Begrüßung und Einführung in das Thema Gnade und Friede
Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Mit diesen Worten möchte ich euch heute Morgen begrüßen. Schön, dass ihr alle hier seid.
Diese Wahrheit darf unser Leben prägen und auch den Gottesdienst heute. Wir wollen den Gottesdienst unter diese Wahrheit stellen: Gnade und Friede von Gott durch Jesus Christus. Das ist ein Geschenk, das wir erhalten haben – Gnade durch Jesus Christus, dass wir hier sind, dass wir uns kennen und dass wir zu Gott gehören.
Das Zweite ist der Frieden, den wir mit Gott haben. Ich hoffe von Herzen, dass dieser Frieden unsere Herzen regiert. Ebenso wünsche ich uns den äußeren Frieden, den wir heute Morgen hier genießen dürfen. Wir können uns versammeln, ohne Angst vor Verfolgung oder Störungen haben zu müssen.
Kurz zum Ablauf heute: Ich werde gleich mit uns beten. Danach wollen wir ein Lied singen, anschließend folgt das Kinderlied. Dann hören wir die Predigt von Markus. Schön, dass du dich bereit erklärt hast, uns heute mit dem Wort Gottes zu dienen.
Im zweiten Teil wollen wir einige Gedanken zum Muttertag hören. Danach wollen wir eine Gebetsgemeinschaft haben und im Anschluss gibt es einen größeren Infoblock.
Jawohl, ich bitte euch, aufzustehen, damit wir gemeinsam beten können. Zum ersten Lied dürfen wir gerne stehen bleiben.
Gnade und Friede, Herr, das sind Wahrheiten und Geschenke, die von dir kommen. Du beschenkst uns mit deinem Frieden und deiner Gnade durch deinen Sohn Jesus Christus. Dafür wollen wir dir heute Morgen danken. Das sind Kennzeichen, die uns auszeichnen. Deshalb können und dürfen wir vor dir stehen.
So wollen wir auch heute Morgen in diesem Gottesdienst daran denken, wie reich du uns beschenkt hast. Wir wollen mehr darüber hören, wie deine Gnade in unserem Leben wirkt, wozu sie uns befähigt und was sie mit uns macht.
Ja, wir wollen dir die Ehre geben, Herr. Bitte mach unsere Herzen ruhig, damit wir deinen Frieden erleben dürfen. Vielleicht bringen wir auch Unruhe aus dem Alltag mit. Bring unsere Herzen zur Ruhe und lass uns ganz auf dich ausgerichtet sein.
Danke, dass du zu uns reden möchtest, auch durch Markus nachher. Danke, dass du uns eine Botschaft mitteilen willst. Wir bitten dich, dass unser Singen, unsere Gebete und alles, was wir dir bringen, dir wohlgefällig sind.
Danke für deinen Segen und deine Gegenwart heute. Amen.
Lasst uns nun das erste Lied singen. Ihr dürft gerne stehen bleiben: "Komm, du Quelle!" Danach folgt gleich das Kinderlied, und dann hören wir gerne Markus.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn als Bild für Gottes Gnade
Stell dir einen jungen Mann vor, der in einem wohlhabenden, reichen Elternhaus aufwächst. Sein Vater ist ein erfolgreicher Unternehmer, der viel Geld durch sein Unternehmen verdient hat. Aber nicht nur das: Er ist auch ein Vater, der seinen Sohn liebt und viel Zeit in ihn investiert. Er sorgt für eine gute Erziehung und die bestmögliche Ausbildung seines Sohnes.
Trotz dieser Fürsorge ist der Sohn undankbar und verbittert gegenüber seinem Vater. Er geht zu ihm und sagt: „Hey, du stirbst ja hoffentlich bald. Kann ich nicht mein Erbe jetzt schon haben?“ Spätestens jetzt merken die meisten wahrscheinlich, auf welches Gleichnis ich anspiele – natürlich auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn.
Diese Forderung des Sohnes, sein Erbe schon jetzt zu bekommen, entspricht eigentlich dem Wunsch, den Vater totzusehen. „Ich wünschte, du wärst tot, damit ich mein Erbe gleich bekomme.“ Obwohl der Vater von dieser Forderung zutiefst verletzt gewesen sein muss, gibt er dem Sohn das, was ihm zusteht.
Nun stell dir vor, dieser junge Mann verlässt das elterliche Zuhause und zieht in die nächstgrößere Stadt. Innerhalb kürzester Zeit verprasst er all sein Erbe. Er kauft die teuersten Luxusgüter, die teuersten Autos und umgibt sich mit Menschen, die nur an seinem Geld und Besitz interessiert sind und ihn ausnutzen.
Schon bald ist alles weg. Er steht alleine und mittellos da. Er findet sich auf der Straße wieder, muss sich als Bettler durchs Leben schlagen und hofft, in Mülltonnen Essensreste zu finden. Er lebt von dem, was Restaurants wegwerfen, übernachtet in Bahnunterführungen zwischen Mülltonnen. Sein gepflegtes Äußeres verwandelt sich langsam in das Bild des Elends: schmutzig, abgemagert und stinkend bleibt er auf der Straße zurück.
Irgendwann erreicht er den tiefsten Punkt seines Lebens. Er hat all seinen Lebenswillen verloren und erinnert sich daran, wie es ihm ging, als er noch beim Vater lebte. Er macht sich zu Fuß auf die weite Strecke zurück zum Vater.
