Zum Inhalt

Heinrich Bullinger: Architekt der Reformation

12.10.2019
Hanniel Strebel hatte in Aidlingen im Sommer 2019 die Gelegenheit einen einführenden Vortrag zu dem Reformator Heinrich Bullinger zu halten. Ausgehend von der These, dass Bullinger eigenständig zur Reformation fand, erläutert er einige Jahreszahlen und Angaben zur immensen Produktivität Bullingers in seiner 44-jährigen Zeit als Antistes der Zürcher Kirche.

Eröffnung und Begrüßung des Abends

Herr Präsident! Vorhin beim Abendbrot haben wir festgestellt, dass Heinrich Bullinger für die allermeisten hier im Raum eine Neuentdeckung ist. Doktor Krüger aus Walderstadt hat allerdings offenbar differenzierte Kenntnisse.
Es freut uns sehr, Sie herzlich willkommen zu diesem Vortrag zu heißen. Dies ist ein Vortragsabend, wie wir ihn noch nie hatten: Heinrich Bullinger, Architekt der Reformation.
Wir beginnen mit einem Lied, Nummer 329, und freuen uns dann auf alles, was Doktor Strebel vorbereitet hat, direkt nach dem Lied. Nummer 329, die Strophen I, IV und VII. Nein, sechs ist es schuld: eins, vier und sechs, ja, eins, vier und sechs.

Einleitende Gedanken zu Bullingers Frömmigkeit und Werk

So hängen wir Gott an, dem alleinigen, höchsten und ewigen Gut, an dem wir uns in nicht geringem Maß erfreuen. In ihm werden wir ruhig, weil wir wissen, dass es außer ihm kein Gut gibt, sondern dass in ihm jedes Gut ist. Daher lieben wir kein anderes Gut als Gott. Und seinetwegen, den wir lieben, verachten und verschmähen wir unbekümmert alles, was in der Welt gutheißen mag.
Für jemanden, der Gott liebt, ist es schön und angenehm, das zu tun, von dem er weiß, dass es gottgefällig ist. Das Herz des Liebenden achtet den Geliebten hoch. Es wendet seine Augen nicht von dem Geliebten ab. Immer und in allen Dingen sehnt es sich nach dem Geliebten. Es macht ihm Freude, häufig mit Gott zu reden und die Worte Gottes anzuhören, der durch die Schrift spricht.
Heinrich Bullinger schreibt dies in seiner zehnten Predigt seines berühmten Hausbuches, der Dekaden, fünfzig Lehrpredigten, die er wahrscheinlich nur zu einem geringen Teil selbst gehalten hat und die er für seine Pfarrkollegen zur Erbauung und zur Weiterbildung verfasst hat. Die Predigt Nummer zehn der Dekaden trägt den Titel „Die Liebe zu Gott und die Nächstenliebe“. Und für den systematischen Theologen, wie ich es bin, ist es spannend, dass diese Liebe zu Gott und die Nächstenliebe der Auslegung der zehn Gebote vorausgeht.
Herzlich willkommen zu diesem Abend zu Heinrich Bullinger. Heinrich Bullinger, ein Zürcher. Man sagt nicht Züricher, sondern Zürcher. Heinrich Bullinger war aus Bremgarten im Kanton Aargau und knapp 44 Jahre, wie er in seiner letzten Ansprache sagt, Vorsteher der Zürcher Kirche im sechzehnten Jahrhundert.
Ich werde heute zuerst ganz kurz etwas über das große Bild des sechzehnten Jahrhunderts sagen und auch gleich begründen, warum. Denn Bullinger nahm als erstklassiger Historiker des sechzehnten Jahrhunderts intensiven Anteil an diesen Ereignissen. Dann werde ich einige Zahlen aus seinem Leben kommentieren. Witzigerweise bleiben mir manchmal Zahlen so gut im Gedächtnis, und ich hoffe, es wird auch bei Ihnen der Fall sein, dass sich die eine oder andere Zahl mit einer anderen verknüpft. Im dritten Teil werde ich dann aus seinem Werk einige, sagt man das bei euch, Schmankerl, sowie Zückerli, sagen wir also Zückerchen, präsentieren.
Ich habe ganz bewusst einen Schwerpunkt gewählt. Ich hätte ganz andere Schwerpunkte setzen können. Und wer das noch weiter interessiert, der findet unter meinem Profil, unter Amazon, ich bin Toprezensent bei Amazon, und die letzten drei Rezensionen von meinen 741 bis jetzt sind geradezu drei Briefbände von Heinrich Bullinger. Das heißt Band 1, Band 2 und Band 19, die ich rezensiert habe. Da soll sich doch dort mal noch etwas weiter einlesen.
Und ich komme zum ersten Punkt unter der Einstimmung zum großen Bild des sechzehnten Jahrhunderts.

Das 16. Jahrhundert als bewegte Epoche

Emilio Campi, der Kirchenhistoriker aus Zürich, schreibt, dass zwischen der Geburt Bullingers im Jahr 1504 und seinem Tod im Jahr 1575 71 Jahre liegen, die zu den bewegtesten der europäischen Geschichte gehören. Was hat denn die europäische Geschichte im 16. Jahrhundert bewegt? Das ist eine sehr selektive Auswahl; ich kommentiere sie gleich kurz im Zusammenhang mit Bullinger.
Bullinger war zur Zeit des berühmten Thesenanschlags Luthers in Wittenberg gerade einmal 13 Jahre alt. Ich gehe hier nicht näher auf die historische Evidenz dieses Thesenanschlags ein. Auf jeden Fall war er in diesem Jahr 1517 noch ein Kind. Als Luther sich dann auf dem berühmten Reichstag zu Worms verantworten musste, las Bullinger bereits als Student die Schriften Luthers. Das weiß ich nicht, ob er das in Erfahrung gebracht hat. Es war aber auch die Zeit der Expansion eines sich erweiternden Weltbildes, zum Beispiel durch Magellan, der 1522 den Kap der Guten Hoffnung umfahren hat. Das ist die Ausbreitung oder die Ausdehnung auch dieses, man kann sagen, des Weltbildes, auch des Bezugsraumes, in dieser Zeit sensationell.
Gleichzeitig war es auch eine Zeit der großen Bedrängnis. 1529 erlebte Europa die erste Belagerung Wiens durch die Türken. Wer die Briefe Bullingers studiert, wird auch immer wieder solche Gerüchte über die Türken lesen. Ich habe gerade in den letzten Wochen einen Brief gelesen, in dem ein Freund Bullingers schrieb, dass sie sich doch nicht zuerst über diese Invasion der Türken ärgern sollten, sondern dass dies der erste Grund sei, Buße zu tun. Luther hat übrigens ganz ähnlich geredet, angesichts dieser Bedrängnis. Das war also eine, wie es ein englischer Kirchenhistoriker, der eine ausgezeichnete Biografie zu englischen Reformatoren geschrieben hat, am Anfang seines Werkes über die Reformation 1490 bis 1700 schreibt, sehr, sehr existentielle Bedrohung. Vielleicht gar nicht so weit weg von gewissen Gefühlen und Bedrohungen, die heute bestehen.

