte ich, Herr, nichts dagegen. Doch dein Wille geschehe.
Er zielt ruhig. Jetzt knackt der Hahn, Krach, die Kugel sitzt mitten im Zentrum.
„Alle Wetter“, sagt der aufsichtsführende Leutnant, „solch ein guter Schuss ist schon lange nicht mehr gefallen.“
Wilhelm bereitet den zweiten Schuss vor, aber nicht bloss das Gewehr, sondern auch sich selbst, indem er ganz still bei sich spricht: Herr, stärke mich. Ruhig drückt er jetzt ab, und wieder sitzt die Kugel im Schwarzen.
„Sappament noch mal, was ist mit dir los, kannst du hexen?“
Wilhelm schiebt die dritte Kugel ins Gewehr, wieder durchbohrt sie die Zwölf.
„Das ist ja gar nicht möglich“, ruft der Leutnant. „Mensch, gib mal dein Gewehr her, was hast du denn bloss für eine Knarre?“
Jetzt zielt der Leutnant mit Bedacht, aber ins Zentrum trifft er nicht.
Seit der Zeit war Wilhelm nicht mehr eine verachtete, sondern eine geachtete Persönlichkeit.
Warum treffen wir so wenig, warum glückt's uns so selten, warum sind wir so oft Pechvögel, warum hat sich manchmal alles rein wie gegen uns verschworen? In Psalm 1 steht das eigenartige Wort von dem Mann, der Lust hat zum Gesetz des Herrn. Und er ist wie ein Baum an Wasserbächen; was er macht, das gerät wohl. Denke doch ein wenig darüber nach, es wird dir sicherlich zum Segen sein.
Ein verlorenes Ebenbild und ein neuer Anfang
Ein verlorenes Ebenbild
Heftig löffelt er seine Suppe, die ich ihm habe hinstellen lassen. Es ist ein noch junger Mann, eine stattliche Erscheinung, aber sein Anzug ist zerlumpt und verdreckt, seine Schuhe sind zerrissen. Nun, das kommt von der Arbeitslosigkeit und der Wanderschaft. Dafür kann er nichts. Aber sein Gesicht! Verwüstete, unstete Züge verraten ein zügelloses Leben. Tief hat die Sünde ihre Spuren in dieses Gesicht eingeschrieben.
Nun ist er fertig, legt den Löffel hin, steht langsam auf und streckt mir die Hand hin. Ich danke auch und will gehen. Da muss ich seine Hand festhalten, und es fährt mir heraus: Oh Mann, Sie sollten ein Ebenbild Gottes sein, was hat die Sünde aus Ihnen gemacht!
Er sieht mich groß an und geht. Auch ich gehe und vergesse dieses kleine Erlebnis.
Zwei Jahre später.
Ich bin zu Besuch in einem kleinen süddeutschen Städtchen. Da spricht mich eines Tages eine liebe alte Frau an: Ich muss Ihnen doch einmal sagen, dass ich jeden Tag für Sie und Ihre Arbeit bete.
Erstaunt sehe ich sie an. Das ist aber schön, sage ich, das kann man brauchen. Aber erklären Sie mir das doch.
Ja, meint die Frau, das hat seine besondere Geschichte. Sehen Sie, ich habe einen kleinen Laden, und da kommen die Reisenden häufig mit ihren Autos an und bieten mir ihre Waren an. Da kam nun seit einiger Zeit ein so netter, stattlicher Reisender, der mir wegen seines stillen, ernsten Wesens ganz besonders gefiel. Darum lud ich ihn eines Tages zu einer Tasse Kaffee ein.
Als wir so zusammensaßen, sagte er: Das sehen Sie mir wohl nicht an, dass ich vor zwei Jahren ein ganz verkommener Sonnenbruder war.
Nein, sagte ich erstaunt, wie war denn das?
Und dann erzählte er mir, wie er sich als junger Bursche mit seinen Eltern verkrachte, wie er in die Welt lief, wie er allen Schmutz der Großstadt kennenlernte, wie er von Stufe zu Stufe sank. Schließlich landete er auf der Landstraße.
Und so erzählte er: Eines Tages kam ich auf meinen Fahrten in ein Haus, wo mir ein Mann zu essen gab. Als ich gehen wollte, sagte er mir: Sie sollten ein Ebenbild Gottes sein. Was hat die Sünde aus Ihnen gemacht?
Dies Wort, so erzählte er, traf mich wie ein Blitzstrahl. Ich spürte förmlich den Zorn Gottes über mein verlorenes Leben. Wie ich aus dem Haus kam, weiß ich nicht mehr. Ich lief durch die Straßen der großen Stadt, ich wanderte weiter, aber Tag und Nacht ließ mir dieses Wort keine Ruhe, bis ich endlich einen fand, der mir weiterhalf. Er zeigte mir den Einen, bei dem wir verlorene Menschen unseren verlorenen Adel wiederfinden: Jesus, unseren Heiland.