Obwohl er mit zerrissener Kleidung, dreckig und stinkend in die Nähe des Vaterhauses kommt, sieht er schon von weitem, wie der Vater, angezogen mit dem schönsten maßgeschneiderten Anzug, den matschigen Feldweg entlangrennt. Er nimmt ihn mit Freudentränen in die Arme.
Der Vater nimmt ihn wieder auf – nicht als Diener, nicht als Angestellter, sondern als seinen Sohn.
Wir alle kennen dieses Gleichnis vom verlorenen Sohn und haben schon davon gehört. Wir wissen und verstehen, wie gnädig und barmherzig dieser Vater ist, der seinen Sohn wieder aufnimmt, obwohl dieser ihn eigentlich tot sehen wollte. Wir sehen, wie dieses Gleichnis die Gnade Gottes, des Vaters, widerspiegelt.
Die Bedeutung der Gnade über die Errettung hinaus
Aber die Frage, mit der wir uns heute beschäftigen möchten, lautet: Hört die Gnade des Vaters mit der Aufnahme des Sohnes in sein Haus auf? Oder wie zeigt sich die Gnade des Vaters auch im weiteren Leben dieses Sohnes im Haus des Vaters?
Anders ausgedrückt: Wie wichtig ist Gnade für uns, die wir bereits errettet sind und die Gnade eigentlich schon erfahren haben? Oder ist Gnade nur etwas, das für denjenigen wichtig ist, der noch in seiner Sünde lebt und noch in Feindschaft gegen Gott steht? Ist Gnade nur relevant für unsere Errettung, für die Vergebung unserer Sünden, aber nicht darüber hinaus?
Inwieweit wirkt Gottes Gnade darüber hinaus in seinen Kindern, in uns? Das sehen wir im Titusbrief. Ihr dürft ihn gerne schon mal aufschlagen. Dort zeigt sich, wie entscheidend und wie vielfältig die Gnade Gottes auch weiterhin in seinen Kindern wirkt, nachdem er sie errettet hat, nachdem er ihnen neues Leben gegeben hat und sie in sein Haus aufgenommen hat.
Wir sehen diese vierfache Gnade Gottes, wie sie auch weiter in seinen Kindern wirkt. Wir möchten gemeinsam Titus 2 lesen, den letzten Abschnitt, ab Vers 11 bis Vers 15.
Titus 2,11-15:
Die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen, und unterweist uns, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnend besonnen, gerecht und gottselig leben in dem jetzigen Zeitlauf. Dabei erwarten wir die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit loskaufte und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken.
Dies rede und ermahne und überführe mit allem Nachdruck. Lass niemand dich verachten.
Die Grundlage für ein heiliges Leben in der Gemeinde
Das gesamte zweite Kapitel des Titusbriefes bildet eine geschlossene Einheit. Dies zeigt sich bereits am ersten Wort unseres Abschnitts: „Denn“. Es knüpft unmittelbar an das vorhergehende an. In dem vorherigen Abschnitt spricht Paulus die Alten und Jungen, Frauen und Männer in der Gemeinde an. Er schreibt ihnen vor, wie das neue Leben, das sie in Jesus haben, sichtbar werden soll.
Paulus gibt auch Titus Anweisungen, wie er insbesondere den jungen Männern ein nachahmenswertes Vorbild sein soll. Außerdem richtet er sich an die Sklaven, die Diener, und erklärt, wie sie sich als wiedergeborene Christen gegenüber ihren Herren verhalten sollen.
Der Abschnitt ab Vers 11 bildet die Grundlage und Begründung dafür, wie ein solches Leben überhaupt möglich ist. Wie können wir ein besonnenes, heiliges und gottwohlgefälliges Leben führen? Dieser Abschnitt zeigt uns den Grund und die Basis für ein solches Leben.
Gleichzeitig ist dieser Abschnitt der krönende Abschluss dessen, was Paulus in Vers 1 von Kapitel 2 mit den Worten beginnt: „Du aber rede, was der gesunden Lehre geziemt.“ Er beendet den Abschnitt mit den Worten: „Dies rede und ermahne und überführe mit allem Nachdruck.“
Wenn man die zuvor genannten Anforderungen an Männer, Frauen, Diener und Herren betrachtet, erscheinen diese oft unerreichbar. Doch diese Anforderungen finden ihre Grundlage in der vierfachen Gnade Gottes, die in der Person Jesu Christi sichtbar wurde. Diese Gnade wirkt auch weiterhin in und durch Jesus in unserem Leben.
Vierfache Wirkung der Gnade Gottes
Das Thema für heute ist Gottes Gnade. Sie rettet, sie erzieht, sie bringt Hoffnung und sie befreit. Genau diese vier Aspekte möchten wir betrachten: die rettende Gnade Gottes, die erziehende Gnade Gottes, die hoffnungsbringende Gnade Gottes und die befreiende Gnade Gottes.
Im Denken vieler Christen ist leider oft verankert, dass der Gott des Alten Testaments ein zorniger und richtender Gott ist, dem man am besten aus dem Weg geht und dem man nicht zu nahe kommen sollte. Erst im Neuen Testament, mit dem Kommen Jesu, wird Gott als ein gnädiger Gott dargestellt, dem man gerne begegnet, von dessen Liebe gesprochen wird und der barmherzig ist.
