Gott wird Mensch: Leben und Lehre des Mannes, der Retter und Richter, Weg, Wahrheit und Leben ist.
Episode 673: Die Salbung in Bethanien, Teil I.
Einführung in die Situation vor dem Passafest
Wir sind mit Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. Die Frage, ob das Reich Gottes sofort anbricht, ist geklärt: Nein, tut es nicht.
Schauen wir uns nun an, worüber man sich in Jerusalem unterhält. Johannes 11, Verse 55 und 56: Es war aber nahe das Passa der Juden, und viele gingen aus dem Land hinauf nach Jerusalem vor dem Passa, um sich zu reinigen. Sie suchten nun Jesus und sprachen, als sie im Tempel standen, untereinander: „Was meint ihr? Wird er nicht zu dem Fest kommen?“
Das Passa steht vor der Tür, und viele Juden gehen nach Jerusalem. Man nimmt an, dass die Anzahl der Juden in Jerusalem von normalerweise etwa einhunderttausend Einwohnern in Festzeiten auf circa eine Million Personen anstieg. Es sind also wirklich viele Juden, die sich auf den Weg machen. Sie tun das rechtzeitig, um sich zu reinigen.
Das betraf vor allem solche Juden, die engen Kontakt mit Heiden hatten und deshalb kultisch unrein waren. Es sind diese Pilger, die frühzeitig in Jerusalem eintreffen, nach Jesus suchen und sich, weil sie ihn nicht finden, fragen, ob er wohl zum Passafest kommen wird.
Man merkt, wie hier eine Spannung im Raum liegt. Einerseits wird Jesus als Prophet und vielleicht auch als Messias angesehen. Andererseits wissen die Fragesteller, dass sein Erscheinen für ihn mit einem Risiko verbunden ist – nämlich dem Risiko, verhaftet zu werden.
Johannes 11, Vers 57: Es hatten aber die Hohenpriester und die Pharisäer Befehl gegeben, wenn jemand wisse, wo er sei, dass er es anzeigen solle, damit sie ihn griffen.
Es lag faktisch ein Haftbefehl gegen Jesus vor. Die führenden jüdischen Autoritäten, die Hohenpriester und Pharisäer, suchten gezielt nach ihm – mit dem erklärten Ziel, ihn gefangen zu setzen.
Die Evangelien und ihre theologische Erzählweise
Im Text geht es nun weiter mit der Salbung Jesu in Betanien. Bevor wir uns die einzelnen Ereignisse anschauen, möchte ich zuerst erklären, wie die Evangelien grundsätzlich erzählen.
Auch wenn sie von echten historischen Ereignissen berichten, geht es ihnen nicht in erster Linie darum, alles exakt in der richtigen Reihenfolge oder mit allen Details wiederzugeben. Ihr Hauptziel ist ein anderes. Die Schreiber der Evangelien wollen vor allem zeigen, wer Jesus ist und was sein Leben bedeutet.
Das heißt, die Evangelisten berichten nicht einfach neutral, wie es ein moderner Biograph tun würde. Sie schreiben mit einer klaren Absicht. Sie stellen Jesus so dar, dass seine Bedeutung für den Glauben deutlich wird. Dabei wählen sie bewusst aus, was sie erzählen, wo sie es einordnen und worauf sie den Schwerpunkt legen.
Sie erfinden nichts, aber sie ordnen das Material so, dass es ihre jeweilige theologische Aussage unterstreicht. In der Antike war das normal. Damals galt nicht: Je genauer die Fakten, desto besser die Biografie. Vielmehr wollte man eine Person in ihrem Wesen erfassen – nicht nur, was wann genau passiert ist, sondern vor allem: Wer ist dieser Mensch? Was macht ihn aus? Was können wir von ihm lernen?
Die Salbung in Betanien aus verschiedenen Perspektiven
An der Salbung in Bethanien lässt sich dieses Vorgehen gut nachvollziehen. Johannes berichtet darüber an einer anderen Stelle als Matthäus und Markus. Auch die Details unterscheiden sich.
Warum ist das so? Weil Johannes einen anderen Schwerpunkt setzt als Matthäus und Markus. Die Evangelisten erzählen nicht willkürlich, sondern theologisch, jeder aus seiner eigenen Perspektive.
Wer die Salbung richtig verstehen möchte, muss daher beides im Blick behalten: Was damals tatsächlich geschehen ist und wie die Evangelisten dieses Geschehen verwenden, um die theologische Botschaft zu vermitteln, die im Zentrum ihrer Berichte steht.
