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Jesus vor Pilatus - und wer ist Dein König?

Johannes 18,28-4007.04.2023
Als Jesus vor dem römischen Präfekten steht, interessiert diesen nur eins: Bist Du ein König? Und Jesus sagt ja, aber mein Reich ist nicht von dieser Welt. Was bedeutet das für die politischen Reiche dieser Welt und was für uns als Christen? Und wie beantwortest Du die Frage: Wer ist eigentlich Dein König?

Ein Bild von Würde und Last

Eine Folie habe ich mitgebracht. Das ist ganz offensichtlich keine Dornenkrone, es ist aber auch nicht irgendeine Krone, sondern die Arbeitskrone von König Charles dem Dritten. Und es war auch schon die Arbeitskrone seiner Mutter, Elisabeth der Zweiten. Ein Riesendiamant in der Mitte, von unschätzbarem Wert, ungefähr zwei Kilogramm schwer.
Und wenn Königin Elisabeth diese Krone trug, ihre Arbeitskrone, hieß das: Sie hatte Arbeit zu tun. Das heißt, sie hatte offizielle Anlässe wahrzunehmen, zum Beispiel, wenn sie die Regierungserklärung verlas. Wer sich das einmal angeschaut hat oder das in den Nachrichten mitbekommen hat, der hat gemerkt, dass sie dabei die Regierungserklärung immer sehr hoch hielt, so ungefähr. Und das liegt daran, dass die Krone nicht nur zwei Kilo schwer ist, sondern auch die Eigenschaft hat, wirklich herunterzufallen, wenn man sich zu sehr nach unten neigt.
Nun, für jemanden wie mich, der gerne und viel liest, ist das schon einmal ein entscheidender Grund dafür, nicht britischer Monarch werden zu wollen. Also vielen Dank für die Krone, wir können sie wegnehmen.
Wenn wir es mit einem König zu tun haben, wie König Charles, der ja kürzlich in Deutschland war, möchten wir schon wissen: Was für ein König ist das? Wie verhalte ich mich? Was gebietet das Protokoll? Welche Vollmachten hat er? Im Fall der britischen Krone lässt sich das gut beantworten. Es ist eine konstitutionelle Monarchie, das heißt, der Monarch hat durch die Verfassung bedingt nur sehr eingeschränkte Rechte. Hauptsächlich repräsentative Funktionen nimmt er wahr: Krankenhäuser, Schulen eröffnen, Kindern über den Kopf streichen und so weiter.
Und nun denken wir am Karfreitag an eine Szene, von der wir gerade in der Schriftlesung gehört haben: Pilatus begegnet Jesus. Pilatus hat diesen Mann vor sich und möchte von Jesus wissen: Wer bist du eigentlich? Bist du ein König? Was hat es mit deinem Leben auf sich?
Drei Punkte habe ich heute mitgebracht für diese Predigt, in der wir über dieses Kapitel aus dem Johannesevangelium nachdenken wollen.

Der Mann vor dem Statthalter

Mein erster Punkt: Pilatus, ein Rädchen im Getriebe der Macht
Pilatus, ein Rädchen im Getriebe der Macht. Pilatus begegnet Jesus.
Richten wir zunächst einmal den Blick auf Jesus, bevor wir uns Pilatus anschauen. Pilatus begegnet Jesus, das heißt: Er begegnet einem Mann mit Vorgeschichte. Jesus ist kein unbeschriebenes Blatt. So viel war von Jesus zumindest bekannt: dass er durchs Land gezogen war, dass er die gute Botschaft verkündigt hatte von dem kommenden Gottesreich, das er mit seinem Kommen in Zusammenhang brachte, dass er Kranke heilte, Menschen von Dämonen befreite, ja sogar, wie das Johannesevangelium berichtet, Tote auferweckte.
Und das ist das Faszinierende, was uns hier begegnet: Jesus war durchs Land gezogen und hat Menschen aus Bindungen befreit. So könnten wir sein Handeln, sein Werk, zusammenfassen. Jesus hat Menschen aus den Bindungen durch das Böse befreit.
Besonders deutlich drückt es das Lukasevangelium aus, in seinem 18. Kapitel, dort, wo Jesus eine verkrümmte Frau heilt, also eine Frau mit einem Knochenleiden, das zu ihrer Verkrümmung führte. Und die Pharisäer nehmen Anstoß daran, dass Jesus das an einem Sabbat tut. Und Jesus sagt darauf: Musste denn nicht diese, die doch eine Tochter Abrahams ist, die der Satan schon 18 Jahre lang gebunden hatte, am Sabbat von dieser Fessel gelöst werden?
