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Begeistert von der Güte Gottes Gott ist mit uns. Ich bin ein Wurm und das ist gut so. - Wirklich?

03.03.2018
Serie•Teil 2 / 3Begeistert von Gottes Güte
Du musst nicht erst groß genug werden. Die eigentliche Frage ist: Wer steht an deiner Seite – und kannst du dein Ego loslassen, damit Jesus sichtbar wird?

Einordnung des Themas und Rückblick auf den ersten Teil

So, für alle, die neu dazugekommen sind, wenn jemand neu dazugekommen ist: Tagesseminar 2017, begeistert von der Güte Gottes, Teil 2. Achtzehn, richtig! Warum bin ich irgendwie immer noch achtzehn? Ja, mein Skript mal ändern, mein Skript hat sonst immer Recht.
Der Titel der Predigt kommt ein bisschen sperrig rüber. Er heißt: „Gott ist mit uns, ich bin ein Wurm und das ist gut so“ – wirklich? Ich möchte mich im Namen der Planer für diese literarische Meisterleistung entschuldigen. Dafür lasst euch mal überraschen, wo es hingeht.
Ich gehe noch mal kurz zurück. Bei meinem ersten Vortrag ging es mir darum, dass wir begreifen, wie sehr sich unsere Identität in dem Moment ändert, wo wir uns bekehren. Ich habe fünf Dinge vorgestellt und mehrfach gesagt, es gibt viel mehr. Wir sind geliebte Kinder Gottes, wir sind Himmelsbürger mit ganz großartigen Zukunftsaussichten, wir sind Gottesdiplomaten, wir sind Teil einer neuen Menschheit und wir sind solche, über die Gott jubelt. Gottes Güte erschöpft sich bei weitem nicht mit diesen fünf Punkten.
Es gibt ein Buch von einem Herrn Anty Anderson: „Neues Leben, neue Identität“. Wer das nicht kennt und wer sagt, mich interessiert dieses Thema, besorgt euch das, lest es euch durch. Es gibt sogar ein Arbeitsbuch für Hauskreise. Es lohnt sich einfach zu wissen, wer ich nach meiner Bekehrung bin. Und biblisch heißt es dann: „in Christus“. Wer ich in Christus bin, das war mein erster Vortrag.

Die Spannung zwischen moderner Selbstsicht und biblischer Nachfolge

Jetzt Achtung! Wir müssen, wenn wir gerade feiern, wer wir sind, ein Stück weit aufpassen, dass wir gedanklich nicht falsch abbiegen. Und ich werde jetzt mal für eine halbe Stunde ein Thema einwerfen, bei dem ihr vielleicht denkt: Ups, was hat das mit der Güte Gottes zu tun?
Ich hoffe, es gelingt mir am Ende, den Bogen zu schlagen, sodass ihr sagt: Stimmt, das war gut. Wenn nicht, dann müsst ihr in der Fragerunde noch einmal eure Fragen stellen, okay?
Wo will ich hin? Während Jesus in der Bergpredigt die Armen im Geist glücklich heißt, also die Menschen, die sich ihrer Nichtigkeit, ihrer Hilflosigkeit, ihrer Abhängigkeit und ihrer Erlösungsbedürftigkeit zutiefst bewusst sind, Menschen, die als Bettler vor Gott stehen, feiert das 20. Jahrhundert den Menschen in seiner Großartigkeit und in seiner Eigenständigkeit, in seiner Unabhängigkeit und Selbständigkeit.
Dieses neue und auch unbiblische Denken wird oft von Begriffen getragen, die sich vielleicht auch in unseren Ohren positiv anhören, obwohl sie, wenn man sie mal biblisch hinterfragt, zutiefst antigöttlich und heidnisch sind. Ich denke an Begriffe wie Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstverwirklichung, Selbstakzeptanz, Selbstliebe. Das sind Begriffe, und es gibt noch mehr als die, die ich jetzt gesagt habe, aber ihr wisst jetzt, wo ich hin will: Begriffe, die ein und dieselbe Idee transportieren, nämlich dass ich irgendwie wichtig bin, dass es mich gibt, dass es mein Selbst gibt, dem ich einen Wert geben muss, auf das ich lernen muss, dem ich vertrauen muss, das ich verwirklichen muss, das ich annehmen muss, das ich lieben muss.
Und wenn ich das mit meinem Selbst nicht mache, dann verspiele ich ein zufriedenes Leben. Ich riskiere vielleicht sogar im schlimmsten Fall eine psychische Erkrankung. Das ist das, was man landauf, landab mitbekommt. Die Botschaft dieser Welt lautet: Leben besteht darin, die eigenen Bedürfnisse, die Bedürfnisse meines Selbst, zu erkennen und zu stillen.
Weiter weg von der Wahrheit könnte das Denken eines Menschen kaum sein. Aber trotzdem wird uns das suggeriert, und das wird geglaubt, auch von Christen. Also auf der einen Seite dieses: Verwirkliche dich selbst, packe dein Leben an, steh zu dir selbst, trau dich, Nein zu sagen und deine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Und auf der anderen Seite steht eine christliche Botschaft, ein Evangelium, und das hört sich etwa so an: Stirb. Stirb mit Jesus am Kreuz. Akzeptiere, dass du ein Bettler bist, ein Sklave ohne Rechte, ein Wurm ohne Wert.

