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Das Buch Hiob - Teil 2/4

Hiob 3,1-31,40
Warum trifft Leid oft die Falschen? Hiob zeigt, wie schnell gute Ratschläge verletzen, wenn man über andere urteilt. Die eigentliche Frage: Wem vertraust du, wenn du keinen Sinn mehr siehst?

Ein langer Weg durch die Klage

Wir haben uns gestern mit dem ersten Teil des Buches Hiob beschäftigt, mit den Kapiteln eins und zwei, wo uns Hiobs anfängliches Glück und dann vor allem Hiobs Unglück beschrieben werden.
Wir fahren fort und kommen zum zweiten Teil dieses Buches, zum längsten Teil, zu jenem Teil des Buches, der uns am meisten entmutigt, wenn wir mit diesem Buch arbeiten. Es geht wahrscheinlich den meisten so. Mir ging es wenigstens so: Als ich das erste Mal das Buch Hiob las, hatte ich den Eindruck, es höre nie auf. Und als ich vielleicht ein halbes Jahr später wieder beim Buch Hiob war und es zum zweiten Mal durchlas, hatte ich immer noch den Eindruck, es höre nicht auf. Und als ich ein Jahr darauf wieder zum Buch Hiob kam, war es wieder einfach ein Marathon. So hat man sich dann mit heraushängender Zunge durch diese Kapitel geschleppt, und man hatte den Eindruck, sie drehen sich im Kreis.
Nun, die Länge dieser Kapitel und die Länge der redenden Argumente und Gegenargumente sind tatsächlich ein Abbild der Ratlosigkeit des Menschen vor diesem Geschehen. So entspricht also die Form auch dieses Teils dem Dilemma, in dem sich Hiob befindet, und der Ratlosigkeit, in der sich auch seine Freunde befinden.
Nun wollen wir doch versuchen, diese Kapitel drei bis einunddreißig zu verstehen. Wenn wir Geduld haben, lesen und wieder lesen und darüber nachdenken, dann erleben wir es immer wieder, wie uns Gott ein Buch, das uns lange verschlossen war, auf einmal öffnet. Dann scheint es uns doch viel einfacher als vorher.
Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, jetzt in dieser Stunde die Hauptgedanken dieser Kapitel euch so weiterzugeben, dass ich euch im Verständnis helfen kann.

Der erste Schrei aus der Tiefe

Nun lesen wir zunächst in Kapitel 3 die ersten zwölf Verse, Hiob 3,1-12.
Danach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag. Und Hiob hob an und sprach: Es verschwinde der Tag, an dem ich geboren wurde, und die Nacht, welche sprach: Ein Knäblein ist empfangen. Jener Tag sei Finsternis; frage Gott nach ihm droben, und nicht erglänze über ihm das Licht. Finsternis und Todesschatten mögen ihn einlösen, Gerölk lagere sich über ihm, Schrecken in Tagesverfinsterungen. Jene Nacht, dunkel ergreife sie, sie freue sich nicht unter den Tagen des Jahres, in die Zahl der Monde komme sie nicht. Siehe, jene Nacht sei unfruchtbar, es trete kein Jubel in sie ein; verwünschen mögen sie die Verflucher des Tages, die fähig sind, den Leviatan aufzureizen. Verfinstert seien die Sterne ihrer Dämmerung, sie harre auf Licht, und da sei keines, und nicht schaue sie die Wimpern der Morgenröte. Denn sie hat die Pforte meines Mutterschosses nicht verschlossen, Mühsal nicht verborgen vor meinen Augen. Warum starb ich nicht von Mutterleib an, kam aus dem Schoß hervor und verschied? Weshalb kamen Knie mir entgegen, und wozu Brüste, dass ich sog?
Ja, das ist derselbe Hiob, von dem wir eben noch gelesen haben, dass er vor Gott niederfiel und bekannte, dass Gott, wenn er uns Gutes gebe, auch das Recht habe, uns Bitteres zuzuteilen. Derselbe Hiob, von dem wir gesehen haben, wie er unter diesen wütenden Schlägen Satans in seinem Glauben festblieb.
Wie konnte derselbe Mann so in solche Sprache verfallen? Mir scheint, dass es dafür nur eine Erklärung gibt. Bei Hiob war inzwischen der Glaube eingebrochen. Er mochte sich nicht mehr im Vertrauen unter Gottes Hand demütigen. Sein Glaube war eingebrochen, aber ich beeile mich zu sagen: Sein Glaube hatte nicht aufgehört. Gott wird es nie zulassen, dass bei seinen Erwählten der Glaube aufhört.
Und wir erinnerten uns gestern an Petrus, dessen Glaube auch einbrach. Und der Herr sagte zu diesem Petrus, dass ein Glaube einbrechen würde und dass er darum den Herrn verleugnen würde: Aber ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und es war die Fürbitte des Herrn, die dafür sorgte, diese Worte des Herrn und die Fürbitte des Herrn und nachher der Blick des Herrn, der Herr, der Petrus anschaute, welche dafür sorgten, dass Petrus nicht unterging in seinem Kummer und nicht von Verzweiflung überwältigt wurde und so endete wie Judas.
Ja, der Glaube Hiobs ist eingebrochen. Dies zu bewirken, dass unser Glaube sogar aufhöre, das ist das Ansinnen des Satans mit all seinen Versuchungen. Denn wo wir nicht im lebendigen Vertrauen vor Gott stehen, vermögen wir Gott nicht untertan zu sein. Wo wir nicht glauben, nicht vertrauen, können wir Gott nicht gefallen. Wo wir nicht glauben, wird unsere alte Natur, das Fleisch, die Oberhand haben, und das Fleisch ist der Gesinnung nach Feindschaft gegen Gott. Es kann Gott nicht untertan sein, es muss sich gegen Gott auflehnen. Unser Fleisch ist so. Das steht in Römer 8,6-8.
Was heißt Glaube? Glaube heißt, auf all das zu vertrauen, was Gott in seinem Wort über sich gesagt hat. Gott hat uns in seinem Wort geoffenbart, dass er Licht ist, 1. Johannes 1,5. Gott ist Licht. Das bedeutet, dass Gott nichts Böses tut, nichts Verkehrtes tut, nichts Ungereimtes tut, nichts tun kann. Gott handelt nie wider seine Verheißungen. Gott kann nicht lügen, sagt Paulus im Titusbrief, in Kapitel 1, Vers 3.
So dann sagt uns Gott: Gott ist Liebe. Das bedeutet, dass alles Tun ein Ausdruck seiner Liebe ist und das Wohl der Seinigen im Auge hat.

