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Echtsein - Leben unter Gnade #2

2. Korinther 9,6-821.07.2017
SerieTeil 5 / 6Echtsein
Wie man das Leben aus Gnade anfacht, mehr Gnade Gottes bekommt und Bitterkeit vermeidet.

Einführung in die Predigtreihe und das Thema

Hallo, wir stecken noch in einer Predigtreihe. Heute ist das die fünfte Predigt. Die Predigtreihe heißt „Echtsein“. Teil fünf ist überschrieben mit „Das Leben unter Gnade“.
Wir hatten uns schon das letzte Mal mit dem Thema Gnade beschäftigt. Und mir geht es heute ein vorletztes Mal um die Frage: Was heißt es eigentlich, unter Gnade zu leben?
Wenn wir ein Stückchen zurückgehen, dann haben wir miteinander die Frage betrachtet: Was heißt das eigentlich, unter Gesetz zu leben? Und ich hatte versucht, euch das Konzept zu erklären, das hinter dem Leben unter Gesetz steckt. Wer unter Gesetz lebt, der bastelt sich Regeln zusammen. Das können biblische Regeln sein, aber das müssen keine biblischen Regeln sein. Wichtig ist: Er bastelt sich Regeln zusammen, an die er sich hält, um Gott zu beeindrucken. Das ist Leben unter Gesetz.
Ich habe meine Regeln, und in dem Maß, wie ich mich an diese Regeln halte, in dem Maß glaube ich, dass ich mit Gott in Ordnung bin, dass Gott mich mag, dass Gott auf meiner Seite steht oder dass ich ewiges Leben bekommen habe.
Im Gegensatz dazu gibt es das Leben unter Gnade. Das Leben unter Gnade ist das Produkt einer echten Bekehrung, das Produkt eines echten Neuanfangs mit Gott, wo ich verstanden habe, dass ich, egal wie viele Regeln ich mir in meinem Leben gebe, niemals Gottes Maßstab erfüllen kann. Es geht immer darum, Buße zu tun, zu glauben, sich taufen zu lassen und dann ganz mit Gott aus dieser Position des Erlösten herauszuleben.
Letzte Woche habe ich euch den Begriff Gnade vorgestellt und erläutert, wie das in einer antiken Gesellschaft war. Vielleicht erinnert ihr euch daran, dass ich gesagt hatte: Das ist ähnlich wie in der Mafia, wo es dort einen Patron gibt, der Einfluss hat, und Klienten, die sich mit ihren Bitten an ihn wenden. Und in dem Moment, wo so ein antiker Patron auf die Bitte eines Klienten einging, entstand zwischen beiden eine Bindung. Und diese Bindung hat mit dem Wort charis zu tun. Charis übersetzt man mit Geschenk, Gnade, Gabe.
Charis ist zuerst einmal das, was der Patron dem Klienten gibt. Er ist ihm gnädig. Aber, und das war mir letztes Mal so wichtig: Charis bedeutet auch Dank. Vielleicht sogar so viel wie Loyalität. Also das, was der Klient dem Patron gibt. Mit demselben Wort charis wird Gnade und Geschenk beschrieben, also das, was der Patron dem Klienten gibt, wie auch Dank und Anhänglichkeit oder Loyalität oder Ehre, also das, was der Klient dem Patron gibt.
Zwei Seiten eines Kreislaufs, der dann auch gerne bezeichnet wird als der Tanz der Gnaden. Das Spannende dabei ist, dass wir als Christen dazu aufgerufen sind, diesen Kreislauf am Leben zu halten. Und deswegen müssen wir diesen Kreislauf verstanden haben.