Selbstverleugnung als Kern der Jüngerschaft

Dieses Selbst im Zentrum meines Lebens hat ganz viele Gesichter. Es zeigt sich in Form von Egoismus, Rassismus, Neid, Zorn und Angeberei. Es zeigt sich aber auch in Selbstmitleid, unrealistischen Erwartungen an andere, Unzufriedenheit, Undankbarkeit oder der Angst vor dem Urteil anderer Menschen. Ich habe weniger Angst vor dem Urteil, das Gott über mich spricht, als davor, dass andere Menschen schlecht über mich reden. Dazu kommt eine übertriebene Abhängigkeit von Gefühlen, ein Mangel an Gottesfurcht und fehlende Korrekturbereitschaft. Hinter all diesen Dingen steckt letztlich, dass ich mich persönlich viel zu ernst nehme und mich selbst ins Zentrum meines Lebens stelle.
Persönlich glaube ich, dass ein Mangel an Selbstverleugnung das größte Problem ist, das ich in der Seelsorge vorfinde. Ich weiß jetzt nicht, was andere Älteste hier im Raum denken, aber die meisten Seelsorgefälle in dem, was ich so zu bearbeiten habe, also typisch Gemeindliches, wären überhaupt keine Fälle, wenn die Betroffenen sich selbst ein bisschen weniger wichtig nehmen würden.
Ich weiß nicht, wie oft mir jemand sein Schicksal klagt. Und der erste Gedanke, den man dabei hat, ist ein Gedanke, den man als Seelsorger immer hat. Du hörst dir das an, ja, und dann hast du diesen ersten Impuls. Den sagst du meistens nicht, aber du hast ihn trotzdem. Und dieser erste Impuls ist bei mir ganz häufig: Jetzt stirb doch einfach! Also nicht im wirklichen Sinne, nicht in dem Sinn, dass der Tod umfällt, sondern stirb einfach, so wie man am Kreuz mit Christus stirbt. Jetzt hör doch mal endlich auf, dich und deine Pseudobedürfnisse so ernst zu nehmen. Werde doch irgendwo mal ein bisschen mehr wie Jesus. Versuch doch einfach mal, andere höher zu achten als dich selbst.
Das ist der erste Gedanke, der oft durch mich hindurchflutscht, weil ich mir denke: Boah ey, Lukas 9,23. Da sagt der Herr Jesus: Er sprach aber zu allen: Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf täglich und folge mir nach. Irre! Nachfolge hat damit zu tun, dass ich mich selbst verleugne, dass ich mein Kreuz aufnehme.
Und bitteschön: Das Kreuztragen bedeutet nicht einfach nur, Schwierigkeiten zu ertragen, okay? Das haben wir daraus gemacht. Aber in der damaligen Zeit war es so, dass du, wenn du aus dem Fenster geschaut hast und vielleicht in Jerusalem gewohnt hast und da unten einen gesehen hast, der sein Kreuz trägt, nicht gedacht hast: Oh, was hat der für Schwierigkeiten. Sondern du hast gedacht: Der ist tot. Der hat mit dem Leben abgeschlossen. Das bedeutet sein Kreuztragen: Von diesem Leben nichts mehr erwarten. Zu sagen: Ich bin eigentlich schon tot. Ich laufe noch zur Hinrichtungsstätte, aber ich habe in diesem Leben nichts mehr vor. Ich habe mich nicht noch für morgen Abend zum Grillen verabredet, weil ich gleich sterbe. Das heißt, sein Kreuz tragen.
Und Jesus sagt: Wenn jemand mir nachkommen will, dann lebt Nachfolge davon, dass ich mich selbst verleugne und dass ich mit diesem Leben abschließe. Ich lebe hier noch, weil ich mitleben muss, aber eigentlich, wenn du mich fragst, wo willst du hin, wo bist du mit deinen Gedanken, dann bin ich eigentlich schon woanders. Ich mache das hier noch mit. Und weil der Prediger sagt, dass Gott der Geber aller guten Gaben ist und dass wir ein bisschen Freude mitten in den Mühen brauchen, damit wir das auf lange Sicht durchhalten, gönne ich mir einen Ruhetag und gönne mir ein gutes Essen und einen guten Wein. Ich bin zutiefst biblisch.
Aber ich werde dafür sorgen, immer zu verstehen, dass dieses Leben nicht mein Leben ist, okay? Es ist ein anvertrautes, geborgtes Leben, an dem ich zeigen kann, wie gut ich mit Fremdem umgehe, um dann in der Ewigkeit mein Leben zu kriegen und das Leben zu leben, auf das ich mich heute freue, für das ich eigentlich gemacht bin und wo all das sich erfüllt, was ich mir wünsche. Aber heute geht es um Selbstverleugnung, darum, sein Kreuz zu tragen.

