Das Vaterunser
Jesus hatte sich zurückgezogen, um zu beten. Als er fertig war, sprach ihn einer der Jünger an: „Herr, lehr uns beten.“ Jesus antwortete mit dem Vaterunser.
Das Vaterunser ist das am meisten gesprochene Gebet der Welt. Jeder kennt es. Aber was bedeutet es eigentlich? Was steckt dahinter? Das schauen du und ich uns jetzt an.
Um Nachfolge zu verstehen, mach dich Hashtag Bibelfit. Ich bin Markus Voss, und hier machen wir drei Dinge. Wir versuchen, tiefer in die Bibel einzusteigen, wie heute. Wir überlegen, wie du und ich Jesus im modernen Alltag nachfolgen können. Außerdem beantworten wir taffe Fragen, die die Gesellschaft uns Christen stellt.
Zu alldem gibt es dutzende kostenfreie Tools: Hörbücher, Onlinekurse, Tageschallenges und praktische Alltagsgegenstände, die du dir auf der Website gratis mitnehmen kannst.
Finanziert wird all das hier durch kleine monatliche Spenden von Menschen wie dir und mir aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das ist sehr hilfreich, weil dieses Projekt langsam Fahrt aufnimmt.
Einführung und Hinweise zur Nutzung der Inhalte
Heute geht es um das Vaterunser und darum, was in den Originaltexten der Bibel darüber steht.
Drei kurze Dinge vorab, bevor wir starten:
Erstens, kannst du der Community hier kurz helfen, damit christliche Inhalte in sozialen Medien nicht verborgen bleiben? Wenn du gerade auf Instagram bist, dann tippe doch kurz doppelt auf dein Handy. Auf YouTube ist es sogar noch besser: Indem du die Glocke unter diesem Video anklickst, erhält YouTube ein Signal und zeigt auch nicht-christlichen Nutzern mehr christliche Inhalte an, die sie ansprechen könnten. Ziemlich gut, oder? Drücke also gern kurz die Glocke – das ist anonym und bewirkt wirklich etwas. Vielen Dank!
Zweitens, viele von euch haben nach einer Erklärung zum Vaterunser gefragt. Warum? Einerseits, um es besser zu verstehen, und andererseits für die eigene Gebetspraxis. Das ist total okay. Falls du das auch möchtest, kannst du dir hier gern die biblische Gebetsmindmap mitnehmen. Darin wird auf biblischer Grundlage erklärt, welche Arten von Gebet es in der Bibel eigentlich gibt und was Jesus davon empfiehlt.
Als ich damals Christ wurde, hatte ich so etwas Ähnliches in die Hände bekommen. Es hat mir sehr geholfen, mich erst einmal zu orientieren, ein Gerüst zu bekommen und ein paar eigene Ideen für mein Gebetsleben zu entwickeln. Bis heute kehre ich manchmal zu dem zurück, was ich damals gelernt habe. Das ist also wirklich praktisch.
Wie gesagt, falls du möchtest, nimm dir gern deine eigene Gebetsmindmap hier gratis mit. Damit bekommst du einige echte, konkrete Beispiele, welche Arten von Gebet es in der Bibel gibt und wie du sie für dich und andere nutzen kannst. Dank der Unterstützung der Spender-Community hier kann ich das Hunderten Menschen, die danach gefragt haben, öffentlich und vor allem kostenfrei zur Verfügung stellen. Wenn du dir die Mindmap kostenlos holen möchtest, klick einfach auf den Link in der Videobeschreibung.
Und als letzte Anmerkung: Dann starten wir jetzt direkt los. Dieser Input ist die Aufzeichnung einer Offline-Predigt, die ich vor kurzem gehalten habe. Die Leute haben gesagt, es sei nicht meine schlechteste gewesen. Schreib gern hier unten einen Kommentar, was du aus der Predigt mitgenommen hast.
So, jetzt aber genug mit dem Geschwurbel. Ich hoffe, es hilft dir. Los geht’s!
Die Herangehensweise an das Vaterunser
Ihr Lieben, ich dachte, wir nehmen heute Morgen mal einen völlig unbekannten Predigttext. Wir nehmen das Vaterunser und wollen es heute gemeinsam durchgehen. Damit stellen wir uns in eine sehr gute biblische Tradition. Über viele Jahrhunderte war es in der Christenheit – und auch im Judentum – üblich, einen biblischen Text Schritt für Schritt zu erläutern und dabei zu erklären, was darin an Gottes Willen erkennbar ist.
Das wollen wir heute auch tun. Unsere Herausforderung ist jedoch, dass das Vaterunser so sehr bekannt ist, dass die Gefahr besteht, dass wir immer wieder unsere gewohnten Assoziationen damit verbinden. Deshalb habe ich mir eine besondere Herausforderung überlegt. Ach, Noah, du hast schon angefangen, danke! Wir gehen das Vaterunser nämlich rückwärts durch. So versuchen wir, uns selbst ein bisschen auszutricksen.
Das ist übrigens der Anfang einer Predigtreihe, in der wir von der Offenbarung bis zur ... Nein, das war nur ein Scherz. Okay, also, das wollen wir jetzt einmal tun.
Lasst uns mit der Übersetzung nach Luther beginnen, genauer gesagt mit der Lutherübersetzung von 1984, die hier vorne steht. Ich habe hier auch die Luther 1984-Ausgabe und den griechischen Urtext dabei, weil wir zwischendurch zweimal hineinschauen wollen.
Die Textlänge und Manuskriptvarianten des Vaterunsers
Und das beginnt schon mit der Frage, wie lang das Vaterunser eigentlich ist.
Vielleicht denkst du jetzt: Wie, wie lang ist das? Das steht doch überall klar und deutlich. Nun, so einfach ist das nicht, denn das mit dem Amen ist zwar klar. Die eigentliche Frage ist vielmehr, ob der Satz „Deines ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“ eigentlich zum Vaterunser dazugehört.
Du fragst dich vielleicht, warum das nicht dazugehören sollte. Die Herausforderung liegt darin, dass wir extrem viele Abschriften und Manuskripte vom Neuen Testament haben. Wir wissen gar nicht, wo wir anfangen sollen.
Das ist sozusagen ein Luxusproblem, wenn man als antiker Historiker unterwegs ist. Überlege mal: Wie viele Texte haben wir von Platon? Vielleicht so um die hundertzwanzig. Wie viele von Caesar? Etwa zweihundertfünfzig, Stand letzten Dezember. Und von der Ilias? Ungefähr tausendachthundert.