So erzählte er, und dann berichtete er noch kurz, wie er zu seinen Eltern zurückkam, wie er auch äußerlich wieder ein geachteter Mensch wurde.
Die Geschichte der alten Frau hatte mich tief bewegt. Dankbar drückte ich ihr die Hand. Und unsere Gedanken gingen zu all den jungen Menschen, die verirrt auf den Straßen der Welt laufen.
Unterm Gestein
Unter dem Gestein
Mein Freund Joseph X nimmt es mir nicht übel, wenn ich hier eine Geschichte von ihm wiedergebe. Erzählt er sie doch selbst gern, und er ist wie ich der Überzeugung, dass mancher dadurch Wichtiges lernen kann.
Ich war damals Pfarrer in einem Bergarbeiterbezirk. Eines Morgens verlangt ein Mann, mich zu sprechen. An den feinen blauen Narben an Gesicht und Händen erkenne ich sofort den Bergmann. Das sind die Spuren, die die unterirdische Arbeit an der Kohle hinterlässt.
Herr Pfarrer, sagt er zu mir, darf ich Ihnen mal eine Geschichte erzählen? Gewiss, bitte.
Sehen Sie, ich bin Bergmann, dann noch Familienhaupt und Vater von drei Kindern. Sonst ist von mir nicht mehr viel zu sagen, als dass ich ein ganz gottloser Mensch bin. Um Gott und die Religion habe ich mich seit meiner Konfirmation nie mehr gekümmert, außer wenn ich fluche. Sie wissen ja, wie die Bergleute fluchen können. Sie fluchen, wenn sie einfahren, sie fluchen, wenn sie ausfahren. Dann ist noch zu sagen, dass ich auch gern einmal trinke und in den Kneipen sitze. So, und nun kommt die Geschichte.
Also, ich bin eines Tages vor Ort. Es war an der Stelle furchtbar eng und niedrig. Während ich arbeite, höre ich plötzlich ein merkwürdiges Knirschen und Knacken. Erschrocken schaue ich auf, aber ehe ich noch recht überlegen kann, bricht das Gestein über mir zusammen. Erschrocken rufe ich noch laut: Ach Gott! Dann ist es dunkel, und ich weiß nichts mehr.
Als ich wieder zu mir komme, liege ich schwer verbunden in einem Krankenhausbett. Langsam besinne ich mich und bin sehr verwundert, dass ich hier liege, denn so eine Sache geht in den meisten Fällen mit einem Todesfall aus.
Ein paar Tage später kommen dann meine Kumpels zu mir ins Krankenhaus und erzählen, wie alles gegangen sei. Einer in der Nähe hätte noch meinen Schrei gehört. Schnell Hilfe geholt, dann hätten sie mich herausgegraben, schwer zerschunden, aber doch lebendig.
Wie meine Kumpels mich wieder einmal besuchen, meint einer lachend: Du bist mir ein schöner Idiot. Weißt du, was du im Tütt unten gerufen hast, als das Gestein herunterkam? Ach Gott, das habe ich deutlich gehört, ha ha ha! Gott hat dich aber nicht retten können, aber wir! Wir, deine Kumpels, wir haben dich herausgebuddelt und gerettet.
Alles lacht, ich auch, und ich wurde in meiner Gottlosigkeit bestärkt. Ich wurde auch wieder gesund und fing wieder an zu arbeiten. Aber wenn ich nun von der Morgenschicht komme, gegessen habe und ein wenig im Bett liege, dann, ja sehen Sie, dann fängt in meinem Hirn ein merkwürdiger Gedanke an zu bohren.
Bis hierher hat er erzählt. Jetzt aber stockt die Rede, er gerät in tiefes Nachsinnen.
Was ist denn das für ein Gedanke?, unterbreche ich die Stille.
Er fährt fort: Ja, das ist so. Meine Kameraden haben ja ganz recht, sie haben mich rausgebuddelt. Aber das ist ja gar nicht alles. Wenn einer unter das Gestein kommt, wie ich, dann ist er in den meisten Fällen tot. Und ich, ich bin nicht tot. Wie durch ein Wunder bin ich am Leben geblieben. Und dann quält mich die Frage: Wer hat mich so lange unter dem Gestein am Leben erhalten?
Fragend schaut er mich an. Da muss ich lachen. Ich schlage ihm auf die Schulter.
Oh Mann, sage ich, das wissen Sie ja ganz genau, sprechen Sie es nur ruhig aus. Das war Gott, seine gnädige Hand hat Sie gerettet. In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über der Flügel gebreitet.
Ja, meint er, das habe ich mir auch gedacht, aber das ist nun nicht alles, sage ich. Meinen Sie denn, Gott habe Sie erhalten, damit Sie Ihr altes Leben weiterführen? Oh nein, diese Errettung ist ein Ruf Gottes an Sie, den sollten Sie auf keinen Fall überhören.
Da springt er auf. Das ist es ja, worüber ich immer nachdenken muss, aber ich weiß nicht, wie das weitergeht.