Das ist das, was Jesus tat. Er löste Menschen aus den Bindungen durch das Böse, befreite sie von den Fesseln des Satans.
Und jetzt? Jetzt steht dieser Jesus vor Pilatus. Der, der Menschen aus ihren Bindungen befreite, steht jetzt selbst vor Pilatus als der Gebundene, als der Geschundene, als der Verhöhnte und Geschmähte. Der, der Menschen aus den Fesseln des Bösen freigemacht hat, steht jetzt selbst in Fesseln vor dem Präfekten des römischen Kaisers.
Was für eine Erniedrigung!
Und deshalb ist es wichtig, dass wir die Evangelien wirklich bis zum Ende lesen, weil es bereits Erniedrigung Gottes ist, wenn er in diesem Jesus von Nazaret Mensch wird. Daran denken wir an Weihnachten: Gott kommt in diese Welt. Gott macht sich klein in diesem Kind, das in der Krippe liegt. Aber das ist noch nicht der tiefste Punkt seiner Erniedrigung.
Jesus geht den Weg im Gehorsam gegen den Willen des Vaters, und er geht ihn bis zum Tod am Kreuz. Und an diesem Punkt stehen wir jetzt. Es ist der Punkt, an dem Jesus steht, als er vor Pilatus steht. Er wird verurteilt werden. Jesus, der Menschen von Bindung freimachte, steht hier nun selbst als der Gebundene vor Pilatus.

Macht, Amt und politische Rücksicht

Wer ist dieser Pilatus? Die Quellen berichten uns Unterschiedliches von ihm. Er war zunächst einmal der Präfekt des Römischen Reiches, also der Vertreter des Kaisers Tiberius in Judäa. Das heißt, er war durchaus darauf angewiesen, das Wohlwollen des Kaisers zu behalten, um diesen Posten nicht zu verlieren. Von dort konnte man auch schnell wieder abberufen werden.
Pilatus hat dieses Amt des Präfekten von Judäa zehn Jahre lang ausgeübt, von 26 bis 36 nach Christus. Und er macht mit diesem Auftritt, von dem uns das Johannesevangelium hier berichtet, insofern eine steile Karriere, als er die einzige Person der Weltgeschichte ist, die es ins Glaubensbekenntnis geschafft hat: gekreuzigt unter Pontius Pilatus.
Pilatus musste einen Balanceakt vollziehen, der ihm offensichtlich halbwegs gelungen ist, sonst wäre er nicht zehn Jahre auf diesem Posten geblieben. Er hatte zum einen den Machtanspruch, den Herrschaftsanspruch des römischen Kaisers in Judäa durchzusetzen. Auf der anderen Seite hatte er die heikle Aufgabe, es sich mit der stärksten religiösen Gruppe dieser Region, nämlich den Juden, nicht zu verscherzen. Das heißt: durchaus achtsam umzugehen mit den Sensibilitäten dieses religiösen Volkes der Juden.
Das war ein Balanceakt. Und auch unsere Geschichte, auch die Erzählung, die wir hier im 18. Kapitel des Johannesevangeliums und dann in Kapitel 19 hören, zeigt davon, wie Pilatus diesen schmalen Grad sucht. Er muss das römische Recht akkurat umsetzen, aber er kann auch nicht ignorieren, wie die Stimmung des Volkes ist.
Und nun steht Jesus vor ihm. Pilatus kennt die Juden; er hatte genug Grund und genug Zeit, sich mit dieser Volksgruppe näher zu beschäftigen. Und er wusste: Die Juden waren, könnte man sagen, gespalten, zertrennt in verschiedene religiöse Gruppen. Da gab es die Pharisäer, da gab es die Sadduzäer, da gab es die Essener und noch manche andere Gruppen. Und Pilatus weiß darum, dass diese Gruppen auch nicht immer einer Meinung sind.
Aber hier, als Jesus vor ihm gestellt wird, interessieren ihn die religiösen Streitigkeiten der jüdischen Gruppierungen nicht. Er weiß darum, dass es bei den Juden immer wieder Menschen gibt, die auftreten und sagen: Ich bin der Messias, folgt mir nach. Und Pilatus ist angenervt davon, weil das immer wieder Unruhe schafft. Aber eigentlich interessieren ihn die religiösen Feinheiten des jüdischen Glaubens nicht. Ihn interessiert nur eins: Bist du ein König? Gefährdest du die Macht des römischen Kaisers?
Das ist alles, was Pilatus wissen will, das ist alles, was ihn interessiert. Nicht die Feinheiten der Glaubensüberzeugung, sondern die einzige Frage, die Pilatus stellt, ist die Machtfrage: Bist du jemand, der meine Kreise stören wird, in meiner Amtsführung? Bist du jemand, der die politischen Verhältnisse destabilisiert?