Aber wie viele haben wir vom Neuen Testament? Fünftausendachthundertzwanzig.
Das bedeutet, wir haben so viele Manuskripte, dass wir gar nicht genau wissen, wo wir anfangen sollen, um zu entscheiden, welches das früheste ist. Deshalb wissen wir nicht genau, ob die Fassung, die wir haben, die ursprüngliche von Jesus ist – zumindest Stand letzten Dezember.
Allerdings finden wir jede Woche neue Manuskripte, also läuft uns die Zeit davon.
Wir tun jetzt mal so, als ob das der ursprüngliche Teil war. Ich denke, die Argumente dafür sind ziemlich überzeugend.
Gottes Ewigkeit und Herrlichkeit im Vaterunser
Fangen wir mal von hinten an: Gott, dein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Wenn in der hebräischen Bibel oder im griechischen Text von Ewigkeit die Rede ist, dann meint das nicht das, was wir normalerweise denken – also eine ganz, ganz lange unbegrenzte Zeit oder „von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Das ist damit nicht gemeint.
Was im Griechischen oder im Hebräischen bei „Ewigkeit“ steht, ist vielmehr der Gedanke, dass es Gotteszeit ist, dass es ein anderer Raum ist. Du kannst dir das so vorstellen: Es gibt zum Beispiel einen Raum, wie eine Besenkammer, und es gibt alles außerhalb der Besenkammer. Das kannst du mit Zeit genauso sehen.
Es gibt die Zeit, wie wir sie erleben, und daneben die Ewigkeit – die Gottesperspektive auf die Zeit. Gott steht außerhalb der Zeit, weil er die Zeit geschaffen hat. Wenn er nicht außerhalb der Zeit stehen würde, könnte er die Zeit nicht erschaffen haben. Deshalb sieht er die ganze Zeit mit einem Mal.
Wenn es also heißt: „Dein ist die Herrlichkeit in Ewigkeit“, dann bedeutet das, dass Gott in der Lage ist, den gesamten Fluss der Zeit mit einem Blick zu erfassen – die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Er weiß mit einem Blick, welcher Weg der Menschheitsgeschichte der richtige ist, um seinen Plan, seinen Messias und seine Erlösung unter die Menschheit zu bringen.
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber mir nötigt das eine Menge Respekt ab – ganz, ganz viel Vertrauen. Denn ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber manchmal gibt es in meinem Leben Dinge, bei denen ich denke: „Och menno, das hätte ich mir jetzt anders gewünscht.“ Dann muss ich mal überlegen, was ich denke.
Also wenn ich jetzt allmächtig wäre, dann würde ich das aber ganz anders machen. Und dann denke ich wieder: Gott sei Dank, buchstäblich, bin ich nicht allmächtig. Und wenn ich noch allwissend wäre, dann würde ich es wahrscheinlich genauso machen wie Gott.
Das ist so unsere begrenzte Perspektive. Denn Gott hat ja nicht nur die Allmächtigkeit, sondern außerdem noch die Allwissenheit. Und das ist in gewisser Weise positiv und demütigend, sich das immer wieder vor Augen zu halten.
Die Bedeutung von Herrlichkeit im biblischen Kontext
Der nächste Punkt ist die Sache mit der Herrlichkeit. Ich werde zwischendurch auch ein paar Sachen überspringen.
Was ist denn Herrlichkeit? Manchmal hört man den Spruch, dass Leute sagen: „Na ja, wenn wir überlegen, was eine gute Gottesdienstzeit ist, dann muss ich ja gar nicht in den Gottesdienst gehen. Ich kann auch einfach in den Wald gehen, da begegnet mir Gott.“ Wenn du in den Bayerischen Wald gehst, stehen dort überall noch Marienstatuen. Also wird das schon funktionieren.
Das Problem ist nur: Was meinen die Leute eigentlich, wenn sie sagen, im Wald begegnet mir Gott? Was meinen sie damit genau? Ich frage die Leute dann manchmal: „Wo genau begegnet ihr Gott im Wald? Hinter der Kreuzung, vor der Abbiegung?“ Und dann sagen sie: „Naja, ich sehe ja Gottes Herrlichkeit in den Pflanzen, wirklich, wirklich. Also Gottes Schöpfergenie in den Pflanzen, ja, Gottes Größe und Lebendigkeit im Wald, ja.“
Gottes Herrlichkeit? Ich glaube nicht. Was heißt denn Herrlichkeit? Der hebräische Begriff dafür ist Kavod. Wörtlich übersetzt bedeutet das Gewicht, also das, was Gewicht verleiht. Wenn wir Menschen wirklich Gottes Herrlichkeit erleben würden – Entschuldigung – wir wären alle tot.
Wenn jemand sagt, er gehe in den Wald, um Gottes Herrlichkeit zu erleben, der kommt dann nicht mehr raus. Das ist also Hänsel und Gretel auf Steroiden, das ist wirklich gefährlich.
Was müssen wir also eigentlich überlegen? Was meinen wir mit Gottes Herrlichkeit?
Da gibt Psalm 8 eine ganz große Antwort darauf. Und auch das Buch Hiob. Ich glaube, in Hiob Kapitel 38 heißt es so etwas wie: Wenn du Gottes Herrlichkeit sehen willst – freie Übersetzung nach Markus Voss – dann geh nicht in den Engerwald, sondern schau einfach mal in einem nicht smockbedeckten Sommerhimmel nach oben, zu den Sternen, zu den Galaxien.
Im Buch Hiob ist zum Beispiel die Rede vom Sternbild Orion. Da ist die Rede vom Sternbild des Großen Wagens, da ist die Rede vom Sternbild Arcturus. Das sind Dinge, die unvorstellbar weit weg sind.
Und der Psalmbeter sagt: Dieses ganze riesige Galaxienhaufen mit an die 40 Milliarden bewohnbaren Planeten – bewohnbaren, nicht nur Himmelskörpern – wo komischerweise keine Außerirdischen sind. Fast so, als ob es kein Zufall ist, dass wir hier sind. Das ist echt komisch.
Diese 40 Milliarden bewohnbaren Planeten sind ein Abglanz, ein Schatten von Gottes Herrlichkeit. Das ist so etwas wie eine verschmierte Reflexion im Rückspiegel beim Autofahren, während der Scheibenwäsche noch läuft. Das ist ein Abglanz der Herrlichkeit.
Das heißt: Wenn Leute sagen, sie gehen in den Wald, um Gott zu erleben – oh Mann, wir haben keine Vorstellung, wie Gott wirklich ist. Wir haben keine Vorstellung von der Größe seiner Herrlichkeit, keine Vorstellung.
