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Ich tilge deine Schuld!

Jesaja 43,22-2502.07.2002
Jesus zieht mehr als Religion, Moral oder gute Worte. Die eigentliche Frage: Kann Schuld wirklich ausgelöscht werden? Genau dort setzt Gottes Gnade an – radikal, unverdient, endgültig.

Einleitung und biblischer Rahmen

Ja, ja, Jesaja 43,22-25. Ich möchte aber schon ab Vers 22 lesen, denn das gehört doch dazu. So macht Gott Mut, ein ermutigendes Wort, das aber nicht in der Form mit „Fürchte dich nicht“ beginnt, sondern mit einem Streit, in dem Gott mit uns rechtet.
„Nicht dass du mich gerufen hättest, Jakob, oder dass du dich um mich gemüht hättest, Israel. Mir hast du nicht die Schafe deines Brandopfers gebracht, noch mich geehrt mit deinen Schlachtopfern. Ich habe dir nicht Arbeit gemacht mit Opfergaben, ich habe dich auch nicht bemüht mit Weihrauch. Mir hast du nicht für Geld kostbares Gewürz gekauft, mich hast du mit dem Fett deiner Opfer nicht gelabt. Aber du hast mir Arbeit gemacht mit deinen Sünden und mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten.
Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht.“

Die eigentliche Anziehungskraft des Glaubens

Die grösste Anziehungskraft hat das Christentum nicht durch die Kultur, die das Christentum verändert hat. Auch nicht durch irgendwelche bedeutenden Persönlichkeiten wie Bach und Händel, Martin Luther oder Friedrich von Bodelschwingh. Das Christentum hat auch nicht seine grösste Anziehung durch seine Gottesdienste. Und auch nicht durch die Christen.
Viele sagen ja: Ich muss noch attraktiver werden, um auf die Gottlosen mehr Eindruck zu machen oder die Familienangehörigen mehr zu prägen. Das Christentum hat auch nie Anziehung ausgeübt durch irgendwelche Prediger, die vielleicht durch ihre Persönlichkeit besonders gewinnend gewesen wären. Das Einzige, was am Christentum anziehend ist, ist Christus selber.
Und ausgerechnet dessen genieren sich die meisten Christen, über Jesus zu reden. Ist es ihnen schon einmal aufgefallen, dass häufig nur über Gott gesprochen wird? Da können alle mitmachen, weil von Gott reden alle, ob Buddhisten, Hindus oder Muslime. Auch Adolf Hitler hat sich ja immer als gottgläubig bezeichnet. Er wollte sagen, er sei nicht unreligiös. Aber bei Christus, bei Jesus Christus, da scheiden sich die Geister. Und deshalb ist es merkwürdig, dass gerade die Christen Angst haben und sagen: Ich darf nicht direkt mit Jesus kommen.
Also, das ist mir in der Weltmission aufgefallen, wenn ich mit irgendwelchen Leuten rede, die aus dem Buddhismus kommen. Ich erinnere mich an Burma, es war Myanmar Inlandmission. Myanmar ist der neue Name für Burma. Da waren es ein paar Männer, die da ganz kühn in diesem kommunistischen Regime eine Inlandmission machten. Und dann erzählten sie gleich, dass sie früher buddhistische Mönche waren, die mit diesen gelben Gewändern herumliefen. Das heisst, Buddhismus. Wie kann ein Buddhist Christ werden? Ganz kompliziert.
Bei uns sind ja junge Leute darauf aus, dass man buddhistische Weisheit hat. Dann gucken sie mich an und sagen: Ja, das ist schon grosse buddhistische Weisheit. Aber als wir das erste Mal von Jesus hörten, da war ein Hunger geweckt, und wir konnten nicht genug kriegen, bis wir ganz Jesus gehörten. Also Jesus zieht.