Was Glaube in der Krise trägt

Paulus sagt im Römerbrief, an den wir wiederholt erinnert worden sind, in Römer 8,28, in einem Kapitel, das genau die Situation umschreibt, in der Hiob war, und in der wir als Gotteskinder, als Gottesgeliebte, sind: Wir sind Gottesgeliebte, wir sind schon Gotteskinder, es ist nur noch nicht offenbar geworden. Wir sind erlöst, aber wir harren noch des Tages der Erlösung des Leibes. Wir haben den Tag der Verherrlichung, der Offenbarwerdung des Heils Gottes und der Söhne Gottes noch vor uns.
Und wir gehen durch eine Welt, in der die Sünde eingedrungen ist und den Tod und damit Tränen, Leiden und Schmerz hineingebracht hat. Das führt uns oft in solche Umstände, Zustände und Situationen, dass wir oft nicht einmal wissen, wie und was wir beten sollen. Das sagt Paulus in Römer 8,26: Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Wir wissen uns nicht zu erklären, woher und warum solche Dinge uns befallen. Und wir wissen darum oft nicht, wie wir beten sollen.
Aber etwas wissen wir die ganze Zeit. Das steht im übernächsten Vers in Römer 8. In Römer 8,26 steht: Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Und in Römer 8,28 steht: Wir wissen aber. Was wissen wir? Das wissen wir die ganze Zeit: Gott ist Licht, Gott ist Liebe. Und darum wissen wir: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach Vorsatz berufen sind.
Zu welchem Guten denn? Das sagt der nächste Vers. Zu dem Guten, dass Gott es sich vorgesetzt hat, die Seinen dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu machen, diesem Guten. Dem höchsten Guten, das es geben kann, diesem Guten muss alles dienen. Denn welche er zuvor erkannt hat, diese hat er auch zuvor bestimmt, im Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein.
Hat Gott sich das vorgesetzt mit dir und mit mir? Sind wir seine Kinder? Dann hat er sich vorgesetzt, uns dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu machen. Hat er sich das aber vorgesetzt, dann wird er das auch an uns wirken. Dann wird er solche Mittel verwenden, die unfehlbar dieses Ziel verwirklichen werden. Und dazu gehört auch das, was Hiob erfährt: Leiden.

Warum die Freunde helfen wollen und doch schaden

Wir haben gestern diesen Vers gelesen in Jakobus 5,11, wo uns Jakobus sagt, dass das Ende Hiobs uns Verständnis darüber gibt, wie Gott ist. Gott ist die ganze Zeit nicht ein Gott, der die Seinen vergessen hat und dem das Gehen der Seinen gleichgültig ist, sondern er ist voller Barmherzigkeit und voll innigen Mitgefühls, also Liebe.
 Jakobus 5,11 lesen wir diesen Vers noch einmal: Von dem Ausharren Hiobs habt ihr gehört, und das Ende des Herrn habt ihr gesehen. Und dieses Ende beweist, dass der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist. Also: Gott ist Liebe.
Gott versucht niemanden zur Sünde, das sagt Jakobus in Jakobus 1,13-15. Alles, was Gott uns zuteilt, ist vollkommen und ist gut, das sagt Jakobus gleich in den nächsten Versen, Jakobus 1,17-18. All das zusammengenommen bedeutet, dass Gott uns nie über Vermögen versucht, sondern er wird uns immer so führen und solches über uns verhängen, dass uns der Ausgang offen bleibt.
Vers 13: Keine Versuchung hat euch ergriffen als nur eine menschliche. Gott aber ist treu, der nicht zulassen wird, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern wird mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen, so dass ihr sie ertragen könnt.
Hiob sieht eine Zeit lang den Ausgang nicht, und uns geht es oft auch so: Wir sehen den Ausgang nicht. Und wenn dann unser Glaube einbricht, dann wird es finster, dann wird es finster. Solange Hiob glaubte: Gott ist Licht, Gott ist Liebe, solange er ihm vertraute, konnte er Gott anbeten und hatte Frieden im Herzen. Jetzt vertraute er nicht mehr. Und die Finsternis, ja die Verzweiflung, verschlingt ihn.
Bedenken wir, was Hiob hier sagt. Er wünscht, dass der Tag seines Empfängnisses, da er empfangen wurde, aus der Reihe der Tage gestrichen würde. Welch ohnmächtiges Begehren! Wie unmöglich ist so etwas! Genau so ohnmächtig ist alles Aufbegehren gegen Gottes Fügen und Schicken. Es ist einfach ohnmächtig.
Der Glaube macht uns blind, der Unglaube macht uns blind, und der Unglaube macht uns auch töricht. Hiob verflucht seinen Tag. Warum verflucht er seinen Tag? Weil ihm das Leben, das gegenwärtige Leben, Schmerzen bereitet, weil es ihm nicht mehr behagt.
Nun, unser gegenwärtiges Ergehen ist ein schlechter Gradmesser für den Wert des Lebens. Hiob hat seinen Tag ganz sicher nicht verflucht, als es ihm gut ging. Er verflucht seinen Tag, weil es ihm so ergeht, wie es ihm ergeht.
Nun, was ist es denn, das dem Leben seinen Wert gibt? Nicht unser gegenwärtiges Ergehen, nicht das gibt dem Leben seinen Wert. Der Glaubende weiß es, und hier wird wieder dazu kommen, es zu glauben und zu erkennen: die Herkunft unseres Lebens gibt ihm den Wert. Gott hat es uns gegeben.
Zweitens: Die Zukunft unseres Lebens gibt ihm seinen Wert, das, wozu Gott uns bereitet hat. Der Glaube erkennt das, der Glaube erkennt genau das. Gott hat mir das Leben gegeben, und Gott hat mich zu seinem Kind gemacht, zu einem hohen Ziel bestimmt. Und darum danken wir Gott jeden Tag dafür, dass er uns das Leben gegeben hat, dafür, dass er uns das Leben gab und dass er dafür sorgte, dass wir in diesem Leben ihn, seinen Sohn und in ihm das Heil erkennen durften. Darum danken wir ihm jeden Tag.

