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Gesellschaftliche Entwicklungen rund um Gender Mainstreaming

Nachdenkenswerte Impulse zum Nachdenken über Rollebilder und Gesellschaft
26.04.2015
Was sind eigentlich aus christlicher Sicht Vorteile der Forschung zu Gender Mainstreaming? Wie geht man mit Menschen gut um deren Realitäten andere sind als die Eigene? Was haben eigentlich moderne oder traditionelle Männer- und Frauenbilder im echten Abgleich mit der Bibel gemein? Und ist das Hauptproblem beim Gender Mainstreaming, dass es keine absolute Orientierung zu Geschlechterrollen mehr gibt?

Einleitung: Warum dieses Thema Menschen so stark beschäftigt

Also Sexualität ist immer eine ganz spannende Frage für Menschen gewesen, schon seit es Menschen gibt. Deshalb ist es in der Literatur so, dass sich ganz viele damit beschäftigen: Wie ist es, wo lernt man sich kennen, wo gibt es dann Eifersucht, wo gibt es Liebe, wo gibt es auch verhinderte Liebe, so etwas wie Romeo und Julia? Wie gehen Menschen damit um?
Sexualität spielt also eine ganz wichtige Rolle. Sigmund Freud ging beispielsweise davon aus, dass gerade diese Sexualität der wesentliche Aspekt von dem sei, was Menschen antreibt, also warum sie wie handeln. Er versuchte zu klären, wie Kinder mit Eltern umgehen und Menschen untereinander. Außerdem versuchte er dann, Regeln dafür zu finden, wie man den Partner aussucht und so weiter.
Sexualität spielt eine ganz wichtige Rolle in der Literatur, in der Geschichte und auch in unserem Leben. Insofern wundert es vielleicht nicht, dass die Menschen im Laufe der Zeit immer wieder neue Ideen entwickelt haben, wie man Sexualität erklären kann. Das heißt, es geht beispielsweise um Regeln dafür, wie man richtig mit Sexualität umgeht.
Wenn wir jetzt durch die Geschichte hindurchgehen, werden wir feststellen, dass es ganz unterschiedliche Konzeptionen gibt, wie man damit umgeht. In jedem Jahrhundert gibt es dann andere Vorstellungen davon, wie man Geschlechtlichkeit definiert. Das hängt dann ja auch immer noch davon ab, welche Rolle man welchem Geschlecht in der Gesellschaft gibt. Und das ist in der Gegenwart ganz genau so.

Gegenwart, Vielfalt und die Frage nach Identität

In der Gegenwart ist es so, dass in Deutschland die meisten Bundesländer Lehrpläne für sexuelle Vielfalt entwickelt haben. Sexuelle Vielfalt soll also dargeboten werden. Woher kommt das?
Das liegt daran, dass man sich in der Vergangenheit sehr stark auf zwei Geschlechter konzentriert hat. Es ging also darum, Mann zu sein und Frau zu sein. Auch diese Vorstellung davon, was es heißt, Mann zu sein und Frau zu sein, hat viele Veränderungen durchlaufen.
In den letzten 27 Jahren ist man deutlich sensibler dafür geworden, dass es auch Menschen gibt, die man nicht in dieses klassische Schema von Mann und Frau einordnen kann. Man spricht beispielsweise von sogenannten Transsexuellen und Intersexuellen.
Transsexuelle sind Menschen, die in einem Körper leben, der typisch männlich oder typisch weiblich ist, die aber der festen Überzeugung sind, dass sie zwar in einem männlichen Körper sind, aber eigentlich Frauen sind. Oder dass sie in einem weiblichen Körper sind, aber eigentlich Männer sind. Intersexuelle sind dann Menschen, die sich nicht eindeutig in die Kategorien männlich oder weiblich einordnen lassen.
Viele dieser Menschen versuchen im Laufe der Zeit auch heute noch, den äußeren Körper dem anzupassen. Das heißt, durch Operationen und durch medikamentöse Behandlung den männlichen Körper weiblich umzugestalten, um ihn mit dem gefühlten Geschlecht in Einklang zu bringen. Und umgekehrt dann eben, wenn man eine Frau ist, dass der Körper sich männlich ausprägt.
Viele Leute haben den Eindruck: So, dann bin ich das wirklich. Und daran werden wir sehen, dass das nicht ganz so eindeutig ist.

Persönliche Begegnungen und die Realität hinter den Begriffen

Also gerade heute Morgen habe ich mit jemandem gesprochen. Ich war eben in einer Gemeinde im Gottesdienst, und nachher ist jemand auf mich zugekommen, eben jemand, der bei sich eine Geschlechtsumwandlung hat vollziehen lassen. Ich habe ihn dann auch gefragt. Er sagt: Sobald ich die Medikamente absetze, bin ich ja wieder ein Mann.
Das war ein Mann, der davon ausging, dass er eigentlich eine Frau ist, sich so fühlte und sich dann umoperieren ließ und Medikamente genommen hat, um dann eben als Frau zu leben. Er hat mir dann gesagt: Nein, aber eigentlich so richtig Frau bin ich ja nicht. Zwar äußerlich bin ich dann wie eine Frau, aber sobald ich die Medikamente absetze, dann verändert sich mein Körper wieder. Und natürlich kann ich keine Kinder bekommen und so. Also viele Sachen, die wir als typisch weiblich sehen, die sind dann nicht da.
Und dann gibt es eben dieses Intersexuelle. Das bedeutet, dass man weder dem einen Geschlecht ganz zugehörig ist, noch dem anderen Geschlecht ganz zugehörig ist, sondern dass man geschlechtlich uneindeutig geboren wird. Das bedeutet, man hat beiderlei Geschlechtsmerkmale. Das kommt relativ selten vor, aber ab und zu gibt es das. Und diese Menschen werden heute definiert als das dritte Geschlecht, manchmal definieren sie sich selbst auch als solches.
Da ist man in den letzten Jahrzehnten sensibler geworden, dass es eben solche Menschen gibt, die sich nicht einordnen lassen und auch nicht einordnen lassen wollen in die zugeordneten Gruppen von Mann und Frau.

Partnerschaft, Orientierung und die Herausforderung für Gemeinden

Das Ganze wird natürlich noch schwieriger, wenn wir sehen, dass es ja nicht nur darum geht, wie ich mich als Mann oder Frau verstehe, sondern auch darum, wie ich als Mann oder Frau mit anderen lebe. Das heißt: Wenn ich jetzt ein Mann bin, der fest davon überzeugt ist, eine Frau zu sein, und ich lebe auch als Frau, wie wähle ich dann meine Partnerschaft?
Heirate ich dann einen anderen Mann? Bin ich dann eigentlich homosexuell, weil ich ja ein Mann bin, der meint, eine Frau zu sein, und der dann einen Mann heiratet? Oder wenn ich ein Mann bin, der meint, eine Frau zu sein, und der eine Frau heiratet: Bin ich dann jetzt lesbisch oder bin ich dann heterosexuell?
Das heißt, da merken wir: Da hängt ja noch viel, viel mehr mit dran. Es geht nicht nur darum, wie ich mich definiere, wie ich sozial auftrete oder wie ich körperlich dargestellt bin, sondern da hängt noch viel, viel mehr zusammen. Also diese Sache, darüber nachzudenken, sich davon ein Bild zu machen und auch Hilfen zu geben, damit Menschen erst einmal erkennen können, wo sie denn positioniert sind, wie sie geprägt sind und wie sie damit umgehen, ist eine erklärte Absicht dieses Bildungsplans, was die Sexualität angeht.
Das, was meistens auch darin steht, ist, dass man Diskriminierung vorbeugen will. Man will also Antidiskriminierung. Man will jeden so leben lassen, wie er leben will. Das ist eine ganz wichtige Voraussetzung, die man da durchsetzen will. Also: Antidiskriminierung!
Und wenn wir diese ganzen Sachen hören, dann sollten, glaube ich, auch diejenigen, die in einer christlichen Gemeinde engagiert sind, diese Sache ernst nehmen.

Historische Entwicklung von Geschlechterbildern

Also, was sollte man dabei ernst nehmen? Erst einmal ernst nehmen: Es gibt Menschen, die sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen, die den festen Eindruck haben, dass sie im falschen Körper geboren sind. Es gibt Menschen, die sich biologisch nicht ganz zuordnen lassen, die sich psychisch nicht ganz zuordnen lassen. Und diese Menschen haben häufig ein ziemlich schweres Leben.
Es gibt auch im weiteren Bereich, was wir natürlich seit längerer Zeit schon kennen, eben diese Orientierung von Homosexualität oder im weiblichen Bereich von lesbischer Lebensweise oder lesbischer Orientierung, dass eben eine Frau lieber eine Partnerschaft mit einer Frau eingehen will oder dass ein Mann lieber eine Partnerschaft mit einem anderen Mann eingehen will. Auch viele dieser Leute, die so leben und das so empfinden, tun das nicht böswillig. Es ist also nicht so, dass sie sagen: Jetzt will ich mal irgendetwas ganz Verrücktes machen oder jetzt will ich mal irgendwie alle richtig provozieren. Sondern viele dieser Menschen, auch mit denen ich zu tun gehabt habe, haben intensive innerliche Probleme, innere Kämpfe.
Gerade letzte Woche habe ich mit einer Mutter gesprochen, aus einer sehr christlichen Gemeinde, deren Sohn sich ihr gegenüber geoutet hat und gesagt hat: Mama, ich bin schwul. Ich habe schon immer damit zu kämpfen gehabt, und jetzt muss ich das aber sagen. Dann hat die Mutter mich gefragt, wie sie denn jetzt damit umgehen soll. Und das ist dann ja eine echte Herausforderung.
Also einerseits für uns selbst, wie wir uns dazu ordnen, einordnen, wenn wir solche Empfindungen haben oder wenn Menschen, mit denen wir zu tun haben, diese Empfindungen haben, dass wir dann sehen, wie wir mit diesen Menschen umgehen. Das ist eine Herausforderung, vor der wir stehen, und die ist real. Und die müssen wir, glaube ich, auch in christlichen Gemeinden zur Kenntnis nehmen.
Wir können also nicht so tun, als ob das nur irgendwo draußen stattfindet, also entfernt von uns, oder als ob das nur irgendwelche skurrilen Typen sind. Sondern das sind Menschen, die häufig mit sich selbst zu kämpfen haben, die manchmal gerne anders sein wollen, die merken, dass sie von der Gesellschaft da und dort ausgestoßen und nicht akzeptiert werden. Häufig sind es auch Leute, die sehr tief in ihrer Persönlichkeit verunsichert sind.

Von Gender Mainstreaming zu gesellschaftlichen Leitbildern

Also, es ist nicht immer so. Manchmal ist es gerade dann der Fall, wenn man merkt, dass eine Person sehr kämpferisch auftritt. Ich habe das häufig erlebt, besonders mit homosexuell orientierten Menschen, dass sie sehr kämpferisch auftreten. Dann treffe ich sie irgendwo, zum Beispiel an der Uni bei einem Vortrag, und dann kommen sie auf mich zu und sagen: Michael oder Herr Kotsch, was denken Sie denn jetzt über Homosexualität?
Da merke ich, dass das nicht nur eine neutrale Frage ist, sondern dass es sehr, sehr schnell emotional wird, angriffig wirkt oder dass sie sich provoziert fühlen, je nachdem, was ich dazu sage. Und da merken wir, dass das für viele dieser Menschen eine ganz, ganz schwierige Situation ist. Da sind wir herausgefordert: Wie gehen wir damit richtig um?
Im weiteren Rahmen ist das ja ein Bestandteil von dem, was wir heute unter dem Sammelbegriff Gender Mainstream kennen. Dieser Begriff Gender Mainstreaming ist 1995 bei einer Weltfrauenkonferenz in Peking in der breiten Öffentlichkeit entstanden. Seitdem wurde er insbesondere in der westlichen Welt, das heißt in Europa und in Nordamerika, als Leitbegriff für sexuelle Identität und für sexuelle Bildung, für begleitende sexuelle Identität etabliert.
Zwischenzeitlich ist er in ganz vielen Gesetzen festgeschrieben. Er ist auch in der Ausbildung von Lehrern, von Pädagogen, von Sozialtherapeuten und so weiter, sowie von Medizinern, fester Bestandteil. Dieser Gedanke des Gender Mainstream umfasst und beinhaltet das alles. Er steht dann aber eben nicht nur als Beschreibung da, sondern als eine Art Handlungsanweisung, eine Art Ideologie, eine Art Weltbild, das dahintersteht und uns überall begegnet.