Selbstliebe, Realität und die Frage nach dem eigenen Wert

Und jetzt denkt der eine oder andere vielleicht: Jürgen, aber ist es nicht so, dass ein Mensch ein gesundes Selbstwertgefühl braucht? Spricht nicht auch die Bibel davon, dass wir uns lieben sollen?
Und die Antwort lautet: Nein. Die Bibel spricht davon, dass wir uns ganz selbstverständlich selbst lieben.
In Epheser 5,29 heißt es: Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und pflegt es, wie auch der Christus die Gemeinde.
Keiner von euch ist heute Morgen aufgestanden und hat überlegt: Wie kann ich mir den Tag möglichst versauen? Das wäre sein Fleisch hassen. So nach dem Motto: Ja, ich gurgle jetzt erst mal mit alten rostigen Nägeln, damit es mir so richtig schlecht geht. Das macht man nicht. Du stehst auf und denkst: Es ist kalt draußen, ich muss mich ein bisschen wärmer anziehen. Richtig? Wir lieben unser Fleisch. Wir wollen nicht frieren, wir wollen nicht hungrig sein. Du weißt, wie du gut mit dir umgehst.
Und deswegen kann Jesus uns auch auffordern, den Nächsten so zu lieben wie uns selbst. Weil unsere natürliche Liebe, die Liebe für uns und unsere Bedürfnisse, der Vergleichspunkt ist, mit dem ich messe, wie ich andere lieben soll. So wie du dich ganz normal liebst, so geh bitte mit anderen um.
Achtung, man kann einander vorbeireden. Es gibt ein zu geringes Selbstwertgefühl, aber es gibt in meinen Augen nicht zu wenig Selbstliebe. Genau genommen ist es sogar so, und das müsst ihr vielleicht noch einmal in Ruhe weiterdenken, weil das jetzt in dem Vortrag nur so eine Randnotiz ist: Wenn uns ein zu geringes Selbstwertgefühl belastet, dann doch eigentlich nur deshalb, weil wir uns zu sehr lieben.
Also ein Beispiel: Nehmen wir an, ich schaue in den Spiegel und denke: Mann, ich müsste echt abnehmen, ich sehe aus wie ein Fettklos. So, das kann man ja denken. Wenn jetzt dieser Gedanke meinem Selbstwertgefühl zusetzt, dann doch nur, weil ich mich liebe, oder? Würde ich mich hassen, dann würde ich in den Spiegel schauen und sagen: Super, ich bin hässlich. Aber weil ich mich liebe, deshalb will ich gut aussehen.
Merkt ihr: Selbstliebe ist total angeboren. Selbstliebe ist nichts, was wir aufbauen müssen, wir müssen sie überwinden. Und deswegen spricht Jesus davon, dass wir uns selbst verleugnen müssen.
Ich habe das von einem anderen Prediger geklaut, aber ich fand es einfach so schön. Der fragte: Weißt du, was du tun solltest, wenn du ein geringes Selbstwertgefühl hast? Antwort: Freu dich dran, genieße es so lange du kannst, denn wenn du wirklich gering von dir denkst, dich selbst nicht zu ernst nimmst, sprich demütig bist, was macht Gott mit den Demütigen? Dann wird Gott dich erhöhen, und dann fangen die Probleme von alleine an. Ich fand das super.
Ein geringes Selbstwertgefühl ist oft einfach nicht mehr als total realistisch, und deswegen ist das auch nicht schlimm.
 Psalm 22: Ihr wisst, Psalm 22 ist der Psalm, den Jesus am Kreuz zitiert: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Im Psalm 22 beschreibt der Psalmist prophetisch die Gefühle des Messias am Kreuz. Und da heißt es in Vers 7, das ist das, was Jesus am Kreuz denkt und fühlt, Psalm 22,7: Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.
So empfindet er sein Leben in diesem Moment. Und wenn du manchmal denkst: Mich mag keiner, ich bin hier der Arsch vom Dienst, weißt du, vielleicht trifft dein Empfinden einfach die Realität, weil dich keiner mag. Das kann doch sein. Wir folgen einem Herrn, der anscheinend kein Problem damit hatte, sich wie ein Wurm zu fühlen, weil es einfach die Realität beschreibt. Und wenn Jesus das von sich sagt, was ist dann so schlimm daran, dass ich das auch von mir denke?