Dein ist die Kraft, Gottes ist die Lebendigkeit, Gott ist die Kraft, die Lebens schafft, und dein ist das Reich. Zu dem Reich komme ich oben noch mal, weil dann heißt es: Dein Reich komme.
Die Bitte um Schutz vor Versuchung und Erlösung vom Bösen
Die sechste Bitte im Vaterunser lautet: Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Es gibt unter Theologen sehr viel Diskussion über die Prädestination – also darüber, was vorherbestimmt ist und was wir selbst entscheiden können. Das ist spannend, im Alltag aber oft nicht so relevant, weil es immer noch unsere eigene Entscheidung ist, ob wir sündigen oder nicht.
Die Frage, die sich stellt, ist: Was bedeutet es, „führe uns nicht in Versuchung“? Das Problem ist nicht unbedingt, dass wir Versuchungen begegnen, sondern dass wir ihnen nachgeben. Das ist das eigentliche Problem. „Führe uns nicht in Versuchung“ ist aus meiner Sicht ein Eingeständnis unserer Schwäche. Es ist ein Eingeständnis, dass wir es gern besser machen würden. Wir geben uns immer wieder Mühe – ich weiß nicht, wie es bei dir ist – aber ich habe da noch einiges zu lernen.
„Führe uns nicht in Versuchung“ könnte man auch frei vom Griechischen übersetzen als: Halte die kleinen Stolperfallen fern von uns und erlöse uns von dem ganz großen Problem.
Was bedeutet „erlöse uns von dem Bösen“? Im griechischen Text steht „Rusei Hemas Apo Tu Poneru“. Es ist nicht ganz klar, was genau mit „dem Bösen“ gemeint ist. Man kann es auch übersetzen mit „erlöse uns von dem Bösen“ oder „erlöse uns von dem Bösen“, also vom Feind. Es kann sich also auch um „den Bösen“ handeln, also den Feind.
Es ist erstaunlich, wie klein wir Menschen manchmal denken. Wenn ich zur Zeit Jesu krank gewesen wäre, dann wäre mein dringendster Wunsch wahrscheinlich gewesen: Herr, komm in mein Haus und heile mich. Das ist logisch.
Auch heute beten wir manchmal so: Herr, führe diesen oder jenen Menschen zum Glauben. Oder: Großer Gott, nimm doch diese oder jene Krankheit weg. Großer Gott, heile doch diese oder jene Beziehung. Aber wie kleinlich ist das eigentlich?
Warum? Wozu ist Jesus gekommen? Jesus ist nicht nur gekommen, um eine Beziehung zu kitten. Er ist nicht nur gekommen, um eine Krankheit zu heilen. Jesus ist nicht gekommen, um nur einen Menschen zu retten. Er ist gekommen, um die ganze Welt zu retten. Er ist gekommen, um Krankheit selbst zu besiegen. Er ist gekommen, um dem Tod die Macht zu nehmen und um alle Beziehungen zu heilen. So dass wir Frieden mit Gott haben können.
Wenn wir also sagen „erlöse uns von dem Bösen“, dann meine ich das in diesem Zusammenhang. Ich habe es schon einmal gesagt: Drei Silben für dich – Golgatha. Genau dort ist das passiert. Jesus hat uns erlöst von dem Bösen.
Wir sehen das heute noch nicht ganz. Das ist, glaube ich, klar. Wir erleben noch die letzten Zuckungen des Todes in dieser Phase der Menschheitsgeschichte. Und diese können heftig sein. Aber der Tod ist schon besiegt. Wir sehen es nur noch nicht.
Vergebung als zentraler Bestandteil des Vaterunsers
Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Wenn man im Vaterunser ein wenig weiterliest, sieht man, dass Jesus sehr deutlich sagt: Ganz ehrlich, Leute, wenn ihr es nicht schafft zu vergeben, wie erwartet ihr dann, dass der himmlische Vater euch vergeben kann? Und wenn ihr es schafft zu vergeben, dann wisst ihr, wie Vergebung ist.
Jeder, dem schon einmal ernsthaft Unrecht getan wurde – und ich schätze mal, das sind die meisten von uns hier – weiß, dass Vergebung vor allem eines bewirkt: Sie hilft dir selbst zu heilen. Vergebung kann auch eine Beziehung kitten, und das ist gut, richtig und wichtig. Aber vor allem hilft sie dir selbst zu heilen, weil Vergebung alles ändert – sie ändert dich.
Es gibt dieses Gleichnis in Matthäus 18, in dem Jesus die Geschichte von jemandem erzählt, der einen absurd hohen Schuldenberg bei dem Menschen hatte, für den er gearbeitet hat. Wir würden heute vielleicht an einen Finanzminister und einen Staatschef denken. Luther nennt dieses Gleichnis „vom Schalksknecht“, aber da müsste sich jemand mal einen besseren Begriff einfallen lassen.
Die Rede ist von jemandem, der einen Schuldenberg von zehntausend Denaren hatte. Wenn du das umrechnest, sind das grob sechs Milliarden Euro – und zwar Euro vor Corona. Sechs Milliarden Euro Schulden, die derjenige selbst schuldhaft verursacht hat. Er sagt: „Wie soll ich das jemals zurückzahlen? Wie soll ich das jemals zurückzahlen?“
Dann sagt sein Vorgesetzter zu ihm: „Weißt du was? Lass fünf gerade sein, lass zwanzig gerade sein, lass sechs Milliarden gerade sein. Passt schon so, geht aufs Haus.“ Und der Schuldner geht raus und kann es gar nicht fassen.
Doch dann begegnet ihm jemand, der ungefähr achttausend, neuntausend Euro Schulden bei ihm hat. Er nimmt ihn, hält ihn gegen die Wand, stranguliert ihn und sagt: „Gib mir mein Geld wieder!“
Man liest und hört das und denkt: „Summer, Kontext, Kontext, es kann doch nicht dein Ernst sein!“ Und so ungefähr ist die Analogie auch ganz klar: So ungefähr ist es mit uns. Die Sünde, die wir begehen, ist so unermesslich groß, dass wir sie gar nicht richtig einordnen können.
Woher weißt du denn, wie groß eine Sünde eigentlich ist? Woher weißt du, wie ernsthaft Verbrechen sind? Indem du schaust, wie ernsthaft sie in dem Staat, in dem du lebst, mit welchen Strafen belegt werden. So weißt du das.
