Einführung und Kontext der Predigt
Ich hoffe, dass die Verstärkung jetzt gut klappt. Mein Name ist Jürgen Fischer, ich komme aus Berlin. Ich darf hier ab und an predigen, was mich immer wieder sehr freut.
Gemeinsam mit euch mache ich eine Reihe durch die Apostelgeschichte. Wir sind aktuell bei Predigt Nummer neunundfünfzig angekommen. Keine Sorge, es wird noch eine Weile dauern, bis wir fertig sind.
Da wir ja Open Air predigen, habe ich mir gedacht, dass ich euch das Predigtskript frühzeitig auf meine Homepage hochlade. Wer also mitlesen oder zumindest die Bibeltexte mitverfolgen möchte, kann gerne auf frogwords.de gehen.
Für alle, die sagen: „Frogwords – die Worte vom Fosch, das klingt ja wirklich schräg“, gibt es auch die Adresse juergen-fischer.info. Das funktioniert ebenfalls, aber frogwords.de ist, glaube ich, bekannter.
Wer die Seite besucht, findet auf der Startseite ganz oben das Skript zu dieser Predigt. Damit es etwas leichter ist, sind die Bibelstellen einfach fett markiert. Du musst also nur die fetten Teile lesen, den Rest kannst du dir später anschauen.
Die Situation im Tempel und Paulus' Gefangennahme
Apostelgeschichte Kapitel 21 – wir haben hier eine Episode aus dem Leben des Apostels Paulus, die auf den ersten Blick spannend klingt. Doch ihr werdet sehen, dass sie wenig theologisch ist. Das macht es nicht unbedingt einfach, daraus eine Predigt zu gestalten.
Ich lese euch den Text vor und erkläre dann, was wir damit machen wollen.
Apostelgeschichte 21,27-40:
Als aber die sieben Tage beinahe vollendet waren, sahen die Juden aus Asien Paulus im Tempel. Sie brachten die ganze Volksmenge in Aufregung und legten die Hände an ihn. Dabei schrien sie: „Männer von Israel, helft! Dies ist der Mensch, der überall lehrt gegen das Volk und das Gesetz und diese Städte.“
Sie behaupteten außerdem, Paulus habe Griechen in den Tempel geführt und dadurch die heilige Stätte verunreinigt. Denn sie hatten zuvor den Trophimus, den Epheser, mit ihm in der Stadt gesehen. Deshalb meinten sie, Paulus habe ihn in den Tempel gebracht.
Die ganze Stadt kam in Bewegung, und es entstand ein Zusammenlauf des Volkes. Sie ergriffen Paulus und schleiften ihn aus dem Tempel. Sogleich wurden die Türen geschlossen.
Während sie ihn töten wollten, kam die Nachricht zum Obersten der Schar, dass ganz Jerusalem in Aufregung sei. Dieser Oberste war der römische Befehlshaber über die Stadt. Er nahm sofort Soldaten und Hauptleute mit und eilte zu der Menge.
Als die Leute den Obersten und die Soldaten sahen, hörten sie auf, Paulus zu schlagen. Dann näherte sich der Oberste, ergriff Paulus und befahl, ihn mit zwei Ketten zu fesseln. Er erkundigte sich, wer Paulus sei und was er getan habe.
Die Volksmenge rief durcheinander dies und das. Aufgrund des Tumults konnte der Oberste nichts Genaues erfahren. Deshalb befahl er, Paulus in das Lager der römischen Soldaten zu bringen.
Als Paulus an die Stufen kam, geschah es, dass er wegen der Gewalt der Volksmenge von den Soldaten getragen werden musste. Die Menge folgte ihm und schrie: „Weg mit ihm!“
Als Paulus ins Lager gebracht werden sollte, sprach er zu dem Obersten: „Ist es mir erlaubt, dir etwas zu sagen?“ Der Oberste antwortete: „Verstehst du Griechisch?“
Dann fragte er: „Du bist also nicht der Ägypter, der vor einigen Tagen eine Empörung gemacht und viertausend Mann Sicarii in die Wüste hinausgeführt hat?“
Paulus entgegnete: „Ich bin ein jüdischer Mann aus Tarsus, Bürger einer nicht unbedeutenden Stadt in Zilizien. Ich bitte dich aber, erlaube mir, zu dem Volk zu sprechen.“
Als der Oberste es erlaubte, winkte Paulus auf den Stufen stehend dem Volk mit der Hand. Nachdem eine große Stille eingetreten war, redete er sie in hebräischer Mundart an und sprach.
Was dann folgt, behandeln wir in der nächsten Predigt. Das war erst einmal der lange Text, um den es heute gehen soll.
