Die beiden Welten am Anfang der Bibel
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Der erste Satz der Bibel sagt uns, dass Gott am Anfang zwei Bereiche geschaffen hat: einen himmlischen und einen irdischen. Der zweite Satz spricht nur über den irdischen: Die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Diese beiden Bereiche, der himmlische und der irdische, sind also offensichtlich ungleich.
Mit dem Frühjudentum und den Kirchenvätern teile ich die Auffassung, dass in diesem ersten Bibelfers mit dem Himmel die unsichtbare Welt, die Welt Gottes und seiner Engel, die geistige Welt, gemeint ist, mit der Erde dagegen die sichtbare materielle Welt, die Welt des Menschen. Wie diese beiden Welten sich zueinander verhalten, wie sie zusammenfinden und sich vereinigen können, das ist das große Thema der Bibel, von der ersten bis zur letzten Seite.
Der Tempel ist der Ort, wo Himmel und Erde sich berühren, wo das Himmlische im irdischen Wohnung nimmt. Das ist vielleicht eine der kürzesten Definitionen für Tempel: da, wo das Himmlische im irdischen Wohnung nimmt. Und darum ist die Schöpfung selber ein Tempel Gottes.
Im Unser Vater lehrt Jesus uns beten: Wie im Himmel, so auf Erden, dein Reich komme. Es ist das Ziel der Schöpfung, dass das Irdische dem Himmlischen gleichgestaltet wird. So haben wir also am Anfang die himmlische und irdische Welt. Die himmlische Welt ist erfüllt von der Herrlichkeit Gottes und seiner Engel, die Erde aber ist wüst und leer, Finsternis auf der Tiefe.
Damit das Irdische ins Himmlische umgestaltet werden kann, muss das Himmlische sich herabneigen. Damit Licht in die Finsternis kommt, Fülle in die Leere und Leben in den Tod, muss Gott selber seinen Geist geben und sein Lebenswort sprechen. So beginnt die Erschaffung der irdischen Welt. Gott sendet seinen Geist über das Wasser, und er spricht sein Wort, das es Licht werden lässt.
Durch seinen Geist kommt Gott selber in die Welt, um in der Welt zu wohnen und um sich in der Welt zu offenbaren. Das Licht des ersten Schöpfungstages ist die Lichtherrlichkeit Gottes, in die er sich kleidet. Es ist heller als das Licht der Sonne. Die Sonne selber hat ihr Licht aus dem Licht Gottes. Sie wird im hebräischen Text dann am vierten Schöpfungstag nicht als Licht, sondern als Lampe, als Lichtträger, bezeichnet.
Die einzige Lichtquelle, die es gibt, ist Gott. Alles Licht im Universum hat sein Licht aus ihm. Er ist der Vater des Lichts, von dem alle gute und vollkommene Gabe kommt, bei dem keine Veränderung ist, kein Wechsel von Licht und Finsternis. Bei Gott gibt es keinen Wechsel des Lichts und der Finsternis, wohl aber in der Schöpfung.
Gott bringt in die Finsternis der Tiefe Licht, aber er vertreibt die Finsternis nicht vollständig. Er scheidet das Licht von der Finsternis, er nennt das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Und dann sieht er, dass das Licht gut ist. Über die Finsternis wird das nicht ausgesagt. Sonst heißt es immer, er sah, dass es gut war, aber am ersten Tag heißt es nur, er sah, dass das Licht gut war.
Schon mit dem ersten Schöpfungstag wird darum deutlich, dass das Schöpfungshandeln Gottes zwar anfängt, das Irdische dem Himmlischen gleichzugestalten, dass es aber noch nicht abgeschlossen ist.
Ordnung, Räume und Bewohner der Schöpfung
Am zweiten Tag scheidet Gott das obere und das untere Wasser. Es ist der einzige Schöpfungstag, an dem es nicht heißt, dass Gott sah, dass es gut war. Das heißt es sonst an jedem Tag, aber nicht am zweiten.
Solange im irdischen Bereich alles von Wasser bedeckt ist und es kein Land gibt, ist es noch nicht gut. Am dritten Tag sammelt Gott darum die unteren Wasser an einen Ort, damit das Trockene zum Vorschein kommt. Dieses Trockene nennt Gott Land, und jetzt sieht er, dass es gut ist. Noch am gleichen Tag beginnen auf dem Land die Pflanzen zu wachsen, und nochmals sieht Gott, dass es gut ist. Zweimal am dritten Tag, dafür nicht am zweiten.
Am Ende des dritten Tages sind die Räume der Schöpfung geschaffen: oben ist die Himmelsfeste, unten ist das Wasser, in der Mitte ist das Land. So wie Israel, als Gott das Schilfmeer teilt, trockenen Fußes durch das geteilte Wasser zum Berg Gottes zieht, so soll auch der Mensch auf dem Trockenen leben, das Gott durch die Teilung der Wasser hervorgebracht hat. Er soll dort leben von den Früchten, von den Samen und von dem Kraut, das darauf wächst.
Das sind die ersten drei Schöpfungstage. An den Tagen vier bis sechs erfüllt Gott die erschaffenen Räume mit den Bewohnern, und zwar in der gleichen Reihenfolge, wie er sie geschaffen hat. Am ersten Tag hat Gott Tag und Nacht unterschieden, am vierten Tag schafft er für den Tag die Sonne, für die Nacht den Mond und die Sterne. Auch die Finsternis soll nicht ganz ohne Licht sein, also hat es auch in der Finsternis ein wenig Licht.