Sprachregelungen, Freiheit und die Trennung von Sex und Gender

Häufig begegnet es uns auch so, dass wir zunächst den Eindruck haben können: Das klingt doch alles ganz komisch. Das gilt beispielsweise für bestimmte Sprachregelungen.
So gab es vor zwei Wochen eine Entscheidung in Schweden, dass man neben er und sie noch ein drittes Geschlecht formuliert. Und das ist nicht wie im Deutschen es, sondern ein anderes Geschlecht, das ausdrücken will: Der ist nicht er und der ist nicht sie, sondern er ist irgendwo dazwischen.
Oder es gibt in Schweden eine Kindergartengruppe, die nennt sich Egalita. Dort hat man den Kindern schon vor Jahren beigebracht, dass man die Kinder nicht mehr bezeichnet als er und sie, sondern als so eine Art S. Also: S kommt rein oder S will das oder so. Denn man sagt, da wird ein Kind ja schon festgelegt.
Da ist ein Kleines, das ist jetzt halt äußerlich ein Junge. Aber woher weiß man, ob er innerlich ein Junge ist? Also spricht man den erst mal mit S an. Und dann hinterher kann S sich selbst festlegen, was S sein will, so oder so oder auch mal im Wechsel, sodass man da eine größtmögliche Freiheit haben will.
Der Grundgedanke dieses Gender Mainstreaming ist der Gedanke der Freiheit. Also man sagt: Bisher sind Menschen eingeengt worden in ihrer sexuellen Identität, und zwar eingeengt auf zwei verschiedene Modelle, nämlich Modell Mannsein und Modell Frausein. Und nicht nur, dass man auf diese Modelle eingeengt worden ist, sondern man ist auch eingeengt, wie man denn als Frau lebt oder wie man als Mann lebt.
Hier wird nämlich unterschieden zwischen dem biologischen Geschlecht und dem sozialen Geschlecht. Im Englischen geht das auch noch viel leichter, denn im Englischen gibt es für das biologische Geschlecht den Begriff Sex und für das soziale Geschlecht den Begriff Gender. Das heißt, daher kommt diese Begriffsbezeichnung.
Auch im Deutschen kennen wir das nicht so sehr, also dass wir das auf dieser Ebene unterscheiden. Wenn wir von Geschlechtlichkeit reden oder von Mann und Frau reden, dann meinen wir meistens beides damit. Wir meinen das Biologische, und wir meinen auch das gesellschaftlich Gelebte, also wie man sich verhält als Mann oder Frau.
Im Englischen wird das unterschieden, und das ist ein Ausgangspunkt für diese Debatte des Gender Mainstreaming. Da sagt man, das muss man voneinander trennen. Also man muss voneinander trennen, wie ein Mensch lebt, egal welchen Geschlechts, und was für ein Geschlecht er oder sie oder es hat.
Das ist eine ganz neue Sichtweise und Diskussion.

Frühe Debatten über Frauenrechte und gesellschaftliche Rollen

Im 20. Jahrhundert gab es sehr unterschiedliche Fragen, über die diskutiert wurde: Wer ist Mann, oder wie ist man als Mann? Wie ist man als Frau? Manchmal verlieren wir das aus dem Blick, weil wir uns vielleicht so sehr daran gewöhnt haben.
Vor etwa hundert Jahren gab es in Deutschland jedoch eine große Diskussion, auch in ganz Europa und in Nordamerika, beispielsweise über eine erste Form der Gleichberechtigung und Anerkennung der Frauen im Vergleich zur Lebenswelt der Männer. Vor hundert Jahren war beispielsweise in Deutschland die große Frage: Dürfen Frauen auch wählen, also politisch wählen? Heute würden wahrscheinlich manche hier sagen: Was für eine komische Idee, wieso denn, das ist doch ganz klar? Nein, vor hundert Jahren war das gar nicht klar. Im deutschen Kaiserreich gab es zwar ein Wahlrecht, aber dieses Wahlrecht galt lediglich für Männer.
Übrigens war das eine Diskussion, die über Jahrzehnte hinweg Europa erschütterte und heftig ausgefochten wurde. Erst in den Siebzigerjahren führte als letzter ein Schweizer Kanton, ich weiß nicht mehr genau welcher es war, das müsste ich gerade recherchieren, auf kantonaler Ebene das Frauenwahlrecht ein. Erst in den Siebzigerjahren also. Es ist noch gar nicht so lange her, dass auch darüber die heiße Diskussion geführt wurde: Dürfen Frauen das machen?
Vor hundert Jahren wurde auch darum gekämpft, ob Frauen studieren dürfen. Und zwar deshalb, weil man damals flächendeckend der Überzeugung war, dass viele Berufe für Frauen eine Überbelastung seien. Frauen könnten das intellektuell auch nicht schaffen, sie seien psychisch viel zu schwach dafür, und so weiter und so weiter.
Das ist uns heute ebenfalls fremd. Diese Überlegung haben wir heute nicht mehr, weil wir 100 Jahre später sind. Ich will nicht unbedingt sagen, dass wir weiter sind; weiter klingt so, als gäbe es in der Entwicklung automatisch einen Fortschritt. Ob es den gibt, kann man ja meistens erst viel, viel später sehen. Oder ob manche Entwicklungen eben auch negativ sind, das ist eine andere Frage. Auf jeden Fall hat man damals diese Diskussion geführt, was die Position der Frau in der Gesellschaft ist. Es war nicht die Frage, wer Frau oder Mann ist, sondern wie man sich als Frau und als Mann angemessen in der Gesellschaft verhält.

Zwischenkriegszeit, Nationalsozialismus und Nachkriegsordnung

Das ist jetzt Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Dann hat man in der Zeit der Zwanzigerjahre sehr viel innerhalb dieser Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau durchgesetzt. Es gab auch Überlegungen, den Strafparagraphen für Homosexualität abzuschaffen, was dann ja erst viel später, 1994, in Deutschland der Fall gewesen ist. Aber es gab erste Überlegungen. Es gab auch Überlegungen für moderne Frauenbilder.
Wir sehen das häufig auch, wenn wir uns einmal Mode aus den Zwanzigerjahren anschauen. Viele Frauen sahen damals viel männlicher aus. Zum Beispiel waren Kurzhaarfrisuren in Mode, und auch die Röcke waren nicht mehr so weit, sondern alles wirkte ein bisschen enger, ein bisschen männlicher. Das war in den Zwanzigerjahren so. Also auch hier ein neues Frauenbild: Frauen eher auf derselben Ebene, auf derselben Stufe wie der Mann, gesellschaftlich und im Privatleben, in dem, wie sie sich äußern und wie sie sich geben. Das hatte sich allerdings gesellschaftlich nicht breit durchgesetzt, sondern eher nur in einer schmalen Elite, auf einer kleinen Ebene in der Oberschicht, in der Welt der Kunst, der Kultur, der Wissenschaft und so weiter.
Wir wissen dann, dass die Zeit des Nationalsozialismus kam, ab 1933 bis 1945. In diesen zwölf Jahren setzte sich wieder ein anderes Bild von Familie und von Geschlechtlichkeit durch. Hier war es mehr ein Bild, das festlegte: Die Frau ist dafür da, Kinder zu bekommen und zu Hause zu sein. Und der Mann ist dafür da zu kämpfen, also der deutsche Mann, insbesondere in Deutschland. Er ist der Kämpfer, ist der Held, der nach außen treten muss.
Manche aus heutiger Sicht, gerade auch in Gemeinden, sind dann im Irrtum, das für ein christliches Menschenbild oder ein christliches Geschlechterbild zu halten. Das ist vollkommen falsch. Manche Dinge wirken vielleicht so, aber hier geht es um vollkommen andere Sachen. Hier hatte man ja einen Rassismus, der auch im Hintergrund stand. Es sollte eben die deutsche Rasse durchgesetzt werden. Nicht jeder durfte sich vermehren, sondern man musste sehen: Hat man da Vorfahren, die irgendwo nicht rassisch richtig waren, so verstand man das? Also das heißt, solche, die irgendwelche Erbschäden hatten, die unter Depressionen litten, Kurzsichtigkeit litten, dann durfte man sich ja gar nicht vermehren, weil man dann nicht dem Ideal entsprach.
Unter anderem hatte das Herausnehmen der Frauen aus dem Berufsleben auch nicht nur damit zu tun, dass man sagte, sie sollen sich um die Familie kümmern. Das war ja Ende der Zwanzigerjahre auch eine Weltwirtschaftskrise, mit Massenarbeitslosigkeit. Und dann ging man davon aus: Wenn man die Frauen alle aus dem Erwerbsleben herausholt, dann bleiben genügend Jobs für die Männer. Und genauso kam es auch. Plötzlich ging die Arbeitslosigkeit stark zurück, weil die Frauen zu Hause waren und die Männer entsprechende Jobs übernehmen konnten.
Also hier merken wir: Das war nicht unbedingt christlich, sondern das war ein nationalsozialistisches Familienbild. Wenn man sich dann die Bilder anschaut, die Leute dargestellt worden sind, also jetzt nicht nur im Kopf, sondern in Gemälden, in Figuren, dann waren auch die Männer muskelbepackte Kerle, weil sie ja ihre Familie beschützen sollten, so war die Idee. Und Hitler plante, dass auch sie jetzt kämpfen sollten für die Durchsetzung der arischen Rasse. Innerhalb Europas sollten sie kämpfen gegen die Slawen und gegen andere Völker, so war die Ideologie damals.
Und die Frau bekam dann Orden. Es gab Auszeichnungen von Nationalsozialisten, Mütterorden, wenn man bestimmte viele Kinder gehabt hatte. Also das wurde idealisiert, das war in dieser Zeit so.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg lief das wiederum ganz anders. Da waren nämlich viele Männer im Krieg umgekommen. Millionen von deutschen Männern sind gestorben, Hunderttausende waren in Kriegsgefangenschaft in Russland, auch in verschiedenen anderen Lagern. Das heißt, hier mussten plötzlich die Frauen ihren Mann stehen. Die Frauen waren in Deutschland diejenigen, die sehr stark in der Nachkriegszeit, das heißt in den 40er- und 50er-Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, integriert waren ins Erwerbsleben.

Nachkriegszeit, Trümmerfrauen und das Ideal der heilen Familie

Das hat allerdings nichts mit Selbstverwirklichung oder mit Glück in der Arbeit oder sonst irgendetwas zu tun. Das war überlebensnotwendig, unter anderem für meine Großmutter. Mein Großvater war im Krieg gestorben. Er war Sanitäter, in Russland gewesen und ist dort von einer Mine zerfetzt worden. Dann war plötzlich die Großmutter mit drei Kindern allein zu Hause.
Ja, und jetzt gab es kaum staatliche Unterstützung. Das heißt, was musste meine Großmutter tun? Sie musste Jobs haben, hatte geputzt und so weiter, damit sie ihre Familie durchbringen konnte. Und das ging Millionen von Frauen so. Millionen von Frauen sind dann als Trümmerfrauen hinterher bekannt geworden, die eben in den zerstörten deutschen Städten die Backsteine abgeklopft haben. Aus diesen Backsteinen wurden dann neue Gebäude gebaut, und so ist dann Ende der Vierziger-, Anfang der Fünfzigerjahre der Grundstock gelegt worden für das deutsche Wirtschaftswunder, sehr stark durch die Arbeitsaktivität der Frau.
Das verlieren wir manchmal aus dem Blick. Auch aus späterer Sicht wird manchmal von Feministinnen so getan, als ob es, bevor sie in den Siebzigerjahren aufgetreten sind, nur eine Unterdrückung der Frau gegeben hätte. Als ob sie gar nichts durfte. Das stimmt so ja gar nicht. Hier war sogar eine Notwendigkeit, dass Frauen stark im Erwerbsleben integriert waren. Männer waren häufig abwesend. Sie waren entweder abwesend, weil sie tot waren oder in Kriegsgefangenschaft waren. Aber selbst die Männer, die zurückgekommen sind, waren häufig abwesend, weil sie schwer traumatisiert waren, weil sie psychisch stark angeschlagen waren.
Da waren Männer, die grausamste Sachen gesehen haben. Die haben unter schwersten Entbehrungen über Jahre hinweg überlebt, und die waren häufig nicht mehr fähig, als normale Männer und Väter ihre Verantwortung in der Familie zu übernehmen. Und das führte dazu, dass die Frauen diejenigen waren, die prägend waren in der Familie, in der Erziehung und häufig auch in den Entscheidungen, die getroffen wurden. Männer waren häufig sehr, sehr zurückgezogen, hatten über Gefühle gar nicht geredet, hatten sich in der Familie eher distanziert gezeigt. Das waren diese Männer, die in dieser Zeit groß geworden sind. Und das war auch das Männerbild, das dann präsentiert wurde. Nicht immer freiwillig, aber das, was im Vordergrund stand.
Und so wundern wir uns vielleicht gar nicht, dass in den Fünfzigerjahren dann ein Ideal der Familie entstanden ist, das nie der Realität entsprochen hat. Ein Ideal der Familie, das sich heute noch in Fernsehserien der damaligen Zeit widerspiegelt. Wer Fernsehserien der damaligen Zeit anschaut, ob das Lassie ist oder Flipper oder Unsere kleine Farm, der findet da eine heile Familienwelt, wie sie auch in den Fünfzigerjahren so gut wie nie gegeben hat.
Also das ist ein Ideal, das man vor Augen malt. So erträumt man sich das. Das heißt: eine heile Familie, Mann und Frau lieben sich, keinerlei Gewalt kommt in diesen Sachen vor, vielleicht ganz distanziert, also gar nicht vergleichbar mit heutigen filmischen Darstellungen. Und das Kind ist lieb und nett und gehorsam und freundlich und alles Mögliche. Und man ist offen für viele Kinder, und in der Ehe ist man treu, und der Vater unterstützt die Mutter, und die Mutter unterstützt den Vater, und auch sonst ist heile Welt. Das war eben der Traum.
Das heißt, man hatte gerade zehn, fünfzehn Jahre den Zweiten Weltkrieg hinter sich, größte Grausamkeit. Man hatte dieses ganze Kaputte der Familien erlebt, und jetzt sehnte man sich nach heilen Familien. Manchmal versuchte man sie auch umzusetzen, hat sie auch umzusetzen erreicht. Aber wir dürfen nicht den Eindruck haben, dass in den Fünfzigerjahren alles heile Welt war. Sondern in vielen Fällen waren Leute sehr stark belastet durch ihre Vergangenheit oder die ihrer Eltern. Aber sie sehnten sich danach, sie wollten das unbedingt, und dann wurde ihnen von Hollywood traummäßig das vor Augen gemalt, wonach sie sich sehnten. Und sie versuchten, das umzusetzen.