Zusammenfassung der Situation und erste Gedanken
Ich fasse das alles noch einmal zusammen. Paulus ist in Jerusalem und befindet sich gerade im Tempel, um ein bestimmtes Ritual zu vollziehen. Das hatten wir beim letzten Mal besprochen.
Plötzlich tauchen alte Feinde von Paulus auf. Sie behaupten, er habe den Tempel entweiht. Daraufhin ergreift ein wütender Mob den Apostel, schleift ihn aus dem Tempel und will ihn töten.
Im richtigen Moment kommt ein römischer Oberst mit seinen Offizieren und Soldaten zu Hilfe. Er lässt Paulus fesseln, versteht aber nicht genau, worum es geht, da keiner so genau Bescheid weiß. Der Oberst bringt den jüdischen Mann, der den Tumult ausgelöst hat, zum Lager der römischen Soldaten.
Vor dem Lager, also bevor Paulus das Lager betritt, kommt es zu einem Dialog zwischen Paulus und dem Obersten. Dem Obersten wird durch Paulus' Worte klar, dass Paulus kein Terrorist ist.
In jener Zeit waren die Sikarier, die sogenannten Dolchmänner, tatsächlich Terroristen. Da der Oberst erkennt, dass Paulus relativ ungefährlich ist, erlaubt er ihm, zu dem Mob zu sprechen. Dieser Mob hatte Paulus, den Obersten und die Soldaten bis zu den Stufen des Lagers der römischen Soldaten verfolgt.
Die Erfüllung einer Prophezeiung und Paulus' innere Haltung
Was haben wir hier, wenn wir uns diese Geschichte anschauen? Zum einen sehen wir tatsächlich die Erfüllung einer Prophezeiung. Wenn ihr euch noch erinnert: Wir haben vor einigen Predigten gelesen, dass Paulus sich ganz sicher war, nach Jerusalem zu reisen. Er wusste, dass er dort gefangen genommen werden würde. Diese Gewissheit hatte ihm der Heilige Geist offenbart. Außerdem wurde sie immer wieder von verschiedenen Propheten bestätigt.
Paulus wurde gewarnt: Wenn du dorthin reist, wird etwas Schlimmes passieren. Doch das hielt ihn nicht davon ab, trotzdem nach Jerusalem zu gehen.
Das zeigt sich in Apostelgeschichte 21, Vers 13. Dort wird die innere Haltung von Paulus im Blick auf diese Gefangennahme deutlich. Er antwortete: „Was macht ihr, dass ihr weint und mir das Herz bricht? Denn ich bin bereit, nicht allein gebunden zu werden, sondern auch in Jerusalem für den Namen des Herrn zu sterben.“
Diese Haltung begleitet Paulus die ganze Zeit. Er kommt nach Jerusalem, bleibt dort etwa eine Woche, und dann bricht der Sturm über ihm los.
Die Herausforderung der Predigt: Theologie des Leids
Frage: Was machen wir mit so einem Text? Wie gesagt, er ist auf der einen Seite schon spannend, aber er ist nicht sonderlich theologisch.
Ich dachte mir, ich nutze einfach diesen Text von der Gefangennahme des Apostels, um ein paar sehr grundsätzliche Dinge zum Thema Leid zu sagen. Wenn man so will, möchte ich eine Theologie des Leids aufbauen, basierend auf diesem Text.
Ich denke, dass das Thema Leid auch für uns immer wichtiger wird. Das liegt einfach daran, dass sich der Umgang der Gesellschaft mit Christen in den letzten zehn Jahren, soweit ich das sagen kann, verändert hat.
Als ich zum Glauben kam, das war Ende der Achtziger, da hat man über die Bibeltreuen geschmunzelt. Wir waren die Ewiggestrigen, die man belächeln und irgendwie vergessen konnte. Wir waren also, wenn man so will, nicht wichtig.
Das ist heute anders geworden. Heute ist das so – und das ist eine Entwicklung, die jetzt vielleicht schon ein, zwei Jahrzehnte läuft: Die Gesellschaft wird eingeteilt in Täter und Opfer beziehungsweise in Mittäter und in Leute, die die Opfer verteidigen.
Wenn jetzt Leute auf Christen treffen, die die Bibel ernst nehmen, wird sehr häufig behauptet, dass die christliche Ethik, die wir vertreten, weil wir die Bibel ernst nehmen, eine Täterethik sei. Es wird behauptet, dass konservatives Christentum Dinge fördert wie Ausbeutung, Ausgrenzung und Unterdrückung.
Es ist ganz interessant, wie plötzlich die vormals ewigen Gestrigen, die man, wie gesagt, belächelt und ein bisschen vergessen hat, Stück für Stück zu den Bösen werden. Wir sind plötzlich die, gegen die man etwas tun muss.