Und ich will noch einmal einen Satz wiederholen, den ich in der letzten Predigt gesagt habe. Ich habe gesagt: Im Reich Gottes, wo Gott herrscht, beruht der Erfolg unseres Lebens nicht auf unserer Kraft oder auf unserem Gutsein, sondern allein auf der Gnade, die Gott darreicht.
Ich sage das noch mal: Im Reich Gottes, also wenn wir wirklich aus dem Reich der Finsternis hinübergegangen sind ins Reich Gottes, da, wo Gott herrscht, beruht der Erfolg unseres Lebens nicht auf unserer Kraft oder unserem Gutsein, sondern allein auf der Gnade, die Gott darreicht.
Ich bekomme seine Zuwendung in dem Maß, wie ich sie brauche, und auch in dem Maß, wie ich mich nach ihr ausstrecke, weil dem so ist. Also weil Jesus uns mit Gnade beschenken will. Weil geistliches Leben ein Leben aus Gnade ist, also aus den Ressourcen Gottes und nicht aus meinen eigenen.
Deswegen möchte ich heute mit euch über zwei Bibelstellen nachdenken. Diese beiden Bibelstellen drehen sich um das Thema Gnade, darum, wie man mehr, ein Übermaß oder auch zu wenig an Gnade bekommen kann.
Die erste Stelle findet sich in 2. Korinther 9,8. Da heißt es: „Gott aber vermag euch jede Gnade überreichlich zu geben, damit ihr in allem allezeit alle Genüge habt und überreich seid zu jedem guten Werk.“
So, das ist die positive Stelle. Gott vermag euch jede Gnade überreichlich zu geben. Gott ist kein armer Gott, der zu wenig Gnade hätte, die er weitergeben kann.
Und dann gibt es eine zweite Stelle, genau das Gegenteil, Hebräer 12,15: „Und achtet darauf, dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide, dass nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch zur Last werde und durch sie viele verunreinigt werden.“
Also 2. Korinther 9,8: jede Gnade überreichlich. Hebräer 12,15: an der Gnade Gottes Mangel leiden.
Geistliches Leben lebt davon, dass wir es lernen, uns mehr und mehr von Gott beschenken zu lassen. Darf ich das noch einmal wiederholen? Geistliches Leben lebt davon, dass wir es lernen, das ist also nicht normal, uns mehr und mehr von Gott beschenken zu lassen.
Das steckt eigentlich hinter der Formulierung, „jede Gabe überreichlich zu geben“. Gott gibt uns überreichlich. Es gibt diesen Gegensatz: Mangel an Gnade. Aber Gott möchte eigentlich überreichlich geben. Das ist seine Idee. Er möchte jede Gabe, jede Gnade, jedes Geschenk überreichlich geben.
Und deswegen muss uns die Frage beschäftigen: Wie lebe ich als Christ, als Kind Gottes so, dass Gnade, also dass von Gott beschenkt werden, immer mehr und mehr mein Leben prägt? Anders ausgedrückt: Wie schaffe ich Voraussetzungen dafür, dass Gott mir jede Gnade, sprich alles, was ich an Zuwendung brauche, um durchs Leben durchzukommen, überreichlich gibt?
Und ich möchte heute drei Punkte besonders herausarbeiten. Drei Punkte, die an und für sich relativ simpel sind, die uns aber befähigen, den Kreislauf der Gnaden von unserer Seite aus am Leben zu halten. Und ich fange mal mit dem ersten Punkt an.