Am zweiten Tag hat Gott die Himmelsfeste von dem unteren Wasser getrennt, und am fünften Tag, der dazugehört, füllt er das Wasser mit Fischen und den Luftraum mit Vögeln. Am dritten Tag hat Gott das Land und die Pflanzen erschaffen, am sechsten Tag schafft er die Landtiere und den Menschen.
Damit ist sein Schöpfungshandeln abgeschlossen. Alles, was er gemacht hat, ist sehr gut. Die Erde ist jetzt nicht mehr wüst und leer, und die Tiefe ist nicht mehr finster, sondern das Licht Gottes hat die Finsternis erhellt und das Leben Gottes die Leere der Erde mit Leben erfüllt.
Am siebten Tag ruht Gott von seinen Werken. Er hält Sabbat. Der siebte Tag ist gesegnet und geheiligt. Die Erde ist nicht mehr wüst und leer, sie ist aber auch noch nicht gefüllt. Das wird deutlich am Segen, den Gott über Tiere und Menschen ausspricht, am sechsten Tag: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.
Die Schöpfungsgeschichte erzählt uns also, wie Gott angefangen hat, den irdischen Bereich dem himmlischen gleich zu gestalten. Nachdem er alles erschaffen und sein Werk vollendet hat, soll das, was er erschaffen hat, anfangen, sich auszubreiten und zu entfalten. Die Geschöpfe, der Mensch, soll das Werk, das Gott angefangen hat, weiterführen. Dafür wird die Herrschaft dem Menschen anvertraut, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist.
Die Frage ist jetzt aber: Was geschieht denn nach dem siebten Tag, was geschieht am achten Tag? Ich komme zum zweiten Punkt: der Mensch als Gottespriester. Ich verstehe das zweite Kapitel nicht als eine alternative Schöpfungserzählung, in der uns jetzt noch eine andere Möglichkeit gezeigt wird, wie es Gott vielleicht gemacht hat, sondern als Tag 8, als Gott sein Werk in die Hände des Menschen gibt.
Der Mensch als Mitwirkender Gottes
So wie es am Anfang des ersten Kapitels heißt, dass die Erde wüst und leer war, so heißt es am Anfang des zweiten Kapitels, dass die Sträucher auf dem Felde noch nicht auf Erden waren und all das Kraut auf dem Felde noch nicht gewachsen war. Warum nicht? Denn Gott, der Herr, hatte es noch nicht regnen lassen. Etwas, was Gott nicht getan hat auf Erden. Und kein Mensch war da, der das Land bebaute. Etwas, was der Mensch noch nicht getan hat.
Im Hebräischen ist übrigens das Wort für bebauen dasselbe Wort wie für dienen. Also war kein Mensch da, der dem Erdboden diente. Der Mensch ist nicht nur Herrscher, sondern auch Diener der Schöpfung. Damit wird deutlich, dass dem Menschen eine Mitverantwortung gegeben wird für das Wachsen und Gedeihen auf der Erde. Gott will den Menschen an seinem Schöpfungshandeln beteiligen.
Als am Anfang von Genesis 1 die Erde wüst und leer war, sandte Gott seinen Geist und sein Wort. Also: Die Wüste, die leere Erde, liegt da, und der Geist Gottes kommt. Damit jetzt auf dem Land die Pflanzen gedeihen, schickt Gott eigentlich nochmals seinen Geist. Er haucht ihn nämlich dem Adam ein, den er aus Erdboden geschaffen hat.
Ich habe vorher gesagt, dass der Ort der Tempel ist, an dem Himmel und Erde sich berühren. Und genau das geschieht jetzt dem Menschen. Gott schafft den Menschen aus Staub von der Erde, aber ohne den Atem Gottes bleibt dieses Gebilde leblos. Es ist nur eine leere Hülle, Wüste und leere Erde. Aber so wie die Erde, der ganze irdische Bereich, nur belebt wird, wenn Gott seinen Geist sendet, so wird auch der Erdling lebendig. Adam heißt Erdling, Adamah heißt Erdboden. Der wird nur lebendig durch den Atem Gottes.
Der Mensch ist damit ein kleiner Tempel, weil er in sich Himmel und Erde vereinigt. Der Atem Gottes ist ihm eingehaucht. Den Anfang des Bebauens des Erdbodens macht aber Gott. Er pflanzt einen Garten und setzt den Menschen mitten hinein. Er bewässert den Garten durch einen Strom von lebendigem Wasser. Und jetzt muss ich einiges erklären, was teilweise schon Themen aus meinem Abendvortrag vorwegnimmt.
Eden, Garten und heiliger Raum
Erstens: Eden ist kein Garten, sondern Eden wird vom Garten unterschieden. Wenn es heißt: „Und Gott der Herr pflanzte einen Garten bei Eden“ oder „in Eden“ nach Osten hin, dann bedeutet das, dass der Garten von Eden aus nach Osten hin angelegt ist. Man kann zwar auch von „Garten Eden“ sprechen, aber ein Garten gehört immer entweder zu einer Stadt oder zu einem Gebäude. Damals war das ein Tempel oder ein Palastgebäude, heute kann es auch einfach ein Häuschen sein. Aber der Garten gehört in der Regel zu einem Wohnbereich.
