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Reformation in der Gemeinde – biblische Grundlagen

25.10.2018
Serie•Teil 2 / 7E21 Regionalkonferenz Ost 2018
Ein Vortrag von Wolfgang Wegert auf der E21-Regionalkonferenz Ost im September 2018.

Ein unerwarteter Wechsel im Programm

Und wer heute Morgen gekommen ist und vielleicht leicht genervt ist, dass er oder sie gestern Abend Wolfgang Weget verpasst hat, bekommt heute eine gute Nachricht. Weil es ja gestern Abend Probleme mit der Bahn gab, müssen wir das Programm etwas umstellen. Das heißt, dass heute Morgen nicht Andrew Page dran ist, den durften wir gestern Abend mit großer Freude hören. Morgen ist Wolfgang Wege dran.
Bevor ich ihn vorstelle, habe ich nur eine Frage aus Interesse: Wer war schon einmal bei einer Konferenz der Archegemeinde in Hamburg? Einfach kurz die Hand heben. Alle Achtung! Oder wer hat Wolfgang Wege schon im Fernsehen gesehen? Nicht ganz, ja, schon einige.
Für die, die das noch nicht wissen: Wolfgang Weghlt ist der Gründer des Missionswerkes Aacher. Er war etwa vierzig Jahre lang der Hauptpastor der Gemeinde und ist immer noch sehr tätig, auch in den Fernsehgottesdiensten, die man unter anderem bei Bibeltheber sehen kann.
Wir freuen uns sehr, dass Wolfgang gleich zu uns sprechen wird. Er wird uns quasi eine Art Zeugnis geben, wie es bei ihm in der Gemeinde aussah, als Gott eine Art Reformation durchgeführt hat. Und da sind wir gleich beim Thema: falsche Richtung.
Ja, guten Morgen, liebe Schwestern, liebe Brüder. Ich freue mich, dass ich angekommen bin, wie ihr gehört habt. Ich stand auf dem Bahnsteig in Hamburg und wollte doch rechtzeitig hier bei euch sein, und dann lese ich: Zug fällt aus. Da habe ich mich erkundigt. Die Strecke Hamburg-Berlin-Hamburg ist total gesperrt, in beide Richtungen. Und die nächsten Züge fahren nicht. Jetzt habe ich gehört, dass da wohl ein Selbstmordfall gewesen ist.
Und so ist die Vorsehung Gottes: Ihr musstet gestern ohne mich zurechtkommen. Und das hat gut geklappt, habe ich gehört. Dann habe ich das Auto genommen und bin gestern Abend um zehn angekommen. Ich habe noch eine gute Nacht gehabt mit unserem lieben Bruder Andrew Page, und jetzt bin ich hier.
Liebe Grüße auch von Hamburg, von der Arche, von Christian Wegert, der das mit seinen Pastoren und Ältesten leitet. Ihr wisst ja, dass die Arche Gastgeber von E21, von der Bundeskonferenz, sein darf, schon seit einigen Jahren. Und das ist eine große Freude. Es ehrt mich, dass ich heute auch hier bei euch sein darf, um diese Regionalkonferenz mitzuerleben.
Und das Thema, das man mir gestellt hat, ist, dass ich doch mal auch ein bisschen erzählen möchte über den Weg, den Gott auch mit der Arche gegangen ist, hinsichtlich des Themas Reformation. Und das ist aus unserer Sicht wirklich eine spannende Angelegenheit.
Ihr müsst also ein bisschen schauen. Ich habe hier verschiedene Brillen. Das ist so mit älteren Menschen. Aber ich habe auch schon Kinder gesehen und junge Leute, die sind noch schlechter dran als wir in unserem Alter.

Wurzeln und frühe Spannungen

Ja, Reformation in der Gemeinde.
Ich selbst bin seit 1959 zum Glauben gekommen und habe die Wiedergeburt erlebt. Mein Vater, also mein leiblicher Vater, war Baptist, und meine leibliche Mutter war Pfingstlerin. Wer diese beiden Denominationen ein wenig vor Augen hat, der weiß, dass da manchmal Welten zwischenliegen können, besonders auf der emotionalen Ebene.
Meine Mutter war eine ganz engagierte Beterin. Sie hatte in neun Zungen gebetet und Loblieder gesungen, dass die Nachbarn des Doppelhauses schon an die Wand geklopft haben. Dann ist sie nach vorne gegangen, in den Flur zum anderen Giebel hin. Aber dann hat der Postbote sie gehört und gesagt: Oh, Sie können ja schön singen!
Mein Vater war ebenfalls ein tiefgläubiger Mann, aber er hat manchmal zu meiner Mutter gesagt: Alma, nun übertreib mal nicht, lass uns das etwas nüchterner angehen.
In diesem relativen Spannungsfeld bin ich also aufgewachsen. Aber Gott hat mich dann errettet, auf ganz wunderbare Weise, durch den Tod meines Vaters. Der ist 1959 plötzlich gestorben, und ich kam noch an sein Sterbebett, bevor er ins Krankenhaus geholt wurde und dann auch in die Ewigkeit ging. Er hat dann zu mir gesagt: Wolfgang, knie dich doch bitte hier noch an mein Bett, bevor ich in den Himmel gehe, denn Jesus ist schon zu mir gekommen, sagt er, um mich abzuholen.
Das gab mir einen Schock. Ich kam von einem Samstagabendvergnügen als junger Mensch nach Hause, und dann das. Und die Lehrer in der Schule, auf dem Gymnasium, die hatten mir immer erzählt, es gibt keinen Gott, und die Bibel ist nur voller Mythen. So war ich auch da hin- und hergerissen.
Dann sagt mein Vater zu mir, kalter Schweiß auf der Stirn, blass wie eine Leiche schon: Wolfgang, bevor ich jetzt von dieser Erde gehe, möchte ich dich doch bitten, knie dich doch noch mal an mein Bett, und ich möchte noch mit dir beten. Dann hat er mir die Hände aufgelegt, kalte Hände schon, und zitternde Hände. Das war dann irgendwie für mich der Durchbruch. Da kam ich dann zu Jesus. Das hat durch Gottes Gnade bis heute gehalten.
Meine Mutter brachte mich dann in die Pfingstgemeinde, und da bin ich dann auch viele Jahre gewesen. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt. Das sind auch Gotteskinder und Christen. So habe ich im Stil der Finks-Bewegung auch später, als ich Pastor wurde, die Gemeinde geleitet, die damals noch Freie Christengemeinde hieß. Daraus wurde dann die Arche, und so bin ich insgesamt diesen Weg gegangen.
Nur wenn ich jetzt so etwas über die Finks-Bewegung sage, dann möchte ich nicht so verstanden werden, dass ich schlecht über die Finks-Bewegung rede. Deswegen habe ich euch erzählt, dass meine Mutter selbst eine tiefgläubige Christin war. Ich habe hohen Respekt vor ihr, und sie hat sehr viel dazu beigetragen, dass ich zum Glauben gekommen bin. Ich sage das also nicht als pauschale Abkanzlung irgendeiner pfingstlichen oder charismatischen Bewegung, sondern wir wollen uns sachlich ein wenig auseinandersetzen, auch mit diesen Spannungen, die da vorhanden sein können und weltweit auch vorhanden sind.