Nun darf ich ihm zeigen, wie das weitergeht. Wir nehmen die Bibel vor, und ich zeige ihm Jesus. Und als ein anderer Mensch ging er von da an durch die Welt. Er wollte nicht, aber er musste.
Ein gestörter Feierabend und ein langer Weg zur Bibel
Die Geschichte von einem gestörten Feierabend
Hans, nun sag mir mal, wie bist du eigentlich zu uns gekommen?
Fragend schaute ich den Mann an, der da groß und breitschultrig vor mir stand. Er lachte. Umständlich klopfte er seine Pfeife aus, stopfte sie neu und steckte den Tabak in Brand.
Wie es kam, dass ich in eure Bibelstunde kam und in euren Männerkreis, ja, mein lieber Pastor, das ist eine merkwürdige Geschichte. Wenn’s angenehm ist, gehe ich ein paar Schritte mit und erzähle.
Ich war gespannt. Seit ein paar Jahren sammelte ich in dem Arbeiterbezirk Männer um Gottes Wort. Es war bestimmt nicht einfach. Einer hatte einst bei meiner Ankunft erklärt: Mensch, pack gleich deinen Koffer wieder und hau ab, hier ist nichts zu machen.
Trotzdem hatte ich im Glauben angefangen, und es kamen immer mehr. So war auch eines Tages dieser Hans erschienen und kam seitdem treu. Ja, er war bald einer der Eifrigsten in der kleinen Kampfgemeinschaft, in der wir alle Du zueinander sagten.
Also fing er an: Was ich früher für einer war, das ist euch ja wohl bekannt.
Ich nickte. Ja, er war ein gottloser Kerl gewesen. Bei jeder richtigen Sauferei war Hans dabei. Des Teufels Gesangbuch, das Kartenspiel, war seine Leidenschaft, und fluchen konnte er, dass einem Angst und Bange wurde.
Eines Abends lag ich im Fenster, fuhr er jetzt mit seiner Erzählung fort. Es war ein schöner, warmer Sommerabend. Ich sah den Kindern zu, wie sie auf der Straße spielten. Ich sah den Frauen nach, die dies und jenes einholten. Ich sah ein paar Kumpels nach der Kneipe gehen und überlegte gerade, ob ich mitgehen sollte, da sah ich drei, vier Männer vorbeigehen.
Nun, ich wohne im Erdgeschoss und konnte sie deshalb anrufen: Wo wollt ihr denn hin?
In die Bibelstunde, sagte einer.
Mir blieb die Spucke weg. Was rufe ich? Bibelstunde? Bibelstunde? Da gehen doch bloß alte Weiber und Kinder hin.
Bei uns nicht, sagt einer. Und guckt mich an. Bei uns gehen auch Männer hin.
Und dann gehen sie weiter. Ich lache hinter ihnen her. Ihr Bibelidioten!
Aber nun pass auf: Kaum sind sie weg, da packt mich eine merkwürdige Unruhe. Die lässt mich die ganze Woche nicht los. Als der bewusste Tag kommt, stehe ich hinter dem Fenster und gucke richtig, da laufen sie wieder. Und in dem Augenblick wusste ich ganz klar: Du musst auch mit.
Ich habe mich selber ausgelacht. Ich habe mich betrunken. Ich habe geflucht und gespottet. Es half nichts. Jedes Mal, wenn der bewusste Tag kam, stand ich hinterm Fenster und schaute ihnen nach. Und jedes Mal zog es mich, wie mit tausend Stricken, ihnen nachzugehen.
So ging das sieben Wochen. In der achten Woche nahm ich die Mütze vom Nagel und ging den Kumpels nach bis in den Saal. Ja, und da setzte ich mich in die Ecke. Und dann kamst du. Da wurde gesungen und gebetet und aus der Bibel etwas vorgelesen, und dann, na, das weißt du ja.
Der Name, der nicht losliess
Erstaunt legte ich dem Hans die Hand auf den Arm. „Was war dann? Ich weiß von nichts.“
Hans guckt mich ein bisschen ärgerlich an. „Ja, dann fingst du doch an, von mir zu reden. Die anderen werden dir wohl vor der Türe gesagt haben, was ich für einer sei und dass ich da sei.“
Jetzt muss ich lachen. „Nee, Hans, ich habe nie von dir gesprochen. Aber wenn’s gleich bei dir eingeschlagen hat, dann ist das nur wieder ein Beweis dafür, dass Gott Recht hat, wenn er sagt: Ist mein Wort nicht wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“
Eine Zeit lang gehen wir schweigend nebeneinander. Endlich sagt mein Hans: „Merkwürdig ist das doch. Wie will man das erklären?“
„Oh, ich kann es wohl erklären“, entgegnete ich. „Die Erklärung steht im Neuen Testament in Lukas 15. Da sagt der Herr Jesus: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat, und so er der eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem Verlorenen, bis dass er es finde? Und wenn er es gefunden hat, so legt er es auf seine Achseln mit Freuden. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Also wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut.“
Hans, dir ist Jesus nachgegangen.