Deshalb ordnen die Evangelisten die Ereignisse unterschiedlich an und setzen verschiedene Akzente, ohne sich dabei zu widersprechen. Dieses Vorgehen wird, wie ich finde, besonders deutlich an der Geschichte von der Salbung in Bethanien.
Die Darstellung bei Matthäus und Markus
Bei Matthäus und Markus erscheint die Salbung kurz vor dem Passa, also direkt vor Jesu Gefangennahme und Kreuzigung. Eine unbekannte Frau kommt, salbt Jesus mit kostbarem Nardenöl und wird sofort kritisiert. Man meint, das Öl hätte man doch verkaufen und das Geld den Armen geben können.
Doch Jesus verteidigt sie: Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Dann folgt der zentrale Satz: Sie hat im Voraus meinen Leib zum Begräbnis gesalbt. Die Botschaft ist klar. Diese Frau handelt intuitiv, vielleicht ohne alles zu verstehen, aber sie handelt richtig. Ihre Salbung wird zum prophetischen Zeichen.
Jesus steht kurz vor seinem Tod, und sie ist irgendwie die einzige, die die ganze Tragweite der bevorstehenden Ereignisse erfasst. Mehr noch: Ihre Tat wird zum Vorbild für echte Nachfolge.
Markus und Matthäus setzen in ihrem Bericht einen doppelten Schwerpunkt. Zum einen wird die Salbung als prophetische Vorwegnahme des Begräbnisses verstanden. Sie kündigt Jesu Tod an, der unmittelbar bevorsteht. Die Kreuzigung ist also kein Unfall. Zum anderen ist die Salbung ein Vorbild, dem wir nacheifern sollen.
Die Frau tut ein gutes Werk. Wir dürfen von ihr lernen, wie wichtig es ist, als Christen die Priorität ganz auf Jesus zu setzen – egal, wie viele andere Aufgaben anstehen.
Die Darstellung bei Johannes
Ganz anders ist es bei Johannes. Er bleibt der Chronologie treu. Die Ereignisse finden sechs Tage vor dem Passa statt, noch vor dem Einzug in Jerusalem. Auch hier sind wir in Bethanien, doch jetzt ist die Frau namentlich bekannt: Maria, die Schwester des Lazarus.
Sie salbt nicht das Haupt, sondern die Füße Jesu. Das ist ein demütiger, fast intimer Akt. Mehr noch: Sie trocknet die Füße mit ihrem Haar.
Die Kritik kommt nicht von einigen, sondern ganz konkret von Judas Iskariot. Johannes fügt sofort hinzu, dass Judas dies nicht aus Sorge um die Armen sagt, sondern weil er ein Dieb war.
Johannes legt den Fokus also anders als Matthäus und Markus. Ihm geht es nicht um Prophetie und Nachfolge, sondern um das Gegenteil von Berechnung. Dafür steht Judas. Er will aus der Beziehung zu Jesus einen persönlichen Vorteil ziehen. Maria hingegen nicht. Ihr ist Jesus mehr wert als ihr Besitz und als ihr Ansehen vor den Leuten.
Was sie tut, ist nicht vernünftig, aber Ausdruck von Anbetung, von Liebe und völliger Hingabe.
Natürlich dürfen wir uns fragen, wem wir gleichen. Was spiegelt unsere Christusbeziehung wider? Die verrückte Hingabe von Maria oder das berechnende Verhalten eines Judas?
Zusammenfassung und Ausblick
So viel als Einstieg in die Salbung Jesu in Betanien. Mir war es wichtig, dass ihr eines versteht: Die drei Berichte zur Salbung Jesu in Betanien sind unterschiedlich. Und das ist gewollt. Sie zeigen uns dasselbe historische Ereignis, aber mit verschiedenen theologischen Schwerpunkten.
Matthäus und Markus stellen Jesus als den Messias dar, der bewusst in den Tod geht. Sie feiern die Frau, die das unbewusst schon verstanden hat. Johannes dagegen zeigt uns Maria als Jüngerin Jesu, die sich ganz hingibt – nicht aus Pflicht, sondern aus Liebe.
Was könntest du jetzt tun? Lies dir die drei Berichte von der Salbung in Betanien einmal durch und frage dich, wie du auf die vermeintliche Verschwendung reagiert hättest.
Das war's für heute. Ich freue mich über Gebet. Du kannst dir die drei aktuellen Anliegen für den Monat in der App anzeigen lassen und gleich für uns beten.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.