Der Wert des Lebens und die Grenze der Verzweiflung

Ja, Hiob wünscht, nicht geboren worden zu sein. In den nächsten Versen wünscht er sogar zu sterben.
Todessehnsucht ist immer in dieser Weise zu verstehen, wie sie hier bei Hiob zum Ausdruck kommt: Wenn einer nicht mehr leben will, lieber sterben möchte und sogar Gott bittet: Nimm mich doch weg. Es ist eine Form der Auflehnung gegen Gottes Wege. So schlimm uns das Leben auch erscheinen mag, ist es nie eine Ursache, den Tag unserer Geburt zu verwünschen.
Wir lesen im Neuen Testament von einem einzigen Fall, in dem der Herr Jesus selbst sagt, dass es besser gewesen wäre, nicht geboren worden zu sein. Das sagt der Herr nur von Judas. Matthäus 26,24. Das ist der einzige Grund. Solange ein Mensch noch lebt und noch einen Odem in der Nase hat, ist es gut, dass er geboren wurde. Erst wenn er den Sohn Gottes verworfen hat, endgültig verworfen hat und darum von Gott verworfen werden muss, erst dann kann man wie von einem Judas sagen: Dann wäre es ihm besser, nicht geboren worden zu sein. Matthäus 26,24: Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie über ihn geschrieben steht; wehe aber jenem Menschen, durch welchen der Sohn des Menschen überliefert wird! Es wäre jenem Menschen gut, wenn er nicht geboren wäre.
Lesen wir noch die Verse 20 bis 26 aus diesem Kapitel 3: Warum gibt er den Mühseligen Licht und Leben, denen, die bitterer Seele sind, die auf den Tod harren, und er ist nicht da, und die nach ihm graben mehr als nach verborgenen Schätzen, die sich freuen bis zum Jubel, Wonne haben, wenn sie das Grab finden? Dem Mann, dessen Weg ihm verborgen ist und den Gott eingeschlossen hat ringsum? Denn gleich meinem Brote kommt mein Seufzen, und wie Wasser ergieße ich mein Gestöhn. Denn ich fürchtete einen Schrecken, und er traf mich; und vor dem, was mir bangte, das kam über mich. Ich war nicht ruhig, und ich rastete nicht, und ruhte nicht; da kam das Toben.
Schon zum zweiten Mal lesen wir hier, warum. Wie bereits in Vers 11, so noch einmal in Vers 20: Warum gibt er den Mühseligen Licht? Und in Vers 12 steht: Weshalb kamen Knie mir entgegen? Neunmal verwendet Hiob dieses Wort, neunmal fragt er Gott: Warum? Hier in Kapitel 3, Vers 11; Kapitel 3, Vers 20; 27 und 21; in 10,18; 13,14 und 24; Kapitel 21,7 und Kapitel 24,1.
Gott wird nicht auf ein einziges Warum antworten, nicht auf ein einziges. Das ist etwas, was mich immer wieder ratlos machte bei diesem Buch Hiob. Ich fand immer die Antwort Gottes eine Enttäuschung, muss ich ehrlich sagen. Ich fand sie immer enttäuschend, zwar eindrücklich, wie Gott von der Schöpfung redet, aber ich begriff das nicht. Ich dachte: Das ist doch gar keine Antwort. Hiob hat überhaupt keine Antwort bekommen auf seine Fragen, auf seine Verwirrung, seine Ratlosigkeit. Nein, Gott wird ihm nicht antworten, nicht auf ein Warum.
Gott ist Gott, und er schuldet uns nicht Rechenschaft. Und er wird nicht darauf eingehen. Er geht nicht darauf ein. Gott geht nicht darauf ein, sonst müsste er aufhören, Gott zu sein. Und wir wären an der Stelle Gottes, und das wird nie passieren, nie. Nein, Gott wird anders antworten, aber doch so antworten, dass Hiob die richtige Antwort bekommt. Aber davon morgen mehr.

