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Habt acht aufeinander!

Gemeinde-Seelsorge praktisch, Teil 6/6
01.08.2012Galater 6,1-2
SERIE - Teil 6 / 6Gemeinde-Seelsorge praktisch

Einführung in das Thema Seelsorge

Ja, schon ist die letzte Einheit da. Lasst uns aufeinander Acht haben, habt Acht aufeinander – endlich das Thema, das eigentlich darübersteht. Und ihr wisst, womit wir anfangen? Richtig, Hebräer 10,24-25:

Lasst uns aufeinander achten und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen. Wir wollen uns gegenseitig ermutigen, und das umso mehr, je näher ihr den Tag heranrücken seht, an dem unser Herr kommt.

Ich möchte zu Beginn zwei Verse vor uns stellen, und zwar noch einmal Hebräer 10, diesmal nach der Elberfelder Übersetzung. Eben war es die Neue:

Lasst uns aufeinander Acht haben, um uns zur Liebe und zu guten Werken anzureizen, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte ist, sondern einander ermuntern – und das umso mehr, je mehr ihr den Tag herannähert.

Und aus Galater 6,1-2:

Wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt wird, so bringt ihr, die Geistlichen, einen solchen dem Geist der Sanftmut wieder zurecht. Und dabei gib auf dich selbst Acht, dass nicht auch du versucht wirst. Einer trage des anderen Lasten, und so werdet ihr das Gesetz des Christus erfüllen.

Ich möchte heute Morgen ein paar grundlegende Dinge zum Thema Seelsorge sagen. Das bedeutet nicht, dass ihr nach dieser einen knappen Stunde bis zum Mittagessen zu Experten für Seelsorge geworden seid. Ihr bekommt also kein Diplom hinterher, und auch keine Armbinde „gemeindlich geprüfter Seelsorger“. Es soll einfach eine Anregung sein, sich weiter damit zu beschäftigen.

Ich habe Seelsorge einmal so definiert: Seelsorge ist das Bemühen, die menschliche Seele in die richtige Verbindung zu Gott zu bringen und von allen anderen Bindungen zu lösen.

Warum brauchen Menschen Seelsorge?

Vielleicht fragst du dich, warum Menschen überhaupt Seelsorge brauchen. Hat Gott uns nicht wunderbar geschaffen? Im ersten Buch Mose, als Gott den Menschen erschuf, heißt es: „Siehe, es war sehr gut.“ Das steht sonst über kein anderes Lebewesen oder eine andere Schöpfung. Der Mensch war sehr gut geschaffen.

Dass wir sehr gut geschaffen sind, merken wir spätestens, wenn wir krank werden. Man nimmt vieles selbstverständlich hin, doch sobald man einen Schnupfen hat, leidet nicht nur man selbst, sondern auch die Umgebung. Warum brauchen wir also Menschenseelsorge, wenn Gott uns sehr gut geschaffen hat? Gab es da einen Produktionsfehler? Oder sind wir vielleicht so ein Montagswerkstück, das nicht ganz perfekt ist?

Vor einiger Zeit habe ich einen interessanten Artikel im Stern gelesen. Normalerweise lese ich diese Zeitschrift nicht, höchstens im Wartezimmer beim Arzt. Christoph Haase, der übrigens auch an dem Buch von Samuel Koch mitgearbeitet hat, schrieb damals einen langen Leitartikel über Psychotherapie im Stern. Er schrieb: „Schlechte Therapie kann aus einem hilfesuchenden Menschen binnen weniger Wochen einen Psychokrüppel machen.“ Und das ist tatsächlich wahr.

Christoph Haase ging in diesem Artikel sehr hart mit der Psychotherapie ins Gericht. Er deckte Fehler und Unzulänglichkeiten auf. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation – ich habe die Daten hauptsächlich für die Bundesrepublik – leidet jeder vierte Patient an psychischen Störungen. Jeder zehnte nimmt Psychotherapie in Anspruch. In Deutschland gibt es 300.000 Kinder und Jugendliche mit psychischen Schäden.

Es gibt in Deutschland 20.000 Therapeuten, die über 600 Therapieformen anbieten. Gerade unter den Therapeuten selbst herrscht Streit über die Richtigkeit der Methoden. Die Frage ist: Woher kommt es, dass wir Menschen Seelsorge brauchen? Und warum nehmen Menschen, besonders in den Industrieländern, die nicht an Gott glauben, Psychotherapie in Anspruch?

Dieses Problem findet sich vor allem in Deutschland und Nordamerika, also in den Industriestaaten. Ich habe gelesen, dass nach dem Kosovo-Krieg Deutschland hundert Psychotherapeuten ins ehemalige Kriegsgebiet schickte. Nach einem Jahr kamen sie unverrichteter Dinge zurück und mussten sagen, dass die Menschen ohne ihre Hilfe besser zurückkamen. Das war natürlich nur eine kleine Notiz auf der dritten Seite der Zeitung.

Biblische Perspektive auf Seelsorge

Was sagt die Bibel zur Seelsorge? Wenn man in Konkordanzen oder Bibelprogrammen nach dem Begriff „Seelsorge“ sucht, findet man nichts. Das Wort „Seelsorge“ kommt so in der Bibel nicht vor. Die Sache selbst, also das, was wir heute unter Seelsorge verstehen, wird in der Bibel mit anderen Begriffen und Bildern beschrieben.

Wir haben das bereits kurz angeschnitten: Jesus gibt Petrus in Johannes 21 den Auftrag: „Hüte meine Schafe, weide meine Lämmer.“ Heute würden wir das als Seelsorge bezeichnen. Es ist erstaunlich, wie Jesus Petrus dadurch verändert hat. Petrus war jemand, der sein Herz auf der Zunge trug und oft schneller sprach, als er dachte. Ähnlich war es bei seinen Verwandten, wahrscheinlich Cousins, Johannes und Jakobus. Jesus gab ihnen sogar einen Spitznamen: „Donnersöhne“.

