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Johannesevangelium 1,30-34 Die Bedeutung von Jesu Taufe

Johannes 1,30-3415.12.2019
Serie•Teil 7 / 44Johannes-Evangelium
Jesus kann dir vertraut sein – und trotzdem zu klein bleiben. Johannes erkennt den Messias erst, als Gottes Geist auf ihn weist. Die Frage ist brutal einfach: Wer ist Jesus für dich wirklich?

Einordnung und Ausgangspunkt

Also, für alle, die noch nicht wissen, warum wir jetzt Fragen verteilen: Hier sitzt die große Gruppe vom Kindergottesdienst mit im Raum, und es kam die Idee auf, dass die Fragen für die Erwachsenen vielleicht auch nicht schlecht wären.
Wir wollen wieder gemeinsam eintauchen ins Johannesevangelium. Letzten Sonntag haben wir Johannes den Täufer etwas über Jesus sagen hören, nämlich: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt. Und heute wollen wir genau diese Episode weiter betrachten. Das ist so an einem Tag passiert, alles, was wir heute betrachten. Wir wollen diese Episode noch weiter betrachten.
Ich muss vorher nur noch auf eine Sache hinweisen. Das hatte ich schon mal gesagt, aber das mache ich jetzt noch mal. Johannes, gemeint ist der Apostel, da dürft ihr nie durcheinanderkommen. Es gibt Johannes den Apostel, der das Evangelium geschrieben hat, und es gibt Johannes den Täufer, um den es geht. Ich weiß auch, ich hätte auch lieber zwei Namen, aber es ist halt ein und derselbe Name.
Also: Johannes der Apostel, der Autor, setzt beim Johannesevangelium voraus, dass man die anderen Evangelien kennt. Was ich damit meine, ist Folgendes: Johannes füllt die Lücken, die er in den synoptischen Evangelien sieht. Er beschreibt also Dinge, die Matthäus, Markus und Lukas nicht geschrieben haben. Die anderen Dinge wiederholt er aber nicht.
Das heißt, er beschreibt kaum etwas von dem Dienst von Johannes dem Täufer, aber er beschreibt diese eine Sache, wo aus Jerusalem die Abgesandten kommen und Johannes fragen: Sag mal, wer bist du eigentlich? Er beschreibt nicht die Taufe von Jesus, absolut null. Die anderen beschreiben sie zur Genüge, immer wieder. Das ist total wichtig für die anderen. Johannes lässt das einfach weg. Aber er beschreibt Details aus dem Leben Jesu, die direkt im Anschluss an die Taufe kommen. Er setzt das einfach voraus, dass wir das wissen.
Und diese Dinge, die jetzt genau so wenige Tage nach der Taufe von Jesus passieren, die schauen wir uns die nächsten zwei Predigten lang an. Und als Einstieg möchte ich gerne mit euch einen Text aus dem Matthäusevangelium lesen, wo wir einen Eindruck davon bekommen, wie war das denn, als Jesus getauft wurde. Wie gesagt, Johannes beschreibt uns das nicht, und deswegen gehen wir jetzt bei Matthäus rein, damit wir uns wieder daran erinnern. Matthäus 3, die Verse 13-17.
Dann kommt Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wehrte ihm und sprach: Ich habe nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt so sein, denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Was auch immer das bedeutet, darüber rede ich heute nicht. Aber zumindest war Johannes der Täufer an der Stelle überzeugt, da lässt er ihn. Und als Johannes getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf, und siehe, die Himmel wurden ihm geöffnet, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und auf sich kommen. Und siehe, eine Stimme kommt aus dem Himmel, welche spricht: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.
Und ihr merkt, das sind alles Dinge, die Johannes eben weglässt. Jesus kommt, um sich taufen zu lassen. Johannes ist erst einmal sehr zurückhaltend. Die beiden, Jesus und Johannes, sind verwandt. Wir wissen nicht genau, wie genau, aber sie sind miteinander verwandt. Und Johannes spürt, dass Jesus überhaupt nicht Zielgruppe seiner Predigt ist. Null. Also wenn schon Taufe, dann bitte umgekehrt.
Man kann sich das auch gut vorstellen. In Markus 1,5 wird beschrieben, wie die Israeliten, die kamen, um sich taufen zu lassen, ihre Sünden bekannten. Die Taufe des Johannes war was? Sie war eine Taufe der Buße, der Umkehr, zur Vergebung von Sünden. Eine Taufe der Buße zur Vergebung von Sünden. Leute lassen sich taufen, weil sie zu Gott umgekehrt sind, weil sie ihre Sünden loswerden wollten.
Und jetzt kommt Jesus. Du hast all die Leute, die da stehen: Ja, ich habe das angestellt, und das angestellt, und da ist mir das, und das muss ich jetzt ... Und die lassen sich taufen. Boah, jetzt bin ich endlich frei. Und jetzt kommt Jesus, der hat nur keine Sünde. Also alle bekennen ihre Sünde, und Jesus nicht. Er hat keine. Und Johannes scheint das irgendwie zu wissen. Für ihn ist klar: Wenn hier einer jemanden tauft, dann du mich. Und nicht umgekehrt.
Aber Jesus macht ihm dann klar, dass es trotzdem okay ist. Er, der Messias, muss sich, ich sage mal mit meinen Worten, ganz mit den Menschen identifizieren, die er retten will. Und Johannes tauft ihn, und dann geschehen zwei Dinge: Jesus und mindestens noch Johannes, die sehen den Geist Gottes in Gestalt einer Taube auf Jesus niederkommen, auch bleiben. Und Gott, der Vater, spricht aus dem Himmel. Die zwei Dinge passieren noch.
Also diese Dinge, die wir jetzt gerade betrachten, die liegen hinter uns, wenn wir den Text von heute, Johannes 1, die Verse 30 bis 34, betrachten. Die sind gerade passiert. Und jetzt gehen wir rein in Johannes 1, Verse 29 und 30. Wir nehmen den von letztem Mal noch mit dazu, NGÜ, Neue Genfer Übersetzung. Da heißt es dann:
Am nächsten Tag kam Jesus zu Johannes. Als dieser ihn kommen sah, rief er: Seht, hier ist das Opferlamm Gottes, das die Sünde der ganzen Welt wegnimmt. Er ist es, von dem ich sagte: Nach mir kommt einer, der größer ist als ich, denn er war schon vor mir da.
So weit, so gut. Wir kennen das schon, das ist nichts Neues. Hatten wir in den letzten Predigten schon alles behandelt. Ja, Jesus ist größer als Johannes, einfach deshalb, weil er der präexistente Gott ist, der Mensch wurde. Und das ist alles normal.
Merkwürdig wird, wie es jetzt weitergeht. Also bis hierher können wir sagen: Super, habe ich verstanden, danke, Haken dran. Aber jetzt kommt der nächste Vers, und der ist einfach mal nur merkwürdig.

