Event•Teil 6 / 21Pfingstjugendtreffen 2026
Generierte Mitschrift
Die nachfolgende Mitschrift wurde automatisch mit KI-Technologie erstellt und kann Fehler enthalten. Im Zweifel gilt das gesprochene Wort.
Die Frage nach dem Leid und der erste Einschnitt
Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen!
Hallo zusammen. Schön, dass ihr hier ins Zelt gekommen seid und euch mit dem Thema beschäftigt: „Mein Gott, warum? Was gibt es dazu zu sagen?“
Ich denke, wenn man nach dem Warum fragt, gibt es viele Warum-Fragen. Die eine Hälfte sind alltägliche Warum-Fragen. Zum Beispiel, wenn man gestern auf der Plaza war: Warum ist die Schlange bei der Waffel eigentlich so lang? Da dürftet ihr euch gerne an die Schwestern wenden, die können euch das sicherlich beantworten.
Oder, für unsere VfB-Fans: Warum hat der VfB jetzt wieder gegen Bayern verloren? Ganz einfach: Ja, da spielt halt der Kane nicht in Stuttgart, sondern in München.
Aber wegen solcher Fragen seid ihr heute sicherlich nicht hier ins Zelt gekommen. Ich bin mir sicher, jeder von euch kennt auch die andere Warum-Frage. Die Warum-Frage, auf die es keine Antwort gibt, jedenfalls keine, die uns in irgendeiner Art und Weise befriedigt.
Ich glaube, der eine oder andere hat mit Sicherheit etwas im Rucksack dabei, wo er sagt: Ja, ich möchte auch wissen, warum lässt Gott es zu, warum passiert es mir, warum immer ich, warum meine Eltern, warum mein Partner, und warum passiert das alles überhaupt?
Ob wir jetzt Christen sind oder nicht, landen wir bei der Frage, dass wir sagen: Warum hat Gott das eigentlich zugelassen?
Und genau das habe ich mich im Jahr 1992 auch gefragt.
Ich war bei der Bundeswehr, damals noch Wehrpflicht, und wir hatten ein Manöver, das wir eigentlich relativ gut zu Ende gebracht hatten. Am Schluss musste man sich noch auf dem Übungsplatz treffen. Wir waren in ganz Baden-Württemberg verteilt, und wir sind dann mit unseren Fahrzeugen zurückgefahren. Mein Kamerad und ich waren auf unserem Lkw diejenigen mit dem weitesten Anfahrtsweg, und wir sind als eine der Letzten auf dem Übungsplatz angekommen.
Wir waren völlig übermüdet. Wir hatten immer wechselnd Wachdienst, und ja, da ist man mit zwei Stunden Schlaf in der Nacht vier Tage lang irgendwann mal durch.
Wir sind dann so Richtung Übungsplatz gelaufen. Ich hatte noch kurz einen Lkw abgetarnt, und er lief ungefähr zwanzig Meter vor mir her. Ich trottete ihm hinterher und habe dann aus dem Augenwinkel gesehen: An einem Lkw stand am Anhänger, an der Deichsel, ein Gewehr.
Und es sollte da eigentlich nicht stehen, weil es einfach nicht geht, dass man bei der Bundeswehr ein Gewehr irgendwo hinstellt. Ich habe mich gefragt, warum das Gewehr da steht, habe mir aber keine großen Gedanken gemacht. Ich wusste als Allererstes: Das hatte ich gelernt, Funktionsüberprüfung.
Und jetzt ist es so: Eine Funktionsüberprüfung kann man machen, oder man muss sie eigentlich machen, indem man den Ladehebel vom Gewehr durchzieht, in den Lauf schaut und prüft, ob da keine Patrone drin ist. Wenn eine drin ist, muss sie raus. Dann lässt man den Sicherungshebel langsam wieder zurück, und dann hat man die Waffe gesichert. Oder entsichert.
Oder man macht es so, dass man das Gewehr wie beim Waffenreinigen einmal durchlädt, entsichert und abdrückt, und weiß: Da ist keine Munition drin.