Eine Begebenheit zeigt das deutlich: Als sie durch Samaria zogen und dort kein Quartier fanden, forderten Johannes und Jakobus Jesus auf: „Herr, zeig mal, was du kannst. Lass Feuer vom Himmel fallen!“ Sie wollten also richtig Action sehen. Jesus antwortete ihnen: „Ihr wisst nicht, welchen Geist ihr habt, Donnersöhne.“ Sie waren also nicht sehr zartfühlig, sondern direkt und energisch im Umgang miteinander.

Nebenbei bemerkt: Wenn Jesus sie „Donnersöhne“ nennt, bedeutet das, dass sie den Charakter ihres Vaters geerbt hatten. Sonst hätte er wohl gesagt „Ihr seid ein Gewitter.“ Aber er sagt „Ihr seid Donnersöhne“, was darauf hindeutet, dass auch der Vater einen kräftigen Charakter hatte. Der Vater hatte eine Frau namens Salome, was „die Friedliche“ bedeutet. Gegensätze ziehen sich an. Das beobachte ich auch oft in Gemeinden. Es gibt aber auch das Gegenteil.

Jesus sagt zu Petrus: „Hüte die Schafe.“ Das ist Seelsorge. Oder denken wir an das Beispiel des barmherzigen Samariters. Dieser sammelt den unter Räubern Gefallenen auf, setzt ihn auf seinen Esel und bringt ihn in eine Herberge. Dort sagt er zum Wirt: „Trag Sorge für ihn.“ Das ist im Grunde das, was wir heute als Gefährdetenhilfe verstehen. Wir sind eine Art Herberge, in der Menschen abgegeben werden mit der Bitte: „Kümmere dich um ihn.“

Paulus selbst sagt, dass er Sorge um die Gemeinden hat. Einerseits sollen wir alle unsere Sorgen auf Jesus werfen, andererseits dürfen und sollen wir selbst Sorge tragen. Paulus hatte Sorge um die Gemeinden, und ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt der Seelsorge: das Kümmern nicht nur um den Einzelnen, sondern auch um ganze Gemeinden.

Unter dem Begriff Seelsorge kann man auch Worte wie Ermahnung und Zuspruch verstehen. Interessanterweise bin ich weder Grieche noch Hebräer, sondern habe das nur gelesen. Im Griechischen ist das Wort für Ermunterung dasselbe wie für Ermahnung. Im Deutschen denken wir bei Ermunterung an etwas Sanftes, etwa „Ach, du armer schwarzer Kater“, und bei Ermahnung an etwas Strenges, wie „Wehe, wenn du das nicht tust!“ Aber im Griechischen wird offenbar dasselbe Wort für beides verwendet.

Die Folgen des Sündenfalls für den Menschen

Zurück zu der Frage: Hat Gott den Menschen nicht sehr gut geschaffen? Immerhin hatte er ihn ja zur Gemeinschaft und Harmonie mit Gott geschaffen.

Wenn ich ein Eheseminar halte, frage ich gerne: Hättet ihr gerne mit Adam und Eva getauscht? Das ist eine sehr gute Frage. Also, vorher oder nachher? Warum vorher? Was war damals schöner als bei uns? Sie hatten ungetrübte Gemeinschaft mit Gott, obwohl sie keinen Aldi, keinen Lidl, kein Handy, keinen iPod, kein iPad und kein iPhone hatten. Aber sie hatten Gemeinschaft mit Gott.

Das kannst du heute auch haben, oder? Und das ist die Zielbestimmung Gottes. Er möchte Gemeinschaft mit dir und mir haben. Doch du merkst, da hapert etwas in dieser Beziehung.

Gott hatte den Menschen in seinem Bild geschaffen. Auch das habe ich in diesen Tagen schon erwähnt: die Dreieinheit Gottes und die Dreieinheit des Menschen. Das bedeutet, wenn wir das biblische Menschenbild betrachten, dass du aus Geist, Seele und Leib bestehst. Das müssen wir auch bei der Seelsorge berücksichtigen.

Jeder weiß: Der Stress im Beruf kann dir Bauchschmerzen bereiten. Seelische Belastung kann also auch körperliche Folgen haben. Und umgekehrt können körperliche Krankheiten zu Depressionen führen. Wir merken, die drei Bereiche hängen zusammen. Du kannst sie nicht einfach trennen.

Wenn wir über Seelsorge nachdenken, müssen wir das immer im Blick haben. Fachleute sprechen dann von kognitiv – also alle Bereiche des Menschseins eingeschlossen.

Wir wissen, Gott hatte den Menschen sehr gut geschaffen. Aber der Sündenfall veränderte den Menschen total. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir so sind, wie wir sind. Doch Gott hatte den Menschen anders geschaffen.

Der Sündenfall des Menschen hatte Auswirkungen auf Geist, Seele und Leib. Adam und Eva hatten nach dem Sündenfall nicht mehr die Beziehung zu Gott, wie sie vorher hatten. Vorher waren sie in ungetrübter Gemeinschaft. Danach haben sie sich versteckt. Sie konnten im Grunde die Heiligkeit Gottes nicht mehr ertragen.

Ihre Seele war geschädigt, ihre Gefühle völlig anders als zuvor. Plötzlich schämten sie sich, und ihr Leib war anders. Sie brauchten Bedeckung, was vorher nicht nötig war. Das heißt, der Mensch fiel aus der Gemeinschaft mit Gott, aus der Harmonie.

Paulus schreibt in Römer 8, dass Geist, Seele und Leib auf die Erlösung Gottes warten. Aus dem Sündenfall folgt die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen.

Wir haben heute für uns Menschen eine völlig andere Grundvoraussetzung als damals Adam und Eva nach der Erschaffung. Obwohl Gott den Menschen damals sehr gut geschaffen hat, sind wir lädiert. Ich glaube, das muss uns deutlich werden.