Erfahrungen, die ins Fragen führten

Ein grosses Thema in der Pfingstbewegung war ja die Taufe mit dem Heiligen Geist. Ich weiss nicht, ob das hier jemand weiss: Die Christenheit glaubt an die Wiedergeburt. Dabei ist der Heilige Geist am Werk und erneuert das Leben eines Menschen von Kopf bis Fuss.
In der Pfingstbewegung hat man besonders in der Richtung der Assemblies of God, der auch unsere kleine Gemeinde damals angehörte, geglaubt, dass man, wenn man den Heiligen Geist so richtig empfangen will, zusätzlich zur Wiedergeburt noch eine Geistestaufe braucht. Und diese Geistestaufe erkennt man daran, dass man in Zungen betet. Das war also die Regel in unserer Gemeinde und auch in der Bewegung.
Das erste Mal, als ich dann ins Schleudern kam, war, dass der Pastor, der mein Vorgänger war, auch ein aufrichtiger Christ, nicht in Zungen reden konnte. Dann gab es einige Leute und auch seine Pastorenkollegen, die der Meinung waren: Dieser Mann ist Leiter einer Pfingstbewegung und ist nicht wirklich im Heiligen Geist getauft, denn er redet nicht in Zungen. So haben sie natürlich versucht, da nachzuhelfen, und haben auch mit ihm gebetet. Die ganze Gemeinde hat ebenfalls gebetet, und andere wurden geistgetauft und redeten in Zungen.
Und dieser liebe Pastor, der sich so bemüht hat, lag mehrfach auch auf der Erde, schweissgebadet, aber er bekam das mit dem Zungenreden nicht hin. Das war der erste Anstoss für mich zu fragen: Es kann doch nicht sein, hier kann es doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Denn dieser Mann hat gepredigt, er hat Menschen zum Glauben gerufen, und seine Auslegungspredigten waren voller Macht und voller Kraft. Das war das erste Mal, dass ich innerlich Not bekam. Das war schon ziemlich früh in dieser Gemeinde.
Dann kamen später, als ich schon Pastor war, sogenannte Phänomene dazu, die mich weiter in grosse Not gebracht haben. Ich weiss nicht, ob ihr mal von der Heilungstheologie gehört habt. Das ist ja nicht nur zwischen Baptisten oder Evangelikalen und Pfingstlern so, sondern diese sogenannten Heilungstheologien sind weit verbreitet. Man glaubt, Gott möchte jetzt sofort auf der Stelle dich heilen, wenn du dich nur richtig darauf einstellst.
Und wenn mit dir gebetet wird und du nicht gesund wirst und kein Wunder geschieht, dann liegt das nicht an Gott. Er hätte dich sofort, jetzt hier und auf der Stelle geheilt. Wenn er dich aber nicht geheilt hat, dann liegt das an dir, weil du nicht richtig geglaubt hast. Dein Glaube hatte noch so viele Schlacken, du hast es noch nicht richtig kapiert und bist noch nicht bereit. Oder es gibt noch Sünden in deinem Leben. Du musst doch noch einmal nachschauen, ob du dich nicht noch mehr reinigen musst. Und vielleicht sind auch noch böse Mächte da, die in deinem Innern wirken.
So gab es dann immer wieder diese Spannungen. Einige Menschen empfingen Heilung. Ich bin Zeuge davon, dass Menschen geheilt wurden. Ich selber bin einmal von einer ganz, ganz schweren Krankheit auch in jungen Jahren wirklich geheilt worden. Gott erhört Gebet, das ist gar keine Frage. Aber er tut es nicht immer. Und da sind dann also enorme Verrenkungen gewesen, die dann bis hin zu grossen Fragen auch in meinem Leben wurden.

Zuspitzungen in Heilung und Prophetie

Ich habe dann auf einer sogenannten Feuerkonferenz einmal gastweise auch eine Predigt halten dürfen. Dann hatten sie dort auch einen Heilungsevangelisten, Tausende von Menschen, und ich saß oben auf der Plattform. Die Menschen kamen nach vorne. Der eine sagte: Ich bin vom Krebs geheilt. Und einer sagte: Ich bin von Aids geheilt. Und noch einen haben sie dann aus dem Rollstuhl herausgehoben. Aber das war denn doch nicht so richtig. Als die Kameras wieder weg waren und die Aufmerksamkeit wieder woanders war, sah ich nur noch, wie die betreffende Person doch wieder in den Rollstuhl zurücksackte.
Ich will nur an einzelnen Beispielen das klar machen. Da steht die Menge, ja, Hunderte von Menschen vor der Plattform, die also Heilung ersehnen. Und auf einmal ruft eine Frau: Das Bein meiner Tochter ist gewachsen um dreizehn Zentimeter! Und der Evangelist hält ihr das Mikrofon hin und sagt: Sag es laut! Und dann ruft sie ins Mikrofon: Das Bein meiner Tochter ist um dreizehn Zentimeter länger geworden durch ein Wunder Gottes, Halleluja! Und die ganze Menge von rund zehntausend Menschen war so voller Hosianna, dass ich dachte: Also, die Decke hebt sich ab vor Begeisterung.
Aber ich war auch auf der Plattform, und ich sah das, und ich denke: Nein. Das bin ich mit dem Evangelisten da. Ich habe dann im gleichen Hotel gewohnt, da habe ich ihn im Fahrstuhl getroffen. Da sage ich: Mensch, mein Bruder, du kannst doch nicht den Leuten erzählen, dass da ein Heilungswunder passiert ist, das war doch gar nicht der Fall. In der Bibel steht: Die Liebe glaubt alles. Ach so, die Liebe glaubt alles. Ich sage: Du darfst es ja für dich glauben, aber du musst es doch ... Die Bibel sagt doch: Prüft doch die Geister. Ist das denn wirklich so? Können wir denn also ungelegte Eier in die Welt hinausposaunen?
Und dann stand in allen charismatischen Zeitschriften in der nächsten Woche also, was für gewaltige Zeichen und Wunder da passiert sind. Und ich selber bin also wie ein geprügelter Hund nach Hause. Ich bin da innerlich nicht mit fertig geworden. Obwohl Gott auch in unserer Gemeinde viel Wachstum gab, viele Taufen, und das war wirklich auch teilweise aufbruchartig, und ja, wir wollten doch alle Erweckung. Und ich habe dann auch diese Gemeindewachstumsphilosophie studiert, Bücher verschlungen, sechs Schritte zur Erweckung und gesellschaftliche Veränderung und sieben Schritte zu einem Wunder und na ja, dies und jenes. Das war dann für mich alles nicht erfüllend und wurde schwer.
Ich gebe euch nur einige Stichpunkte. Die ganze Sache würde tatsächlich ein Buch füllen, was man dann im Laufe der Jahre, und es waren ja auch mehrere Jahrzehnte, was ich da denn für Spannungen auch erlebt habe.