Doch schon im Alten Testament wird immer wieder bezeugt, wer Gott wirklich ist. Jesaja bezeugt dies ganz persönlich und sagt: „Siehe, Gott ist mein Heil, meine Rettung. Ich bin sicher und fürchte mich nicht, denn meine Stärke und mein Lied ist Jahwe, der Herr, und er wurde mir zum Heil.“
Gott selbst spricht im Alten Testament immer wieder von sich als dem einzigen Retter. Es gibt keinen Retter außer ihm allein. Durch die gesamte Bibel hindurch präsentiert sich Gott mit dieser rettenden Gnade. Er zeigt sich allen als der einzige Retter.
Im Buch Jesaja, Kapitel 45, sagt Gott zum Beispiel: „Außer mir gibt es keinen gerechten und rettenden Gott. Wendet euch mir zu, lasst euch erretten, ihr Menschen aus den fernsten Ländern, denn ich bin Gott und sonst niemand.“
Er macht also deutlich: Er ist ein gerechter und damit auch zorniger Gott. Dennoch ist er langsam zum Zornen und von großer Güte – und das schon im Alten Testament.
Die Erscheinung der rettenden Gnade in Jesus Christus
Wenn wir nun unseren Text genauer betrachten, fällt etwas auf: Während im Alten Testament nur ein Schatten, ein Bruchteil der Gnade Gottes sichtbar wird, schreibt Paulus hier, dass die rettende Gnade Gottes erschienen ist. Sie wurde sichtbar durch das Leben und Sterben Jesu. Erst durch Jesus ist die personifizierte Gnade erschienen und sichtbar geworden.
Diese Gnade ist nicht nur sichtbar geworden, sondern auch heilbringend, also rettend für alle Menschen. Doch was genau ist damit gemeint? Damit ist nicht gemeint, dass jeder Mensch automatisch errettet wird. Es handelt sich nicht um die falsche Lehre der Allversöhnung.
Die Aussage kann sich auf verschiedene Dinge beziehen. Zum einen kann sie bedeuten, dass Gott in seiner Gnade in gewisser Hinsicht jedem Menschen gnädig ist, weil er sein Gericht noch aufschiebt. Er ist jedem Menschen gnädig, indem er die Sünde nicht sofort richtet. Das Gericht und die Ewigkeit in der Hölle, zu der wir eigentlich verurteilt wären, werden immer weiter aufgeschoben. Dadurch zeigt Gott jedem Menschen seine Gnade.
Zum anderen kann es sich auf die Möglichkeit der Errettung beziehen. Es geht um das Wesen und den Charakter Gottes, der sich immer wieder als der alleinige Retter darstellt und die Menschen auffordert, zu ihm zu kommen – schon im Alten Testament. Dort heißt es: „Ich bin der einzige Retter, ihr werdet keinen anderen Retter finden als mich allein.“ Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament fordert Gott die Menschen immer wieder zur Umkehr auf.
Ich denke jedoch, dass es am ehesten so zu verstehen ist, dass die Gnade Gottes heilbringend für alle Menschen ist – im Sinne von „allen Menschen zugänglich“. Wenn man sich die vorherigen Verse anschaut, spricht Paulus von den unterschiedlichsten Menschen. Er beschreibt, wie das neue Leben, das sie in Jesus erhalten haben, in ihrem Alltag sichtbar werden soll.
Er spricht zum Beispiel von den alten Männern und wie ihr Leben zum Ausdruck kommen soll. Ebenso von den alten Frauen, den jungen Frauen, den jungen Männern und auch von Titus ganz persönlich. Er spricht von den Sklaven und wie sie ihr Leben als wiedergeborene Christen führen sollen. Ebenso wendet er sich an die Herren. Egal, ob Mann oder Frau, jung oder alt, Sklave oder Herr – all diese Menschen haben Gottes Gnade erfahren, seine rettende Gnade, und neues Leben bekommen.
Dies gilt unabhängig vom Geschlecht, unabhängig davon, ob jemand als Sklave den niedrigsten Stand in der Gesellschaft hat oder als Herr, vielleicht in Anführungszeichen, den höchsten. Es spielt keine Rolle, wie groß die Sünden eines Menschen sind oder wie tief er in Sünde versunken ist.
Selbst wenn deine Sünde noch so grauenvoll, widerwärtig und abstoßend sein mag, Gottes Gnade, die in Jesus sichtbar wurde, ist für jeden Menschen heilbringend und rettend. Es gibt keine Sünde, die zu groß ist, und keinen Sünder, der unwürdiger ist als andere, Gottes Gnade zu empfangen. Keiner ist würdig, und niemand hat Gottes Gnade verdient – deshalb ist es ja Gnade.
Gott will dich retten. Er liebt es, gnädig zu sein. Das ist sein Wesen, das ist sein Charakter. Jesus bezeugt in Matthäus 11: „Kommt her zu mir, alle, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet, ich werde euch Ruhe geben. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“
Jesus ist nicht nur manchmal demütig, nicht nur ab und zu – nein, er ist es im Grunde seines Herzens immer und zu jeder Zeit. Jesus breitet seine Arme aus, um jeden zu empfangen, der von seinem schlechten Gewissen geplagt und beladen ist, der von seinem Gewissen angeklagt wird, weil er weiß, dass in ihm nichts Gutes wohnt.
Er weiß auch, dass es einen gerechten und guten Gott und Schöpfer gibt, der jedem Menschen nach seinem Tun vergelten und richten wird. Doch Gott will jeden Menschen retten.
Die rettende Gnade Gottes und die Realität der Sünde
Nun, wovon will er den Menschen retten? Er will ihn retten von der Sünde, von den Folgen dieser Sünde und auch vom Gericht über die Sünde.
