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Wie Schafe mitten unter die Wölfe

Matthäus 10,16-3124.10.2011
Warum scheuen wir Leiden so sehr? Jesus sendet dich nicht in Sicherheit, sondern mitten in Widerstand – und verspricht: Du musst nicht aus eigener Kraft bestehen.

Der Auftrag Jesu und die Wirklichkeit der Bedrängnis

Jesus spricht: Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Hütet euch aber vor den Menschen, denn sie werden euch den Gerichten überantworten und werden euch geißeln in ihren Synagogen. Und man wird euch vor Statthalter und Könige führen um meinetwillen, ihnen und den Heiden zum Zeugnis.
Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt. Denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können. Fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht.
Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Amen!
Es gibt unter uns viele Christen, die leben unangefochten, und für die ist Leiden ein ärgerliches Rätsel und völlig unverständlich. Für sie ist ein gutes Leben, Wohlstand, Bequemlichkeit, Wellness, Gesundheit oder zumindest Schmerzfreiheit das höchste Ziel im Glauben, um das sie beten. Dass man für Christus leidet, ist für sie ein blinder Fleck. Sie kennen das nicht, sie haben es ausgeklammert. Dabei wird vergessen, dass von Anfang an zwischen Jesus und den Mächten der Welt ein tiefer Gegensatz war, ja eine Konfrontation. Und darum wurde Jesus ans Kreuz genagelt.
Auch die ersten Christen gingen Jesus auf dem Passionsweg fröhlich, voll Mut und Zuversicht nach. Sie sahen darin kein Unglück, kein Missverständnis, dass sie verfolgt werden, sondern den unvermeidlichen Weg mit Christus, einen Weg voller Verheißung und Freude. Sie nannten es sogar eine Würde, für Jesus leiden zu dürfen.

Das Zeugnis der schwachen Boten

Darum leiden Christen zunächst einmal und werden bedrängt wegen ihres Gehorsams gegenüber Jesus. Siehe, ich sende euch, sagt Jesus. Was Christen in einer von Gott abgefallenen Welt zu erwarten haben, stellt Jesus klar. Ich sende euch, und nun will er ein Beispiel geben: wie Schafe mitten unter die Wölfe, die Mächte dieser Welt, die sich gegen Jesus und sein Wort sperren.
Darum ist das Evangelium ein ärgerlicher Fremdkörper in dieser Welt. Und in der Spur von Jesus sind auch die Nachfolger Jesu wehrlos ihren Feinden ausgeliefert, unter hungrigen Wölfen. Es dauert nur wenige Augenblicke, und die Schafe sind zerrissen. Sie sind ja ohnmächtig, und das hat Jesus ganz bewusst so gewollt. Er hat sie gesandt ohne Geld, ohne Gold und ohne Silber. So sollen sie die Boten von Jesus sein.
Und das ist jetzt ganz entscheidend: Diese Ohnmacht, diese Machtlosigkeit der Jesusboten in aller Welt, sind allein darauf angewiesen, dass Jesus ihnen die Vollmacht gibt, in aller äußeren Schwachheit. Schließlich sind sie ja Boten der großen Ernte des Reiches Gottes, denen Jesus so viel Verheißung gegeben hat.
Aber für uns ist wichtig, dass die Boten Jesu in der Verfolgung und in der Bedrängnis nur als wehrlose, machtlose und stille Lämmer den reißenden Wölfen, die ihnen nach dem Leben trachten, das Zeugnis von Jesus, das Zeugnis der Liebe, weitergeben können. So wie Jesus auch noch am Kreuz für seine Verfolger gebetet hat. Und dieser Weg hat für Christen einzig Verheißung in dieser Welt, wenn seine Gemeinde bereit ist, für ihn das Kreuz ihm nachzutragen.
Denn auch diese Verfolger brauchen das Evangelium, und sie können es nur durch wehrlose Schafe erfahren, die den Wölfen vorgeführt werden. Diese mächtig sich aufspielenden Verfolger sind, wie es Jesus sagt, verschmachtet wie Schafe, zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und darum bezeugt die bedrängte und verfolgte Christengemeinde auch ihren hassenden Bedrängern die Liebe von Jesus. Und darum hat auch die verfolgte und bedrängte Christengemeinde teil am Sieg vom Kreuz.
Und das war so seit den ersten Tagen der Christen, durch die Verfolgung der römischen Cäsaren bis zum Höhepunkt der Maurevolution in China, ja heute bis hin zu den Märtyrern im islamistischen, hinduistischen und buddhistischen Terror. Immer wieder war die Christenheit versucht, dem Leiden auszuweichen. Es war ganz leicht: Sie mussten bloß das Evangelium verraten, nicht mehr von Jesus reden, mit der Welt paktieren, mit den Mächtigen der Welt und sich anpassen.
Eindeutig hat Jesus dem eine Abfuhr erteilt und gesagt: Du meinst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist. Und Jesus hat es eine Einflüsterung Satans genannt. Denn das Kreuz von Jesus widerspricht allen Menschenmeinungen und Mächten der Welt. Es ist das Evangelium vom Kreuz, das auch die Götter und Geister dieser Welt entthront, durch das Evangelium und durch das Zeugnis seiner schwachen Boten, die ohnmächtig dastehen, aber doch in Vollmacht das Evangelium sagen.
Nur in dieser wehrlosen Selbstaufgabe, im Untergang aller menschlichen Kräfte, bricht das Reich Gottes unter dem Kreuz an. So war es dann bei den Waldensern, so war es bei den Hugenotten, so war es bei den Hussiten, und so war es in der Missionsgeschichte bei den unzählig vielen Märtyrern, die mit dem Zeugnis von Jesus auf den Lippen fröhlich in den Tod gegangen sind.