Aber Achtung: Du musst das natürlich auch glauben. Das heißt nicht, du musst einfach nur nachplappern. Wenn Paulus von sich spricht, habt ihr mal gesehen, wie der sich nennt? Der sagt: Ich bin ein Narr um Christi willen. Und das stimmt. Das ist nicht so Fishing for Compliments. Ich sage mal was, wenn mir die anderen sagen: Nee, nee, du bist viel besser. Der sagt: Ich bin ein Narr, ich sehe das doch, wo ich hinkomme, mich halten sie mal für den Deppen. Und ich gehe diesen Weg unten durch, ich bin ein Narr um Christi willen.
Er sagt: Ich bin Unrat und Abschaum. Und er meint das so. Er beschreibt seine Erfahrung, und er hat irgendwie überhaupt kein Problem damit. Denn problematisch ist ein geringes Selbstwertgefühl nur für den, der sich liebt.
Aber jetzt stell dir mal vor, du wärst wirklich mit Christus gestorben. Das ist ja das, was wir sagen, was bei der Bekehrung passiert. Bei der Bekehrung, ja, da sterbe ich mit Christus am Kreuz. Und du könntest dann sagen: Weißt du was, ich bin ein Wurm, ich bin Abschaum der Welt und Christus-Narr. Und ich habe null Probleme damit. Stell dir mal vor, du könntest das einfach so sagen.
Es ist so: Ja, ich, Jürgen Fischer, habe aus meinem Leben nichts gemacht. In den Augen der Welt bin ich ein Dummkopf, ein Laienprediger, der für ein paar Dutzend Typen nach Neubrandenburg fährt und sich den Samstag hier in diesem wunderschönen Ort um die Ohren schlägt. Das war sarkastisch.
Versteht ihr, ich schaue mir mein Leben an und denke mir: Ja, von außen betrachtet, wenn ich so mit Leuten rede, ich habe meinen persönlichen Bereich, wo ich gerne mit Leuten rede, das ist in einer kleinen Zigarrenlounge. Da sitzen eigentlich nur Leute, die irgendwie sechs- oder siebenstellig verdienen. Ich fühle mich da manchmal so klein mit Hut, was die für Probleme haben.
Das Problem am Samstag war, wie teuer ein Ladegerät für die Batterie eines Rolls-Royce ist. Ich kann euch das jetzt sagen, versteht ihr? Ich komme immer nach Hause und sage meiner Frau, was ich an neuem unnützen Wissen gelernt habe, weil Dinge sind einfach viel zu weit weg für mich.
Das sind Leute, die im Leben stehen, die wissen, wenn du es mal wissen möchtest, wie man eine Viertelmillion am Fiskus vorbeibringt. Also, ich kann es dir sagen, ich weiß es inzwischen. Ich habe die Viertelmillion nicht, aber ich höre diese Gespräche und denke mir: In den Augen dieser Leute bin ich der letzte Depp. Versteht ihr?
Und jetzt ist die Frage: Kann ich dazu stehen und einfach sagen: Ja, das ist wahr. Das ist jetzt nicht so, ich muss mich jetzt nicht so ein bisschen aufpumpen wie so ein Frosch, der Luft in sich reinpumpt, damit er ein bisschen größer wirkt, wenn die Schlange kommt, sondern ich kann ganz ehrlich sagen: Ja, das ist so. Mein Lebenskonzept ist absolut anti zu allem, was in der Zeitung steht. Ich bin nämlich mit Christus gestorben, und ich lebe für Jesus, und das ist gut so.
Und wenn du sagst, du hast nichts aus deinem Leben gemacht, dann sage ich dir: Stimmt. Nach den Wertmaßstäben dieser Welt habe ich aus meinem Einzelabi nichts gemacht. Ja, ja, das ist so. Es ist mir nur scheißegal. Wisst ihr, ich bin mit Christus gestorben. Ich lebe nicht mehr dafür, dass irgendeiner sagt: Boah, bist du toll!
Und wo ich mich darin ertappe, da tue ich Buße drüber. Das ist die Realität. Solange mein aufgeblasenes Ego nicht mit Christus am Kreuz gestorben ist, so lange will es nämlich etwas darstellen, will es seiner angeborenen Selbstliebe frönen und setzt alles daran, bloß das eigene Leben nicht zu verlieren.
Und was sagt Jesus? Jesus sagt in Johannes 12,24-25: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. Und jetzt kommt’s: Wer sein Leben liebt, wird es verlieren; wer aber sein Leben in dieser Welt hasst, wird es zum ewigen Leben bewahren.