Gut nachvollziehbar, dass Pilatus diese Frage stellt. Uns geht es ja im Alltag schon so, dass wir gerne wissen möchten, mit wem wir es eigentlich zu tun haben, wenn wir jemandem gegenüberstehen. Das kann wichtig sein, in bestimmten Situationen, auch in Alltagssituationen. Es kann aber auch manchmal in peinliche Situationen hineinführen, nicht wahr?
Ich denke an eine Situation, die mir letztes Jahr passiert ist, als ich auf einer Tagung im Ausland war und auf einen Mann traf, von dem ich sehr sicher weiß, dass wir uns zugegebenermaßen im Laufe von vielen Jahren schon mindestens zweimal unterhalten hatten. Und ich begrüßte ihn wie einen alten Freund. Vielleicht kennt ihr diese Situation: Ihr begrüßt jemanden wie einen alten Freund, und bei dieser anderen Person klickt überhaupt nichts. Wir sprachen zehn Minuten, und es klingelte überhaupt nichts bei ihm. Irgendwie wollte ich dann nur noch aus der Gesprächssituation herauskommen, weil es peinlich war. Er wusste nicht, mit wem er es zu tun hat. Ich dachte mir: Vielleicht sollte ich mich auch nicht so wichtig nehmen.
Nur wird das Herr Krawattenträgern in unserem Land, es werden ja immer weniger, auch nicht leicht gemacht. Denn wenn man irgendwo im blauen Anzug mit Krawatte steht, wird man ständig für irgendjemanden gehalten, der man nicht ist. Ich könnte jetzt einige Geschichten erzählen, beschränke mich nur auf die vom Hallenser Hauptbahnhof, wo ich mit einem Koffer sogar auf dem Bahnsteig stand und ein Reisender zu mir kam und sich beschwerte, dass sein Zug abgefahren sei, während er draußen geraucht hätte, und was er jetzt machen soll. Ich konnte ihn dann zuständigkeitshalber nur weiterverweisen. Aber so kann es einem gehen.
Pilatus stellt die für ihn entscheidende Frage. Er muss an seinem Gegenüber nur eines wissen: Sag mal, bist du ein König? Jesus selbst hatte sich durchaus als König Israels bezeichnen lassen. Wer das nachschlagen möchte, im Johannesevangelium, Kapitel 1, Vers 49, zum Beispiel, dort spricht ihn Nathanael, der zu ihm kommt, so an: als den König Israels. Und immer wieder wird Jesus hier auch als König der Juden bezeichnet.
Es ist also keine Fangfrage, die Pilatus hier stellt, sondern es ist seine Rückversicherung: Störst du meine Machtverhältnisse?
Erstens also: Pilatus, ein Rädchen im Getriebe der Macht.
Zweitens: Jesus, ein König in der Kraft der Wahrheit. Zweitens: Jesus, ein König in der Kraft der Wahrheit.
„Bist du ein König?“, fragt Pilatus, und Jesus bejaht es. „Ja“, sagt er, „ich bin ein König.“ Aber dann wird es hochgradig verstörend, weil wir eigentlich die Dinge jetzt geklärt haben müssten. Es war zu damaliger Zeit gut bekannt, was ein König ist. Ein König hat Untertanen. Ein König hat Machtbefugnisse über seine Untertanen. Und ein König hat Diener, die ihn verteidigen. Wenn die Machtfrage gestellt wird, hat ein König diejenigen, die ihn mit Waffengewalt verteidigen.
Aber was sagt Jesus nun? Jesus sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden nicht überliefert würde.
Könnt ihr euch das klar machen, was das bedeutet, was in diesem Satz für eine enorme, ich sage mal, Sprengkraft steckt? Denn wir leben in einer Welt, wo Machtansprüche scharf abgezirkelt werden durch Waffeneinsatz, durch brutale Waffengewalt. Und wer hätte vor drei Jahren gedacht, dass uns jemals ein militärischer Konflikt wie der Angriff Russlands auf die Ukraine so nahe kommen würde in Deutschland, wie das in den letzten Jahren geschehen ist?
Und wir sehen, wie die Mächtigen dieser Welt ihre Einflusssphären nicht nur verteidigen, sondern ausweiten wollen durch Waffengewalt. Und der Konflikt, der Krieg, der Angriff auf die Ukraine verdeckt ja nur den Umstand, dass es da ein weiteres Dutzend Konflikte weltweit gibt, die auch mit Waffengewalt ausgetragen werden, wo die Mächtigen und Machthaber dieser Welt ihre Machtsphären ausweiten oder zumindest stabilisieren wollen durch Waffengewalt.