Reformation, Politik und internationale Verflechtungen

Na, was geschah denn noch in diesem sechzehnten Jahrhundert? Ich bin, wie gesagt, sehr selektiv.
In England tat sich da auch einiges. Dort wurde nämlich Heinrich der Achte 1535 als kirchliches Oberhaupt anerkannt. Und dass es darum von besonderem Interesse ist, zeigt sich auch daran, dass Bullinger zeitlebens sehr intensive Kontakte in den englischsprachigen Raum hatte. Er hatte bei sich mehrere Männer aufgenommen, die später Bischöfe wurden, und sogar der Erzbischof von Canterbury war Student bei Bullinger in Zürich. Auch sein Hausbuch, aus dem ich am Anfang vorgelesen habe, wurde zuerst fast in die englische Sprache übersetzt und fand dort weite Verbreitung. Bullinger und die englische Reformation, ich weiß nicht, ob man von Reformation oder Teilreformation sprechen kann, waren eng mit Bullinger verknüpft.
Dann gab es natürlich noch viele andere Reformatoren. Bullinger zählt eigentlich zu den Reformatoren der zweiten Generation, rund zwanzig Jahre nach Zwingli, seinem Vorgänger, und Luther. Er war eigentlich ein Weggenosse von Johannes Calvin in Genf. Er überlebte ihn um elf Jahre. Calvin wurde 1541 nach Genf zurückgeholt, aus Straßburg, und war ein intensiver Korrespondenzpartner von Bullinger, nicht Butzer, sondern von Bullinger. Das war übrigens ein anderer interessanter Reformator.
Dann das Konzil von Trient, das eigentlich die Gegenbewegung der Katholiken bündelte und sage und schreibe achtzehn Jahre dauerte. Das wurde von Bullinger von Anfang an über diese achtzehn Jahre ganz aufmerksam verfolgt. Wer die Briefe dieser Zeit liest – bis jetzt sind die Briefe bis 1547 ediert worden –, der stellt fest, dass Bullinger intensiv an diesen Konzilsverhandlungen teilgenommen hat. Er hat auch mehrere Schriften dazu verfasst. Und das war etwas, was seine Zeit sehr bewegte. Die Protestanten verweigerten die Teilnahme, aber sie nahmen sehr wohl, zum Beispiel eben Bullinger, sehr wohl Anteil. Und da gingen viele Briefe hin und her.
Nicht zuletzt ist nach dem Tod oder um den Tod herum von Luther, der ich spreche es immer falsch aus, der Schmalkaldische Krieg. Das war eigentlich ein Höhepunkt von Bullingers diplomatischem Wirken im Hintergrund. Die Briefe von 1546 bis 1547 waren auf einem Höchststand, einem Allzeithöchststand. Die sind eben editiert worden. Und dieser Schmalkaldische Krieg war zwischen den Verbündeten, Lutheranern, Reformierten, ja, nur eigentlich Lutheranern gegen den Kaiser, den katholischen Kaiser, und es gab eine Niederlage für die Protestanten. Das war beileibe nicht die letzte Niederlage, ich komme nachher darauf zurück. Es gab eine viel entscheidendere in seinem direkten Umfeld, aber das hat ihn auch stark beschäftigt.
1555 der Augsburger Religionsfriede, der eigentlich jedem Land beziehungsweise dem Fürsten das Recht zugestand, die Religion oder die Konfession seiner Untertanen zu wählen. Und, um nicht zu weit auszuholen, nicht zu vergessen die französischen Protestanten, die in intensivem Kampf waren gegen die Katholiken, die Hugenotten. Bullinger nahm intensiven Anteil am Ergehen auch der Hugenotten und auch zum Beispiel an der Bartholomäusnacht, wo viele Protestanten ermordet wurden.
Also dieses Zeitgeschehen des sechzehnten Jahrhunderts hat Bullinger intensiv beschäftigt.

Bullingers Eigenständigkeit und sein Weg nach Zürich

Das Spannende, was mich als Zürcher, nicht nur als Zürcher Bürger, zu Bullinger hinzieht, ist die Tatsache, wie Emilio Campi ihn beschreibt. Er sagt, die Theologie Bullingers lasse sich weder von Luther noch von Zwingli oder von anderen Geistesgrößen her erklären. Sie sei sachlich weder als eintönig noch als epigonenhaft, sondern vielmehr als eigenständige Leistung zu würdigen. Und dieses Eigenständige, dieses forschende, dieses auch sehr viele Erlebnisse integrierende Leben hat mich unheimlich fasziniert.
Ich sage, ich habe schon den Seniorschwestern gesagt, beim Abendessen: Nach außen sage ich ja immer, ich bin ein Jesusnachfolger auf dem Marktplatz der Meinungen. Wobei ich weiß, dass dem christlichen Glauben bald kein Standrecht mehr auf diesem Marktplatz zugestanden wird. Da muss es andere Wege geben. Und nach innen sage ich unter vorgehaltener Hand: Ich bin ein Bullingerianer.
Also, Herr Bullinger fasziniert mich durch seine Eigenständigkeit und auch durch viele Aspekte mehr. Fritz Büsser, der ehemalige Zürcher Kirchenhistoriker, ist 2012 gestorben. Er hat eine wunderbare zweibändige Biografie herausgegeben, die lohnt sich wirklich. Ich glaube, die würde zu den Biografien gehören, die ich auf eine Insel mitnehmen würde. Und er schreibt, Bullinger fand in Köln in einzigartiger Weise und in einmaliger Selbständigkeit Konsequenz und Folgerichtigkeit zur Reformation, erlas über Luther, Kirchenväter und das Neue Testament in der gleichen Originalität, welche später sein ganzes Leben und Werk auszeichnen sollten.
Leider ist Bullinger im Vergleich zu Zwingli viel, viel weniger bekannt. Und das wurde schon 1904 deutlich. Es ist sehr spannend: Ich gehe bei den kirchlichen Figuren immer die Forschungen an, die zu den Jubiläen erschienen sind. Und 1904 hat ein damals bekannter Bullinger-Forscher dafür plädiert, dass Bullinger veröffentlicht werde. Aber Zwingli wurde dann der Vorzug gegeben. So ist dazu gekommen, dass über Bullinger eigentlich erst seit 1975, seit dem 400. Jubiläum, so richtig die Forschung voranschreitet.
Das ist eine unglaubliche Arbeit, weil das Werk eben so umfangreich ist. Wir kommen gleich darauf.