Die Freunde und ihre falsche Sicherheit

Noch ein Ausdruck, und dann fahren wir fort. Aber noch ein Ausdruck hier aus dieser ersten Klage Hiobs: Er beklagt sich darüber, dass Gott ihm seinen Weg verborgen hat, Vers 23. Er sei der Mann, dem Gott den Weg verborgen hat und den Gott ringsum eingeschlossen hat. Ja, er ist wirklich ringsum eingeschlossen. Es bleibt hier nur ein Weg offen, das ist der Weg nach oben. Das ist der wahre Königsweg. Das ist auch der Ausweg von 1. Korinther 10,13. Das ist der Ausweg, den Gott uns bereitet hat, in jeder Drangsal, in jeder Prüfung, in jeder Not: der Weg zum Herrn selbst.
Aber ehe Hiob diesen wahren Königsweg nach oben gehen kann, muss er sich zuerst demütigen. Es geht also zuerst abwärts.
Dann, in Kapitel 4 und Kapitel 5, haben wir nun die erste Rede von einem der drei Freunde Hiobs. Und ihnen ist das nicht gleichgültig. Sie leiden mit Hiob, sie sitzen sogar sieben Tage neben ihm und reden nicht. Größere Anteilnahme kann man kaum zeigen. Sie begreifen auch, dass Hiobs Kummer und Not jetzt so groß sind, dass sie gar nichts sagen können. Sie dürfen gar nichts sagen. Sieben Tage lang schweigen sie. Sie zeigen damit, dass sie so viel Mitleid und Anteilnahme erweisen, wie man von einem Menschen nur erwarten kann.
Und doch werden gerade die drei Freunde Hiobs, die Hiob helfen wollen, Hiobs Not und Hiobs Pein nur vergrößern. Durch ihren Unverstand werden sie seine Pein nur vergrößern. Sie werden ihn quälen mit ihren Aussagen, mit ihren Behauptungen.
Aber auch diese drei sind von Gott gesandt, von Gott gesandt. Sie sind nicht zufällig gekommen, und hätte Gott nicht gewollt, dass sie kommen, hätte Gott sie gar nicht kommen lassen. Das hätte Gott wohl vermocht. Er wollte, dass diese drei Freunde kamen. Und so muss Hiob an diesen dreien auch das lernen, wirklich das lernen, dass nur einer da ist, wirklich nur einer, der Hiob kennt, der mit Hiob empfindet. Das ist sein Gott. Menschenrettung ist wirklich eitel. David sagt das im Psalm 60, im letzten Vers: Schaffe Rettung; Menschenrettung oder Menschenhilfe ist ja eitel. Es ist wirklich so.
Diese Reden und Gegenreden Hiobs beginnen also mit Hiobs Klage, und darauf antwortet Eliphas. Dann redet wieder Hiob. Nach Hiobs Rede antwortet Bildad, und daraufhin redet Hiob wieder. Auf diese dritte Rede Hiobs antwortet Zophar. Das geht also sehr gesittet vor sich, das nur nebenbei gesagt. Wir können hier an Hiob und seinen Freunden auch vieles lernen.
Wir sehen hier, wie man offensichtlich im Altertum sehr viel zivilisierter war als wir heutzutage. Man verstand es, sich an die Regeln des Anstands zu halten, und schön der Reihe nach redete jeder. Zuerst redete Eliphas, und er redete immer zuerst. Man kann diese Reden in drei Zyklen aufteilen, und zwar geht es jedes Mal so: Hiob redet, dann antwortet Eliphas, und dann redet Hiob wieder, entgegnet auf das, was Eliphas sagte, und darauf antwortet wiederum Bildad. Dann redet wiederum Hiob, und dann wieder Zophar. Dreimal geht das so, immer in der gleichen Reihenfolge.
Man hält sich also an die Regeln des Gesprächs, fällt einander nicht ins Wort. Und da müssen wir uns einfach sagen lassen, dass wir in dieser Sache ganz erbärmlich zu kurz kommen und uns immer wieder vergreifen an den einfachsten Regeln des Anstands. Bei uns geht es meistens darum, wenn man nicht gleicher Meinung ist, dass man einfach versucht, den anderen in den Boden zu reden und ihn kaum ausreden lässt, ihm ins Wort fällt und ihm das Wort aus dem Mund nimmt und so weiter.
Also, hier können wir wirklich etwas lernen.

Streit, der nicht heilt

Nun, wenn man jetzt den Aufbau dieser Kapitel vor sich hat, dann stellt man eine Unregelmäßigkeit fest, nämlich in folgender Weise: Also in der dritten Runde, und ich habe das bewusst so für mich überschrieben: erste Runde von Reden und Gegenreden, zweite Runde von Reden und Gegenreden, dritte Runde von Gegenreden und Gegenreden. Es sind wie Kampfrunden, nachher läutet der Gong, dann kommt die zweite Runde.
Bei der dritten Runde gibt es eine Unregelmäßigkeit. Nachdem Bildad geantwortet hat, und nachdem Eliphas geantwortet hat, wäre Zofar an der Reihe zu reden, aber Zofar redet nicht mehr. So stellen wir also fest, dass Hiob als Sieger hervorgeht. Man muss das einmal so feststellen: Er ist der Sieger, er behält das letzte Wort, und diese ganze lange Diskussion endet mit einem langen Monolog Hiobs. Er ist also vor seinen Freunden und kann sich behaupten. Und er kann eigentlich widerlegen, was sie alles über ihn sagen. Er kann das mit plausiblen Gründen widerlegen, dass alle ihre Behauptungen und Voraussetzungen, auf denen sie ihr Urteilen aufbauen, falsch sind.
Es gelingt ihm. Er ist wirklich der Sieger in der Diskussion, und doch ist ihm nicht geholfen. Denn Hiob ist bis am Ende dieser langen Auseinandersetzungen genauso ratlos und sitzt noch genauso in der Finsternis. Und daraus lernen wir wieder etwas: dass uns auch dann nicht geholfen ist, wenn wir in der Diskussion die besseren Argumente gehabt haben und als Sieger hervorgegangen sind. Es ist uns damit nicht geholfen. Es ist uns, es ist uns allen nur geholfen, wenn wir in der richtigen Beziehung zu Gott stehen oder in die richtige Beziehung zu Gott gebracht worden sind. Darum muss es immer gehen, und das vergessen wir fast immer, fast immer vergessen wir das. Da geht es darum, dass wir Recht haben, unseren Standpunkt vertreten und den anderen mit Argumenten aus dem Feld schlagen und sogar noch gewinnen. Und niemand hat gewonnen.
Und darum hat Hiob nach diesen langen Reden den Dienst Elihus nötig. Das ist ein Zeichen, dass Gott wirklich an Hiob denkt. Er hat die ganze Zeit einen Elihu bereit gehabt. Und dort, wo weder Hiob noch seine Freunde etwas mehr zu sagen wissen, ist der Augenblick da. Dann schickt Gott den Elihu, und Elihu versteht es so zu reden, dass Hiob in die Verfassung gebracht wird, in der er endlich Gottes Stimme hören kann und auch seine Freunde die Stimme Gottes ehren können. Und dann werden sie wieder zu Gott in die richtige Beziehung gebracht, alle zusammen.