Nehmen wir Jerusalem. Jerusalem hat einen Garten, den Garten Gethsemane; wir kennen ihn aus dem Neuen Testament. Dieser Garten liegt außerhalb der Stadtmauern Jerusalems, im Osten, im Kidrontal. Wenn ich jetzt in Jerusalem bin, kann ich sagen: Ich gehe hinaus in den Garten. Wenn man dagegen von hier aus über Jerusalem spricht, kann man auch sagen, der Garten Gethsemane gehört zu Jerusalem. Oder sogar: Er ist in Jerusalem. Und genauso ist es auch mit Eden. Von Eden aus gesehen ist der Garten im Osten, aber er gehört so zu Eden, wie der Garten zur Adresse eines Wohnhauses gehört, ohne deshalb selbst im Haus zu sein.
Was ist aber Eden? Eden ist der Wohnort Gottes auf Erden, der Ort, wo Gott in der Welt gegenwärtig ist. Es ist der Ort, wo Himmel und Erde sich berühren. Wenn Gott aus dem himmlischen, jenseitigen Bereich in den irdischen kommt, dann ist Eden der Ort seiner Gegenwart. Von Eden aus kommt er dann auch in den Garten, im dritten Kapitel.
Als Ort, wo Himmel und Erde sich berühren, ist Eden ein Berg. Das ist das, was ich vorher gesagt habe. Ich habe da eine Folie nicht geklickt, aber Eden und im Osten davon eben der Garten und rund um den Garten die ganze Erde. Eden ist ein Berg. Das ist jetzt sozusagen auch in der Schichtung von oben und unten. Unten war es nur ... Also das hier ist von Westen, Eden nach Osten, und das hier ist jetzt auch wieder mit Himmel und Erde. Also genauer gesagt: Eden ist eine Bergspitze. So wie Gott später in seiner Herrlichkeit auf der Spitze des Berges Sinai gegenwärtig ist und Mose auf den Berg steigen muss, um ihm zu begegnen, so ist Gott auch in Eden gegenwärtig.
Dass Eden ein heiliger Berg ist, wird uns im zweiten Kapitel nicht explizit gesagt. Wir finden es in der Bibel aber in Hesekiel 28,13-14. In 1. Mose 2 erkennen wir es daran, dass Eden ja der Ort der Quelle des Stroms ist, der durch den Garten nach Osten fließt und sich dann in vier Arme teilt, um sie zu bewässern. Eden ist also eigentlich der Ort, der die ganze Welt bewässert. Wasser hat auch vor dem Sündenfall schon die Angewohnheit, nach unten zu fließen, also muss es auch logisch gefolgert relativ weit oben sein.
Eden ist also die Spitze des heiligen Berges, der Garten Eden ist am Osthang gepflanzt. Kurz gesagt: Der Garten Eden verhält sich zu Eden so wie das Heilige zum Allerheiligsten. Das ist jetzt auch wieder das, was ich hier dargestellt habe, weil das eigentlich der Grundriss der Stiftshütte oder des Tempels ist. Eden ist das Allerheiligste, der Garten das Heilige davor. Das Allerheiligste ist der Ort Gottes, Quelle von allem Licht, von allem Leben. Das Heilige ist der Garten vor dem Ort Gottes, wo der Priester im Angesicht Gottes seinen Dienst ausübt.
Und dahin setzt nun Gott den Menschen, damit er diesen Garten bebaue und bewahre: bebauen und bewahren. Wir werden darauf zurückkommen, auf diese beiden Verben, weil diese auch später in den fünf Mosebüchern für den Priesterdienst verwendet werden. Der Auftrag des Menschen ist es, am Schöpfungswirken Gottes teilzuhaben, indem er das, was Gott gepflanzt hat, bebaut und bewahrt.
Im Bild des Gärtners bedeutet bewahren: Unkraut ausjäten, Schädlinge fernhalten, keine Schlangen in den Garten lassen, vielleicht. Und bebauen bedeutet: vom geernteten Saatgut nicht alles essen, man braucht es ja noch, um es wieder auszusäen. Begießen, ernten – das ist bebauen.
Der Garten Eden ist ein begrenzter Bereich, aber Gott hat dem Menschen ja gesagt, also er setzt ihn in diesen vielleicht kleinen, vielleicht auch etwas größeren Garten, aber er hat dem Menschen gesagt, er solle fruchtbar sein, sich mehren und die Erde füllen. Der Garten soll also nicht so klein bleiben, wie Gott ihn gepflanzt hat, sondern er soll wachsen, er soll sich ausdehnen, bis er die ganze Erde umfasst. Also statt dass der braune Bereich in den grünen eindringt, im Bild, das ich gebraucht habe, davor muss er den Garten bewahren, und dann muss er ihn bebauen, damit sich der grüne in den braunen ausdehnt. Alles, was da auch hier und auch vorher braun war, das soll grün werden, die Erde füllen.
Wer diesem Gedanken nachgehen möchte, dem empfehle ich das Buch Der Tempel aller Zeiten, Die Wohnung Gottes und der Auftrag der Gemeinde von Gregory Beale zur Lektüre, wo er das auch argumentativ etwas tiefer ausführt, als ich das jetzt hier tun kann.