Der erste Weg: Abhängigkeit und kindliches Vertrauen

Punkt eins
Wir brauchen die Haltung von Kindern. Was macht ein Kind, wenn man einmal voraussetzt, dass es einen Vater hat, der es liebt? Ein Kind rennt mit jedem Problem zu seinem Vater. Alles, was ihm auch nur ein bisschen zu groß erscheint, damit geht es zu seinem Vater und sagt: Schau her, ich habe ein Problem.
Und so wie Kinder, weil sie wissen, dass sie einen liebenden Vater haben, zu ihrem Vater rennen dürfen und sollen, und zwar mit allen Problemen, so ist das auch bei Gott. Wir dürfen und sollen mit allen unseren Problemen zu Gott rennen. Wenn wir das tun, dann nennt die Bibel diese Haltung Demut.
Demut ist nichts anderes als die Bereitschaft anzuerkennen, dass ich, egal worum es im Leben geht, Gott brauche. Deswegen heißt es in 1. Petrus 5,5 auch: Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.
Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zur rechten Zeit, indem ihr alle eure Sorge auf ihn werft; denn er ist besorgt für euch.
Ein schöner Vers, ein toller Vers, um ihn auswendig zu lernen. Auf der einen Seite steht: Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade. Und dann erklärt Petrus, wie man als Demütiger lebt: Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zur rechten Zeit, indem ihr alle eure Sorge auf ihn werft.
Indem ich meine Sorgen nehme, meine Nöte nehme und auf Gott werfe, weil ich glaube, dass er um mich besorgt ist, gebe ich zu erkennen, wem ich vertraue und aus wessen Kraft heraus ich leben möchte. Und das ist der Moment, in dem ich mich unter die mächtige Hand Gottes demütige.
Gnade kann in unserem Leben nur zunehmen. Gott kann uns nur dann beschenken, wenn wir ihm unsere Nöte bringen. Im Jakobusbrief, Jakobus 4,2, heißt es: Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet. Genau so ist es.
Salomo gibt in Sprüche 16,3 den Rat: Befiehl dem Herrn deine Werke, und deine Gedanken werden zustande kommen. Befiehl dem Herrn deine Werke, sag ihm, was du vorhast, sag ihm, wo du seine Hilfe brauchst.
David singt in Psalm 55,23: Wirf auf den Herrn deine Last, und er wird dich erhalten; er wird nimmermehr zulassen, dass der Gerechte wankt.
Merk dir: immer derselbe Tenor. Gib deine Sorgen ab, um das zu erleben, was Jesus dann so beschreibt in der Bergpredigt: Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet, und dem Anklopfenden wird geöffnet werden.
Wir müssen das unbedingt lernen: von morgens bis abends Gott darum bitten, dass er uns beschenkt, indem wir ihm die kleinen und die großen Probleme unseres Lebens bringen. Warum? Weil wir sie alleine nicht zu meistern brauchen, weil Gott uns beschenken will.
Und um einfach mal ein Bild zu gebrauchen: Gebet funktioniert nicht wie ein Airbag. Ein Airbag rettet uns bei einem Unfall. Es gibt den Unfall, und dann geht er auf. Manche Christen verwenden Gebet wie einen Airbag: Wenn nichts mehr geht, dann falten sie die Hände. Das ist gut, dass sie wenigstens dann beten, aber es ist irgendwie auch schade, weil Gott doch unser ganzes Leben segnen will, nicht nur die Katastrophen.
Gebet sollte nicht der Airbag unseres Lebens, sondern die Zündkerze sein. Bei einer Zündkerze darf man so: Funke, Funke, dann macht es beng, Funke, beng, Funke, beng, Funke, beng, die ganze Zeit. Das treibt den Motor an. Ohne die Zündkerze, ohne diesen kleinen Funken und dann das beng, würde der Motor stocken, stecken bleiben und aufhören zu laufen.
Und genau so sollte Gebet das sein, was unseren Lebensmotor antreibt. Unsere Abhängigkeit von Gott. Gott will alle unsere Probleme haben, nicht nur die großen. Das ist der erste Punkt: Gnade nimmt zu, wo wir Gott in aller Demut und Abhängigkeit regelmäßig darum bitten, dass er uns hilft.
Deswegen heißt es auch: Unser tägliches Brot gib uns heute. Ich darf jeden Tag neu mit Gott besprechen, was ich heute brauche: gute Ideen, Kraft, emotionale Stabilität, Gelingen bei den Aufgaben, die ich vor mir habe. Ich darf alles mit Gott besprechen. Punkt eins.