Wenn man jetzt per Gesetzesbeschluss verbietet, dass vor Abtreibungskliniken Mahnwachen stehen, und man das plötzlich unter Strafe stellt, was ich sagen möchte, ist Folgendes:
Gehen wir einfach mal davon aus, dass die Zeit des nur Belächeltwerdens vorbei sein könnte. Und dass es sich vielleicht für uns lohnt, ein paar Dinge zum Thema Leid von einem Mann zu lernen, der dieses Thema in einer Weise erlebt und durchlitten hat, wie es uns nur zum Vorbild sein kann.
Von daher möchte ich einfach mal vier Punkte zum Thema Leid vorstellen.
Leid als Teil der Nachfolge
Punkt Nummer eins: Leid ist ein Teil der Nachfolge. Leid gehört zur Nachfolge dazu – ob uns das passt oder nicht, ob wir es gerade erleben oder nicht.
Im Evangelium, Kapitel 15, Vers 20, heißt es: „Gedenkt des Wortes, das ich euch gesagt habe.“ Jesus hat zu seinen Jüngern gesprochen. Was hat er ihnen gesagt? „Ein Sklave ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen.“ Erwarte also nicht, dass du durchs Leben gehst, ohne dass dir jemand sagt: „Ich finde dich blöd, du bist ja das Allerletzte.“ Der Herr Jesus sagt ganz klar: Sie haben mich verfolgt, sie werden auch euch verfolgen. Das wird ganz normal sein und kann kaum anders sein.
Paulus kann am Ende seines Lebens sogar formulieren, in 2. Timotheus 3,12: „Alle aber, die gottesfürchtig leben wollen in Christus Jesus, werden verfolgt werden.“ Das ist ein Vers, der sich meiner Meinung nach lohnt, auswendig gelernt zu werden. Wenn du das heute nicht erfährst und denkst, das ist ein komischer Vers, dann verstehe wenigstens, dass es die absolute Ausnahme in der gesamten Kirchengeschichte ist. Wir sind die Ausnahme, nicht die Regel.
Für Paulus gehört es zum Leben als Christ dazu, abgelehnt zu werden. Deshalb sagt der Herr Jesus, wenn er vor Leuten steht, die überlegen, ob sie Jünger werden wollen, ganz deutlich: Bevor du auf den Gedanken kommst, mir nachzufolgen, überschlag bitte die Kosten. Mach das nicht einfach so. Sei dir darüber im Klaren, dass, wenn du Jesus folgst, du Verfolgung erfahren wirst.
2. Timotheus 3,12 sagt es noch einmal: „Alle aber, die gottesfürchtig leben wollen in Christus Jesus, werden verfolgt werden.“ Wir müssen uns innerlich darauf einstellen. Wenn du dazu kein Ja findest, dann werde kein Jünger Jesu.
Ich weiß, dass sich das für uns, die wir hier sitzen, total schräg anhört. Gibt es denn nicht Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit? Ja, gibt es. Trotzdem sehen wir an dem Beispiel, das wir gerade gelesen haben, was es heißt, verfolgt zu werden.
Was passiert Paulus in Jerusalem? Er wird geschlagen, man erzählt Lügen über ihn, man wirft ihn aus dem Tempel. Da ist physisches Leid, da ist emotionales Leid, da ist Ausschluss aus der Gemeinschaft. Und das ist Verfolgung.
Das ist das, was in deinem Leben passieren darf, wenn du Jesus nachfolgst und gesagt hast: Ich möchte Jünger Jesu sein. Wenn Christen verfolgt werden, bedeutet das, dass man ihnen bewusst Schaden zufügen will, bewusst Lügen und Unwahrheiten über sie erzählt und sie als Menschen behandelt, die nicht mehr dazugehören dürfen.
Zu Beginn unseres Glaubenslebens haben wir ja gesagt: Es kann passieren, dass Leute sagen, dich will ich hier nicht mehr haben. Vielleicht ist dir das nicht klar. Vielleicht hast du dich nur bekehrt, weil die Gemeinschaft der Gemeinde so nett ist, weil es dort so leckeren Kuchen und ordentlichen Kaffee gibt. Und hier draußen in der Sonne zu sitzen ist auch schön, oder?
Aber das ist eigentlich nicht Christsein. Wenn wir Paulus oder Jesus fragen würden, was zum Christsein dazugehört, dann ist der erste Punkt: Leid. Leid gehört zum Leben als Christ dazu. Dazu hast du ja Ja gesagt.
Ich hoffe, dass das für dich keine Überraschung ist und du nicht sagst: „Oh, war das jetzt das Kleingedruckte unter dem Taufgespräch?“ Das wäre ein bisschen schade.