Und jetzt können wir weitergehen. Ich erinnere mich an China, an einen Professor einer bedeutenden Universität, der sich in Stuttgart taufen lassen wollte. Ich fragte: Sie sind aus China? Und er sagte: Ja, ich habe alles studiert. Ich war zuerst ein gläubiger Kommunist, und ich habe den Kommunismus verehrt. Ich habe an die klassenlose Gesellschaft geglaubt. Ich habe die neue Gesellschaft gesucht und mit all meinem Wissen dafür gearbeitet. Und dann kam das Morden auf dem Platz des himmlischen Friedens. Da sind uns Welten zerbrochen, dass der Kommunismus gar nicht menschlich ist. Und dann habe ich gesucht. Ich habe den Koran gelesen, und ich habe im Aberglauben gesucht, in den buddhistischen Schriften.
Ja, und dann? War das dann eine Kirche mit einer bestimmten Form? Oder waren das Menschen? Nein, immer kommt die gleiche Antwort: Es war Jesus. Ich musste mehr von Jesus hören, und ich will Jesus gehören. Die Kirchenfragen sind dann gar nicht mehr so wichtig. Und das ist bei den Muslimen nicht anders. Jesus zieht. Und wir müssen das wieder neu merken, auch in unserer Gesellschaft, in der wir leben. Jesus ist das Wichtigste, was wir Menschen erzählen müssen.
Und zwar mit möglichst echten Worten, was wir an Jesus haben, was wir bei ihm finden, den Frieden, den wir haben. Ich erinnere mich an einen Muslim, in Senegal war es, der hier bei der Billy-Graham-Konferenz in Amsterdam war, ein junger Arzt. Und er erzählte, wie er zu Jesus kam. In Senegal gibt es vielleicht nur viertausend Jesusgläubige, evangelikale Christen. Und er erzählte, er sei der Sohn eines Koranlehrers gewesen, und es sei gar nicht leicht gewesen, wie er überhaupt mit dem Evangelium in Berührung gekommen sei.
Es war toll: Da war eine Gruppe von Amerikanern, die eine Sportgruppe gemacht haben. Und er sagte, er habe so gern Volleyball gespielt. Da sei er immer hingegangen, aber bevor Volleyball gespielt wurde, wurde eine Andacht gehalten. Das hat er wohl oder übel in Kauf genommen. Er sagte: Drei Jahre lang habe ich diese Andachten gehört, und es hat mich interessiert, dass es Vergebung gibt, dass Jesus Vergebung wirkt. Also, mir war das völlig neu.
Man hat doch schon viel gelesen, und da hört man grosse Theorien. Aber wir brauchen so ganz einfach, wenn sie mit ihren türkischen Freunden zusammenkommen, dass sie ganz schlicht das erzählen, was sie da finden an Jesus, an Befreiung.
Ich darf noch einmal sagen, was wir in diesen Tagen schon sagten: Setzen Sie sich nie mit Religionen auseinander, Sie tun ganz viel Dummes. Niemand will hören, was Sie an einer Religion kritisieren. Sie brauchen auch nicht Mohammed schelten. Natürlich war das ein Kinderschänder, wenn er eine neunjährige Frau hatte und 19 Frauen in seinem Leben verbrachte. Aber das will ein Muslim nicht hören, da erreichen Sie sein Herz nicht.
Sie dürfen nicht seine Religion schlecht machen. Sie dürfen nicht darüber reden, was nicht stimmt am Koran oder wo die muslimische Gesellschaft heuchlerisch ist. Sondern Sie dürfen ihm Jesus gross machen, und das können Sie mit ganz wenigen Sätzen. Und da ziehen Sie ihn. Weil Jesus Menschen zieht, weil Jesus Menschen retten will.
Und das Grösste bei Jesus ist tatsächlich sein Kreuz für uns: dass er gestorben ist, damit er meine Schuld lösen und tilgen kann. Ich tilge deine Sünden. Das steht heute im Mittelpunkt unserer Betrachtung. Ich tilge deine Übertretungen.
Das ist natürlich bei uns oft gehört. Bei uns ist das schon gang und gäbe. Ein grosser Spötter hat ja mal ein französischer Philosoph gesagt: C’est son métier, das muss er machen, das ist so sein Geschäft, das gehört bei Jesus so dazu. Und bei uns kann man oft sagen: Es ist abgegriffen, dass viele leichtfertig darüber hinweggehen. So war es sicher in Israel auch, dass das sehr abgegriffen war.
