Einleitende Gedanken
Der Bau einer widerstandsfähigen Mauer um Jerusalem war, eine unvorstellbar
grosse Herausforderung. In fast atemberaubender Geschwindigkeit wurde die
Mauer fertig, nämlich innert 52 Tagen!
Das löste in den umliegenden Völkern einen grossen Schock aus.
Als die feindlichen Völker rings um uns her das hörten, bekamen sie es
mit der Angst zu tun. Aller Hochmut war ihnen vergangen, weil sie
einsehen mussten, dass unser Gott es war, der dieses Werk vollbracht
hatte. (Nehemia 6, 16)In unserem Abschnitt, den wir heute betrachten, war die Mauer praktisch
fertig. Wie wir gehört haben, berichtete Nehemia:
Sanballat, Tobija und der Araber Geschem sowie unsere übrigen Feinde
erfuhren, dass ich den Mauerbau vollendet hatte und keine Lücken mehr
in der Mauer waren. Allerdings hatten wir die Torflügel noch nicht
eingesetzt. (Nehemia 6, 1)Die Mauer war geschlossen, jetzt fehlten einzig noch die Torflügel. Nun
mussten sich die Feinde Israels etwas einfallen lassen, wenn sie
verhindern wollten, dass die Juden sich schützen konnten. Sie hatten
tatsächlich noch einiges an Angriffsstrategien auf Lager. Zwei davon
werden wir heute betrachten, eine weitere werden wir nächsten Sonntag
anschauen.
Ich lass mich nicht ablenken! (V.1-4)
Alle Versuche Nehemia vom Bau der Mauer abzuhalten waren fehlgeschlagen.
Weder Spott noch Gewalt, konnten die Mauer verhindern. Nun, da die Stadt
praktisch befestigt war, mussten sie von einem militärischen Angriff
absehen. Eine andere Strategie musste her: sie luden Nehemia zu einem
Treffen in das über 30 Kilometer entfernte Ono Tal ein. Nehemia
berichtete:
Genau zu dieser Zeit schickten Sanballat und Geschem mir einen Boten
mit der Einladung, sie in Kefirim im Ono-Tal zu treffen. (Nehemia 6, 2)Für Nehemia hätte das schon sehr verlockend sein können. Schliesslich hatte
er gegen jeden Widerstand gekämpft und jetzt, wo die Mauer praktisch
fertig war, wird er von den führenden Männern der umliegenden Länder zu
einer Konferenz eingeladen. Heute würde man von einem Gipfeltreffen
sprechen. Plötzlich scheint es, dass sie ihn ernst nehmen würden. Dadurch
bekam er eine gewisse Anerkennung als Führer des Volkes Israel. Zudem
fand dieses Treffen wegen Israel statt – welch eine Ehre! Endlich wird er
nicht mehr belächelt, sondern man nimmt ihn ernst und anerkennt ihn als
Volksführer.
Aber Nehemia liess sich durch diese Einladungen nicht blenden. Mag es noch
so freundlich und ehrenhaft scheinen, er glaubte nicht an eine
Gesinnungsänderung seiner Feinde. Er glaubte nicht, dass sie ernsthaft an
einer friedlichen Lösung interessiert waren. Also sagte er seine
Teilnahme an diesem Gipfeltreffen ab, er erklärte das so:
Weil sie aber Böses gegen mich im Schilde führten, liess ich ihnen
durch Boten sagen: »Ich habe eine grosse Aufgabe zu bewältigen und kann
unmöglich kommen. Meine Arbeit würde liegenbleiben, wenn ich sie
verliesse, um euch zu treffen.« (Nehemia 6, 2-3)Solange die Mauer nicht fertig war, wollte er keine Zeit mit einer
Verhandlung verschwenden. Nicht, dass er Angst vor dem Tod gehabt hätte,
aber wenn sie ihn ermordet hätten, dann wäre Israel erneut den
umliegenden Völker ausgeliefert gewesen, die sie schonungslos ausgebeutet
und gedemütigt hätten.
Viermal schickten sie mir dieselbe Einladung, und jedesmal schickte ich
ihnen dieselbe Antwort. (Nehemia 6, 4)Nehemia blieb bei seiner Entscheidung, denn in Wirklichkeit war es kein
Gipfeltreffen mit gleichberechtigten Partnern, sondern es war einfach
eine raffinierte Verschwörung. Nehemia liess sich nicht irritieren. Er
machte etwas, was bei uns oft verpönt ist, aber das Leben fordert es
manchmal von uns: Er misstraute ihnen. Selbst Gott forderte Jeremia zu
Misstrauen auf, denn manchmal ist das Überlebenswichtig. Er sagte ihm:
Denn auch deine Brüder, alle deine Verwandten, haben dich fallenlassen
und haben voll eingestimmt in das Geschrei gegen dich. Sei vorsichtig,
wenn sie dir freundlich kommen! (Jeremia 12, 6)
Luther übersetzte das so:
Darum traue du ihnen nicht, wenn sie auch freundlich mit dir reden.