Jeder Mensch kommt als Sünder auf die Welt und ist damit unfähig, auch nur eine einzige gute Tat zu vollbringen. Er ist unfähig, nicht zu sündigen. Die Bibel bezeichnet jeden Menschen als einen Sklaven der Sünde – also im Besitz der Sünde und unfähig, auch nur eine Sache zu tun, die Gott in irgendeiner Weise gefallen könnte.
Die Folge dieser Sünde ist ein Leben, das von Gott getrennt ist. Gott ist vollkommen heilig und ohne Sünde. Geistlich sind wir tot und getrennt von Gott, der die Quelle des Lebens ist. Das unausweichliche, sichere Ziel jedes Menschen, dessen Sünde nicht vergeben ist, ist Gottes gerechtes Gericht.
Gott wird, wie wir in Römer 2 lesen, am Ende jedem nach seinen Werken vergelten. Dort heißt es auch: „Denkst du etwa, Mensch, dass du dem Gericht Gottes entfliehen wirst?“ Als Menschen laufen wir jeden Schritt unseres Lebens am Rand der Ewigkeit.
Jeder Mensch, dessen Sünden nicht vergeben sind, steht auf einem morschen Brett über dem Abgrund der Hölle. Doch Gott will dich in seiner Gnade retten. In Römer 2, Vers 4 heißt es: „Begreifst du denn nicht, dass er dich mit seiner Güte zur Umkehr bringen will?“ Gott ist dir all die Jahre deines Lebens gnädig und gütig gewesen und ist es weiterhin, damit du zu ihm kommst, umkehrst und ihn um die Vergebung deiner Sünden bittest.
Er wird dich retten, unabhängig davon, wer du bist, woher du kommst, wie du aussiehst, welchen sozialen Stand du hast, welches Geschlecht du hast oder welchen familiären Hintergrund du besitzt. Auch unabhängig davon, in welchen Sünden du bisher gelebt hast.
Gottes Gnade wurde in Jesus sichtbar und ist rettend, heilbringend für jeden Menschen. Er will jeden Menschen retten – von der Sünde, von den Folgen der Sünde und vom Gericht über die Sünde.
Die erziehende Gnade Gottes
Gottes Gnade ist eine rettende Gnade, aber sie ist mehr als das. Manchmal meinen wir, wir bräuchten Gottes Gnade lediglich, damit er uns unsere Sünden vergibt und uns von den Folgen, vom Gericht über die Sünde, befreit. Ja, wir glauben, dass wir seine Gnade auch täglich brauchen für die Sünden, die wir weiterhin begehen, aber darüber hinaus.
In der Christenheit wird der Prozess der Heiligung – also der Prozess, in dem wir Jesus immer ähnlicher werden und unser neues Leben immer mehr zum Vorschein kommt – oft eher mit Disziplin und Fleiß verbunden als mit Gnade. Damit begehen wir einen großen Fehler. Denn wir laufen Gefahr, die Heiligung zu einem Prozess verkommen zu lassen, der unabhängig von Gott und getrennt von seiner Gnade zu bewerkstelligen ist.
Wir machen Gnade damit zu einem Mittel, das wir zwar zur Sündenvergebung brauchen, aber für Wachstum und Heiligung nicht notwendig ist. Das Resultat davon ist eine Gesetzlichkeit, die aus Disziplin entsteht und am Ende zu Stolz führt – anstatt zu echter Heiligkeit, die aus und durch Gnade entsteht. Diese Heiligkeit führt zu Liebe Gott gegenüber, zu Liebe gegenüber anderen Menschen und zu Demut.
Gottes in Jesus sichtbar gewordene Gnade ist vielmehr als nur eine rettende, sündenvergebende Gnade. Sie rettet nicht nur, sondern erzieht auch. Gottes Gnade ist eine erziehende Gnade. Schaut man in Vers 12, steht dort: Was macht die Gnade Gottes? Sie unterweist uns, sie erzieht uns, sie züchtigt uns. Im Englischen wird dieses Wort in vielen Übersetzungen mit „trainiert“ wiedergegeben. Von diesem griechischen Begriff leitet sich unser Wort „Pädagogik“ ab.
Gottes Gnade lehrt uns also und unterrichtet uns. Sie vermittelt uns zum einen Wissen, aber noch wichtiger: Sie formt unseren Charakter. Gottes Gnade ist nicht nur, wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn, die uns zurück ins Vaterhaus bringt und uns wieder aufnimmt. Nein, es ist auch Gottes Gnade, die uns in den Gepflogenheiten und im Verhalten als Bürger seines Reiches, als Bewohner seines Hauses, unterweist und erzieht.
So wie ein Vater seine Kinder leitet, lehrt und erzieht, so wie ein Trainer seine Mannschaft trainiert, auf Fehlverhalten einzelner Spieler eingeht und Schwachstellen aufzeigt, um jeden Spieler zu formen, damit er ein brauchbarer und bester Teil der Mannschaft wird, so trainiert uns Gottes Gnade. Sie erzieht uns, deckt falsches Verhalten in unserem Leben auf, zeigt falsche Denkweisen und falsche Motivation.
Die Gnade Gottes unterweist uns, damit das neue Leben, das wir in Jesus haben, immer mehr zum Vorschein kommt. Gottes Gnade hat uns nicht nur von der Macht und Sklaverei der Sünde errettet, sie befähigt uns auch, Sünde weiter zu widerstehen. Sie befähigt uns, alte sündige Verhaltens- und Denkmuster zu durchbrechen.