Ein selbstgemachter Glaube und seine Grenzen
Die Kraft der Bibel, hahaha, lachte der Mann und wischte sich den Schnurrbart. Lieber Herr Pfarrer, lassen Sie mich mit Ihrem Christentum in Ruhe. Der eine sagt so, der andere so, und am Ende weiß man gar nicht mehr, was man glauben soll. Und so habe ich mir meinen eigenen Glauben zurechtgemacht. Mein Glaubensbekenntnis heißt: Zwei Pfund Rindfleisch geben eine gute Suppe.
Ich verabschiedete mich. Es gibt einem einen Stich durchs Herz, wenn man als Pfarrer auf so oberflächliche und doch entschlossene Abwehr trifft. Hier schien jedes weitere Gespräch überflüssig. Darum ging ich.
Wer beschreibt mein grenzenloses Erstaunen, als ich ein Vierteljahr später diesen Mann an einem Platz wiedertraf, an dem ich ihn am wenigsten vermutet hätte. In einem kleinen Saal hatte ich jede Woche eine Bibelstunde, und da saß er eines Abends in der vordersten Reihe und nickte mir freundlich zu.
Nach der Bibelstunde kam er auf mich zu und sagte: Herr Pastor, ich habe eine Bitte. Wenn ich kann, will ich sie Ihnen gerne erfüllen. Worin besteht sie? Ich habe eine Schwägerin, die ist in irgendeiner Sekte, und nun hat sie ganz kindliche Auffassungen von der Bibel. Dauernd verfolgt sie mich mit ihren Bibelsprüchen. Leider kann ich ihr aber gar nichts entgegnen, weil ich die Bibel nicht kenne. Das ist ja schließlich auch ein schweres Buch. Weil ich aber meine Schwägerin jetzt einmal richtig widerlegen möchte, möchte ich Sie bitten: Lehren Sie mich, die Bibel zu lesen.
Ich lachte. Kennen Sie das ABC? Aber gewiss. Da zog ich mein Taschentestament heraus, gab es ihm und sagte: Das will ich Ihnen schenken, wenn Sie mir versprechen, dass Sie es ganz durchlesen wollen. Er versprach es, nahm das Testament und ging davon.
Ein Vierteljahr lang hörte ich nichts mehr von ihm. Eines Tages erschien er wieder bei mir. Nun fragte ich ihn: Wie ist es Ihnen ergangen mit der Bibel? Er wurde sehr ernst. Langsam und nachdenklich erklärte er mir: Ganz eigentümlich ist es mir ergangen. Ich fing an zu lesen. Und da war vieles, das verstand ich nicht. Weil ich aber versprochen hatte, das ganze Buch durchzulesen, machte ich weiter. Dann fand ich vieles, was mich schrecklich ärgerte. Es war, als wenn da einer auf mich sticheln wollte. Am liebsten hätte ich das Buch an die Wand geworfen, aber weil ich es versprochen hatte, las ich weiter. Und dann fand ich vieles, was mich langweilte, aber ich las weiter. Und sehr vieles, ja, das muss ich offen sagen, fand ich, das mich getröstet hat, wie mich noch nie etwas getröstet hat.
Und als ich das Buch aus hatte, da musste ich zu mir sagen: Wenn das wahr ist, was in diesem Buch steht, und es ist wahr, dann bist du ein verlorener Mann, wenn du weiterlebst ohne Gott wie bisher. Und dann gab es in meinem Herzen einen heißen Kampf, bis ich diesem Buch Recht gab. Nun soll es die Grundlage meines Lebens werden.
Es sind seitdem viele Jahre vergangen. Der Mann hat sich bewährt als ein treuer Jünger des Herrn Jesus, den er in der Bibel gefunden hat.
Ein Traum vom Gericht
Nur ein Traum
Es war einmal ein Mann, der hatte einen Traum. Ihm träumte, er sei gestorben und stehe vor dem Thron Gottes. Dort wurde offenbar Gericht gehalten, denn er sah vor sich eine grosse Anzahl von Menschen. Einer nach dem anderen trat vor, Bücher wurden aufgetan.
Der Mann griff nach seiner Brusttasche und war sofort beruhigt, als er dort seine Papiere fühlte. Endlich kam auch er an die Reihe. Da stand er vor diesen Augen, die ihn so ernst und durchdringend anschauten. Er fühlte eine leichte Unruhe.
So hatte er sich Gott nicht gedacht: so ernst, so unbestechlich, so klar, so wirklich. Und merkwürdig: Gerade in diesem Augenblick fielen ihm eine ganze Menge Versäumnisse seines Lebens ein, an die er vorher nie gedacht hatte. Es fiel ihm zum Beispiel ein, dass er sich um Gott im Ernst gar nicht gekümmert hatte. Es fiel ihm ein, dass er eigentlich nie seinen Kindern von dieser ernsten Gerichtsstunde gesagt hatte. Es fiel ihm ein, dass er vorzusammen.