(Jeremia 12, 6)
Was wir hier beim Mauerbau sehen, ist eine typische Entwicklung, die sich
ständig wiederholt. Da fängt z.B. jemand in einem Ort mit einer
Freikirche an. Zuerst spotten die Leute, das würde nie gelingen. Doch die
Gemeinde macht weiter, Gottesdienste und Evangelisationen werden
durchgeführt. Die Gemeinde beginnt langsam zu wachsen. Nun werden der
Gemeinde und deren Verantwortlichen Hindernisse in den Weg gelegt. Wenn
sie einen Saal für eine Evangelisation suchen, ist man nicht bereit,
ihnen einen Saal zu vermieten. Trotzdem machen sie weiter und die
Gemeinde wächst. Schliesslich erreicht die Gemeinde eine ansehnliche
Grösse. Sie wird sogar zu einem wirtschaftlichen Faktor in dem Ort. Statt
die Gemeinde offen zu bekämpfen, beginnt man die Verantwortlichen
scheinbar zu respektieren. Man lädt sie ein und möchte mit ihnen einen
gemeinsamen Konsens vereinbaren. Sie sollen z.B. die anderen Kirchen
anerkennen, dann würden sie auch unsere Kirche anerkennen. Sie sollen
sagen, wir glauben eigentlich alles dasselbe, nur die Methoden
unterscheiden sich. Sie sollen das Versprechen abgeben, keine Christen
abzuwerben, sondern sie in die ursprünglichen Kirchen zurückzuschicken
usw.
Nach einer anstrengenden Schlacht, die man gewonnen hat, ist die Versuchung
gross, für ein bisschen Ehrerbietungen wieder alles preiszugeben, für das
man gekämpft hat.
Die Antwort des Nehemia war klar und eindeutig: Wir verhandeln nicht.
Entweder respektiert ihr, wer wir sind, oder ihr lasst es bleiben.
Bibelstellen zum Nachschlagen: Jeremia 12, 6; Micha 7, 5-6
Ich lass mich nicht einschüchtern! (V.5-9)
Das konnten sie natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Hatte
Freundlichkeit und Ehre keinen Erfolg, dann senkten sie ihr Niveau und
eröffneten eine Schlammschlacht. Sie versuchten Nehemia mit Verleumdungen
einzuschüchtern:
Sanballat gab nicht auf. Das fünfte Mal schickte er einen seiner Diener
mit einem unversiegelten Brief. (Nehemia 6, 5)Also, jeder konnte lesen, was darin stand, das war sehr effektiv, denn so
wurde das Gerücht effizient verbreitet.
Darin stand: »Wie Geschem mir bestätigt hat, geht unter den Leuten das
Gerücht um, dass du mit den Juden einen Aufstand vorbereitest und dass
ihr zu diesem Zweck auch die Mauer wieder aufbaut. Man erzählt sich
auch, du wolltest ihr König werden. (Nehemia 6, 6)Man erzählt sich! Wer ist dieser man"? Das ist ganz typisch. Ich höre auch
immer wieder von diesem man". Warum kann man nicht einfach sagen, wer
was erzählt? Also, man erzählt noch:
Du sollst Propheten bestellt haben, die den Auftrag haben, überall in
Jerusalem auszurufen: 'Juda hat wieder einen König!' Es wird nicht
ausbleiben, dass solche Gerüchte dem König zu Ohren kommen. Komm also
zu mir, damit wir miteinander über alles reden können.« (Nehemia 6, 7)Das ist ungeheuerlich, was Sanballat dem Nehemia unterstellt. Er droht
offen mit dem persischen König, der über ein solches Gerücht gar nicht
glücklich sein wird. Wenn der persische König diesem Gerücht Glauben
schenken würde, wäre es um Nehemia geschehen, er wäre ein toter Mann.
Schon viele Menschen mussten aufgrund solcher Gerüchte sterben, oder
waren Zeit ihres Lebens gezeichnet und geächtet.
Die zuerst freundliche und ehrenvolle Einladung zu einem Gipfeltreffen,
verwandelte sich in eine offene Drohung. Sanballat sagte: Wenn Du nicht
sofort kommst, dann wird der König vernehmen, dass Du einen Aufstand
planst und dann ist es um Dich geschehen. Es bleibt Dir keine andere
Möglichkeit, als sofort zu diesem Treffen zu kommen.