Wenn du zum Beispiel weißt, dass Steuerhinterziehung in Deutschland ziemlich ernst genommen wird: Schon wenn du nur darüber nachdenkst, kannst du drei Jahre Bewährungsstrafe bekommen. Das ist schon eine schwierige Sache. Andere Dinge in Deutschland sind dagegen eher so lala – die interessieren eigentlich keinen.
Gottes Gebote und ihr Ursprung im Wesen Gottes
Wie ist es denn mit Gottes Gesetzen? Warum sind eigentlich Gottes Gesetze so ernst?
Nun ja, wenn du wissen willst, wie ernst Gott seine Gesetze nimmt, dann denke an Karfreitag, die Todesstrafe, die Hölle. So ernst nimmt Gott seine Gesetze. Und ich glaube, das ist etwas, das uns häufig gar nicht klar ist. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber wenn ich früher mal Jugendstunden gemacht habe oder über das Thema Gebote gesprochen habe, dann habe ich ganz häufig erlebt – auch als Teenager und Teilnehmer damals –, dass man ganz schnell dabei war zu sagen: „Na ja, also Mord ist irgendwie blöd, weil ja, das zersetzt halt die Gesellschaft.“ So, jetzt wo du es sagst, stimmt, jetzt fällt es mir auch auf. Und das stimmt natürlich. Aber ist das alles?
„Ja, also Ehebruch ist irgendwie blöd, weil das Gefühle verletzt.“ Ja, das kann ich mir vorstellen. Aber was ist, wenn er oder sie es nie herausfindet? „Ja, dann wird es schon irgendwie gehen.“ Lügen ist irgendwie blöd, weil, na ja, ich weiß auch nicht warum, aber es ist schwierig. Wir versuchen das immer auf einer menschlichen Ebene runterzubrechen. Und ich weiß nicht, ob das so sinnvoll ist. Weißt du? Am Ende des Tages hat das ja auch etwas mit Gottes Wesen zu tun.
Mord ist nicht nur deswegen falsch, weil es die Gesellschaft zersetzt und unsere Gemeinschaft zerstört – auch wenn es das tut –, sondern Mord ist deswegen falsch, weil Gott der Gott des Lebens ist und es seinem Wesen widerspricht. Gott setzt sich doch nicht einfach hin und sagt: „So, jetzt werfe ich meine Münze, welche Gebote gefallen mir gut. Na, wir haben schon neun, welches brauchen wir noch? Ah, Blasphemie, das nehmen wir noch dazu.“ So ist es ja nicht. Diese Gebote kommen aus Gottes eigenem Wesen heraus.
Das Gleiche gilt für Ehebruch, Untreue, Pornografie. Diese Dinge sind nicht nur deshalb falsch, weil sie irreparablen Schaden anrichten, weil sie die Kernzellen unserer gesamten Gemeinschaft vernichten und psychologische Auswirkungen über Jahrzehnte hinweg haben – auch wenn das der Fall ist –, sondern sie sind deswegen falsch, weil Gott der Gott der Treue ist. Und es widerspricht seinem Wesen. Das ist der Punkt.
Lüge und Falschheit sind nicht nur deswegen falsch, weil wir damit jegliche Kommunikation und Interaktion miteinander abbrechen. Bei manchen Menschen wäre das ja vielleicht gar nicht immer so schlimm. Sondern es ist deswegen so falsch, weil Gott der Gott der Wahrheit ist. Das ist der Punkt.
Wenn du wissen willst, wie ernst Gott sogar so eine Kleinigkeit nimmt, dann nimm zum Beispiel das Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen.“ Das Thema Blasphemie – wie allgegenwärtig ist das? Das ist Wahnsinn!
Ich hatte in meinem säkularen Tagesjob, in meinem Nebenjob, diese Woche war ich unterwegs mit einem Vertreter. Wir haben verschiedene Unternehmen besucht, um mit ihnen zusammenzuarbeiten und Möglichkeiten auszuloten. Es war ein sehr schöner und auch guter Tag. Der Mensch, mit dem ich unterwegs war, hatte eine Knieverletzung, die er vor ungefähr anderthalb Jahren erlitten hatte.
Jedes Mal, wenn er ausstieg – und das war an dem Tag etwa zwanzig- bis dreißigmal der Fall –, stieg er aus und sagte erstmals: „Oh Gott.“ Ich saß neben ihm, das war das erste Mal, dann das zweite, das dritte Mal. Irgendwann schaute ich ihn an und fragte: „Sag mal, was hat denn Gott jetzt damit zu tun?“ Er antwortete: „Wie jetzt, Gott?“ Ich sagte: „Jedes Mal, wenn du aussteigst, rufst du den Namen des Herrn an.“ Also können wir das auch zusammen machen, ja? Ich habe da keine Berührungspunkte oder Schmerzen. Er schaute mich an und sagte: „Ach, der hört das doch nicht.“ Das war natürlich eine Ausrede.
Darüber habe ich nachgedacht. Heute Morgen beim Duschen dachte ich weiter darüber nach. Und ich fragte mich: Was ist eigentlich schlimmer? Ein Gott, der alles sieht und alles hört, wie es in Sprüche 6 heißt: „Gott kennt meine inwendigen Gedanken“ – ein Gott, der alles sieht und hört, auch jedes Mal, wenn wir seinen Namen respektlos gebrauchen? Oder ein Gott, der uns nicht zuhört und nichts hört – kein Gebet, keine Fürbitte, kein Hilfeschrei, kein Leiden, kein Klagen?
Was ist eigentlich schlimmer? Ich glaube, das ist uns manchmal nicht so richtig klar. Für Gott ist das eine extrem ernste Angelegenheit. Im Buch Levitikus, ich glaube Kapitel 24, sagt Gott: Wer meinen Namen unnütz gebraucht, der ist verflucht und dem gebührt die Todesstrafe. Da sehen wir, wie ernst Gott das nimmt.
Wir würden das niemals mit dem Namen von Menschen tun, die uns viel bedeuten. So ernst ist das Gott.
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Wir können ja gar nicht anders als vergeben. Nicht, dass es uns nicht schwerfällt, aber wenn wir auch nur versuchen, zu ergreifen, welche Schuld wir Gott gegenüber haben – eine Schuld von sechs Milliarden Euro –, und uns dann auch nur annähernd vorstellen, was die Strafe dafür sein soll... Uff, die Hölle, darüber darf man nicht reden. Jesus tut das, und Gott sagt: „Ich vergebe dir das.“
Wie können wir da noch irgendetwas anderes tun als vergeben zu wollen? Ob wir es können oder nicht und wie lange das dauert, das steht auf einem anderen Blatt. Aber vergeben zu wollen – wie können wir denn irgendetwas anderes tun?