Fordernd schauten ihn die Augen Gottes an. Da schüttelte er sein Unbehagen ab, langte in die Brusttasche, zog einen Schein heraus und hielt ihn triumphierend hin. Es war sein Taufschein. Musste der hier nicht genügen? Gewiss, damit würde man ihn freigeben, das war ihm sicher.
Ein Engel nahm ihm den Schein ab, sah hinein und legte ihn schweigend beiseite. Lodernd schauten die Augen den Mann weiter an. Er erschrak. Ganz plötzlich fiel ihm ein, hier galt der Taufschein wohl nicht als Entlastung, sondern als Belastung, als Anklage gegen ihn. Hatte ihn seine Taufe nicht verpflichtet, ernstlich Gott anzugehören?
Erschrocken fuhr er in die Tasche und zog einen anderen Schein heraus. Es war sein Konfirmationsschein. Hier hatte er es doch schwarz auf weiss, dass er ein guter Christ gewesen war, das musste Geltung haben. Nun würde man ihn bestimmt loslassen.
Da war ihm, als sähen die Feueraugen fast spöttisch auf ihn. Der Engel aber nahm den Schein ganz ruhig an und legte ihn beiseite. Mit tiefem Schrecken erkannte mit einem Mal der Mann: Hatte ich mich nicht dem Herrn Jesus angelobt in der Konfirmation? Hatte ich nicht? Oh, er wusste noch sehr gut, wie ihm das Herz damals am kleinen Dorfaltar bis in den Hals hinein geschlagen hatte. Mutter hatte geweint, Vater hatte ihn still in die Arme genommen. Und was hatte er in der Stunde nicht alles für Gedanken und Vorsätze im Herzen gehabt.
Und? Ich habe anderen Göttern gedient, ich habe...
So ging es ihm jetzt durchs Herz. Aber er riss sich zusammen. Liebe Zeit, man hat doch noch mehr! Wieder griff er in die Brusttasche, zog gleich einen ganzen Packen Zettel heraus.
Hier und hier und hier, bitte, bitte!
Ganz keck klang das beinahe. Es waren lauter Quittungen über allerlei Stiftungen, Wohltaten, Kirchensteuerbescheinigungen und ähnliche Dinge. Hier, hier und hier...
Sprach dann die Stimme Gottes gewaltig. Er zeigte auf das Buch, das der Engel hielt. Der las:
Erstes Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Dieser Mann aber hat dich, o Herr, nicht geehrt. Er war sein eigener Gott, sein Geld war sein Gott, die Natur war sein Gott. Er ist schuldig.
Zweites Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnützlich führen. Dieser Mann aber hat deinen Namen nicht im Gebet, im Loben und Danken gerufen. Er hat ihn beim Fluchen leichtsinnig missbraucht. Er hat gedankenlos deinen Namen dauernd im Munde gehabt, aber sein Herz war tot. Er ist schuldig.
Drittes Gebot: Du sollst den Feiertag heiligen. Dieser Mann hatte tausendfach Gelegenheit, am Sonntag dein Wort, o Herr, zu hören. Er ist vierzig Jahre alt geworden, alle Sonntage, die er dort unten erlebt hat, machen allein sechs Jahre aus. Am Sonntag früh las er die Zeitung, dann ging er spazieren, dann ass er gut, hatte Besuch, ging auf Besuch. Dein Wort aber hat er verachtet. Er ist schuldig.
Da schrie der Mann entsetzt auf.
Und er wachte, schweissgebadet. Lange lag er regungslos. Noch hielt der Schrecken ihn gefangen. Da fiel sein Blick auf die Wand. Richtig, da hing ja ein wenig vergilbt sein Konfirmationsspruch. Eine gewisse Anhänglichkeit hatte ihn bewogen, den Spruch an sein Bett zu hängen.
Was darauf stand, wusste er nicht mehr. Für manches hatte er ja ein fabelhaftes Gummigedächtnis. Zum Beispiel Witze: gewisse lose Worte saugten sich bei ihm fest, sowas konnte er noch nach Jahren oft bis aufs Kleinste wieder erzählen. Aber der Spruch, eigentlich hatte er ihn auch noch nie recht verstanden.
Er richtete sich auf und las: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, sonst kann er das Reich Gottes nicht sehen. Und darunter stand die zittrige Unterschrift seines alten Pfarrers, der längst tot war.
Als er ins Büro kam, sah er etwas angegriffen aus. Seine Kollegen machten ein paar anzügliche Bemerkungen, er aber war ganz still. Er hatte die schwerste, aber auch die glücklichste Nacht seines Lebens gehabt.
Zu spät und doch noch gerufen
Nur ein Traum? Zu spät.
Gerade will ich zu Bett gehen, da läutet das Telefon. Hier das B-Krankenhaus. Herr Pfarrer, können Sie mal rüberkommen? Hier ist ein Mann, der einen Pfarrer wünscht. Aber es muss schnell sein.