Ausbildung, frühe Jahre und die Zürcher Wende

Nun zu Bullinger, einige Jahreszahlen:
Wie auch andere Reformatoren, zum Beispiel Johannes Calvin, studierte Bullinger keine Theologie. Er erwarb zunächst einen Magister. Nachdem er bereits früh sein elterliches Haus verlassen hatte, weil sein Vater Priester in Bremgarten war, studierte er dann in Köln. Dort studierte man damals vor allem die Sprachen und auch viele antike Dokumente.
Bullinger war aber auch wissenschaftlich an einer neuen Strömung beteiligt, die in Köln Einzug hielt. Es gab dort noch einen Streit zwischen einer älteren wissenschaftlichen Schule und einer neuen. Bullinger kam mit beiden Strömungen in Berührung, also mit den humanistischen Strömungen in Köln. Gleichzeitig befand er sich in einer Stadt, die heute katholisch ist. Das war damals aber noch nicht so klar, sondern dort gab es ein Ringen. Es gibt auch zahlreiche Bullingerbriefe aus Köln, und auch dort war dieses Ringen spürbar. Es gab einige einflussreiche reformatorisch gesinnte Personen, die damals auch in Köln die Reformation herbeiführen wollten. Bullinger hörte dort von Luther.
Er kehrte dann zurück und wurde für über sechs, sieben Jahre Klosterlehrer in Kappel am Albis. Das ist ungefähr 20 bis 25 Kilometer von Zürich entfernt, ein wunderschöner Ort, den ich euch empfehlen kann, wenn ihr in der Schweiz seid: Kloster Kappel am Albis. Bullinger war dort über sechs Jahre Klosterlehrer, und er war sehr, sehr fleissig. Nicht nur unterrichtete er die Schüler, sondern er legte grosse Teile des Neuen Testaments aus und schrieb Kommentare. Er verfasste in dieser Zeit auch unglaublich spannende Dinge. Wir werden nachher in zwei, drei Dokumente hineingucken, etwas populärere Dokumente.
In dieser Zeit hatte er bereits Kontakt nicht nur zu Zwingli, sondern er war, würden wir heute sagen, in Zürich auch theologisch weiter eingebunden. Dort lernte er übrigens auch seine spätere Frau Anna kennen, eine ehemalige Nonne. Er war auch zusammen mit Zwingli an der Berner Disputation. Das heisst, er war schon früh in diese regionalen Wirren einbezogen. Es war ein Ringen, und es war ein allmählicher Übergang.
1523 war so das Jahr der Reformation in Zürich. Dort wurde die Lectio continua von Zwingli eingeführt. In den Jahren darauf entspannte sich in der Schweizer Eidgenossenschaft, das waren ja locker, eigentlich ziemlich lose miteinander verbundene Orte, ein intensives, zähes Ringen, das sich über die ganze Amtszeit von Bullinger fortsetzen sollte. Die einzelnen Orte, zum Beispiel der Kanton Zug, der gleich im Süden liegt, auch wunderbar zu besuchen, Zugersee, Zugerberg, Zug, ein wunderschönes Städtchen, blieben katholisch. Luzern blieb ebenfalls katholisch.
Mit was hatte das zu tun? Nicht mit der Heirat, die 1529 stattfand. Übrigens hat auch Bullingers Vater, der Priester war und ebenfalls geflüchtet ist, in Zürich erst geheiratet. Er lebte vorher im Konkubinat, wie damals viele Priester, mit seiner Mutter zusammen. Das wurde dann in Zürich offizialisiert.
Nein, 1531 war ein sehr bewegtes Jahr für Zürich, weil Zwingli, für das er vor allem bekannt geworden ist, ja mit den Zürchern in den Krieg gezogen war. Die Zürcher, die noch von einigen anderen unterstützt wurden, erlitten nur eine katastrophale militärische Niederlage. Zwingli kam dabei um.
Nun stellte sich die Frage: Wer wird jetzt der Vorsteher der Zürcher Kirche? Vieles war seit ein paar Jahren schon angerissen, aber die Veränderung war noch nicht abgeschlossen. Ich würde sagen, ein Anfang der Veränderung war geschehen, aber es gab noch sehr viel Arbeit zu tun. Dann wurden verschiedene Männer als Nachfolger für den Haudegen Zwingli angefragt. Nachdem einige abgesagt hatten, unter anderem Leo Jud, wurde Bullinger angefragt. Er kannte Zwingli, wie gesagt, schon. Es gibt unbestätigte Berichte, wonach Zwingli Bullinger in Bremgarten sogar schon einmal unter vier Augen als Nachfolger angesprochen hatte. So wurde er dann Ende 1531 als Nachfolger, als Antistes, das heisst Vorsteher der Zürcher Kirche, eingesetzt.
Diese Einsetzung habe ich mir in Reden aus dem Jahr 2004 angesehen. Praktisch alle Politiker erwähnten diese Rede von Bullinger, weil sie ganz krass war und sich genau anzuschauen lohnt. Das Problem war folgendes: Die Reformierten hatten aufs Dach bekommen. Die fünf Orte, die Katholiken, waren durch den militärischen Sieg im Vorteil. Das bewirkte, dass die Zürcher sich einige Überlegungen machten. Die Landschaft um Zürich herum sagte: Ihr Pfarrer dürft euch auf keinen Fall mehr in politische Dinge einmischen. Auf keinen Fall.
Es gab dann das Meilener Abkommen, und Bullinger wurden ziemlich harte Forderungen gestellt, dass er sich als Pfarrer nicht mehr in die Politik einmischen solle. Bullinger hielt daraufhin eine äusserst geschickte Rede, in der er sagte: Das gestehe ich euch zu. Aber was ich euch nicht zugestehe, ist, dass ihr mir bei der reinen Predigt des Wortes Gottes hineinredet. Und wo ihr mir ebenfalls nicht hineinredet, ist dort, wo ich weiterhin ein Wächteramt für die Politik, für die Politiker sozusagen, für den Rat wahrnehmen darf.
Dieses Wächteramt nahm er dann in Form von Fürträgen wahr. Das heisst, er konnte Petitionen und Anliegen direkt dem Rat einbringen. Diese Petitionen sind alle aufgezeichnet. Er hat sich in der Sozialpolitik, in der Bildungspolitik und in vielerlei Hinsicht enorm beim Rat der Stadt Zürich eingesetzt.
Um jetzt den Hintergrund zu bekommen: Bullinger hat in einem entscheidenden Moment sehr klug gehandelt. 1532 schrieb ihm ein Freund: Ich habe schon gewusst, als wir zusammen in Köln studierten, dass das ein ganz, ich sage es in meinen Worten, cleverer Bursche ist. Er verstand es, auf der einen Seite Zugeständnisse zu machen und gleichzeitig das zentrale Feld für die Verkündigung zu wahren. Das war ganz zentral. Das stand damals auf des Messers Schneide.
Er betonte, dass die primäre Aufgabe, und das zog er durch sein ganzes Leben, die Auslegung des Wortes Gottes ist.

Theologische Schwerpunkte und Lehrwerk

Nun werde ich etwas schneller. Bullinger brachte in der Abendmahlfrage, das ist ein anderes Thema, das war damals ein absolut zentrales Thema und ein Ringen zwischen Reformierten und Lutheranern. Es gab schon in den dreissiger Jahren ganz wüste Briefe von Luther, in denen sich Bullinger auf schweizerisch-diplomatische Art abgrenzte und verteidigte. Und es gab sensationell 1549 einen Consensus Tigurinus über die Abendmahlfrage mit Johannes Calvin unter den Reformierten.
Er gab zwischen 1549 und 1552 die Dekaden heraus, also diese 50 Lehrpredigten. Sie gelten als sein theologisches Hauptwerk. Es ist in modernem Deutsch erhältlich, und ich empfehle, es zu lesen. Ja, auch als Laie solche Werke zu lesen, sage ich: Ja, genau. Es geht vielleicht nicht so schnell, aber man kann sich wirklich gut seine halbe oder eine Predigt lesen, und es ist sehr, sehr nahrhaft. Und es gibt immer Marginalien an der Seite, das heisst so Stichworte, die einem helfen, sich zu navigieren.
Diese 50 Lehrpredigten führen durch die wichtigsten Fragen des Glaubens. Es ist eine Art systematische Theologie für die Pfarrer.