Dass Gott den Menschen in seinen Garten setzt, bedeutet auch, dass Gott den Menschen an seinen Tisch einlädt. Der Garten Gottes ist der Tisch Gottes. „Von allen Bäumen darfst du essen“ ist etwas vom Ersten, was Gott zum Menschen sagt. Das Erste, was er sagt, als er ihn in den Garten gesetzt hat: Hier ist ein reich gedeckter Tisch für dich, von allen Bäumen darfst du essen, außer von einem, der gehört allein mir. Das erste Gebot ist ein Speisegebot.
Neben dem verbotenen Baum der Erkenntnis finden wir aber im Garten Gottes auch den Baum des Lebens. Der erinnert uns daran, dass der Mensch nicht in sich selber unsterblich ist. Der Mensch hat keine Lebensquelle in sich selber, sondern das Leben, auch das ewige Leben, empfängt er immer von außen, von Gott, vom Tisch Gottes, in dessen Nähe der Mensch eben leben darf. Das kommt dann auch wieder zum Ausdruck, neutestamentlich im Abendmahl.
Der Mensch wird auch nicht unsterblich, wenn er einmal vom Baum des Lebens isst. So verstehen viele die Geschichte; ich verstehe sie anders, jedenfalls nicht so: einmal essen, und dann ändert sich meine Substanz, und ich bin unsterblich. Sondern er hat Leben, ewiges Leben, solange er in Gottes Garten lebt und immer wieder davon essen kann, weil er laufend von Gott Lebensspeise empfängt.
Benennung, Erkenntnis und priesterlicher Dienst
Noch an einer weiteren Sache wird erkennbar, dass Gott den Menschen an seinem Schöpfungswirken teilhaben lässt. An den ersten drei Schöpfungstagen benennt Gott die Schöpfungswerke. Am ersten Tag nennt er das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Am zweiten Tag nennt er die oberen Wasser Himmel und die unteren Wasser Meer. Am dritten Tag nennt er das Trockene Erde und das Wasser Meer.
So gibt Gott den Räumen Namen. Aber ab dem vierten Tag gibt Gott keine Namen mehr. Sonne und Mond sind das große und das kleine Licht; sie werden nicht benannt. Auch die Sterne bekommen keine Namen. Die Tiere des Wassers, des Himmels und des Landes werden nach ihrer Art geschaffen, aber nicht benannt.
Als Gott dem Menschen dann aber seinen Atem einhaucht, verleiht er ihm auch Sprachfähigkeit. Der Atem Gottes bringt Sprachfähigkeit. Der Geist trägt das Wort, der Atem trägt die Sprache. Und so gehört es zur priesterlichen Aufgabe des Menschen, die von Gott erschaffenen Bewohner der Räume zu benennen. Gott hat den Räumen Namen gegeben, und jetzt sagt er: Jetzt gib du den Tieren Namen mit dem Wort, das ich in deinen Mund gelegt habe.
Gott benennt also die Schöpfungswerke der ersten drei Tage, der Mensch benennt die Schöpfungswerke der Tage vier bis sechs. Und benennen bedeutet nicht einfach nur, irgendeinen Namen zu geben. Benennen bedeutet erkennen. Nur das, was erkannt wird, kann auch benannt werden. Den Dingen Namen zu geben bedeutet auch, Ordnung und Licht in die Sache zu bringen. Es braucht den Geist der Unterscheidung, um Dinge benennen zu können.
Indem der Mensch unterscheidet, erkennt und auch benennt, was Gott geschaffen hat, hat er Anteil am Wirken Gottes.
Der Weg in die Ferne und die Entstehung menschlicher Gegenwelten
Dritter Punkt: heilig und profan.
Wir kommen jetzt ins dritte Kapitel der Bibel. Ich gehe nicht die ganze Bibel durch, aber am Anfang schon ein bisschen von Kapitel zu Kapitel. Wir lernen jetzt nämlich im dritten Kapitel den dritten Raum kennen, den braunen Raum.
Im ersten Kapitel haben wir eigentlich den gelben Raum, nämlich die Herrlichkeit Gottes, die die ganze Welt erschafft. Im zweiten Kapitel haben wir den grünen Raum, den Garten als Bereich des Menschen. Und der dritte Raum ist jetzt der braune, der eben außerhalb dieses Gartens liegt.
Der Mensch ist im Garten, eben am Tisch Gottes zu Gast. Er ist im Garten Gottes, nicht in seinem eigenen Garten. Es wird ihm alles angeboten, er darf von allem essen, außer von dem einen Baum, der Gott vorbehalten ist. Der Mensch soll nämlich nicht vergessen, dass er erstens ein Geschöpf ist und nicht Schöpfer, und zweitens, dass er Gast ist im Garten Gottes. Er ist nicht selber Gott.
Die Welt, die Gott ihm anvertraut hat, gehört immer noch Gott und nicht dem Menschen. Und dass der Mensch trotzdem vom verbotenen Baum isst, ist nichts weniger als Diebstahl im Haus Gottes. So wie wenn jemand zu Besuch kommt und das Silberbesteck abräumt, dann schmeißt man ihn raus. Das ist irgendwie legitim, finde ich. Es ist Gottes gutes Recht, den Menschen, der sich an Gottes Eigentum vergriffen hat, aus seinem Haus zu vertreiben und den Eingang zu bewachen.