Ein Wendepunkt durch ein Buch

Einen Fall möchte ich erwähnen. Ihr erinnert euch vielleicht daran oder habt es auch gehört, vielleicht habt ihr das sogar schon einmal miterlebt: Dann kam dieser sogenannte Toronto-Segen nach Deutschland. Und der ging einher mit der Erscheinung des Umfallens.
Da gab es also Versammlungen, in denen die Menschen nach vorne gerufen wurden. Und das Zeichen, das der Heilige Geist in diesen Versammlungen wirkte, war, dass die Menschen umfielen. Und weil das hinten auch wehtun konnte, falls man auf einen Stuhl knallte, stellte man hinten Leute auf, damit diese Umfaller aufgefangen wurden. Die wurden dann hingelegt, und dann ruhten sie im Geist. Nach einiger Zeit standen sie wieder auf und waren erfrischt. Man nannte sie auch die Erschlagenen im Geist. Manche haben sogar ganze Stühle aus dem Saal geholt, damit sie mehr Platz hatten, damit Gott alle hinstrecken konnte.
So, und dann hatten wir auch, ich war ja offen, versteht ihr, ich war mit drin in der ganzen Sache, und zwar mächtig war ich drin. Ich hatte auch Kontakt zu namhaften, bekannten Persönlichkeiten dieser Glaubensrichtung, die ich damals sogar meine Freunde genannt hatte oder die mich ihre Freunde nannten.
So hatte ich dann auch in unserer Archegemeinde einen Heilungsevangelisten eingeladen. Und wieder wurden Menschen nach vorne gerufen, und ich war auch davon mit betroffen. Die Frau des Evangelisten und meine Frau saßen in der ersten Reihe, beide nebeneinander. Das waren ja quasi Kolleginnen, Ehefrauen von zwei Pastoren. Und der Evangelist sagte dann, der Heilige Geist wird jetzt bald fallen. Die Leute standen da und warteten und schauten. Und bevor das Fallen richtig losging, fiel schon eine Frau um. Bumm, sie knallte richtig mit dem Hinterkopf auf den Betonfußboden, der mit Teppich bedeckt war.
Meine Frau sah das, und das war eine Schwester, eine Glaubensschwester aus unserer Gemeinde, die wir schon öfter ins Krankenhaus bringen mussten, weil sie Blutleere im Kopf hatte, also irgendwie niedrigen Blutdruck oder etwas in der Art. Und dann ist meine Frau natürlich hin und wollte ihr helfen, weil sie dachte, die Frau sei krank und brauche deshalb ärztliche Hilfe. Aber die Evangelistenfrau hielt meine Frau zurück und sagte: Lass sie liegen, das ist vom Heiligen Geist. Drei Tage später war diese Schwester tot.
Das war so ein einschneidendes Erlebnis, dass wir nachts nicht schlafen konnten. Und dann, eines Nachts, ein paar Tage später, werde ich wach und höre meine Frau weinen, im Bett richtig schluchzen. Und ich sage: Gertrud, was hast du? Dann sagt sie einen Satz. Und der war sehr entscheidend. Sie sagte: Wolfgang, wenn das Erweckung ist, dann will ich keine.
Dieser Satz ist mir nie aus dem Sinn gekommen, auch nicht aus dem Herzen: Wenn das Erweckung ist. Ich merkte, man kann Erweckung versuchen zu manipulieren. Man kann Tausende von Menschen zum Glauben bringen und ebenso viele Entscheidungskarten ausfüllen lassen und nichts anderes als heiße Luft haben. Man kann, und so bin ich in einen tiefen inneren Konflikt mit meinem eigenen Dienst geraten, dass ich weder Bücher über Gemeindewachstum noch über Prophetie und noch über Heilung mehr lesen wollte.
Prophetie, Stichwort noch ganz kurz: Eine junge Frau, eine junge Bekehrte in unserer Arche, wird dann zu einem Gottesdienst in der Nordheide eingeladen. Da ist ein bekannter Prophet. Sie ist schon quasi im neunten Monat, 14 Tage, drei Wochen vor der Geburt. Und der Prophet sagt zu ihr, als alle in der Schlange standen und ein prophetisches Wort haben wollten, zu ihr: Mach dir keine Sorgen, du bekommst ein gesundes Kind, sagt mir Gott. Der Heilige Geist spricht: Dein Kind ist gesund.
Und wir haben einen Gynäkologen in der Arche, der ist auch Krankenhauschef. Zu dem kam sie dann zum Entbinden, und das Kind wollte nicht kommen. Er stellt fest: Das Kind war schon tot. Der Prophet sagt, es lebt, und sie bringt ein totes Kind zur Welt. Ich musste es selbst beerdigen. Ich habe dann den Pastor angerufen, der diesen Propheten eingeladen hatte, und habe ihm das erzählt. Da sagt er: Wolfgang, das tut mir sehr leid, aber ansonsten hat der Prophet eine ziemlich hohe Trefferquote.
Das war für mich so erschütternd, dass sich die Not immer weiter verstärkte. Ich habe zu meiner Frau gesagt: Gertrud, kein Visionsbuch mehr, kein Buch über Träume und Möglichkeiten, kein Buch über Gemeindewachstum, kein Buch über Prophetie, kein Buch über Heilung, ich will sowieso kein Buch mehr, ich will nur noch die Bibel.
Und so haben wir tatsächlich ein paar Wochen, wenn nicht sogar Monate, im Nirwana gelebt, bis eines Tages meine Frau nach Hause kommt und sagt: Wolfgang, ich habe ein Buch mitgebracht. Ich habe gesagt: Das Buch kannst du behalten. Ich habe dir gesagt, ich will kein Buch mehr. Und ich habe das Buch auch nicht angeguckt. Und sie sagt: Das Buch ist aber von Spurgeon. Ich will auch nicht von Spurgeon, ich will nur noch die Bibel. Ich habe die Schnauze voll, sagt man in Hamburg. Ich habe die Schnauze voll. So geht das nicht.
Dann hat meine Frau angefangen, heimlich das Buch selber zu lesen, und hat dann einige Markierungen gemacht. Eines Tages war sie beim Einkaufen, und ich gucke und sehe auf ihrem Nachtschrank das Buch. Ich denke, sie hat dauernd das Buch da beim Wickel. Und dann denke ich, was hat sie denn da angestrichen? Und dann lese ich nur die markierten Teile aus diesem Buch. Und das Buch heißt Spurgeon, also von mir aus auch Spurgeon, wie ihn keiner kennt.
Dann nahm ich dieses Buch, ihr lieben Geschwister, und dieses Buch, es war der Herr, es ist Gott in seiner wunderbaren Vorsehung. Dieses Buch hat mir die Augen geöffnet, dass man nämlich das Evangelium an seinem ursprünglichen Ausgangspunkt klar haben muss, sonst kommt man unweigerlich sanft oder auch stark auf eine falsche Spur.
Wenn ihr mal aus dem Sackbahnhof Leipzig rausfahrt, dann könnt ihr sehen, wie manchmal Züge eine ganze Zeit lang nebeneinander herfahren in die gleiche Richtung. Aber langsam, aber sicher gehen sie auseinander. Und wenn man da, und darüber wollen wir dann gleich sprechen, wenn man den Ausgangspunkt des Evangeliums nicht richtig klar hat, wenn man die Weiche nicht am Anfang richtig stellt, dann kann es sein, dass alles noch einmal auseinandergeht.
Man merkt das gar nicht. Alle loben wir Gott, alle lesen wir die Bibel, alle beten wir, alle hoffen wir, alle glauben wir. Und ehe man sich versieht, geht es langsam auseinander, aus zwei verschiedenen Welten. Das habe ich bei Spurgeon gelernt. Der Schlüssel ist die Souveränität Gottes. Wenn man außer Acht lässt, dass Gott in seinen Handlungen, in seinem Walten, in der Schöpfung, mit dem Menschen, in Glaubensangelegenheiten, wenn man diesen Grundsatz verliert, dass über allem Gottes souveräner Wille ist, dann fängt man an, ein menschenorientiertes Evangelium zu predigen.