Das wäre so, als wenn ein neuer Computer gleich mit Viren geliefert würde. Wir sind nicht clean, sondern wir haben den Bazillus der Sünde in uns.

Der Mensch sündigt nicht, weil er sündige Taten tut, sondern er ist ein Sünder, darum sündigt er. Ich werde also nicht durch meine sündigen Taten zum Sünder, sondern ich bin ein Sünder und deswegen sündige ich.

Das muss uns bewusst sein, auch bei der Seelsorge. Seelsorge ist – nochmals zur Erinnerung – das Bemühen, die menschliche Seele wieder in die richtige Verbindung zu Gott zurückzubringen. Praktisch bedeutet das, den ursprünglichen Gedanken Gottes wiederherzustellen.

Dann wird deutlich: Das kann kein Psychotherapeut leisten. Er kann die Verbindung zu Gott nicht herstellen.

Die Rolle Gottes in der Seelsorge

Gott sorgt sich um unsere Seelen. Diejenigen, die damals den Seenotrufdienst eingerichtet haben, nutzten die Morsezeichen „Bit bit bit…“ als Signal. Sie verstanden zumindest ein bisschen davon: „Save our souls“ – rette unsere Seelen.

Wenn heute ein Seenotruf erfunden würde, würde er wahrscheinlich „sob“ heißen, was für „save our bodies“ steht – rette unsere Körper. Doch das Wichtigste ist, dass unsere Seele in Ordnung kommt. Das hat auch Auswirkungen auf unseren Geist und unser Leiden.

Gott gab dem Menschen nach dem Sündenfall bereits in 1. Mose 3,15 die Verheißung auf Erlösung. Dort heißt es, dass der Nachkomme der Frau, der Same der Frau, der Schlange den Kopf zertreten wird. Damit macht Gott deutlich: Seelsorge führt immer über das Kreuz. Wenn ein Mensch zu Gott zurückfinden will, muss er den Weg über das Kreuz gehen – über den, der den Feind besiegt hat.

Gott vergibt dem Sünder, wie es in 1. Johannes 1,9 heißt: Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns von aller Ungerechtigkeit reinigt. Auf der anderen Seite heilt er auch verletzte Seelen.

Mit dem Ausdruck „verletzte Seele“ habe ich persönlich immer etwas Schwierigkeiten, denn dieser Begriff kommt in der Bibel nicht vor, wird aber heute von fast allen Christen gebraucht. Verletzte Seelen sind ein Begriff, der erst seit Sigmund Freud existiert. Er stammt aus der Psychotherapie und ist in der Bibel so nicht zu finden.

Wenn wir in der Bibel nachschauen, sehen wir, dass es viele Menschen gab, die heute ideale Fälle für Psychotherapeuten wären. Nehmen wir zum Beispiel Isaak: Man muss sich nur vorstellen, dass sein Vater mit einem Messer über ihm stand. Heute würden wir sagen, Isaak hat ein Lebenstrauma. Anschließend wäre er doch reif für die Psychiatrie.

Doch warum wird Isaak nicht irre? Warum erlebt er diese Situation ohne Schaden? Was hat er bei diesem Opfergang gelernt? Er hat gelernt: Mein Vater liebt mich, aber er liebt Gott viel mehr. Ich glaube, es ist wichtig, dass unsere Kinder das ebenfalls begreifen. Wir lieben unsere Kinder, aber wir lieben Gott noch mehr.

Es ist entscheidend, deutlich zu machen, dass das Wichtigste auf der Erde ist, Gott mit ganzem Herzen zu lieben – das ist der ganze Mensch. Es nützt also nichts, deine Kinder nur zu lieben. Sie müssen verstehen, dass die Liebe zu Gott sie trägt. Das sehen wir bei Isaak, und das bewahrt vor psychischen Schäden.

Jakobus sagt außerdem, dass Gott uns aufrichten wird, wenn wir uns gegenseitig unsere Sünden bekennen. Dann wird er uns heilen. Das bedeutet nicht, dass Seelsorge nach dem Wortlaut jede Krankheit heilt. Das ist nicht das Ziel von Seelsorge.

Das Ziel von Seelsorge ist nicht, dass alle Menschen gesund und fröhlich sind. Das sind die Irrlehren der heutigen Zeit, die behaupten: „Du musst nur genug glauben, dann bist du immer gesund.“ Das ist Quatsch. Wichtig ist, dass durch mein Leben Gott geehrt wird.

Hätte Jesus gewollt, dass es allen Menschen gut geht, hätte er ein Krankenhaus eröffnet. Dort hätte er vielleicht ein Fließband eingerichtet, an dem alle kranken Israeliten vorbeigeführt worden wären, und er hätte nur die Hände darüber gehalten. Das hätte er machen können.

Aber Jesus hat nicht alle geheilt. Selbst Paulus war krank, obwohl er Lukas als Arzt dabei hatte. Paulus hat gebetet und zu Jesus gesagt: „Komm, begnüge dich.“

Wir merken: Nicht Gesundheit ist für Gott das Wichtigste, sondern dass dein Herz gesund ist.

Persönliche Erfahrungen mit Seelsorge und Krankheit

Und das habt ihr sicherlich auch schon erlebt: Es gibt Kranke, die besucht man, und dabei wird man selbst getröstet.

Ich hatte gerade mein Studium beendet. In unserem Semester gab es ein Mädchen, das alle Chancen hatte, Karriere zu machen. Ein halbes Jahr nach dem Studium verunglückte sie schwer. Sie lag sechs Wochen im Koma, völlig verstümmelt. Die Ärzte versuchten, sie wieder zusammenzubasteln – nach Fotos, Gesichtschirurgie und so weiter. Sie lebte noch zehn Jahre, musste aber immer in abgedunkelten Räumen leben und hatte epileptische Anfälle.