Hoffnung, die aus dem Kreuz wächst

Die Gemeinde Jesu sammelt sich auch heute unter dem Kreuz, weil es für uns ja kein anderes Heils- und Siegeszeichen gibt. Unter dem Kreuz, und auch unter den Völkern, wird die Erinnerung an Jesus wachgehalten, weil es nur in seinem Kreuz und in seinem Kreuzestod Hoffnung und Zuversicht für alle Völker der Welt gibt. Es gibt keine andere Erlösung und kein anderes Heil.
Mich hat es beeindruckt, wie die schwer bedrängten Gemeinden in Nordnigeria nach diesen furchtbaren Massakern immer gesagt haben: Wir haben noch so viele Freunde im Militär, wir könnten so leicht zurückschlagen und dann die islamistischen Tankstellen und Häuser anzünden und uns rächen für den Tod unserer Frauen und Kinder. Aber dann wäre unser Zeugnis nichts mehr, und die große Zahl der Muslime, die dort im Norden Nigerias durch das wehrlose Leiden der Christen zum Glauben kommen, wäre gestoppt. Nur dieses eine Zeugnis dort hat Verheißung, Bedeutung und Gültigkeit.
Und darum ein Zweites: Was Jesus hier in diesem Wort sagt, ist dies: Das Leiden der verfolgten Gemeinde ist ein mächtiges Zeugnis. Die Boten Jesu werden in die Welt gesandt, um ein Zeugnis zu geben. Wir meinen ja oft, wir müssten der Welt unser vorbildliches Leben vorführen, wie gut wir sind. Das ist nicht das Zeugnis der Gemeinde. Unsere Frömmigkeit ist es nicht, auch nicht die Schönheit unserer Gottesdienste oder die Weisheit unserer Theologie. Auch nicht die Werte, die wir vertreten, werden einer Welt Eindruck machen.
Um meinetwillen, sagt Jesus, sollt ihr Zeugnis geben. Und dieses Zeugnis gibt die verfolgte Gemeinde durch ihr ganzes Wesen: um meinetwillen Zeugnis von Jesus. „Schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn, noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes“, mahnt Paulus den jungen Timotheus. Das ist eine Aufgabe: für Jesus die Schmach, die Verfolgung und das Leiden zu tragen.
Und was taten die Apostel in der ersten großen Verfolgungswelle in Jerusalem? Mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung von Jesus. Das war der Schlüssel ihres Wirkens. Und darum ist die vorrangige Aufgabe, die eine Christengemeinde in der Welt hat, das Jesuszeugnis von seinem Kreuzestod zur Erlösung von Sünde, Tod und Teufel zu verkünden und seinen Ostersieg, den auferstandenen, lebendigen Herrn, vor aller Welt und vor allen Völkern zu bezeugen.