Die erste Irritation

 Johannes 1,31: Da sagt Johannes: Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbar werde, deswegen bin ich gekommen, mit Wasser zu taufen.
Okay, merkt ihr, warum dieser Text merkwürdig ist? Also, ich habe ja manchmal so Praktikanten. Jetzt ist gerade Tabea da, die haben wir ja immer noch nicht vorgestellt. Das holen wir jetzt mal nach. Tabea, stehst du mal bitte auf? Also, Tabea Seder für hundert Tage bei uns, für die Eingeweihten: Wir haben wieder einen Knecht oder in dem Fall eine Magd.
Zu einem Bibeltext, den du gerade liest: Warum ist es ein schönes Spiel, gute Fragen zu finden? Na ja, wenn du nach guten Fragen suchst, nach Dingen, die du noch nicht verstanden hast, trainierst du das genaue Lesen. Und du trainierst die Fähigkeit, gute Fragen zu stellen. Und die ist tatsächlich die Voraussetzung für gutes Bibelstudium.
Eigentlich ist Bibelstudium nichts anderes als: Ich beantworte Fragen zur Bibel. Wenn ich mir also selber viele gute Fragen stelle und die dann immer für mich gut beantworte, habe ich schon gelernt, wie man gutes Bibelstudium macht.
Also wäre eine gute Frage hier zu diesem Text: Warum bitteschön sagt Johannes, dass er Jesus nicht kannte, wenn er mit ihm verwandt ist? Damit wir verstehen, wie eng die beiden sind: Da gibt es eine ganz lustige Geschichte. Da bekommt Johannes der Täufer selbst noch im Bauch seiner Mutter, als Embryo oder als Baby, also noch drin, Besuch von der gerade schwanger gewordenen Maria. Sie ist auch gerade schwanger, also ist auch Jesus schon im Bauch. Und als die beiden sich im Bauch treffen, hüpft Johannes.
Also, ich sage mal, die beiden waren sich schon nah. Ich weiß nicht, wer von euch sagen könnte: Ja, damals, als wir uns im Bauch trafen, da hüpften wir. Da ist irgendwie eine ganz enge Verbindung zwischen beiden. Die sind verwandt und haben da so etwas. Die können miteinander. Und wir wissen doch, dass Johannes genug über Jesus weiß, um ihn nicht taufen zu wollen. Er sagt: Ich taufe dich nicht, ich kenne dich, du passt hier nicht rein.
Die sind verwandt, der weiß das alles, und dann sagt er hier nach der Taufe: Ich kannte ihn nicht. Das ist eine ziemlich steile Aussage. Und noch interessanter: Unser Text betont das, wenn wir ihn weiterlesen. Er wiederholt nämlich die Aussage zwei Verse später in Vers 33: Und ich kannte ihn nicht.
Was meint Johannes damit? Einerseits kennt er Jesus, andererseits kennt er ihn nicht. Er kennt ihn gut genug, um zu wissen, dass er die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden nicht braucht. Andererseits kennt er ihn doch nicht wirklich.
Die Antwort auf die Frage, warum Johannes sagt, dass er Jesus nicht kannte, ist vielleicht gar nicht so schwer. Ich kann nämlich jemanden kennen, ihn schätzen, wissen, dass er ein vorbildliches Leben führt. Und dann gibt es da noch so ein paar Geschichten, die liegen so knapp dreißig Jahre zurück. Ja, das sind so merkwürdige Umstände bei der Geburt. Ich kann das alles wissen, und ich kann doch noch nicht verstanden haben, mit wem ich es wirklich zu tun habe.