Wir haben sie damals besucht. Man ging eigentlich mit Bauchschmerzen hin und dachte: Was soll man als Gesunder einem Menschen sagen, der keine Aussicht hat, wieder gesund zu werden? An bestimmten Punkten kamen wir nicht weiter. Wir haben ihr das Evangelium gesagt. Schon vorher hatte ich während des Studiums mit ihr darüber gesprochen. Sie war bei Evangelisationen dabei gewesen und kannte den Weg. Aber man hat den Eindruck, der eigene Mund ist verschlossen. Was will man als Gesunder einem Kranken sagen? Man kann nicht einfach sagen: "Ach Herr, der Herr macht’s schon."

Dann habe ich meinen Vater hingeschickt. Sie wusste, dass mein Vater krank war, und bei ihm ist sie zum Glauben gekommen. Das hat ihr Leben total verändert. Sie ist nicht gesund geworden, die Krankheit hat sich nicht verbessert, aber alle in der Verwandtschaft sagten: Wer zu ihr ins Zimmer kommt, wird getröstet. Sie selbst sagte: "Ich bin dankbar für den Unfall, sonst wäre ich nicht zum Glauben gekommen."

Später bat sie mich, bei ihrer Beerdigung die Ansprache zu halten. Das war meine erste Beerdigung, und ich hatte weiche Knie. Die gesamte Verwandtschaft war ungläubig. Die einzigen, von denen ich wusste, dass sie gläubig waren, waren meine Frau, eine Krankenschwester und die Großmutter. Sie sagte zu mir: "Eberhard, wenn du die Traueransprache hältst, dann sag den Leuten, ich freue mich, dass ich sterben darf, dass ich zu meinem Jesus gehe." Das war ein riesiges Zeugnis.

Man merkt manchmal: Eine Krankheit kann segensreicher sein als Gesundheit. Es geht nicht darum, wie es allgemein in der Welt ist: Hauptsache gesund. Das stimmt nicht. Ich glaube, wir Christen müssen das sehr wohl wissen. Das ist ja häufig so – geht mir selber auch so: Da ist jemand von den Geschwistern krank, und dann beten wir: "Herr Jesus, mach gesund, mach gesund, mach gesund." Weißt du, welche Wege Gott vorhat?

Mein Vater war viele Jahre krank, hatte dreizehn Operationen. Als er das letzte Mal operiert werden sollte, sagte er zu mir: "Eberhard, ich habe keine Lust mehr. Ich will nicht mehr ins Krankenhaus, ich will nicht mehr unters Messer." Einen Tag später besuchte ich ihn im Krankenhaus. Er sagte: "Jetzt weiß ich, warum ich hier bin." Er war auf das gleiche Zimmer gekommen, in dem er bei der letzten Operation auch war, und hatte den gleichen Zimmernachbarn wie damals. Unser Gespräch von damals war nicht zu Ende.

Merken wir: Gott gebraucht auch Krankheiten, um anderen zu helfen. Es geht nicht nur um uns, sondern auch um Seelsorge. Diesen Blick müssen wir lernen. Es geht nicht darum, dass es mir gut geht, sondern darum, dass es Gott in mir gut geht. Gott will, dass allen Menschen geholfen wird. Deswegen hilft er, deswegen hat er die Errettung geschaffen. Aber deswegen gibt er auch Seelsorge – die Möglichkeit, dass wir uns gegenseitig helfen.

In Galater 6, Vers 2 heißt es: "Einer trage des anderen Last." Das ist die gegenseitige Seelsorge, die gegenseitige Hilfe. Jeder in der Gemeinde ist verantwortlich, auch für die anderen in der Gemeinde, damit wir aufeinander Acht geben und uns gegenseitig helfen können. Manche nennen das "niederschwellige Seelsorge". Das klingt etwas abwertend, deswegen benutze ich diesen Ausdruck nicht gern. Es ist im Grunde die Grundlage von Seelsorge in der Gemeinde. Dass wir nicht ich-bezogen sind. Leider gibt es heute viele Christen, die in die Gemeinde kommen und sagen: "Kümmert euch um mich." Ich habe den Eindruck, das wird immer mehr. Sie kommen in die Gemeinde und erwarten: "Ihr seid ja Christen, also kümmert euch um mich." Nein, der Auftrag Gottes ist, dass sich jeder um jeden kümmert.

Die zweite Aufgabe steht in Vers 1 von Galater 6: "Bringt ihr die Geistlichen zurecht!" Das heißt, es gibt einmal die Ebene unter allen Geschwistern, die sich gleichmäßig gegenseitig helfen – durch Besuche, Ermutigung, Korrektur. Und die andere Aufgabe ist die der Geistlichen. Das sind nicht solche, die einen Heiligenschein tragen oder einen schwarzen Talar, sondern Älteste. Die Bibel nennt sie Hirten in der Gemeinde, die Gnadengabe des Hirten.

Ich habe oft den Eindruck, dass in den meisten Gemeinden, besonders in Brüdergemeinden, das größte Problem nicht die Frage nach Ältesten ist, sondern die Frage nach Hirten. Und wir sollten darum beten: Herr Jesus, gib uns Hirten in der Gemeinde, die wirklich geistlich anderen helfen können.

Voraussetzungen für seelsorgerliches Helfen

Was sind die Voraussetzungen, um seelsorgerlich helfen zu können? Ich habe einige Punkte aufgeschrieben, die meiner Meinung nach Voraussetzungen sind.

Wer seine Bibel kennt, weiß, dass die Stellen 1. Timotheus 3, Titus 1 und 1. Timotheus 4, Vers 12 alle an Älteste gerichtet sind. Vielleicht lehnt man sich zurück und sagt: „Ich bin ja kein Ältester, also betrifft mich das nicht.“ Ich bin jedoch überzeugt, dass die dort genannten Qualifikationen keine besonderen Voraussetzungen sind, sondern eigentlich die Qualifikation eines jeden Gläubigen sein sollten.