Und das Wort von der Sündenvergebung wird vielleicht am wenigsten bei denen gehört, die tagtäglich mit dem Herrn wandern, also bei denen, die fromm sein wollen, bei denen, die mit dem Herrn tagtäglich umgehen, die das gewohnt sind. Es bleibt doch im Neuen Testament merkwürdig, dass gerade die schriftgelehrten Pharisäer so schwer taten, Jesus zu erkennen. Die gestrandeten Menschen, die bösen Menschen, taten sich viel leichter, Vergebung zu begreifen, als eine revolutionäre Botschaft. Aber die, die dauernd mit dem Wort der Schrift umgingen, die das gewusst haben aus dem Alten Bund, dass das die Verheissung ist, dass Gott Schuld endgültig tilgt, haben es nicht begriffen.
Warum nicht? Ich fange mit dem ersten Teil an: nicht du. Das ist das Wichtigste. Das muss man mal begreifen. Gott sagt das dem Volk Israel und dem frommen Volk Israel: nicht du. Es kommt achtmal in der Sache vor, sechsmal genannt: nicht du, nicht was du gemacht hast.
Das ist die Not vielleicht auch in deinem Christenleben, dass du meinst: Na ja, Gott muss mir ja vergeben, weil ich ihm so sehr diene, weil ich so viel für ihn mache, weil ich so ein gutes Herz habe, weil ich so lieb bin, weil ich mich entschieden habe. Muss mir Jesus ja die Sünden vergeben. Schleicht sich nicht bei jedem von uns dieses schlimme Missverständnis ein, als ob wir uns die Vergebung verdienen könnten durch unser Frommsein?
Das ist die Tücke im Frommsein. Tatsächlich tun da die Gottlosen viel leichter als die Frommen. Und es ist eine Not in unserer Frömmigkeit, dass wir manchmal die grosse Gnade gar nicht richtig verstehen.
Das schönste Lied von der Gnade Gottes: Amazing Grace. Das hat dieser Sünder gedichtet, der ja ein Lump war, ein Ausbeuter, ein Sklavenhändler, ganz schlimm drin gesteckt hat, schon durch seinen Vater, der ihn in dieses Gewerbe hineingebracht hat. Und dann begreift er im Seesturm zum ersten Mal Jesu Gnade. Und dann benützt er sein ganzes Leben als Prediger in London dazu, die Gnade zu besingen: das wunderbare unverdiente Gratisgeschenk. Du kannst es dir nicht erarbeiten, du kannst es dir nicht verdienen.

Schuld, Vergebung und die Tiefe des Kreuzes

Jetzt schauen wir einmal darauf, was dort steht, wie Gott unseren Stolz, unsere Überheblichkeit und unsere Einbildung zerschlägt. Du hast mich nicht gerufen. Doch, wir haben doch viel gebetet. Und Gott sagt: Du, in deinen Gebeten war das oft nur ein Wegreden deiner Angst, das ist oft bloß ein Selbstgespräch von dir gewesen. Hast du mich wirklich angerufen? In deinem Gebet war das nicht bloß eine trockene Routine, nicht so, dass du mich gerufen hättest, nicht so, dass das deine Leistung wäre.
Manche Christen sehen ja das Gebet immer noch so an, als wäre es ein Hebel, mit dem sie Druck auf Gott ausüben könnten, als könnten sie Gott erzwingen und sagen: Jetzt musst du das tun. Und wenn dann möglichst viele beten, wenn möglichst Zehntausende eine Kette bilden, nein, das ist nicht nötig. Wo ein Einzelner den Herrn anruft, mit gläubigem Herzen und Gott wirklich sucht, da findet er Erhörung. Nicht, dass du dich um mich gemüht hättest, hinter allem fromm sein und feiern, Gott stehe doch so oft gar nicht Gott selbst. Wollen wir ihm wirklich begegnen, oder ist das bei uns eine Frömmigkeit, die wir einfach abspulen?