Der Grund, dass der Mensch sich an Gottes Eigentum vergriffen hat, ist letztlich das Misstrauen, das die Schlange gesät hat. Dieses Misstrauen verbindet sich mit einer Entfremdung des Menschen von Gott. Während Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, im ersten Kapitel immer als Gott, hebr. als Elohim, bezeichnet wird, wird er ab Kapitel zwei, wo er ganz nahe zu Adam kommt, wo er ihm seinen Atem einhaucht, ihn mit seinen Händen formt, mit seinem persönlichen Namen Yahweh genannt.
Das trifft zu bis ans Ende von Kapitel vier. Gott wird immer mit dem persönlichen Namen Yahweh benannt, mit einer Ausnahme, nämlich dem Gespräch zwischen der Schlange und der Frau. Die Schlange fragt nicht: Sollte Yahweh gesagt haben? Sondern: Sollte Gott gesagt haben? Sie nimmt den Namen Gottes nicht in den Mund. Entweder kennt sie ihn nicht, oder sie wagt nicht, ihn auszusprechen. Und die Frau gleicht sich dieser Redeweise an, spricht auch nur von Gott, dem distanzierteren Wort. Und das ist die Entfremdung.
Als Mose später in die Herrlichkeit Gottes eintritt, ich mache jetzt einen kleinen Gedankensprung, aber als er dort in die Herrlichkeit Gottes eintritt, heißt es, dass sein Angesicht leuchtete. Daniel in Daniel 12 und Paulus im ersten Kapitel 15 beschreiben die Auferstehungsleiber, die Leiber, die der Mensch in der Auferstehung bekommt, mit Sternenglanz. Wahrscheinlich haben auch die Leiber von Adam und Eva den Glanz Gottes, als sie in seiner Gegenwart leben. So jedenfalls alte jüdische Auslegungen.
Als sie aber gegen Gott sündigen, verlieren sie den Glanz. Paulus schreibt in Römer 3,22-23: Denn es ist hier kein Unterschied, alle haben gesündigt und die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte. Wahrscheinlich auch eine körperliche Herrlichkeit. Adam und Eva erkennen nämlich, dass sie nackt sind. Sie verstecken sich vor ihm. Doch wie es in Psalm 139 heißt: Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin fliehen vor deinem Angesicht?
Gott kommt jetzt in den Garten, und damit startet eine Bewegung, die die ganze Bibel durchzieht, nämlich eine Suchbewegung Gottes, ein Herauskommen, ein Herabkommen, auch eine Erniedrigungsbewegung Gottes. Adam, wo bist du?, fragt er. Jesus sagt später, dass er gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, und identifiziert sich mit Gottes Bewegung im Garten Eden: Mensch, wo bist du?
Ja, Gott vertreibt Adam und Eva aus seinem Garten. Vorher aber überkleidet er sie, er bedeckt ihre Scham und Blöße. Und weil das nicht mit Feigenblättern geschieht, so haben sie es selber probiert, wie diese Notkleider, sondern eben mit Tierfellen oder Tierhäuten, sehen manche Ausleger hier auch schon das erste Opfer angedeutet.
Gott stellt alle zur Rede: Mann, Frau, Schlange. Nur die Schlange verflucht Gott, nicht den Menschen. Er spricht aber einen Fluch über den Erdboden. Der Schöpfungssegen, dass der Mensch fruchtbar sein soll, sich ausbreiten soll, die Erde füllen soll, bleibt in Geltung. Aber er wird sich mit Leiden, mit Schweiß und Tränen vermischen. Gleichzeitig geht ein Kampf los zwischen zwei Nachkommenschaften: Nachkommenschaft der Schlange und Nachkommenschaft der Frau.
Indem der Mensch aus dem Garten Gottes verbannt wird, hat er keinen Zugang mehr zum Baum des Lebens. Nur in der Gegenwart Gottes hätte er ewig leben können, jetzt aber muss er sterben. Gott tötet den Menschen aber nicht aktiv. Der erste Mensch, der stirbt, stirbt durch Menschenhand, nicht durch Gottes Hand.
Gott lässt den Eingang in den Garten durch Cherubim bewachen. Den Garten zu bewachen, das wäre eigentlich Aufgabe des Menschen gewesen, Adams, nämlich dass er ihn bebaue und bewahre oder bewache. Im Hebräischen ist bewahren und bewachen das gleiche Wort. Nun aber übernehmen Geschöpfe der himmlischen Welt diese Aufgabe. Der Mensch verliert den Zugang zum himmlischen Bereich.
Was in vielen Bibelübersetzungen nicht zu sehen ist: Im letzten Vers von 1. Mose 3, in Vers 24, heißt es wörtlich, dass Gott die Cherubim vor dem Garten Eden im Osten lagern ließ. Im Hebräischen haben wir also die Ortsangabe im Osten wieder drin. Wir haben also eine zweite Ostbewegung. Der Garten ist im Osten von Eden, und Adam und Eva leben von nun an außerhalb des Gartens, dessen Eingang wiederum im Osten ist. Und das führt zu dieser grafischen Darstellung: Eden, im Osten der Garten, noch weiter im Osten der braune Bereich, der im Grundriss der Stiftshütte dem Vorhof entspricht.