Stichwort Heilungen, was mich ja total durcheinandergebracht hat, überhaupt Gebetserhörung. Ja, in der Bibel steht: Gott erhört Gebet, Halleluja, dann lass uns tüchtig beten, dann kriege ich alles, was ich will. Aber es ist nicht so. Und sie beten um Heilung. Die einen sagen: Du betest nicht richtig, du glaubst nicht richtig, und irgendwas ist noch falsch bei dir, du musst dich noch besser bereiten und Gott hingeben und was weiß ich alles. Und so kannst du nicht geheilt werden. Und dann werfen wir die Schuld auf die, die nicht geheilt werden. Aber wir vergessen, dass der Herr Jesus im Vaterunser gesagt hat, wir sollen beten: Dein Wille geschehe.
Über allem steht Gottes Wille, und das ist, was letzten Endes den Ausschlag gibt. Ich muss in allen Fragen, die auch meine Verantwortung betreffen, immer wissen, dass Gottes Absichten übergeordnet sind, dass Gottes verborgener Ratschluss die entscheidende Rolle spielt. Und so las ich bei Spurgeon auch über die Souveränität Gottes in den Heilsangelegenheiten.
Ich lernte besonders im Kapitel drei des Buches. Das Buch habt ihr hier auf dem Tisch. Viel zu wenig Exemplare. Ich hoffe, das nimmt heute jeder mit nach Hause. Es geht leider nicht, weil er nicht so viele hat. Aber es ist fantastisch. Ich lernte in Kapitel drei dieses Buch unter der Überschrift: Der Arminianismus steht gegen die Schrift.
Der Ausdruck Arminianismus, darf ich mal fragen, wer hat davon schon mal gehört? Wer weiß denn, was das bedeutet? Zwischen „hat schon mal gehört“ und „ich weiß es“ ist ein großer Unterschied. Ich versuche es euch mal zu erklären, mit ganz wenigen Worten. Ich zitiere teilweise aus dem Buch. Das ist, was ich dann las in meiner Not, und meine Frau brachte mir das Buch.
Da steht, Spurgeon schreibt wörtlich: Der Arminianismus steht gegen die Schrift. Den Ausdruck Arminianismus hatte ich zwar schon gehört, wie ihr. Und ich meinte auch zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Aber beim Lesen dieses Kapitels fing ich an zu verstehen, dass dieser Begriff heute eine größere Relevanz für die Christenheit hat als zur Zeit von Spurgeon.
Das Wort Arminianismus leitet sich von einem holländischen Theologen namens Jakob Arminius ab, der von 1560 bis 1609 lebte und Professor für systematische Theologie an der Universität von Leiden war, also einer Stadt in Holland. Das Hauptmerkmal seiner Lehre war, dass sich der Mensch das Heil durch seinen freien Willen aneignet. Wenn er sich für Christus entscheidet, erlangt er die Wiedergeburt. Lehnt er jedoch ab, kann der Heilige Geist das Erlösungswerk an ihm nicht vollziehen. Nach Arminius war also der Wille des Menschen der entscheidende Faktor für seine Errettung.
Und so war ich geprägt. Du musst wollen. Wenn du nicht willst, mein Freund, dann kann Gott gar nichts tun. Wow, heute sage ich: Wolfgang, was hast du für einen Quatsch erzählt? Wenn du nicht willst, das heißt, an unserem freien Willen zerbricht Gottes Allmacht. Das ist also eine grundsätzliche Weichenstellung: Werde ich durch meinen Willen letztendlich gerettet oder durch Gottes Willen?
Und wie wir vielleicht noch sehen, entweder gleich oder auch später im Seminar, erkennen wir, dass das entscheidend ist. Es ist wie mit einem Mantel, dessen ersten Knopf man ins falsche Loch bringt. Du kannst Knöpfe an Knöpfe anschließen, der letzte ist auch falsch und wird immer falscher.
Wenn wir uns die gesamte evangelikale Landschaft von heute ansehen, es ist nicht nur die Pfingstbewegung, nicht nur die charismatische Bewegung, sondern in Deutschland insbesondere, Deutschland ist da Weltmeister: Wenn wir uns die deutsche evangelikale Landschaft heute anschauen, dann ist die Überzeugung, dass der freie Wille des Menschen über sein Heil entscheidet, vorherrschend.
Auch mir wurde in der Pfingstbewegung beigebracht, dass die Errettung eines Menschen von seiner Willensentscheidung abhängt. Natürlich spielt der Wille des Menschen eine Rolle, aber eine untergeordnete Rolle. Dieses arminianische Lehrsystem ist so aufgebaut, dass es von der Gleichbehandlung aller Menschen ausgeht. Gott behandelt alle Menschen gleich. Das kommt von unserem humanistischen Gerechtigkeitsdenken oder man kann auch sagen: Gewerkschaftsdenken. Kriegt einer Weihnachtsgeld, müssen alle Weihnachtsgeld haben. Und wenn das nicht ist, gehe ich vor Gericht. Und wenn Gott sagt, den einen will ich erretten und den anderen lasse ich laufen, dann setzen wir ihn auch auf die Anklagebank. Das darf er nicht.
Gott gibt jedem mindestens einmal im Leben, so der Arminianismus, die Chance, sich für oder gegen Christus zu entscheiden. Wer sich gegen ihn entscheidet, geht verloren. Das nimmt Gott in Kauf, weil er dem Prinzip des freien menschlichen Willens höchste Priorität einräumt. Und wenn Bibelstellen auftauchen, die nicht von Entscheidung reden, sondern von Vorherbestimmung und von Erwählen und von Vorherersehung, dann wird erklärt, dass damit die gemeint sind, von denen Gott voraus weiß, dass sie sich einmal für Christus entscheiden.
Weil ich auch von diesem Denken geprägt war, und etwas anderes, wie gesagt, nicht kannte, drehte sich in meinen Predigten alles um den freien Willen meiner Zuhörer. Das kam nicht in jeder Predigt zum Ausdruck. Aber so waren meine Predigten konstruiert. Hör mal, Gott hat eine Verheißung für dich, und er sagt: Ich bin der Herr, dein Arzt, und du kannst geheilt werden. Wer will heute geheilt werden? Oh, alles meldet sich. Dann aber los, es liegt nur an dir. Willst du ehelichen Segen haben? Oh ja, ich will Segen haben. Willst du Kinder haben und hast noch keine bekommen? Alles kein Problem, du musst nur wollen.
So habe ich das nie gesagt, versteht ihr. Aber das ist der Grund. Ihr müsst doch mal darauf achten in den Fernsehpredigten, bei eurem Pastor, ihr solltet nicht kritisieren, ihr sollt nur zuhören, richtig zuhören. Und der Sound zeigt dir, auf welcher Basis die Theologie läuft.
Also, ich dachte, der freie Wille ist der Dreh- und Angelpunkt meines Lehrsystems, oder so war es auch. Darum forderte ich die Menschen in der Regel mit den Worten auf: Du musst dich entscheiden, du musst wollen, du musst Ja sagen, Gott braucht dein Einverständnis, du musst ihn annehmen. Und so redete ich, weil ich der festen Überzeugung war, dass die Bekehrung ein freier Akt des Menschen ist, auf den Gott mit der Wiedergeburt antwortet.