Die 68er, Emanzipation und neue Lebensformen

Und dann veränderte sich wieder das Bild von Frauen und Männern, und zwar mit der nächsten Generation. Das sind die Kinder, die in der Mitte der Vierzigerjahre geboren sind und die langsam groß und erwachsen werden Ende der Sechzigerjahre.
Das heißt, wir sind dann eben 20 Jahre später. Das heißt: von 1945, 1955, 1965 – 20 Jahre später. Die sind jetzt groß, und das sind diejenigen, die dann die sogenannte 68er-Generation bilden. Damit meint man ja nicht die, die dann geboren sind, sondern die, die da erwachsen werden, die da im Studium sind, die fertig mit der Schule sind, die Nachkriegskinder, die in diesen Familien groß geworden sind, zum Teil eben mit abwesenden Vätern, mit gestörten Vätern, mit schwierigen Familienverhältnissen, aber mit der Sehnsucht, das so machen zu können.
Sie haben häufig erlebt, dass die Mütter froh waren, wenn sie nicht mehr arbeiten mussten. Also die Mütter wie meine Großmutter, die dann eben in den 40er-Jahren, Anfang der 50er-Jahre, schwer arbeiten musste und sich nebenher um die Familie kümmern musste, später dann wieder geheiratet hat, und dann hat der Mann stärker gearbeitet. In der Zeit des Wirtschaftswunders, in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre, war es so gewesen, dass man plötzlich mehr Geld verdient hatte. Man konnte sich Sachen leisten, und jetzt konnte man es sich leisten. Frauen empfanden es als Befreiung, zu Hause bleiben zu können, sich ganz auf die Familie und die Arbeit konzentrieren zu können und nicht nebenher noch irgendeine Last zu haben, um die Familie über Wasser zu halten.
Ihre Töchter haben das dann aber als Einengung empfunden. Sie haben gesagt: Mutter, du wirst dir abgeschoben. Mutter, du lässt dich ja unterdrücken. Mutter, selbst mein Mann will stehen, ich will mich durchsetzen, ich will mich emanzipieren. Das war dann die Bewegung des Feminismus und der Emanzipation, zusammengehend mit den Achtundsechzigern. Hier gab es ein ganz neues Familienbild.
Das Familienbild der Zeit damals war: Wir wollen gerade keine festen Strukturen. Wir wollen gar nicht mehr Mann und Frau sein, sondern wir wollen Sexualität frei ausleben. Es soll keine Grenzen der Sexualität mehr geben. Ich will das tun, wozu ich Lust habe, sofern der andere Partner auch dazu Lust hat.
Und das heißt: Das war die Zeit der wilden Ehen, so nannte man das damals, also nicht mehr etablierte Ehen. Das war die Zeit der Kommunen. Man lebt da als junger Mensch nicht zusammen mit der Freundin, sondern in der Kommune, was weiß ich, zehn Männer, fünfzehn Frauen, und jetzt lebst du in einem Haus, und das mietest du, und jeder ist mit jedem irgendwo zusammen. Und ein Spruch, der damals weit verbreitet war, der hieß: Wer zweimal mit derselben pennt, der gehört schon zum Establishment.
Also: Was heißt Establishment? Das war das Böse, das Überkommene, das Leben der Eltern. Und hier schläfst du zweimal mit derselben Frau, also dann ist das schon verdächtig, denn du legst dich ja viel zu sehr fest. Und das ist das klassische Familienbild, das will man ja nicht.
Von denen, die da groß geworden sind, sind die meisten hinterher trotzdem eine feste Partnerschaft eingegangen, weil dieser Überschwank der wilden Ehen und der wechselnden Partnerschaften eine Zeit lang für die Leute positiv empfunden wurde, auf Dauer aber als Belastung. Aber hier wechselte wieder die Vorstellung von Partnerschaft: Partnerschaft jetzt nicht mehr gesellschaftlich festgelegt, Partnerschaft frei von Konventionen der Gesellschaft, eine Frau, die selbstbewusst auftritt, die sich nicht nach ihrem Mann orientiert, eine Frau, der Mann sagt: Der Mann ist dein Feind.
Das waren die Feministinnen, die das sagen. Der Mann ist nicht nur ein Gegenüber oder so, sondern er ist ein Feind. Hier wurde eine ganze Geschichtsepoche neu definiert, nämlich: Die gesamte Weltgeschichte ist ein Kampf von Männern gegen Frauen, so wurde das gesagt. Und Frauen, lasst euch sagen, euer Hauptgegner und Feind in der Gesellschaft sind die Männer.
Da wurde gesagt: Ursprünglich, in einer glücklichen Gesellschaft in früheren Zeiten, die keiner mehr so genau kennt, da gab es das Matriarchat, da gab es die Muttergöttin, da gab es die Frauen, die die Herrscherinnen waren, und die Männer, die sich halt um die körperlich anstrengenden Sachen gekümmert haben. Und irgendwann waren die Männer zu genervt, und dann haben sie einen männlichen Gott erfunden. Eben Judentum, Christentum, und dann hat sich das Patriarchat durchgesetzt.
Die Männer, grausam und brutal, haben die Frauen unterjocht, und seitdem sind die Frauen halbe Sklaven. Und jetzt ist die Zeit, sagt man in der 68er-Generation, jetzt ist die Zeit, dass die Frauen sich befreien von der Unterdrückung der Männer. Das war die Auffassung damals. Das vertreten heute wenige Leute, aber damals war das so der Zeitgeist, und hier: Feindschaft, Konkurrenz, darum zu ringen.

Beruf, Selbstverwirklichung und die neue Partnerschaftslogik

Viele Frauen wollten so sein wie Männer. Das Typische an der modernen Frau der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre sieht man, wenn man sich Bilder aus dieser Zeit anschaut: Sie trug Anzug, hatte Kurzhaarfrisuren und möglichst den Akkenkopfer. Akkenkopfer war damals in Mode, Akkenkopfer in der Hand. Das ist die moderne Frau der damaligen Zeit, der siebziger Jahre.
Hier ist eben die Frau, die Berufstätigkeit nicht mehr als Notwendigkeit sieht, um die Familie zu ernähren, wie ihre Mütter in den 40er Jahren und Anfang der 50er Jahre, sondern den Beruf als ein Vorrecht betrachtet. Sie fühlt sich verdrängt aus dem öffentlichen Leben. Sie sieht es nicht mehr als Befreiung, sich zu Hause um die Familie zu kümmern oder nicht arbeiten zu müssen, sondern sie empfindet das als: Da will mir jemand etwas wegnehmen.
Deshalb ist dann der Leitspruch: Ich will mich im Beruf verwirklichen, ich will mich selbst verwirklichen. Der Beruf ist der Ort, wo man gesellschaftliche Anerkennung bekommt, die bekommt man zu Hause ja nicht. Das war der Gedanke, den man vermittelt hat. Und der wurde ganz, ganz intensiv diskutiert, mit riesigen Auseinandersetzungen in Gemeinden, außerhalb von Gemeinden.
Am Ende der Geschichte war eben, dass die Idee einer sogenannten gleichberechtigten Partnerschaft entstand, und viele neue Varianten. Das heißt dann eben eingetragene Wissenschaften beispielsweise, wo man dann zusammenlebt, ohne zu heiraten. Aber dieses Gleichberechtigte wurde auch so verstanden: Eigentlich kämpft jeder für sich. Du als Frau kämpfst für dich, und du als Mann kämpfst für dich.
Und wenn du aus bestimmten Gründen für eine Zeit lang mit einem Partner zusammenleben willst, dann tu das. Aber nach Möglichkeit schließt du vorher auch einen Ehevertrag. Und im Ehevertrag steht ganz genau drin: Du bekommst das, und du bekommst das, und deine Rechte und das und deine Pflichten, alles ganz genau geregelt. Dahinter steht ja erst mal ein starkes Misstrauen dem Partner gegenüber. Das heißt: Okay, ich liebe den jetzt, aber wer weiß schon, ob ich den in zehn Jahren noch mehr liebe.
Hier ist ja auch ganz stark das Argument: Ich liebe dich nicht mehr. Und dann sagt man: Ja, dann ist die Ehe zu Ende. Das heißt also, Ehe wird ganz stark aufgebaut auf momentanen Emotionen, die ich habe, auf Rechten, die ich bekomme, die ich einklage, auf dem, was ich durchsetzen kann, auf dem, was ich bekomme von dem, was ich mir wünsche. Das ist dann die Grundlage der Beziehung in der Ehe.
Und das war Ende der Sechziger und durch die Siebzigerjahre hindurch.

Kinder, Medien und die veränderte Vorstellung von Familie

Also hier ein wieder verändertes Bild von Partnerschaft, ein verändertes Bild von Ehe. Zum Beispiel spielen Kinder ab dieser Zeit noch eine ganz untergeordnete Rolle. Zum Teil, weil hier der Boom der Antibabypille kommt. Das ist ein ganz grosses Thema in den 60er Jahren. Endlich die Antibabypille: Jetzt kann man zusammen schlafen, ohne Angst haben zu müssen, schwanger zu werden.
Und das ist ja gerade für Paare, die sich nicht festlegen wollen, die auch nicht heiraten wollen, eine ganz, ganz wichtige Frage. Freie Sexualität, wilde Ehen, Kommunen sind ja gar nicht möglich ohne Pille. Wie will man denn das machen? Das geht ja nicht. Woher kümmert man sich um die Kinder und so? Also hier die sexuelle Befreiung, und zur sexuellen Befreiung gehört dann auch die Abtreibung. Das gehört alles in diese Diskussion hinein.
Da treten in der Öffentlichkeit, auf Strassen, Frauen auf mit: Mein Bauch gehört mir. Warum? Ich will freien Sex haben, aber ich will bitte sehr auch darüber bestimmen, ob ich dann ein Kind daraus habe oder nicht. Und wenn ich mit irgendjemandem zusammen schlafe oder lebe, dann will ich das Kind vielleicht gar nicht. Und wenn ich halt nicht vorher die Pille genommen habe, dann will ich das Recht hinterher haben, auch abzutreiben. Ich will bestimmen darüber, ob ich mich mit einem Kind belaste.
Kinder wurden in dieser Zeit auch immer stärker als Belastung betrachtet, nicht als etwas Positives, weil man ja auch das Bild der Familie mit Mann und Frau und Kindern und so nicht mehr als Idealbild in der Gesellschaft verbreitet hat. Übrigens ist diese Idee ja auch zwischenzeitlich fest etabliert. Also wenn Sie sich irgendeinen Spielfilm anschauen, irgendeinen moderneren Roman lesen, dann werden Sie feststellen: Die klassische Familie ist so absolut tot, die gibt es so gut wie gar nicht. Und wenn sie vorkommt, dann höchstens bei einem Langweiler, der irgendeine Lebensrolle spielt, ein öder Kerl.
Alle Helden, ausnahmslos alle, sind unverheiratet, oder ihr Ehepartner taucht nie auf, oder sie hassen ihren Ehepartner, oder sie ermorden ihren Ehepartner, oder sie haben eine Affäre nebenher. Das gibt es nicht. Denn der moderne Mensch kämpft für sich. Er ist ein einsamer Wolf, der durch die Gegend schweift und ab und zu auch mal einen Partner hat, aber nur, solange es nicht zu wehtut und man nicht zu nahe kommt.
Das Ideal der Partnerschaft ist nur noch das Verliebtsein. Auch im Film: Das Einzige, was es an Partnerschaft gibt, ist Verliebtsein. Die erste Liebe, ich bin begeistert von dem anderen, ich finde alles toll. Was danach kommt, das gibt es nicht mehr. Das ist aus und vorbei, eine riesige Ausnahme, wenn das irgendwann mal gezeigt wird.
Und wir merken ja, dass Medien zwar nicht immer die Realität widerspiegeln, aber sie spiegeln das Ideal wider, was eine Gesellschaft hat. Also so stellt sie sich das vor. Und heute ist das der unabhängige Mensch: Ich lege mich nirgends fest. Und wenn ich das will, dann höchstens für eine Zeit lang, und zwar wenn es mir etwas bringt, wenn meine Emotionen angesprochen werden, wenn es mir einen Vorteil bringt, wenn ich Verständnis habe oder sonst etwas. Wenn das nicht mehr der Fall ist, wird Partnerschaft aufgekündigt.
Also das heisst, Partnerschaft ist hier nicht: Es geht um den anderen, sondern es geht um mich. Und selbst bei dem, wenn ich sage: Ich mache alles für dich, ja, das geht eben nur, solange die Emotionen da sind. Wenn die Emotionen nicht mehr da sind, dann mache ich gar nichts für dich, dann ist es aus, Ende.
Das ist heute in jeder Darstellung, von jedem modernen Roman, auch von jedem Spielfilm, der heute dargestellt wird, und das ist auch das Ideal, nach dem sich viele Menschen sehnen. Sie sehnen sich danach: Es muss mir etwas bringen.