Die Bitte um tägliche Versorgung
Unser tägliches Brot gib uns heute – das ist ganz spannend. Denn je nachdem, ob dieser letzte Teil dazugehört, also ob „das Reich und die Kraft“ dazugehören oder nicht, stellt sich die Frage, wo die Mitte dieses Textes liegt.
In aramäischen und hebräischen Texten ist es nämlich so, dass an der Stelle, wo die Mitte eines Textes ist, in der Regel die Pointe steht. Das ist anders als bei uns, bei modernen Filmen, Hollywoodstreifen oder sehr guten Marvel-Clips, wo das große Highlight erst am Ende kommt. Nein, in hebräischen Texten findet sich die zentrale Aussage meist genau in der Mitte.
Das ist auch für unsere eigene Bibellektüre sehr spannend, gerade bei alttestamentlichen Texten oder Gleichnissen, die Jesus erzählt. Man sollte besonders auf die Mitte achten, denn dort steckt meist das Wesentliche, nicht unbedingt am Ende.
Das bedeutet: Je nachdem, ob der letzte Teil dazugehört, liegt die Mitte entweder bei „Vergib uns unsere Schuld“ oder bei „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Wir tun jetzt mal so, als ob das Ende dazugehört – ich denke, das ist der Fall. Dann ist genau dieser Punkt „Vergib uns unsere Schuld“ der Kern des Vaterunsers.
Das ist der Kern dessen, was die Jünger zu Jesus sagen, wenn sie ihn bitten: „Herr, lehr uns beten, wie sollen wir das tun?“ Jesus antwortet: „Weißt du, es gibt vieles, was ich einleitend erzählen könnte, viele Details, aber worauf es wirklich ankommt, ist: Vergib uns unsere Schuld.“
Hier wird die Beziehung zu Gott wiederhergestellt, und wenn wir unseren Schuldigen vergeben, wird auch die Beziehung zu unseren Mitmenschen wiederhergestellt. Erlösung, Versöhnung – das ist die Geschichte der Bibel, vom ersten Buchdeckel bis zum letzten, vom Inhaltsverzeichnis bis zu den Karten. Es ist die Geschichte der Versöhnung, und das steht genau in der Mitte.
„Unser tägliches Brot gib uns heute“ – hier kann man sehr spannend im griechischen Text nachschauen. Weil ich euch sehr mag, werde ich das jetzt nicht im Detail tun. Im Griechischen gibt es unterschiedliche Verbformen, die Grammatik funktioniert dort ganz anders als bei uns.
Im Griechischen teilt man Verben nicht nach Zeit ein, wie wir es tun – „ich esse“, „ich habe gegessen“, „ich aß“, „ich hatte gegessen“ oder „ich werde essen“. Stattdessen arbeitet man mit dem Aspekt. Ich werde das jetzt nicht erklären, weil ich euch sehr mag, aber im Grunde bedeutet das, dass man einen unterschiedlichen Fokus setzt.
Das heißt: Mit einem griechischen Wort kann man entweder ausdrücken, dass eine Aussage allgemein gilt – für alle Menschen, alle Zeiten, an allen Orten –, oder dass sie etwas Spezifisches, Konkretes meint. Zum Beispiel: Wenn ich sage „Komm mal kurz her“, ist das eine konkrete Aufforderung für diesen Moment. Es bedeutet nicht, dass du mir dein ganzes Leben lang folgen sollst.
Umgekehrt kann ich auch grundsätzliche Aussagen machen, wie „Setz deinen Helm auf beim Fahrradfahren“. Das meint nicht nur die zwei, drei Kilometer um die Ecke, sondern etwas Allgemeines: Setz deinen Helm immer auf.
Wie ist das hier mit „Unser tägliches Brot gib uns heute“? Was ist damit gemeint? Ist es eine grundsätzliche Bitte, dass Gott uns grundsätzlich und dauerhaft versorgt? Dass wir nur in seinem Licht das Licht sehen und nur von seinem Leben die Nahrung empfangen? Nein, komischerweise nicht.
Im griechischen Text steht sehr eindeutig, dass hier wirklich das tägliche Brot für diesen 24-Stunden-Abschnitt gemeint ist. Gib uns das Brot für heute, für diesen Tag. Man kann auch „heute“ von hinten lesen, das erklärt, dass Jesus sehr im Hinterkopf hatte, dass wir das Vaterunser nicht nur einmal im Leben beten sollen.
In manchen charismatischen Kirchen wird es einmal als Übergangsgebet gesprochen, danach betet man es nie wieder. Nein, hier ist gemeint, dass wir dauerhaft im Geist und Wort dieses Gebets leben sollen. Wir sollen es täglich beten: Gib uns heute für diesen 24-Stunden-Abschnitt unser tägliches Brot.
Und mit Brot ist hier noch nichts Übertragenes gemeint, sondern wirklich die Substanz. Man kann es auch so übersetzen: Gib uns für diesen Tag unsere festgelegte Nahrungsration. Wer weiß, wie Corona weitergeht – vielleicht brauchen wir irgendwann Essensmarken. Das geht ungefähr in diese Richtung.
Im Hintergrund steht immer die Erkenntnis: Die eigentliche Quelle der Essensmarken ist Gott. Das ist sehr wichtig. Wir leben, nehmen das Leben und jeden neuen Tag, jeden Atemzug, aus Gottes Hand.
Das war es, worüber ich am Anfang der Corona-Pandemie viel nachgedacht habe, weil es eine Atemwegserkrankung ist. Mir wurde klar, wie selbstverständlich wir atmen. Das ist natürlich tückisch, denn sobald man anfängt, bewusst über das Atmen nachzudenken, kann man nicht mehr unbewusst atmen.
Aber wie selbstverständlich ist es, dass unser Herz über hunderttausend Mal am Tag schlägt, ohne dass wir dafür danken, ohne dass wir ihm einen Befehl geben oder eine To-do-Liste vorlegen. Das Herz arbeitet ohne Planwirtschaft – zumindest nicht nach unserer Planwirtschaft. Es arbeitet nach Gottes Plan.
Und trotzdem könnte Gott jederzeit sagen: Markus, du atmest jetzt nicht mehr. Er könnte jederzeit das Licht ausknipsen. Jeder Atemzug, den wir haben, jeder Herzschlag steht in der Bibel an mindestens zwei Stellen als reines Geschenk von Gott. Es ist pure Gnade.