Und nun lese ich von dem weithin so geschätzten Spurgeon, dass eine solche Lehre gegen die Schrift ist. Hier in diesem Buch. Sie steht gegen die Schrift. Das konnte doch nicht angehen. Da fing meine Festung an zu wanken. Wenn das nicht Spurgeon, sondern ein kleineres Licht gesagt hätte, hätte ich das Buch wahrscheinlich zugeklappt. Aber ich wusste ja, dass das ein großer Mann Gottes gewesen sein soll. Aber weil es der segensreiche Erweckungsprediger aus London war, habe ich weitergelesen und dann fand ich Sätze wie diesen.
Diejenigen irren, schreibt er, und kennen die Schrift nicht, die den Willen des Menschen an die erste Stelle setzen und wissen nicht, was sie sagen, wovon sie reden. Wow. Auch von einem verrenkten System, er nennt den Arminianismus ein verrenktes System, das den Fürsten größer als das Fundament macht.
Richtig zur Sache ging es, als es hieß, dass die Theologie des freien Willens schlichtweg Werkegerechtigkeit sei, denn sie hebt die Bedeutung, so schreibt Spurgeon, die Bedeutung der Aktivität des Sünders hervor und betont die Notwendigkeit des menschlichen Wollens und Bemühens. Spurgeon wörtlich: Seht ihr nicht auf einen Blick, dass das Gesetzlichkeit ist? Dass es ein Festmachen unserer Errettung an unser Werk ist, ein Abhängigmachen unseres ewigen Lebens von etwas, das wir tun?
Nun müsst ihr euch mal so einen Mann wie mich vorstellen mit so einem Buch in der Hand. Das hat die Grundfesten meines bisherigen Denkens erschüttert. Und wenn er dann auf Bibelstellen hinweist, in denen es heißt: So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Bemühen, sondern an Gott, der sich erbarmt, wenn es definitiv nicht am Wollen des Menschen liegt, wie können wir dann das Heil der Menschen trotzdem an ihrem Wollen festmachen?
Ich war befremdet, aber mein Herz, sagte Wolfgang, ließ weiter. Irgendwie wurde es warm in meinem Herzen. Ich merkte auf einmal, dass die Bibel für mich richtig herum gelesen werden soll. Vielleicht vertiefen wir das nachher noch einmal im Seminar. Ich will euch, weil die Zeit ja auch fortschreitet, nur sagen, was das mit mir und unserer Gemeinde gemacht hat. Es ist natürlich noch viel zu sagen, ich bin noch nicht durch mit diesem Ganzen, aber ihr habt so in etwa eine Idee.
Dann habe ich das in unserer Gemeinde angefangen. Erst habe ich es mit meiner Frau besprochen, als wir bei uns im Wohnzimmer saßen. Dann habe ich zu ihr gesagt: Gertrud, ich kann nicht mehr so weiter predigen wie bisher. Ja, sagst du, willst du das wirklich? Die Pfiffe kriegst du mir um die Ohren, hat sie mir prophezeit, das war eine richtige Prophetie.
Und ich habe echt gedacht, ich muss allerdings so sagen, das will ich auch noch einschieben: Das hat wirklich etwas mit mir gemacht, das mich bis an die Wurzeln meines Seins gepackt hatte. Ich habe dann weiter gelesen, die Bibel gelesen, die Schriftstellen gelesen, die von der souveränen Gnade Gottes sprachen. Und dann kam ich auch zu Epheser 1, dass Gott uns vor Grundlegung der Welt erwählt hat, nach dem Wohlgefallen seines Willens.
Dann ist mir das tief in mein Herz gefallen: Wolfgang, Gott hat dich schon vor Jahrmillionen gewollt und schon entschieden, dass du einmal bei ihm sein wirst. Ehe die Berge waren, ehe die Engel geschaffen wurden, ehe es diese Welt und die Sterne gab, gab es mich schon. Und Gott hat gesagt: Wolfgang, du wirst zu mir kommen.
Das hat mich so gebeugt, ich bin damals unter diesem Eindruck von meinem Sessel auf die Erde gefallen und habe so lange, wie ich war, auf dem Boden gelegen, habe geweint und gelacht, immer im Wechsel. Das konnte ich nicht fassen, dass meine Errettung nicht auf mich selbst zurückgeht, sondern auf den Herrn Jesus Christus.
Und dann hat das tatsächlich meine Frau mitbekommen, und das ist dann, na, wie soll ich sagen, es wurde dann zu einem Erdbeben. Ich habe dann einige Brüder, und das war wiederum auch interessant, dass einige Brüder in der Gemeinde innerlich vorbereitet waren. Die hatten sich interessanterweise über andere Kanäle auch schon mit dieser Frage beschäftigt. Das ist zum Beispiel der Andy Mertin gewesen, unser Jugendpastor, der sagt: Wolfgang, wovon redest du? Die Sache ist mir schon lange klar.
Wie kommt das denn? Zu einem anderen Ältesten bin ich gegangen und habe ihm das auch versucht zu erklären. Du, sagt er, ich habe hier gerade so ein Buch, sagt er, ich weiß gar nicht, von wem das ist, aber ich bin hier schon drei Tage im Krankenhaus und ich lese das, das spricht mich auch so an. Oh, denke ich, dann hat Gott ihn auch schon vorbereitet.
Aber zwei Älteste traten sofort aus der Ältestenschaft aus. Fünfzig Leute haben die Gemeinde verlassen. Wir haben eine neue Gemeinde gegründet. Gott hat die gesegnet, es ist auch eine schöne Gemeinde geworden. Aber es war damals ein unglaublicher Kampf, und ich bin dabei auch vielleicht rechthaberisch gewesen und überbetont, aber so sündigen wir alle auch in den besten Absichten. Und so sind wir dann am Ende auch aus der Pfingstbewegung ausgetreten.
Und als ich dann mit dem Präses so ein Gespräch diesbezüglich führte, dann sagt er zu mir: Wolfgang, glaubst du wirklich einmal gerettet, immer gerettet? Ihr wisst ja, wenn du weißt, dass die Schrift sagt, du bist durch den souveränen Willen Gottes errettet und nicht durch dich selbst, dann ist ja auch klar, dass Gott, so wie er souverän dich einmal in seinen Ratschluss des Heils eingepackt hat, dass du auch darin bleibst bis ans Ende und nicht deinen Glauben oder dein Heil mehr verlieren kannst.
Das ist das, was Spurgeon ja auch kritisiert. Da kommen Leute, die sagen, die sind schon siebenmal errettet worden, siebenmal von Neuem geboren worden. Die werden immer geboren und sterben und werden noch mal geboren. Eigentlich müssen sie sich jedes Mal dann auch neu taufen lassen. Nein, die Bibel sagt: Er, der das gute Werk angefangen hat, der wird es auch vollenden. Er ist der Anfänger deines Glaubens, nicht du hast ihn angefangen, sondern er ist auch der Vollender des Glaubens. Und so dürfen wir wissen, dass unser Glaube ruht in Jesus Christus. Er wird die Seinen bewahren bis ans Ende. Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhört. Was für ein Trost!
Und nun sagt dieser Präses zu mir: Wolfgang, glaubst du denn einmal gerettet, immer gerettet? Dann habe ich ihm zurückgeantwortet: Ich sage, glaubst du denn einmal gerettet, noch lange nicht gerettet? Und darauf hat er keine Antwort. Und es gibt auch keine Antwort darauf, sondern wen Gott errettet, den rettet er, und den hält er auch fest.