Das war damals mein Fehler, weil bei uns auf dem Lkw eigentlich Maßgabe und Befehl war: Morgens um sieben muss die komplette scharfe Munition eingesammelt sein. Das wurde penibel überprüft. Es wurde aufgeschrieben, wie viel Munition rausgeht, wie viel Munition zurückkommt, wer Munition empfangen hat, wer die Munition wieder zurückgibt.
Und in diesem Fall war es so, dass in dieser Waffe scharfe Munition war.
Was habe ich gemacht? Ich habe das Gewehr aufgenommen, habe es auf dem Oberschenkel abgestützt, um Kraft zu haben, den Ladehebel durchzuziehen, ich habe entsichert und abgedrückt. Aber ich bin zu Tode erschrocken, dass da tatsächlich Munition drin war.
Und ich habe mir noch gedacht: Oh ja, jetzt gibt es Ärger. Denn einen unnötigen Schuss loszulassen, das hat bei der Bundeswehr meistens Konsequenzen.
Im nächsten Moment fiel plötzlich ein anderer Kamerad mir vor die Füße. Und ich dachte: Wo kommt denn der jetzt plötzlich her? Ich habe das überhaupt nicht realisiert.
Dann war klar, dann kam es mir: Das war mein Schuss.
Was war passiert? Er wurde zurückgeschickt, um in seinem Lkw eine Warnweste zu holen. Er musste auf seinem Lkw hinten hochsteigen, in einen Container einsteigen. Der Container hat so eine ovale Ladeluke, das habt ihr bestimmt auch schon gesehen. Damit er da besser reinkommt, hat er das Gewehr einfach unten hingestellt, weil er gedacht hat: Es ist ja keiner da, dann behindert mich das Gewehr nicht.
Er ist in dem Moment in gebückter Haltung aus seinem Container gestiegen, als ich abgedrückt habe. Der Schuss hat ihn in gebückter Haltung getroffen.
Und das Dramatische an der ganzen Sache war, dass wir bei dieser Übung Munition dabei hatten, die eigentlich sofort tödlich ist. Es ist so eine sogenannte Weichkernmunition. Wenn die auf einen harten Gegenstand auftrifft, verformt sie sich und zerfetzt alles, was ihr in die Quere kommt.
Es war dann so, dass ich um Hilfe geschrien habe. Ich war total unter Schock. Ich wusste nicht, wie ich handeln oder reagieren soll. Ich habe einfach nur um Hilfe geschrien. Danach kamen relativ schnell Dienstgrade, Soldaten, Sanitäter und haben ihm geholfen.
Ich konnte noch einen Blick auf ihn werfen, als sie mich vom Unfallort weggebracht haben. Da war er schon nicht mehr bei Bewusstsein. Und ich habe immer weiter geschrien. Ich habe Gott angeschrien und gesagt: Gott, warum? Was soll das? Was passiert hier gerade?
Ich wurde in die Kaserne gebracht und dort eingeschlossen, eine Stunde lang mit einem Soldaten. Der arme Kerl musste mich eine Stunde lang bewachen. Und ich habe diesen Soldaten natürlich nicht persönlich angegriffen, aber ich habe einfach nur geschrien: warum, warum, warum, warum.
Und im gleichen Moment habe ich zu Gott gefleht und gesagt: Gott, bitte lass ihn nicht sterben. Bitte lass es nicht zu, dass ich schuld am Tod eines Menschen bin.
Gefühlt eine Stunde oder länger ging die Tür auf. Es kam der katholische Standortpfarrer in den Raum, und an seiner Mimik habe ich sofort gewusst: Es ist genau das eingetreten, was ich befürchtet hatte.
Er hat es nicht geschafft. Er ist an seinen schweren Verletzungen gestorben. Er war zwanzig Jahre alt.
Und ich habe Gott angeklagt und gesagt: Gott, soll es das jetzt gewesen sein? Habe ich mich dafür, für dich entschieden? Wir müssen leben mit dir, dass ich jetzt fortan damit leben muss, dass ich einen Menschen erschossen habe, dass ich schuld bin am Tod eines Menschen.
Und ich bin in diesem Raum dann zusammengebrochen, in den Armen von diesem Pfarrer.