Die Geschichte von Kain und Abel erzähle ich hier jetzt nicht nach. Aber wir sehen hier die erste Darbringung von Opfern. Diese Einsicht ist wichtig für das Verständnis des Opferns, darüber spreche ich im Abendvortrag dann noch. Erstens steht der Altar immer außerhalb des heiligen Bereichs, außerhalb von Eden, außerhalb auch des Gartens, außerhalb der Stiftshütte, außerhalb des Tempels. Der Altar ist immer vor dem Eingang ins Haus Gottes, nicht im Garten. Das Neue Testament betont dann auch, das sehen wir morgen, dass Jesus außerhalb Jerusalems gekreuzigt wurde. Also auch dieser Altar ist außerhalb der Heiligen Stadt: Gethsemane, Golgatha.
Zweitens macht dies auch deutlich, dass der Altar außerhalb ist. Das macht deutlich: Opfern ist nicht die Kernaufgabe des Menschen und auch nicht die Kernaufgabe der Priester. Opfer werden erst nötig nach dem Sündenfall. Die eigentliche Aufgabe von Adam und Eva ist die, den Garten zu bebauen und zu bewahren, nicht Gott Opfer darzubringen. Genauso werden wir heute Abend sehen, dass die Hauptaufgabe der Priester nicht das Opfern ist. Opfern tun sie außerhalb der Stiftshütte und des Tempels, ihre eigentliche Aufgabe aber ist drinnen, im heiligen Bereich. Opfern tun sie sozusagen nur als Notordnung, damit sie hineinkönnen.
Die Frage, warum Gott das Opfer Abels gefällt und das Kains nicht, lassen wir hier offen. Es geht jetzt mehr darum: Wie geht es weiter? Kain wird zornig, Gott begegnet ihm, und daran sehen wir, dass Gott nicht nur von Eden in den Garten kommt, um Adam und Eva zu suchen im zweiten Kapitel, sondern dass er sogar zum Eingang des Gartens kommt, dass er noch einen Schritt weiter nach außen geht, wo Kain und Abel sich befinden.
Gott warnt Kain davor, dass er sich nicht der lauernden Sünde hingibt, sondern er soll über sie herrschen. Aber Kain gibt nach. Er wird, so wird es später der erste Johannesbrief schreiben, zum Nachkommen der Schlange. Johannes schreibt: ein Kind des Teufels.
Die Suchbewegung Gottes geht aber weiter, auch außerhalb von Eden. Adam hat er gefragt: Wo bist du? Kain fragt er: Wo ist dein Bruder? Wieder eine Wo-Frage. Aus der Sünde gegen Gott folgt die Sünde gegen den Bruder, gegen den Mitmenschen. Gottesliebe und Nächstenliebe gehören eng zusammen, weil die Sünde gegen Gott und die Sünde gegen den Menschen auch eng zusammengehören. Wer sein will wie Gott, kann in seinem Mitmenschen nur noch einen Konkurrenten im Game of Thrones sehen.
Für unser Thema aber wieder bedeutsam: Gott bleibt mit Kain im Gespräch. Adam und Eva hat er nicht verflucht, im zweiten Kapitel, er hat nur die Schlange verflucht. Aber jetzt verflucht er Kain, denn Kain ist ein Mörder, Nachkomme der Schlange. Der Satan ist ein Mörder von Anfang an, heißt es auch im Neuen Testament. Er sagt: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen hat. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.
Aber trotzdem bleibt Kain Gottes Eigentum. Er ist unter dem Fluch Gottes, aber er bleibt Gottes Eigentum. Gott macht an Kain ein Zeichen, und dieses Zeichen markiert Gottes Eigentum, damit niemand sich an ihm vergreifen darf. Gott sagt: Er gehört mir, niemand darf Rache an Kain üben.
Kain bleibt unter dem Schutz Gottes, flüchtig und unstet soll er sein auf Erden. Aber vielleicht wird gerade dieses nomadenhafte Dasein, dass er eben flüchtig und unstet ist, es ihm ermöglichen, zu Gott wieder zurückzufinden. Aber dann lesen wir direkt nach dieser Gottesbegegnung: Und Kain ging hinweg von dem Angesicht Gottes, des Herrn, und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten. Osten kommt zum dritten Mal vor.
Die Ostbewegung am Eingang in den Garten Eden, wo Adam und Eva gelebt haben, wo Kain und Abel geopfert haben, nachdem sie aus dem Garten mussten: Dort waren sie zwar nicht mehr an Gottes Tisch, aber sie waren immer noch beim Eingang zu Gottes Garten. Sie waren immer noch in Gottes Nähe. Aber Kain will nicht da bleiben, und er entfernt sich weiter nach Osten. Er gründet jetzt auch seine eigene Linie. Das heißt dann nach diesem Vers: Und Kain erkannte seine Frau, und die ward schwanger und gebar den Henoch. Und er baute eine Stadt und nannte sie nach seines Sohnes Namen Henoch. Es ist nicht der gleiche Henoch, der in den Himmel aufgestiegen ist, einfach damit es keinen Durcheinander gibt.
Daran sind zwei Dinge bemerkenswert. Erstens: Kain entfernt sich vom Angesicht Gottes und baut eine Stadt. Damit macht er deutlich, so deutlich wie es nur geht, dass er nicht vorhat, wieder zum Angesicht Gottes zurückzukehren. Eine Stadt ist das Gegenteil von unstet und flüchtig sein, was Gott ihm gesagt hat, das sollst du sein, ein Nomade. Und er baut eine Stadt, und zwar weg vom Angesicht Gottes. Kain bleibt nicht in Bewegung, er setzt sich fest, und zwar setzt er sich fest fern vom Angesicht Gottes. Eine Stadt wird im Altertum zudem nicht über die Einwohnerzahl definiert, es geht nicht um die Größe, sondern um die Stadtmauern. Kain baut eine Befestigungsanlage. Er verlässt sich nicht auf das Kainszeichen, mit dem Gott ihn schützt, sondern er will sich selber schützen. Das ist eigentlich ein Ausdruck von Selbstgerechtigkeit.