Trost am Sterbebett und die Frage nach der eigenen Treue

Was mich auch in dieser Sache immer wieder zum Nachdenken gebracht hat, sind Sterbebetten. Ich erinnere mich an einen Fall, der besonders gravierend war. Es war die Frau eines sehr bekannten Evangelisten. Sie war Witwe und rief mich an ihr Sterbebett.
Dann sagte sie zu mir mit schwachen, zitternden Worten: Wolfgang oder Pastor Wegert, wie hat sie sich ausgedrückt, ich muss jetzt in die Ewigkeit gehen. Und dann fragte sie mich: Was meinst du denn, ob Gott auch mit mir zufrieden ist? Bin ich denn auch treu genug? Wenn ich oben ankomme, wird er mich auch annehmen?
Die Frau war 50 Jahre oder noch länger gläubig. Sie ist eine wiedergeborene Christin und fragt am Ende ihres Lebens: War ich auch treu genug? Wird Gott mit mir zufrieden sein? Was hättet ihr geantwortet? Ach, ich tröste dich, ach, na klar, Schwester, wenn du nicht treu warst, wer war denn dann treu? Also: Oh, du bist treu, mach dir keine Sorgen, Gott nimmt dich an, du bist eine treue Frau. Bis heute hast du geglaubt und du warst an der Seite deines Mannes. Oh, wunderbar, wenn du nicht treu bist, wer dann? Sieh den Himmel. Wäre das die richtige Antwort?
Nein, es wäre eine fatale Antwort, eine irrige Antwort, eine tödliche Antwort wäre das. Gott wird mit dir zufrieden sein. Ich treffe einen Menschen, immer wieder treffe ich solche Leute, die mich dann vom Fernsehen her kennen. Dann sagt doch der eine Mann: Ach, Herr Wegert, wenn Sie nicht in den Himmel kommen, wer kann denn dann in den Himmel kommen? Sie predigen so gut, Halleluja, ich komme in den Himmel.
Ihr lieben Leute, ich komme nicht in den Himmel, weil ich gut gepredigt habe. Ich komme nicht in den Himmel, weil ich viele Predigten gehalten habe. Ich komme nicht in den Himmel, weil ich treu genug war. Ich komme nicht in den Himmel, weil Gott mit mir zufrieden ist, sondern ich komme in den Himmel um Jesu willen.
Da könnt ihr still bleiben, jetzt müsst ihr mal Pfingstler werden. Da muss man doch mal Amen sagen, nicht wahr? Da muss man tatsächlich, da springt ja irgendetwas ins Herzensgesicht. Und das ist doch der große Unterschied.
Der Arminianismus setzt auf den Menschen. Die Predigt des freien Willens des Menschen wirft den Menschen auf sich selbst. Aber das Evangelium der Gnade, manche sagen dann gleich Calvinismus, und dann verdonnern sie uns mit allen Irrungen und Wirrungen, die jenseits dieser Lehre auch geschehen sind. Nein, ihr Lieben, wir sind nicht Calvinisten, wiewohl Calvin diese Botschaft, aber ebenso auch Luther, alle Reformatoren waren Calvinisten. Luther war der Obercalvinist. Der hat ein ganzes Buch geschenkt, so ein dickes Buch, gegen den freien Willen, und hat sich mit Erasmus von Rotterdam auseinandergesetzt. Das weiß man leider alles nicht.
Man zitiert Luther, man zitiert Spurgeon, und deswegen heißt das Buch Spurgeon, wie ihn keiner kennt. Der englische Titel heißt The forgotten Spurgeon, gefällt mir noch viel besser: Der vergessene Spurgeon. Man zitiert sie und handelt sie als große Männer Gottes, die Reformatoren und samt der Väter der Christenheit, wie auch Spurgeon und Whitfield und Jonathan Edwards und wie sie alle heißen. Oh, auf den Kanzeln werden Freudenfeste über diese Männer Gottes gefeiert.
Aber wenn du mit demselben Pastor ins Gespräch kommst und fragst, was die eigentlich geglaubt haben, dann sagen die: Ja, nein, das glaube ich nicht, nein, das glaube ich nicht. Die wissen es nicht von Luther, sie wissen es nicht von Calvin. Ja, von Calvin wissen sie es: Das ist der Oberirre. Aber das, ihr Lieben, ja, ja, das ist so, das ist so.
Und Spurgeon hat auch, ich weiß nicht, ja, das steht auch in diesem Buch, nein, das schreibt er in seiner Autobiographie Alles zur Ehre Gottes. Da hat er ein ganzes Kapitel: Plädoyer für den Calvinismus. Und da sagt er, der Calvinismus, wenn er denn die biblischen Grundlagen hat, ist Evangelium pur. Das bedeutet: Wir dürfen ruhen in dem Herrn.