Ein Weg durch Schuld, Verlust und die Suche nach Sinn
Der Pfarrer war ein katholischer Standortpfarrer, der sich, als er das mitbekommen hatte, sofort gemeldet hat, um mich zu sich zu nehmen, mich unter seine Fittiche zu nehmen. Er hat mich unterstützt, er hat mich zu sich nach Hause gebracht, ich durfte bei ihm schlafen, wohnen, essen.
Wenn mich heute jemand fragen würde: Wie stellst du dir Jesus vor?, dann sage ich: Ja, so ähnlich muss es damals gewesen sein. Er hat mich gefragt: Wo kommst du her, was hast du bisher gemacht, was ist passiert, warum hast du das so gemacht und nicht anders? Er war einfach nur da. Und das war so ein grosser Liebesdienst, ja, das konnte ich eigentlich fast nicht fassen.
Ich war dann eine Zeit lang bei ihm, und er hatte sich zur Aufgabe gemacht, mich aus diesem tiefen Tal zu führen, in dem ich war. Ich war wirklich am Ende, und ich wäre bereit gewesen zu sterben, damit mein Kamerad wieder leben kann. Ich habe mir das oft überlegt: Eigentlich macht es doch keinen Sinn mehr. Genauso gut kannst du jetzt vor den Zug springen. Was hat das Leben jetzt noch für einen Wert?
Er hat mich immer aufgefordert und ermutigt zu reden und mir von der Seele zu reden, was ich an Fragen habe. Ich habe gedacht: Lass mich in Ruhe, was bringt es, was soll es? Davon wird er auch nicht mehr lebendig. Was hilft es noch, wenn wir jetzt darüber reden?
Er hat mich einmal gefragt: Was willst du denn dann? Und dann habe ich ihm gesagt: Ich möchte, dass dieser Scheiss-Film aufhört. Ich möchte, dass, wenn ich morgens aufwache, das anders ist. Dass es so ist wie vorher, alles so ist, wie es ist, er noch am Leben ist und ich nicht diese Schuld tragen muss.
Und dann hat er damals zu mir gesagt: Heiko, ich werde dir helfen, aus diesem Film aufzutauchen. Dafür musst du verstehen, dass es ab heute Realität ist, dass es ab heute zu deinem Leben dazugehört. Und ich wollte das aber gar nicht, und ich wusste auch nicht, wie ich das machen sollte.
Und er hat mir dann damals vorgeschlagen: Wir müssen dahin gehen, wo das entstanden ist. Und er ist mit mir an den Unfallort gegangen, er ist mit mir zu diesem Lkw gegangen. In dieser Kabine war oben im Dach noch ein Loch, circa so gross, wo man mal sieht, wie gewaltig die Zerstörungskraft von so einer kleinen Patrone ist. Und ich bin regelmässig zusammengebrochen.
Und doch habe ich bemerkt: Mit jedem Mal, wo wir einen Schritt gemacht hatten, ist etwas leichter geworden. Der zweite Schritt war: Wir gehen ans Grab. Und das hat für mich so gespaltene Gefühle ausgelöst. Wenn ich an das Grab gehe, dann sehe ich diese Realität: Es wird sich nichts mehr ändern, er ist tot. Aber auf der anderen Seite wollte ich ihm auch noch so viel sagen.
Wir hatten uns gekannt, wir haben uns in der Grundausbildung kennengelernt. Ich würde jetzt nicht sagen, dass wir uns angefreundet hatten, in gewisser Weise schon als Soldaten, aber wir haben uns geschätzt, und ja, wir haben uns gekannt. Und wir sind dann ins Grab gefahren, und ich wollte ihm so viel sagen, und ich bin am Grab nur auf die Knie gegangen, und ich konnte nur noch weinen. Ich habe Gott angefleht und gesagt: Gott, gib uns noch einmal eine Möglichkeit, miteinander zu reden. Und es ist meine Hoffnung heute, dass es diese Möglichkeit im Himmel geben wird.
Und als letzte Station war klar: Wir gehen zu den Eltern. Das war der schwerste Schritt, und das wünsche ich eigentlich nicht meinem grössten Feind, dass er so etwas erleben muss. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Presse damals, ohne mich zu kennen, ohne meinen Kameraden zu kennen und ohne zu wissen, was tatsächlich passiert ist, weil es niemand gesehen hat, es weiss keiner, wie es wirklich war, ausser mir, über unseren Charakter, über unsere Persönlichkeit geschrieben hat.