Und jetzt sagt Jesus: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Und er gibt ein Erkennungszeichen dieses Reiches an, nämlich: Wenn mein Reich so wäre wie alle anderen Reiche, wenn mein Reich eine Konkurrenz wäre, einfach nur zu anderen Mächten in dieser Welt, dann würden meine Diener kommen und mich verteidigen. Ja, an anderer Stelle kann Jesus sagen, dann könnte ich meinen Vater auch bitten um Legionen von Engeln, und er würde kommen und mich retten.
Was für ein Reich! Es ist kein Reich, für das Millionen auf den Schlachtfeldern dieser Welt sterben müssen, sondern dieses Reich setzt sich dadurch durch, dass Jesus am Schandmal des Kreuzes stirbt. Dieses Reich setzt sich also nicht durch durch Schlachtfelder in der Welt, sondern dadurch, dass einer stirbt am Kreuz: Jesus.
Wir berühren damit das tiefe Geheimnis des Karfreitags. Hier geht der eine in den Tod, damit wir als Kinder seines Reiches leben können. Hier nimmt der eine die Schmerzen auf sich, damit wir in das neue Leben eintreten können. Dieses Reich, sagt Jesus, setzt sich so durch.
Ich bin geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.
Sind wir aus der Wahrheit, dann zeigt sich das nicht daran, dass wir in allen Fragen dieser Welt Recht haben. Das ist ja das, was uns bei Wahrheit als Erstes einfällt: Ist es nun wahr, richtig oder ist es falsch? Wir fragen nach mathematischer Exaktheit, die es natürlich für viele Fragen des Lebens gar nicht gibt. Aber wir wollen wissen: Ist das richtig oder falsch? Habe ich Recht und hast du Unrecht?
Die Wahrheit, von der Jesus spricht, stellt sich als ein Hören auf ihn dar. Sie stellt sich als ein Hören auf sein Wort dar, dadurch, dass wir uns mit diesem König verbinden, dass wir teilhaben an seinem Reich, dass wir seinem Zeugnis von der Wahrheit vertrauen.
Pilatus merkt, dass es jetzt ungemütlich wird für ihn. Denn er hat jetzt jemanden vor sich, der spricht nicht in den ihm vertrauten Kategorien Macht, Gewalt, Recht, Anspruch. Sondern er hat hier jemanden vor sich, der fängt an, von Wahrheit zu reden. Jetzt wird es ganz schwierig für Pilatus, denn Pilatus weiß, dass unbedingte Wahrheitsansprüche immer Macht gefährden. Er will sich auf dieses für ihn schlüpfrige Terrain der Wahrheitsfrage nicht begeben und beendet das Gespräch: „Was ist Wahrheit?“
Ihr müsst das ungefähr als eine rhetorische Frage übersetzen: Was ist schon Wahrheit? Who knows? Er beendet damit das Gespräch. Es ist nicht der Auftakt zu einem ernsthaften Gespräch über die Wahrheit. Pilatus ist die Frage der Wahrheit zu philosophisch, aber er verkennt dadurch, wer vor ihm steht, nämlich Jesus als Wahrheit in Person. Es steht nicht die Richtigkeit vor ihm, sondern die Wahrheit in Person.
Liebe Freunde, und das bedeutet, dass uns die Wahrheit begegnet, wenn wir ins Angesicht dieses geschundenen und gemarterten Mannes Jesus schauen. Das ist in dieser Welt am allerwenigsten der Punkt, wo wir Wahrheit erwarten würden, wo wir erwarten würden: Hier ist nichts, wo wir nichts mehr erwarten würden von einem schwachen, gebundenen, gefangenen, geschlagenen Mann. Denn ist die Wahrheit nicht immer auf der Seite derer, die die Macht haben? Ist die Wahrheit nicht immer auf der Seite derer, die stark sind?
Nun, hätte Pilatus sich auf die Begegnung mit diesem Mann eingelassen, dann hätte er gemerkt: Die richtige Frage an dieser Stelle lautet nicht, was ist Wahrheit, sondern wer ist Wahrheit? Denn diese Wahrheit begegnet uns in der Person.
Pilatus aber verpasst den entscheidenden Moment seines Lebens. Er will lieber Herr der Situation bleiben, als sich der Wahrheit zu stellen. Und weil sich Jesus ihm in den Weg stellt, will er ihn loswerden.