Diese erziehende Wirkung der Gnade Gottes verfolgt ein Ziel. Schaut man wieder in Vers 12: „Sie unterweist uns, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnend, besonnen, gerecht und gottselig leben in dem jetzigen Zeitlauf.“ Dieses Verleugnen ist ein Abstreiten, ein deutliches Nein sagen. Ein Nein zu Gottlosigkeit und ein Nein zu weltlichen Begierden.
Diese Begriffe klingen etwas holprig und sind vielleicht nicht sofort verständlich. Was ist damit gemeint? Gottlosigkeit bezeichnet jeglichen Mangel an Ehrfurcht, Hingabe und Dankbarkeit Gott gegenüber. Vielleicht denkt man jetzt: „Gottlosigkeit ist ein harter Begriff. Ich habe ein neues Leben in Jesus. Ich bin mit und in Jesus eins gemacht mit dem Vater. In meinem Leben bin ich doch nicht gottlos. Ja, ich sündige, aber gottlos? Das sind doch eher die anderen, oder? Ich bin ja hier im Gottesdienst.“
Aber zeigt nicht gerade unser mangelndes Gebet unsere fehlende Hingabe und Dankbarkeit Gott gegenüber? Es zeigt unseren leichtfertigen Umgang mit Sünde, nicht unsere mangelnde Ehrfurcht – und damit auch unsere Gottlosigkeit. Es sind unsere rechtfertigenden Ausreden, dass das schon nicht so schlimm sei oder dass das ja auch die anderen machen.
Gottes Gnade erzieht uns darin, das zu verneinen – Nein zu sagen zu dieser Art von Gottlosigkeit, Nein zu sagen zur gottlosen Undankbarkeit, die in unserer Gesellschaft vorherrscht. Wer erzieht uns dazu? Die in Jesus sichtbar gewordene Gnade Gottes. Es ist Gnade Gottes, wenn er den Finger an unsere Wunde legt und uns zeigt, wo wir in unserem Leben noch wie Gottlose leben. Es ist seine Gnade, die uns zeigt, wo wir weltliche Begierden haben.
Was ist damit gemeint? Zum einen sind das Sünden, die wir zwar nicht tun, aber von denen wir uns vorstellen, sie zu tun oder die wir innerlich begehren. Es kann der Wunsch nach Sex außerhalb der Ehe sein, den wir in unserem Herzen pflegen. Es kann der Wunsch nach Rache sein, oder der Wunsch, es dem Nachbarn oder Kollegen heimzuzahlen, der uns ärgert oder auf die Nerven geht.
Es kann ein Wunsch sein, der an sich nicht schlecht ist, der aber zu einem immer stärker werdenden Verlangen wird, bis er am Ende Gottes Platz einnimmt – kurz gesagt: ein Wunsch, der zu einem Götzen wird. Es kann der Wunsch nach Bequemlichkeit sein, der uns davon abhält, etwas Gutes für Jesus oder einen unserer Geschwister zu tun, weil wir gerade bequem auf der Couch sitzen.
Es kann der Wunsch nach einem finanziellen Polster sein, der uns gierig macht und weniger freigebig, oder wenn wir freigebig sind, dann nur widerwillig. Es kann der Wunsch nach einem gepflegten Äußeren sein, der immer mehr zu Eitelkeit und Selbstverliebtheit führt, dazu, dass man sich auf sämtlichen sozialen Plattformen nur selbst darstellt. Eine Eitelkeit, die sich vielleicht darin zeigt, dass ein Großteil der Fotos auf dem Handy Selfies sind.
Alle diese Wünsche, die immer größere Begierden in uns hervorrufen, können am Ende zu Götzen in unserem Leben werden, für die wir bereit sind zu sündigen, damit sie erfüllt werden. Jeder Wunsch, der zu einem Götzen wird, jede Sünde, die wir zwar nicht tun, aber innerlich begehren, ist so eine weltliche Begierde, von der Gott uns in seiner Gnade befreien will.
Deshalb erzieht uns seine Gnade dazu, das zu verneinen – Nein zu sagen. Auf der anderen Seite will Gottes Gnade uns zu einem besonnenen, gerechten und gottesfürchtigen Leben erziehen. Das sind Eigenschaften, die in den vorherigen Versen und Kapiteln immer wieder vorkommen – egal ob es von Ältesten, alten oder jungen Männern und Frauen oder von Sklaven oder Herren die Rede ist.
Besonnenheit ist die Weisheit, sich in Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle über die eigenen Leidenschaften und Begierden zu üben. Sie zeigt sich darin, dass äußere Umstände oder der Einfluss anderer Menschen das eigene Urteilsvermögen nicht trüben. Ein besonnener Mensch vermeidet zum Beispiel unproduktive oder unnütze Dinge und geht weiser mit seiner Zeit um.
Gerechtigkeit ist eine Eigenschaft, die ein verändertes Verhalten gegenüber anderen Menschen hervorbringt. Gerecht bedeutet rechtschaffen und richtig – und zwar nach Gottes Maßstab. Es heißt, sich anderen gegenüber fair und respektvoll zu verhalten, ohne die Person anzusehen. Das gilt unabhängig davon, ob der andere gläubig ist oder nicht, ob er uns auf die Nerven geht oder nicht, ob es der Chef oder der Kollege ist.
Als drittes will Gottes Gnade eine gottesfürchtige Haltung erziehen. Gottes Gnade verändert uns also auch in Bezug auf unsere Beziehung zu ihm selbst. Diese Gottesfurcht ist keine Angst vor Gott, sondern Ehrfurcht und Respekt. Angst lähmt uns, Gottesfurcht hingegen treibt uns näher zu Gott.