Gottes Souveränität im Leid
Punkt Nummer zwei – und dieser Punkt gehört zum ersten dazu – lautet: Gott ist im Leid souverän.
Das heißt: Auf der einen Seite können wir dem Leid nicht entgehen, und auf der anderen Seite sind wir im Leid niemals allein. Wenn man mitten im Leid steckt, erschrocken und verwirrt ist, wenn sich plötzlich alles gegen einen zu wenden scheint, könnte der Eindruck entstehen, man sei ganz allein. Das ist falsch, einfach nur falsch. Gott vergisst uns nie, auch nicht im Leid.
Der Gedanke, Leid könne stärker sein als Gott, ist völliger Unsinn. Vielleicht fühlt sich Leid manchmal stärker an als unser Glaube, das mag sein. Aber niemals ist Leid stärker als Gott. Das ist falsch, einfach falsch.
Man sieht das hier: Da kommt der Mob und will Paulus umbringen. Paulus hat eigentlich keine Chance – einer gegen alle anderen, das geht ja nicht. Doch plötzlich tauchen römische Soldaten auf, der Oberste der Soldaten greift ein. Das zeigt: Gott sieht die Situation und kann in ihr reagieren.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich verspreche nicht, dass Gott dir kein Leid schicken kann, das dich zerstört – sei es im Leben, in der Karriere, in der Ehe oder anderswo. Das habe ich nicht gesagt. Die Kirchengeschichte ist voll von Märtyrern, die nicht gerettet wurden, sondern getötet wurden. Trotzdem muss ich an dieser Stelle sagen: Im Leid bleibt Gott souverän.
Wenn ich eine Bibelstelle nennen müsste, die die Souveränität Gottes im Leid zeigt, dann ist das immer die Geschichte von Josef. Das ist fast schon eine Geschichte für Kinder. Am Ende der Josefsgeschichte lesen wir in 1. Mose 50,20, wie Josef zu seinen Brüdern spricht – genau zu denjenigen, die ihn verkauft und in die Sklaverei geschickt hatten. Er sagt zu ihnen: „Ihr hattet Böses gegen mich beabsichtigt, Gott aber hat es zum Guten gewendet, um zu tun, dass an diesem Tag ein großes Volk am Leben erhalten bleibt.“
Das ist echte Souveränität: Menschen können Böses beabsichtigen, aber Gott sagt: „Na gut, macht ruhig, ich benutze eure Bosheit. Ich bin immer noch Gott, ich bin immer noch souverän.“
Eine weitere Stelle, die das zeigt, finden wir im Philipperbrief. Paulus kommt nach Rom und wird ins Gefängnis geworfen. Alle denken: „Der große Apostel sitzt im Gefängnis, jetzt ist Schluss mit der Evangelisation.“ Doch Paulus schreibt den Philippern einen Brief aus dem Gefängnis und berichtet, dass genau das Gegenteil passiert ist. Seine Aufseher fragen sich, wer er ist, und als sie erfahren, dass er wegen seines Glaubens eingesperrt ist, verbreitet sich die Nachricht in der ganzen Stadt. Die Prätorianergarde spricht darüber, und so wird das Evangelium zum Stadtgespräch.
Man denkt: „Er sitzt im Gefängnis, da geht nichts mehr.“ Doch das Gegenteil ist der Fall. Jetzt reden alle darüber, und die Christen denken: „Wenn alle darüber reden, können wir ja auch darüber reden.“ Das ist Gott, das ist Souveränität.
Noch einmal zusammengefasst: Punkt eins – Leid gehört dazu. Punkt zwei – Gott ist souverän. Diese beiden Punkte bilden eine wichtige Einheit. Leid gehört dazu, weil Gott uns verspricht, dass wir, wenn wir mitleiden, auch mitverherrlicht werden. Wir gehen den gleichen Weg, den Jesus uns vorangegangen ist.
Wenn ich zu diesem Leid Ja sage und bereit bin, mein Leben für das Reich Gottes zu opfern – egal, was es mich kostet: Beziehungen, Geld, Gesundheit, Wohlbefinden oder Selbstverwirklichung –, dann kostet es mich das halt. Aber eines weiß ich auch: Nichts und niemand kann mich von diesem Gott trennen. Das ist das Entscheidende. Er bleibt an meiner Seite, gerade im Leid.
Wir machen gerade den Römerbrief im Hauskreis. Erinnert euch an Römer 8,35: „Wer wird uns scheiden von der Liebe Christi?“ Dann folgt eine Aufzählung: Bedrängnis, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr oder Schwert. Die Antwort lautet: Nichts, einfach gar nichts kann uns scheiden.