Ich möchte einige Punkte aufzählen. Wenn du anderen helfen willst, brauchst du selbst eine echte, gründliche Bekehrung. Vielen geht es ähnlich wie mir. Ich habe mich mit neun Jahren bekehrt, war vorher einigermaßen artig und auch danach. So ist das oft bei Kindern aus gläubigem Elternhaus. Die Geschichten vom „meinem Jesus“ hast du von klein auf gehört und geglaubt. Viele sagen, sie sind so hineingewachsen.

Ich habe mich damals bekehrt, weil ich in den Himmel kommen wollte. Ein Bruder hatte wohl über 1. Thessalonicher 4 gepredigt, über die Entrückung. Ich lag abends im Bett, hörte meine Geschwister nicht mehr atmen, keine Geräusche außer aus der Küche. Ich dachte: Jetzt ist es passiert! Ich sprang aus dem Bett, fiel auf die Knie und betete: „Herr Jesus, nimm mich noch mit!“ Dieses Gebet hat er bis heute nicht erhört. Ich war immer noch hier. Aber ich weiß, in dem Moment habe ich mein Leben Jesus gegeben. Sündenerkenntnis kam erst später.

Das ist manchmal so, wenn man in einem gläubigen Elternhaus groß wird. Und was habe ich innerlich für Mühe gehabt während der Pubertät! Wie oft lag ich in meinem Mansardenzimmer und dachte: Am liebsten nimmst du jetzt den Strick und erschießt dich.

Mit echter, gründlicher Bekehrung meine ich, dass du ein „Eins“ und ein „Jetzt“ wissen musst. Du musst nicht unbedingt das Datum wissen, dein Geburtsdatum weißt du ja auch nur, weil andere es dir gesagt haben. Obwohl du selbst dabei warst, kannst du dich nicht daran erinnern. Das mag so sein. Aber ich muss ein „Eins“ und ein „Jetzt“ kennen.

So wie ein Baby lebt, merkst du daran, dass es zappelt und schreit. Manchmal habe ich die Befürchtung, dass manche Wiedergeborene tot sind, die zwar verstandesmäßig etwas getan haben, aber deren Herz sich nicht verändert hat. Zum Glauben gehört auch die Bekehrung, zum Glauben gehört die Umkehr.

Es mag sein, dass es, wie bei mir, nicht unbedingt der gleiche Augenblick ist, in dem mir bewusst wurde: Mein Leben muss sich verändern und sich von denen unterscheiden, die nicht glauben. Ein einschneidendes Erlebnis war für mich, als mein Vater mir als Jugendlichen erzählte, wie das im Dritten Reich war, als die Brüdergemeinden verboten wurden.

Bei uns in der Gemeinde war es üblich, dass wir Jugendlichen hinten in der letzten Reihe saßen. Ich saß immer direkt am Notausgang – so die Überlegung: Wenn was passiert, kann ich immer noch verschwinden. Ich vergesse nicht, nachdem mein Vater mir das erzählt hatte, dass ich am nächsten Sonntag in der Gemeinde vor dem Notausgang saß und bekennen muss, dass ich nicht zuhörte, was gepredigt wurde. Stattdessen stellte ich mir vor, was wäre, wenn jetzt die SS, die Geheimpolizei, hereinkäme und fragen würde: Wer ist Christ? Würde ich mich melden? Oder würde ich aufstehen?

Das war für mich eine Entscheidung: Herr Jesus, ich will dir nachfolgen, egal was kommt. Ich glaube, zu einer gründlichen, echten Bekehrung gehört das bewusste Hinwenden zum Herrn Jesus und ihm bedingungslos zu folgen.

Eine weitere Voraussetzung ist, dass du ein Beter sein musst. Nicht dein Gespräch hilft einem anderen, sondern dein Gebet. Wie oft sagen wir: „Tja, jetzt weiß ich auch keinen Rat mehr, da können wir nur noch beten.“ Das ist Unsinn. Zunächst ist das Gebet das Wichtigste.

Ich bin dankbar dem Leiter der Gefährdetenhilfe Scheideweg, der mich am Anfang unserer Gefährdetenhilfe manches Mal zu seelsorgerlichen Gesprächen dazugenommen hat. Er sagte immer: „Eberhard, setz dich in die Ecke, während ich mit dem Jungen spreche, du betest, ich rede.“ Ich glaube, das ist wichtig. Wenn wir ein seelsorgerliches Gespräch führen, müssen wir wissen, dass jemand für uns betet.

Ich bin dankbar, dass ich meiner Frau sagen kann, wenn ich ein Gespräch vorhabe, und sie mir auch sagt, wenn sie ein Gespräch vorhat. Gebet ist das Wichtigste.

Die Liste derer, für die man betet, wird immer länger. Freue dich, wenn deine Gemeinde nicht so groß ist. Mich hat sehr beeindruckt, als wir damals heirateten und dann gleich als Hausmeister in die Gemeinde einzogen. Ein alter Bruder besuchte uns und sagte: „Mein Vater war auch Hausmeister. Als Kind habe ich ihn häufig beobachtet, wenn ich aus der Schule kam, wie er im Gemeindesaal vor verschiedenen Stühlen kniete.“ Du musst nicht unbedingt in den Gemeindesaal gehen, um für die Geschwister zu beten. Aber ich glaube, eine Gemeinde verändert sich, wenn wir füreinander beten.

Und bete nicht nur für die Problemfälle. Die würden Sieg erleben, wenn wir mehr beten würden. Sei ein Beter!

Dritter Punkt: Sei ein Bibelleser! Du kannst einem anderen nur das raten, was du in der Bibel gelesen hast, nicht deine eigene Weisheit. Jakobus sagt: Wenn Weisheit mangelt, der bitte darum. Gott hat genug davon.