Ein einfaches Beispiel: Das Volk Israel steht vor dem Berg Sinai, und Gott redet zu diesem Volk. Das Volk hat Angst vor Gott und will nichts mit ihm zu tun haben. Sie schicken Mose vor, damit er mit Gott redet. Sie haben Angst vor Mose, aber Mose hatte Gottesfurcht, und diese Gottesfurcht trieb ihn näher zu Gott. Gottesfurcht führt uns also in die Nähe Gottes.
Wie bringt uns die Gnade Gottes dazu, besonnene, gerechte und gottesfürchtigere Menschen zu werden? Wie werden wir zu Menschen, die Nein sagen können zu all der Gottlosigkeit in unserem Leben? Wie werden wir zu Menschen, die all diese Wünsche, die zu Göttern werden, ablehnen und Nein dazu sagen – und das in der heutigen Zeit?
Gottes Gnade erzieht uns dazu, indem wir „die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus erwarten“ (Vers 13).
Die Hoffnung bringende Gnade Gottes
Und damit kommen wir zum dritten Wirken der Gnade Gottes. Gnade Gottes errettet, sie erzieht uns und sie gibt Hoffnung. Gottes Gnade ist eine Hoffnung bringende Gnade, eine Hoffnung gebende Gnade.
Der verlorene Sohn wird nicht nur einfach aus Gnade wieder im Haus des Vaters aufgenommen. Er wird nicht nur aus seinem elenden Zustand errettet, in dem er gelebt hat. Er wird auch geduldig und gnädig in den Gepflogenheiten und im Verhalten erzogen, damit er weiß, wie man sich als Teil von Gottes Haushalt, als Kind Gottes, benehmen soll.
Doch das ist noch nicht alles: Er wird auch wieder zum Sohn gemacht und damit zu einem berechtigten Erben eingesetzt. Er wurde nicht nur errettet und hat dadurch neues Leben. Er wird nicht nur gnädig darin erzogen, dass dieses neue Leben immer mehr zum Vorschein kommt. Nein, aus Gnade blickt er wieder einem Erbe entgegen.
Auf dieselbe Weise blicken wir der Vollendung unserer Errettung entgegen. 1. Johannes 3,2 sagt: „Ihr Lieben, schon jetzt sind wir Kinder Gottes.“ Das ist jetzt schon ein Fakt. Wir sind Kinder Gottes. Was das in Zukunft bedeuten wird, können wir uns jetzt noch nicht einmal vorstellen. Aber wir wissen, dass wir von gleicher Art sein werden wie er. Damit ist Jesus gemeint. Denn wir werden ihn so sehen, wie er wirklich ist – nicht wie er war, als er auf dieser Erde war, sondern wie er jetzt ist, in seiner ganzen Herrlichkeit.
Gottes Gnade an uns errettet nicht nur im Hier und Jetzt. Sie hat uns jetzt schon neues Leben gegeben und sie hat uns eine Hoffnung auf die Vollendung dieser Errettung gegeben.
Wie wird die Vollendung dieser Errettung aussehen? Philippa 3,21 sagt: „Er wird unseren armseligen, vergänglichen Leib verwandeln, so dass er dann seinem verherrlichten Körper entsprechen wird.“
Das Warten auf die Sichtbarwerdung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus hat nicht nur die Folge, dass wir ihn sehen werden, wie er ist. Nein, es hat auch zur Folge, dass wir unseren armseligen, sündigen, verschmutzten Leib loswerden. Das zweite Kommen Jesu wird die Sünde komplett entfernen. Wir werden sein wie er, ihm ähnlich. Das ist die Hoffnung, die uns Gottes Gnade bringt.
Was bewirkt das Erwarten der Erfüllung dieser Hoffnung? Was bewirkt die aktive Haltung des Wartens, die aktive Haltung des Hoffens auf die Erfüllung dieser Verheißung? Was bewirkt die Erwartung, das Freuen auf die Ankunft Jesu?
Johannes schreibt einen Vers später in 1. Johannes 3,3: „Und jeder, der solch eine Hoffnung hat, wird sich von Sünde reinigen, um rein zu sein wie er.“ Damit drückt Johannes denselben Gedanken aus, den Paulus auch im Titusbrief ausdrückt: Eine echte Erwartungshaltung ruft Veränderung hervor.
Diese erwartende Haltung ist ein aktives Warten. Es ist ein Vorbereiten auf die Erfüllung dieser Verheißung, dieser Hoffnung, dieses Erwarten. Es hat direkten Einfluss auf die Entscheidungen, auf die Handlungen, auf die Lebensweise im Hier und Jetzt.
Diese Erwartung ist entscheidend für unsere Heiligung, für den Prozess, in dem wir Jesus ähnlicher werden. Denn es fällt wesentlich leichter, die weltlichen Begierden und die Gottlosigkeit, von denen wir gerade gehört haben, zu verneinen, wenn wir in der Erwartung auf Jesu Wiederkommen leben.
Seht ihr, was nützt es im Alltag, seine Zeit und seine Ressourcen in Dinge zu investieren, die beim Kommen Jesu völlig bedeutungslos sind? Die im schlimmsten Fall vielleicht sogar eher beschämend sind?