Du gehst durch diese Dinge hindurch, und du musst durchgehen. Römer 8,35 fragt: „Wer kann uns scheiden?“ Antwort: Nichts. In Römer 8,36 heißt es: „Wie geschrieben steht: Um deinetwillen werden wir den ganzen Tag getötet; wir gelten als Schlachtopfer.“
Das ist die Realität. Das Reich Gottes wächst auf dem Fundament des Leids von Christen. Was am Kreuz begann, wird von uns weitergetragen. Was erwartest du denn?
Aber wenn du dazu bereit bist, dann weiß ich auch in dieser Situation: Nichts kann mich trennen, absolut nichts. Gott wird immer da sein.
Umgang mit Leid: Ruhe und Besonnenheit
So, das war Punkt zwei: Gott ist souverän im Leid.
Punkt drei: Wie sollen wir dann im Leid reagieren? Ich glaube, wir können wieder viel von Paulus lernen. Was mich an dem Text besonders begeistert, ist die Ruhe und Besonnenheit, die aus Paulus spricht, wenn er zu dem Obersten redet. Er hat gerade einen Mordanschlag, den Mob und all das hinter sich, und jetzt spricht er zu dem Obersten.
In Apostelgeschichte 21,37 heißt es: „Und als Paulus eben in das Lager hineingebracht werden sollte, spricht er zu dem Obersten: Ist es mir erlaubt, dir etwas zu sagen?“ Das klingt gar nicht nach „Ich war gerade in Todesgefahr. Hey, darf ich mal was fragen? Ich würde gern noch was sagen. Geht das denn?“ Mich fasziniert das, weil hier jemand Herr der Lage ist. Und das ist es, was ich mit Ruhe und Besonnenheit meine.
Leid wird dort zur Gefahr, wo ich unruhig werde, panisch reagiere oder vorschnell und unüberlegt handle. An dieser Stelle wird Leid zur echten Gefahr. Das ist übrigens, was der Teufel will. Ich hoffe, euch ist das klar: Leid ist dazu da, dich aus der Ruhe zu bringen. Deswegen heißt es in 1. Petrus 5,8: „Seid nüchtern!“ Das ist das Gegenteil von „Seid panisch und aufgeregt“. Nüchtern, besonnen, ruhig – seid nüchtern und wacht! Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.
Merkt ihr? Nüchternheit, Besonnenheit, Wachsamkeit – vielleicht so eine Präsenz in der Gegenwart behalten, darum geht es. Der Teufel kann uns einschüchtern, verunsichern, müde machen oder uns zu Träumern werden lassen, die nicht mehr in der Gegenwart leben, sondern irgendwo anders. Jetzt kommt das Wort Gottes und sagt: Macht das nicht! Bleibt im Glauben nüchtern, schaut euch die Dinge an, seid wachsam und bereitet euch vor – einfach deshalb, weil Leid so unglaublich normal ist.
Wenn wir einen Vers weiterlesen, 1. Petrus 5,9, und überlegen, wie wir mit dem Teufel umgehen sollen, steht dort: „Dem widersteht standhaft durch den Glauben.“ Ich setze also dem Entmutigenden, dem Verunsichernden und dem in mir Panik Schürenden den Glauben entgegen. „Dem widersteht standhaft durch den Glauben, da ihr wisst, dass dieselben Leiden sich an eurer Bruderschaft in der Welt vollziehen.“
Mein ernst gemeinter Tipp an alle hier: Betet regelmäßig für verfolgte Christen! Besorgt euch dieses Heftchen von Open Doors, da ist ein Gebetskalender drin. Betet ihn durch! Betet für unsere Geschwister, die gerade in Indien erleben, wie ein paar hundert Kirchen abgefackelt wurden. Betet für sie! Weil es für euch so weit weg ist, ist es wichtig, dass wir begreifen, wie es anderen Leuten geht, was es heißt, wenn Familienangehörige einen verstoßen, umbringen wollen oder aufgrund des Glaubens ausgrenzen und töten.
Bete für diese Geschwister, damit du nicht hier sitzt und denkst: Mir geht es ja gut, mit dem Leid hat man gar nichts zu tun. Falsch! Also, wie sollen wir mit Leid umgehen? Ein Punkt: Bleib ruhig und denk nach!
Vielleicht hilft dir dabei ein Gedanke, den der Herr Jesus mehrfach bringt. Er sagt: Wenn du schon vor etwas Angst haben willst, dann fürchte Gott. Warum? Zitat: „Weil er allein Seele und Leib in der Hölle zu verderben vermag.“ Es muss dir klar sein, dass kein Leid dieser Welt dir antun kann, was Gott dir im ewigen Gericht antun kann.