Wir sollten in unserer Bibel zu Hause sein. Das macht deutlich: Einer, der jung im Glauben ist, muss erst lernen, Zusammenhänge begreifen. Viele seelsorgerliche Fragen kommen im Grunde daher, dass man ein falsches Menschenbild und ein falsches Gottesbild hat.

Ich weiß nicht, wie du dir Gott vorstellst. In der Regel stellt man sich Gott so vor, wie man den eigenen Vater erlebt hat. Wenn dein Vater streng war, stellen sich die meisten Menschen Gott als einen Polizisten vor, der hinter jeder Straßenecke steht und den Gummiknüppel zieht: „Warte, Bürchen, Big Brother is watching you.“ Hattest du einen Vater, der ein Waschlappen war, stellst du dir Gott vor wie einen Opa, der im Lehnsessel sitzt und alles durchgehen lässt.

Nun fragst du dich vielleicht, wie du das wirkliche Bild Gottes kennenlernen kannst. Wenn ich das Johannesevangelium lese, besonders Kapitel 14 bis 17, die Rede, die Jesus eine Nacht vor seinem Sterben seinen Jüngern gehalten hat, auf dem Weg nach Gethsemane, hat man den Eindruck, dass Jesus Heimweh nach seinem Vater hat. Er redet immer wieder von seinem Vater, bis Philippus sagt: „Herr, zeige uns den Vater, das genügt uns.“ Und was sagt Jesus darauf? „Philippus, so lange bist du bei mir, und du hast es noch nicht gerafft. Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“

Das heißt, wenn ich wissen will, wie Gott der Vater ist, muss ich zu Jesus kommen und schauen, wie er sich verhalten hat. Das ist die Chance für jeden Menschen, egal, was für einen leiblichen Vater du hattest oder ob du gar keinen Vater hattest.

Das ist uns auch ein Anliegen bei uns in den Gefährdetenhöfen. Die Jungs, die zu uns kommen, kommen manchmal aus chaotischen Verhältnissen, manche kennen ihren Vater überhaupt nicht. Salih zum Beispiel hat versucht, seinen Vater ausfindig zu machen, ist in die Türkei gereist, stand vor der Tür seines Vaters. Der Vater öffnete, Salih sagte: „Ich bin dein Junge.“ Doch der Vater machte die Tür zu und sagte: „Will dich nicht sehen.“

Wie wird man damit fertig, zu erkennen, wie Gott ist? Das ist die Chance, die Jesus gibt: „Guck mich an!“ Damit gibt Gott jedem Menschen die Möglichkeit, ihn zu erkennen.

Ich brauche Wachstum im Glauben. Bei Kindern machen wir immer Striche an die Tür, oder Onkel und Tante kommen zu Besuch und sagen: „Du bist aber groß geworden!“ Dabei denkt man, man ist immer noch bis unter die Haare der gleiche. Oft erkennen wir selbst nicht, ob wir wachsen.

Frage mal deine Geschwister in der Gemeinde: Bist du im Glauben im letzten Jahr gewachsen? Was hast du dazugelernt? Du kannst nur anderen helfen nach dem gleichen Prinzip wie bei Eltern in der Erziehung: Du kannst nur so weit helfen, wie du selbst bist.

Du kannst einem Nikotinabhängigen mit gelben Fingerkuppen kein Traktat geben: „Jesus macht dich frei!“ Das ist unglaubwürdig. Du kannst nicht einem sagen: „Hör auf zu trinken!“, wenn du selbst die Fahne drei Meter gegen den Wind riechst.

Du kannst nur so weit helfen, wie du selbst im Glauben gewachsen bist. Sei an der Basis. Ich habe manchmal den Eindruck, manche Geschwister schweben immer zehn Zentimeter über dem Boden. Da sage ich immer: Pass auf, dass du nicht an die Decke kommst. Bleib auf dem Boden der Tatsachen.

Sei realistisch, kein Träumer, sei an der Basis. Das heißt, sei im Gespräch mit den Geschwistern, hör dir die Nöte an.

Ich habe schon einigen erzählt: Als die Grafik Pragsche auf Computer umstellte, hatte ich Sorge, ob ich das packe. Einige Brüder sagten: „Geh ins Werk des Herrn, dann brauchst du dich nicht mehr umzustellen.“ Aber ich bin dankbar für den Rat eines alten Bruders, der sagte: „Junge, hau rein, lern, bleib an der Basis!“

Das Wort wird besser angenommen, wenn die Geschwister wissen, dass du genauso arbeitest wie sie. Und das ist tatsächlich so. Besonders in den neuen Bundesländern, als ich die ersten Male dorthin fuhr, sagten mir manche: „Ja, das möchte ich auch, Reisebruder sein, stelle ich mir prima vor. Morgens kannst du aufstehen, in Ruhe frühstücken, dann zwei Stunden stille Zeit machen, abends eine Stunde Predigt halten.“

Und wer ist in der Gemeinde durchgefüttert? Tja, habe ich gesagt, das wäre schön, aber ich arbeite genauso wie du. Ich bin selbständig und habe keinen Achtstundentag. Ich glaube, das ist wichtig. Deswegen plädiere ich immer dafür, wie wir sagen: Sei Zeltmacher. Also bleib im Beruf, bleib an der Basis und mach all die Dinge für den Herrn ehrenamtlich.

Natürlich ist klar: Die Bibel sagt, der Arbeiter ist seines Lohnes wert, und selbst der Ochse bekommt etwas zu essen. Interessant ist, dass die Prediger des Evangeliums als Ochsen bezeichnet werden – dankbar, dass es nicht Esel sind. Aber das ist die Aufgabe der Zuhörer und nicht der Sprecher.

Ich denke, wir müssen an der Basis sein. Ich muss mit den Geschwistern im Gespräch sein.