Was man wissen will, was man aber nicht wissen kann

Nun lassen Sie uns beachten, was die Freunde Hiobs und was Hiob sagen. Es ist sicher bekannt, und das wird nach einem ersten Lesen des Buches deutlich, dass die Freunde Hiobs Hiobs Ereignisse beobachten und aus den Ereignissen Hiobs auf etwas schließen, das sie gar nicht wissen können. Sie haben Hiob nicht sündigen sehen, sie haben an ihm keine Sünde gefunden, aber sie schließen einfach: Hiob muss gesündigt haben, Hiob muss verborgene Sünde in seinem Leben haben, sonst erginge es ihm nicht so.
Und die drei Freunde Hiobs beteuern diesen Standpunkt in sehr uniformer Weise. Wenn man die Reden der drei Freunde miteinander vergleicht, dann stellt man fest, dass sie einmal alle drei die gleichen Grundwahrheiten wiederholen und dass sie sich auch in der Art, wie sie reden, im Aufbau ihres Arguments auffällig gleichen.
Nun, alle drei beteuern zu Beginn ihrer Rede: Gott ist gerecht. Wer will dem widersprechen? Er straft die Sünder. Wer will dem widersprechen? Drittens: Gott segnet die Gerechten. Ja, das glaubt jeder, das glaubt auch Hiob. Aber sie wollen damit sagen: Gott ist gerecht, und wenn er straft, dann straft er nur jemanden, der es seiner Sünde wegen verdient hat. Also ist das, was Hiob befällt, Gottes gerechte Strafe seiner Sünde wegen. Und mit ihren Worten erpressen sie Hiob sehr.
Wir müssen versuchen, uns in die Lage Hiobs zu versetzen. Lesen wir ein Wort aus Kapitel 4, aus der Rede des Eliphas:
Kapitel 4: Eliphas, der Temaniter, antwortete und sprach: Wenn man ein Wort an dich versucht, wird es dich verdriessen; doch die Worte zurückzuhalten, wer vermöchte es? Siehe, du hast viele unterwiesen, und schlaff gewordene Hände gestärkt. Den Strauchelnden richteten deine Worte auf, und sinkende Knie hast du befestigt. Doch nun kommt es an dich, und es verdriest dich; es erreicht dich, und du bist bestürzt.
Ist nicht deine Gottesfurcht deine Zuversicht? Das ist schon eine erste rhetorische Frage, die die Behauptung des Eliphas vorbereitet. Er will damit also schon sagen: Mit einer Gottesfurcht ist es nicht so weit her. Hiob ist gar nicht so sehr von Gottesfurcht geprägt, wie man hätte meinen können, wenn man seine Worte hört.
Und dann, Vers 7: Gedenke doch, wer ist als Unschuldiger umgekommen? Wo sind Rechtschaffene vertilgt worden? Und hier wird deutlich, was Eliphas damit sagen will: Du wirst geschlagen, du bist dran, vertilgt zu werden, weil du kein Rechtschaffener und kein Unschuldiger bist.
Und dann, Verse 17 bis 20: Sollte ein Mensch gerechter sein als Gott? Also nimmt er gewissermaßen Hiobs mögliches Argument schon vorweg. Aber halt, Hiob: Behaupte nicht deine Gerechtigkeit. Willst du gerechter sein als Gott? Masse dir doch so etwas nicht an. Sollte ein Mensch gerechter sein als Gott oder ein Mann reiner als der, der ihn gemacht hat?
Man kann mit Wahrheiten über Gott und über den Menschen, wie es Eliphas und seine Freunde hier tun, jemanden auch erschlagen.

Wahrheiten, die falsch gebraucht werden

Nun, es könnte ja passieren, dass ich den Eindruck habe, mir fehlen zehn Franken in der Geldbörse oder zehn Mark. Und dann rechne ich mir schon aus: Aha, ich habe doch da gesehen, mein Sohn, der war da, und nachher kam er nach Hause und hatte so Sachen wie ein Heft in der Hand. Heute hatte er das Geld dafür, da hat er sich das besorgt. Und dann bin ich schon davon ausgegangen: Aha, er hat das Geld genommen.
Und dann wird mein Sohn krank, dann setze ich mich zu ihm ans Bett. Dann reden wir miteinander. Dann sage ich: Gott ist allwissend, Gott ist heilig, Gott richtet Sünde, Gott segnet Gehorsam. Und wenn wir unsere Sünde bekennen, vergibt uns Gott. Rückt das Geld heraus.
Ja, man kann jemanden mit lauter biblischen Wahrheiten erpressen, wenn man davon überzeugt ist, er hat es genommen. Und sie waren davon überzeugt: Hiob, du hast gesündigt. Gott ist gerecht. Der Mensch ist immer gegenüber Gott unrein. Willst du gerechter sein als Gott? Tue Buße, bekenne deine Sünde, und dann wird Gott dich wieder segnen. Das sagt er nämlich nachher in Kapitel 5.
Kapitel 5, Vers 8: „Ich jedoch würde Gott suchen.“ Das ist ja sonst ein guter Rat. Es ist doch ein guter Rat: Ich würde Gott suchen. Aber Eliphas will sagen: Suche Gott, bekenne deine Sünde, und dann geht es dir wieder gut. Das meint er mit „Gott suchen“.
Nun, wenn wir das bedenken, dann lösen sich einige Probleme, die wir vielleicht mit den Reden der Freunde Hiobs haben. Sie sagen ja sehr viel Gutes, sie sagen fast nur Richtiges, nicht immer Richtiges. Wir werden gleich noch ein Beispiel dafür sehen, wie sie Dinge sagen, die nicht stimmen. Aber sie sagen fast nur Richtiges, und doch ist das, was sie sagen, verkehrt. Doch sagen sie Verkehrtes damit aus.
Zwei Beispiele, welche das sehr schön demonstrieren: Hiob 5,12-13. Hier sagt Eliphas über Gottes Handeln: „Der die Anschläge der Listigen zunichte macht, sodass ihre Hände den Plan nicht ausführen, der die Weisen erhascht in ihrer List und der verschmitzte Rat überstürzt sich.“ Das kommt uns bekannt vor aus dem Neuen Testament. Paulus zitiert das im Neuen Testament und sagt: „Wie geschrieben steht“ – er zitiert es also als eine göttliche Wahrheit. 1. Korinther 3,19.
 1. Korinther 3,19: Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott; denn es steht geschrieben: „Der die Weisen erhascht in ihrer List.“
Und hier zitiert er niemanden anders als Eliphas, den Themaniter. Das ist also wahr. Nur: Was will Eliphas damit sagen? Er will damit sagen: Hier, du kannst noch so listig sein und dich herauszureden suchen, es nützt nichts, Gott wird dich überführen.