Verfolgung als Weg der Reinigung und Bewahrung

Genau das sagt Jesus in dieser Aussendungsrede: Man wird euch vor Statthalter und Könige führen, um meinetwillen ihnen und den Heiden zum Zeugnis.
Wenn Sie in dem neuen Band von Helmut Seemskra von Moltke, Der Briefwechsel mit seiner Frau Freya aus dem Gefängnis in Berlin, lesen, wie er noch einmal erzählt, wie das war vor dem Volksgerichtshof, wo er sagt: „Darum stand ich nur noch dort“, mit der rhetorischen Frage: „Nehmen Sie Ihre Befehle von Adolf Hitler oder vom Jenseits?“ Und ich sage: „Ich war froh, dass das deutlich wurde“, sagt Moltke. „Ich stand als Christ da, und ich konnte ihm bezeugen, dass ich nur so leben kann, indem ich Christ bezeuge.“
Und darum ist der verfolgten Gemeinde alles entzogen, was ihr Mut, Geborgenheit und Hoffnung geben könnte. Sie ist ins Sterben geführt. Es erschüttert uns oft, wenn wir sehen, mit welcher Armut diese Christen leben. Aber weil sie so arm ist, kann diese Gemeinde sich nur noch, wenn sie überhaupt überleben will, nur noch auf Jesus vertrauen, nur noch auf sein Wort, auf seine Verheißungen. Und diese Bindung an den sendenden Herrn allein schafft dann diese völlig gewisse Geborgenheit, so dass auch die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen können.
„Sorgt euch nicht, was ihr reden sollt“, sagt Jesus. Ausgerechnet diese ohnmächtige und geschlagene Gemeinde bekommt von Jesus eine besondere Verheißung: Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern eures Vaters Geist, der durch euch redet.
Es ist der Geist des himmlischen Vaters, der in seiner bedrängten Gemeinde in der entscheidenden Stunde dieses Wort sagt. Das Herzen überwindet selbst der Feinde und der höhnenden Spötter. Widerstand, Feindschaft, selbst Ohnmacht kann die leidende Gemeinde nicht ängstigen, weil sie das Wort hat: das Wort des Evangeliums, das Jesuswort, die Botschaft, ganz wörtlich das Zeugnis, die Martyria.
Dieses Evangelium ist allein das, was Christen in der Hand haben, wenn sie die Mächtigen dieser Welt entthronen, auch die Geister und Götter der Religion in der Mission, auch der Finsternis Welt. Und wegen dieses einfältigen Zeugnisses von Jesus und wegen ihres Bleibens bei seinem Wort wird sie angegriffen, wird sie gehasst, wie die Welt schon vorher Jesus gehasst hat und verworfen hat, weil die Jesusgemeinde auch ganz anders ist als die Welt, und das ärgert. Darum wird sie gehasst. Aber das gehört mit zu ihrem Zeugnis, dass sie mit diesen Worten von Jesus im gehorsamen Leben bleibt. Und dabei bleibt sie: Das ist ihr Zeugnis, das ist das Evangelium.
Vom Wort Gottes her kann man allein das Geschehen, das hier abläuft, richtig begreifen. Davon hat Jesus gesprochen: Wenn der Weinstock beschnitten wird, kann er mehr Frucht bringen. Und im Leiden führt Jesus seine Gemeinde wieder zu ihrer ursprünglichen Bedeutung zurück. So war es in der langen Geschichte der Christen, wenn sie sich wieder ganz hineinverwoben hat in das Geflecht dieser Welt, mit den Regierenden verbunden war, mit Thron und Altar. Und dann findet die Gemeinde wieder zu ihrer ursprünglichen Bedeutung zurück durch das Leiden.