In der ersten Zeitungsanzeige war es noch ein tragischer Unfall, in der zweiten war es schon: Man weiss noch nicht genau, was passiert ist. Und am dritten Tag in der Zeitung standen dann so Sachen wie: Wir waren eh beide ein bisschen minderbemittelt und wir hätten eigentlich gar keine Waffe führen dürfen, und wir haben so ein bisschen Wildwäsch gespielt, auf flapsig gesagt. Und das ist das, was die Eltern natürlich auch gelesen haben, diese Presseartikel.
Und mit diesem Hintergrund sind wir da hingefahren, und ich bin den Eltern begegnet und bin in diesen Raum gekommen. Und das Erste, was der Papa gesagt hat, war: Das ist also der, der meinen Sohn auf dem Gewissen hat. Das geht ganz tief rein, das ist von Anfang an, das ist ihr zu dem Zeitpunkt gar nicht bewusst, aber das geht wirklich ganz tief rein.
Und auf der anderen Seite hatte ich eine ganz grosse Chance, nämlich den Eltern zu sagen, wie es von meiner Sicht aus war und was wirklich passiert war, und einfach zu hoffen, dass sie mir glauben. Und nach dieser Begegnung war ich komplett durch den Wind und war total fertig, habe aber gemerkt: Es hat einen Abschluss gehabt, und es war tatsächlich möglich, wieder einen Schritt in die Zukunft zu gehen, unter der Betreuung von diesem Pfarrer, der noch viele, viele Gespräche mit mir geführt hat.
Ein Jahr später war dann die Verhandlung. Ich wurde verurteilt wegen fahrlässiger Tötung zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf zwei Jahre Bewährung, und ich war für die nächsten zehn Jahre vorbestraft. Zum damaligen Zeitpunkt war ich einundzwanzig. Juristisch war der Fall abgeschlossen, und jetzt musste ich gucken, wie ich die Zukunft gestalte mit dieser Bürde, die ich da mitbekommen habe.
Jetzt machen wir einen Sprung, sonst kommen wir mit der Zeit nicht durch, ins Jahr zweitausend. Ich habe kurz davor, Ende der Neunzigerjahre, meine liebe Frau kennengelernt, und es war recht schnell klar: Wir möchten heiraten. Gesagt, getan, wir haben die Planungen aufgenommen. Meine Frau Elke hat ihr Brautkleid gekauft, wir haben die Lokalität festgelegt, wir haben die Gästeliste geschrieben, ich durfte Karten basteln. Das ist absolut meine Kompetenz: Karten basteln für die Hochzeit. Aber es hat Spass gemacht, miteinander die Hochzeit vorzubereiten.
Und die Elke hatte in den Tagen damals immer wiederkehrende Kopfschmerzen, und sie war im Referendariat zu der Zeit, musste einen grossen Arbeitsweg in Kauf nehmen. Auch der Arzt wurde darauf geschoben, dass sie einfach im Stress ist. Es wurde dann immer schlimmer, und irgendwann war klar: Man muss mal richtig dahinschauen, was da passiert.
Man hat dann eine Computertomographie vom Kopf gemacht und festgestellt: Sie hat einen Hirntumor. Es war im Frühjahr 2000, wir wollten im Sommer 2000 heiraten. Diagnose Hirntumor, so gross wie ein Tischtennisball, und es war klar: Der Tumor muss so schnell wie möglich raus.
Und dann stehst du da und überlegst dir: Was passiert jetzt, was passiert da gerade, und wo geht es hin? Wie soll das werden? Können wir überhaupt noch heiraten? Wie würde das ausgehen? Wir waren beim Arzt, der hat uns das alles erklärt. Er hat gemeint, eine gute Nachricht wäre, dass er sich vorstellt, dass es ein gutartiger Tumor ist. Sonst hätte er nicht so gross werden können, ohne dass sie bisher keine Probleme hatte. Und man kann es aber erst sicher sagen, wenn er operiert ist.