Ein wenig später sitze ich am Bett eines Sterbenden. Es ist ein Mann in den besten Jahren. Er ist abends in der Dunkelheit auf der Landstraße von einem Auto erfasst worden. Es war auf dem Asphalt nass und glitschig gewesen, der Chauffeur hatte den Wagen wohl nicht mehr in der Gewalt gehabt. Der Wagen war gerutscht und in voller Fahrt gegen diesen Mann geprallt. Dem wurden beide Beine zerquetscht, und das Schlimmste: Der Chauffeur fuhr in rasender Fahrt weiter. Der Schwerverletzte aber blieb liegen, bis man ihn nach Stunden fand.
Und jetzt, jetzt ist es zu spät. Vor zehn Stunden lief er noch frisch und gesund herum. Jetzt aber ist er ein Häuflein Elend mit rasenden Schmerzen. Heute Mittag hätte er noch gelacht, wenn ihm einer vom Sterben geredet hätte. Und jetzt? O Gott, wenn man doch Frieden hätte, meine Sünden, meine Sünden, wie kriege ich Vergebung?
Ich will mit ihm reden. Ich sage ihm Gottes Worte, ich nenne ihm den Jesusnamen, aber er vernimmt es nicht. Die Schmerzen überkommen ihn wie Fluten. Dann sinkt er in Bewusstlosigkeit. So stirbt er. Erschüttert stehe ich noch an seiner Leiche.
Am liebsten möchte ich die Fenster aufreißen und über die rauschende Großstadt hinschreien: Suchet den Herrn, solange er zu finden ist, bekehrt euch zeitig, es gibt ein Zu-spät. Auf dem Sterbebett seid ihr zu schwach. Heute, so ihr seine Stimme höret, verstocket eure Herzen nicht.
Ein gelähmter Mann und neue Hoffnung
Die Pflastersteine lachen mich an. Schrecklich, wie dieser Mann lästerte, spottete und fluchte. Seine Kameraden warfen die Spielkarten hin und fluchten mit. Mitten auf dem Tisch stand die Schnapsflasche. Welche Finsternis war in diesem Herzen!
Mit kalten Augen stierte mich der Mann an. „Nee, danke“, sagte er, „für Gott habe ich keinen Bedarf. Der hätte da sein sollen, als ich verunglückte! Jetzt kann ich mein Leben lang in diesem Fahrstuhl sitzen!“ Ingrimmig hieb er auf die Seitenstützen seines armseligen Fahrstuhls.
Ich kannte bereits die Geschichte seines Unglücks. Er war Bergmann gewesen, und als er eines Tages vor Ort arbeitete, brach das Hangende herab. Man holte ihn zwar lebendig aus den Steintrümmern heraus, aber sein Rückgrat war gebrochen. Nun war er ein gelähmter Mann, ein gelähmter Mann mitten in der Blüte seiner Jahre, ohne jede Hoffnung auf Besserung. O diese Verzweiflung, o diese Verbitterung, o diese Nacht im Herzen!
Wohlbesuchte ihn seine Kumpel, spielten Karten mit ihm und brachten Schnaps mit. Das war gut gemeint. Aber davon werden ein verfinstertes Herz und ein verzweifeltes Leben nicht hell.
Am Abend nach meinem ersten Besuch saß ich in meinem Männerkreis. Wir forschten zusammen in der Bibel, wir sprachen von den täglichen Nöten und Kämpfen. Es waren ja lauter Bergleute hier zusammen, die es nicht leicht hatten im Kampf ums Dasein und auch nicht leicht in ihrer Umgebung, Jesus zu dienen. Denen erzählte ich von jenem unglücklichen Mann. „Oho“, sagten sie, „dem Mann muss geholfen werden.“
Und in der Woche darauf, als ich wieder unseren Männerabend beginnen wollte, ging polternd die Tür auf, und der Fahrstuhl wurde hereingeschoben. Der Mann darin knurrte und brummte wohl ein wenig, er maulte: „Die haben mich einfach mitgenommen, und ich kann mich doch nicht wehren.“ Aber man merkte schon, im Grunde war er dankbar, dass sie ihn aus seinem Bau herausgeholt hatten. Ja, er spürte wohl ein wenig die Liebe trotz der rauen Behandlung.
Wir sangen wieder unsere schönen Jesuslieder: „Es ist ein Quell draus heilges Blut für arme Sünder quillt“, „Ich bete an die Macht der Liebe“. Wir betrachteten miteinander Gottes Wort, wir sprachen von unseren Nöten und brachten alles im Gebet vor Gott. Diese Stunde muss dem Manne wohlgetan haben, denn als meine Freunde ihn in der nächsten Woche abholen wollten, da hatte er sie schon erwartet. Von da an gehörte der Fahrstuhl und seine Insassen zu allen unseren Stunden.
Gottes Wort tat seine herrliche Wirkung an diesem verfinsterten Herzen. Der Mann erkannte, dass sein größtes Unheil sein verlorener Sündenzustand war. Er fing an, den Frieden mit Gott zu suchen, fand Jesus am Kreuz und erfuhr die Wohltat der Sündenvergebung durch Jesu Blut. Nun wurde alles neu.