Familie, Krankheit und reformiertes Bekenntnis

1565 starb seine Frau Anna. Ich komme nochmals auf die Familie zu sprechen: auf die Töchter Anna und Margarete, auf die Magd Britta, die langjährige Magd, und übrigens auch darauf, wie spannend es ist, wie Bullinger mit seinen Angestellten umgegangen ist, mit seinen langjährigen Hausangestellten, sowie auf die Pflegetochter, die Tochter Zwinglis an der Pest. Man muss einfach wissen: Bullinger hat enorme gesundheitliche Tiefschläge durchgemacht, unter anderem eben die Pest. Er hat sie überlebt, seine geliebte Frau nicht.
Und was noch zu erwähnen ist: 1566 erschien das nach dem Heidelberger Katechismus wichtigste reformierte Bekenntnis, das es auch online gibt. Es ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Glaubensgrundlagen, das Zweite Helvetische Bekenntnis. Vielleicht kommen wir noch dazu, einen Blick hineinzuwerfen.
Bullinger hat in den letzten Jahren seine intensiven Geschichtsstudien fortgesetzt, die er schon immer gemacht hatte. Er hat eine Familienchronik geschrieben, er hat sich enorm viel mit Geschichte beschäftigt, er war eigentlich auch Historiker. Er hat eine Reformationsgeschichte verfasst, eine Geschichte der Eidgenossenschaft und auch eine Zürcher Geschichte.
Wenn wir das jetzt einmal zusammennehmen und einfach anschauen: 71 Jahre hat dieser Mann gelebt. Dann einfach mal einige Zahlen. Und es beeindruckt mich immer wieder, und es spornt mich auch an. Bis heute bin ich etwas ein Zahlenmensch, aber ich habe fast fünf Beiträge veröffentlicht, nicht für die Wissenschaftler, nicht für die akademische Welt. Das liest kaum jemand, sage ich manchmal ganz hart. Sondern ich möchte gern, was ich heute Morgen gesagt habe, 1. Mose 18,19, den Glauben, den Weg Yahwes, den nächsten Generationen weitergeben. Über solche Artikel, die ich veröffentliche, und dazwischen streue ich immer wieder auch mal etwas ganz Schräges, zum Beispiel über Bullinger oder solche Dinge.
Ich freue mich darüber. Ich habe bis jetzt 15 Einführungen geschrieben für die nächste Generation zu Männern aus früherer Zeit, von denen ich denke, dass sie es wert sind, wieder gelesen zu werden.

Zahlen, Kontinuität und die Bedeutung der Briefe

Bullinger hat 44 Jahre als Zürcher Kirchenvorsteher gedient. Vor den damaligen Verhältnissen war das unglaublich lang, 44 Jahre. Das hieß: sechstausend Konzepte und Nachschriften zu Predigten, sechstausend, stellen Sie sich das vor, sechstausend Predigten.
Bis 1538, also in den ersten sieben Jahren, hat er täglich gepredigt, und bis zu seinem Tod stand er sonntags auf der Kanzel. Was für eine Kontinuität in einer Zeit, in der alle sagen: Pack die nächste Gelegenheit, pack die Chance, geh weiter.
Ich habe eben ein Buch rezipiert: Faithful Endurance – lebenslanger Hirte sein. Bullinger war ein lebenslanger Hirte. Wir kommen nachher noch darauf, was das auch bewirkte, diese Langzeitwirkung, diese unglaubliche Kontinuität.
Er hat, im Unterschied zu Calvin, der sich überhaupt nicht zur Apokalypse geäußert hat, über das Buch der Offenbarung hundert Predigten gehalten, hundert Predigten über die Offenbarung. Dazu kamen sechsundsechzig Predigten über Daniel, einhundertsiebzig Predigten über Jeremia und einhundertneunzig über Jesaja. Müsst ihr euch das mal vorstellen: diese Langzeitwirkung und auch diese prophetische Literatur. Ich habe die erst hermeneutisch studiert, aber das ist höchst interessant, wie er auch Zeitereignisse und gesellschaftliche Ereignisse im Licht des Buches der Offenbarung reflektiert und die Gläubigen der damaligen Zeit auf die Hoffnung in Christus, der wiederkommt, aufmerksam macht.
124 Bücher kommen von ihm. Und nicht zuletzt ein Geschlecht, das über Jahrhunderte wichtige Weichen stellte. Das Geschlecht hatte selber elf Kinder, wovon acht das Erwachsenenalter erreichten, und manche dieser Söhne und auch Schwiegersöhne waren im Pfarrdienst und oder im politischen Dienst in der Region und über die Region hinaus.
Nun das Wichtigste: Es gibt von Bullinger zwölf erhaltene Briefe. Schon vor 100 Jahren ist festgestellt worden, dass er wahrscheinlich noch sechs Briefe mehr geschrieben hat, aber die hat er zum Teil dann verbrannt. Gewisse Phasen hat er auch beseitigt. Man vermutet, dass er auch vor seinem Tod noch gewisse Briefe persönlicher Art dann nicht mehr erhalten hat. Darüber hinaus war er aber akribisch genau, sodass er all diese Briefe sammelte. Im sechzehnten, siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert entstanden bereits Sammlungen, weil sich die Leute schon damals bewusst waren: Das sind ganz wichtige historische Dokumente.
Man kann heute davon ausgehen, dass über Bullinger uns eigentlich am meisten über das Alltagsleben im sechzehnten Jahrhundert bekannt ist. Davon sind zweitausend Briefe von ihm und zehntausend Briefe an ihn. Und das Spannende ist: Ich könnte jetzt eigentlich nur noch bei den Briefen bleiben, dass diese Briefe an solch unterschiedliche Leute geschrieben waren. Da gab es Briefe von Menschen in Not, da gab es Briefe von schwach gewordenen Pfarrern, da gab es Briefe von und an Fürsten und Ritter und weiß nicht was für Adelige. Da gab es Briefe im schweizerischen Raum, im deutschen Raum, nach Polen, es gibt sogar Briefe nach Spanien, nach England, nach Dänemark und so weiter. Der hat eine ungeheure briefliche Aktivität unterhalten.
Ich frage mich manchmal, was wäre, wenn wir unsere WhatsApp-Chats etwas mehr in Richtung nachhaltige Briefe richten würden. Wisst ihr, ich bete manchmal: Wem kann ich heute schreiben? Das darf auch ruhig eine Mail sein, noch besser ein handgeschriebener Brief. Aber ich frage mich manchmal: Snapchat und WhatsApp, was ist nachhaltig davon, und ehre ich Christus online? Darüber habe ich letztes Jahr gesprochen. Das hat mich nachdenklich gemacht.
12 erhaltene Briefe, 77 Auflagen seines wichtigsten Lehrbuches, der Dekaden, zwischen 1550 und 1560. Und nicht zu vergessen: Er wusste, dass die Pfarrausbildung wie auch überhaupt die Schulbildung etwas Zentrales war. So sammelten sich die 130 Pfarrer aus sechs Pfarrkapiteln jährlich zur Synode. Das waren sechs Pfarrkapitel mit ungefähr 130 Teilnehmern aus dem Zürcher Herrschaftsgebiet. Und er wusste, dass diese Zeiten ganz wichtige Zurüstungszeiten waren, so wie hier in Eidlingen für euch jedes Jahr 44 Jahre.
Das Verrückte ist, dass seine weiteste Reise eine Reise nach Basel war. Und man weiß auch von ihm: Er hat ein Diarium geführt, ein Tagebuch, das er manchmal so überarbeitet war, dass er eine Kur machen musste in Girnbad, das ist ungefähr 20, 30 Kilometer von Zürich.
Und die Kirchenhistoriker schreiben, Campi nochmals, sein vergleichsweise wenig abenteuerliches Leben, ich habe es gesagt, längst der Reise nach Basel, ist oberflächlich gesehen durch Ereignislosigkeit ausgezeichnet und derart von ernsthafter Beharrlichkeit, unermüdlichem Fleiß und vor allem einem immensen Pflichtbewusstsein im Umgang mit seinem Amt.
Hat das uns nicht etwas zu sagen? Ich komme nochmals darauf zurück. In einer Zeit, in der Diskontinuität die Kontinuität ist, also der Bruch, das ständige Switchen und Floaten, zurückzufinden zu einer Kontinuität, spornt mich an. 5 Beiträge habe ich schon geschrieben. Mal schauen, wie viel das mir Gott durch seine Gnade gewährt.
Man sagt ja manchmal, Leute, die gerne Biografien lesen, würden ein Superego suchen, habe ich letztens in einer Biografie gelesen, am Anfang. Das hat schon was. Aber gleichzeitig sage ich: Das Studium dieser historischen Figuren, und es sind ja mehr als historische Figuren dieses Glaubensvaters, hilft mir, mich vom Nebel der Gegenwart etwas zu befreien und einen Blick auf das Leben aus Gottes Sicht zu kriegen, im einundzwanzigsten Jahrhundert mit der Brille des sechzehnten Jahrhunderts. Das ist eben so spannend.
Campi schreibt nochmals, ich zitiere nochmals aus diesem Aufsatz, der online erhältlich ist: Nicht von ungefähr trafen in seiner Studierstube von überall her Briefe und Berichte ein, Gerüchte, sehr viele Gerüchte in den Briefen, und interessante Meldungen. Denn mitten in der bedrängenden Fülle seiner mannigfaltigen Aufgaben für den Fortgang der Reformation, er ist Architekt der Reformation genannt worden, fand der äußerst sesshafte Vorsteher Zeit, sein Augenmerk nach allen Seiten hinzurichten, zu ermahnen, zu trösten, zu raten und zu vermitteln.