Wir haben ihn dann damals gefragt, worauf wir uns einstellen müssen. Er hat gesagt: Da ist vom Sterben bis zum Wieder-Gutwerden alles drin. Das war unsere Aussicht. Wir sassen da und haben uns gefragt: Mein Gott, warum, und warum jetzt? Was soll das, Gott?
Elke durfte wieder gesund werden, und sie ist auch heute hier, und das ist für mich ein unheimliches Geschenk. Sie sitzt ganz da hinten auf der letzten Bank. Wir durften ein Jahr später heiraten, wir haben einfach auf die Karten einen Stempel gepackt: Manchmal kommt es anders, als man denkt, Terminverschiebung. Und dann hatten wir eine tolle Hochzeit.
Dann sind also nach und nach unsere Kinder auf die Welt gekommen, 2004 unser Sohn Micha, 2007 der Silas. Und wir hatten dann nach der Hochzeit angefangen, unser Haus für Jugendliche zu öffnen. Wir haben Konfirmandenarbeit gemacht, haben einen Jugendhauskreis gehabt und haben uns das zur Aufgabe gemacht, immer die Jugendlichen hier mitzubringen nach Eidling nach der Konfirmation.
So war das auch 2010, als wir hier waren. Man muss dazu wissen: Wir schlafen nicht hier auf dem Gelände, sondern wir sind immer beim Bauer Bauer. Wir sind hier in Eidlinge am Bach entlang auf dem Bauernhof auf der Wiese und haben dort unser Quartier aufgeschlagen. Wir reisen samstags immer an, meistens so um eins, dann wird eine Feuerstelle ausgehoben, dann wird gegrillt, Kaffee getrunken, und dann geht es hoch nach Eidlinge. Das Wochenende kann beginnen. Und so auch 2010.
Unser Sohn, unser zweiter Sohn, war damals zweieinhalb Jahre alt, und er hat es genossen, mit den Konfirmanden zu spielen, und sie hatten auch Freude daran, ihn zu begleiten. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er bei den Fussballspielen mit den anderen Konfirmanden und Mitarbeitern.
Dann war es Zeit, zu packen und loszugehen und sich aufzumachen zur Hauptveranstaltung. Ich habe den Gartenstuhl eingepackt, die Picknickdecke in den Kofferraum gepackt und drehe mich um. Als ich zum letzten Mal meinen Sohn gesehen habe, war er noch mit den Konfis am Fussball. Als ich mich wieder umgedreht habe, habe ich gehört, wie einer der Mitarbeiter schreit: Oh Scheisse!
Ich wusste sofort, obwohl ich nichts gesehen habe: Jetzt ist irgendwas passiert. Ich drehe mich um und sehe, wie er unseren kleinen Sohn aus unserer Feuerstelle zieht. Was war passiert? Er hatte das Feuer ausgehoben und hatte die Grassoden um das Feuer gelegt, damit wir das dann später wieder zumachen können. Und aus irgendwelchem Grund war er an dieser Feuerstelle und ist über diese Grassoden gefallen und ist kopfüber in dieses Feuer geplumpst.
Er war zweieinhalb, und ich bin los und habe ihn meinem Mitarbeiter aus den Händen gerissen, bin zum Bach gerannt und bin mit ihm in den Bach gesessen. Und er hat geschrien, so habe ich noch nie einen Kinderschrei gehört. Er hat sich beide Arme schwerst verbrannt, die Haut hing als Hautfetzen hier runter, und ich war komplett durch.
Es kam dann ein Notarzt, er wurde mit dem Hubschrauber nach Stuttgart gebracht, ins Olgahospital, und Elke durfte mit dem Hubschrauber mitfliegen. Ich war mit dem Kumpel dann unterwegs nach Stuttgart, und wir hatten uns getroffen, Elke und ich, im Krankenhaus. Und es war so surreal. Wir hatten im Moment noch keine total gute Zeit miteinander, wir haben uns gefreut, wir haben uns auf Eidlinge gefreut, von Gott zu hören, und jetzt stehen wir in Stuttgart im Krankenhaus und müssen Entscheidungen treffen, mit denen wir uns nie vorher auseinandergesetzt haben.