Als Johannes der Täufer sich weigert, Jesus zu taufen, ist ihm noch nicht wirklich klar, wer Jesus ist. Und das ist ein klein bisschen verrückt.

Was der Täufer schon predigte, aber noch nicht ganz begriff

Was predigt Johannes in der Wüste? Ich bringe euch mal ein Beispiel aus Matthäus 3, Verse 8, 11 und 12. Das ist jetzt aus der Predigt von Johannes dem Täufer, damit wir so eine Idee davon bekommen, was er eigentlich da gepredigt hat:
Bringt nun der Buße würdige Frucht.
Ich zwar taufe euch mit Wasser zur Buße, der aber nach mir kommt, ist stärker als ich. Dessen Sandalen zu tragen ich nicht würdig bin, der wird euch mit heiligem Geist und mit Feuer, ein Bild für Gericht, taufen. Seine Worfschaufel ist in seiner Hand, und er wird seine Tenne durch und durch reinigen und seinen Weizen in die Scheune sammeln. Die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.
Eine Worfschaufel, das wollte ich euch erklären. Eine Worfschaufel ist das, was der hier oben links sieht man da noch so ein bisschen in der Hand hat, und er wirft etwas hoch. Was er hochwirft, ist Getreide, das man gedroschen hat. Das heißt: Ich habe die Körner, und ich habe die Spreu. Spreu und Weizen. Und jetzt trennen wir Spreu und Weizen, indem wir das einfach in die Luft werfen, an einer Stelle, die man Tenne nennt, wo am besten ein bisschen Wind ist.
Und jetzt könnt ihr euch vorstellen, was passiert: Diese Worfschaufel greift in diesen Haufen aus Spreu und Weizen, wirft es hoch, und jetzt sieht man, wenn man genau schaut, vor dem dunklen Hintergrund der Kleidung sieht man die Körner. Die fallen nämlich einfach plopp wieder runter, während die Spreu so leicht ist, dass der Wind kommt und sie wegweht.
Dieses Bild verwendet Johannes, um zu sagen: Wenn der Messias kommt, dann wird er seine Worfschaufel nehmen. Und das ist ein Bild: Er wird also Menschen trennen, wie man Spreu von Weizen trennt. Und er wird den Weizen, das sind die Menschen, die glauben, sammeln. Und er wird die Spreu, das sind die Menschen, die nicht glauben, mit unauslöschlichem Feuer verbrennen. Ein Bild für Gericht.
Johannes predigt das. Er predigt das, er bewundert Jesus, und er ahnt doch nicht, dass Jesus genau der sein könnte, von dem er hier gepredigt hat. Zweimal: Ich kannte ihn nicht.
Ich predige von dem Messias. Ich predige davon, dass der Messias Gericht ins Leben der Menschen hineinbringt, die nicht der Buße würdige Frucht bringen. Ich weiß, der wird kommen. Ich kann Dinge sagen: Ich bin nicht würdig, seine Sandalen zu tragen. Ich predige das und habe trotzdem keine Ahnung, dass mein lieber Verwandter Jesus genau diese Person ist.
Der, den ich schätze, wo ich denke, den brauche ich nicht taufen, der hat keine Sünden in seinem Leben, das weiß ich alles. Und deshalb, weil Johannes dasteht und solche Sachen richtig predigt und gleichzeitig noch nicht verstanden hat, wer ist es denn jetzt? Jesus bewundert, aber nicht den nächsten Schritt geht und sagt: Das muss er sein. Deswegen die Sache mit der Taube. Die Taube ist für Johannes.