Deswegen formuliert Jesaja im Alten Testament so treffend: „Den Herrn der Heerscharen sollt ihr heiligen, er sei eure Furcht und er sei euer Schrecken.“ Also wenn du dich schon fürchten willst, was ja nicht verkehrt ist, dann fürchte bitte das Richtige: Fürchte Gott! Und wenn du Gott fürchtest, weil du weißt, wer er ist, dann weißt du auch, dass er ein Gott der Treue ist, ein Gott, der mit dir durch diese Zeit geht und dich nicht enttäuschen kann.
Wenn ich das wieder weiß, dass Gott mich nicht enttäuscht, dann kann ich auch ruhig bleiben, vielleicht beten und sogar eine Situation nutzen. Das ist fast schon ein bisschen drollig. Beim nächsten Mal, wenn ich wieder hier bin, schauen wir uns an, welche Predigt Paulus hält. Paulus hält gleich eine evangelistische Predigt. Das muss man sich vorstellen: Eben noch wollten die einen ihn umbringen, und Paulus denkt nur daran, wie er denen, die eh schon alle da sind, ein bisschen aufgeregt und gerade zuhörend, das Evangelium bringen kann.
Es muss uns auch klar sein: Leid, das uns befällt, ist sehr häufig eine Plattform, von der aus ich das Evangelium predigen kann. Vielleicht denkt ihr, das ist ein großer Sprung in der Anwendung. Aber überlegt mal: Wenn du durch Leid gehst, gehst du anders durch Leid als ein Heide.
Ich hoffe, dass du, wenn du durch Leid gehst, einfach sagst: Okay, ich mache das, was die Bibel sagt. Wenn Leid kommt, bringe ich meine Sorgen mit Danksagung zu Gott und erfahre mitten im Leid, was Gott mir verspricht – nämlich übernatürlichen Frieden.
Dann erfahre ich auch, dass ich im Leid nicht allein bin. Psalm 23 ist zwar ziemlich abgegriffen, ich weiß, aber nichtsdestotrotz ist Psalm 23, Vers 4 ein toller Vers fürs Leid: „Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil.“ Halleluja, oder? „Ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir. Dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich.“
Ist das nicht der Hammer? Ja, ich muss durchs Leid, das ist das, was Jesus mir verheißt. Aber ich muss immer nur dem guten Hirten durchs Leid folgen. Er kennt den Weg und noch mehr: Wenn ich ihm folge, finde ich mitten im Leid Trost. Warum? Sein Stecken und sein Stab. Der Stecken ist so ein Knüppel und steht für Schutz, der Stab ist der Hirtenstab, der mich führt.
Ich kann mitten im Leid erleben, wie Gott für mich ist, wie er mich beschützt und leitet, so dass ich nicht verloren gehe. Ist das nicht großartig? Ich finde das so großartig! Ich erfahre im Leid Gottes Frieden und seinen Trost.
Und das bleibt an dieser Stelle nicht einmal stehen. Es gibt noch weitere Verse, wie Römer 8,18: „Denn ich denke, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen werden gegenüber der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll.“ Das heißt: Wenn du später mal zurückblickst, kannst du jemandem antworten, der fragt: „Wie war das damals?“ – „Ich weiß schon gar nicht mehr, war da was? Das ist hier alles so herrlich, wunderbar und schön. Komm, lass uns nicht darüber reden.“
Das ist so, als würdest du heute mit mir über alte Lateinklausuren reden: „Hey, das war Vergangenheit, das ist weit hinter mir, ich will nicht mehr darüber reden.“ Das war auch Leid, keine Frage. Aber das spielt in der Gegenwart überhaupt keine Rolle mehr.
So ist das ganz grundsätzlich: Leid führt für uns zur Hoffnung. Egal, was ich durchmache, am Ende ist das nichts im Vergleich zur zukünftigen Herrlichkeit.
Und jetzt überlege mal: Wenn das stimmt, wenn ich Leid durchmachen muss, aber Gott mir seinen Frieden, seinen Trost und seine Hoffnung gibt – meinst du, dass mein Leid eine Chance ist, mit anderen Leuten, die auch leiden, über den Gott zu reden, der mich mitten im Leid stärkt und fähig gemacht hat, das zu tragen? Ich glaube schon. Und das ist eine Chance, die wir haben.
Praktische Anwendung im Umgang mit Leid
Was heißt das Ganze jetzt praktisch für mich? Punkt vier: eine praktische Anwendung. Es gibt zu diesem Thema mit Sicherheit viele Anwendungen. Eine Anwendung ist mir besonders wichtig, gerade für uns hier in Deutschland.