Nachdem wir dann irgendwann mal aus dem Schockraum kamen, war die erste Diagnose: schwerste Verbrennungen, überwiegend dritten Grades an beiden Armen und Händen, Verdacht auf Inhalationstrauma, Verdacht auf Augenverbrennungen und eventuell Amputationen von einem oder zwei Fingern, weil die immer richtig tot geblutet waren.
Dann stand ich dort und habe gesagt: Gott, ich verstehe dich einfach nicht. Warum jetzt schon wieder, und warum passiert das immer uns, und was kann unser Kleiner dafür? Zweieinhalb Jahre und so eine Diagnose, und ich wusste einfach nicht, wie soll das weitergehen. Wir haben eigentlich nur noch funktioniert.
Er war dann auf der Intensivstation und wurde versorgt, war wochenlang dort. Heute geht es ihm wieder gut, sei, lass, wo du bist. Ja, und dann gab es noch ein paar weitere Katastrophen, das würde aber den Rahmen sprengen. Es war ein Autounfall da, es war ein siebenwöchiger Aufenthalt in der Psychiatrie, da hat mich das Ganze noch einmal eingeholt, und und und.
Ja, das war die eine Seite, und die andere Seite, auf die möchte ich jetzt mit euch noch blicken. Und zwar: Ich habe es vorhin schon gesagt, ich habe mich mit 18 entschieden, und ich hatte gestern den Aufbruch vom Kuno gehört, mit an das Kreuz zu gehen, und ich weiss nicht, wer jetzt da ist, der da mit dabei war und gestern gesagt hat: Ich möchte das mit Jesus festmachen. Und ich kann euch nur dazu gratulieren. Und die, die es noch nicht gemacht haben, möchte ich ermutigen: Macht das, macht das heute noch, macht euer Leben fest an Jesus.
Ich habe das damals mit 18 gemacht, und ich kann heute sagen: Ich bin froh, dass ich es gemacht habe, weil ich wollte Gott in meinem Leben sehr, ich wollte ihm eigentlich Absage. Ich habe gesagt: Gott, wenn du diesen Schuss zulässt, was bist du für ein Gott? Was soll das? Was hast du da mit dem Sinn? Ich kann dem nichts abgewinnen, es ist alles nur dunkel und schlecht, es fühlt sich scheisse an, und es ist einfach für mich nicht begreifbar, wie du so sein kannst.
Und Gott hat gesagt, heute Morgen haben wir es gehört: Ich bin treu, Heiko. Und ich habe diese Treue erfahren, und er hat seinen Teil der Vereinbarung eingehalten, das, was er mir versprochen hat. Denn es gab noch eine parallele Lebenslinie in dieser ganzen Geschichte.
Ich habe euch vorher von diesem Pfarrer erzählt, der mich aufgefangen hat und begleitet hat. Mit diesem Pfarrer hat mich bis zu seinem Tod eine tiefe Freundschaft verbunden. Er war ein Ratgeber, ein Helfer, und es war einfach jemand, der nicht gefragt hat: Wo kommst du her?, ich habe es ja vorhin schon mal gesagt, und was hast du gemacht? Der war einfach nur da.
Und ich möchte euch heute ermutigen: Wenn ihr jemanden kennt, dem es genauso geht, der genauso in der Scheisse hängt, ja, da wurden viele Worte gesagt, aber das hilft einem nichts. Seid einfach da, nehmt denjenigen in den Arm, begleitet ihn und zeigt ihm, dass ihr da seid. Das ist das Beste, was ihr tun könnt.
Beim Hirntumor von der Elke war es so, dass am Anfang nicht so ganz klar war, in welchem Krankenhaus sie operiert wird. Wir hatten einen guten Freund, der Orthopädieprofessor war, und der hat uns gesagt: Es gibt eigentlich nur zwei Kliniken in Deutschland, Freiburg oder Homburg, wo man so eine Art von Tumor so operieren kann, dass es nachher gute Chancen gibt, dass es wieder gut wird.
Und Jahre zuvor hatte ich auf der Skifreizeit über den EC ganz nette Menschen kennengelernt, die im Raum Kusel wohnen. Ist da jemand da, vielleicht von der Ecke Rheinland-Pfalz? Ja, hier, du kennst es ja super. Und ich hätte mir nie vorstellen können, dass Gott sowas einfädeln kann.