Wir aber, wir können Jesus nicht loswerden. Wir können Jesus nicht abservieren dadurch, dass wir uns festgelegt haben: Wir wissen schon, was Wahrheit ist. Wir wissen auch, was Lüge ist. Wir haben unsere Kategorien sauber zurechtgelegt. Aber Jesus durchbricht sie, indem er uns als die Wahrheit begegnet.
Und damit bin ich beim dritten und letzten Punkt: Zweiter Punkt, Jesus ein König in der Kraft der Wahrheit. Drittens und nun wir vor der alles entscheidenden Frage, vor der alles entscheidenden Frage. Die Frage lautet: Wer ist eigentlich dein König?
Zu dieser Frage kommen wir, indem wir noch einmal nachgehen der Frage, die Pilatus stellt, obwohl sie nur rhetorisch gemeint ist: Was ist Wahrheit? Die Antwort auf die Frage nach der Wahrheit ist eben nicht ein Sachverhalt, zu dem ich mich kühl, distanziert, abwägend, sogar beobachtend verhalten könnte, keine Proposition, sondern eine Person.
Jesus sehnt sich nach Beziehung zu uns. Nur so kommen wir in Kontakt mit der Wahrheit, indem wir eine Beziehung zu Jesus zulassen, indem wir es Jesus gestatten, in unser Leben hineinzutreten, indem wir Jesus gestatten, unsere Kategorien zu zerbrechen und der Frage nach der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Und dieser Frage auf den Grund zu gehen heißt, dem König Jesus zu vertrauen und ihm zu gehorchen.
Warum ist das so wichtig für uns, warum ist das so wichtig für diese Welt, dass wir der Frage nach der Wahrheit auf den Grund gehen und dass wir für uns klären: Wer ist eigentlich mein König? Ich will das in den letzten Minuten nur in diese beiden Richtungen kurz entfalten, weil ich glaube, wir haben es in dieser Szene vor Pilatus mit einer auch politisch ganz wichtigen Szene zu tun.
Es kann also nicht darum gehen, dass wir das Evangelium immer sofort für uns, für unser kleines Herz abbiegen und sagen: Ich und mein Herz, der liebste Herr Jesus. Sondern dass wir uns zunächst einmal klarmachen: Diese Szene, die sich vor Pilatus abspielt, ist von hoher politischer Brisanz, von hoher politischer Bedeutung.
Denn das, was wir hier sehen, und dem, was Jesus sagt, ist dieser Punkt: Es gibt eine Wahrheit jenseits von Macht und Gewalt. Es gibt eine Wahrheit jenseits von Macht und Gewalt. Das müssen wir neu durchbuchstabieren, denn es gerät uns so schnell aus dem Blick, dass es eine Wahrheit gibt jenseits von Machtansprüchen.
Wir sind so daran gewöhnt, dass das Gesetz der Macht, das Gesetz der Stärke diese Welt regiert. Und dass diejenigen, die ihre Ansprüche durchsetzen können, damit auch den Anspruch verbinden: Ich habe Recht. Aber was wäre, wenn das so wäre? Wenn das Gesetz der Stärke, wenn das Gesetz der Macht das letzte Wort hätte in dieser Welt, dann gäbe es tatsächlich nichts anderes als das Recht des Stärkeren.
Aber es ist nicht so. Jesus ist dazu geboren und in die Welt gekommen, um für die Wahrheit zu zeugen, dass diejenigen, die die stärkeren Waffen haben, diejenigen, die sich mit ihren Ansprüchen durchsetzen können, sei es auch durch Manipulation, durch Instrumentalisierung von Beziehung, durch Ausnutzung von anderen, dass diese nicht immer recht haben, dass diese nicht auf der Seite der Wahrheit stehen müssen.
Die Stärke der Waffen, auch die Macht sozialer Netzwerke usw. Genau das erleben wir als das immer wieder Stärkere. Aber nein, es gibt eine Wahrheit jenseits des Gesetzes, der Logik, jenseits der Logik der Effizienz, jenseits der Logik des Nutzens. Sondern es gibt eine Wahrheit, die uns in das Leben führt, das wirklich frei macht. In einem Leben, das frei macht davon, dass wir uns den Machtansprüchen in dieser Welt beugen müssen, dass wir Zeugen des Evangeliums sein können, da, wo das Evangelium zum Verschweigen gebracht werden soll.
Und so erleben wir hier eine politisch brisante Szene: Jesus steht vor einem der mächtigen Männer der damaligen Zeit, und seine Diener verteidigen ihn nicht. Denn die Wahrheit, die in Jesus ist, wird, wie ich gesagt habe, nicht auf den Schlachtfeldern dieser Welt errungen, sondern dadurch, dass Jesus an das Schandmal des Kreuzes geht. Das ist das, woran wir denken an diesem Tag.