Das Zeichen vom Himmel

Und merkt ihr was? Ihr könnt jetzt Matthäus, Markus und Lukas lesen. Da gibt es auch eine Taube, aber die Synoptiker, die drei, vergessen zu erwähnen, wofür die Taube eigentlich ist. Die sagen nur: Da war was.
Und jetzt kommt Johannes. Er hat so einen engen Draht zu Johannes dem Täufer, also der Apostel Johannes und Johannes der Täufer, die kennen sich. Und er merkt: Da fehlt noch was. Da fehlt in der Geschichte einfach noch was. Deshalb bringt er diese Ergänzung: Johannes 1,32-33.
Und Johannes bezeugte und sprach: Ich schaute den Geist wie eine Taube aus dem Himmel herabfahren, und er blieb auf ihm. Und das ist ja schon mal merkwürdig. Also du hast da so den Eindruck: Ja, da kommt irgendwie die Taube von oben. Tauben haben im Allgemeinen nicht so die Angewohnheit, sich auf jemanden zu setzen und dann da zu bleiben. Und irgendwie hast du auch den Eindruck: Das ist der Heilige Geist.
Und ich kannte ihn nicht, also bis zu diesem Moment, ich kannte ihn nicht. Aber der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, das ist Gott der Vater, der sprach zu mir. Wir merken: Johannes ist ein Prophet. Auf welchen du sehen wirst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, dieser ist es, der mit heiligem Geist tauft.
Wir fassen das nochmal zusammen: Johannes der Täufer predigt von einem, der mit heiligem Geist tauft, aber er weiß nicht, wer das ist. Vielleicht hätte er das wissen können, aber es ist einfach im Nachhinein immer leicht zu sagen: Warum bist du nicht auf Jesus gekommen? Im Nachhinein ist das immer leicht. Er hatte Jesus nicht auf dem Schirm, also bekommt er ein Zeichen.
Johannes ist ein Prophet. Propheten sind Leute, zu denen Gott spricht. Also spricht Gott zu ihm und sagt: Pass auf, auf welchen du sehen wirst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, dieser ist es, der mit Heiligem Geist tauft. Und als er dann die Taube sieht, die aus dem Himmel herabkommt und auf Jesus sitzen bleibt, da ist ihm irgendwie klar: Das ist der Heilige Geist. Und jetzt weiß ich endgültig, vielleicht hatte er eine Idee vorher, das will ich nicht durchstreichen, aber er sagt: Ich kannte ihn nicht. Jetzt weiß ich endgültig, wer mit Heiligem Geist tauft, dass Jesus der ist, der mit Heiligem Geist tauft.
Letzter Vers: Und ich habe gesehen und habe bezeugt, dass dieser der Sohn Gottes ist. Okay, das ist jetzt nicht mehr weit, dieser Sprung, wenn man die ganze Geschichte im Blick hat, wenn man weiß, da gab es ja auch noch die Stimme aus dem Himmel, die da sagt: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe. Das ist jetzt kein gewaltiger Schritt mehr zu dem Zeugnis.
Das ist unsere Geschichte heute.