Und dann hat Gott auch das noch bei Israel beklagt. Die haben doch ihre Brandopfer dargebracht. Für uns ist das eindrucksvoll, was sie alles bezahlt haben. Und Gott sagt: Mir hast du die Brandopfer nicht dargebracht. Ja, wem denn dann haben die die Brandopfer dargebracht? Sie haben den Namen Gottes ausgerufen, aber es war nicht wirklich Gott dargebracht. Es kommt ja auch bei Amos vor, wo Gott sagt: Mir hast du nicht Lieder gesungen, und für mich hast du nicht die Feste gefeiert. Ja, für wen feiern wir eigentlich Weihnachten? Ist das längst nicht ein Familienfest, auch in unseren frommen Kreisen? Feiern wir das wirklich, um Jesus zu ehren? Unsere Feste, das Osterfest?
Mir hast du nicht die Schafe deines Brandopfers gebracht, noch mich geehrt mit deinen Schlachtopfern. Hast du mich nicht mit deinen Schlachtopfern geehrt? Stand das dahinter? Wie oft steht unter unseren Opfern dies, dass es uns selber wohltut, dass wir uns selber sagen: Guck, du bist doch ein guter Mensch. Ich habe ja sehr viel mit ihrer Liebe zu tun. Und ich sage das nur mit Zögern, nicht dass sie mich missverstehen, weil ich weiß, und ich drücke sie auch immer wieder aus, und weil wir immer bis zu den kleinsten Gaben persönlich danken, weil ich weiß, was das ist. Aber uns ist immer wichtig: Es muss ein Opfer für Gott werden, damit wir Gott damit ehren.
Ich habe dir nicht Arbeit gemacht mit Opfergaben, habe dich auch nicht bemüht mit Weihrauch. Mir hast du nicht für Geld köstliches Gewürz gekauft, mich hast du mit dem Fett deiner Opfer nicht gelabt. Und dann schiebt Gott das einfach weg, was doch so gut gemeint war, in dem Tempelgottesdienst, den Israel gefeiert hat. Und dann spricht Gott von dem einen, was im Mittelpunkt steht, wenn wir uns heute versammeln, heute Morgen. Da sagt Gott: Jetzt geht es bloß um eine Sache, nicht was du gibst und nicht was du tust. Wie ist das mit deinen Übertretungen und mit deiner Sünde? Wir haben Gott beleidigt, ihm ins Gesicht gespuckt, ihn auf die Seite gedrückt. Wir haben sein Wort missachtet, es war uns gleichgültig. Wir haben seiner vergessen um unseres Ichs willen. Und da liegen viele dunkle Dinge da.
Und das greift Gott heraus, die Not, die einzige Last. Immer wenn wir Gottesdienst halten, geht es um diese eine Not: Wie kann ich meine Last lösen? Und das ist jeden Tag die Not, die wir im Gebet vor Gott bringen. Herr, wie kann ich neu werden und frei werden? Das muss auch in Ihrem Gebetsleben vorne anstehen. Nein, das stimmt nicht, weil manche meinen, das sei am Anfang unseres Glaubens nur ein Problem. Es bleibt ja erst recht ein Problem, wenn wir älter werden. Und wenn wir wirklich geistlich wach sind, arbeitet das immer tiefer in uns, mit dieser Sünde, die in uns steckt.
Mir hast du Mühe gemacht, Arbeit hast du mir gemacht und machst du mir dauernd mit einer Sünde, mit einem störrischen Wesen, mit einem harten Herzen, mit einer Ichsucht, mit einem unkontrollierten Gedanken, mit einer Leidenschaft, mit einer Leidenschaft, mit einer Untreue. Du hast mir Arbeit gemacht. Gott kämpft darum, und wenn wir uns sammeln in der Gegenwart Gottes, dann soll uns das bewusst sein.