Und noch ein Zweites ist hier wichtig, und da wird es persönlich: Die Wahrheit, die uns in Jesus begegnet, ist keine Garantie dafür, dass wir immer alles genau wissen. Sie ist keine Rückversicherung dafür, dass wir immer Recht haben. Die Wahrheit, die uns in Jesus begegnet, sagt: Das Johannesevangelium macht frei. Das ist noch einmal etwas anderes als Recht zu haben. Die Verheißung, die uns im Evangelium gegeben wird, ist die, dass der Sohn uns wirklich frei macht.
Was heißt das? Es bedeutet, dass Jesus dich freimacht von den Selbstanklagen, von den Selbstzweifeln, von den Ansprüchen und Anklagen anderer, davon, dass du dich binden lässt von deiner Selbstwahrnehmung, von der Fremdwahrnehmung anderer, weil du gefallen möchtest, weil du Recht haben möchtest, ein Bedürfnis, das tief in jedem von uns drin ist, Anerkennung zu haben, Selbstachtung zu haben. Ich sage nicht, dass das falsch ist. Was ich sage, ist: Unser Text lädt uns ein, darauf nicht unser Vertrauen zu setzen, unser Selbstbild nicht davon abhängig zu machen, dass wir Menschen gefallen, sondern dass wir in der Begegnung mit Jesus erfahren, wo wirkliche Freiheit ist.
Freiheit gibt es, und das ist mein letzter Gedanke, Freiheit gibt es bei Jesus tatsächlich nur in der Bindung an ihn. Und auch das ist politisch hochbrisant, denn wir leben in einer liberalen Gesellschaft, in der Freiheit bedeutet, ungehindert zu leben, frei von irgendwelchen Einschränkungen und Vorgaben, Freiheit von Zwang, Freiheit von Nötigung, auch Freiheit davon, dass andere mir sagen, was ich tun darf und nicht.
Die Bibel zeigt uns, dass es Freiheit tatsächlich nur in einer Bindung gibt. Mir ist das an einem Film aufgegangen, den wir als Familie am Silvesterabend geschaut haben. Man braucht ja Silvester immer einen langen Film, um lange durchzuhalten. So ein Film ist der Film Dreizehn Leben. Sehr empfehlenswert. Er handelt von einer Jugendfußballmannschaft aus Thailand, die 2018 nach dem Training in einen Höhlenkomplex ging, um sich da zu entspannen. Das war auch durchaus erlaubt, aber sie wurden überrascht von dem damals viel zu früh einsetzenden Monsunregen und kamen nicht mehr raus.
Der Film basiert also auf einer wahren Geschichte. Und er handelt davon, dass der Weg in die Freiheit für diese Jungs und ihren Trainer nur führt durch einen engen Kanal, durch den Taucher sie entlang einer Führungsleine in die Freiheit führen. Das ist ein gutes Bild für die Freiheit, die uns das Evangelium anbietet.
Wir können in unserer Höhle bleiben, wir können da bleiben, von wo es keinen Weg gibt, keinen Ausweg. Vor allem, wenn wir uns den Tod vor Augen halten als die letzte Tür. Oder aber wir lassen uns von Jesus an der Rettungsleine entlang führen ins Licht, ins Leben, in die Freiheit.
Damit das möglich wird, ist Jesus ans Kreuz gegangen. Und wir stehen heute am Karfreitag vor dem Geheimnis des Gekreuzigten. Er zeugt für die Wahrheit, indem er uns die Wahrheit über unser Leben aufdeckt, und er geht in das Dunkel des Todes, er geht auch mit uns in das Dunkel des Todes, damit wir leben können.
Nun in heilgem Stille schweigen stehen wir auf Golgatha, tief und tiefer wir uns neigen vor dem Wunder, das geschah, als der Freie ward zum Knechte. Und der Größte ganz gering, als für Sünder der Gerechte in des Todes Rachen ging. Amen

Die Frage nach dem eigenen Herrn

Liebe Freunde, das bedeutet, dass uns die Wahrheit begegnet, wenn wir ins Angesicht dieses geschundenen und gemarterten Mannes Jesus schauen. Das ist in dieser Welt am allerwenigsten der Ort, an dem wir Wahrheit erwarten würden. Dort, wo wir sagen würden: Hier ist nichts. Dort, wo wir von einem schwachen, gebundenen, gefangenen, geschlagenen Mann nichts mehr erwarten würden.
Denn ist die Wahrheit nicht immer auf der Seite derer, die die Macht haben? Ist die Wahrheit nicht immer auf der Seite derer, die stark sind?