Der Blick weg von sich selbst hin zu Christus

Bis hierher die Vorbemerkungen. Ich hoffe, du hast den ersten Vortrag noch im Ohr: Meine Identität in Christus.
Es ist modern geworden, in unseren evangelikalen Kreisen von unserer Identität in Christus zu reden, davon, wer wir in Christus sind. Und nach allem, was ich jetzt gesagt habe, habe ich Angst, dass sich bei uns, quasi während wir über den ersten Vortrag nachdenken und während wir darüber nachdenken, wer wir alles in Christus sind, Botschafter Gottes, Himmelsbürger, neu, Kinder Gottes usw., ein Gedanke durch die Hintertür einschleichen könnte, der ungefähr so geht:
Also grundsätzlich bin ich ein Niemand, aber in Christus bin ich plötzlich wieder wer.
Und vor diesen Gedanken habe ich Angst. Denn in dem Moment, wo ich das glaube, in dem Moment, wo ich sage: grundsätzlich bin ich ein Niemand, ein Nichts, ein Wurm, Unrat, Abschaum, grundsätzlich verleugne ich mein Leben, trage ich mein Kreuz, erwarte ich nichts mehr von diesem Leben, grundsätzlich ist Jesus alles, und ich bin nichts, er muss zunehmen, ich abnehmen. Aber, und aber ist immer schwierig, bei einem Aber muss man aufpassen: aber in Christus, da bin ich doch wieder irgendwer, weil ich aus einer Welt komme, wo man wer sein muss, wo das nicht reicht, nichts zu sein.
Und jetzt schnappe ich mir diese schönen Gedanken zur Identität in Christus und blase mich und meinen Wert einfach mal so richtig kräftig auf. Und plötzlich gibt es nämlich mich mit meinen Bedürfnissen und meinen Rechten und meinen Ängsten und meinen emotionalen Grenzen und was auch immer noch sonst. Plötzlich gibt es mich wieder. Plötzlich doch nicht Abschaum, doch nicht Wurm, doch nicht Unrat.
Und davor habe ich Angst.
Und jetzt merkt ihr, warum ich diesen zweiten Vortrag hier reingeschoben habe. Passt an dieser Stelle bitte auf: Wenn wir uns darüber Gedanken machen, wer wir in Christus sind, dann ist der Fokus alles entscheidend. Und der Fokus drückt sich manchmal in der Sprache aus. Ich gebe zu, ich habe euch da bewusst im ersten Vortrag ein ganz kleines bisschen in eine falsche Richtung geführt, also nicht bösartig, aber schon so, dass ihr es hoffentlich jetzt merkt.
Ich mag nicht so gerne davon sprechen, wer ich in Christus bin. Ich rede lieber davon, wer Christus in mir ist.
Ich sage das nochmal: Ich mag nicht so gerne davon sprechen, wer ich in Christus bin, sondern ich mag es, darüber zu reden, wer Christus in mir ist. Merkt ihr den Unterschied, den Fokus?
Wenn ich darüber nachdenke, wer ich in Christus bin, dann denke ich über mich nach. Aber das steht nicht in der Bibel. Nirgends geht es in der Bibel darum, dass wir darüber nachdenken, wer wir sind. Wenn du jetzt sagst: Doch, ich habe da eine Stelle, bring sie. Aber das ist nicht der Fokus der Bibel. Es geht nicht darum, wer wir sind, es geht um Jesus, ihn sehen, ihn erkennen, das ist ewiges Leben.
Und es ist und es bleibt völlig wurscht, wer ich bin.

Gottes Antwort auf die Frage nach dem Ich

Am Horeb, bei Mose, am brennenden Dornbusch, spricht Gott und beauftragt Mose damit, das Volk Israel aus Ägypten herauszuführen. Und was sagt Mose? Schöne Stelle, ich mag das. Mose aber antwortet Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Söhne Israel aus Ägypten herausführen sollte? Wer bin ich?
Ey, so eine falsche Frage. Das ist völlig falsch. Und wisst ihr, was Gott an der Stelle tut? Total schön. Ja, eigentlich müssen wir uns anschauen, was er nicht tut. Er sagt jetzt nicht: Mose, ich muss mal dein negatives Selbstbild aufbauen, ja, ich flöße dir jetzt mal so eine Extraportion Selbstvertrauen ein. Er wirft ihm auch nicht vor, dass er durch 40 Jahre Ziegenhüten in der Wüste so demütig und realistisch geworden ist. Gott sagt auch nicht: Mose, du musst verstehen, wer du in mir bist. Nichts von alledem.
Warum? Und den Satz dürft ihr mit nach Hause nehmen, weil ich ihn toll finde. Er ist in meinem Dienst der befreiendste Satz, den es überhaupt nur gibt. Und wenn du ihn noch nie gehört hast, stick ihn dir irgendwo drauf und häng ihn dir in deine Küche. Also ganz wichtig: Warum macht Gott das nicht? Weil es im geistlichen Leben überhaupt keine Rolle spielt, wer wir sind. Ich finde das so toll, ich sage das gerne noch mal: Weil es im geistlichen Leben überhaupt keine Rolle spielt, wer wir sind. Überhaupt keine Rolle spielt, wer wir sind.
Gott baut sein Reich durch Eselinnen. Dann wird er das auch mit Eseln schaffen. Also das kann nicht so kompliziert sein. Gott baut sein Reich durch Eselinnen. Alles dreht sich im geistlichen Leben um genau einen Punkt, und der Punkt heißt nicht: Wer bin ich? Der Punkt ist ein ganz anderer. Der Punkt lautet: Wer ist mit uns? Ganz anderer Fokus, der Richtige. Nicht: Wer bin ich?, sondern: Wer ist mit uns? Das ist das Entscheidende, und das ist Gottes Antwort.
Und wenn wir über Güte Gottes reden, merkt man: Das muss irgendwo etwas mit Güte Gottes zu tun haben, damit zu tun haben, wie wir Gottes Güte erfahren. 2. Mose 3, der nächste Vers: Da sprach er: Ich werde ja mit dir sein. Das ist Gottes Antwort auf niedriges Selbstwertgefühl. Und die besteht darin, sie besteht nicht darin, dass er uns zeigt, wer wir in Christus sind, sondern dass er uns zeigt, wer mit uns ist: Immanuel, Gott mit uns, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.
Das ist Gottes einzige Antwort auf die Nichtigkeit des Lebens. Ich hoffe, dass bei dem einen oder anderen, der jetzt schon mitgekommen ist bei dem, was ich gesagt habe, eine unglaubliche Befreiung erlebt. Denn wenn das so ist, als ich das das erste Mal begriffen habe, hatte das bei mir viel mit dem Buch Prediger zu tun. Das ist zutiefst im Buch Prediger verankert, dieses Denken. Ich werde noch zwei, drei Mal auf den Prediger heute zu sprechen kommen, aber ihr müsst ihn unbedingt selber mal studieren.
So dieses Wissen: Ey, es ist völlig Wurst, wer ich bin und was ich kann und ob ich mich toll finde und wer mich mag, es ist völlig Wurst, wenn Gott will. Dann nimmt er dich und sagt: Hey, ich bin mit dir, lass uns die Welt umkrempeln oder Neubrandenburg oder die Einsteinstraße, keine Ahnung. Wenn Gott will, ist alles möglich. Du musst nicht auf dich schauen und irgendwie schauen, dass du gut dastehst und dich ein bisschen toller findest. Das ist völlig Wurst, vergiss es, das wirst du nicht. Und wenn du es tust, ist es wahrscheinlich eh nicht wahr oder es hält nur bis zur nächsten Menstruation oder wenn der Kaffeekonsum wieder einbricht oder sonst wo. Das ist alles so wischiwaschi, ist völlig unwichtig, wie du über dich denkst. Entscheidend ist, wer mit uns ist.
Und deswegen kannst du alles, alles kritische Denken über dich und dieses Kleinliche, das kannst du alles einfach mal in die Tonne treten. Brauchst du nicht. Gott ist mit mir, Halleluja, huu, ja, Ende der Durchsage, mehr brauch ich nicht. Mose hat nicht mehr gebraucht, und sein Job war größer als der, den ich habe. Versteht ihr? Also von daher ist es doch wunderbar.