Vielleicht ein Tipp für jemanden: Seit ungefähr zwölf Jahren habe ich mir angewöhnt, allen Geschwistern in der Gemeinde zum Geburtstag eine Karte zu schreiben, angefangen ab dem 14. Lebensjahr. Das sind im Jahr 250 Karten. In einer Zeit, in der wir etwa drei Wochen unterwegs sind, habe ich die Karten im Voraus geschrieben und mit Datum versehen. Ich habe sie meinem Sohn hingelegt, der klebt datumsgerechte Briefmarken drauf und schickt sie raus, sodass sie pünktlich ankommen.

Das bedeutet, du bist mindestens einmal im Jahr mit jedem der Geschwister innerlich in Kontakt, denkst über ihn nach. Ich mache nie einen Vordruck, sondern schreibe jedem etwas Persönliches. Ich finde es interessant, dass die Teenies dann am Sonntag darauf kommen und sich bedanken. Für Teenies ist das ungewöhnlich, wenn sie eine Karte bekommen und keine SMS oder Facebook-Nachricht.

Ich schreibe die Karte nicht in Jugendsprache, sondern versuche Deutsch zu schreiben. Interessant ist, dass die Teenies ankommen, sich bedanken, und dann kann man nachfragen: Wie geht’s dir? Was machst du? Wie läuft es in der Schule? Und plötzlich bist du im Gespräch, und ich bin nicht mehr der Grufti.

Ich glaube, es ist wichtig, Kontakt zu halten, damit sie auch dann kommen und sagen: „Hör mal, ich habe das und das Problem, was würdest du dazu sagen?“

Ich muss an diesem Punkt Schluss machen, sonst kriegt er kein Mittagessen. Es wären noch etliche Punkte, aber ihr verzichtet auf die Vorspeise. Okay, gut, ihr könnt in fünf Minuten Tisch machen, alles klar.

Also, ich brauche ein Heiligungsleben, das heißt, ich muss selbst diszipliniert leben. Ich bin dankbar, dass meine Frau mir dabei hilft. Damit ich anderen helfen kann.

Wir erleben immer wieder, dass ein großes Problem ist, dass viele sagen: „Ich komme morgens nicht aus dem Bett.“ Nun sage ich immer: Das ist nicht das Problem morgens, das ist das Problem abends. Du kommst nicht ins Bett. Manche muss man beraten: Stell dir abends den Wecker, wann du ins Bett gehst. Dann kommst du auch morgens ohne Wecker raus. Ganz einfach.

Und ich kann nur noch sagen: Das ist Disziplin.

Du brauchst als Voraussetzung, um Seelsorge zu tun, Barmherzigkeit. Wenn ich darüber nachdenke, wie der Herr mit mir barmherzig ist, dann werde ich auch mit anderen barmherzig.

Wir erwarten die Barmherzigkeit Gottes. Du hast irgendwas verkehrt gemacht, gehst ins Gebet, betest um Barmherzigkeit und Vergebung Gottes und nimmst sie dankbar an. Aber dann kommt jemand, und du sagst: „Was, schon wieder? Habe ich dir das nicht schon ein paarmal gesagt? Begreifst du es denn immer noch nicht?“ Ich denke, geht Gott so mit mir um?

Ich bin erstaunt, wie barmherzig der Herr Jesus mit Menschen umgegangen ist, außer bei Heuchlern. Da ist er deutlich geworden.

Wie ist er der Frau am Jakobsbrunnen begegnet? Wir hätten wahrscheinlich gesagt: „Pass mal auf, setz dich da mal hin!“ Und dann wärst du vor ihr aufgestanden und hättest runtergeguckt. Jetzt sage ich dir: Der Herr Jesus geht ganz weise vor und sagt nicht: „Weißt du, du lebst in wilder Ehe und machst dies und das. Fünf Männer hast du verschlissen!“ Sondern erweckt in ihr das Bedürfnis, zurück zu Gott zu kommen. Dann kommen die anderen Fragen von selbst.

Da denke ich manchmal daran, wenn wir im Café sitzen und da sind einige, die in sogenannter Rentnerehe leben. Ich sage mir: Bevor die sich nicht bekehren, spreche ich das nicht an. Sie sollen nicht den zweiten Schritt vor dem ersten tun. Wenn sie sich bekehren, werden sie sehr schnell begreifen.

Das bedeutet: Ich brauche Barmherzigkeit, um zu erkennen, was bei dem anderen das eigentliche Problem ist.

Ich habe euch schon in Bezug auf die Gefährdetenhilfe gesagt: Es hilft nicht, einem Abhängigen zu sagen: „Hör auf zu saufen, hör auf Drogen zu nehmen, hör auf zu rauchen.“ Du musst die Ursache finden, warum jemand trinkt, und ihm deutlich machen: Suchtabhängigkeit ist Sünde.

Ich brauche erst Buße und Vergebung, und dann können wir über das Verhalten sprechen.

Ich brauche Rettersinn. Wir meinen immer, Rettersinn braucht man nur bei der Evangelisation, aber auch bei der Seelsorge. Unser Anliegen muss sein: Wie lebt der andere?

Ich komme gleich noch darauf. Als Jesus die Volksmenge sah, heißt es in Matthäus 9, da wurde er innerlich bewegt, weil sie wie Schafe waren, die keinen Hirten hatten. Wörtlich übersetzt heißt es: Da drehte sich ihm der Magen um.

Kümmert dich noch die Not deiner Geschwister, die Not deiner Nachbarn, deiner Klassenkameraden, deiner Arbeitskollegen? Wir bauen uns eine Schutzmauer auf.

Wie sagt man bei Krankenschwestern? Du darfst das nicht so nah an dich rankommen lassen, oder? Was gehst du daran kaputt? Aber als Seelsorger muss es an dich rankommen lassen.

Ich habe meinen Vater oft gefragt, der in den Gemeinden unterwegs war, Hausbesuche machte, Seelsorge an den Geschwistern tat: „Vater, wie verkraftest du das?“ Du hörst nur den Schmutz in den Gemeinden, den ganzen Dreck.