Sein unordentliches Hauswesen kam in Ordnung. Zwar blieben alte Freunde ärgerlich weg, aber dafür kamen andere. Wo früher nur Schimpfen und Fluchen zu hören war, da klangen nun Jesuslieder. Die Schnapsflasche verschwand, dafür lag die Bibel auf dem Tisch. Frau und Kinder lebten auf. Kurz: Jesus machte alles neu.
Eines Tages besuchte ich ihn. Sein Fahrstuhl stand vor dem Haus am Straßenrand, wo die Sonne so ein wenig zwischen den grauen Häusern hindurchkam. Ich setzte mich neben ihm auf die Haustreppe.
„Herr Pastor“, sagte er, „wenn ich einmal in der Ewigkeit vor dem Thron Gottes stehe, dann will ich ihm danken, dass er mir das Rückgrat zerbrochen hat.“
Ich erschrak. „Das ist aber ein großes Wort.“
„Ja, sehen Sie, wenn mich Gott so hätte laufen lassen, dann wäre ich schnurstracks zur Hölle gelaufen. Ich wollte auf ihn nicht hören. Da musste er in seiner rettenden Liebe fest zupacken, um mich zur Bekehrung zu bringen. Und darum will ich ihm einmal danken dafür.“
Ich war tief bewegt. Er aber fuhr fort: „Sie wissen ja gar nicht, wie fröhlich mein Herz ist. Seitdem ich weiß, dass ich Jesus gehöre, sieht mich die ganze Welt anders an. Alles ist so fröhlich. Ja, Herr Pastor“, er zeigte auf die graue Straße, „sogar die Pflastersteine lachen mich an.“
Ein Besuch bei den Spöttern
Den Pfaffen und den Spatzen. Erlebnis unter modernen Heiden.
Endlos reihte sich Haus an Haus, immer fünf Stockwerke hoch. In dem einen Stockwerk spielte das Grammophon kreischend einen Schlager, im nächsten liegt ein sterbender Mann, im dritten spielt in großer Enge ein Rudel blasser Kinder. Jedes Stockwerk hat seine Menschen, seine Schicksale, seine Freude und viel bitteres Leid.
Einen Nachmittag lang bin ich da hindurchgegangen, habe die Menschen besucht. Nun stehe ich ganz oben im vierten Stock vor einer engen Tür. Junge, Junge, was ist denn da los?, frage ich mich selbst. Hinter der Tür ist ein Krach, als wenn die Welt unterginge. Ein Paar singt, aber das Singen wird übertönt von Geschrei. Jeder scheint da ein Redner zu sein, dazu Lachen und das Geschrei der Weiberstimmen.
Ich gebe mir selber einen Rippenstoß: nur Mut, alter Junge. Mein Anklopfen hört keiner. Da trete ich so ein und sehe, was los ist: ein großes Schnapsgelage mit allen seinen Folgen. Allerdings, so richtig betrunken scheint mir noch keiner. Sie sind nur alle sehr fröhlich. Nein, Schnaps macht nicht fröhlich, aber angeheitert.
Als ich eintrete, verstummt der Lärm einen Augenblick. Fragende Gesichter richten sich auf mich. Dann hat mich einer erkannt.
Der Pastor!, ruft er halb lachend, halb erschrocken. Der Pastor!, ruft ebenso die Runde, und einer fährt heraus: Passt auf, der will uns auf den Himmel vertrösten. Alles lacht. Und kreischend schreit ein Weib: Herr Pfarrer, den Himmel überlassen wir Ihnen und den Spatzen!
Wildes Gelächter. Mich packt der Grimm. Es ist nicht wahr!, schreie ich nun in den Lärm. Ich denke nicht daran, euch auf den Himmel zu vertrösten.
Na nu, sagt einer erstaunt, ich denke, dazu sind die Pfaffen da. Alles stimmt ihm zu.
Wozu die Pfaffen da sind, fahre ich fort, weiß ich nicht. Aber das weiß ich, dass ich euch nicht auf den Himmel vertrösten will. Ich denke ja gar nicht daran.
Ich wende mich zu der Frau. Sehen Sie, Sie wollen den Himmel mir und den Spatzen überlassen. Überlassen kann man einem anderen nur, was einem gehört. Doch der Himmel gehört ihm ja gar nicht.
Ja Mensch, was wollen Sie denn dann von uns?, schreit ein halb Angesäuselter.
Was ich will? Ich will euch nur sagen, dass keiner, aber auch keiner von euch dahinkommt. Ihr könnt da gar nicht hinein, so wie ihr seid. Ihr braucht euch gar keine Mühe zu geben, dem Reich Gottes zu entlaufen. Ihr seid schon draußen, ihr seid schon verlorene Leute.
In meiner Bibel steht: Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben? Lasst euch nicht verführen!