Sanballat war sich sicher, dass Nehemia sofort sein Pferd besteigen wird
und zu diesem Treffen kommen würde. Er würde nur schon deshalb kommen, um
ihnen zu beteuern, dass das nie seine Absicht war. Doch Sanballat – wenn
er diese Hoffnung hatte – täuschte sich sehr. Nehemia blieb in Jerusalem,
er schickte ihm lediglich eine klare Botschaft:
»Was du schreibst, ist völlig aus der Luft gegriffen. Du hast dir das
alles selbst ausgedacht.« (Nehemia 6, 8)
Nehemia liess sich durch diese perfide Verschwörung nicht von seinem
Auftrag ablenken, er liess sich nicht einschüchtern.
Einschüchterung ist eine gängige Methode, mit der der Widersacher Gottes
kämpft: Verleumdungen verbreiten, um so das Volk Gottes in Verruf zu
bringen. Das war damals so, und das wird immer so sein. Ein sehr
eindrückliches Beispiel möchte ich aus dem 3. n. Chr. berichten. Es
stammt aus einer Schrift von Minucius Felix, ein Streitgespräch über das
Christentum, darin äussert sich Caecilius über das Verhalten der
Christen, wie es ihm zu Ohren gekommen sei, folgendermassen:
Hört man doch, dass sie den Kopf eines gemeinen Tieres, eines Esels,
aus, ich weiss nicht was für einem Wahn heraus, als heiligen Gegenstand
verehren. Ein Kult, so recht angemessen, so recht gemacht für dieses
ganze Unwesen! Andere wieder berichten, dass sie die Genitalien ihres
Oberpriesters anbeten, also symbolisch die Zeugungskraft ihres
Schöpfers verehren. Das mag vielleicht ein falscher Verdacht sein,
immerhin passt er gut zu ihren nächtlichen Geheimriten. Und wenn es
heisst, im Mittelpunkt ihrer Zeremonien stehe ein für seine Verbrechen
mit dem Tode bestrafter Mensch samt den Kreuzeshölzern, dann wird damit
diesen verlorenen, verbrecherischen Menschen eben das als Heiligtum
zugeschrieben, was zu ihnen passt: sie verehren, was ihnen selbst
gebührt.
Und dann erst, was man sich über ihre Initiationsriten erzählt!
Verabscheuungswürdig ist es und nur zu bekannt. Um die ahnungslosen
Initianden zu täuschen, bedeckt man ein Kind mit Teig und legt es dem
vor, der in ihre Mysterien eingeweiht wird. Der Meophyt lässt sich,
durch die Teighüllte getäuscht, zu Stichen verleiten, bei denen er
nichts Arges vermutet, und tötet so das Kind mit Wunden, die dem Auge
verborgen bleiben. Das Blut dieses Kindes - welch furchtbarer Frevel! -
lecken sie gierig auf und reissen sich noch um die zerstückelten
Glieder. Das also ist das Opfer, mit dem sie sich verbrüdern, durch die
Mitwisserschaft an diesem Verbrechen verbürgen sie sich gegenseitig
Stillschweigen. M. Minucius Felix: Oktavius, 9,3-5.
Das sind ganz schlimme Vorwürfe gegen Christen. Wir können uns glücklich
schätzen, dass uns solche schlimmen Sachen noch nicht vorgeworfen werden.
Doch wird über eine Freikirche schnell einmal gemutmasst, dass die Leute,
die solche Kirchen besuchen dem Leiter hörig seien. Sie würden nicht mehr
selbständig denken können. Alle seien gleichgeschaltet und man dürfe
keine eigene und schon gar nicht eine andere Meinung haben usw.
Das kann sehr an uns nagen. Wir können dann gut verstehen, wie sich der
Psalmschreiber fühlte, als er schrieb:
Mir ist, als wäre ich umringt von Löwen, die gierig sind auf
Menschenfleisch. Ihre Zähne sind spitz wie Speere und Pfeile, ihre
Zungen scharf wie geschliffene Schwerter. (Psalm 57, 5)Die Gefahr, die in solchen Verleumdungen steckt, liegt darin, dass wir
unseren Glauben verschweigen, weil wir die Verleumdungen nicht ertragen.
Wir sagen dann nicht mehr, was wir glauben und um was es im Evangelium
geht. Wir sprechen nicht mehr vom Gericht Gottes, weil wir die Menschen
nicht schockieren wollen, wir wollen nicht, dass sie denken, wir seien
verrückt oder wir würden Menschen unter Druck setzen.