Nun, hätte Pilatus sich auf die Begegnung mit diesem Mann eingelassen, dann hätte er gemerkt: Die richtige Frage an dieser Stelle lautet nicht: Was ist Wahrheit?, sondern: Wer ist Wahrheit? Denn diese Wahrheit begegnet uns in der Person.
Pilatus aber verpasst den entscheidenden Moment seines Lebens. Er will lieber Herr der Situation bleiben, als sich der Wahrheit zu stellen. Und weil sich Jesus ihm in den Weg stellt, will er ihn loswerden.
Wir aber können Jesus nicht loswerden. Wir können Jesus nicht abservieren, indem wir uns festgelegt haben und meinen, wir wüssten schon, was Wahrheit ist. Wir wissen auch, was Lüge ist. Wir haben unsere Kategorien sauber zurechtgelegt. Aber Jesus durchbricht sie, indem er uns als die Wahrheit begegnet.
Damit bin ich beim dritten und letzten Punkt: Jesus, ein König in der Kraft der Wahrheit. Und nun stehen wir vor der alles entscheidenden Frage. Die Frage lautet: Wer ist eigentlich dein König?
Zu dieser Frage kommen wir, indem wir noch einmal der Frage nachgehen, die Pilatus stellt, obwohl sie nur rhetorisch gemeint ist: Was ist Wahrheit? Die Antwort auf die Frage nach der Wahrheit ist eben nicht ein Sachverhalt, zu dem ich mich kühl, distanziert, abwägend oder sogar beobachtend verhalten könnte. Es ist keine Proposition, sondern eine Person.
Jesus sehnt sich nach Beziehung zu uns. Nur so kommen wir in Kontakt mit der Wahrheit: indem wir eine Beziehung zu Jesus zulassen, indem wir es Jesus gestatten, in unser Leben hineinzutreten, indem wir Jesus gestatten, unsere Kategorien zu zerbrechen und der Frage nach der Wahrheit auf den Grund zu gehen.
Und dieser Frage auf den Grund zu gehen heißt, dem König Jesus zu vertrauen und ihm zu gehorchen.
Warum ist das so wichtig für uns? Warum ist das so wichtig für diese Welt, dass wir der Frage nach der Wahrheit auf den Grund gehen und dass wir für uns klären: Wer ist eigentlich mein König?
Ich will das in den letzten Minuten nur in diese beiden Richtungen kurz entfalten, weil ich glaube, dass wir es in dieser Szene vor Pilatus mit einer auch politisch ganz wichtigen Szene zu tun haben. Es kann also nicht darum gehen, dass wir das Evangelium immer sofort für uns, für unser kleines Herz, abbiegen und sagen: Ich und mein Herz, der liebste Herr Jesus. Sondern wir müssen uns zunächst einmal klarmachen: Diese Szene, die sich vor Pilatus abspielt, ist von hoher politischer Brisanz, von hoher politischer Bedeutung.
Denn das, was wir hier sehen, und das, was Jesus sagt, ist dieser Punkt: Es gibt eine Wahrheit jenseits von Macht und Gewalt. Es gibt eine Wahrheit jenseits von Macht und Gewalt. Das müssen wir neu durchbuchstabieren, denn es gerät uns so schnell aus dem Blick, dass es eine Wahrheit gibt jenseits von Machtansprüchen.
Wir sind so daran gewöhnt, dass das Gesetz der Macht, das Gesetz der Stärke, diese Welt regiert. Und dass diejenigen, die ihre Ansprüche durchsetzen können, damit auch den Anspruch verbinden: Ich habe recht.
Aber was wäre, wenn das so wäre? Wenn das Gesetz der Stärke, wenn das Gesetz der Macht das letzte Wort hätte in dieser Welt, dann gäbe es tatsächlich nichts anderes als das Recht des Stärkeren.
Aber es ist nicht so. Jesus ist dazu geboren und in die Welt gekommen, um für die Wahrheit zu zeugen, dass diejenigen, die die stärkeren Waffen haben, diejenigen, die sich mit ihren Ansprüchen durchsetzen können, sei es auch durch Manipulation, durch Instrumentalisierung von Beziehungen, durch Ausnutzung von anderen, nicht immer recht haben. Diese stehen nicht automatisch auf der Seite der Wahrheit.
Die Stärke der Waffen, auch die Macht sozialer Netzwerke und vieles andere mehr: Genau das erleben wir als das immer wieder Stärkere. Aber nein, es gibt eine Wahrheit jenseits des Gesetzes, jenseits der Logik, jenseits der Logik der Effizienz, jenseits der Logik des Nutzens. Es gibt eine Wahrheit, die uns in das Leben führt, das wirklich frei macht.