Der zweite Weg: Dankbarkeit als geistliche Gewohnheit

Punkt zwei. Zum Gnadenkreislauf gehört Dank. Ich hatte das ja am Anfang schon gesagt: Karis heißt übersetzt unter anderem Dank.
Dankbarkeit lebt davon, dass ich sehe, was Gott mir geschenkt hat. Und das ist, glaube ich, manchmal gar nicht so einfach. Der Apostel Paulus betet einmal für die Christen in Ephesus um erleuchtete Augen. Ein tolles Gebet. Erleuchtete Augen, genau genommen sind das erleuchtete Augen des Herzens. Also nicht Augen, die wir so im Kopf haben, sondern innere Augen, damit wir etwas verstehen.
Es passiert nämlich ganz leicht, dass wir betriebsblind werden. Dass wir Tag für Tag von Gott beschenkt werden und das gar nicht merken. Beziehungsweise uns der Menge und der Größe seiner Geschenke nicht bewusst sind. An genau der Stelle, wo Paulus in Epheser 1 für erleuchtete Augen des Herzens bittet, da will er, dass die Briefempfänger verstehen, wie großartig ihre Hoffnung ist, wie überreich Gott sie in alle Ewigkeit beschenken wird und wie überragend die Kraft Gottes ist, die in ihnen wirkt.
Er sagt damit so viel wie: „Schaut euch eure grandiose Zukunft doch mal genau an und schaut euch das göttliche Potenzial an, das in euch steckt.“ Man merkt schnell, wenn man ein bisschen über diese beiden Aspekte im Leben nachdenkt: unsere Zukunft, das Potenzial in uns, ein Blick auf die Größe der Geschenke, die Gott uns schon versprochen hat. Der geht schnell verloren. Vor allem dann, wenn da aktuelle Probleme sind.
Das können Gelenkschmerzen sein, Stress auf Arbeit, ein hässlicher TÜV-Bericht, Prüfungsstress, kleine Kinder. Diese Dinge, diese aktuellen Probleme, schaffen es ganz leicht, dass wir den Blick weg von den großartigen Geschenken Gottes auf die alltäglichen Schwierigkeiten des Lebens lenken. Und genau das ist fatal.
„Zu Gottes Ehre geschaffen“, sagt der Prophet Jesaja. Und ich springe noch mal in die Antike: Von den antiken Klienten wurde zum Teil erwartet, dass sie sich morgens vor dem Haus des Patrons einfanden, um ihn zu grüßen, also ihn öffentlich zu ehren und ihm ihre Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Und es ist gut, wenn wir uns dessen bewusst sind, dass wir in Gott unseren Patron haben, der dasselbe verdient: Dank und Ehre.
In diesem Kreislauf der Gnade, wo Gott uns mit Charis, mit Gnade und Gaben beschenkt, erwartet er von uns Dankbarkeit, Ehre, Loyalität. Jesus hat seine Jünger gelehrt, dass sie jeden Tag beten sollen. Das ist das Vaterunser. Und sie sollen ihr Gebet damit beginnen, Gott großzumachen. Das steckt hinter dem Ausdruck: „Geheiligt werde dein Name.“
Für mich persönlich bedeutet das, dass ich mein tägliches Gebet immer mit Dank und Anbetung starte. Ich denke also jeden Tag kurz über den vergangenen Tag nach und suche mir immer so zehn bis zwanzig Punkte, für die ich danken kann. Und dann nehme ich mir ganz bewusst Zeit, Gott zu ehren, indem ich über sein Wesen nachdenke und über das, was er Großartiges für die Menschen getan hat beziehungsweise immer noch tut. Und ich nehme diese Dinge und ich feiere sie. Ich beschenke Gott mit Dank und Anbetung.
Und weil ich das jeden Tag tue, hat das dazu geführt, dass ich wirklich gerne danke. Also Danken ist so etwas wie eine gute Gewohnheit in meinem Leben geworden. In Epheser 5,20 heißt das einmal, dass wir allezeit für alles danken sollen. Das ist so die Richtung, in die es geht: mit einem dankbaren Herzen unterwegs zu sein, weil ich weiß, dass Gott es nur gut mit mir meint.
Also der erste Punkt war Sorgen abgeben, der zweite Punkt ist zu lernen, Gott zu danken. Kommen wir zu einem dritten Punkt.