Die verborgene Herrlichkeit der bedrängten Kirche

Und gerade weil auch ganz schonungslos die Ohnmacht und die Schwäche der Jesusleute aufgedeckt wird, kann die ganze Welt sehen: Das sind ganz schwache Leute, sie sind an die Wand gedrängt.
Aber noch in dieser ganzen Kümmerlichkeit erleben wir die Schönheit und die Kraft der Jesusgemeinde in dieser Welt, wie es in Jahrhunderten immer wieder aufgeleuchtet hat und wie es in der Offenbarung an die Gemeinde von Smyrna gesagt ist: Ich weiß deine Armut, um dann gleich hinzuzusetzen: Du bist aber reich, unsagbar reich.
Wer Jesus hat, hat das Leben, und er hat alles, auch in der Verfolgung. Und es sind ja gerade die Märtyrer aus unseren Tagen, nichts so Ergreifendes wie diese chinesischen Märtyrer, die 23 Jahre im Straflager waren und es auch mir persönlich bezeugt haben: So nah waren wir noch nie in der Freude bei Jesus. Wer versteht das in den eiskalten KZ, in denen sie waren, wie sie allein waren und keinen Bruder hatten? Und dann geschah dieses Wunder, dass sie Jesus entdeckten und erfuhren und sein Wort hatten.
Es ist ja so, dass die gottlosen Bindungen dieser Welt und die gottlosen Mächte dieser Welt über die Gemeinde immer bestimmen wollen. Sie suchen, Macht über die Seelen und Gewissen der Christen zu haben, über Leib und Leben. Aber das ist ganz wichtig: Die verfolgte Gemeinde hat entdeckt, dass wir diese Mächte, wie sie auch trotzen, nicht zu fürchten brauchen. Sie können ja Seele und Gewissen nicht töten, sie können nur den Leib töten.
Und da fürchten sie vielmehr Gott und sagen: Wir wollen eines nicht verspielen, wir wollen von Gott nicht in die Hölle verworfen werden, so steht es im Jesuswort. Und um dieses einen Zieles willen bleiben sie dabei und haben in Jesus ihren Rückhalt. Sie sagen: Was die Welt tut, das ist begrenzt durch Gottes Gericht und durch Gottes Zulassung, und die Zeit dieser Leiden ist kurz, aber die Ewigkeit ist lang.
Darum kennt die verfolgte und bedrängte Gemeinde nur eine Furcht: von Gott verworfen zu werden. Und das macht sie fest, nicht weil der Charakter so fest wäre, sondern das Wissen, dass es eine Verwerfung gibt und dass es eine Hölle gibt, und wir wollen selig werden. Wir wollen treu sein bis zum Ende und den Kampf bestehen, den uns Jesus gestellt hat.
Und so wie Jesus gesagt hat: Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch vor meinem himmlischen Vater bekennen, darum wollen sie treu Jesus bekennen, damit sie da dabei sind vor dem Vater, an jenem Tag, wenn Jesus sich zu ihnen bekennt.