Die neue Mitte der Verkündigung

Ich habe es am Frühstückstisch schon gesagt: Nachdem ich dann durch Gottes Gnade die freie Gnade Gottes und die Souveränität Gottes in den Mittelpunkt meiner Predigt gestellt habe, hat sich etwas verändert. Und das ist die Reformation.
Ein Mann kommt nach einiger Zeit zu mir und sagt: Pastor Wiegert, früher, wenn ich aus Ihren Predigten ging, hatte ich immer ein schlechtes Gewissen. Aber heute, heute bin ich voller Freude. Das ist Reformation.
Der Arminianismus, die Lehre vom freien Willen, bringt den Menschen unter Angst. Ist doch klar: Du bekommst Angst, dass du es nicht schaffst. Wenn du, und das machen wir nachher noch ein bisschen intensiver und detaillierter, wenn du dein Heil und deine Seligkeit letztendlich daran festmachst, ob du willst oder nicht willst, dann musst du doch Angst haben. Dann musst du doch zittern. Aus dem einfachen Grund, weil du dir selbst nicht über den Weg traust, weil du weißt, dass du versagst.
Und dieses Evangelium von der freien Gnade Gottes, der, der dich gerufen hat, den wird seine Berufung nicht gereuen. Auf den kannst du dich verlassen und kommst zur Ruhe und findest Frieden.
Diese Botschaft habe ich gepredigt, und dann sind immer mehr Menschen aus der Gemeinde gegangen. Und meine Frau hat zu mir gesagt: Wolfgang, du kannst den Laden bald zumachen.
Ja, und das seht ihr hier auch in diesem Buch. Spurgeon ist auch aus dem Baptismus, aus dem englischen Baptismus, wegen dieser Frage ausgetreten. Und das ist hier ein regelrechter Glaubenskampf gewesen in London. Aber von den anderen weiß man heute nichts mehr, die ihn damals bekämpft haben. Aber von ihm hat Gott sein Zeugnis aufbewahrt. Das ist hochinteressant.
Und ich darf euch sehr viel Mut machen, wenn ihr auch das in eurer Gemeinde ... Man muss sehr vorsichtig sein. Manchmal sind Pastoren zu mir gekommen, die waren zweiter Pastor oder waren Älteste, und die wollten dann also mit aller Gewalt ihre Gemeinde umkrempeln gegen die Leiterschaft. Das solltest du nicht tun, du musst Frieden bewahren. Aber solltest du ein Leiter sein, dann solltest du aus deinem Herzen keine Mördergrube machen.
Und der Herr Jesus war uns ja so gnädig. Heute ist unsere Gemeinde, ich will ja gar nicht mit Zahlen reden, das habe ich früher gerne gemacht, als ich noch Pfingstler war. Auf Zahlen kommt es nicht an. Aber wenn man dann in diesen Kategorien mal denken will: Unsere Gemeinde ist heute so groß, wie sie in der Geschichte, in ihrer Geschichte, nie gewesen ist. Am Sonntagmorgen kommen, mit den Kindern zusammengerechnet, an die tausend Menschen jeden Sonntag zum Gottesdienst. Die Menschen kommen von sonst woher aus der Stadt, und sie stehen am Ausgang und sie weinen. Sie sagen: Ich weiß nicht, was hier los ist, aber mein Herz ist bewegt, Gott hat mich angerührt.
Es ist Gottes Gnade, die die Menschen zur Buße leitet, und nicht unsere Rute und nicht unser Zorn, sondern es ist Gottes Gnade, die zur Buße leitet. Und so haben wir diese Botschaften im sogenannten Bibelforum, in einer Pastorsklasse und verschiedenen anderen Zusammenkünften weiter vertieft und haben dadurch wirklich erkannt, dass ... und wirklich gesehen, wie Gott mit uns ist.