Der dritte Weg: Hingabe an Gottes Reich

Ich nenne den dritten Punkt einen Satz: Gott beschenkt die, die ihn beschenken.
Wir schauen uns dazu einfach noch einmal die erste Bibelstelle von den beiden an, die ich betrachten wollte: 2. Korinther 9. Paulus spricht im engeren Zusammenhang von einer Sammlung, die er für verarmte Christen in Jerusalem durchführen wollte. Was Paulus will, ist Folgendes: Er möchte, dass die Korinther gerne viel zu dieser Sammlung beitragen.
Jetzt möchte er sie ermutigen, und er macht das mit den Worten aus 2. Korinther 9,6-8: Wer sparsam sät, wird auch sparsam ernten; und wer segensreich sät, wird auch segensreich ernten. Es geht hier, wie gesagt, nicht um eine echte Ernte, sondern um Geld. Wer viel gibt, bekommt auch viel zurück.
Dann: Wie soll man geben? Vers 7: Jeder gebe, wie er es sich in seinem Herzen vorgenommen hat, nicht mit Verdruss oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber liebt Gott. Und dann kommt Vers 8. Also erst die Ermutigung: Gib viel. Dann die Art und Weise: mit einem fröhlichen Herzen. Und jetzt: Warum kann ich es mir erlauben, viel zu geben? Gott aber vermag euch jede Gnade überreichlich zu geben, damit ihr in allem allezeit alle Genüge habt und überreich seid zu jedem guten Werk.
Was hier steht, ist Folgendes: Wir können Gott mehr geben als nur Dank. Wir können in sein Reich investieren. Wir können unser ganzes Leben als ein Opfer einsetzen, um sein Reich zu bauen. Und was Paulus betont, ist: Wenn wir das tun, wenn wir uns mit unserem Leben, mit unseren Optionen an Zeit, Geld, Kraft und Talent in Gottes Reich investieren, dann wird er sich in uns investieren.
Das Verrückte bei einem solchen Lebensstil, wo man all in geht, wo man wirklich viel für Gottes Reich wagt, ist nun Folgendes: Wir werden, und zwar weil Gott uns dazu motiviert, nicht aus einer Leichtfertigkeit heraus, auch nicht um Gott zu versuchen, sondern weil Gott uns Dinge aufs Herz legt, weil er uns motiviert, einen Glaubensschritt zu wagen, der vielleicht ein klein bisschen verrückt ist. Wir werden solche Schritte gehen und uns plötzlich in Situationen wiederfinden, wo wir alles gewagt haben und gleichzeitig die Voraussetzung dafür geschaffen haben, dass Gott uns in besonderer Weise beschenken kann.
Ich will das noch einmal anders beschreiben: Der Gläubige wagt manchmal Dinge, die ihn an einen Punkt bringen, wo er wirklich Gottes Hilfe braucht. Wo er, wenn Gott nicht helfen würde, in gewisser Weise verloren wäre. Und in diesem Moment, wo ich, Paulus würde sagen, mehr gegeben habe, als es natürlich gesund ist, wird Gott jede Gnade überreichlich geben, weil er will, dass wir in allem allezeit alle Genüge haben und überreich sind zu jedem guten Werk.
Gott hat kein Interesse daran, uns dazu zu bringen, dass wir viel geben und am Ende verarmt sterben. Oder dass wir viel in sein Reich investieren und am Ende immer nur als die Dummen dastehen. Es ist andersherum. Solange wir aus Gnade leben, gilt unsere erste Sorge dem Reich Gottes. Wir überlegen, wie wir unser Leben und unsere Ressourcen für Gott einsetzen können, wie wir den Menschen dienen können, die in Not sind, wie wir auf Jesus hinweisen können.
Deswegen hängt jetzt genau in der Altstadt in Spandau ein Plakat, wo draufsteht: Vergiss nicht unser Meeting, Jesus Christus. Damit weisen wir Leute darauf hin, dass es Gottesdienst gibt. Wir leben für Jesus, und wir vertrauen darauf, dass er uns alles gibt, was wir zum Leben brauchen. Und das wird er tun. Das ist das, was Paulus sagt: Wenn du investierst in sein Reich, dann wird er dir geben. Gott beschenkt uns in dem Maß, in dem wir ihn beschenken. Und das ist der dritte Punkt. Und deswegen habe ich ihn mal Hingabe, Einsatz genannt.
Also: Wie halten wir diesen Kreislauf der Gnade am Laufen? Drei Dinge.
Punkt eins: Gib deine Sorgen bei Gott ab. Sag ihm, was dich bedrückt. Nicht erst, wenn sprichwörtlich die Kacke am Dampfen ist, sondern wann immer dich etwas bedrückt. Immer und immer und immer und immer wieder. Du hast einen Vater im Himmel, der dich liebt.
Zweitens: Lerne es, allezeit für alles Danke zu sagen. Mach das Danken zu einer guten Gewohnheit in deinem Leben. Tu es viel mehr, als du denkst, dass du es brauchst. Tu es für den, der die Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte und dein Leben in seiner Hand hält, egal, ob dir das gerade bewusst ist oder nicht. Glaub mir, es gibt unglaublich viel in unserem Leben zu danken.
Und der dritte Punkt ist: Lebe als Jünger Jesu, der sein Leben bewusst einsetzt, um Gottes Ziele mit dieser Welt zu verfolgen. Verzettel dich nicht in Gedanken über Urlaub, Fußball, Fernsehserien, Essen, Hobbys. Denk vielmehr darüber nach, wie du mit deinen Gaben und mit deiner Zeit und mit deinen Finanzen Gottes Reich bauen kannst. Dann wirst du auch erleben, dass Gott dich beschenkt.
Und ich will ganz ehrlich sagen: Du wirst auch Zeiten erleben, die herausfordernd sind, klar. Aber ich lebe genau das, was ich gerade predige, seit fast dreißig Jahren, und ich kann es jedem nur wärmstens empfehlen. Gott meint es wirklich gut mit uns. Es lohnt sich. Es lohnt sich, darauf zu setzen, dass Gott uns als ein gütiger Gott beschenkt. Es lohnt sich wirklich.