Wir haben versucht, in Freiburg einen Termin zu kriegen für die OP von Elke. Da war aber nichts, keine Termine frei. Dann gingen wir nach Homburg, und Kusel ist gleich neben Homburg, und wir durften dorthin. Elke ist gut versorgt worden, und ich habe dort die Freunde angerufen, die wir Jahre vorher auf der Freizeit kennengelernt haben, und sie haben uns sofort eingeladen, mich eingeladen, dort zu wohnen, so lange, bis Elke wieder gut geht.
Und das ist für mich etwas, wo ich sage: Gott ist schon am Wirken und am Handeln, wo wir noch überhaupt nicht darüber nachdenken. Da möchte ich euch heute Mut machen: Vielleicht wisst ihr gar nicht so genau, warum ihr eigentlich in Eidlinge seid. Vielleicht weil ihr jedes Jahr kommt, vielleicht weil euch jemand mitgeschleift hat, vielleicht weil ihr einfach mal gucken wollt, was hier abgeht. Aber ihr seid nicht zufällig da. Gott hat was vor mit euch. Und das fängt heute vielleicht schon an, ihr wisst nur noch nicht, was.
Ein Ehemann von einer damaligen Freundin, der war Pastor in der Gemeinde, hatte uns am Abend vor der OP Spruchkarten mitgebracht und hat auf den Tisch gelegt und hat gesagt: So, ich lege euch jetzt hier ein paar Karten aus. Umgedreht, ihr greift euch eine und ihr lest es, und das, was da draufsteht, das ist die Verheissung für das, was morgen kommt und für die Zukunft.
Ich weiss nicht mehr, was auf meiner Spruchkarte stand, aber ich weiss auch genau, was bei der Elke auf der Karte stand, nämlich: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Hineingesetzt, es ist verrückt, die Zusage hat er eingehalten.
Und ja, beim Silas, bei unserem Sohn, der ins Feuer gefallen ist, das ist in Eidlinger passiert, nicht irgendwo weit weg, wo nicht so schnell ein Krankenwagen oder ein Notarzt kommt, sondern es ist hier in Eidlinga passiert. Wir waren zehn Minuten weg von der besten Klinik für Verbrennungen bei Kindern, die es in Deutschland gibt. Wir hatten damals in Eidlinga eine ganze Pfingstwiese an Beter, die das mitbekommen haben und für unseren Sohn gebetet haben. Da könnte ich heute noch heulen, wenn ich darüber nachdenke, dass sie für ihn gebetet haben, die ihn überhaupt nicht kennen.
Dann hat Gott noch einmal so eine Geschichte eingefädelt. Ich hatte damals immer wieder versucht, die Eltern zu kontaktieren, um mit ihnen zu reden über diesen Unfall, und sie haben mir dann irgendwann mal signalisiert: Wir möchten das nicht, lasst uns bitte in Ruhe. Das habe ich akzeptiert, und trotzdem war das so eine Sehnsucht in meinem Herzen, dass wir uns noch einmal wiedersehen und noch einmal darüber reden können.
Ich hatte im Jahr 2004 einen Arbeitswechsel, und ich bin zu einem Arbeitgeber gewechselt, wo die Mutter in der Personalabteilung gearbeitet hat. Das wusste ich vorher nicht, sie wusste es auch nicht. Der Personalchef hat es dem habe ich es dann erzählt beim Gespräch, hat er gemerkt, dass ich abwesend bin, und hat er mich gefragt, ob es ein Problem gibt. Und ich habe das dann bestätigt und habe gesagt: Ja, was verbirgt sich denn hinter diesem Namen, der da unten an der Tür steht? Und dann hat er mir gesagt, wo die Frau herkommt, und dann war klar: Das war die Mutter von meinem gestorbenen Kameraden.
Und ob das jetzt psychologisch gut war oder nicht, der Personalchef hat eine Entscheidung getroffen und hat gesagt: Herr Bauder, wenn Sie hier arbeiten möchten, dann müssen wir das klären, und zwar am besten gleich. Und bevor ich etwas sagen konnte, war er raus aus dem Raum, und ich habe die Fluchtreppe gesucht. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet, die Mutter wahrscheinlich auch nicht, aber es war das Beste, was uns beiden passieren konnte.