Die eigentliche Frage hinter geistlichen Krisen

Jetzt kann es sein, dass sich bei euch noch ein wenig Widerstand regt bei dem, was ich gerade gesagt habe. Der Widerstand müsste sich ungefähr so anhören: Jürgen, wir sind doch Kinder Gottes, Himmelsbürger, eine neue Schöpfung, Gottesbotschafter und Leben zu seiner Freude. Das hast du doch gesagt. Das muss uns doch einen Wert geben.
Nein, ich weiß nicht, wo das in der Bibel stehen sollte, dass wir dadurch wertvoller werden, dass Gott uns einen Auftrag gibt oder dass das, was Jesus getan hat, uns unverdient zugerechnet wird. Wenn ich sage: Ich bin ein geliebtes Kind Gottes, habt ihr euch mal überlegt, warum wir das sind?
Und jetzt wird es ganz, ganz wichtig, ganz, ganz wichtig: Ich sagte vorhin, es geht nicht darum, wer ich in Christus bin, sondern was Christus in mir ist. Alles, was ich bin, bin ich überhaupt nur, weil Jesus es zuerst war und ich quasi das, was er ist, geschenkt bekomme, okay?
Er ist die Nummer eins, und ich bin nur das Anhängsel. Er ist der Geliebte des Vaters, und ich teile als geliebtes Kind nur die Zuneigung des Vaters zu ihm. Er ist in allem die Nummer eins. Er hat den Auftrag, und er ist auferstanden. Alles, was wirklich zählt, alles, was mir in meinem Leben Identität gibt, ist nichts anderes als eine abgeleitete Identität.
Er ist der Gerechte, und ich bekomme seine Gerechtigkeit. Er ist der Auferstandene, und ich teile sein neues Leben. Er ist der Gesandte Gottes, und ich teile seinen Auftrag. Merkt ihr was? Ich bin das gar nicht!
Deswegen ist es so quatschig zu sagen: Boah, das macht mich aber wertvoll. Nein, das macht es nicht. Wenn jemand zwei Tickets in den Himmel hat und du hast keines, und er sagt: Ich schenke dir eins davon, dann macht dich das kein Stück wertvoller. Du hast nur ein Ticket in den Himmel geschenkt bekommen. Und genau das ist passiert.
Jesus sagt: Ich habe all das, ich bin all das. Und wenn du möchtest, dann komm auf meine Seite, werde Teil des Leibes Jesu Christi und teile all das Wertvolle und Gute und Schöne, was ich darstelle. Tritt ein in die Gemeinschaft, die der Vater mit dem Sohn hat, und ich werde dir meine Herrlichkeit geben, in Anlehnung an Johannes 17. Ja, das steht nicht wörtlich so in der Bibel.
Jesus sagt etwas dazu, wie wir damit umgehen sollen, dass wir in seinen Dienst hineingestellt sind.