Der Unterschied zwischen richtiger Lehre und rechter Anwendung

Und dann sagt Eliphas noch etwas, das später von Salomo zitiert wird und nachher vom Schreiber des Hebräerbriefes aufgegriffen wird, in Hiob 5,17: Siehe, glückselig der Mensch, den Gott straft oder den Gott zurechtweist; so verwirf nicht die Züchtigung des Allmächtigen.
Salomo zitiert es, oder wenn es nicht direkt ein Zitat ist, dann sagt Salomo doch fast wörtlich dasselbe in Sprüche 3,11: Mein Sohn, verwirf nicht die Unterweisung des Herrn und lass dich seine Zucht oder Züchtigung nicht verdrießen.
Und im Hebräerbrief lesen wir in Hebräer 12,4-5: Ihr habt noch nicht, wieder die Sünde ankämpfend, bis aufs Blut widerstanden und habt der Ermahnung vergessen, die zu euch spricht als zu Söhnen: Mein Sohn, achte nicht gering des Herrn Züchtigung und ermatte nicht, wenn du von ihm gestraft wirst.
Was ist aber der Unterschied? Es ist ein ganz großer Unterschied zwischen dem, was der Schreiber des Hebräerbriefes sagt, und dem, was Eliphas sagt.
Eliphas will doch Folgendes sagen: Hör mal hier, Gott schlägt dich, weil du gesündigt hast. Du hast aber eine Chance, das zu erkennen, bekenne es, kehre um, und nachher wird alles wieder gut werden. Also: Du hast gesündigt, darum schlägt dich Gott. Darum züchtigt er dich.
Was sagt der Schreiber des Hebräerbriefes? Ihr werdet gezüchtigt, weil ihr gesündigt habt? Nein, weil Gott euch liebt. Und weil er euch liebt, hat er auch ein großes Ziel für euch bestimmt. Ihr sollt seiner Heiligkeit teilhaftig werden, also ihm letztlich gleich werden. Das ist das Ziel, das Gott für seine Kinder bestimmt hat.
Nun, die Empfänger des Hebräerbriefes brauchten genau dieses Wort der Ermunterung, des Trostes und der Stärkung, denn sie litten viel. Sie erlitten manches von ihren jüdischen Freunden, von jüdischen Verwandten, die noch an der Religion der Väter festhielten, sie aber hatten zum Glauben an Jesus von Nazareth als den Messias gefunden. Und dann haben ihnen ihre Brüder hart zugesetzt.
Sie haben erlebt, wie diesen hebräischen Christen ihre Güter geraubt wurden; es steht in Hebräer 10, den Raub ihrer Güter haben sie hingenommen. Sie haben manches erlitten. Und dann kamen die Juden und sagten: Seht ihr, das ist Gottes Strafe, weil ihr dieses große Übel begangen habt und den Glauben der Väter verraten habt und jetzt diesem selbsternannten Messias nachlauft.
Und ihnen schreibt nun der Schreiber des Hebräerbriefes: Nein, nicht weil ihr gesündigt habt, erleidet ihr solches, sondern das ist ein Beweis dafür, dass Gott euch liebt, dass ihr seine Kinder seid. Er will also damit genau das Gegenteil sagen von dem, was Eliphas sagen will.
Wir merken aus den Reden Elifas und aus den Reden seiner Freunde, dass es nicht nur darauf ankommt, was man sagt, sondern es kommt auch darauf an, wem man es sagt und mit welcher Absicht man es sagt.
Zwei Stellen dazu aus dem Buch der Sprüche: Sprüche 15,23. Da steht: Ein Wort zu seiner Zeit, wie gut ist ein Wort zu seiner Zeit. Und noch eindringlicher, mit einem schönen Vergleich, Sprüche 25,11: Goldene Äpfel in silbernen Prunkgeräten, so ist ein Wort geredet zu seiner Zeit.
Ein Wort zu seiner Zeit, ein Wort, das genau passt, wie goldene Äpfel in einer silbernen Fassung, genau aufeinander abgestimmt.

Wenn gute Sätze zerstörerisch werden

Nun, was erreichen die Freunde Hiobs mit ihrer Voraussetzung, die sie sehr gut und eindringlich vorbringen, Hiob habe gesündigt, Gott strafe ihn, und er müsse Buße tun, sonst werde er in seiner Sünde untergehen? Sie erreichen damit nur, dass Hiob seinerseits sich immer mehr auf seine Position versteifen muss.
Er kann ihnen ja nicht Recht geben. Er kann ja nicht sagen: Es stimmt, ich habe gesündigt, nur damit seine Freunde ihn in Ruhe lassen oder damit sie denken, er sei doch kein Heuchler. Sie halten ihn für einen Heuchler. Ja, was soll er tun? Soll er sagen: Ich bin ein Heuchler? Dann ist er reiner, wenn er es sagt. Und so muss er darauf bestehen: Ich habe nicht gesündigt. Und er hat Recht. Gott selbst sagt, wir haben das gestern Abend gesehen in Kapitel 2, dass er ohne Ursache angegriffen worden ist.
Nun, je deutlicher Hiob seine Gerechtigkeit in dieser Frage, also seine Schuldlosigkeit an seiner Not, beteuert, umso stärker und umso heftiger verurteilen ihn seine Freunde. Und das führt dann dazu, dass Hiob sich anstacheln lässt und hinreißen lässt zu Worten, wo er weit über das hinausgeht, was er sonst wahrscheinlich gesagt hätte. Also dass er dann Dinge sagt wie: Gott hat mir mein Recht gebeugt, sagt er dann sogar. Er sagt dann Dinge, für die er sich nachher schämen wird und wo er seine Hand an den Mund legen wird und bekennen muss, dass er über Gott geredet hat in einer Weise, wie man nicht darf.
Ja, so haben also seine Freunde, die ihm helfen wollten, ihn nur noch mehr in die Finsternis gestoßen, ihn gequält statt ihn getröstet. Und daraus wollen wir auch lernen, dass wir wirklich Gottes Hilfe, Gottes Befähigung nötig haben, um mit dem rechten Wort zur rechten Zeit wirklich helfen zu können. Es genügt nicht, ganz einfach die richtigen Lehrsätze parat zu haben. Es genügt nicht.
Nun, wir können zwar, was die Freunde betrifft, sagen: Ja, sie konnten ja nicht wissen, dass Hiob unschuldig war. Das stimmt, das konnten sie nicht wissen, dass es wirklich so war. Wir wissen es, weil wir ja in Hiob Kapitel 1 und 2 gelesen haben, dass er gerecht ist und kein Heuchler ist. Und dass Gott ihn ohne Ursache angegriffen hat, das wussten seine Freunde nicht. Und das können wir ihnen auch nicht zum Vorwurf machen, dass sie es nicht wussten. Sie konnten es nicht wissen.
Aber das müssen wir ihnen zum Vorwurf machen, dass sie behaupteten, zu wissen, was sie nicht wissen konnten. Sie konnten überhaupt nicht wissen, ob Hiob im Verborgenen gesündigt hat. Sie hatten ja nichts gesehen, sie wussten wirklich nichts. Und es ist ganz einfach verboten, jemandem etwas zu unterstellen, was man nicht weiß. Das ist so verboten wie Diebstahl und Ehebruch. Genauso verboten. Und das ist doch ein Verbot, das wir sehr häufig übertreten.
Wenn man gegen Verbotstafeln fährt, dann gibt es ganz sicher eine Kollision. Man hört ja immer wieder von Geisterfahrern, die fahren ja auch gegen ein Verbotsschild, merken es nicht, fahren dann gegen den Verkehr. Es ist eine Frage der Zeit, wann es eine Kollision gibt. Es gab eine Kollision zwischen Hiob und seinen Freunden, weil seine Freunde auf einem verbotenen Weg eingeschwenkt waren. Es war einfach ein verbotener Weg. Zitat: verboten.
Und daher bewahrt uns davor das Neue Testament. Es sagt uns wiederholt, dass es nicht unsere Sache ist, den Bruder zu richten, das heißt, seine ganze Person, sein Wesen und sein Herz. Das tut Gott. Wir können Taten richten. Wenn wir sehen und hören, wie jemand etwas Verkehrtes tut und sagt, dann können wir sagen: Das dürfen wir nicht tun, das ist nicht in Ordnung. Aber wir dürfen nicht das Herz eines Menschen lesen wollen, das Verborgene eines Menschen lesen und deuten wollen. Das hat uns der Herr verboten. Er hat uns in Matthäus Kapitel 7 gesagt: Richtet nicht. Das meint er genau da. Matthäus 7,1. Und im Jakobusbrief, dort sagt Jakobus in Jakobus 4,11: Redet nicht wieder ein anderer Brüder, wie er wieder seinen Bruder redet oder seinen Bruder richtet, also seine ganze Person einstuft. Er redet wieder das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der zu retten und zu verderben vermag. Du aber, wer bist du, der du den Nächsten richtest?