Warum der Täufer Jesus nicht sofort erkannte

Warum hat Johannes nicht gleich an Jesus gedacht? Gute Frage. Ich spekuliere mal.
Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Taufe mit dem Heiligen Geist ein so epochales und alles umwälzendes Ereignis darstellt, dass man bei so etwas eben nicht sofort an jemanden denkt, den man von klein auf kennt. Also: Du wächst mit jemandem heran, du findest ihn toll, aber zu sagen: Das ist jetzt der, auf den die Welt wartet, das ist ein Sprung, den musst du erst einmal schaffen. Vielleicht ist es so einfach.
Nebengedanke, den ich euch nicht vorenthalten wollte: Wenn Johannes nicht gleich an Jesus denkt, dann wahrscheinlich auch deshalb, weil Jesus als Kind nicht so total besonders war. Es gibt apokryphe Evangelien, das sind Evangelien, die nicht in der Bibel gelandet sind, weil sie viel später entstanden sind und weil das, was da geschrieben ist, auch einfach so an der Grenze zwischen lustig und erbaulich sich befindet. Wir machen das nachher in der großen Gruppe vom Kindergottesdienst, da werde ich euch noch ein paar Sachen vorlesen.
Damit ihr euch vorstellen könnt, wie so ein apokryphes Evangelium sich anhört, habe ich euch aus dem Kindheitsevangelium nach Thomas, und es gibt noch andere, meine Geschichte mitgebracht, wie die Leute damals dachten, dass Jesus als Kind drauf war. In der Bibel gibt es eine Geschichte: Jesus als Zwölfjähriger am Tempel. Schnitt.
Ich habe den Eindruck: Wenn Johannes hier nicht genau weiß, wer der Messias ist, dann war Jesus nicht die ganze Zeit seiner Kindheit damit beschäftigt, irgendwelche abstrusen Wunder zu tun, wo jeder sagt: Na, ist doch logisch, der eine ganz simple Geschichte. Und es gibt Gruseliges hier aus dem Kindheitsevangelium nach Thomas, Kapitel 13, und das ganze Ding ist nur voller solcher Geschichten.
Also: Jesus’ Vater war Zimmermann, damals stellte er aber auch Pflüge und Joche her. Eines Tages erhielt er von einem reichen Mann den Auftrag, ein Bett anzufertigen, doch das eine der beiden Bretter war zu kurz. Josef wusste nicht, was er tun sollte. Da sagte Jesus zu seinem Vater: Leg die beiden Bretter so auf den Boden, dass sie an der einen Seite gleich aufliegen. Josef tat, wie geheißen. Dann ging Jesus auf die andere Seite, ergriff das kürzere Brett und streckte es, bis es genauso lang war wie das andere. Als sein Vater Josef das sah, staunte er sehr. Er umarmte das Kind, drückte es an sich und sagte: Wie selig bin ich, dass mir Gott dieses Kind geschenkt hat.
Das ist das Niveau von Kindheitsevangelien. Und wie gesagt, wir werden nachher noch ein paar andere Geschichten dazu hören, da gibt es noch ... also, es ist wirklich nur voll so Zeugs. Wenn das wahr wäre, dass er ständig irgendwie Bretter oder Leute gesund macht oder aus Tonklumpen fliegende Vögel werden und so, wenn das ständig passiert wäre, dann wäre die Frage, wer ist der Messias, relativ früh geklärt. Aber das ist nicht passiert.
Und Johannes der Täufer wundert sich zu Recht und weiß es einfach nicht: Wer kann dieser Messias sein? Und er kommt nicht gleich auf Jesus. Man kann den Sohn Gottes übersehen, und genau das ist Johannes dem Täufer passiert.