Erster Petrus 4,12-13: Lasst euch durch das Feuer der Verfolgung, das euch zur Prüfung geschieht, nicht befremden, als träffe euch etwas Fremdes. Freut euch vielmehr, soweit ihr an den Leiden Christi teilhabt, damit ihr euch auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit jubelnd freuen könnt.
Wenn ich also über Leid spreche, dann ist mir völlig klar: Manchmal frage ich mich, was das Schlimmste ist, was uns passieren kann. Ich glaube, das Schlimmste, was uns aktuell passieren kann, ist ein Shitstorm in den sozialen Medien oder vielleicht der Verlust des Arbeitsplatzes. Dafür muss man sich aber schon ziemlich anstrengen.
Wahrscheinlich müsst ihr euch nicht so sehr anstrengen, wenn es darum geht, rote Farbbeutel gegen eure Gemeinde oder eure Wand zu werfen. Das könnte funktionieren, aber ganz ehrlich: Viel mehr wird schon schwierig, oder?
Dass hier jemand nach vorne kommt und sagt: „Gestern hat man meinen Vater abgeholt, ins Gefängnis geworfen wegen seines Glaubens, und übermorgen soll er exekutiert werden“ – das ist für uns nicht vorstellbar. Nichtsdestotrotz ist genau dieser Punkt, dass wir uns Dinge nicht vorstellen können, weil sie so weit weg sind, natürlich eine Gefahr.
Es besteht die Gefahr, dass, wenn dann doch mal etwas passiert und es ein bisschen ernster wird, wir wie dieser Frosch reagieren. Kennt ihr den Frosch, der in einem Topf sitzt, und dann macht man langsam das Wasser immer wärmer? Der springt nicht raus, der wird einfach gekocht. So kann es uns auch ergehen: Man merkt gar nicht, wie es immer wärmer wird, und irgendwann ist es zu spät.
Hier steht: „Geliebte, lasst euch durch das Feuer der Verfolgung unter euch, das euch zur Prüfung geschieht, nicht befremden.“ Bitte sagt nicht irgendwann, wenn es tatsächlich mal schlimmer wird: „Boah, was ist denn das? Hätte ich ja nie gedacht, dass mir das mal passieren könnte.“ Mach das bitte nicht.
Wenn etwas passiert, wo du sagst: „Boah, das geht jetzt echt einen ganzen Schritt weiter, als ich das bisher erlebt habe“, dann buch das unter Prüfung und fang an, dich zu freuen. Warum? Du machst nur das durch, was der Herr Jesus vor dir durchgemacht hat.
Keine Sorge, ich predige nicht, dass wir das Leid herausfordern sollen. Das ist die Sache mit „Sei klug wie die Schlange“ – das sollen wir sein. Du musst nicht unnötig provokant sein oder dich absolut dämlich anstellen. Aber wenn Leid kommt, musst du auch nicht sagen: „Oh, was ist denn das jetzt? Das hätte ich ja nie erwartet.“ Das ist genauso falsch.
Bereite dich einfach innerlich darauf vor. Eine Möglichkeit, sich darauf innerlich vorzubereiten, besteht darin, für andere Leute zu beten – das hatte ich euch schon gesagt. Aber natürlich können wir uns auch mit dem Herrn Jesus selbst beschäftigen. Wir folgen ihm ja. Er hat sein Kreuz getragen, wahrscheinlich werden auch wir unser Kreuz tragen dürfen, denn er sagt ja, dass wir unser Kreuz täglich aufnehmen sollen.
Hebräer 12,1-3 ist der letzte Bibelvers, den ich vorlesen möchte. Dort steht der Gedanke, dass wir uns regelmäßig mit dem Herrn Jesus beschäftigen sollen. Ich kann euch das nur ans Herz legen:
„Deshalb lasst uns nun, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, jede Bürde und die uns so leicht umstrickende Sünde ablegen und mit Ausdauer den vor uns liegenden Wettlauf laufen. Lasst uns hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens.“
Was macht Jesus so besonders? Er hat um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht geachtet. Das ist das, was ihn besonders macht. Er erduldete das Kreuz und setzte sich zur Rechten des Thrones Gottes.
Deswegen ist es wichtig, sich beim Abendmahl wenigstens das zu vergegenwärtigen: Was passiert da eigentlich? Betrachte den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat.
Wenn ich mir anschaue, was Jesus durchgemacht hat – dazu gehören wahrscheinlich die Dämlichkeit der Jünger genauso wie der Verrat von Judas, der Hohe Rat, der ihn zum Tode verurteilt, und Pilatus, der ihn als Realpolitiker einfach nur loswerden will – wenn ich mir dieses gesamte Paket anschaue und es auf mich wirken lasse, dann sage ich: „Gott, was meinst du wohl, was dir passieren darf? Du bist doch nicht Jesus, du bist doch nicht der Messias.“
Wir sind nur ein kleines Licht, das ihm folgen darf. Denn betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen euch erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet und in euren Seelen ermattet.