Nimm dein Leben unter die Lupe: Bei welchen Dingen sollte dich Jesus besser nicht erwischen, wenn er wiederkommt? Welche Lebensziele, welche Wünsche, vielleicht auch welche Sorgen, die du dir jetzt machst, sind bedeutungslos angesichts seiner Wiederkunft? Welche Streitigkeiten hast du mit deinem Nachbarn, mit deinen Freunden, mit den Geschwistern in der Gemeinde? Welche dieser Streitigkeiten sind eigentlich nichtig, unnütz oder vielleicht sogar einfach nur dumm angesichts dessen, dass Jesus wiederkommen wird?
Gottes Gnade ist eine Hoffnung bringende Gnade.
Die befreiende Gnade Gottes
Befreiende Gnade – in Vers 14 heißt es: „Der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit loskaufte und sich selbst ein Eigentumsvolk reinigte, das eifrig sei in guten Werken.“ Gottes Gnade ist eine rettende, erziehende, hoffnungsbringende und befreiende Gnade.
Diese befreiende Gnade wirkt sich in zweierlei Hinsicht aus: Zum einen befreit Gottes Gnade uns von der Sklaverei der Sünde, zum anderen befreit sie uns von all dem Schmutz und Dreck unseres alten Lebens. Das Bild, das Paulus hier zeichnet, ist nicht das eines Sohnes, der sein Vaterhaus verlässt, wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Stattdessen zeigt Paulus das Bild eines Sklaven.
Ein Sklave war der Besitz seines Herrn. Er war genauso viel wert wie ein Tisch oder ein Stuhl – einfach nur Eigentum. Er hatte keinerlei Rechte und gehörte zum Inventar. Er war ganz in der Hand seines Herrn, nämlich der Sünde. Der Lohn der Sünde ist der Tod, lesen wir in Römer 6,23. Das ist die Erwartung und Hoffnung eines solchen Menschen.
Dann kommt ein König – das ist das Bild, das Paulus zeichnet. Ein König, der den Preis für diesen Sklaven bezahlt. Der Preis ist das Leben dieses Königs selbst. Er ist bereit, diesen Preis zu zahlen – nicht weil der Sklave es wert ist oder besonders ist, sondern weil der König in seinem Wesen ein Retter ist. Er will retten, weil er gnädig sein will. Damit geht der Sklave in den Besitz eines neuen Herrn über.
Man könnte meinen, das sei vom Regen in die Traufe – von einem Herrn zu einem neuen, aber man bleibt ein Sklave. Doch dieser neue Herr ist ganz anders. Er nimmt die alte Sklavenkleidung ab, wäscht den stinkenden, dreckigen Sklaven und gibt ihm neue, saubere Kleidung – die Kleidung eines Königs. Nicht nur das: Er adoptiert ihn als seinen Sohn. Damit ist der Sklave berechtigt für ein Erbe.
Das ist das Bild, das Paulus zeichnet, wenn er sagt, dass Jesus sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit loskaufte. Dieses Loskaufen meint genau das: das Freikaufen eines Sklaven, eines Gefangenen.
Dasselbe Bild eines Sklaven verwendet Paulus auch in Römer 6, wo es heißt: „Aber Gott sei Dank, ihr als frühere Sklaven der Sünde, gehorcht jetzt von Herzen der Lehre, von der ihr inzwischen geprägt worden seid. Von der Sünde befreit, seid ihr nun in den Dienst der Gerechtigkeit gestellt.“ Einige Verse zuvor schreibt er: „Haltet euch selbst dafür, dass ihr für die Sünde tot seid, aber für Gott lebt in Christus Jesus, unserem Herrn.“
Mit anderen Worten: Die Sünde ist nicht mehr euer Herr, ihr müsst ihr nicht mehr gehorchen, ihr seid frei davon. Im Bild vom verlorenen Sohn gesprochen: Er ist wieder im Haus des Vaters, er muss sich nicht mehr so verhalten, als wäre er noch bei den Schweinen. Haltet euch selbst für tot der Sünde – ihr müsst ihr nicht mehr folgen.
Das ist die eine Seite dieser reinigenden, befreienden Gnade Gottes: Wir sind von der Sünde losgekauft. Auf der anderen Seite sind wir damit sein Besitz, sein Eigentumsvolk, schreibt Paulus hier – ein gereinigtes Volk, befreit von allem Schmutz und Dreck unseres alten Lebens, das ihm allein gehört.
Achtet darauf, was hier steht: „Er hat sich selbst ein Eigentumsvolk gereinigt.“ Er hat es getan – nicht, er wird es irgendwann tun, nicht, er reinigt es gerade im Moment. Nein, er hat es getan, es ist ein abgeschlossener Prozess. Wir sind als gerettete Menschen sein gereinigtes Eigentumsvolk, sein Eigentum.
Nun denkt man vielleicht: Der allmächtige Gott und Schöpfer dieses Universums wird sein Eigentum, das er mit seinem teuren Blut bezahlt hat, doch nicht verlieren. Denkt man, der Schöpfer und mächtige Gott wird das, was er sich selbst erkauft hat, wieder einem anderen geben? Denkt man, der gute Hirte verliert eines seiner Schafe?
Wir sind errettet durch seine Gnade, wir werden erzogen durch seine Gnade, wir haben eine lebendige Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt durch seine Gnade, und wir sind ein befreites, gereinigtes Eigentum durch seine Gnade.
Es heißt weiter, dass das Eigentumsvolk „eifrig sei in guten Werken“. Ich möchte kurz auf das Wort „eifrig“ eingehen, weil es sehr interessant ist. Zum einen kommt dieses Wort von der Wurzel „heiß sein“ oder „glühen“ – also ein glühender Eifer. Jesus hat sich durch seinen Tod ein Volk gereinigt, ein Volk erkauft, das heiß darauf ist, Gutes zu tun.