Und jetzt kommt der nächste Punkt: wunderbare Tilgung, was Jesus tut. Ich tilge deine Übertretungen, ich tilge deine Übertretungen. Wenn uns jemand etwas Böses getan hat, dann ist es uns schwer, das einfach so zu vergeben. Wir sind ja manchmal Weltmeister in der Erinnerung und schieben das immer wieder vor uns her. Und wir nennen das, obwohl der andere vielleicht schon ein paar Mal gesagt hat: Du, es tut mir leid, wie das damals ging. Ja, aber du bist so einer. Und das macht Gott gar nie. Er spricht von Tilgung. Und Sie wissen, was Tilgung ist: Wenn Sie eine Schuld bei der Bank getilgt haben und es kommt Ihnen nach drei Monaten noch einmal eine Mahnung, dann laufen Sie dorthin und sagen: Was fällt Ihnen überhaupt ein? Die Sache ist getilgt. Was haben Sie für eine Buchhaltung? Tilgung heißt ausgelöscht. Da ist nichts mehr da. Da muss die Akte gelöscht werden. Das ist vorbei. Und dass Gott so vollständig Sünde tilgt, das ist so großartig: Übertretungen tilgt, böses Wesen tilgt, ganz völlig auslöschen.
Ich möchte noch einmal daran erinnern, dass im menschlichen Denken das das Unverschämteste ist, was man sich an Vergebung denken kann, obwohl ja die Leute meinen, Gott muss vergeben. Aber das ist ein ganz oberflächliches Denken. Da gab es ein Buch von Simon Wiesenthal, Sonnenblumen. Da hat er eine Geschichte, irgendwo aus Polen, erzählt von einem deutschen Soldaten, der im Sterben liegt. Dort in dem Lazarett sind polnische Zwangsarbeiter, und der sterbende deutsche Soldat bittet einen polnischen Zwangsarbeiter um Vergebung. Denn er war beteiligt bei einem Erschießungskommando, wo ein Haus angebrannt wurde, und da sind die Bewohner und die Kinder rausgesprungen, und sie haben dann geschossen. Und im Sterben hat es diesen Soldaten gedrückt, und er hat nun den polnischen Zwangsarbeiter um Vergebung gebeten.
Simon Wiesenthal hat 30 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens diese Geschichte vorgelegt, was sie dazu sagen, was ihre Meinung wäre, also vom Bundespräsidenten über Philosophen, große Musiker, Juden und Nichtjuden und wen alles. Sie waren sich einig: Es ist eigentlich ein schmutziger Gedanke, so etwas ist fies. Plötzlich angesichts des Todes sagen: Ich will die Last loswerden. Und dann haben eigentlich alle gesagt, es gibt es nicht. Wer so ein Verbrechen begangen hat, der muss damit sterben. Und nur zwei deuten an, es könnte irgendwo vielleicht doch noch eine religiöse Lösung geben, aber sie kamen nicht weiter, wirklich die Botschaft des Evangeliums zu nennen. Und das zeigt, dass die Welt ja wirklich gar nicht das denken kann.
Ich weiß, wie Leute auch im Streit sagen: Das sitzt zu tief, das kann gar nicht vergeben werden, was mein Mann mir angetan hat oder was sonst jemand an mir angetan hat. Und denken wir gerade an so grausame Verbrechen wie das vom Dritten Reich und diese KZ-Unrechtstaten: Wie soll denn das vergeben werden können? Dann lesen Sie noch einmal, vielleicht haben Sie es zu Hause, die Berichte von dem amerikanischen Soldatenseelsorger, der in Nürnberg bei den Rotjacken, wo die großen Nazi-Größen dann zum Tode verurteilt wurden, sie begleitet hat. Wo große Verbrecher des Nazireiches die Gnade Jesu gerühmt haben, andere wie Rosenberg gesagt haben: Nie, ich will nichts von Gnade wissen, und so in den Tod gingen, andere unsicher waren, einer hat sich so bekehrt, dass er sogar noch das Harmonium gespielt hat im Gottesdienst.