Wenn manche polemischen Atheisten manchmal sagen: „Gott, wenn es dich gibt, dann streck mich nieder!“ und er es nicht tut, dann ist das kein Beweis, dass es Gott nicht gibt. Es bedeutet nur zwei Dinge: Erstens, Gott gehorcht nicht unseren mickrigen Befehlen. Er ist der Boss, nicht wir.
Zweitens gibt er dir noch eine Chance, noch einen Atemzug mehr. Wozu? Umzukehren, umzukehren. Das ist auch eine ganz fürchterliche Sache, denn im Römerbrief, ich glaube Kapitel 2, heißt es, dass der Grund für Gottes Geduld nicht nur seine Gnade ist – das auch –, aber er vergisst deswegen nicht, was wir falsch tun.
Seinen Zorn über das, was falsch läuft in diesem Universum, speichert er auf. Im Griechischen heißt es, er „speichert“ seinen Zorn auf. Das heißt: Nur weil alles schön aussieht, heißt das nicht, dass alles gut ist.
Und das ist, glaube ich, etwas, was unserer Gesellschaft guttun würde, manchmal zu hören: Nur weil alles gut aussieht, heißt das nicht, dass alles gut ist.
Die Bitte um die Erfüllung von Gottes Willen
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Schade, dass dieser Satz nicht in der Mitte steht, denn ich finde, dies ist die wichtigste Stelle von allem.
Was bedeutet es eigentlich, wenn da von Himmel und Erde die Rede ist? Wenn in der Bibel von Himmel und Erde gesprochen wird, meint das etwas anderes als das, was wir gewöhnlich darunter verstehen. Es geht nicht einfach um den Fußboden, den Garten draußen oder ähnliches.
Himmel und Erde sind in der Bibel Begriffe, die eine tiefere Bedeutung haben. Der Himmel steht hier im Plural, also nicht Himmel im Singular, sondern die Himmel. Das bezeichnet die jenseitige Welt. Die Erde dagegen steht für die diesseitige Welt, also die sichtbare oder unsichtbare Welt.
Wenn also von Himmel und Erde die Rede ist, dann meint das die gesamte Realität. Gott herrscht über die jenseitige Welt und die diesseitige Welt. Er herrscht über das gesamte physische Universum im Raum-Zeit-Kontinuum und alles, was darüber hinausgeht und was wir noch nicht einmal beginnen können zu erahnen. Gott ist der absolute Herrscher.
Dein Wille geschehe in der gesamten Realität, die Gott geschaffen hat. Diese Realität ist sein Sandkasten, in dem wir uns aufhalten und von seiner Gnade Atemzug um Atemzug nehmen können.
Und dein Wille geschehe. Ich weiß nicht, wie es dir damit geht. Das Thema Sündenvergebung hängt ein bisschen davon ab, welche Ungerechtigkeiten man gerade erleiden muss. Aber „dein Wille geschehe“ – das finde ich die härteste Bitte. Das ist irgendwie die schwierigste.
Jesus in Gethsemane sagt: „Herr, also Papa, es wäre schon schön, wenn dieser Kelch an mir vorbeigehen würde, das wäre echt super.“ Aber was sagt er danach? „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“
Ich weiß nicht, wie es dir damit geht, aber für mich ist das eine der härtesten Lektionen überhaupt. Ich bin noch weit davon entfernt, darin gute Fortschritte zu machen: zu akzeptieren, zu verstehen, anzuerkennen und wirklich nicht nur so halbherzig genervt abzunicken, sondern wirklich zu akzeptieren, dass Gottes Wille geschieht.
Dass mein Plan, meine Wünsche und mein Wille nicht immer Gottes Wille sind. Ich wollte gerade sagen „leider“, aber eigentlich ist das nicht so. Das ist eine gute Sache. Gottes Wille geschieht, und manchmal sind Dinge nicht so, wie wir sie uns wünschen würden. Aber das ändert nichts daran, dass es Gottes Wille ist.
Und ich glaube, es tut uns gut, uns das immer wieder vor Augen zu führen.
Die Zukunft des Reiches Gottes
Dein Reich soll kommen.
Ich bin ein bisschen auf Social Media unterwegs. In den letzten Tagen hatte ich sehr viel zu tun mit vielen Hasskommentaren, Polemik und Menschen, die sich über verschiedene Dinge aufregen. Dabei begegnet man menschlichen Abgründen. Wenn man dann sieht, was Menschen digital so schreiben und das für die Ewigkeit festgehalten wird, denkt man sich manchmal: „Ui.“
Dann denke ich wieder an den ganzen Unsinn, den ich in meinem Leben schon erzählt habe, und bete: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Das macht es leichter.
Eine Sache hat mich aber wirklich, wirklich irritiert: Ein Pastor kam zu mir und nahm mich so ein bisschen väterlich zur Seite – zumindest habe ich das in seinen Worten so interpretiert. Er sagte: „Also, Markus, das mit Himmel und Hölle, komm schon, lass mal gerade sein, das ist doch alles nur fundamentalistischer Quatsch.“
Ich antwortete: „Okay, das steht in deiner fundamentalistischen Bibel.“ Er fragte: „Was, wirklich?“ Ich sagte: „Ja, schau dir mal die Stellen an.“ Er meinte: „Ha! Das ist alles nur übertragen gemeint.“
Ich entgegnete: „Okay. Also als Jesus zu dem mit ihm gekreuzigten Terroristen sagte, der mit ihm nackt bei Minusgraden zu Tode gefoltert wurde am siebten April 30, als er ihm sagte: ‚Ich sage dir, noch heute wirst du mit mir im Paradies sein‘ – da hat Jesus gelogen? Das war nur eine Metapher?“
Er antwortete: „Na ja, es kommt ein bisschen darauf an.“ Ich sagte: „Okay, also wenn Jesus das Gleichnis von der Hölle erzählt und sagt, dass sie nicht leer ist, dann hat er eigentlich gelogen, sondern er meint eigentlich nur: Seid gute Menschen.“
Er entgegnete: „Ja, vielleicht. Warum sagt er das denn nicht?“ Ich antwortete: „Ich weiß es auch nicht.“
Dann sprach ich weiter: „Wenn in Offenbarung 20 die Rede ist vom großen weißen Gericht vor dem weißen Thron und davon, dass nicht alle Menschen in den Himmel kommen, dann ist das nur übertragen gemeint?“
Er meinte: „Na ja, das sind alles Erfahrungen, die Menschen niedergeschrieben haben mit ihrem eigenen Glauben.“
Ich sagte: „Ja, aber steht in Offenbarung 1,1 nicht, dass das ein Bericht der Dinge ist, die später passieren werden? Das ist so ein bisschen, als ob du zum Wetterbericht sagst: ‚Na ja, wenn der Wettermensch sagt, morgen wird es regnen, dann schreibt er nur seine eigenen Erfahrungen mit dem Wetter von letzter Woche nieder.‘ Das haut doch nicht hin.“
Ich habe das Gefühl, dass wir manchmal die Bibel entschärfen wollen, indem wir sagen: „Na ja, es geht nur darum, irgendwie zu bewahren, dass es Gott gibt und ein guter Mensch zu sein.“
Wo ist denn da das Reich Gottes? Wo ist Gottes Souveränität? Wo erkennen wir denn da an, dass es eine Macht gibt, die größer ist als wir? Wo ist das?