Leben als Diener und Empfänger

Ich möchte euch eine längere Passage aus Lukas 17 vorlesen, die Verse 7 bis 10, damit ihr merkt, wie befreiend das sein kann, nichts darstellen zu müssen, einfach nur sein zu dürfen.
 Lukas 17,7-10
Wer aber von euch, der einen Sklaven hat, der pflügt oder hütet, wird zu ihm, wenn er vom Feld hereinkommt, sagen: Komm und lege dich zugleich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Richte zu, was ich zu Abend essen soll, und gürte dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; und danach sollst du essen und trinken? Dankt er etwa dem Sklaven, dass er das Befohlene getan hat? Ich meine nicht. So sprecht auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.
Herrlich, oder? Ich soll von mir denken wie von einem Sklaven, einem unnützen Sklaven. Und merkt ihr: Da ist kein Raum für irgendein aufgeblasenes Wertedenken, dass Gott uns belohnt und uns für unseren Einsatz auch noch beschenken will. Und das tut er, das ist pure Gnade. Wir haben kein Recht darauf.
Alles, was wir sind und haben, hat Gott uns geschenkt. Ist euch das klar? Das gilt vom schön Querflöte spielen über Kaffee kochen können, über Auto fahren können, über einen schönen Job haben.
 1. Korinther 4,7
Was aber hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber auch empfangen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?
Alles, was du bist, die Tatsache, dass du denken kannst, atmen kannst, die Freundlichkeit Gottes, die ich letzte Woche geschenkt bekommen habe, dass ich keine Gallensteine habe, schön, halleluja, hätte auch anders ausgehen können, ist aber nicht. All das: Gott beschenkt uns damit. Wir brauchen uns nicht hinstellen und damit angeben. Was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?
Alles, was du hast, hast du von Gott. Und deswegen noch einmal Johannes 3,27, den hatte ich vorhin schon zitiert. Da sagt Johannes der Täufer: Ein Mensch kann nichts empfangen, auch nicht eins, es sei ihm denn aus dem Himmel gegeben. Das ist eine grundsätzliche Wahrheit. Alles, was du hast, alles, was ein Mensch hat, bekommt er von Gott.
Und dann ein bisschen später sagt derselbe Johannes, das war eben Vers 27, in Vers 30 über Jesus: Er muss wachsen, ich aber abnehmen. Jesus muss wachsen. Wenn er in meinem Leben groß rauskommt, also nicht ich und mein Selbst und meine tolle Art, wenn ich immer kleiner werde und Jesus immer größer wird, wenn man immer mehr sich fragt: Wo ist denn der alte Jürgen geblieben? Da ist ja richtig Jesus zu sehen.
Also, das ist bei mir noch nicht so weit, aber ich hoffe, dass ich da mal ankomme. Ich hoffe, dass, wenn ich in dreißig Jahren hier noch einmal sein sollte, dass ihr sagt: Jetzt sieht er ja schon ein bisschen wenigstens aus wie Jesus. Genau das ist der Punkt: Er muss wachsen, ich abnehmen. Man muss weniger von mir sehen, nicht mehr. Ich muss weniger begeistert von mir sein und mehr begeistert von ihm. Ich muss mehr so leben, wie er ist. Das ist das Ziel. Wenn Jesus groß rauskommt in meinem Leben, dann ist alles gut.
Und wisst ihr, das sagt die Person, von der Jesus sagt, dass sie rein menschlich betrachtet die bedeutendste Person ist, die je gelebt hat. Wenn einer sich durch seinen oder auf seinen Dienst hätte irgendetwas einbilden können, dann dieser Johannes der Täufer. Leute wie Donald Trump oder Kim Jong Un oder Bill Gates sind kleine Lichter, heilsgeschichtlich unbedeutende kleine Funzen im Vergleich zu diesem Mann. Aber sein Fokus, der Fokus der wichtigsten Person, ist Jesus, allein Jesus.
Und ich glaube persönlich, dass das ganze Gerede um Wert eigentlich nur für solche Menschen eine Rolle spielt, die einen falschen Fokus im Leben haben, die auf sich schauen statt auf Jesus, die mehr Interesse daran haben, wer sie sind, als wer mit ihnen geht. Heiden, sagt die Bibel, drehen sich um sich selbst. Christen leben so, um im Leben und im Sterben Gott zu verherrlichen.
 2. Korinther 5,15
Und für alle ist er gestorben, damit, jetzt kommt die Berufung der Menschen, damit die, welche leben, also wir Christen, nicht mehr sich selbst leben. Wenn du ewiges Leben hast, dann lebst du nicht mehr dir selbst, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt worden ist. Das macht Christen aus, dass unser Leben sich um Jesus dreht.