Gesellschaftliche Prägung, Beruf und die Unterschiede zwischen Ost und West

Und diese starke Veränderung von Partnerschaft und der Auffassung von Partnerschaft ist dann eben in den späten Sechziger- und Siebzigerjahren entstanden. Von ihr sind wir heute nach wie vor noch geprägt.
Auch diese Auffassung, dass Frauen ins Berufsleben gehören und dass Berufsleben nicht eine Belastung, sondern der Ort der Selbstverwirklichung ist, entstand in dieser Zeit. Heute wird das von den meisten Menschen so akzeptiert und geglaubt. Ich sage geglaubt, weil es an einzelnen Stellen ja tatsächlich so ist, dass Beruf erfüllend sein kann. Es gibt wirklich Berufe, durch die man Anerkennung bekommt.
Aber es gibt auch massenhaft McJobs, so nennt man das in den USA. McJobs, die man wirklich nur machen muss. Keiner würde sie sich freiwillig aussuchen. Es gibt ja Massen an Leuten, die Berufe machen, die wirklich mies sind, die eher nach Hause kommen und sich vom Mobbing erholen müssen. Die sagen: Ich mache mich gesundheitlich kaputt.
Also ja, nicht jeder Beruf ist wirklich nur für Erfüllung und sonst etwas. Viele Berufe sind ja so, dass man einfach davon leben kann. Hier will ich nur deutlich machen: Auch dieser Blickwinkel, dass Beruf Erfüllung meiner Wünsche sein muss und Selbstverwirklichung sein muss, ist eine Schablone, die man entworfen hat und die nicht immer der Realität entspricht. Ich meine, man kann das so leben, nur ich will sagen: Auch diese Auffassung ist gesellschaftlich geprägt.
Diejenigen, die Vorfahren haben, die aus Russland kommen, das heißt Russlanddeutsche, haben das in Russland doch ganz anders erfahren. Denn sie haben diese Phase ja nicht in Deutschland erlebt, sondern in der Sowjetunion. Und in der Sowjetunion lief das noch ganz anders, denn da gab es diese Phase, dass die Frau zu Hause bleiben soll, so gut wie gar nicht. Denn hier war ja das sozialistische Element, und im sozialistischen Element sollen alle mitarbeiten, Mann und Frau, egal, auch in der Industrie. Das war in Deutschland ganz anders.
Da gab es einen starken Umbruch, weshalb auch viele aus russlanddeutschem Hintergrund nie die Frage gestellt haben, ob das nun ein Problem ist, wenn eine Frau berufstätig ist oder nicht. In vielen einheimischen deutschen Gemeinden war das in den Sechziger- und Siebzigerjahren eine riesige Frage: Ist es überhaupt erlaubt, dass eine Frau beruflich tätig ist, die sich doch zu Hause um die Kinder kümmern muss? So war die Argumentation, und das war eben häufig in Russland weniger der Fall, weil eben beide berufstätig waren, in vielen Fällen. Also da war einfach eine andere gesellschaftliche Prägung dahinter.

Homosexualität, Emanzipationsbewegung und gesellschaftliche Anerkennung

Ab Ende der Siebzigerjahre kam dann die große Diskussion auf, dass man plötzlich entdeckte: Es geht ja nicht nur um Mann und Frau, sondern auch um die Frage anderer sexueller Orientierungen, insbesondere der Homosexualität.
Da sind dann Ideen aufgekommen, wie der Christopher Street Day, also nach außen zu zeigen, Homosexuelle sind unterdrückt worden. Das ist ja eine Zeit, in der Homosexualität, ausgeübte Homosexualität, unter Strafe gestellt worden ist. Man konnte dafür ins Gefängnis kommen. Ich habe ja gesagt, das war bis 1994 in Deutschland der Fall.
Insofern verstand sich die Schwulenbewegung als Emanzipationsbewegung, als Befreiungsbewegung, als Befreiung von der Unterdrückung durch staatliche und kirchliche Restriktionen. Also, wenn die Kirchen und der Staat gesagt haben, Homosexualität ist falsch, verstand man das als Unterdrückung meiner persönlichen Freiheit. Und jetzt muss man sich von dieser Unterdrückung befreien, so dass sowohl die Kirchen als auch der Staat meine homosexuelle Orientierung anerkennen.
Das war der Gedanke, der da aufgekommen ist, und den Höhepunkt erreichte er eben mit der Abschaffung der Gesetze, die Homosexualität unter Strafe gestellt haben, eben Mitte der 90er Jahre, also das heißt jetzt vor 20 Jahren in Deutschland.
Und das hat sehr viele Diskussionen ausgelöst. Da traten andere Diskussionen um Mann und Frau eher in den Hintergrund. Das war so der Mittelpunkt für sexuelle Identität, sexuelle Orientierung, die in den Achtzigerjahren ganz besonders heftig diskutiert worden sind, bis Mitte der Neunzigerjahre.
Und als diese Frage mehr oder weniger gesellschaftlich geregelt war, und das ist sie ja heute, es gibt heute keine wirkliche Diskussion um Homosexualität, es gibt da auch eigentlich keine offenen Fragen. Es ist sogar eher so: Wer allein wagt, eine Frage in dieser Hinsicht zu stellen, ist gesellschaftlich tot. Wer heute wagt, in der Öffentlichkeit über Homosexualität zu diskutieren, und zwar sozusagen: Könnte es da Probleme geben, oder ist Homosexualität ethisch vielleicht problematisch?, der ist absolut ein Außenseiter, der wird kein öffentliches Amt mehr innehaben.
Das heißt, diese Sache ist in der Gesellschaft lange geregelt, da gibt es gar keine öffentlichen Diskussionen mehr. Was uns auch auffallen wird: Es wird keinen einzigen Politiker geben, in ganz Europa, der irgendwo einmal sagt, dass er Probleme mit Homosexualität hat. Sondern es ist eher so, dass wenn man heute homo, schwul ist und das im Wahlkampf sagt, dann hat man noch Pluspunkte, dann wird man mehr gewählt, weil: Der ist doch cool.
Können Sie in den letzten Jahren beobachten, dass dann irgendein Torwart sagt, er sei auch schwul, und es gibt keine Diskussion, sondern er bekommt nur Beifall, nur. Das ist ganz klar. Du sagst zu einem Schauspieler: Ich bin schwul, nur Beifall. Alle sagen: Wie toll und wie mutig und was weiß ich und wie super ist das alles.
Und das kann es ja im Einzelfall auch durchaus sehr sein, meinetwegen mutig, wobei ich glaube, man braucht heute gar keinen großen Mut mehr, das zu tun. Manchmal ist das sogar Kalkül, weil man damit in die Presse kommt, wenn man solch eine Äußerung macht.
Und da merken wir: Hier hat es eine ganz starke gesellschaftliche Veränderung gegeben, hin zu: Homosexualität ist fester Bestandteil des Lebens der Bundesrepublik. Das ist richtig, Deutschland. Und es ist so, dass eine Kritik oder eine anders ausgerichtete ethische Wertung eher in der Gegenwart tabuisiert wird.
Das ist das Ergebnis dieser Entwicklung bis Mitte der 90er Jahre.

Chancen und Grenzen von Gender Mainstreaming

Und ab den 90er Jahren kam eben diese neue Sichtweise von Geschlechtlichkeit und von Partnerschaft, eben die des Gender Mainstreaming. Und hier möchte ich sagen, Gender Mainstreaming hat aus meiner Sicht erst einmal bestimmte richtige Erkenntnisse getroffen und positive Ergebnisse gehabt.
Beispielsweise, was ich schon erwähnt habe: Ich glaube, dass es tatsächlich problematisch ist, Menschen allein aufgrund ihrer sexuellen Identität zu diskriminieren. Jetzt will ich damit nicht sagen, dass ich das als ethisch immer richtig oder falsch betrachte. Aber ich bin auch dafür, dass man einen Menschen, der etwas tut, was er als ethisch falsch betrachtet, nicht diskriminiert. Das würde ich unterscheiden.
Also beispielsweise bin ich jetzt kein überzeugter Muslim, aber ich bin auch dagegen, dass wir in Deutschland meinetwegen Muslime diskriminieren oder unterdrücken würden. Ich hoffe, hier ist klar, dass das zwei verschiedene Dinge sind. Und bestimmte sexuelle Orientierung zu diskriminieren, das halte ich durchaus auch aus christlicher Sicht für problematisch.
Und hier hat Gender Mainstreaming neu darauf aufmerksam gemacht, welche Bandbreite sexueller Orientierung es gibt und dass es da ein Defizit in der Gesellschaft gibt, dass bestimmte Menschen ausgegrenzt, bestraft, diffamiert werden aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Und wie gesagt, das sind ja zwei ganz unterschiedliche Sachen: Diskriminierung oder ethische Einordnung, das sind zwei unterschiedliche Aspekte.
Dann müssen wir sagen: Seit Mitte der 90er Jahre, insbesondere Anfang der 2000er Jahre, gab es dann einen ganzen Boom von Gender Studies, also Forschungen in verschiedenen Fachbereichen, die sich insbesondere mit der Geschlechtlichkeit des Menschen und zwar auf ganz verschiedenen Ebenen befasst haben, besonders mit Geschlechtlichkeit im sozialen Bereich. Das heißt in Bereichen, die jetzt mal außerhalb von Sexualität im inneren Sinne, das heißt Fortpflanzung, Sexualität usw. sind, nämlich wie Mann und Frau sich im alltäglichen Leben verhalten, und zwar in der Schule oder im Studium oder am Arbeitsplatz oder im Urlaub oder im Krankenhaus oder sonst wie.
Man hat intensiv daran geforscht, weil man neu auf diesen Blickwinkel aufmerksam geworden ist: Der Mensch ist nicht nur Mensch, sondern der Mensch ist immer auch geschlechtliches Wesen, und das hat mehr Auswirkungen, als man bis dahin angenommen hat.

Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Alltag

Man kam ja auch aus der Zeit der Emanzipation, in der eher betont worden ist, Mann und Frau seien vollkommen gleich. Jeder, der gesagt hat, Mann und Frau seien unterschiedlich, wurde schon argwöhnisch als Feind betrachtet. Man wollte vielmehr sagen: Männer und Frauen sollen alle gleiche Rechte haben. Und gleiche Rechte wollte man damit fordern, weil man davon ausging, sie seien doch auch gleich.
Damals war vorher die Idee, ja, sind Frauen jetzt weniger intelligent, mehr intelligent, denken sie anders? Und da sagte man: Na, das ist ja ganz gefährlich, darüber darf man gar nicht diskutieren. Frauen sind genau wie Männer, denn sonst könnte man ja möglicherweise einen argumentativen Ansatz haben, um zu erklären, dass man Mann und Frau unterschiedlich behandeln soll. Also das war gar nicht möglich.
Mitte der 90er Jahre war die gesellschaftliche Situation eine andere, da war das möglich. Und gerade in den zehn Jahren von Mitte der 90er bis Mitte der 2000er Jahre, also bis etwa 2005, erschienen sehr, sehr viele Publikationen über die Unterschiede von Mann und Frau. Das haben wir zum Teil auch den Genderforschungen zu verdanken, und ich halte das für eine sehr gute Sache. Ich glaube, da sind uns manche Dinge deutlich geworden und gezeigt worden, die richtig und zutreffend sind, nämlich dass es sehr, sehr viele Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen gibt, die uns vorher gar nicht aufgefallen sind.
Ich habe in den letzten Jahren mit verschiedenen Fachleuten unterschiedlicher Disziplinen geredet, die mir dann Details dazu genannt haben. Beispielsweise erinnere ich mich an eine Frau, die Zahnmedizin studiert hatte, darin promoviert hatte und die mir dann gesagt hat, ihr Forschungsobjekt sei die Zahnpflege gewesen. Darüber hat sie ihre Doktorarbeit geschrieben und unter anderem festgestellt, dass Männer und Frauen ihre Zähne unterschiedlich pflegen.
Also kann man jetzt nicht nur sagen, jeder macht das anders, wenn wir das im Einzelnen durchgehen, sondern generell legen Männer im Ergebnis ihrer Studie weniger Wert auf Zahnpflege als Frauen. Das bedeutet im Ergebnis weniger häufiges Zähneputzen oder auch weniger Verwendung von Zahnseide oder Ähnlichem. Frauen machen das mehr. Das kann man jetzt nicht auf jeden Einzelnen beziehen, das ist keine Aussage über jede einzelne Person. Also wenn sich gleich eine Frau meldet und sagt: Nein, ich putze nie die Zähne, dann kann es das auch geben. Aber tendenziell machen Frauen mehr Zahnpflege als Männer.
Sie hat auch festgestellt, dass häufig die Zahngesundheit der Frauen schlechter ist. Und jetzt ziehen Männer gleich den Schlussfolger: Habe ich doch immer recht gehabt, ne? Zu viel Zähneputzen schadet den Zähnen und so. Nein, nein, so ist das nicht. Das eine hängt vermutlich eher mit Hormonen und anderen Faktoren zusammen, sodass Frauen, wenn sie weniger Zahnpflege betreiben würden, noch schlechtere Zähne hätten. Das heißt, Frauen müssen auch mehr tun.
Jetzt haben Männer gleich eine gute Entschuldigung, wenn sie es weniger machen. Also ich will nicht auf die Einzelheiten zu sprechen kommen, will ja jetzt auch keine Ehekrisen hervorrufen, wenn es dann zu Hause Diskussionen gibt. Aber ich wollte einfach sagen: Das sind doch interessante und wichtige Ergebnisse.

Medizin, Lernen und Kommunikation als geschlechtsspezifische Felder

Interessante und wichtige Ergebnisse sind auch diese: Wenn du als Frau einen Herzinfarkt hast, muss man dich etwas anders behandeln als einen Mann. Warum? Weil dein Körper auf die Medikamente anders reagiert und weil es andere Symptome gibt, bei denen sich ein Herzinfarkt bei der Frau äußert als beim Mann.
Das sind auch Ergebnisse der Gender Studies, der Genderforschung. Es gibt Unterschiede darin, wie Männer und Frauen lernen. Beispielsweise gibt es immer mehr Bildungspolitiker, die darauf hinweisen, dass es ein weibliches und ein männliches Lernen gibt. Man kann das auch an Hirnregionen und Verknüpfungen festmachen und so weiter.
Man merkt es unter anderem auch daran, dass jetzt flächendeckend, egal in welchem Bildungssystem es ist, also in Deutschland, egal welcher Schultyp, Frauen die besseren Schulabschlüsse haben. Es gibt in fast jedem Studiengang mehr Frauen, die Studienanfänger sind, und auch mehr Frauen, die das Studium absolvieren, als Männer.
Und manche Feministinnen sind da noch etwas dabei und reiben sich die Hände und sagen: Wir haben doch immer gewusst, Frauen sind die besseren Menschen. Nein, nein, das ist eben nicht der Fall. In den Gender Studies sagt man nicht, Frauen sind die besseren Menschen, sondern man sagt, das momentane Bildungssystem entspricht eher dem weiblichen Lernen.
Und da überlegt man dann neu: Was kann man denn tun, damit Männer in der Gesellschaft nicht vom Lernen abgehängt werden? Und vielleicht sagen jetzt einige Frauen: Ja, dabei ist ja gar nicht so schlimm, dann nehmen wir als Frauen die Spitzenposition in Anspruch. Das wird wahrscheinlich auch darauf hinauslaufen in den nächsten Jahrzehnten. Aber ihr Frauen freut euch nicht zu früh, denn wenn ihr nur noch Loser als Männer habt, werdet ihr ja auch nicht glücklich.
Und wenn die immer nur zutiefst verunsichert sind und unzufrieden sind, dann kannst du einen Top-Job haben, aber dann geht es dir auch schlecht zu Hause. Und zumal musst du dann noch doppelt so viel arbeiten, weil der Mann seine Arbeitsleistung nicht mehr bringt, weil er sich verunsichert fühlt.
Also deshalb sorgt dafür, dass ihr auch starke Männer habt, die bewusst sind, was sie tun, und wissen, dass das auch gut ist. Denn davon profitiert ihr selbst. Das muss man ganz deutlich vor Augen sagen. Und das ist ein Massenproblem.
Es gibt heute Massen, gerade von jungen Männern, die dann zum Beispiel in Süchte hineinkommen. Spielsucht viel, viel häufiger bei jungen Männern als bei jungen Frauen, Alkoholsucht viel, viel häufiger bei jungen Männern als bei jungen Frauen. Und viele führen es darauf zurück, dass eben viele Männer heute in der Gesellschaft zutiefst verunsichert sind über ihre Position, darüber, wer sie sind, was sie sind.
Ganz typisch sind auch Umfragen, etwa die Shell-Studie zur deutschen Jugend. Wie ist das? Männer wollen sich heute nicht mehr binden. Da ist dann irgendeine Frau so spät wie Mitte zwanzig, und die meisten Frauen sagen: Ach, eigentlich heiraten wir ja auch nicht schlecht. Also das ist zumindest so ein Traum. Der Traum ist auch nach der Shell-Studie zur deutschen Jugend: Die meisten Jugendlichen wünschen sich eine treue Beziehung, noch eine große Hochzeit und dann irgendwie ein kleines Einfamilienhaus, wirtschaftlich abgesichert und so einen friedlichen Rahmen, in dem man dann die Kinder aufziehen kann, und noch einen Beruf, der einen erfüllt. So ist das der Traum vieler junger Frauen in Deutschland heute.
Aber die jungen Männer lassen sich nicht mehr darauf ein. Junge Männer wollen keine Kinder, sie wollen keine feste Partnerschaft. Im Job brauchen sie endlos lange, ehe sie sich festlegen, was sie eigentlich wollen und wer sie sind und ob sie diese Verantwortung tragen können oder so. Ich rede jetzt über einen Durchschnitt, nicht über jeden einzelnen Mann.
Und das ist ein Problem. Das ist ein Problem für Männer. Das ist aber auch ein Problem für die Gesellschaft. Und das erkennt man durch diese Genderforschung. Da erkennt man: Hier müssen wir mehr dafür sorgen, dass Männer besser lernen können.
Und das Ganze gilt auch für Kommunikation. Viele, die verheiratet sind, werden das wissen, dass Frauen anders argumentieren und kommunizieren. Als ich jung verheiratet war, habe ich gedacht, ich verstehe ganz genau, was meine Frau sagt. Zwischenzeitlich habe ich den Eindruck, wahrscheinlich werde ich es nie ganz verstehen.
Und ich könnte da zahllose Beispiele nennen, wo das immer wieder so ist, wo ich dann denke: Was will meine Frau mir jetzt eigentlich sagen? Und manchmal bekomme ich schon Panik, wenn sie mich irgendetwas fragt. Also, was weiß ich, dann fragt sie mich: Was machst du heute Abend? Und da weiß ich eigentlich vieles ganz anders, es geht um etwas total anderes. Vielleicht will sie eigentlich etwas einkaufen oder die Wohnung umräumen oder sonst irgendetwas.
Und dann denke ich mir schon mal, manchmal frage ich auch Viviane: Was willst du eigentlich? Weil ich mir immer schon denke, wenn ich jetzt die falsche Antwort gebe, gibt es eine große Krise. Also besser: Lass uns doch gleich darüber sprechen, was jetzt eigentlich der Punkt ist.
Oder was ich bei meiner Frau auch schätze, ist, dass es wohl auch bei Frauen häufiger so ist, dass Frauen, man sagt ja, Männer überlegen lange Zeit und legen sich dann fest. Und dann fällt es ihnen ganz schwer, den einmal gefassten Entschluss zurückzunehmen. Männer in der Diskussion lieben es, ihre Meinung zu verteidigen.
Das ist bei Frauen nicht ganz so intensiv, also bei meiner auch schon gar nicht. Bei meiner Frau ist es so: Jetzt kann sie mit einer Meinung starten, und ich denke mir, okay, hier ist jetzt so die Gegnerschaft. Und am Ende der Diskussion ist sie manchmal meiner Meinung, wo ich dann fast denke: Das gibt es doch gar nicht, du hast doch am Anfang eine andere Meinung vertreten. An sich kann ich ja froh sein, wenn es dann so läuft.

Persönliche Beispiele aus Ehe und Alltag

Das war übrigens auch so, als wir uns kennengelernt haben, bei unserem ersten Date, bei dem wir dann abgemacht haben, übereinander zu sprechen. Meine Frau hat mir später auch gesagt, dass sie nur darauf eingewilligt hat, weil sie mir sagen wollte, dass sie mich nicht liebt.
Hätte ich das gewusst, dann wäre ich wahrscheinlich schon mit Herzinfarkt dorthin gegangen. Ich wusste ja nicht genau, was mich erwartet. Dann hat sie mir ungefähr dreiviertel Stunden lang erzählt, wie das alles so läuft, wie wir zueinander stehen und was sie über mich denkt. Und am Ende sagte sie: Michael, ich liebe dich.
Also, ich meine: Gut, dass ich nicht wusste, was der Ausgangspunkt war, sondern nur das Ende mitbekommen habe.
Und man sagt eben, dass Frauen stärker in der Lage sind, in einem Gespräch Meinungen zu entwickeln und weiterzuentwickeln. Männern fällt das häufiger schwerer, weshalb Männer stärker zu Dogmatik tendieren. Das ist so. Und dann kämpfe ich darum. Wenn sie ihre Meinung äußern, dann müssen sie meistens in ihre Höhle gehen, das heißt irgendwie ins Büro, in die Werkstatt, in den Garten oder sonst irgendwohin. Dort wird dann nachgedacht, und dann können sie wieder herauskommen und sagen: Jetzt bin ich dieser Meinung. So geht das dann manchmal.
Und hier, glaube ich: Diese Erkenntnisse sind ja gut! Sie sind gut, damit wir besser lernen, in der Gemeinde zu kommunizieren, besser lernen, in der Ehe zu kommunizieren, und besser unsere Frauen und Männer zu verstehen usw. Hier sind also Einzelergebnisse aus der Medizin, aus der Psychologie, aus der Pädagogik und auch aus vielen anderen Wissenschaftsbereichen, die uns deutlich machen: Mann und Frau sind unterschiedlich. Viele dieser Ergebnisse gehen auf Gender Studies zurück, also auf die Erforschung der Unterschiedlichkeit von Mann und Frau im alltäglichen Leben, wie auch in allen anderen Bereichen. Das finde ich erst einmal gut.

Was an Genderfragen hilfreich sein kann

Gut finde ich auch eine zweite Sache beim Gender Mainstreaming, was eben diese Geschlechtlichkeit und die Ordnung der Geschlechtlichkeit angeht. Und zwar, dass neu die Frage gestellt wird, ob wirklich alles, wie Mann und Frau sich verhalten, schon festgelegt werden muss oder neutral festgelegt werden kann.
Also ob man jetzt sagen kann: Ich habe jetzt manche Sachen beschrieben, wo wir sagen, rein physiologisch sind Frauen so und sind Männer so, rein psychisch sind Männer so und sind Frauen so. Das ist ja eine Sache. Auf der anderen Seite gibt es Unmengen an Regeln, gesellschaftlichen Regeln, wie man sich als Mann oder Frau verhält. Dazu gehören beispielsweise so Sachen wie Kleidungsstücke. Kleidungsstücke sind ja nicht per se biologisch festgelegt, sondern das sind Dinge, die man in der Gesellschaft regelt, wo man damit umgeht.
Und hier finde ich es durchaus berechtigt, dass Gender Mainstreaming die Frage gestellt hat, was von den Verhaltensweisen von Männern und Frauen absolut feststehend ist und was von den Verhaltensweisen von Männern und Frauen diskutabel und dadurch auch veränderbar ist. Ich halte diese Frage für berechtigt, auch für den christlichen Rahmen für berechtigt, weil wir merken werden, wenn wir genau hinschauen, dass vieles, wie wir uns als Mann und Frau verhalten, eben nicht in der Bibel oder eindeutig christlich festgelegt werden kann, sondern mehr oder weniger einfach die Tradition ist.
Und wir neigen meistens dazu, die Tradition zu vertreten, mit der wir groß geworden sind. Und wir neigen, umso mehr, umso älter wir werden, dazu. Meistens als junger Mensch denkst du dir: Nein, ich mache es genau anders, und das ist genau nicht so gut wie bei meinen Eltern. Und dann werden sie älter, und da merken sie: Eigentlich war das doch gar nicht so schlecht. Und dann finden sie es doch gut und kämpfen dafür. Also tendenziell, nicht immer, aber tendenziell ist das häufig der Fall.
Und manche der Sachen sind ja super gut. Aber bei manchen Dingen, da glaube ich, müssen wir auch als Christen lernen, dass es eine gewisse größere Bandbreite gibt, dass es verschiedene Variationsmöglichkeiten gibt, sich zu verhalten und zu leben.