Zweitens: Das ist das eine, was auffällig ist. Das zweite ist: Während es sonst in den Stammbäumen immer heißt, dass die Eltern den Kindern Namen geben, wird hier zwar gesagt, dass er einen Sohn bekam, der Henoch hieß, aber die Namensgebung findet bei der Stadt statt. Er gab der Stadt den Namen, nicht dem Sohn. Die Stadt ist das eigentliche Baby von Kain. Darin will er sich einen Namen machen, und so begründet er die Kainslinie, die Nachkommenschaft der Schlange.
Am Ende des Kainstammbaums steht wieder der Name Kain, und zwar bei seinem letzten Nachkommen, der heißt nämlich Tubal-Kain. Eigentlich ist sein Stammbaum eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Man ist am Schluss wieder bei Kain. Dieser Tubal-Kain schmiedet als erster Waffen, heißt es. Ein weiterer Schritt zur Selbstverteidigung. Man hat jetzt die Stadtmauern und die Waffen. Und Tubal-Kains Vater, der Lamech heißt, wie übrigens auch Noas Vater, es sind aber auch zwei verschiedene Lamech, wie es zwei verschiedene Henochs gibt, der singt das sogenannte Schwertlied. Und in diesem Schwertlied kündigt er an, dass er jeden, der ihm eine Wunde zufügt, erschlägt und dass er siebenundsiebzig Mal Rache übt.
Gleichzeitig sehen wir aber auch in Kains Stammbaum, dass man die Stadt Kains und die Nachkommenschaft der Schlange verlassen kann. Tubal-Kain hat nämlich zwei Brüder, einer heißt Jabal, der andere Jubal. Jabal wird Nomade, und man kann daraus schließen, dass er nicht in der Stadt wohnen bleibt, er verlässt die Stadt wieder, macht sich wieder in Bewegung. Der zweite Bruder heißt Jubal, er begründet das Zitter- und das Flötenspiel, also die Musik, was im Altertum in der Regel mit Hirten in Verbindung gebracht wird und dem Beruf, den Abel hatte. Auch er scheint die Kainsstadt zu verlassen. Kinder sind weder im Guten noch im Bösen auf ihre Vorfahren festgelegt.
Halten wir hier kurz inne, dann haben wir bis dahin eine Art Landkarte, die von Westen nach Osten geht. Ganz im Westen ist Eden, oben und im Westen. Es geht von Westen nach Ost und von oben nach unten. Ganz im Westen ist Eden, der Ort Gottes auf Erden. Direkt östlich von Eden: der Garten Eden, der Ort, in dem der Mensch bei Gott und aus Gottes Fülle leben soll. Dann wieder östlich vor den Toren Edens ist der Ort, wo Gott immer noch dem Menschen begegnet, mit dem Altar. Aber dann nochmals östlich, fern vom Angesicht Gottes, ist die Stadt Kains, Symbol für die Selbstverteidigung und Selbstgerechtigkeit des Menschen.
Im Bild habe ich den Lamech mit dem Schwert reingesetzt und rechts und links auf den Türmen noch seine zwei Frauen, Ada und Zilla, weil er auch der Begründer der Polygamie ist, der Lamech.
Die letzte Ostbewegung und der menschliche Gegenentwurf
Viertens: Eden und Babel
Die Landkarte ist noch nicht fertig. Das ist mein letzter Punkt.
Der Osten kommt in der Urgeschichte noch ein weiteres Mal vor, und zwar in Kapitel elf. Dort heißt es: Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten dort.
Das, was Kain im Kleinen macht, das tut die Menschheit nach der Sintflut im Großen. Sie ziehen nach Osten, um eine Stadt und einen Turm zu bauen. Kain hat seiner Stadt einen Namen gegeben. Von Babel sagen die Menschen: „Lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen.“
Es besteht unter Auslegern eine große Einigkeit, dass der Turm von Babel eine sogenannte Zikkurat ist, also ein gestufter Tempelturm, wie man ihn seit frühesten Zeiten in Mesopotamien gebaut hat. Beispielsweise ist uns aus der Stadt Lagaš in Mesopotamien der sogenannte Gudea-Zylinder überliefert. Er wird auf etwa 2100 vor Christus datiert, also in die Zeit noch vor Abraham. Dort heißt es über die Zikkurat der Stadt Lagaš:
Gudea entwarf den Plan für den Tempel. Sie machten den Tempel hoch wie ein Gebirge und ließen sein Haupt sich bis hoch in die Berge erheben. Sie bauten das Haupt des Tempels hoch in den Himmel wie ein Gebirge. Der Herr, das ist Gott gemeint, der Gott Ningirsu, festigte König Gudea auf seinem Thron. Der Tempel, der Haltepunkt des Landes, hoch wächst er zwischen Himmel und Erde, das schöne Gebirge, hervorragend und wunderbar. Es türmt sich über die Berge, der Tempel ist ein großer Berg, reicht bis an den Himmel, er erfüllt die Mitte des Himmels. Dort wohnt das Volk sicher.