Merkt ihr, das ist wie ein Trick: Ich beschäftige mich mit Jesus, und dann werde ich nicht ermüden, werde nicht ermatten. Es ist einfach gut, sich immer wieder daran zu erinnern, was der Herr Jesus durchgemacht hat.
Es ist gut, daran zu denken, dass wir das Leben führen, das der Herr Jesus als Erster geführt hat. Und die Motivation des Herrn Jesus ist Freude. Er schaut nach vorn und sagt: „Boah, das Beste kommt noch.“
Die Frage ist: Hast du diese Motivation? Kannst du leiden, weil du sagst: „Das Beste kommt noch“? Oder bist du so tief in dieser Welt verankert mit dem, was diese Welt zu bieten hat, mit den Hoffnungen, die diese Welt dir geben und erfüllen soll, dass du sagst: „Na ja, so richtig Freude auf den Himmel habe ich eigentlich nicht“?
Dann ist es wichtig, dass wir Gottes Treue im Leid erkennen, wenn wir mittendrin stecken. Manche von euch werden mittendrin stecken, manche sitzen heute hier, und für sie ist Leid keine Theorie, sondern ganz praktisch.
Menschen, die innerlich und äußerlich weinen, denken: „Jürgen, wenn du wüsstest, wie es mir geht, wenn du wüsstest, wie die vergangene Woche an meinen Nerven gezerrt hat.“
Dann ist es wichtig, dass wir begreifen: Gott ist ein Gott, der uns nie verlassen wird. Vielleicht wird er dein Leid benutzen, um es als Plattform zu gebrauchen, damit du Zeuge sein kannst. Vielleicht.
Zusammenfassung der praktischen Anwendung
Nochmal diese drei Punkte, drei Anwendungen, die mir wichtig werden.
Zum einen: sich nicht befremden lassen, wenn Leid kommt. Also wenn Verfolgung, Ablehnung oder Ausgrenzung geschieht. Wenn es vielleicht irgendwann auch in körperliche Gewalt umschlägt oder in Lügen, die über uns erzählt werden. Dann lasst uns einfach nicht überrascht sein. Lasst uns an dieser Stelle nicht sagen: „Oh, das ist aber unfair.“ Es ist unfair, aber es darf nicht überraschend kommen.
Ein zweiter Punkt: Lasst uns – ich weiß, das klingt so fromm und fast ein Stückchen platt – auf Jesus schauen. Wirklich, lasst uns immer wieder schauen, wie er gelebt hat, und von dem lernen, wie er gelebt hat. Besonders wenn es um Dinge geht wie seine Gottesbeziehung und seinen Umgang mit Leid.
Der dritte Punkt: Wenn du im Leid drinsteckst, wird Paulus diesen Moment nutzen, um den Leuten, die ihn umbringen wollen, das Evangelium zu predigen. Vielleicht kann Gott auch dein Leid jetzt schon benutzen, sodass es zum Guten mitwirkt. Vielleicht öffnet sich irgendwo eine kleine Tür, durch die dein Leid Menschen in Fragen bringt. Sie fragen sich dann: „Sag mal, wie kann das sein, dass du an dieser Stelle noch so optimistisch, so hoffnungsvoll, so getröstet und so ruhig durchs Leben gehst? Du müsstest doch völlig aufgelöst sein.“
Und vielleicht kannst du dann sagen: „Weißt du, ich habe einen Gott, der mir Frieden, Trost und Hoffnung spendet. Wenn ich dir davon etwas erzählen darf, würde ich das gerne tun.“ Denn wir alle leiden. Leid ist nichts, was an irgendeinem Menschen in dieser Welt vorbeigeht.
Deswegen sollte das ein kleiner Rundumschlag zum Thema Leid sein. Ich habe mir etwas erlaubt: Wenn ihr euch das Skript anschaut, dann werdet ihr am Ende eine fertige Hauskreisvorbereitung finden. Das macht KI inzwischen einfach, das ist ganz nice.
Von daher: Wenn ihr euer Skript anschaut und sagt, ich möchte das gerne im Hauskreis nacharbeiten, dann findet ihr dort alles, was ihr braucht, um dieses Thema im Hauskreis zu vertiefen. Ich glaube, es ist definitiv ein Thema, bei dem wir fit sein sollten im Blick auf die Zeit, die vor uns liegt.
Amen.