Seelsorge, Trost und persönliche Briefe

Ich mache eine kurze Pause, einfach, damit Sie das einmal verdauen können. Wie wirkt das? Was kommt bei Ihnen an, wenn Sie das hören? Was resoniert in Ihnen? Was kommt bei Ihnen an? Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit. Sie können auch gerne mit dem Nachbarn den Kopf zusammenstecken.
Was kommt bei Ihnen an, wenn ich das erzähle? Dass das jetzt gerade spannend würde, aber Sie können nachher noch weiter diskutieren. Es geht mir nur darum, anzustossen und nicht nur zu befeuern.
Vielleicht rang der eine oder andere jetzt nicht nur mit der Müdigkeit, das war schon so viel heute, sondern auch mit der Frage: Wie kann ich andocken? Ich gebe Ihnen einige Andockpunkte.
Und zwar beginne ich mit dem Tod des Bürgermeistersohns. Das ist ein sehr bewegender Brief. Der Brief von Heinrich Bullinger ist uns nicht erhalten. Es war eben ein solch persönlicher Brief, ziemlich in der Anfangszeit. Wir haben aber den Brief des Bürgermeisters, der geantwortet hat, auf was Heinrich Bullinger, das ist auf Seite drei, schrieb an den Bürgermeister von Zürich, als dessen Sohn, Heinrich, jetzt müsste er mal den Atem anhalten beim Schwimmen, ertrank. Und der Vater wusste nichts davon. Er musste ihm diese schwierige Botschaft überbringen, dass der älteste Sohn des Bürgermeisters ertrunken ist.
Achten Sie mal auf diesen Brief des Bürgermeisters, der zurückschreibt: Euer freundliches Schreiben mit seiner tröstlichen Ermahnung zu Geduld habe ich mit großem Schrecken und Herzleid empfangen. Obwohl ich weiß, dass rechter Glaube Geduld und keine Ungeduld bringen soll, dringen doch Anfechtungen immer wieder hervor. Wenn er doch nur anders gestorben wäre, hätte ich seinen Tod leichter ertragen können. Aber so lastet Gottes Hand schwer auf mir, denn ich habe meinen Lebtag das elende Joch dieses Lebens getragen.
Aber wie dem allem sei, so hoffe ich dennoch, dies ist dennoch des Glaubens, dass mein gütiger Herr und Gott mich nicht mit dem Bad ausschütten werde. Gibt es Menschen unter Ihnen, die traurig sind? Ich denke, sicherlich auch unter Ihnen. Darf ich es Ihnen zusprechen: Wenn Sie wissen, wem Sie gehören, dann dürfen Sie darauf vertrauen, auch wenn Ihre Gefühle Achterbahn fahren, wie bei diesem Bürgermeister, dass er Gott Sie nicht mit dem Bad ausschütten wird.
Gewiss könnte mir kein größeres Leid geschehen, denn er war mein liebstes Kind. Vielleicht habe ich ihm zu viel zugetraut. Vorwürfe, so dass Gott in seiner Vorsehung meinen Stolz auf ihn durch dieses Mittel abgewendet hat. Züchtigung, Erziehung. Nun bitte ich euch, zu Gott zu beten, dass mir nicht noch Schlimmeres widerfahre und dass ich meinen Jammer geduldig ertrage. Wer kennt Gottes Urteil? Vielleicht geschieht das alles zu meinem Guten und zur Demut, damit ich nicht zu hoch springe.
Darf ich das uns noch einmal sagen, in einer ich-gesättigten Zeit? Vielleicht geschieht das alles zu meinem Guten und zur Demut, damit ich nicht zu hoch springe. Seht ihr, darum lese ich diese, es ist Wahnsinn, es ist ein Hammer, es ist real. There is no fiction that is real. Also, ich habe, ich liebe auch Fiction. Darüber habe ich noch nie in Auftrag bekommen, von hier darüber zu sprechen.
So, vielleicht geschieht das alles zu meinem Guten, damit ich nicht zu hoch springe. Ich danke euch für euer freundliches Mitleiden und Erbarmen. Nehmt meinen Brief verständnisvoll, da er von einem bekümmerten Menschen stammt.
Im selben Jahr, 1535, hat Bullinger auch diese Schrift, sie ist online erhältlich, eine Unterweisung der Kranken geschrieben. Er wurde sehr oft, ich glaube, es war sogar im Pestjahr, ich bin nicht mehr ganz sicher, zu Kranken gerufen. Und hören Sie mal zu, das ist nur ein ganz kurzer Ausschnitt, zwei Seite zwei unten, im selben Jahr eine Unterweisung der Kranken, eine seelsorgerliche Schrift. Eigentlich sollten wir das Wichtigste während unseres ganzen Lebens lernen. Ah, was ist das Wichtigste? Was ist mein Wichtigstes? Was ist mein Wichtigstes? Was ist meine Komfortzone? Wir haben schon heute Morgen im Genesis darüber gesprochen.
Hören Sie, was uns ein Reformator aus dem sechzehnten Jahrhundert zuruft, wie wir christlich und friedlich sterben können. Nicht, das ist nicht morbid, aber die waren sehr stark mit dem Tod konfrontiert. Und so sagt auch der Heidelberger Katechismus: Leben und Sterben, beides. Doch wir sind so nachlässig, wir armselige, verderbte Menschen, dass wir das um einer kleinen Zeitspanne willen, bis zuletzt ist es nicht aktuell, aufsparen, wie wir christlich und friedlich sterben können.
Wahrscheinlich wissen Sie, dass ich selber auch schon vor dem Tod gestanden bin, sonst würde ich heute nicht hier sitzen, habe ich ein paar Leuten erzählt. Sparen Sie das nicht auf! Es kommt schneller, als Sie denken. Ja, wer gut stirbt, wer gut stirbt, hat den Sieges- und Ehrenkranz erlangt.
Ich habe ein Buch rezensiert, „Gutsterben“ heißt es, glaube ich, von einem säkularen Menschen. Der hat aber diese Schrift nicht gelesen, definitiv nicht. Also, wie und wodurch gelangen wir zu einem friedlichen Lebensende? Super Frage! Es ist die höchste Weisheit, sich diese Frage zu stellen. Welche Frage? Wie und wodurch gelangen wir zu einem friedlichen Lebensende?
Wirkliche Christen sollen also nicht so empfindlich sein, dass sie den Tod nicht nennen hören wollen. Ich habe mich schon aufgrund dieses Schreibens auch gefragt, ob ich vielleicht konsequenter auch Menschen Briefe schreiben soll, die jemanden verloren haben. Vielleicht wäre das ein Andockpunkt in unserer Zeit. Vielleicht stößt ich wieder etwas an, ich hoffe es, durch Gottes Gnade.