Die Verheißung des Geistes und ihre Erfüllung

Kommen wir noch einmal ganz kurz zurück. Was würde der Messias machen, wenn er kommt? Warum die Taube? Er wäre der, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das ist die ultimative Verheißung, die am Ende des Alten Testaments noch offen ist. Die ultimative Verheißung.
Ich habe euch drei Verse mitgebracht, einmal aus Jesaja 44,3, aus Hesekiel 39,29 und Joel 3,1. Ich lese sie mal einfach nur vor, damit ihr merkt: Diese Verheißung, dass Gott seinen Geist ausgießen wird, ist etwas, womit das gesamte Alte Testament endet. Aber das ist noch nicht erfüllt. Das kommt einfach noch.
 Jesaja 44,3: Denn ich werde Wasser gießen auf das Durstige und Bäche auf das trockene Land. Ich werde meinen Geist ausgießen auf deine Nachkommen und meinen Segen auf deine Sprösslinge.
 Hesekiel 39,29: Und ich werde mein Angesicht nicht mehr vor ihnen verbergen, wenn ich meinen Geist über das Haus Israel ausgegossen habe, spricht der Herr.
Und ganz bekannt, weil das die Stelle ist, auf die dann Petrus an Pfingsten Bezug nimmt, Joel 3,1: Und danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch, und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, eure Greise werden Träume haben, eure jungen Männer werden Visionen sehen.
Das war das Neue. Im Alten Testament haben einige ausgewählte Gläubige den Heiligen Geist, und zwar irgendwie auch nur, na ja, nicht unbedingt fürs ganze Leben. Im Neuen Bund, wenn der Messias kommt, hat jeder Gläubige den Heiligen Geist. In jedem Gläubigen gibt es dieses innere Wissen um seine Beziehung mit Gott, eine mehr als nur emotionale oder intellektuelle Verbindung mit Gott. Eine Verbindung, die umso stärker und erfahrbarer wird, je mehr wir uns mit dem Wort Gottes beschäftigen. Und die Bibel nennt das: je mehr wir voll Heiligen Geistes werden.
Und würde man Paulus fragen, wie wird man voll Heiligen Geistes, dann würde er sagen: Du musst viel von dem reden, was Gott in deinem Leben tut. Du musst es lernen, dich an Gott zu freuen. Du musst einfach für alles danken, was Gott in deinem Leben macht, und nimm die Rolle ein, die Gott dir gegeben hat. Und wenn du das tust und wenn du dann den Geist Gottes nicht durch Sünde betrübst oder vielleicht sogar auslöschst, dann wird der Heilige Geist in deinem Leben. Er wird dich leiten, verändern, kräftigen, und er wird uns miteinander verbinden.
 1. Korinther 12,13: Denn in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, ob Juden oder Griechen, ob Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden.
Es ist der Geist Gottes, der uns verbindet. Es ist nicht deine Performance, es ist nicht deine Spende, nicht dein Hiersein, nicht dein Einsatz in der Gemeinde, nicht dein mir fröhlich Zuhören. Das, was uns verbindet, ist, dass wir alle mit einem Geist getränkt worden sind, alle zu einem Leib getauft worden sind.
Und deswegen: Jeder Christ hat den Heiligen Geist, und wer ihn nicht hat, der ist kein Christ. Wann kommt der Heilige Geist? Wann fängt Jesus an, mit Heiligem Geist zu taufen? Die Antwort ist ganz einfach: An Pfingsten.
An Pfingsten hat der alte Bund, geschlossen mit Israel, ausgedient. Und Gott startet mit der ganzen Welt noch einmal durch. Und das ist eine ganz neue Ära. Also ab Pfingsten wird der Heilige Geist für jeden Gläubigen Standard. Ab Pfingsten wohnt Gott durch seinen Geist in denen, die ihn lieben. Gott erfüllt wirklich seine Verheißung.