Er hat mir gesagt: „Junge, wenn du nicht jeden Tag das alles bei mir in Jesus abgibst, gehst du daran kaputt.“

Du musst annehmen. Du musst es an dich rankommen lassen, aber dann musst du es dem Herrn abgeben.

Mir ist das so gegangen: Ich bin zwei Jahre lang in einen sogenannten psychologischen Knast gegangen, da hat jeder Inhaftierte einen Psychotherapeuten. In der Regel waren das Sexualstraftäter.

Ich hatte oft den Eindruck: Wer therapiert da wen? Die Inhaftierten sagten mir manchmal: „Ich habe dem wieder eine Geschichte erzählt, damit er ein Erfolgserlebnis hatte.“

Die Inhaftierten wussten, wenn sie Gespräche hatten, dann kam das auf die Plusliste. Wenn sie sich querstellten, saßen sie länger im Knast. Also ist es logisch, dass sie Geschichten erfinden und erzählen.

Aber was ich da von den Inhaftierten gehört habe, hatte ich immer den Eindruck, wenn ich rauskam, hatte ich so ein „Quadratschild“ mit all dem Mist, mit all den verrückten Gedanken und Taten.

Dann dachte ich: Ich kann jetzt nicht nach Hause fahren und alles meiner Erika erzählen, dann hat sie den Mist im Kopf.

Zum Glück war es vom Gefängnis bis nach Hause etwa dreiviertel Stunden Autobahn. Da gab es einen Parkplatz mit einem großen Container. Dort habe ich immer gehalten und gebetet, symbolisch sozusagen: „Herr Jesus, nimm den ganzen Schrott und schmeiß ihn da rein!“ Einfach abgeben.

Für mich war das eine Hilfe, das so symbolisch zu machen.

Deshalb sage ich oft: Ich stelle mir unter dem Kreuz auf Golgatha zwei große Sachen vor. Gewiss, ich bin Grafiker und habe eine blühende Fantasie.

Auf der einen Seite steht eine riesige Müllverbrennungsanlage, in die alle meine Sünden hineinkommen und rückstandslos vernichtet werden.

Auf der anderen Seite ist ein riesiger Parkplatz. Dort kommen alle Probleme hin, die ich nicht lösen kann. Da sage ich: Herr Jesus, ich fahre damit erst weiter, wenn du grünes Licht gibst.

Wenn jemand mal nach Israel fährt, wird er feststellen, dass unter dem Kreuz, das man für Golgatha hält, ein riesiger Busbahnhof ist. Du kommst dort überhaupt nicht auf Gefühle. Also es ist echt realistisch.

Von daher bin ich gar nicht so weit entfernt von Müllverbrennungsanlagen und Parkplätzen. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir das begreifen.

Ein bekannter Evangelist rief mich einmal an und sagte: „Eberhard, ich muss dir einfach mal loswerden, was ich an Schrott in der Seelsorge gehört habe. Ich kann nicht alles meiner Frau erzählen.“

Er sagte: „Du hast doch als Grafiker einen riesigen Papierkorb. Ich bitte dich, häng ein Ohr über den Papierkorb, das andere ans Telefon und lass alles durchlaufen.“

Dann hat er mir erzählt und erzählt und erzählt.

Du merkst, du musst es manchmal loswerden, oder? Sag es dem Herrn Jesus, gib es bei ihm ab.

Du brauchst, wenn du Seelsorge tust, die Leitung des Heiligen Geistes, nicht deine Weisheit.

Manchmal wundere ich mich, wie Gott tatsächlich im richtigen Moment einem den richtigen Gedanken gibt.

Einmal hatte ich ein Gespräch beim Thebus mit einem jungen Mann. Ich merkte, er kannte seine Bibel und lästerte über alle Christen. Ich habe mir den Unsinn angehört und dann gesagt: „Weißt du, aus dem, was du erzählt hast, muss ich dir sagen: Du bist ein Kind gläubiger Eltern. Du bist in der Gemeinde groß geworden und hast Probleme mit deiner Sexualität.“

Da saß der Kerl vor mir, bekam eine Bombe und sagte: „Woher weißt du das?“

Ich glaube, es ist wichtig, die Abhängigkeit vom Herrn zu haben. Ich habe keine hellseherischen Fähigkeiten, aber so etwas ist dann Leitung des Geistes, dass du tatsächlich ins Schwarze triffst.

Dann kannst du nur sagen: „Danke, Herr, jetzt mache ich Schluss, sonst kriege ich von euch Prügel.“

Abschluss und Ermutigung

Ich möchte euch Mut machen und vielleicht einen Gedanken mit euch teilen. Ich mache hier eine kurze Pause, während ihr die anderen Dinge durcharbeitet. Ihr könnt das ja zuhause noch selbst erledigen, denn die PowerPoint-Präsentation ist ja auf der Zelle gespeichert.

Vielleicht zeigt euch dieses eine Bild deutlich, was Seelsorge bedeutet: Da ist jemand in eine Grube gefallen, und du bist der Seelsorger. Aber du kannst ihn nicht allein herausziehen, sondern nur mit der Hilfe des Herrn. Das Bild oben soll einen Flaschenzug darstellen, kennt ihr die Wirkung eines Flaschenzugs?

Als Seelsorger bin ich nur ein Handlanger. Derjenige, der wirklich hilft, ist Jesus. Das muss uns immer bewusst sein. Wenn jemand zu dir sagt: „Du bist mein Seelsorger“, dann solltest du Abstand nehmen. Denn dann klammert sich die Person an jemanden, der falsch ist.

Seelsorge bedeutet, die menschliche Seele in die richtige Verbindung zu Gott zu bringen und von allen anderen Bindungen zu lösen. Ein Hilfesuchender darf sich nicht an dich binden, sondern immer an den Herrn Jesus.

Amen. Guten Appetit!

© Autor, Referent: Eberhard Platte

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