Ehe, Brautbrief und Lebensführung

Ja, die Unterweisen der Kranken, nun sagen wir, das ist aber traurig, na. Das ist belastend. Nein, so ganz traurig war es nicht in Bullingers Leben, denn er hat nicht nur ein Schauspiel geschrieben, eines der ersten Volksschauspiele, sondern er hat bereits eine intensive Brautwerbung betrieben. Und es würde wirklich zu weit führen, den ganzen Brautbrief, der ist übrigens in einer Übersetzung von 1858 erhältlich und über Google abrufbar. Ich habe nur einen kurzen Ausschnitt.
Bullinger stellt sich bei seiner Anna, die er eben bei seinem Studienaufenthalt in Zürich getroffen hatte, vor und er beschreibt ihr seinen Charakter. Jetzt hör mal zu: Brautwerbeschreiben von 1527. Er sei dreiundzwanzig Jahre alt, niemandem geweiht und auch kein Leibeigener. Auch habe ihm Gott bisher keine ernsthafte Krankheit geschickt. Wie viele Paare verbergen einander viel von ihrer Vorgeschichte.
Ich habe von einem Mann gelesen, dessen Biografie sehr bewegt war. Eine Woche nach der Heirat traf er seine Frau vor dem offenen Fenster an, und sie wollte sich das Leben nehmen. Sie hatte ihm nie gesagt, dass sie das schon immer wieder gemacht hatte vorher. Ich kann Ihnen sagen, das war eine schwierige Zeit.
Bullinger sagt, dass ihm Gott keine ernsthafte Krankheit geschickt habe. Allerdings bekomme er bisweilen vom Studieren ein schwaches Gesicht und ein blödes Haupt, womit empfindliche Augen und ein schwerer Kopf gemeint sind. Er verkehre nicht in der Gesellschaft böser Buben, und wichtiger Zusatz: Er saufe nicht. Er habe auch kein Kind zu ernähren, auch das wichtige Information, und die Anwartschaft der Eltern, blanko, auch 1400 Pfund, die sei ihm bereits zugesprochen. Ein ziemlich aufrichtiger Mann, der gleich seine Vermögensverhältnisse mitteilt.
Als Klosterlehrer in Kappel habe er eine Wohnung und gute Kost. Der gewissere Schatz sei jedoch Gott, der gar nicht fehlen kann. Und schaut, das möchte ich allen sagen: der da kann nicht fehlen, das soll nicht fehlen. Der hat mir auch Kenntnisse gegeben, wenn ich sie treulich anwende, mir gewiss nichts werden mangeln lassen. Und hat dann noch länger dazu gefügt, dass er eben nicht auf Reichtum setze.
Dann hat er noch Anna angekündigt, hat seine Erwartungen kommuniziert, nachdem er seine Persönlichkeit und seine Verhältnisse präsentiert hat: Wenn du dann klagen, ungeduldig werde und bloß Süßes bei mir suchen und nicht das Saure auch versuchen, so würde es sich nicht schicken. Also bitteschön, es ist zwar ein guter Mann, den du antreffen wirst, aber ich habe auch meine sauren Seiten sozusagen.
Er habe zwar keine Geldschulden und Bürgschaften, Leib und Leben habe er auf sein Lehramt gesetzt. Leib und Leben habe er auf sein Lehramt gesetzt, meine Frau weiß, wovon ich spreche. Er sei bereit, für die Wahrheit auch sein Leben zu lassen. Er sei bereit, für die Wahrheit auch sein Leben zu lassen. Schauen Sie mal, das in einem Brautbrief.
Wenn Gott Ihnen Kinder schenke, so würden Sie diese zu Gottes Ehre und zu biederen Leuten, bieder heißt nicht dieselbe Bedeutung wie heute, zu anständigen, gefälligen Leuten erziehen. Summa summarum, das ist der grösste, sicherste Schatz, den du bei mir finden wirst: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Treue, Liebe, die ich mit Freuden dir beweisen wollte, und Arbeit, Ernst und Fleiss, dass uns auch im Zeitlichen nichts mangele.
Also siehst du hier vor Augen, wie du mich haben würdest, wenn du mir das Saure sowohl als auch das Süße tragen wollest.