Treue, Trost und das letzte Wort Gottes

Samuel Lemter, Leiter der allergrößten Hauskirchengemeinde Chinas aus der Millionenstadt Guangzhou, hat ausgesprochen, was viele verfolgte Christen denken. Er sagt den Christen im Westen, sie sollen nicht um Freiheit für uns beten, so wörtlich: Der mäßige Druck vonseiten der Regierung hält uns nah beieinander und nah beim Herrn.
Als die Traurigen, aber allezeit fröhlich. Als die Armen, die doch viele reich machen. Als die nichts haben und doch alles haben. Dreimal sagt Jesus: Fürchtet euch nicht. Und das ihnen aufgetragene Wort bleibt bis ans Ende gültig.
Und das steht ganz ähnlich in Lukas 21: Das wird euch widerfahren zu einem Zeugnis. Damit ihr Zeugnis geben könnt, so nehmt nun zu Herzen, dass ihr euch nicht vorher sorgt, wie ihr euch verantworten sollt. Denn ich will euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Gegner nicht widerstehen noch widersprechen können. Und kein Haar von eurem Haupt kann verloren gehen. Krasser kann man es nicht mehr sagen. Seid standhaft, und ihr werdet euer Leben gewinnen.
In den kommunistischen Verfolgungen in Russland war es den Christen immer wichtig, am Ende nicht um Freiheit zu bitten, sondern ein hohes Gericht. Sie müssen ihr Leben einmal am jüngsten Tag vor dem lebendigen Gott verantworten, und ich schulde ihnen dieses Zeugnis. Und das, was sie heute getan haben, hat Bedeutung für das, was sie einmal am jüngsten Tag erleben. Nicht um Freiheit bitten, sondern das Zeugnis ausrichten.
Und die leitende Gemeinde macht uns den bleibenden Schatz des Wortes Gottes groß, so wie Nikolaus Selnecker vor 450 Jahren in Rinteln nach einem schrecklichen Psychoterror als Dozent Theologie erlebt hat und dann gedichtet hat: Dein Wort ist unseres Herzens Trutz und deiner Kirche wahrer Schutz. Dabei erhalt uns, lieber Herr, dass wir nicht anderes suchen mehr.
Sie erleben: Das Wort Gottes trägt uns in diesen Stunden, und nicht wir tragen das Wort. Und diese Bibeltreue wird auch heute zum entscheidenden Kennzeichen der verfolgten Gemeinde weltweit.
Verfolgungen haben nie bloß zerstört. Sie haben viel zerstört, aber nie bloß, sondern große Frucht gewirkt. Dass das Blut der Märtyrer der Samen der Kirche ist, das wissen wir ja. Es mag sich bei uns immer wieder der Wahn einschleichen, als seien wir von uns aus so schöne Persönlichkeiten, so kluge Kanzelredner, dass wir stark wären, um dem Evangelium Nachdruck zu verleihen. Als ob ausgerechnet wir sündigen und oft auch untreuen Leute das Evangelium attraktiv machen könnten.