Warnung vor einem Leben mit Gnadenmangel

Kommen wir zu dem anderen Teil. Das war jetzt das Gute, das Positive, mehr Gnade. Es gibt aber auch einen Mangel an Gnade. Und ich lese noch einmal Hebräer 12,15:
Und achtet darauf, dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide, dass nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch zur Last werde und durch sie viele verunreinigt werden.
Ein ganz dramatischer Vers. Wir sollen darauf achten, dass niemand in der Gemeinde an der Gnade Gottes Mangel leidet. Wir hatten den Vers schon in einer der letzten Predigten, und ich hatte damals den Mangel an Gnade so ausgelegt: Da hat sich jemand noch nicht bekehrt. Da ist jemand zwar in der Gemeinde angekommen, aber noch nicht bei Gott. Diese Auslegung ist richtig.
Der Hebräerbrief ist geschrieben an eine Gemeinde, in der es Gläubige gibt, die gar keine Gläubigen sind. Gläubige, in denen ein Herz des Unglaubens steckt. Und es ist wichtig, dass wir, wenn wir den Eindruck haben, dass Geschwister noch nicht durchgedrungen sind zu einem echten, wahren Glauben, dass wir ihnen das sagen.
Aber ich glaube, dass wir den Vers auch ein Stück weiter fassen dürfen. Ich glaube, dass er darüber hinausgeht. Auch Christen, also echte gläubige Christen, können an der Gnade Gottes Mangel leiden. Das heißt, sie sind begnadigt, was ihre Schuld angeht, aber sie leben nicht aus der Gnade.
Wisst ihr, man kann begnadigt sein, gerettet sein, erlöst sein, Kind Gottes sein und doch wieder anfangen, unter Gesetz zu leben. So nach dem Motto: Ich bin gerettet aus Gnade, aber alles, was jetzt danach kommt, der gesamte Komplex der Heiligung und der Lebensveränderung, mein ganzes geistliches Leben, das muss ich jetzt selber schaffen. So etwas hat Gott mir einmal geschenkt, und jetzt kommt es darauf an, dass ich mich würdig erweise, dass ich aus mir selber heraus eine Antwort darauf gebe. Und Gott hält sich da irgendwie zurück.
Und so geht es wirklich leicht, dass Menschen, die aus Gnade gerettet wurden, plötzlich wieder unter Gesetz leben. Sie stellen sich biblische Regeln auf, an die sie sich ganz streng halten. Grundsätzlich ist nichts gegen Regeln. Aber die Erwartung ist: Ich halte mich da dran, und irgendwie schleicht sich da der Gedanke ein, dann brauche ich weniger Mithilfe von Gott, dann schaffe ich das, weil ich die Regeln habe und halte irgendwie selber.
Und so sehr ich für gute Regeln bin: Ich glaube, wir sollen das Wort Gottes in- und auswendig kennen, und wir dürfen mit Überzeugungen leben, und gute Gewohnheiten sind der Hammer. Nichtsdestotrotz leben wir immer aus Gnade. Und wenn jemand anfängt, die Regeln überzubewerten und zu denken: Jetzt muss ich das mit den Regeln selber schaffen, jetzt halte ich mich mit aller Kraft an den Regeln fest, und dann wird das schon irgendwie werden, dann kann es ganz leicht passieren, dass so jemand, obwohl er gerettet ist, Mangel an Gnade erlebt. Dass er es nicht mehr erlebt, dass Gott ihn jeden Tag beschenkt.
Lass mich das kurz illustrieren. Ich habe hier eine Plastikbox mit einem blauen Deckel mitgebracht. Ich weiß nicht, ob ihr wisst, wer der beste Cheesecake-Bäcker der Gemeinde ist. Also, ich glaube, es zu wissen. Ich mag mich irren, ich habe noch nicht alle Cheesecakes probiert, die hier gebacken werden, aber für mich ist Holger der beste Cheesecake-Bäcker der Gemeinde. Wir haben uns gestern getroffen, er hat Kuchen mitgebracht, und der Kuchen war in dieser Plastikbox mit dem blauen Deckel. Und seht ihr, jetzt ist die Box leer.
Und das ist ein gutes Beispiel für Mangel an Gnade, wenn Christen es nicht lernen, ihre Sorgen abzugeben. Wenn sie es nicht lernen, fleißig zu danken und Gottes Reich zum Wichtigsten in ihrem Leben zu machen, dann fühlen sie sich bald so wie jeder, der diese leere Box sieht. Ihr wisst, da könnte ein Cheesecake drin sein, und zwar der mit den Blaubeeren oben drauf und dem super schokoladigen Boden unten drunter. Aber die Box ist leer.
Ein Mangel an Gnade ist immer ein Mangel an Gutem, ein Mangel an Genuss Gottes, wie diese Plastikbox ohne Cheesecake. Und das Verrückte, und darauf weist uns der Hebräerbriefschreiber hin: Wo das passiert, wo jemand an der Gnade Gottes Mangel leidet, wo er das nicht regelmäßig erlebt, dass Gott ihn beschenkt, wo er nicht feiern kann, den Tanz der Gnaden, da wird er irgendwann daran verzweifeln. Und zwar daran verzweifeln, wie wenig Gott sich um ihn kümmert.
Dann werden seine Sorgen ihn dominieren, dann wird ihm der Dank sprichwörtlich im Hals stecken bleiben, und irgendwann wird Gottes Reich keine wirkliche Rolle mehr in seinem Leben spielen, wenn er diszipliniert ist. Nach außen mag noch alles ganz gut aussehen, aber im Herzen: Wer nicht aus Gnade lebt, für den ist Gott kein liebender Vater im Himmel, sondern ein Täuscher. Einer, der Cheesecake verspricht und leere Plastikboxen ausliefert.
Wer nicht aus Gnade lebt, der wird irgendwann bitter werden. Hier, wie heißt es hier? Und achtet darauf, dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide, dass nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch zur Last werde und durch sie viele verunreinigt werden.
Wer nicht aus Gnade lebt, wird bitter. Bitter auf die Geschwister, bitter auf sein Schicksal, bitter auf Gott. Und der Vers sagt, diese Bitterkeit wird für die Gemeinde ganz schnell zur Last. Und schneller, als einem das lieb ist, meckert man mit, wird selber bitter, vielleicht hört man selber auf zu danken, hört selber auf, seine Sorgen bei Gott abzugeben, zieht sich so ein Stückchen aus der Gemeinde zurück.
Denn wenn das erst einmal anfängt mit der Bitterkeit, ja, Bitterkeit ist eine Sünde, die leicht um sich frisst.