Familie, Alltag und geistliche Selbstführung

Kleine Hintergrundinformation: Es brauchte noch viel mehr als diesen Brautbrief. Anna war wie so, nein: In diesem Land sind die Frauen nicht unentschlossen, weil sie so viele Optionen haben. Aber bei uns in unserem Land sind viele Schweizerinnen so unentschlossen. Sie denken, es gibt immer noch eine bessere Option. Also bei euch ist es nicht so, aber bei uns gibt es das schon. Und Anna war auch unentschlossen, sie war sich lange nicht sicher. Bullinger musste alles aufs Spiel setzen. Er musste sogar Zwingli und seinen Vorgesetzten im Kloster Kappel, ich glaube Simmler, ja, einsetzen und als Vermittler vorschicken, bis das dann endlich klappte. Aber er hat für seine Braut gekämpft, und das gefällt mir. Das gefällt mir sehr.
Ja, Bullinger war schon in frühen Jahren, hat er sich überlegt, er merkte die Ernsthaftigkeit, wie sein Tag aussieht. Eine der ersten Bände, die 1987 erschienen, ist seine Studienanleitung aus dem Jahre 1527. Und ich habe eben Briefe gelesen aus seiner Zeit, 1532, wo ihn ein Pfarrer angefragt hat und gesagt hat: Heinrich, ich habe ein Problem, ich kann meine Zeit nicht einteilen, ich komme nie zu dem, was ich will. Es gibt verschiedene Briefe, und Bullinger war eigentlich schon seit früher ein Selbstführungsspezialist, würden wir heute sagen. Er hat sich nämlich durch die antiken Autoren, die er gelesen hatte, immer wieder die Frage gestellt: Wie gestalte ich für mich einen optimalen Tagesablauf? Das hat übrigens auch C. S. Lewis gemacht. C. S. Lewis’ Briefe sind auch sehr spannend, ich bin mittlerweile bald in der Hälfte. Er hat immer wieder über seinen Tagesablauf reflektiert, und das ist für mich natürlich als Führungskräfteentwickler besonders spannend.
Er schreibt zum Beispiel in seiner Studienanleitung, geschrieben im zarten Alter von 22 Jahren, als fertiger Magister sozusagen in Kappel, weil der Geist in den frühen Morgenstunden noch frisch ist, können ihm dann die grössten Anstrengungen zugemutet werden. Aha, er stand auf und zuerst checkte er sein Handy, oder? Ja, genau, der schaltete sein Handy an und schaute, ob die Welt an ihn gedacht hat. Nein, er mutete ihm dann die grössten Anstrengungen zu, nämlich theologische und philosophische Studien. Spätere Tageszeiten sind leichteren Gegenständen vorbehalten. Also, ich bin nicht so ein Frühaufsteher, bei mir ist es etwas später dann, eher am Vormittag, um acht Uhr. Jetzt müsst ihr hören: Nach vier bis fünf Stunden Arbeit, wobei die ja auch früher ins Bett gingen, soll eine Pause eingelegt werden. Da bin ich schon dankbar für Pausen. Dies ist die Zeit, laufende Geschäfte im Hauswesen zu erledigen. Das habe ich mir auch angewöhnt. Vor dem Mittag, wenn das Mittagsloch kommt, mache ich all diese Dinge: Briefe, Korrespondenz, Tagesrhythmus hat er sehr gut erfasst.
Auch soll man vor dem Essen spazieren gehen, um den Appetit anzuregen und den Magen in Aufnahmebereitschaft zu versetzen. Es gibt ja dieses fürchterliche Vorurteil, dass die Reformatoren so arg trocken und irgendwie verstaubt gewesen wären. Ausser wenn ich über den Liebenden gelesen habe, das ist Romantik pur. Und auch dieses Essen und Trinken, das nahm einen wichtigen Stellenwert ein. Gott, habe ich heute Morgen gesagt, hat uns in Genesis die Bäume, die lieblich anzusehen waren, gegeben, und auch die Vielfalt an Nahrung. Wir dürfen es geniessen. Auch Calvin in der Institutio, drittes Buch, zehntes Kapitel: Lesen Sie das mal, wenn Sie denken, die Reformatoren seien so verstaubt gewesen. Stimmt nicht. Aber sie waren diszipliniert.
Ein Frühstück im Sinne einer kleinen Mahlzeit bald nach dem Aufstehen ist offenbar nicht vorgesehen, war dann ein Kommentar. Und nach dem Essen soll man nicht zu lange zwei bis drei, allenfalls gar vier Ruhestunden einlegen. Siesta, genau, wie bei mir. Ich habe meinen Tagestiefpunkt um 14.45 Uhr herum. Wisst ihr was, mit Managern beginne ich manchmal solche Dinge. Plötzlich lese ich sowas vor, und dann kommen wir ins Gespräch: Wie verbringen Sie Ihren Tag und so weiter? Es sind wunderbare Andockstellen, und Bullinger hilft mir enorm dabei. Währenddessen allerdings soll möglichst nicht geschlafen werden, oder nur kurz: kurzes Napping.
Ja, Sie staunen, was der alles geschrieben hat. Der Mann ist echt spitze. Und natürlich hat er sich auch über die Ehe geäussert, da lese ich nicht so viel vor. Das ist in seinen gedruckten Bänden, das sind so rot-schwarze Bände. Ist das auch in modernem Deutsch oder übersetzt Deutsch erhältlich? Und er schreibt dort bereits in der Einführung wunderschöne Schöpfungstheologie, dass der Ehestand im Paradies eingesetzt worden ist, also gleich am Anfang der Welt, vor dem Fall des Menschen. Ganz wichtig: Ehe ist Schöpfungsordnung. Es ist von Anfang an als Schöpfungsordnung eingesetzt, hat Bullinger betont, gleich am Anfang der Welt, vor dem Fall des Menschen, als alles noch zum Besten stand. Und von wem er eingesetzt worden ist? Nicht von einem Engel oder Menschen, sondern von Gott selbst. Dem Menschen, das konnte er aus eigener Erfahrung sagen, zu guter Zuversicht und Hilfe. Er hatte seine Anna bekommen. Da Gott selbst sagt, und es wurde ihm auch wieder genommen 1565, zehn Jahre vor seinem eigenen Tod, da Gott selbst sagt: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, so folgt daraus, dass es gut sei, dass der Mensch einen Ehepartner hat. Das Schlechte aber, das manchmal in der Ehe beobachtet wird, kommt nicht von der Ehe, aha, ganz wichtig, nicht die Institution ist das Problem, sondern der Missbrauch. Und wir haben heute festgestellt, es ist das verschobene Trachten des Menschen in Genesis durch den Sündenfall und daher, dass man nicht tut, was Gott zu tun befiehlt. Haben wir heute Morgen auch angesehen: Naturgesetz, Moralgesetz.
Also, wenn Sie sich mal informieren möchten, was Bullinger den Eheleuten empfiehlt, holen Sie sich in Ihrer Bibliothek in der grösseren Stadt den Band über den christlichen Ehestand. Ich denke jetzt von der Zeit her bin ich schon ziemlich am Ende angelangt. Es gäbe noch so viel Spannendes zu sagen. Bullinger war auch eine überaus interessante Vaterfigur, das möchte ich doch gern noch vorlesen. Und er hat seinen Söhnen, und so auch seinem Sohn Heinrich 1557, das haben wir eben publiziert, mein Freund Rumpkupsch hat es rausgegeben. Ich habe ihm gesagt, das musst du unbedingt rausbringen. Seine Anweisungen an seinen Sohn Heinrich, als der auswärts zum Studium ging. Ich bin überzeugt, für viele christlich sozialisierte Heranwachsende ist das auch heute die Herausforderung, so richtig auf dem säkularen Spielfeld zu sein und die Regeln des Gegners zu kennen und nicht gleich eingesagt zu werden durch Naivität.

Erziehung, Gebet und geistliche Disziplin

Hört mal, was er seinem Sohn Heinrich schrieb. Ich habe nicht alle Anweisungen aufgeführt, es sind ganz viele:
Bitte ihn ernstlich Gott, dass er dir, hast du schon mal daran gedacht, wenn du dein Handy zückst, deinen guten Ruf erhalte, wie aktuell es ist, so schnell etwas online zu stellen, dass er dich vor Sünden, vor Krankheit und vor böser Gesellschaft gnädig behüte. Dass er dir alles, was für deinen Leib und deine Seele gut ist, väterlich darreiche. Interessant.
Bete auch eifrig für das Vaterland, für deine lieben Eltern. Er bittet seinen Sohn, für seine Eltern zu bitten, für ihn zu bitten, für das Wohlergehen derer, bei welchen du wohnst, und für alle, die dir Gutes erweisen, dass Gott sie segne und vor allem Bösen bewahre.
Wähle dir als deine Gebetsstunden die Morgenstunde aus, sobald du aufgestanden bist, die Mittagsstunde, sobald du gegessen hast und ehe du wieder spazieren gehst, und die Abendstunde, wenn du zu Bette gehst. Also auch dieses Gebet in den Tag zu integrieren. Besuche fleissig und eifrig das gemeinsame Gebet und die Predigten, vor allem am Sonntag. Das musste schon damals gesagt werden, die Studenten führten zuweilen ein zügelloses Leben. Darüber hinaus, wann und wo es dir Schulgesetze gebieten, zu gewissen Stunden zuzuhören und zu beten.
Fünfzehntes: Wenn dich etwa eine Krankheit befällt und ins Bett wirft, suche vor allen Dingen Hilfe bei Gott. Hüte dich vor zu vielen Arzneien. Aha, wenn das nicht aktuell ist. Aber verachte sie dennoch nicht. Balance. Sondern höre dabei auf den Rat weiser Leute.
Vierundzwanzig: Vielleicht gibt es fast keine wichtigere Aufforderung aus Nummer vierundzwanzig. Verschwiegenheit wird an jungen Menschen sehr geschätzt. Ich arbeite in einem grossen Spitalkonzern, 80 Frauen. Verschwiegenheit ist ein Thema. Frust hinter dem Rücken ablassen, ein Killer für manche Teamkultur. Verschwiegenheit wird an jungen Menschen sehr geschätzt.
Denke, dass alle Zeit verloren ist, die du nicht zum fleissigen Studieren verwendet hast. Das mag moralistisch tönen. Aber ich denke, es muss wirklich in die Balance kommen, es sind die besten Jahre. Kennen Sie die Revolutionaries? Die sagen, die Teenagerjahre seien in der westlichen Welt zu Jahren geworden, um die Verantwortung vor sich herzuschieben, und du verpasst deine besten Jahre, wenn du nicht alles gibst in diesen Jahren vor Gott, für ihn, wenn du erneuert worden bist. Ich gehöre dazu, ich bin ein 44-jähriger Revolutionär. Ich glaube, Bullinger war auch einer.
Morgenstund hat Gold im Mund, ja, ungefähr. Ich bin jetzt nicht ganz im Frühaufstehen. Wenn du die Morgenstunden mit Schnarchen zubringst, so hast du den besten Teil des Tages verloren. Also, dieser Bullinger hat es irgendwie in sich. Und dabei habe ich noch gar nichts erzählt, was er über Schulpolitik oder überhaupt die Politik, Kirchenpolitik, was er historisch alles geschrieben hat. Aber wer merkt, da ist ein Reichtum da, da ist ein Schatz da, den uns Gott erhalten hat.
Und ich glaube, wir müssen unterscheiden. Es gibt zwei Pole. Ich denke, in eher evangelikalen Kreisen wird die Geschichte verachtet, es herrscht eine erschreckende Geschichtslosigkeit vor, und der fehlende Bezug zur Vergangenheit wirkt sich auf die Gegenwart aus. Es gibt auch das andere Extrem, nur noch quasi das Dogma in den Früheren zu suchen. Ich denke, es gilt auch, die Balance zu halten, zu forschen, zu lernen, aber alles an der Norma Normans, der Heiligen Schrift, abzugleichen und auch wieder neu zu kontextualisieren. Im 21. Jahrhundert, ich glaube, dass Gott mir da eine Aufgabe gegeben hat, genau dies auch zu tun.