Gottes Reich kommen heißt nicht etwas, das wir herbeirufen können, sondern es ist etwas, das später passieren wird. Im griechischen Text steht sehr deutlich: „El Theto hepassileia su“ – es soll dein Reich später kommen. Es ist nicht etwas, das wir hervorbringen, sondern etwas, das später passieren wird.
Das ist eine ganz, ganz wichtige Geschichte. Denn im biblischen Christentum, wenn das wirklich wahr ist, dann beginnt ein Menschenleben nicht mit der Geburt und endet 90 Jahre später mit dem Tod. Sondern wenn das biblische Christentum wahr ist, dann beginnt das Leben mit der Zeugung, geht über die Geburt, einen vorübergehenden Tod, eine Auferstehung und dann kommt die Ewigkeit.
Wenn das Christentum wahr ist, dann ist es nicht so, wie unsere buddhistischen Freunde meinen, dass sich alles immer im Kreis dreht und sich wiederholt. Sondern die Geschichte hat einen Anfangspunkt und einen Endpunkt.
Das bedeutet, dass alles, was wir tun, ein Haltbarkeitsdatum hat. Es ist eine tickende Uhr. Das ist spannend, weil unsere Tage gezählt sind. Die Frage ist: Was fangen wir damit an, um Gottes Reich zu bauen?
Jesus sagt an anderer Stelle: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er mehr Erntearbeiter schickt.“ Im Sinne von: „Ja, Gott sagt, das Reich Gottes könnte ich schon alleine bauen, aber mach doch mit.“ Das ist eine gute Sache.
Dafür sind wir Menschen, denke ich, auch ein Stück weit geschaffen: dass wir Gottes Willen auf der Erde umsetzen.
Das erste Gebot an die Menschen ist ja: „Seid fruchtbar, mehret euch. Ich habe euch die Erde untertan gemacht. Macht sie urbar, kümmert euch gut um sie in Verantwortung und Integrität.“ Macht es.
Die Heiligung des Namens Gottes
Geheiligt werde dein Name. Ist Gottes Name nicht schon geheiligt? Schadet es, wenn er noch mehr geheiligt wird? Was hat es eigentlich mit dem Namen auf sich?
Der Name ist etwas ganz Besonderes. Jeder von uns liebt es, wenn unser eigener Name genannt wird. Manchmal mögen wir unseren Namen mehr, manchmal weniger. Manche Menschen haben sogar vier oder fünf Namen, je nachdem, wie alt die Familientradition ist. Aber Namen sind immer etwas Besonderes.
Namen sind nicht nur deshalb besonders, weil sie unsere Identität ausdrücken. Nach biblischem Verständnis steckt noch etwas Tieferes dahinter. Das ist spannend: Eigentlich müsste jedes Mal, wenn in der Bibel vom Namen die Rede ist, ein Sternchen daneben stehen. Denn das müsste unten erklärt werden, weil es eine wichtige Sache ist.
Nach biblischem Verständnis beschwört man mit dem Namen die Gegenwart dessen herbei, dessen Namen man nennt. Bei Dämonenaustreibungen hat Jesus früher – oder die Jünger – immer versucht, nach dem Namen des Dämons zu fragen. Warum? Das scheint doch völlig irrelevant zu sein. Man könnte doch einfach sagen: „Du da, geh raus, du gehörst hier nicht hin.“ Reicht das nicht? Nein, nicht ganz.
Im biblischen Verständnis ist es wichtig, warum Gott möchte, dass sein Name geheiligt wird. Es ist sogar eines der Zehn Gebote. Die Zehn Gebote gibt es nicht nur, weil wir zehn Finger haben – vielleicht ist es eher umgekehrt –, sondern weil sie einen Sinn haben.
Nach Gottes Verständnis ist es so: Stell dir vor, du hättest in deiner Telefonliste oder in deinen WhatsApp-Kontakten einen direkten Kontakt zum Ministerpräsidenten. Du könntest ihm eine Nachricht schreiben oder seine Nachrichten innerhalb von, sagen wir, drei Stunden lesen. Das wäre schon spannend. Es hat auch mit Verfügbarkeit und ein bisschen mit Macht zu tun.
Noch spannender: Stell dir vor, du hättest den Threema-Kontakt des EU-Ratspräsidenten bestätigt, mit so einem grünen Sternchen. Da würde ich auf meinem Handy noch einmal ein sicheres Passwort einrichten. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber das birgt Missbrauchspotenzial. Egal, ob er auf dich hört oder nicht – allein die Tatsache, dass du ihm schreiben kannst und Einfluss nehmen könntest, ist etwas Besonderes.
Stell dir vor, du hättest eine direkte Durchwahl zum Bluetooth-Headset des Präsidenten der Vereinigten Staaten – egal welcher – und er würde auf dich hören. Du hättest die Möglichkeit, ihm etwas ins Ohr zu flüstern, und er würde dich zumindest hören. Ob er es tut, ist eine andere Frage, aber er würde dich hören.
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber lass dich mal auf diesen Gedanken ein. Ich persönlich hätte Angst. Angst, dass ich das irgendwann missbrauche. Angst, dass es in falsche Hände gerät – wobei meine Hände auch die falschen sein könnten. Angst, dass ich es in den falschen Situationen benutzen würde. Und vielleicht auch Angst, dass ich es niemals nutzen würde. Das kann ja auch falsch sein.
Wenn das biblische Christentum wahr ist, dann ist es so, dass jeder von uns – ich wollte gerade sagen ab der Geburt, aber eigentlich ist es ab der Zeugung – mit einer stehenden WLAN-Verbindung, einem offenen Funknetz, in diese Welt hineinkommt – zum allmächtigen Schöpfer.