Der Weg zur rechten Rede

Wir werden dann heute Abend sehen, wie Elihu sich an diese Weisung hält und nur das dem Hiob vorhält, was er gehört hat. Er unterstellt Hiob nichts. Sondern er sagt nur: Hiob, du hast das gesagt, du hast das gesagt, du hast das gesagt, und so darf man nicht reden, das ist verkehrt, was du sagst. Und darum kann Elihu dem Hiob auch wirklich helfen.
Die Freunde Hiobs hätten Ursache gehabt, Hiob zu tragen. Sie hätten ihm sagen können: Du, Hiob, wir verstehen deinen Schmerz, und wir verstehen, dass du in deiner Seele voller Not, Schmerz und Bitterkeit bist. Aber so darf man nicht reden, wie du vorhin redest: den Tag deiner Geburt verwünschen und sich so gegen Gott auflehnen. Hiob macht das nicht. Aber genau das haben sie nicht getan, sondern sie haben daraus geschlossen, dass hinter allem, was Hiob sagt, etwas steckt. Aha, Hiob hat Sünde im Leben. Und darum musste alles Folgende zu dem führen, was wir dann sehen: dass sie aneinandergeraten. Es gibt eine Kollision, und sie können einander nachher am Schluss nichts mehr sagen. Alle hören auf, sie reden nicht mehr miteinander.
Nun noch zu den Reden Hiobs einige Beobachtungen, und dann schließe ich. Ich will auf Kapitel 6 mit ein, zwei Sätzen verweisen. Hiob 6,2-3: O dass mein Kummer doch gewogen würde und man mein Missgeschick auf die Waagschale legte allzumal! Denn dann würde es schwerer sein als der Sand der Meere. Darum sind unbesonnen meine Worte.
Also hier hat er selber Unbehagen dabei. Er merkt: Eigentlich habe ich unbesonnen geredet. Und er versucht das jetzt seinen Freunden zu sagen: Meine Not ist so groß, und darum habe ich so gerufen. Legt doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Aber seine Freunde gehen überhaupt nicht darauf ein. Sie sind einfach in ihrer Überzeugung jetzt fest: Hiob hat gesündigt, wir müssen ihn jetzt einer Sünde überführen.
Und natürlich entschuldigt die Not Hiobs nicht seine Worte, aber die Not Hiobs erklärt solche Worte. Und da wäre eine Möglichkeit gewesen, dass sie auf Hiob gehört hätten und ihm da versucht hätten zu helfen. Aber diese Gelegenheit versäumen sie.
Nun, Hiob muss dann das tun, was er tut, oder meint, er müsse es tun: seinen Standpunkt behaupten. Und er kann tatsächlich seine Freunde widerlegen. Ich kann jetzt die Belege nicht anführen, dass es einfach nicht stimmt, dass nur die Gottlosen gestraft werden und dass die Gerechten ein langes und sorgloses Leben haben, und dass es oft umgekehrt ist.
Und lasst uns jetzt diesen Vers noch beachten, weil ich vorhin sagte, die Freunde Hiobs sagten auch einige Dinge, die verkehrt waren. Hiob 4: Hier stellt Eliphas diese rhetorische Frage: Hiob 4,7: Gedenke doch, wer ist als Unschuldiger umgekommen? Wo sind Rechtschaffene vertilgt worden? Ja, wir kennen einen, der als Unschuldiger umkam und als Gerechter vertilgt wurde. Aber! Und es sind später manche als Rechtschaffene und Unschuldige, ja gerade weil sie Rechtschaffene waren, vertilgt worden. Propheten sind gesteinigt worden, weil sie Propheten waren. Und in der Fülle der Zeit wurde der Gerechte von den Menschen umgebracht, weil er der Gerechte war. Also hier hat Eliphas offensichtlich eine ganz falsche Rechnung gemacht.
Die Freunde Hiobs gehen davon aus, dass das Ergehen eines Menschen, die Not eines Menschen, direkt proportional ist zu seiner Sünde. Und das ist einfach verkehrt. Das wird so sein, oder wäre so, regierte der Messias auf der Erde, regierte Gott direkt diese Erde. Aber er tut es nicht. Er regiert diese Erde vom Himmel her, indirekt gewissermaßen. Durch seine Vorsehung lässt er das Böse noch gewähren, das Böse ausreifen. Und in einer Welt, wo das Böse neben Gott und seinen Wegen hergeht, stimmt diese Rechnung einfach überhaupt nicht.
Salomo sagt im Buch Prediger, und hier widerlegt er die These von Eliphas und seinen Freunden, dass die Gottlosen oft und wiederholt sündigen und lange leben. Und weil Gott sie nicht alsbald richtet, deswegen verhärten sie ihre Herzen gegen Gott. Prediger 8,11: Weil das Urteil über böse Taten nicht schnell vollzogen wird, darum ist das Herz der Menschenkinder in ihnen voll böse Zutaten. Es wird nicht schnell vollzogen.
Also so viel nur zur Widerlegung dieser These von Eliphas. Hiob widerlegt sie mit anderen Worten, und wir müssen sagen: Das Wort Gottes gibt Hiob recht.