Zusammenfassung der bleibenden Impulse

Was habe ich von ihm gelernt, zusammenfassend zum Schluss? Ich habe es schon gesagt: Bullinger ist mir darin ein Vorbild, treu zu sein am Ort. Er war lebenslang Hirte, und er war zufrieden damit, lebenslang Hirte zu sein.
Jackie Chesterton, einer meiner Lieblingsautoren, den ich hier auch noch nicht vorgestellt habe, ist ebenfalls spannend. Er war zwar später Katholik, was mir nicht so gefällt, aber er hat sehr gute Dinge gesagt. Er sagte: Die Menschen, die über Hongkong nach Beijing, über Moskau so englisch beschrieben reisen, sehen alles und doch nichts. Am meisten von der Welt hat der gesehen, der die Scholle vor dem eigenen Haus gut kennt. Die Treue am Ort. Und Jessopon ist weit gereist.
Zweitens: das Geschenk einer verständigen Ehefrau. Ich sage das als dankbarer Mann, der eine verständige Ehefrau, die da ist, geschenkt bekommen hat. Und ich habe um dich gekämpft, weisst du es noch? Mit aller Kraft. Ich sage nicht mehr dazu.
Drittens: die Kraft der auslegenden Predigt. Ich möchte mein ganzes Leben, und wie lange predige ich schon? Seit 27 Jahren predige ich in Gemeinden, mit 17 habe ich begonnen, und bin überzeugter denn je, dass die auslegende Predigt, die Lectio continua, alles enthält, was wir zu unserem Leben und zu unserer Gottseligkeit brauchen. Und wenn ich durch die ganze Bibel gehe, komme ich an allem vorbei. Wenn ich mir nur immer einzelne Abschnitte auswähle, komme ich am meisten nicht vorbei. Schade, die Kraft der auslegenden Predigt.
Ich habe nicht aus dem ästhetischen Bekenntnis vorgelesen, was er dort schreibt. So predigt das Segen des offenen Hauses. Darüber hätte ich auch noch einiges erzählen können. Wie viele Menschen gingen schon bei seinen Eltern ein? Übrigens wohnten auch die Eltern bei ihm, und viele, viele Studenten, viele Flüchtlinge. Bullinger hat sich intensiv um Glaubensflüchtlinge gekümmert, zum Beispiel um die Gemeinde in Locarno. Die mussten aus ihrem Ort ausziehen, über den San Bernardino bis nach Zürich und weitere Orte. Er sorgte dafür, dass sie unterkamen, diese Flüchtlinge aus Locarno. Er hatte ein offenes Haus.
Ich habe gestern gesagt: Dieses Buch The Gospel Comes with a House Key, das Evangelium kommt mit dem Hausschlüssel. Rosaria Butterfield, eine ehemals feministische Professorin, sagt, die radikal gelebte Gastfreundschaft ist die Möglichkeit, das Evangelium weiterzutragen hier im Westen.
Der unterschätzte Einfluss des Briefes: Da bin ich wirklich davon überzeugt. Es beginnt wieder, handschriftliche Briefe zu schreiben. Ich habe handschriftlich geschrieben, und Mails, und die sind wir irgendwie am Suchen wieder, auch mit meiner Frau zum Beispiel. Solche Briefe haben einfach einen Wert. Und ich weiss, dass die Schwestern drei Briefe schreiben.
Die Balance zwischen dem Wortdienst und dem Wächteramt, lebenslanges Anliegen. Bullinger hat sich, wo er konnte, Gehör verschafft, und sehr klug Gehör verschafft. Das haben eben auch die Übersetzer oder Editoren der Briefe wieder bestätigt. Und das ist mir Vorbild: Wo ich kann, nehme ich Einfluss, ist egal wo. Wenn mir Jesus eine Türe öffnet, gehe ich durch und stelle mich. Meine Frau sagt manchmal ganz frech: hin, ganz genau, weil ich Wächteramt habe.
Und der mutige Einsatz für Schwache und Verfolgte.
Hier noch eine klamme Bemerkung: Ich möchte Bullinger nicht auf einen heiligen Sockel heben. Er ist wie ich ein begnadigter Sünder. Wie Luther gesagt hatte: simul justus et peccator, gleichzeitig gerechtfertigt und Sünder. Bullinger hat einen massiven Kampf gegen die Täufer geführt, und aus heutiger Sicht können wir sagen: Wie konntest du nur? Er war begnadigter Sünder.
Und so möchte ich beten, mit uns und diesen Abend abschliessen: Vater, ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass du mit jedem von uns diesen Weg gehst, dass wir sagen können, dass wir dich mehr als alles andere lieben. Dann werden sich unsere Prioritäten neu sortieren. Und das beginnt bei unserem täglichen, bei unserem Alltag. Das haben wir, das lerne ich von Bullinger. Nicht die ausserordentlichen Dinge zählen, sondern es zählt der Tag, der Alltag, die Stunden.
Und ich musste bekennen, dass ich oft Zeit verschwinde, zum Beispiel online. Und wir werden Rechenschaft darüber ablegen, da bin ich ganz gewiss. Vergib mir das. Gleichzeitig merke ich auch, dass ich der Ruhe fliehe, manchmal oder zu oft. Bullinger lehrt mich, als Heiliger, der mir vorangegangen ist, auch die Ruhe zwischendrin zu suchen, Siesta zu machen. Und so bitte ich, dass du diese Tage nützt, dass du es verdichten lässt, dass du Prozesse weiter anstösst zu deiner Herrlichkeit und zu deiner Ehre in uns, so dass wir nicht in dieser Ichverfallenheit bleiben, sondern zu freudigen, zugerichteten Menschen werden, die Sünder sind und gerechtfertigte Sünder sind und bleiben, die barmherzig sind mit anderen und zu Segensträgern werden.
Das bitte ich dich und danke dir, dass du uns dieses gewaltige Lebenswerk von Heinrich Bullinger erhalten hast. Amen!
So, und jetzt ist definitiv finito mit Stoff für heute. Gesegnete Nachtruhe! Und wir sagen herzhaft Danke, dass Sie uns diesen Teil der Geschichte so erschlossen haben, dass so viel Lebensberatung herauskommt: Lehrer im Glauben anschauen, ihren Wandel nachahmen. Ja, danke, danke, und wir sind froh, dass Sie sich, dass wir morgen, dass wir auf morgen wieder einladen können. Neun Uhr fünfundvierzig die zweite Lehreinheit zum zweiten Buch Mose im Helikopter. Wir haben alle drin Platz. Jetzt eine behütete Nacht und bis zum Wiederschauen.