Verleumdungen bringen uns in Gefahr den Widersachern entgegenzukommen,
indem wir ihnen versichern, dass der Weg mit Jesus einer von vielen Wegen
sei. Sie sollen ja nicht denken, dass wir einseitig, dumm oder gar
leichtgläubig seien.
Nehemia liess sich nicht Einschüchtern. Er macht einfach weiter und seine
Erklärung zu dieser schlimmen Verleumdung:
So versuchten sie alle, uns Angst einzujagen, in der Hoffnung, dass wir
die Arbeit abbrechen würden. Ich aber sagte mir: »Jetzt erst recht!«
(Nehemia 6, 9)Jetzt erst recht! Wir sollten uns von solchen Verleumdungen nicht
einschüchtern lassen. Petrus schrieb in seinem Brief:
Euer Leben mitten unter den Menschen, die Gott nicht kennen, muss
einwandfrei sein. Wenn sie euch alles mögliche Böse nachsagen, sollen
sie eure guten Taten sehen und von ihren eigenen Augen eines Besseren
belehrt werden. Vielleicht kommen sie dann zur Besinnung und preisen
Gott für ihre Rettung am Tag seines Gerichts. (1. Petrus 2, 12)Wie Nehemia, sollen wir trotzdem unbeirrt weitermachen. Egal, was die Leute
sagen, denn wenn wir ein reines Gewissen haben, was soll uns dann
hindern. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir in unserem Leben solche
Situationen ertragen müssen. Petrus schrieb später noch:
Wenn Gott es anders beschlossen hat und es auf sie keinen Eindruck
macht, ist es auf jeden Fall besser, für gute Taten zu leiden als für
schlechte. (1. Petrus 3, 17)Paulus musste oft dagegen kämpfen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Wie
Nehemia machte er weiter. Den Thessalonichern erzählte er von einer
solchen Situation:
Kurz zuvor in Philippi, hatten wir noch viel zu leiden gehabt; ihr
wisst, dass wir beschimpft und misshandelt worden waren. Aber unser
Gott schenkte uns neuen Mut, und obwohl wir auch in Thessalonich auf
heftigen Widerstand stiessen, konnten wir euch sein Evangelium frei und
offen verkündigen. 1. Thessalonicher 2, 2.
Im Blick auf Gott, fand Paulus wieder den Mut, das Evangelium zu
verkündigen. Gott schenkte ihm den Mut dazu. Das war sowieso die
Blickrichtung des Paulus. Er machte sich immer wieder bewusst, dass er
vor Gott steht und es für ihn kein wichtigeres Urteil gibt, als das
Urteil Gottes über sein Tun. So schrieb er den Galatern:
Will ich jetzt wieder Menschen beschwatzen - oder gar Gott selbst? Oder
rede ich etwa Menschen nach dem Mund? Ich gehöre Christus und diene ihm - wie kann ich da noch den Beifall der Menschen suchen! (Galater 1, 10)Nehemia lebte mit dieser Sicht. Er wusste, dass er diesen Auftrag für Gott
erfüllen musste und er liess sich dadurch nicht abhalte. Im Gegenteil:
»Jetzt erst recht!« (Nehemia 6, 9)
Bibelstellen zum Nachschlagen: Psalm 27, 3; Psalm 57, 5; Jeremia 9, 7;
Galater 1, 10; 1. Thessalonicher 2, 2; 1. Petrus 2, 12; 1. Petrus 3, 17
Schlussgedanke
Kämpft gegen Verschwörungen. Solange wir in dieser Welt leben und Jesus
dienen, werden wir mit Verschwörungen konfrontiert sein. Nehemia liess
sich nicht täuschen. Er durchschaute ihr Vorhaben. Er liess sich auch
durch eine nette und ehrenvolle Einladung nicht täuschen. Er wusste wie
durchtrieben Menschen handeln können. Wie es im Psalm heisst:
Süss wie Sahne sind seine Worte, aber sein Herz denkt nur an Krieg.
Glatt wie Öl fliesst seine Rede, doch jedes Wort ist ein spitzer Dolch.
(Psalm 55, 22)Und wie wir in solchen Situationen reagieren sollen? Wie kämpfen wir gegen
die Verschwörung?
Wir machen einfach weiter, wir lassen uns weder ablenken noch
einschüchtern. Wir folgen dem Rat im Psalm 55:
»Wirf deine Last ab, übergib sie dem HERRN; er selber wird sich um dich
kümmern! Niemals lässt er die im Stich, die ihm die Treue halten.«
(Psalm 55, 23) Bibelstellen zum Nachschlagen: Psalm 55, 22-23
Amen