Die Frage an die Gegenwart

So, jetzt wissen wir ein bisschen etwas über den Heiligen Geist. Wir wissen, dass das eine riesige Verheißung ist. Wir können uns vorstellen, dass so eine gigantische Verheißung dazu führt, dass du sagst: Hm, kann das sein, dass vielleicht der, mit dem ich da im Schlamm gebuddelt habe, jetzt der Messias ist? Vielleicht fällt es dir schwer, das zu glauben.
Zum Glück gibt es die Sache mit der Taube, und Johannes der Täufer hat seine Lektion gelernt. Ich würde jetzt gern die Predigt damit beenden, dass ich uns die Frage stellen möchte: Haben wir dieselbe Lektion gelernt?
Also, ich habe länger darüber nachgedacht: Was mache ich mit so einer Predigt? Jetzt habe ich das alles gesagt, was der Text für mich hergibt. Und ich merke, da ist einer, der hat seine Lektion gelernt. Und die Frage ist: Haben wir die Lektion auch gelernt? Oder, mit anderen Worten: Mir scheint, so ein Text wie hier, Johannes 1,30-34, macht uns auf ein Problem aufmerksam, das ich mal so beschreiben will.
Man kann geistlich gut unterwegs sein, seine Bibel kennen und eine hohe Meinung von Jesus haben und doch nicht groß genug von Jesus denken. Ich finde diesen Gedanken persönlich spannend. Denn Johannes der Täufer ist einer, der den Heiligen Geist hat. Er hat ihn schon als Baby gekriegt. Er ist der bedeutendste der alttestamentlichen Propheten. Also: Johannes ist kein kleines Licht. Und trotzdem passiert es ihm, dass er zu klein von Jesus denkt, dass Jesus in seinem Denken nicht so groß ist, wie er wirklich ist.
Diese Formulierung „Ich kannte ihn nicht“ ist so markant. „Ich kannte ihn nicht“, zweimal, so diese starke Betonung: „Ich kannte ihn nicht.“ Und deshalb habe ich mir die Frage gestellt, ob das heute vielleicht immer noch uns passieren kann. Ich meine, dass man in einem Gottesdienst sitzt, dass man sich auf Weihnachten freut, so mit dem Kind in der Krippe, dass man Christ ist – ich möchte das jetzt niemandem absprechen – und trotzdem, obwohl man eigentlich mit Gott gut unterwegs ist, trotzdem, wenn es darum geht, wer Jesus ist, dass wir trotzdem vielleicht noch zu klein oder vielleicht muss man sagen: auch wieder zu klein von ihm denken.
Wenn ich das sage, geht es mir um zwei Aspekte. Das eine ist: Ich denke dann zu klein von Jesus, wenn ich nicht genug über ihn weiß. Vielleicht habe ich noch nicht alles verstanden, was Jesus betrifft. Vielleicht habe ich noch nicht verstanden, dass Jesus ewiger Herrscher ist, Retter, Richter, Erschaffer und Erhalter des Universums, dass er wirklich der Dreh- und Angelpunkt der kompletten Weltgeschichte ist. Vielleicht habe ich das noch nicht wirklich verstanden. Ich habe es vielleicht schon gehört, aber es hat mich im Grunde meiner Seele noch nicht erreicht.
Kennt ihr das? Ja, man weiß etwas, aber es ist noch nicht da. Es ist so im Kopf schon präsent: Ja, Jesus ist Herr. Und wir singen das auch. Und irgendwie haben wir da eine Vorstellung davon, was das bedeuten könnte. Aber im Alltag ist das noch ein Stück zu weit weg. Da ist das halt nur hier. Und man sagt dann immer: noch nicht hier. Ich halte zwar von hier und hier nichts, aber ihr versteht wenigstens, was ich zum Ausdruck bringen möchte. Ich weiß etwas, aber es ist noch nicht wirklich präsent.