Schluss: Zurück in den Kreislauf der Gnade

Und deswegen lasst mich diese Predigt mit einer Frage beenden: Hast du manchmal den Eindruck, dass Gott dich vergisst? Dass er alle anderen mit Gutem beschenkt, aber für dich bleibt nur die leere Plastikbox? Die anderen essen den Cheesecake, aber du gehst leer aus.
Bist du manchmal auf die Geschwister, auf dein Leben oder auf Gott sauer? Und vielleicht hast du dich schon ein bisschen zurückgezogen, hast schon aufgehört zu danken, behältst deine Sorgen lieber für dich und gehst in deinem Herzen auf Abstand zu Gott.
Wenn das so ist, und auch wirklich, wenn das nur im Ansatz so ist, dann möchte ich dir heute Mut machen. Mut machen, radikal aus Gnade zu leben.
Mut machen, dafür zu sorgen, dass in deinem Leben der Kreislauf der Gnade sich schneller und immer schneller dreht. Weil du es mehr und mehr lernst, in dem Moment, wo ein Problem kommt, es abzugeben. Wo du etwas Schönes siehst, zu danken. Und dass einer, der es gewohnt ist zu danken, auch dann sogar zu danken, wenn man erst mal so ein Stück sagt: Hm, ich weiß noch gar nicht, ob das so gut ist, aber danke, Herr!
Dich hinzugeben ans Reich Gottes und zu sagen: Ich investiere mich hier, weil ich damit die Voraussetzung schaffe, dass mehr und mehr Gnade Gottes in mein Leben hineinfließt.
Es lohnt sich wirklich. Gott segne dich. Amen.

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