Kurz gesagt: Der Turmbau zu Babel ist ein menschlicher Versuch, Eden zu bauen. Babel ist das Gegenstück zu Eden. Aber in Eden hat Adam seinen Namen noch von Gott bekommen. In Babel wollen sich die Menschen selbst einen Namen machen. Sie wollen die Verbindung von Himmel und Erde, die verloren gegangen ist, selber wieder aufrichten.
Ironischerweise wollen sie sich einen Namen machen, die Stadt aber bleibt in der Erzählung namenlos bis zum letzten Vers. Es ist immer von der Stadt die Rede. Und erst am Schluss heißt es, als Gott die Sprache verwirrt und die Menschen zerstreut: Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr da selbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.
Babylon ist eigentlich ein akkadischer Name und bedeutet Tor Gottes. Oder Babel. Aber in der Bibel wird der Name zu einem Spottnamen, gedeutet vom hebräischen Wort balal, „verwirren“. Daher heißt ihr Name Verwirrung oder Mischmasch, weil Gott die Sprachen verwirrt und die Menschen zerstreut hat.
Und damit endet die Urgeschichte. Die Landkarte reicht von Eden nach Babel, und sie zeigt Eden und sein Gegenbild. Das sind die ersten Kapitel der Bibel: Eden und sein Gegenbild, der Ort der Gegenwart Gottes und der Ort der Gottesferne und der Selbstvergottung des Menschen.
Im nächsten Kapitel, in 1. Mose 12, beruft Gott den Abraham. Er ruft ihn heraus aus dieser Gegend bei Babel, und es beginnt wieder eine Bewegung, eine Rückbewegung des Menschen nach Westen, von Abraham, der von Gott gerufen ist.
Nur noch einmal wird im 1. Mosebuch der Osten erwähnt, in der Urgeschichte. Ihr habt es gesehen, haben wir es die ganze Zeit. Einmal wird es nochmals erwähnt, als Lot nämlich Abraham nach Osten hin verlässt, weil er findet, die Gegend um Sodom im Osten sehe aus wie der Garten Gottes. Abraham aber zieht zurück dahin, wo Gott ihm begegnen will. Erst im verheißenden Land kommt es wieder zur persönlichen Begegnung mit Gott.
Aber schon als Gott Abraham aus Mesopotamien ruft, sagt er ihm: Ich will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Gott hat also offenbar nichts gegen Menschen mit großen Namen. Aber die Frage ist: Empfangen sie den großen Namen von Gott, oder wollen sie ihn sich selber machen?
Gott macht den Namen Abrams im wahrsten Sinne des Wortes groß. Er vergrößert ihn nämlich, indem er ihm eine Silbe hinzufügt. Aus Abram, dem großen Vater, wird Abraham, der Vater vieler Völker. Gerade der, der aus den Völkern herausgerufen wird, soll zum Vater nicht nur eines Volkes, sondern einer ganzen Menge von Völkern werden.
Schlussgedanke zur göttlichen Suche
Ich komme zum Fazit. In einem sehr schnellen Durchgang durch die Urgeschichte, bei dem ich natürlich auch vieles übersprungen habe, unter anderem so nebenbei die ganze Sintflut, habe ich gezeigt, dass unsere sichtbare Welt geschaffen ist, weil Gott unter uns wohnen und sich uns offenbaren möchte.
Eden ist das Urbild des Wohnens Gottes unter uns. Nach dem Sündenfall stellt sich die grosse Frage, wie wir wieder in die Gegenwart Gottes kommen können. Die Grundbewegung, die wir in der Urgeschichte sehen, besteht darin, dass der Mensch sich von Gott immer weiter entfernt, dass Gott aber immer hinterhergeht. Er geht dem Menschen nach, er bleibt nicht einfach in Eden sitzen. Und schaut mal, was weiter geschieht: Er geht in den Garten, er geht zum Eingang des Gartens, und er geht letztlich bis nach Babel.
Daran könnte man zeigen, dass es heisst, Nimrod war ein grosser Jäger vor dem Herrn. Das heisst, der Herr ist auch dort wieder. Nimrod war der Gründer der Stadt Babel, in 1. Mose 10. Zwar wollen die Menschen einen riesigen Turm bauen, aber der Bibeltext schreibt fast schon belustigt: Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauen. Also, er muss die Lupe holen, damit er dieses Türmchen sieht. Sie halten es für das Grösste, was sie können, aber Gott muss herabkommen, damit er es überhaupt sieht.
Deutlich wird, dass Gott unter uns Menschen wohnen möchte, dass er uns nachgeht, dass er den Menschen liebt und sucht, und zwar in grösster Geduld, auch wenn der Mensch sich von ihm abwendet und gegen ihn rebelliert. Welche Rolle dann die Stiftshütte und später der Tempel dabei spielen, werden wir im Abendvortrag sehen.
Ich habe jetzt noch, und das mache ich nur jetzt noch, einen kurzen Werbeblock eingeschaltet, weil viele der Bilder, die ich hier gebraucht habe, aus meinem fortlaufenden YouTube-Podcast sind, wo ich angefangen habe, in 1. Mose 1 die Bibel auszulegen. Also, wenn Sie das alles etwas mehr im Detail und mit etwas mehr Begründungen wollen, können Sie gerne mal reinschauen. Vielen Dank.