Gewöhnung, Bewunderung und geistliche Erneuerung

Und dann dachte ich mir, es gibt noch so einen zweiten Punkt.
Das, was ich eben sagte, betrifft eher die Leute, die vielleicht am Anfang ihres Glaubenslebens stehen und Jesus noch kennenlernen. Aber es gibt noch einen zweiten Aspekt, und der ist mir bei mir selber aufgefallen. Und der hat weniger mit Wissen zu tun als mehr mit Bewunderung.
Das eine ist: Ich denke zu klein von Jesus, weil ich noch nicht alles weiß, wer er ist, oder das noch nicht alles verstanden habe. Das andere ist: Ich habe mal groß von ihm gedacht, aber dann habe ich das wieder vergessen.
Man hat das manchmal, wenn Ehepaare alt werden, dass sie aufhören, einander zu bewundern, dass sie den Reiz aneinander verlieren, dass da etwas wie eine Flamme ausgeht, dass man sich nicht wirklich mehr kennt. Und ich habe mir die Frage gestellt: Kann das im geistlichen Leben auch passieren? Also kann das nicht nur eine Frage des Wissens sein, was ich durchdenken muss, sondern kann es womöglich eine Frage sein, wie ich heute zu Jesus stehe?
Und ich habe mir diese Frage gestellt: Jürgen, wie viel Gewöhnung, wie viel Routine ist eigentlich in deinem geistlichen Leben drin? Ich weiß: Routine für meine Ehe ist der Tod. Ich würde immer mit Leidenschaft gegen Nicht-Routine kämpfen. Da muss immer auch etwas Spontanes mit dabei sein. Routine kann gut sein, aber es muss auch immer etwas dabei sein, also irgendetwas Wildes, was nicht geplant ist.
Und ich frage mich: Ist das in meiner Bewunderung, in meinem Leben mit Jesus auch so? Oder habe ich da vielleicht so einen Zustand erreicht, wo ich noch bete? Wie gesagt, es geht mir null darum, dass ich euch irgendwie Glauben absprechen will. Es geht um die Frage: Wie denke ich gerade über Jesus? Ist er wirklich noch auf dem Thron meines Lebens? Sitzt er da noch mit aller Leidenschaft und Inbrunst? Darf er mein Leben wirklich in die Hand nehmen und sagen: Ich forme es jetzt nach meinen Vorstellungen?
Und ich knie vor dem Thron und sage: Danke, Herr, danke, dass du das machst, weil es mir nichts Besseres passieren kann. Oder habe ich angefangen, mich schon neben ihn zu setzen und zu sagen: Wir regeln das mal gemeinsam? Und Jesus sagt: Ich wollte dich da gar nicht auf dem Thron haben, ich brauche dich eigentlich auch nicht. Und ich denke mir: Na ja, früher dachte ich, du wärst der Herr der Herren, aber heute reicht es, wenn wir miteinander herrschen.
Versteht ihr, dass Jesus kleiner wird, dass ich ihm nicht mehr so vertraue, dass ich vielleicht denke, es sind Dinge in meinem Leben passiert, boah, vielleicht muss ich mein Leben wieder mehr in die Hand nehmen, vielleicht darf er nicht so groß sein, nicht so der sein, der so absolut in mein Leben hineinspricht. Und ich wusste da, wer er ist, aber ich habe das so ein bisschen aus dem Blick verloren. Und eigentlich kenne ich ihn gerade nicht so gut. Oder vielleicht weiß ich Dinge, aber die finden sich in meinem Leben jetzt nicht wieder, und ich lebe eigentlich etwas anderes.
Und ich dachte mir: Dieser Text, der ist gut. Der ist gut, um uns die Frage zu stellen: Wie geht es mir im Blick auf Jesus? Bin ich einer, der einfach noch etwas wissen muss, mich einfach nur beschäftigen muss? Wie die ganzen, ja, vielleicht ist das die Sache der Kinder und der Kinderkirche, zu sagen: Hey, ich muss mich da mit Jesus noch mehr beschäftigen, muss noch mehr wissen, wer er ist. Weiß ich das vielleicht schon? Aber es ist noch nicht in meinem Leben angekommen, weil es eine Sache ist zu wissen, dass Jesus mein Herr ist, mein Hirte ist, mein Bräutigam ist, der Herrscher des Universums usw., und das andere, zu überlegen, was bedeutet das für mich?
Und der dritte Punkt: Gab es da mal eine Nähe, Begeisterung und Bewunderung, und dann kam der Alltag, und dann kam der Frust, die Kinder, der Job, Ansprüche, noch mehr Ansprüche und noch mehr Ansprüche. Und irgendwann stehst du da und sagst: Irgendwie, Herr Jesus, habe ich dich aus dem Blick verloren.
Und wenn mich heute jemand fragt: Kennst du Jesus? Dann ist das so: Ja, grundsätzlich schon irgendwie, aber wie durch eine Milchglaswand ist es nicht mehr da. Und ich würde mir das wünschen, dass da wieder etwas Neues anfängt. Ich würde mir eigentlich wünschen, dass da so eine Taube vom Himmel kommt und mir neu deutlich macht, wer Jesus ist, dass diese neue Begegnung, diese neue Begeisterung in meinem Herzen so etwas auslöst, wie es das bei Johannes ausgelöst hat, der dann sagt: Hey, er ist der Sohn Gottes! Wow! Amen!

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