Güte Gottes, Selbstverleugnung und die rechte Deutung von Leid

Warum ist das wichtig? Dass wir das, was ich jetzt gesagt habe, im Blick auf das Thema Gottes Güte nicht aus dem Blick verlieren. Denn landauf, landab dreht sich das Leben von Christen nicht um Jesus. Es gibt viel zu viele Christen, deren Leben sich um ihren Wert dreht, darum, dass sie gut dastehen, dass sie sich gut fühlen, um ihre Bedürfnisse, um ihr Wohlbefinden, um ihre Träume, letztlich um sie selbst.
An die Stelle von Selbstverleugnung tritt ein Kult der Selbstverwirklichung. Dort, wo Jesus den Ton angeben sollte, gebe ich plötzlich den Ton an. Mit mir treten meine Wünsche auf den Plan, meine Wertmaßstäbe und meine Ideen davon, wie Leben zu laufen hat, was ich verdiene und was nicht.
Ein typischer Ausdruck dieses Denkens ist die Frage von Christen: Warum hat Gott diese oder jene schlimme Situation in meinem Leben zugelassen? Die Frage wird gestellt. Meine Frage ist banal. Ganz ehrlich: Biblisch ist es total simpel zu beantworten. Es gibt drei Möglichkeiten. Entweder will er dich erziehen, oder dich prüfen, oder dich gebrauchen. Das sind so die drei Möglichkeiten. Es ist nicht schwer. Wir werden im dritten Vortrag darauf eingehen, keine Sorge, machen wir noch. Aber eigentlich ist es recht klar: Warum passiert mir dieses Schlimme? Ja, Gott ist kein Sadist, der Spaß am Quälen hat. Der hat schon seinen Grund.
Schwierige Zeiten sind entweder Zeiten der Korrektur, der Prüfung oder der Vorbereitung. Das ist für einen durchschnittlichen Bibelleser mit einmal Lesen Neues Testament erfahrbar. Es ist nicht kompliziert. Eigentlich sollte niemand diese Frage stellen, ganz ehrlich. Das ist Kinderstunden-Einmaleins des geistlichen Lebens. Gott meint es gut mit mir, ja. Und wenn mir etwas Schlimmes passiert, ist er nicht von Schuld. Da gibt es Kinderlieder dazu.
Und trotzdem werden diese Fragen gestellt. Warum? Warum reagieren Menschen nicht geistlich reif? Eine geistlich reife Reaktion wäre: Mir passiert etwas, was ich nicht verstehe, was mir nicht schmeckt. Na ja, es wäre geistlich reif, sich die Frage zu stellen: Gibt es Sünde in meinem Leben? Oder ist jetzt vielleicht eine Zeit, in der es darum geht, mich so ganz offensichtlich, so dass jeder es sieht, mal auf die Seite Gottes zu stellen, auch wenn es mir dreckig geht? Oder mich zu fragen: Was will Gott mir denn heute damit beibringen? Das sind sinnvolle Fragen.
Aber der erste verrückte, falsche Gedanke bei Christen lautet: Meint Gott es noch gut mit mir? Da passiert irgendetwas, was mir nicht schmeckt, und sofort dieses: Meint Gott es noch gut? Wo ist denn die Güte Gottes, wenn ich keine Ahnung habe? Machen wir im nächsten Vortrag, da gehe ich noch tiefer darauf ein, keine Sorge. Das ist der erste Gedanke.
Wir reden über Güte Gottes? Aber das, was gut ist, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Wenn mein Leben davon abhängt, dass ich einen Wert habe, wenn ich mich nicht selbst verleugnen will, wenn ich mehr sein will als ein Knecht Gottes, dann habe ich eine klare heidnische Vorstellung davon, wie sich die Güte Gottes in meinem Leben zeigen soll. Und dann bekommt Gott den Job, diese meine Vorstellung von meinem guten Leben zu erfüllen. Und tut er es nicht, dann ziehe ich mich zurück.
Ich war vielleicht vorher schon nicht der große Beter, Bibelleser und Evangelist, aber wehe Gott enttäuscht mich, dann sieht mich erst mal keiner mehr im Gottesdienst und auch nicht im Hauskreis. Hinter dem Begriff Gottes Güte versteckt sich nicht immer meine Vorstellung von einem guten Leben. Versteht ihr, was ich sagen will? Wenn wir über Gottes Güte reden, dann ist die Güte Gottes nicht dort zu finden, wo Gott tut, was ich will, dass er tut.
Ein Leben, in dem sich Gott vor meinen Karren spannen lässt, ein Wünsch-dir-was-Christentum, bei dem Gott nur tun muss, was wir wollen, das gibt es nicht. Und deswegen müssen wir, wenn wir über Güte Gottes reden, uns die Frage beantworten: Was ist eigentlich in meinem Leben los? Bin ich bereit, wirklich ein geistliches Leben zu leben, das sich selbst verleugnet und sagt: Mein Leben dreht sich um Jesus, ich bin gestorben? Oder stecken in meinem Leben ganz viele Bedürfnisse drin, Dinge, die ich haben will, weil ich glaube, dass ich sie verdiene? Und wehe, Gott macht das nicht. Ich weiß nicht, wo er steht.
Ich wollte euch auf diese Reise mitnehmen. Wir müssen an dieser Stelle jetzt Schluss machen. Wir machen im nächsten Vortrag weiter. Der nächste Vortrag hat den Titel: Wenn Gott nur nett ist, ist er nicht der Gott der Bibel. Ich werde beim nächsten Vortrag also zwischen einem guten Gott und einem netten Gott unterscheiden und noch einmal aufsetzen auf den Gedanken, den wir eben hatten.
Jetzt an dieser Stelle ist die Möglichkeit, dass ihr Fragen stellt. Ja, also ich mache hier den Break, es geht noch weiter, das Thema ist noch nicht vorbei, aber ihr habt jetzt die Möglichkeit, schon mal Fragen zu stellen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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