Lass dir das mal auf der Zunge zergehen: Du wirst geboren mit deiner Seele, mit deinem Gewissen und mit einer stehenden Walkie-Talkie-Verbindung zu Gott. Du musst nur noch den Knopf drücken und sagen „Herr“, und er hört dich. Aber die Verbindung steht schon.
Das ist doch erschreckend. Jedes Mal, wenn du Gottes Namen ansprichst, jedes Mal, wenn du ihn anrufst, hört er dich. Was für eine Verantwortung, was für ein Privileg – aber auch eine große Verantwortung.
Und wie klein sind oft die Bitten, die wir an Gott richten! Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich würde den EU-Ratspräsidenten nicht bitten, mir eine Limo aus dem Keller zu holen. Wenn schon, dann würde ich mit ihm über richtig ernste Dinge sprechen.
Manchmal beten wir, glaube ich, zu klein. Das können wir ändern.
Die Anrede "Vater unser im Himmel"
Vater unser im Himmel – Gott ist wahrhaftig auf der Erde als Mensch. Er hört uns, aber er ist nicht physisch auf der Erde. Denn wenn er auf der Erde wäre und wir ebenfalls, dann wären wir nicht mehr auf der Erde. Das hat mit seiner Herrlichkeit zu tun; wir würden es nicht überleben. Selbst bei Mose konnte Gott nur vorbeigehen, dabei die Hand bedeckt halten und ihn von hinten sehen lassen.
Vater unser im Himmel – ein weiterer wichtiger Punkt: Warum steht hier nicht „mein Vater“? Könnte man im griechischen Text nicht auch „Pater Emu“ sagen, also „mein Vater im Himmel“? Im Griechischen wäre das möglich, genauso wie „Hagie Stelto“ und so weiter. Aber Jesus sagt nicht, dass wir so beten sollen. Er sagt: „Unser Vater“ sollen wir beten, „Vater unser“. Warum eigentlich?
Ist Gott nicht dein und mein geistiger Vater? Bedeutet das nicht, dass wir zu ihm kommen und sagen können: „Lieber Vater“? Ja, das heißt es. Aber noch mehr ist Gott der Vater der Gemeinschaft. Viele Zusagen in der Bibel gelten nicht nur dem Einzelnen, sondern der Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist nicht unbedingt an eine bestimmte Institution gebunden.
Die Gemeinschaft der Glaubenden, die Kirche, ist kein Ort, sondern eine Gemeinschaft von Menschen. Es ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Gemeinschaft der Nachfolgenden auf der Welt. Dieser Zuspruch gilt genau dieser Gemeinschaft. So wie in einer Ehe ein besonderer Zuspruch dem Ehepaar als Paar gilt, so gilt in einer Gemeinde ein besonderer Zuspruch der Gemeinde und nicht nur den einzelnen Mitgliedern.
Ebenso gilt dieser Zuspruch für die gesamte Christenheit. Ja, er ist dein, dein und dein Vater, wenn du möchtest. Gott gab uns das Recht, Kinder Gottes zu heißen, heißt es im Johannesevangelium. Das betrifft diejenigen, die seinen Namen annehmen. Aber er ist unser aller Vater.
Das sollte ein verbindendes Element sein. Bei allem, worüber wir in der Christenheit leidenschaftlich diskutieren – und das tun wir –, sind wir immer noch die gleiche Familie. Es ist wichtig, sich das vor Augen zu halten.
Die Bedeutung des Wortes "Vater" im Vaterunser
Und der letzte Punkt: Vater. Warum steht da eigentlich Vater? Im griechischen Text steht sehr eindeutig Pater, also nicht einfach nur Abi, Papa oder so. Das steht da nicht drin, sondern Vater – eher ein bisschen förmlich, nicht so wie „Herr Vater“ im neunzehnten Jahrhundert, aber schon ein bisschen respektvoll. Da ist das Gefälle sehr deutlich.
Was ist denn ein Vater? Ich kann ja sagen, was ein Vater nicht ist. Ein Vater ist nicht ein liebevolles, mildes Großväterchen, das einfach nebenbei sitzt, sich alles irgendwie anguckt, die Kinder mit Süßigkeiten zustopft und dann hofft, dass alle eine gute Zeit hatten. Wenn sich jemand das Knie aufschlägt, bringt er ihn zu den eigentlichen Eltern – das wäre ein liebes Großväterchen.
Aber was ein Vater ist, hat immer auch etwas zu tun mit – ich sage mal – einem unangenehmen Wort: Disziplin. Ein Vater hat auch immer etwas zu tun mit Grenzen. Ein Vater hat immer auch etwas damit zu tun, im Leben zu sagen: Das ist in Ordnung, und das ist nicht in Ordnung. Und nicht einfach nur zu sagen: Ich liebe dich, egal was du tust – auch wenn das stimmt –, sondern zu sagen: Ich liebe dich, und ich möchte, dass du dieses und jenes tust und dieses und jenes lässt.
Das ist ein Vater. Und unser Vater im Himmel – es ist sein Name, vor dem wir Respekt haben wollen, vor seiner Gegenwart. Sein Reich ist etwas, das zukünftig kommen wird, und wir wollen uns dem nicht verbauen, sondern daran mitbauen. Sein Wille soll geschehen, nicht unser, auch wenn wir uns das immer wieder wünschen würden.
Wir brauchen ihn, jeden Tag, immer wieder, für unser eigentliches, tatsächliches Leben, für jeden Atemzug. Wir bitten ihn, dass er uns unsere Schuld vergibt. Ohne das können wir nicht bestehen. Und weil wir vergeben worden sind, können und wollen wir vergeben.
Wir bitten ihn, dass wir nicht in Versuchung geführt werden, denn wir sind viel zu schwach, um das auszuhalten. An einer anderen Stelle heißt es, ich denke an 2. Korinther 10, dass, wenn Gott der Versuchung nicht ein Ende machen würde, wir sie gar nicht schaffen würden.
Wir brauchen diese Gnade jetzt schon, weil es manche Dinge gibt, die für uns zu große Herausforderungen sind. Erlöse uns von dem Bösen – und das hast du schon getan, Herr.
Dein ist das Reich, das kommen wird, dein ist die Kraft. Du bist die ursprüngliche Energie, du bist die Lebenskraft im Universum, und dir gebührt die Herrlichkeit – und das in Ewigkeit.