Ein letzter Blick auf Gemeinschaft, Auslegung und Gnade

Und was uns auch, und damit glaube ich, will ich dann, muss, oh ja, wie lange habe ich jetzt heute Morgen? Ich muss Schluss machen, ne? Noch fünf Minuten nur.
Vielleicht darf ich euch das noch sagen, dass wir auch dann gelernt haben. Oder ich sage es mal anders: Was ich nicht wusste, ist, dass ich in dieser Welt nicht alleine bin mit dieser Erkenntnis. Das war damals so. Ich dachte, ich bin ganz alleine, weil ich dann im BfB, also in unserem Pfingstbund, wenn ich mit Menschen darüber gesprochen habe, die haben alle den Kopf geschüttelt. Der Weger ist erst durchgedreht. Dann habe ich zu Gott geschrien und habe gesagt: Herr, gibt es denn nicht einen einzigen Menschen, mit dem ich mal, der noch lebt, mit dem ich ... Gibt es denn nicht einen einzigen Menschen, der noch lebt, mit dem ich über diese Dinge ...?
Ich hatte immer Bücher, meistens antiquarische Bücher. Heute gibt es ja schon viel mehr. Der Drei-Elfer-Lach macht ja also eine großartige Arbeit und bringt das ja rein. Aber damals gab es noch keinen Drei-Elfer-Lach, und damals gab es auch keine Bücher wie dieses. Das war für mich damals also ein besonderer Leckerbissen.
Und ja, was wollte ich jetzt sagen? Also genau: Es gibt keinen Menschen, mit dem ich darüber reden kann. Gibt es denn nur Bücher von damals? Sind sie schon alle gestorben?
Und dann hatten wir eine Einladung an Joni Eriksson Tader. Kennt jemand Joni Eriksson Tader? Ja, im Rollstuhl. Sie hatte so einen schweren Badeunfall, bis zum Oberkörper gelähmt. Es hieß immer, das ist eine Baptistin. Die haben wir eingeladen in unserer Gemeinde, und die hat da drei Tage bei uns in der Arche dann also gedient. Ich hatte keine Ahnung, was die für einen Hintergrund hat.
Und meine Tochter fuhr sie immer zum Hotel hin und zurück. Wir haben so ein Spezialfahrzeug geliehen, mit so einer kleinen Rampe und einer hydraulischen Hebebühne, dass wir sie da schön im Rollstuhl reinfahren konnten und festbinden konnten. Und dann ist meine Tochter, die hatte gerade den Führerschein gemacht, und freute sich, diese wunderbare Frau durch Hamburg fahren zu können. Und ich bin dann auch mit ihr gefahren, weil ich dachte: Mensch, da bin ich mit ihr im Auto. Sie hatte dann noch eine Betreuerin dabei, und mit der hat sie sich dann immer unterhalten nach der Versammlung: Oh, this is so wonderful, it's great, this wonderful shirt, the grace of God, oh, hallelujah, and it's wonderful to be elected and predestined und was weiß ich, was sie da alles da immer hatte.
Redete sie immer von der Gnade der Erwählung und von der wunderbaren Führung und der Bewahrung Gottes, bis ich dann eines Tages, bis ich dann nach einiger Zeit merkte: Die Frau, die muss irgendwie auch so geimpft sein wie ich, weil sie immer so redete. Und dann habe ich gesagt: Joni, kannst du mal, was glaubst du, was hältst du von Erwählung? Oh Wolfgang, das ist das schönste Thema außer der Erlösung in Jesus Christus.
So, und dann fing sie an, mir zu erzählen. Bin ich mit ihr ins Hotel bis in den frühen Morgen, die ganze Nacht, als sie nach Hause kam. Jetzt habe ich meiner Frau erzählt: Ich habe heute den ersten Menschen auf Gottes Erdboden getroffen, der noch lebendig ist, und sie hat mir von Jesus zu tun.
Und sie weiß dann, die Joni Eriksson Tader, die hat mich dann in die USA gebracht, zu Together for the Gospel, das kennt ihr ja alle, in den USA. Da gibt es eine mächtige Reformbewegung, die also mein Leben dann richtig glücklich und froh gemacht hat. Und seitdem haben wir also einen wunderbaren Kontakt, und ich habe gelernt, dass es herrlich ist.
Einer von diesen Leuten ist der Mark Dever, von dem habt ihr auch schon gehört. Das ist ein anderes Buch, das ich dann auch gelesen habe, ich weiß nicht, ob ihr es hier habt: Neun Merkmale einer gesunden Gemeinde. Er spricht auch, sein Thema ist jetzt nicht die Erwählung als solche, aber der Hintergrund ist derselbe. Er sagt etwas, und das gehört letzten Endes dazu. Er sagt Folgendes: Richte einen soliden Dienst für Auslegungspredigten ein und sieh dann nur zu, was Gott tut.
Das ist ein Satz, den ich in seinem Buch gefunden habe. Den habe ich nicht nur unterstrichen, den habe ich mir in meinen Kopf und in mein Herz eingegraben. Was will er damit sagen? In dem Moment, ihr lieben Schwestern und Brüder, ich weiß nicht, ob ihr Prediger seid, Pastoren seid, Hauskreisleiter seid oder eine Gruppe leitet: In dem Moment, wo ein Pastor mit seiner Gemeinde durch ganze Bücher der Bibel hindurch predigt, sukzessive Vers für Vers, Kapitel für Kapitel, ist es unausweichlich, dass du zu diesem gewaltigen Thema der Souveränität Gottes kommst. Es ist unausweichlich, dass du zu den Gnadenlehren kommst und sie immer und immer wieder findest und sie auch predigst.
Das ist es, was wir dann letzten Endes auch an Erfahrung gesammelt haben in der Arche. Die Menschen, die sagen: Oh Mann, jetzt durch das Buch Mose predigen oder durch das Buch Richter oder durch die ganze Apostelgeschichte, oh nein! Jemand hat mal zu mir gesagt: Dich leitet ja gar nicht mehr der Heilige Geist. Du weißt, du sprichst ja gar nicht mehr darüber, was der Heilige Geist in deiner Gemeinde, was dran ist für den Heiligen Geist.
Du, sage ich, Gottes Wort ist immer dran. Ich sage, meinst du wirklich, wenn es um den Römerbrief geht, dass wir ihn nicht zusammenhängend lesen sollen? Meinst du, als die Römer den Brief gelesen haben vom Apostel Paulus, dass sie gesagt haben: Wir fangen heute beim letzten Kapitel an und nehmen nur den ersten oder fünften Vers? Nein, sie haben doch mit Sicherheit den ganzen Brief zusammenhängend gelesen, um zu wissen, was insgesamt also gesagt wird.
Und das ist ein ganz großes Geheimnis. Inzwischen ist es wirklich so, ich will es nicht idealisieren, es ist alles mit menschlichen Fehlern und Schwächen behaftet. Aber was wir erlebt haben, ist eine unglaubliche Kraft. Die Menschen kommen in die Versammlung mit ihren Bibeln und wollen wissen, wie geht es textlich in der Schrift weiter. Und so ist letzten Endes das zusammengehörig: das Evangelium der Gnade und auch die Auslegungspredigt, die wir am besten sukzessive in der Schrift also vornehmen.
Und so schreibt der MacDever: Richte einen soliden Dienst für Auslegungspredigten ein und sieh dann nur zu, was Gott tut. Es ist damit bist du vollkommen unspektakulär, du hast also eine Gemeinde, wo nicht so viele Zeichen und Wunder passieren, du hast also auch nicht unbedingt so viel Gesang. Das ist alles gut, wir singen wie die Weltmeister auch in der Arche, gar keine Frage. Aber das Wort Gottes steht im Mittelpunkt, so wie es die Reformatoren gewollt haben.
Und so sind wir sehr froh und dankbar, dass wir uns heute nicht nur evangelisch-reformierte Freikirche in Hamburg in Arche nennen, sondern dass wir das durch Gottes Gnade auch leben dürfen und die Gemeinde davon profitiert und viele Menschen davon profitieren. Ich bin auch so dankbar, dass nachher die Ältesten alle durch Gottes Gnade zu diesem Glauben sich bekennen konnten aus der Tiefe ihres Herzens. Auch mein eigener Sohn, der Christian, den hat Gott auch mit seiner Frau so wunderbar geführt, dass auch er die tiefe Überzeugung hat, dass allein aus Gnade, sola gratia, unsere Predigt, unser Denken bestimmen muss und nicht der freie Wille des Menschen, sondern: Ne, Soli Deo Gloria! Amen!
Ja, ich danke euch, ihr Lieben!