Hiobs Blick auf Weisheit, Glück und Not

Und dann sehen wir, dass Hiob wirklich Erkenntnis über Gottes Wege hat. In Kapitel 26 beginnt Hiobs langer Monolog, und dieser geht bis Kapitel 31. Hier beweist Hiob wirklich Erkenntnis über Gottes Wege. Wir sehen: Hier war ein Mann, der von Gott selbst gelehrt worden war.
In Kapitel 28 können wir nicht auf Einzelheiten eingehen. Aber dort gibt Hiob eigentlich einen Hinweis. Er zeigt mit dem Finger darauf, wo die Lösung wäre. Denn in diesem Kapitel 28 redet er von der Weisheit. Warum redet Hiob in diesem Monolog plötzlich ein ganzes Kapitel lang von der Weisheit? Offensichtlich, weil er damit sagen will: Wir alle müssten doch viel größere Weisheit haben, um unser Ergehen, mein Ergehen, zu verstehen.
Die Menschen können so vieles, sagt er in Kapitel 28. Sie durchwühlen die Berge, treiben Stollen durchs Gestein, holen Verborgenes ans Licht hervor, das nicht einmal das Auge eines Adlers gesehen hat, und dringen dahin vor, wo nicht einmal der Löwe vordringen kann. All das kann der Mensch. Aber wo ist die Weisheit? Bei all seinem technischen und anderweitigen Können hat er nicht die Weisheit, um diese Probleme seines Lebens zu erklären. Hiob 28,12: Wo ist die Weisheit?
Dann umschreibt er sehr schön, dass der Mensch sie nicht zu finden weiß und auch, wie wertvoll sie ist. Sie ist wertvoller als aller Besitz. Und dann sagt er in Vers 28, und hier hätte er eigentlich den Schlüssel in der Hand, um für seine brennende und von Bitterkeit gesättigte Seele Linderung zu finden: Hiob 28,28. Und zum Menschen sprach Gott: Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit. Gott kennt den Ort der Weisheit, Gott ist der, der die Weisheit hat. Und dann sagt er eben: Die Furcht des Herrn, das wäre Weisheit.
Ja, Hiob hat den Schlüssel in der Hand, aber er kann den Schlüssel nicht ins Schloss stecken und umdrehen. Er kann diese Wahrheit nicht auf sich anwenden. Und ist das nicht oft genau unser Problem? Wir wissen es zwar, aber wir können es nicht auf uns anwenden.
Und so redet Hiob dann in Kapitel 29, 30 und 31. Zuerst redet er von seinem vergangenen Glück, von seinem verflossenen Glück, Kapitel 29. Dann in Kapitel 30 von seiner gegenwärtigen Not. Und dann in Kapitel 31 beteuert er noch einmal in eindringlichen Worten seine Unschuld.
Wir haben hier drei Bilder nebeneinander. Drei Bilder, man nennt das auf Griechisch ein Triptychon. Man kann das so zusammenklappen, links und rechts übereinanderklappen, dann gibt es so etwas wie ein Buch. Wenn man es auseinanderfaltet, hat man drei Bilder vor sich. Das Bild links: Hiobs verflossenes Glück. Und die Schilderung seines Glücks ist wirklich bewegend. Er bekennt, dass er all sein Glück Gott verdankte. Und er wäre ein Mann, der sein Glück nicht schmählich für sich beanspruchte und verprasste, sondern der ein weites Herz hatte für Notleidende. Er beschreibt in wirklich schönen, bewegenden Worten sein Glück und bekennt, dass er alles seinem Gott verdankt.
Und dann Kapitel 30: sein gegenwärtiges Unglück. Was für ein krasser Gegensatz! Hier sein Glück, da sein Unglück. Hier der helle Mittag, da die finstere Nacht. Und wenn man diese beiden nebeneinander hält und noch das dritte Bild dazu betrachtet, dann sieht man: Hier beschreibt Hiob, hier beteuert er seine Unschuld. Er sagt das immer wieder: Wenn ich das und das gemacht habe, dann möge das und das über mich kommen. So in Hiob 31,9: Wenn mein Herz zu einem Weibe verlockt worden ist, dann möge mein Weib für einen anderen mahlen. Vers 13: Wenn ich das Recht meines Knechtes oder meiner Magd missachtet habe, ja, dann möge das Unglück mich ereilen, usw. So zählt er auf und kann in all diesen Bereichen seine Unschuld beteuern.
Und da sitzt dieser Hiob, und er weiß auf seine Frage keine Antwort. Eben noch hat er von der Gottesfurcht gesprochen: Wenn er Gott fürchtete, dann würde er diese Weisheit bekommen. Aber er kann das nicht auf sich anwenden. Und so sitzt er noch da, in sich gekrümmt und in sich verwundet. Bis Elihu kommt, von Gott gesandt. Und dieser Elihu kann Hiob dann dahin bringen, dass er endlich Gottes Stimme hören kann. Das bringt erst die Wende.