Biblische Orientierung statt bloßer Tradition

Nehme ich das Beispiel von vorhin: Wer muss zu Hause kochen? Es könnte ja sein, dass es doch klar ist: Die Frau muss kochen. Bibelvers? Gibt es einen Bibelvers? Da gibt es ja gar keinen.
Ja, zum Beispiel sogar, genau: Jakob und Esau. Esau, der sein Erstgeburtsrecht verkauft, und da ist die Linsensuppe von Jakob gekocht. Ach, plötzlich ist eine ganz neue Erkenntnis, nicht? Ihr merkt: Wenn ihr jetzt biblisch handeln müsst, dann: Aha, Frauen, zieht euch zurück, Männer müssen an den Herd. Das will ich jetzt auch nicht vertreten. Ich will nur deutlich machen, oder Jesus auch.
Als Jesus aufersteht, treffen sie sich am See Genezareth, und dann bereitet Jesus für die Jünger Fisch und Brot vor und gibt es ihnen. Ah, Jesus hat auch gekocht. Also müssen wir sagen: Und ich meine nicht, dass ihr mich falsch versteht, ich will keine neue Regel aufstellen, sondern ich will nur sagen: Bestimmte Dinge sind in der Bibel eben nicht eindeutig festgeschrieben in Rollenmustern, sondern man kann da auch variieren.
Also, wenn ihr es jetzt zu Hause weiterhin so macht, dass eure Frauen kochen, würde ich sagen: Das ist ja in Ordnung. Nur wenn ihr jetzt in der Gemeinde auftretet und sagt: Bei dir zu Hause, da kochst du, du bist kein richtiger Christ, du musst ausgeschlossen werden aus der Gemeinde, dann ist das nicht legitim. Sondern wir müssen durchaus sehen, dass es auch im Verhalten eine gewisse Bandbreite gibt, die auch biblisch zugelassen ist.
Oder die Sache, die ich vorhin gesagt habe: Ist es so, dass ausschließlich der Mann einer Berufstätigkeit nachgeht und die Frau biblisch dazu aufgefordert ist, zu Hause zu sein? Also hier ist eine ernsthafte Frage: Ist das biblisch so? Also ihr dürft ruhig eure Meinung sagen. Es ist also jetzt nicht so, dass ich jetzt nur sage, das ist die einzige, aber ich werde meine dazu hinterher sagen, also das auch.
Er ahnt jetzt schon, gerade an der Frage wahrscheinlich, sage ich hinterher: Nein, nein, so genau ist das nicht festgelegt. Und das stimmt. Was biblisch festgelegt ist, das könnt ihr beispielsweise lesen im Lob der tüchtigen Hausfrau, Sprüche 31. Da geht es ja um die ausführlichste Stelle im Alten Testament, wie eine Frau sich im Ideal zu verhalten hat. Da haben wir aber eine Frau, die kümmert sich ja um ihre Familie und den Haushalt, aber gleichzeitig ist sozusagen eine Frau beschrieben, die berufstätig ist.
Da wird dann zum Beispiel gesagt, dass sie Gürtel herstellt und Decken herstellt, nicht für den Haushalt, sondern um sie zu verkaufen. Eine Art Heimwerker sozusagen. Dann steht da, dass sie in eigener Regie einen Weinberg kauft, um dort Wein anzubauen, damit mehr Gewinn für die Familie herauskommt usw. Das heißt, hier haben wir eine Frau, die sich sehr wohl um das Haus kümmert, aber eben auch berufstätig ist, im Alten Testament schon. Im Neuen Testament haben wir das ja auch, eine Lydia beispielsweise oder andere.
Nun, der Unterschied besteht darin, dass häufig Berufstätigkeit im Alten und Neuen Testament eine Tätigkeit von zu Hause aus war. Das gilt aber nicht nur für die Frau, sondern auch für den Mann. Denn die Männer, zu 90 Prozent im Alten und Neuen Testament, waren entweder kleine Händler, die von zu Hause aus gehandelt haben, oder es waren Handwerker, die hatten ihre Werkstatt zu Hause, wie Josef, der irdische Vater Jesu. Der hatte seine Werkstatt eben zu Hause im Wohnzimmer. Da hatte man keine Werkstatt irgendwo weit entfernt, sondern da räumte man die Matten weg, und dann wurde da die Hobelbank hingestellt. Oder man war eben Landwirt, das war das Häufigste, und das war auch von zu Hause aus.
Also das heißt: Der größte Unterschied zwischen heute und damals ist nicht, sind die Frauen berufstätig oder die Männer, sondern der größte Unterschied ist: Beruf und Privatleben waren viel enger miteinander verbunden, und zwar sowohl bei Männern wie bei Frauen. Denn in der Landwirtschaft ist das ja heute noch weltweit der Fall. Wenn eine Familie Landwirtschaft betreibt, dann sind da normalerweise Männer wie Frauen engagiert. In der ganz modernen industrialisierten Landwirtschaft nicht mehr unbedingt, aber noch vor ein, zwei Generationen auch in Deutschland selbstverständlich.
Die Bäuerin hat sich nicht zu Hause hingesetzt und den Spielfilm angeschaut, während der Mann draußen die Hühner gefüttert hat, die Schweine gefüttert hat und so weiter, sondern dann ging es mit an die Arbeit, ganz klar. Also Berufstätigkeit war auch zu biblischen Zeiten bei Frauen integriert. Das, was die Bibel deutlich sagt, ist: Mann und Frau sollen treu zueinander sein, Mann und Frau sollen sich nicht trennen, Mann und Frau sollen sich lieben und unterstützen, Mann und Frau sind gemeinsam verantwortlich für die Erziehung der Kinder. Diese Sachen sind biblisch ganz eindeutig.

Die eigentlichen biblischen Leitlinien

Wir finden im Alten Testament mehrere Hinweise darauf, wie Männer für die Kindererziehung verantwortlich sind, besonders für die religiöse Erziehung. Das wird mehrfach im Alten Testament gesagt, auch im Neuen Testament. So wird zum Beispiel gesagt: Ihr Männer, erinnert eure Kinder an die großen Taten Gottes. Solche Dinge sind eine besondere Männeraufgabe.
Und hier haben wir uns daran gewöhnt, manchmal ein Gesellschaftsbild von Mann und Frau zu vertreten, das letztendlich nicht biblisch ist. Manchmal kämpfen wir biblisch um Dinge, die vorgeblich biblisch sind, und vernachlässigen dabei die wirklich biblischen Themen. Hier braucht es, glaube ich, ausgelöst durch die Diskussion um Gender Mainstreaming, ein neues Überlegen, ein neues Ringen darum, was wir denn wirklich in der Bibel finden.
Finden wir wirklich in der Bibel, dass nur die Frauen kochen sollen, oder doch nicht? Und wenn wir das nicht finden, dann können wir das natürlich trotzdem noch so regeln. Aber wir müssen es nicht mehr. Wir haben einen größeren Freiraum, wir haben mehr Variationsmöglichkeiten, wenn wir uns grundsätzlich an dem festhalten, wo die Bibel ganz eindeutige Leitlinien gibt. Das heißt: Treue, Liebe, Erziehung der Kinder, all solche Dinge, und natürlich dann auch Nachbarschaftshilfe, Hilfe für Arme und so weiter. Das gilt für Männer wie für Frauen.
Und das, glaube ich, sollten wir neu im Blick bekommen. Gender kann uns dabei helfen, das Wesentliche als wesentlich zu erkennen, nicht an Stellen zu kämpfen, die biblisch nicht eindeutig festgeschrieben sind, sondern an denen zu kämpfen, auf die es wirklich ankommt.

Treue, Leitungsverantwortung und das Gegenmodell zur Gegenwart

Und da sollten wir es tun, weil die Gesellschaft, in der wir leben, uns etwas ganz anderes sagt. Zum Beispiel: Diese Liebe auf Dauer ist ja gerade heute nicht mehr populär. Treue ist überhaupt nicht populär. Wenn du den anderen nicht mehr liebst, dann verlässt du ihn halt. Oder wenn er dir nichts mehr bringt, dann verlässt du ihn auch. Das ist heute gang und gäbe. Vielleicht ist es heute auch spannender, mehrere verschiedene Partner zu haben. Man erlebt noch mehr, größere Vielfalt, Variationsbreite und so.
Und hier sollten wir als Christen daran festhalten: Nein, so bitte nicht. Hier gibt es Dinge, die eindeutig festgelegt sind.
Oder natürlich auch generell die Sache, die heute ja sehr, sehr unpopulär ist: Sind wir in der Familie eine Demokratie, oder ist das irgendwie anders? Und hier sagt die Bibel ja auch eindeutig, dass es in Teilbereichen der Familie unterschiedliche Verantwortungen gibt. Hier soll der Mann bewusst eine Leitungsverantwortung übernehmen, genauso wie er hinterher auch in der Gemeinde eine Leitungsfunktion übernehmen soll. Hier ist eine Parallele.
Die finden wir im Schöpfungsbericht, im alttestamentlichen Priesterdienst, im neutestamentlichen Ältestendienst ganz besonders, aber auch in dem Familienbild, das wir im Alten Testament haben und das im Neuen Testament in der Haustafel wieder erwähnt wird. Das ist auch da drin.
Also gibt es hier Dinge, um die es sich zu kämpfen lohnt, und ich glaube, es lohnt sich auch, sie zu leben, weil Gott den Menschen konstruiert hat und am besten weiß, was für uns als Menschen zielführend und gut ist. Und da müssen wir neu darum ringen.

Kultur, Medien und die Gefahr falscher Vorbilder

Wir haben uns in der Vergangenheit als Christen so häufig daran gewöhnt, einfach das gesellschaftlich definierte Bild von Mann und Frau zu übernehmen. In den 50er Jahren haben wir dann genauso von dem geträumt, was in den Filmen gezeigt wurde: von der großen Familie, von Mann und Frau, von der Frau zuhause und dem Mann bei der Arbeit. Später kam das Bild der emanzipierten Frau hinzu, die sich jetzt selbst durchsetzt und verwirklicht.
Das haben wir viel zu stark einfach aus der Gesellschaft übernommen und uns daran orientiert, statt gerade diese Chance der Bibel zu nutzen. Die Bibel zeigt uns ganz neue Perspektiven auf, wie wir leben können, und zwar solche, die von Gott kommen. Sie sind nicht nur kulturell und geschichtlich geprägt, sondern Gott will sie uns als Menschen auch heute noch geben, für eine gelingende Partnerschaft. Und ich bin bis heute davon überzeugt: Es lohnt sich, darauf zu achten und das umzusetzen.
Die Hauptherausforderung mit dem Gender Mainstreaming liegt genau hier. Nicht darin, dass wir generell sagen: Nein, darüber diskutieren wir nicht, und nein, das bleibt so, wie es vorgestern war. Sondern darin, dass wir uns herausgefordert fühlen, neu darum zu ringen, was wir denn wirklich in der Bibel finden. Und wenn uns das unangenehm ist, weil wir sagen: Das passt nicht zu unserer Zeit, dann mache ich es trotzdem. Wenn wir aber sehen, dass da etwas drinsteckt, was wir in unserer Zeit umsetzen können, dann sagen wir: Okay, hier brauchen wir uns nicht zu binden.
Denn manches Mal sind gerade die Diskussionen in christlichen Kreisen genau an der falschen Stelle. Sie drehen sich nämlich um Themen, über die die Bibel gar nichts sagt, und sie schweigen an Stellen, wo die Bibel deutlich spricht. Darüber redet man dann nicht, weil man das nicht will, weil es einen ärgert oder weil es eben nicht dem Selbstverständnis entspricht oder der gegenwärtigen Mode, was die Rolle von Mann und Frau oder der Partnerschaft angeht. Hier, glaube ich, ist es eine echte Herausforderung.