Da sieht man erst, was ist das für eine Zumutung. Soll das wirklich möglich sein? Kann man überhaupt geschehenes Unrecht vergeben? Das kann nur geschehen, da, wo Arbeit gemacht wurde, dass der Sohn Gottes stirbt für meine Schuld. Und das ist das allergrößte Wunder, und das fehlt in unserer Christenheit, weil das uns berührt, bewegt. Noch einmal in der Missionsgeschichte: Ich meine, an der Missionsgeschichte wird es uns erst interessant, da muss man es lesen. Bei den Herrnhutern, die waren ja überall in ganz verlassenen Gebieten, und die sind nach Labrador und nach Feuerland und sind zu den Eskimos. Und bei den Eskimos stinkt es furchtbar im Iglu, das ist nicht so schön wie bei den Enkelkindern, wenn die ein Iglu bauen, weil die sich mit Tran einreiben und ein halbes Jahr nicht mehr waschen können.
Die ersten Missionare sind schier vergangen in dieser Verlassenheit, in dieser Eiswildnis. Und die Herzen dieser Eskimos waren so verhärtet. Da war es der Herrnhuter Missionar Beck, es steht auch in diesem gelben Missionsbuch drin, wie er ihnen dann Jesus im Garten Gethsemane erzählt. Biblische Geschichten sind überhaupt das Tollste. Und dann laufen ihm die Tränen runter, und er sagt: Warum heilst du? Er sagt: Das gibt es nicht. Hat das der Sohn Gottes für mich getan? Lies mir die Geschichte noch einmal, und dann lies mir sie noch einmal.
Das bewegt Menschen. Wir müssen in unserem Gottesdienst nicht neue Witze machen und neue Theatergruppen einführen. Was wir brauchen, ist, dass die Herzen bewegt werden durch den Opfertod Jesu. Die Botschaft muss die Herzen treffen, und das kann nur geschehen über unsere Sünde, über unsere Schuld. Ich weiß doch, wie das ist, wenn wir Sünde hören: Hahaha, was ist mit dem Wort Sünde gemeint und so. Und irgendwo muss ich doch treffen, wo meine Versäumnis, mein Unrecht, meine Gottlosigkeit von Gott aufgedeckt wird. Und dann sagt Gott: Du hast mir viel, viel Arbeit gemacht. Aber ich, ich, und dann kommt dieses Doppel-ich da schön noch einmal zur Erinnerung. Er ganz allein, nicht unsere Frömmigkeit. Er tilgt das ganz unvollkommen, ratzeputz macht das weg, mit Rumpf und Stiel, und da bleibt nichts mehr übrig, ganz weggenommen, in des Meeres Tiefe versenkt.
Die Korritin Boma hat immer gesagt: Am Ufer steht ein Schild, Angeln verboten. Nach der Schuld darf man auch selber nicht mehr greifen, die ist weggetan, unter dem Kreuz Jesu weggetan. Wenn Sie es nicht wissen, dann gehen Sie nicht von diesem Haus hier weg, ohne die Gewissheit zu haben: Alles hat er mir erlassen, alles, kaum kann ich es fassen. Alle meine Schuld und Sünde hat er getragen, weggetan und vergeben.

Gottes Erbarmen als Maßstab und Ziel

Warum tat Jesus das? Warum tut der heilige Herr dies?
Da sagt er merkwürdigerweise nicht: um deinetwillen. Das wäre ja auch schon verständlich: um deinetwillen, denn wir brauchen das. Wir sind ja sonst verlorene Menschen, wir gehen in die Hölle, wir sind ohne Hoffnung. Um deinetwillen, aber Gott sagt: um meinetwillen, weil Gott ein Heiland für die Welt sein will.
Und was er mir getan hat, sollen Exempel sein für Tausende und Abertausende von Leuten, damit nie in meinem Leben mehr der Hochmut da ist, dass das ihre türkischen Nachbarn spüren. Das ist ein Mensch, an dem ein ganz großes Wunder geschehen ist. Das ist der Grund seiner Liebe und seines Erbarmens. Er hat Erbarmung erlebt. Um meines Willen, das will Gott sein, das soll sein Markenzeichen sein. Wie bei den Stoffpuppen von Steiff der Knopf im Ohr ist, so ist bei Gott das Kennzeichen, dass er sich dem schlimmsten Sünder erbarmend nähert und dass es für jeden Menschen Hoffnung gibt und keiner davon ausgeschlossen ist. Jedem gilt das, jedem!