Der Ruf zur Wachsamkeit und das Ende im Vertrauen

Darum ein Letztes: Die leitende und verfolgte Gemeinde wird wunderbar bewahrt. Eure Haare auf dem Haupt sind alle gezählt. Frieden, Geborgenheit und Schutz durch Jesus – das erlebt die bedrängte Gemeinde auch in der schlimmsten Verfolgung.
Und der Druck kommt von allen Seiten, am schlimmsten von innen, aus der Gemeinde selbst. Ein Bruder wird den anderen dem Tod preisgeben, der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören gegen die Eltern und werden sie töten helfen. Dazu kommt die ruhelose Flucht. Nirgendwo ist ein Bleiben möglich. Und immer gilt es genau wie bei Jesus.
Und darum warnt Jesus: Hütet euch vor den Menschen! Christen brauchen sich nicht zu fürchten vor Menschen, aber hüten sollten sie sich vor einer oberflächlichen Vertrauensseligkeit. Aus dem Wort von Jesus wissen sie, dass es das Gute im Menschen nicht gibt. Hütet euch vor den Menschen! Ja, die Mächtigen der Welt können auch der bedrängten Gemeinde nicht helfen. Ihnen schuldet die Christenheit das Zeugnis vom Kreuz. Darum darf dieses Klugsein, das wie die Schlangen nicht zum Tricksen führen.
Bonhoeffer hat so wunderbar in seiner Nachfolge darauf hingewiesen, dass er die Gefahr der Christen sieht, dass sie schlau sein wollen. Er sagt: Menschliche Vernunft verführt oft zu faulen Kompromissen, die nicht göttlich sind. Nur das einfältige Vertrauen, das war Bonhoeffer wichtig, auf den Herrn Jesus und die gehorsame Treue zu seinem Wort bewahrt vor Irrwegen, die Jesus und sein Wort verleugnen.
So ist der eigentliche Grund der Bedrängnis der Gemeinde der Hass auf Jesus von jedermann. Gerade darin muss sich aber die Treue der Gemeinde zum Wort bewähren. Das macht den schweren Leidensweg der verfolgten Gemeinde so wunderbar. Es ist doch der Siegesweg von Jesus Christus in dieser Welt. Wo sie mit Christus leidet, wird sie mit Christus zur Herrlichkeit erhoben werden. Das ist eine Verheißung der Bibel, die Jesus so oft erfüllt hat. Allein so hat die Gemeinde einerseits Teil am Leiden, aber andererseits auch Teil am Mitherrschen im Reich Gottes.
In den Briefen des Apostels Paulus ist Leiden für Christus immer verbunden mit unaussprechlicher Freude. Ich freue mich, wenn ich leiden darf, Kolosser 1. Oder: Wie die Leiden reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus, 2. Korinther 1.
Kürzlich konnte man lesen, wie eine Besuchergruppe aus Laos und Kambodscha überrascht festgestellt hat, dass die Jesusgemeinde dort trotz Verfolgung wächst. Nicht trotz, muss es heißen, sondern wegen. Zu allen Zeiten in der Christenheit haben Leiden und Verfolgung immer zum Wachsen der Gemeinde geführt. Wie heftig und grausam die Verfolgung auch war, sie hat immer tiefer in das Begreifen des Wortes Gottes hineingeführt und tiefste Gemeinschaft mit Christus geschenkt.
Warum? Weil der Gemeinde alles Äußere abgestreift wurde: Macht, Einfluss, Geld, Anerkennung, Ehre von den Menschen. In großer Armut blieb nur noch Christus, Jesus und sein Evangelium. Und in dieser Konzentration auf das Wesentlichste und Wichtigste wird die bedrängte Gemeinde durch ihr Jesuszeugnis nur so Licht und Salz der Welt.
Der Blick auf die verfolgte Gemeinde könnte heute auch die tiefe Glaubenskrise unserer Christenheit überwinden, wenn neu erkannt wird, dass Jesus Christus, wie in der Heiligen Schrift bezeugt, allein der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Wie schon im Kirchenkampf mit der Nazi-Ideologie als Bekenntnis formuliert, darf es keine Bereiche unseres Lebens mehr geben, in denen wir anderen Herrn als Jesus Christus zu eigen wären. Er ist das eine Wort Gottes, ich zitiere, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Und weiter aus dem Barmer Bekenntnis: „Er allein kann uns befreien aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.“ Darum ist der Leidensweg der Christen kein böses Zufallsschicksal, auch kein Unglück und kein Verhängnis, sondern voller Verheißung. So sagt das Evangelium.
Und nicht zuletzt ist dieses Leiden ein Bußruf, ein ganz lauter Bußruf an eine leidensscheue und weltförmige Christenheit. Und deshalb möchte ich schließen mit einem Gebet von Adam Thebesius, der vor 350 Jahren im schlesischen Liegnitz das Martyrium auf furchtbare Weise damals im Dreißigjährigen Krieg erlitten hat, in seinem herrlichen Passionslied „Du großer Schmerzensmann“:
„O hilf, dass wir auch uns zum Kampf und Leiden wagen und unter unserer Last des Kreuzes nicht verzagen. Hilf tragen mit Geduld durch deine Dornenkron, wenn's kommen soll, mit uns zum Blute, Schmach und Hohn!“
Amen.