Die eigentliche Kritik: Orientierung statt Privatisierung

Das eigentliche Problem des Gender Mainstream und damit auch des Lehrplans über geschlechtliche Vielfältigkeit liegt darin, dass man die Moral und die Ethik in diesen Darstellungen privatisiert.
Was meine ich damit? Es darf keine Ordnungen mehr gesellschaftlicher Art geben. Die einzige Ordnung, die es noch gibt, lautet: Du darfst keinem anderen Schaden zufügen durch deine Rolle, in der du lebst.
Deshalb sagt man ja auch, Pädophilie ist falsch, nicht weil man sagt, die Orientierung ist falsch, sondern einzig und allein, weil man sagt: Ja, das Kind kann aber noch nicht frei entscheiden. Wenn das Kind frei entscheiden kann, dann ist Sex mit Kindern kein Problem, so ist die Argumentation.
Oder dann gab es lange Diskussionen über Sex mit Tieren. Da sagt man: Eigentlich ist das ja auch möglich, aber wie bitte sehr bringst du dein Haustier dazu, dass es freiwillig einwilligt? Also wie kannst du deinen Hund dazu bringen, dass er sagt: Ja, ich möchte gerne? Es geht eben nicht, sondern der Hund ist von dir abhängig. Und da sagt man: Weil er abhängig ist, ist es nicht erlaubt.
Und da merken wir jetzt aber eine ganz andere Argumentation als die, die wir als Christen führen würden. Als Christen sagen wir: Bestimmte Sachen sind nicht gut, sind nicht erlaubt, weil Gott sie nicht erlaubt. Und nicht, weil ich keine Lust dazu habe oder weil jemand geschädigt wird. Dann natürlich auch: Klar sollen wir ja keinen schädigen.
Aber hier müssten wir sagen: Verwandten-Inzest ist aus meiner Sicht nicht in erster Linie verboten, weil es dabei genetische Defekte geben kann. Dann müssten wir sagen: Jetzt haben wir die moderne Medizin, dann machen wir einfach Sterilisation. Heute wollen die meisten sowieso keine Kinder mehr, dann könnt ihr auch als Schwester und Bruder heiraten, ihr bekommt einfach keine Kinder. Oder wenn ihr Kinder haben wollt, gibt es vorher den Gentest, und dann wird gesagt: Ist alles in Ordnung, weil alles in Ordnung ist, also auch kein Problem.
Da würde ich sagen, es ist primär kein medizinisches Problem, sondern es ist ein göttliches Problem. Gott sagt, wir sollen es nicht, und deshalb tue ich es nicht. Und das ist, glaube ich, eine ganz andere Herangehensweise.

Gewissen, Gottes Maßstäbe und die Grenzen des Gefühls

Gender Mainstream sagt: Leb, wie du es willst, wie du es fühlst. Gender Mainstream betrachtet sich als Emanzipationsbewegung, als Befreiungsbewegung. Menschen seien unterdrückt worden in dem, wie sie leben, wie sie fühlen, wie sie leben wollen, wonach sie sich sehnen. Und jetzt gebe es endlich die Möglichkeit, dass jeder leben kann und darf, wie er will.
So sieht man sich, und das müssen wir erst einmal anerkennen. Das stimmt ja auch, aber es stimmt nur so lange, wie wir an die Situation ohne Gott herangehen. Gott sagt eben nicht: So, wie du dich fühlst, ist es gut. Oder: Das, wonach du dich sehnst, ist gut. Oder: Das, was du gerne umsetzen willst, ist gut. Sondern Gott gibt Maßstäbe, die uns manchmal auch sagen: Obwohl du dich nach einem anderen Ehepartner sehnst, sollst du deinem Partner treu bleiben. Obwohl du, was weiß ich, vielleicht pädophil veranlagt bist, sollst du das nicht ausüben.
Jetzt können wir das andere „obwohl“ auch noch weiter sagen. Es gibt ja auch andere sexuelle Orientierungen, die im Gender Mainstreaming verbreitet werden: Mach, wie du das willst, mach, wie du es fühlst, mach, wonach du dich sehnst oder wie du meinst, dass du orientiert bist. Hier soll es keine Veränderung geben, das ist ganz wichtig: keine Veränderung, sondern so, wie du bist, ist es gut.
Und jetzt sagen christliche Anhänger von Gender Mainstreaming sogar: So, wie du bist, ist es eine Gabe Gottes. So, wie du bist, sollst du sein. Eben Anhänger des Gender Mainstream im christlichen Bereich, die sagen, dass alles, was wir in der Bibel finden und was kritisch gegenüber anderen Verhaltensformen oder sexuellen Orientierungen ist, bloß die Kultur der Antike sei. Mit dem hätten wir heute nichts mehr zu tun. Wenn Gott sich heute äußern würde, dann würde er für Gender Mainstream werben.
Meine große Frage hierbei wäre natürlich: Woher wissen die Leute denn das? Ob sie diese Mitteilung direkt von Gott haben? Denn die einzige Mitteilung, die wir von Gott haben, ist die in der Bibel. Und da sagt er es offensichtlich nicht. Und dann würde ich auch die Frage stellen: Ja, bitte sehr, woher können wir denn dann erkennen, was jetzt kulturgebunden ist und was nicht?
Also: Die Zehn Gebote sind nicht kulturgebunden, aber die Ablehnung der Homosexualität schon? Ja, wer bestimmt das denn jetzt? Die Seligpreisungen sind nicht kulturabhängig, aber die Unterordnung der Frau unter ihren Mann ist kulturabhängig? Ja, wer bestimmt das denn jetzt? Und wenn wir damit anfangen, dann werden wir am Ende feststellen, dass alles kulturabhängig ist in der Bibel. Und dass dann alles nur noch gilt, wenn wir es wollen. Und dann brauchen wir die Bibel auch gar nicht mehr.
Die Bibel will uns herausfordern. Sie will uns ein anderes Modell vor Augen führen, das eben nicht gerade dem momentan Geltenden entspricht. Aber das war nicht nur heute so, das war immer so.

Die Bibel als Korrektiv gegen den Zeitgeist

Jetzt könnten wir sagen: Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts galt es genauso. Sagt die Bibel, eine Frau sei zu dumm zum Studieren, dann müssen wir sagen: Nein, natürlich nicht. Hier wäre die Bibel ein Argument für die Kritik der damaligen Zuordnung.
Und jetzt können wir ganz durchgehen, was uns Gott durch die Bibel dazu sagt. Ich glaube, das ist uns eine Hilfe. Und manchmal werden wir merken, dass uns die Bibel neu herausfordert, die Gesellschaft herausfordert, in der wir leben, und dass es uns dabei guttun wird.
Dieser Gedanke der Emanzipation hat sein gewisses Recht. Aber ich würde ihm bemängeln, dass die Privatisierung der Moral und letztendlich auch der Ethik dazu führt, dass wir den Menschen in einer Einsamkeit zurücklassen. Wir nehmen ihm jede Möglichkeit der Orientierung weg, weil wir sagen: Die einzige Orientierung, die du noch hast, ist dein Gefühl, ist deine Wahrnehmung, und die ist unhinterfragbar. Keiner hat das Recht, dir irgendetwas zu sagen, wer du bist, sexuell, wie du dich sexuell verhältst, wie du dich sexuell zusammenlebst. Das ist alles nur aus dir heraus.
Und da müssen wir sagen: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, dass Gott manchmal besser weiß, was für uns gut ist, als wir selbst. Dass Gott uns manchmal über unser Gefühl hinaus Maßstäbe gibt, die wir gut tun, auch umzusetzen.
Also, ein Beispiel: Ich erinnere mich noch an Diskussionen mit einer unserer Töchter. Die hatte dann argumentiert und gesagt: Ich brauche nie Englisch, Papa, warum muss ich Englisch lernen? Da würde ich gesagt haben: Setz dich hin, lern Englisch. Nein, ich brauche nie Englisch.
Und aus ihrer Situation als Teenie war sie fest davon überzeugt. Und wenn ihr euch noch zurückerinnern könnt an die Teenie-Zeit, dann weißt du ja nicht, was du später wirklich brauchst. Du hast keine Ahnung vom Berufsleben, du warst ja nie drin, sondern du hast jetzt bloß den Eindruck: Es ist doch viel wichtiger, die Beziehung zu meinen Freunden zu pflegen, als Englisch zu lernen. Denn wofür braucht der normale Teenie Englisch? Ich kann das ja googeln, wenn ich das brauche. Oder so.
Also deshalb: Man meint, man braucht das nicht, weil du es nicht wissen kannst. Und ich möchte jetzt das Beispiel nennen: Wir als Eltern treten dann manchmal auf und sagen, du musst es trotzdem, auch selbst wenn du es jetzt nicht einsiehst. Also ich meine, wenn man die Kinder überzeugen kann durch Argumente, ist das ja gut. Aber ich kann mich an einige Diskussionen erinnern, da habe ich endlos diskutiert, und ich habe den Eindruck, die Kinder konnten es nicht verstehen oder wollten es nicht verstehen. Und dann muss man es manchmal versuchen: Du musst es trotzdem lernen. Manche Sachen kann man argumentativ nicht vermitteln.
Und so ist es genauso bei Gott. Gott nennt uns gute Gründe, warum wir nach seinem Familienmodell und seinem Geschlechtermodell leben sollen. Aber manchmal ist es auch so, dass Gott als unser himmlischer Vater sagt: Mach es doch einfach. Du erkennst das jetzt nicht, aber du kannst auch nicht erst alle Variationen ausprobieren und am Ende deines Lebens dann sagen: Okay, du hast doch Recht gehabt. Sondern mach es besser vorher.
Genauso müssen wir nicht alle Drogen ausprobieren, um zu erkennen, dass Drogen schlecht sind. Dann genügt manchmal auch die Erfahrung der anderen. Und genauso ist es bei den Maßstäben Gottes. Gott gibt uns Maßstäbe, und wir müssen manchmal eingestehen: Gott ist klüger als wir. Gott sieht weiter als wir. Gott weiß manchmal besser, was für uns gut ist, als wir es selbst spüren und meinen.

Die Hauptkritik am Gender Mainstreaming

Das ist da meine Hauptkritik an dem Gender Mainstreaming. Ich glaube, wir lassen Menschen hier an der Leine, wir nehmen ihnen moralische und ethische Orientierung weg. Wir sagen einfach bloß: Alles ist gut, nur weil du es fühlst und lebst. Und das ist nicht der Maßstab, den Gott uns gibt.
Gott gibt uns Maßstäbe, die uns manchmal auch ärgern, die uns wehtun. Dort sehen wir, dass wir etwas an unserer Persönlichkeit verändern müssen, sogar an unserem Wesen, sogar an unserem Charakter. Da ist einer vom Charakter vielleicht vollkommen ungeduldig. Und dann sagt Gott nicht: Na ja, du bist halt ungeduldig, ist bei dir erlaubt. Oder beim Jähzornigen: Ja, du bist halt jähzornig, dann musst du damit leben. Sondern da sagt Gott: Dann musst du an deinem Jähzorn arbeiten, obwohl er Teil deiner Persönlichkeit ist.
Gott sagt nicht, dass jeder Teil unserer Persönlichkeit und Identität gut ist. Sondern da gibt es Teile, die sind so, aber die müssen verändert werden. Und deshalb will ich gar nicht bezweifeln, dass manche Menschen wirklich fest überzeugt sind: Ich bin eigentlich ein anderes Geschlecht. Oder ich will gerne mit einem anderen Partner zusammenleben. Und sie spüren das so, und sie fühlen das so, und das müssen wir ernst nehmen.
Wir müssen diese Leute akzeptieren und annehmen, wir müssen ihnen Liebe entgegenbringen. Was aber noch nicht heißt, dass wir deshalb sagen müssen: Das ist alles okay, Gott will das, Gott findet das gut. Sondern dass wir dann Maßstäbe geben müssen, die den Menschen natürlich vor schwere Herausforderungen stellen, nämlich: Wie gehe ich dann damit um? Wie setze ich das um?
Aber ich glaube, wir brauchen Orientierung, und in einer Zeit der Postmoderne immer mehr. Weil immer mehr sich auflöst, und jeder baut sich seine eigene Welt. Und es sind ja gar nicht alle Menschen glücklich damit, sondern viele Menschen scheitern dann ja.