Festukivensch hat einst das Büchlein geschrieben: „Ich liebe Idi Amin.“ Damals war das schon ein harter Satz, wenn einer Menschenfresser war und so, und dann: „Ich liebe ihn.“ Wir lieben Osama Bin Laden. Wir wollten, dass er die Vergebung Gottes erfährt, dass selbst der schlimmste Massenmörder das erlebt. Denn Gottes größter Triumph, das ist Vergebung.
Wir meinen immer, Gottes größter Triumph sei, dass die Moral wiederhergestellt wird. Das ist uns wichtig. Wo kommen wir denn da hin, wenn die Leute meinen, man könnte das so leicht wegbekommen? Wir haben immer Angst, dass das dann einreißt, wo doch die Sünde noch niemand glücklich gemacht hat. Wo gab es in ihrem Leben eine Sünde, einen unreinen Gedanken, ein unwahres Wort, das sie glücklich gemacht hätte? Ein unrechter Euro, der sie beglückt hätte? Nirgendwo gibt es das. Sünde macht nicht glücklich. Der Teufel zahlt immer mit Falschgeld heim, und nach Jahren plötzlich bricht die Wunde auf.
Wir brauchen uns doch nicht um die Moral zu bekümmern. Wir dürfen das Erbarmen Gottes rühmen: Ich gedenke deiner Sünden nicht. Das sagt Gott auch am jüngsten Tag, kein Wort mehr davon, sei es, was gewesen war. Es muss ausgelöscht werden.
Es hat mich immer belastet, wenn ich mit alten Soldaten gesprochen habe, dass es eine Auferstehung der Sünden gibt, nicht bloß eine Auferstehung der Toten. Wenn man da redet und die Soldaten ihre großen Sprüche machen — die alten Soldaten reden ja am liebsten über Kriegserlebnisse —, dann werden aus einer Stunde gleich Tage, und sie hören nicht mehr auf.
Wir waren jetzt gerade auf der Kreuzfahrt in Budapest und standen auf der Fischerbastei. Dann haben die Soldaten angefangen zu erzählen. Da sagt einer: Mein Bruder ist über die Brücke gekommen, und da waren die Leichen so hoch. Und der andere sagt: Ich war Fahrer des Panzerkommandanten. Wir wollten um zwölf Uhr über die Brücke bei Budapest, und ach, wir waren noch die einzigen, die durchkamen. Dann wurde die Brücke gesprengt, und alle Soldaten sind in den Fluss geschmerzt, ersoffen und erfroren. Und die ganzen schrecklichen Erlebnisse.
Und dann tippt man auf einmal an: Hast du noch in Erinnerung, wen du erschossen hast? Und dann erzählen sie auf einmal kreidebleich von den Untaten. Vielleicht sagen sie: Niemand weiter, aber ich wache nachts immer auf und sehe die Gesichter vor mir.
Furchtbar, dass die schweren Dinge des Lebens da bleiben. Nur Jesus kann freimachen, was es auch ist, die Nöte unseres Lebens freimachen und lösen. Ich tilge das. Ich gedenke nicht mehr. Welch eine herrliche Sache des Erbarmens und des Vergebens!
Wir wollen wecken, Herr. Wir können nur jetzt auch Schuld bei dir ausbreiten und dich tief in unser Herz hineinblicken lassen. Das sind immer wieder so Dinge, die uns tief belasten, und wir können nicht darüber reden, weil es uns mit anderen peinlich ist, und wir schämen uns. Herr, mach du uns rein, tilge du aus und verändere und erneuere uns.
Wir danken dir für dieses herrliche Trostwort, dass du alles neu machen kannst, funkelnagelneu auch bei uns, wo so viel in den alten Dingen noch belastet weiterläuft. Gib uns heute an diesem Tag die Freude deiner Gnade, deiner Vergebung, deines Erbarmens. Danke für dieses herrliche Wort und dass es nicht nur ein Wort ist, sondern im Kreuz Jesu bestätigt und Wahrheit und Wirklichkeit geworden. Amen.