Zum anderen spricht das Wort von einem Eiferer oder Zeloten. Vielleicht hast du davon schon gehört: Einer der Jünger Jesu war Simon der Zelot. Was war ein Zelot? Ein Zelot war ein militanter Eiferer, ein Verfechter für das Volk Israel. Er war voller Hass gegen die römische Besatzung und bereit, zu töten oder selbst zu sterben, um gegen diese Besatzung zu kämpfen.
Das war ein Zelot, ein Eiferer. Denselben Eifer will Jesus in seinem Volk sehen – aber nicht, um andere zu töten, wie es ein Zelot tat, sondern darin, Gutes zu tun.
„Dies rede und ermahne“, schreibt Paulus weiter, „und überführe mit allem Nachdruck, lass niemand dich verachten.“ Mit diesen Versen schließt Paulus diesen Gedankengang ab, den er in Vers 1 mit den Worten begann: „Du aber rede.“
Titus soll all das reden, indem er zum einen ermahnt – das meint die positive Seite, jemanden ermutigen, trösten, gut zureden. Zum anderen soll er überführen – das ist die negative Seite, jemanden zurechtweisen, tadeln, mit falschem Verhalten oder falschem Denken konfrontieren. Das soll Titus tun.
In Vers 15 ist Titus aufgefordert, diese vierfache Gnade Gottes zu verkünden. An wen soll er das weitergeben? An wen soll er diese Worte richten? Soll er sie in erster Linie an Ungläubige richten, an die, die außerhalb der Gemeinde sind? Ist das das, was Paulus von ihm möchte? An solche, die diese Gnade noch nicht ergriffen haben, die noch in ihrer Sünde leben, die noch nicht zum Eigentumsvolk Jesu gehören, die noch nicht im Haus des Vaters sind?
Ja, natürlich auch, aber das ist nicht der Fokus von Paulus. Paulus schreibt diese Worte an Titus, der auf der Insel Kreta in den Gemeinden Älteste einsetzen soll. Er schreibt ihm in Kapitel 2, wie sie sich verhalten sollen, wie das neue Leben bei diesen erretteten, wiedergeborenen Christen zum Vorschein kommen soll.
Am Ende endet Paulus diesen Abschnitt mit dieser vierfachen Gnade Gottes. Er soll den Gläubigen – egal ob alter Mann, alte Frau, junge Frau, junger Mann, Sklave oder Herr – diese Gnade verkünden. Alle brauchen diese Gnade Gottes.
Ich glaube, das widerspricht dem Denken mancher Christen, dass Gnade etwas ist, das wir nur für begangene Sünden in Anspruch nehmen müssen. Dass vor allem jemand von der Gnade Gottes hören muss, der noch nicht errettet ist und diese Gnade noch nicht ergriffen hat.
Titus soll diese Gnade vor allem zu den Gläubigen in den Gemeinden auf Kreta sprechen – egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, gerade erst bekehrt oder seit Jahrzehnten im Glauben. Wir alle müssen immer wieder von dieser Gnade Gottes hören.
Das zeigt auch, dass diese vierfache Gnade Gottes etwas ist, das diejenigen Geschwister brauchen, die von dir vielleicht einen seelsorgerlichen Rat möchten. Das Leben, das Gott in Titus 2 von den alten und jungen Frauen und Männern will, basiert auf dieser vierfachen Gnade. Das ist der Grund, wie so ein Leben, so ein heiliges, gottwohlgefälliges Leben möglich ist.
Was braucht ein Mensch, der voller Schuldgefühle ist, der vielleicht voller Scham wegen vergangener Sünden ist, der sich selbst als unwürdig sieht, überhaupt zu Gottes Eigentumsvolk zu zählen? Was braucht dieser Mensch mehr als Gottes heilbringende, rettende Gnade, die allen Menschen unabhängig von Herkunft und Geschlecht Rettung bringt – auch wenn sie noch so sündenbeladen sind?
Was braucht ein von Sünden geplagter Mensch, der immer wieder dieselben Sünden tut und immer wieder schuldig und dreckig vor Gott kommt? Was braucht er mehr als Gottes reinigende Gnade, seine Gnade, die uns befreit, reinigt, erzieht und, wenn nötig, sogar züchtigt, um zu einem heiligen, gottesfürchtigen Leben zu führen?
Was braucht ein verzweifelter Mensch, der von einer Hiobsbotschaft nach der anderen gejagt wird und immer wieder die Sinnlosigkeit dieses Lebens vor Augen hat? Was braucht dieser gequälte Mensch mehr als Gottes hoffnungsbringende Gnade – die Zuversicht und feste Erwartung, dass unser großer Gott und Retter Jesus Christus sichtbar in all seiner Pracht und Herrlichkeit erscheinen wird und wir ihm gleichgestaltet sein werden?
Was braucht ein von Sünden versklavter Mensch, der sich immer wieder machtlos gegen Versuchungen fühlt und immer wieder in dieselbe Sucht verfällt? Was braucht dieser Mensch mehr als die befreiende Gnade Gottes? In seiner Gnade hat er uns von der Sklaverei losgekauft und zu seinem Eigentumsvolk gemacht. Wir gehören ihm, wir sind sein Eigentum.
Denkt ihr, Gott würde jemals sein eigenes erkauftes Eigentum im Stich lassen oder es jemand anderem geben? Gottes Gnade, die in Jesus Christus sichtbar wurde, rettet, erzieht, bringt Hoffnung und befreit. Amen.