Scheitern, Beziehungen und die Notwendigkeit von Verbindlichkeit

Es gab keine Zeit, in der so viele Beziehungen gescheitert sind wie heute, obwohl die Menschen sich alle frei aussuchen können, mit wem sie wohl leben möchten. Ich sage ja, oder besser: Ein statistisches Bundesamt sagt, dass die Hälfte aller Ehen geschieden wird. Das ist keine neue Sache.
Dann denkt man manchmal: Na ja gut, die andere Hälfte ist wenigstens glücklich. Aber das stimmt ja nicht. Ganz, ganz viele dieser anderen Ehen bleiben nur zusammen wegen des gemeinsamen Hauses, wegen dessen, was die Nachbarn denken könnten, oder weil es einem zu mühsam ist, sich scheiden zu lassen, oder weil man nicht weiß, wer die Kinder bekommt. Deshalb bleibt man zusammen.
Und viele heiraten ja erst gar nicht, sondern deren Beziehung geht schon viel früher auseinander. Das heißt, wir dürfen nicht davon ausgehen: Aha, die Hälfte ist glücklich, die Hälfte ist unglücklich. Wenn wir sehen, wie Menschen heute mit Partnerschaft umgehen, dann müssten wir sagen: Wahrscheinlich sind 80 Prozent in ihrer Partnerschaft unglücklich, obwohl sie sie selbst aussuchen, obwohl sie diese riesige Erwartungshaltung haben von ewigem Glück und von: Ich bin doch ganz eigen und selbstbestimmt und so. Denn zum Teil ist gerade das die Grundlage des Problems.
Wir wissen manchmal gar nicht ganz genau, was für uns gut ist. Und wir achten viel zu sehr darauf, wonach wir uns sehnen und was wir wollen. Dabei vergessen wir, dass Gott uns Maßstäbe gibt, die manchmal schwierig sind, die manchmal herausfordernd sind, die uns manchmal wehtun, die aber auf Dauer eine echte Hilfe für uns sind.
Und jeder, der jetzt mehr als zwanzig Jahre verheiratet ist und ehrlich ist, der wird wahrscheinlich zugeben müssen, dass er in seiner Ehe auch schon Krisen gehabt hat. Das gilt auch für manche, die erst fünf Jahre verheiratet sind.

Ehealltag, kleine Konflikte und echte Liebe

Also, wenn ich mich erinnere, galt das für unsere Ehe sogar schon, nachdem wir eingeehelicht waren. Ich erinnere mich noch, was für endlose Diskussionen wir gehabt haben, als wir dann geheiratet hatten und zusammen in einer Wohnung waren. Plötzlich haben wir gemerkt, über wie viele Sachen man unterschiedlicher Meinung sein kann.
Also manche Sachen, wo ich auch sagen würde, sie seien unbedeutend, aber denkt daran: Häufig führen gerade die unbedeutenden Sachen zu einem Scheitern der Beziehung. Ihr wisst ja nicht, dann beim Paartherapeuten darüber: Sie lässt immer die Zahnpasta offen. Ganz schlimm. Und jetzt trennt man sich. Und manchmal spielen ja solche Sachen dabei eine Rolle.
Bei uns war zum Beispiel die Diskussion: Schlafen wir im Dunkeln oder im Hellen? Also, ich weiß, jetzt sind alle auf meiner Meinung, das ist ja klar, muss ich das zu Hause meiner Frau wieder sagen. Ich war nämlich dafür mit Licht, meine Frau war dafür im Dunkeln. Also wir hatten gewohnt, da konnte man eine Jalousie runterlassen, und sie hat mir gesagt, das muss oben bleiben. Wenn ich aufwache, will ich es hell haben. Ich schlafe gar nicht so gut. Meine Frau sagt, ich kann gar nicht schlafen, wenn da das Licht reinkommt.
Ja, was machst du denn jetzt? Gut, die moderne Ehe sagt: zwei Zimmer. Einmal Jalousie runter in dem Zimmer und im anderen Jalousie hoch. Oder wir könnten einen Kompromiss schließen: einen Tag hoch, einen Tag runter. Wahrscheinlich wären wir dann beide unzufrieden. Dann würden wir sagen: Jetzt habe ich mich gerade daran gewöhnt, im Hellen zu schlafen, dann sage ich gerade im Dunkeln. Und so.
Und jetzt gibt es ja endlos viele Fragen, da kann man sich richtig darüber diskutieren. Ich erinnere mich an diese Sache: Wir haben die ganze Nacht diskutiert. In der Nacht hatten wir kein Problem mehr mit Jalousie runter und Jalousie hoch. Da war dann die Nacht vorbei, und es geht um andere Sachen.
Wir haben zusammen abgewaschen. Wir dachten, wir machen alles zusammen, große Liebe und so. Und dann waschen wir zusammen ab, und dann haben wir uns gar nicht einigen können. Meine Frau sagt mir immer: Michael, du wechselst das Wasser viel zu selten. Ich habe gesagt: Ja, aber das ist unökologisch, so viel Wasser zu wechseln. Wir müssen das selten machen, Wasser sparen. Deshalb habe ich auch weniger Spülmittel reingetan. Meine Frau hat gesagt, das wird aber gar nicht richtig sauber. Das Fett bleibt doch. Das ist doch egal, aber die Spülmittel sind schädlich für die Umwelt.
Ja, und so weiter. Damit würde ich sagen: Es gibt Gründe, wo man sich nicht mehr verstehen kann, schwerwiegende und weniger schwerwiegende. Aber hier sollen wir lernen, damit umzugehen, nicht auseinanderzugehen. Und genau das tut manchmal auch weh: wo du dich auf den anderen anpassen musst, wo du auf dein eigenes Recht verzichten musst, wo du entscheiden musst, jetzt aus Liebe zum anderen tue ich das, was der andere will, obwohl ich das eigentlich nicht einsehe. Das ist echte Liebe.
Aber uns wird häufig heute Egoismus und romantische Gefühle, und Verliebtsein wird uns als Liebe verkauft. Und das funktioniert auf Dauer nie. Und deshalb gehen viele Beziehungen kaputt.

Erziehung, Schule und die Aufgabe der Gemeinde

Und genau das wird durch Gender Mainstreaming noch einmal gesteigert. Du sollst dir von niemandem und nichts sagen lassen, wer du bist und wie du zu leben hast. Das kommt alles aus dir heraus. Das ist nicht biblisch, das ist nicht geistlich richtig.
Aber, und das habe ich ja auch gesagt, sollen wir auf die Unterschiedlichkeit von Mann und Frau achten, auf unterschiedliche Möglichkeiten, zusammen zu leben oder als Männer oder Frauen zu leben. Wir sollen neu danach ringen, was die Bibel uns wirklich sagt.
Im schulischen Bereich heißt das: Gerade die Orientierung, was Mann und Frau ausmacht, bekommen Kinder in ihrer Kindheit und Jugend. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir uns deutlich das Ziel setzen, Kinder und Jugendliche zu prägen, wie Gott sich Mannsein und Frausein wirklich vorgestellt hat. Und das vorzuleben, Kinder zu begleiten und das auch auszuprobieren und kennenzulernen, durch Reden und durch Tun. Durch die Gemeinde und durch das private Familienleben.
Und das können wir heute nicht erwarten, dass das durch die Medien getan wird. Ich habe ja gesagt: Das Bild der Medien ist, es gibt Verliebtsein und für eine Zeit lang zusammen, aber sonst ist eigentlich jeder ein Einzelkämpfer. Solange das Verliebtsein da ist, ist es gut. Und wenn die Verliebtheit weg ist, dann liebst du den anderen nicht mehr, Ende aus. Das ist das Bild der Medien.
Wenn wir den Medien überlassen, unsere Kinder und Jugendlichen zu erziehen, was es heißt, Mann und Frau zu sein, dann kann ich euch die Garantie geben: Dann werden die allermeisten Beziehungen auch bei euch in der Gemeinde schiefgehen. Die werden auseinandergehen, es wird Krisen geben, endlose, und es wird keine wirklich stabile Ehe daraus entstehen.
Deshalb müssen wir vorbauen. Wir müssen nicht erst dann anfangen, diese Prägung zu machen, wenn Leute im jungen Erwachsenenalter sind oder Erwachsene sind. Dann auch. Aber die wesentlichen Entscheidungen und Prägungen fingen viel früher statt. Und das geht jetzt auch Schule an, christliche Schule an oder säkulare Schule, Familienleben an. Da kommt die Herausforderung, das zu vermitteln und selbst zu leben.

Schluss: Toleranz, Orientierung und die Aufgabe der Kirche

Und das ist, würde ich sagen, meine Antwort auf Gender Mainstreaming. Nur darüber zu spotten, bringt nichts. Ich könnte euch jetzt den ganzen Abend von Geschichten erzählen, bei denen ihr hinterher denkt: Wie absurd, wie blöd, warum macht man solche Sachen? Aber das ist nicht das Hauptproblem von Gender Mainstreaming.
Das Hauptproblem ist, dass dem Menschen keine Orientierung mehr gegeben wird, wer er ist als Mann und als Frau. Gott hat uns aber als Männer und Frauen geschaffen. Gott hat uns nicht als Neutrum geschaffen, sozusagen erst einmal neutral und dann entscheidest du dich irgendwann, wer du bist, oder das kommt aus dir heraus. Sondern schon bei der Zeugung ist es so, dass du eine Minute nach der Zeugung sagen kannst: XX-Chromosom oder XY-Chromosom, und damit ist die Sache festgelegt. Alles andere ist dann nur noch eine Frage der weiteren Entwicklung.
Und natürlich können in dieser Entwicklung manche Dinge auch falsch laufen. Es gibt Menschen, die mit ihrer Persönlichkeit Probleme haben, so wie es alle möglichen Probleme in der Persönlichkeitsentwicklung gibt. Es gibt Leute, die so stark verunsichert sind, oder Leute, die übermäßig selbstbewusst sind. Es gibt Leute, die grausam sind und keine Gefühle für andere haben. So gibt es eben auch Fehlentwicklungen innerhalb der Sexualität. Und das ist so. Da müssen wir den Menschen helfen, damit zu leben, und sie in Liebe annehmen. Aber wir müssen ihnen auch deutlich machen, dass es Maßstäbe gibt, die Gott setzt, und ihnen versuchen zu helfen, so weit wie möglich diesen Maßstäben nahezukommen. Ihnen aber darüber hinaus auch einen Raum zu geben, das auszuleben.
Also: Wenn dann in der Schule jemand ist, der sagt: Ich bin im falschen Körper, dann hilft es nicht, einfach nur Druck auszuüben oder ihn auszulachen. Hier gilt natürlich: keine Diskriminierung. Aber es hilft auch nicht, einfach zu sagen: Ja, du bist halt so, und jetzt lebst du so. Sondern es braucht Hilfestellung: Wie kann ich damit in einer Gesellschaft leben? Wie kann ich damit leben angesichts der Ansprüche, die Gott an mich stellt, oder angesichts dessen, was Gott mir zeigt? Und das wird jeden von uns treffen, nur an unterschiedlichen Stellen.
Deshalb würde ich für beides plädieren: Ja, Toleranz, keine Diskriminierung, gleichzeitig aber Maßstäbe Gottes vorstellen, Maßstäbe Gottes bewerben, Maßstäbe Gottes vorleben und dann auch helfen dabei, das im Alltag umzusetzen.
Ja, das ist jetzt also erst einmal so mein Versuch der Information darüber, was Gender Mainstreaming ist, wie das in der Geschlechterwahrnehmung heute aussieht und dann natürlich auch, inwiefern sich das in den Lehrplänen zeigt. Also das, was ich jetzt dargelegt habe, diese Einordnung der Sexualität, genau das soll und wird auch in diesen Lehrplänen vermittelt: einmal sexuelle Fertigkeiten, also wie legt man ein Kondom an, wie nimmt man die Pille, worauf muss man beim Geschlechtsverkehr achten. Aber dann wird eben auch alles Mögliche dargelegt, damit das Kind entscheiden kann: Bist du nun intersexuell, transsexuell, homosexuell, heterosexuell und viele, viele, viele Zwischenstufen.
Hier, glaube ich, werden viele Kinder, besonders wenn sie noch jung sind, vollkommen überfordert, weil sie in einer Phase sind, in der sie selbst noch gar nicht ganz genau wissen, wer und was sie sind. Sprecht mal mit einem Viertklässler: Dem ist es häufig peinlich, mit Mädchen zu tun zu haben. Er hat ganz andere Vorstellungen von Geschlechtlichkeit. Das ist dabei, sich zu entwickeln. Und wenn ich in dieser Entwicklung ein Kind verunsichere, statt ihm einen Rahmen und Hilfe zu geben, schade ich dem Kind in seiner Entwicklung und helfe ihm nicht.
Aber hier ist eben genau diese Ideologie dahinter: Es darf keinen Rahmen geben, alle Wahrheit kommt aus dir heraus, dein Gefühl ist unhinterfragbar, deine Orientierung ist unhinterfragbar. Und das wird dem Kind da auch weitgehend vermittelt, und das halte ich für ein Problem. Sondern eher Annahme, Liebe, Liebe, aber auch Orientierung, auch Hilfestellung, mit meinen eigenen Gefühlen umgehen zu lernen, mit Gefühlen zum anderen Menschen umgehen zu lernen, Grenzen kennenzulernen. Und das ist eine Herausforderung, vor der wir stehen: bei Geschlechterprägung, bei Unterricht, der Geschlechtlichkeit aufnimmt und der Hilfestellungen bietet.