In ein Leben, das frei macht davon, dass wir uns den Machtansprüchen in dieser Welt beugen müssen. Dass wir Zeugen des Evangeliums sein können, gerade da, wo das Evangelium zum Schweigen gebracht werden soll.
Und so erleben wir hier eine politisch brisante Szene: Jesus steht vor einem der mächtigen Männer der damaligen Zeit, und seine Diener verteidigen ihn nicht. Denn die Wahrheit, die in Jesus ist, wird, wie ich gesagt habe, nicht auf den Schlachtfeldern dieser Welt errungen, sondern dadurch, dass Jesus an das Schandmal des Kreuzes geht. Das ist es, woran wir an diesem Tag denken.
Und noch ein Zweites ist hier wichtig, und da wird es persönlich: Die Wahrheit, die uns in Jesus begegnet, ist keine Garantie dafür, dass wir immer alles genau wissen. Sie ist keine Rückversicherung dafür, dass wir immer recht haben. Die Wahrheit, die uns in Jesus begegnet, sagt: Das Johannesevangelium macht frei. Das ist noch einmal etwas anderes als recht zu haben.
Die Verheißung, die uns im Evangelium gegeben wird, ist die, dass der Sohn uns wirklich frei macht. Was heißt das? Es bedeutet, dass Jesus dich freimacht von den Selbstanklagen, von den Selbstzweifeln, von den Ansprüchen und Anklagen anderer. Er macht dich frei davon, dass du dich binden lässt von deiner Selbstwahrnehmung, von der Fremdwahrnehmung anderer, weil du gefallen möchtest, weil du recht haben möchtest. Ein Bedürfnis, das tief in jedem von uns drin ist: Anerkennung zu haben, Selbstachtung zu haben.
Ich sage nicht, dass das falsch ist. Was ich sage, ist: Unser Text lädt uns ein, darauf nicht unser Vertrauen zu setzen. Unser Selbstbild nicht davon abhängig zu machen, dass wir Menschen gefallen, sondern dass wir in der Begegnung mit Jesus erfahren, wo wirkliche Freiheit ist.
Freiheit gibt es, und das ist mein letzter Gedanke, bei Jesus tatsächlich nur in der Bindung an ihn. Und auch das ist politisch hochbrisant, denn wir leben in einer liberalen Gesellschaft, in der Freiheit bedeutet, ungehindert zu leben, frei von irgendwelchen Einschränkungen und Vorgaben. Freiheit von Zwang, Freiheit von Nötigung, auch Freiheit davon, dass andere mir sagen, was ich tun darf und was nicht.
Die Bibel zeigt uns, dass es Freiheit tatsächlich nur in einer Bindung gibt. Mir ist das an einem Film aufgegangen, den wir als Familie am Silvesterabend geschaut haben. Man braucht ja an Silvester immer einen langen Film, um lange durchzuhalten. Ein solcher Film ist Dreizehn Leben. Sehr empfehlenswert.
Er handelt von einer Jugendfußballmannschaft aus Thailand, die 2018 nach dem Training in einen Höhlenkomplex ging, um sich dort zu entspannen. Das war auch durchaus erlaubt. Aber sie wurden überrascht von dem damals viel zu früh einsetzenden Monsunregen und kamen nicht mehr heraus. Der Film basiert also auf einer wahren Geschichte. Und er handelt davon, dass der Weg in die Freiheit für diese Jungs und ihren Trainer nur durch einen engen Kanal führt, durch den Taucher sie entlang einer Führungsleine in die Freiheit führen.
Das ist ein gutes Bild für die Freiheit, die uns das Evangelium anbietet. Wir können in unserer Höhle bleiben. Wir können da bleiben, von wo es keinen Weg gibt, keinen Ausweg. Vor allem dann, wenn wir uns den Tod vor Augen halten als die letzte Tür. Oder aber wir lassen uns von Jesus an der Rettungsleine entlang führen: ins Licht, ins Leben, in die Freiheit.
Damit das möglich wird, ist Jesus ans Kreuz gegangen. Und wir stehen heute am Karfreitag vor dem Geheimnis des Gekreuzigten. Er zeugt für die Wahrheit, indem er uns die Wahrheit über unser Leben aufdeckt. Und er geht in das Dunkel des Todes, er geht auch mit uns in das Dunkel des Todes, damit wir leben können.
Nun in heiliger Stille schweigen stehen wir auf Golgatha, tief und tiefer wir uns neigen vor dem Wunder, das geschah, als der Freie ward zum Knechte. Und der Größte ganz gering, als für Sünder der Gerechte in des Todes Rachen ging.
Amen.