Weder die Hurer noch die Abgöttischen, noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch die Knabenschänder, noch die Diebe, noch die Geizigen, noch die Trunkenbolde, noch die Lästerer, noch die Räuber werden das Reich Gottes erwerben.
In dem Zimmer war es still geworden.
Das haben wir nicht gewusst, murmelte einer.
Das habe ich mir gleich gedacht, lachte ich ihn an. Darum bin ich ja auch hierher gekommen. Und nun lasst mich einmal ein wenig hersitzen. Ich habe euch noch mehr zu sagen. Ich muss euch doch sagen, wie ihr gerettet werden könnt.
Und dann erzählte ich die Geschichte von dem verlorenen Sohn, der so verloren war, dass er schließlich bei den Schweinen landete. Ja, und dann machte er sich auf und ging zum Vater, und der Vater, was sagte der? Der lief ihm entgegen und küsste ihn.
Und ich erzählte ihnen, wie der für uns gekreuzigte Sohn Gottes die Arme ausbreitet gegen alle verlorenen Sünder. Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Und ich erzählte ihnen, wie der Herr Jesus die Dirne aus dem Schmutz geholt und ihr alles vergeben hat, wie er Zachäus von seinen Gelzicken befreit hat, wie er den Raubmörder am Kreuz in letzter Stunde gerettet hat. Und ich erzählte ihnen, dass der Herr nahe ist allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen.
Dann ging ich.
Vielleicht fragt nun einer: Haben sie den Ruf gehört? Ach, das ist nicht die entscheidende Frage für dich, mein Leser. Frage dich lieber selbst: Habe ich ihn denn gehört und will ich ihm folgen?
Der Name, der rettet
Der Name Jesus
Vor einigen Jahren ist ein seltsames Buch erschienen. Es trägt den Titel Briefe aus der Hölle. Darin hat sich jemand ausgemalt, wie die Hölle wohl aussehen könnte. Eine Szene hat mir beim Lesen tiefen Eindruck gemacht und ist mir unvergesslich geblieben.
Der Wanderer geht über eine endlose graue Steppe. Überall sieht er Menschen sitzen. Sie haben gequälte Gesichter, raufen sich die Haare, sitzen da und stützen den Kopf schwer in die Hand. Sie scheinen ratlos zu sein. Es ist, als ob sie mit schärfster Konzentration über irgendetwas nachdenken. Die Leute können einem leid tun.
„Worüber denkt ihr nach?“, fragt der Wanderer sie.
„Über einen Namen.“
„Über einen Namen? Über welchen Namen denn?“
„Ja, das wissen wir eben nicht. Das ist ja gerade unser Unglück.“
„Wie, das wisst ihr nicht? Ihr denkt über einen Namen nach, den ihr nicht kennt? Das verstehe ich aber wirklich nicht.“
„Ja“, sagen die Verdammten, „wir wissen nur so dunkel, dass es einen Namen gibt, einen starken und herrlichen Namen. Wenn wir diesen Namen anrufen könnten, dann könnten wir sogar hier aus der Hölle gerettet werden. Bei Lebzeiten haben wir einmal diesen Namen gehört, aber wir haben nicht darauf geachtet, und nun können wir ihn eben nicht mehr finden. Kannst du uns nicht den Namen sagen?“
Dann hängen sich die Verdammten an den Wanderer, flehen und bitten, betteln und winseln, ob er ihnen nicht den Namen nennen könnte. Das Erschütterndste aber kommt dann erst.
Der Wanderer nennt ihnen nun den Namen, den einen großen, herrlichen Namen, den Namen Jesus. Aber so deutlich er ihnen auch den Namen sagt, es ist, als könnten sie ihn nicht verstehen. Schließlich ruft er ihn so laut, dass es wie das Heulen eines Orkans ist. Er schreit ihn in alle Winde; er meint, es müsste in ihren Ohren dröhnen. Aber es ist, als sei ihr Ohr verstopft. Sie können den Namen nicht hören. Sie haben kein Organ mehr, ihn zu vernehmen.
Da wendet er sich traurig von ihnen ab. Wie schrecklich ist das: Der Name ist da, aber sie können ihn nicht mehr finden. Und ob man ihnen den Namen auch sagt, sie können ihn nicht mehr fassen.
Dir aber, mein Leser, will ich es darum umso deutlicher zurufen: Wer den Namen des Herrn Jesus anrufen wird, der soll gerettet werden. Apostelgeschichte 2,21
Höre es doch beizeiten, sammle in der Zeit, dann hast du in der Not. Wisse: Je älter, je kälter. Erst will man nicht, dann kann man nicht. Darum glaube es doch: Es ist in keinem andern Heil. Ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin sie sollen selig werden, als nur der Name Jesus. Apostelgeschichte 4,12
Das wird die schrecklichste Hölle sein, dass man den Namen nicht mehr wissen darf, durch den wir Rettung und Seligkeit erlangen. Gott helfe uns, dass wir diesen Namen ernst nehmen, liebgewinnen und anrufen, solange es noch Zeit ist.