Wir hatten über eine Stunde Zeit, miteinander zu reden, uns auszutauschen. Wir haben miteinander geweint, und ich weiss den Wortlaut nicht mehr, aber sie hat am Ende gesagt: Heiko, ich weiss, ihr könnt beide nichts dafür, es war ein Unfall. Und ihr könnt euch nicht vorstellen, was das mit mir gemacht hat. Das war wie wenn ein Fenster aufgeht, wie wenn hier die Klimaanlage einmal durchbläst und ihr merkt: Wow, das tut so gut.
Und das war etwas, wo ich im Nachgang jetzt feststelle: Gott hat das eingefädelt. 14 Jahre später habe ich die Mutter getroffen, in irgendeinem Unternehmen. Warum habe ich mich gerade dort beworben? Es ist für mich Wahnsinn, wie Gott diese Wege führt.
Und ich möchte an dem Punkt einen kurzen Exkurs machen, was denn Vergebung eigentlich bedeutet. Sie hat mir damals vergeben, und ich durfte die Vergebung annehmen. Und es gibt aber noch ein paar mehr Seiten der Vergebung. Ich weiss nicht, ob ihr das kennt, ich denke, ihr kennt das bestimmt: sich selber zu vergeben. Das ist eines vom Schwersten, das es gibt. Wirklich sich Dinge zu vergeben, wo man weiss, man hat versagt, man hat falsche Worte gesagt, man hat jemanden verletzt, man hat etwas getan, was man eigentlich nicht wollte, wo man jetzt aber mit sich herumträgt.
Und wir dürfen uns selber vergeben. Und warum dürfen wir das? Weil Gott für uns ans Kreuz gegangen ist. Weil er für uns gestorben ist. Und er hat gesagt: Ich bin für dich, für deine Schuld, für deine Sünde, für alles, was du mir ans Kreuz bringst, bin ich gestorben. Und dir ist vergeben.
Und dann ist die Frage: Wer bin ich, dass ich mir selber nicht vergeben kann, wenn der, der das Universum geschaffen hat und seinen Sohn ans Kreuz genagelt hat, damit ich Vergebung habe, sagt, ich kann mir aber selber nicht vergeben? Denn Gott hat versprochen: Wenn ich dir vergebe, dann ist es so, wie wenn ich das in die Tiefen des Meeres versenke. In die Tiefe des Meeres ist, glaube ich, der tiefste Punkt 10 Kilometer, da sieht keiner mehr, da hört keiner mehr, und da liegt es für ewig.
Und Gott sagt: Wenn ich es versenkt habe, dann fängt für dich ein neues Leben an, hier und heute. Und es ist so unendlich schön, diese Zusage, dass Gott sagt: Nein, das ist wie wenn du mit einem schmutzigen Hemd kommst und du ziehst das aus, und Gott streift dir ein sauberes Hemd drüber und sagt: Alles, was gestern war, ist vorbei, und morgen oder ab heute fangen wir neu an.
Und manchmal ist das so ein Problem von uns, dass wir das gar nicht glauben können, dass wir das nicht fassen können und das einfach auch nicht kapieren, wie soll das gehen. Und dann checken wir das zwar in unserem Verstand und sagen: Ja, Gott hat seinen Sohn ans Kreuz gegeben, und er ist für mich gestorben, und ich habe das schon alles kapiert. Aber irgendwie gehört es doch auch zu mir, irgendwie bin ich ja doch schuldig, und irgendwie habe ich ja jemanden verletzt.
Und was machen wir dann? Wir holen unsere zehn Kilometer lange Angel und holen alles wieder raus, was Gott da versenkt hat, und tragen es wieder mit uns herum. Und Gott hat gesagt: Lass es da unten, es ist vorbei, ich habe es dir versprochen, du musst es nicht mehr raufkramen.
Ich wünsche euch: Wenn Gott euch vergeben hat, dann vergebt euch selber auch. Und wisst ihr, was es heisst? Der Nick hat heute Morgen gesagt: Das ist die Freiheit. Und das ist eine Freiheit, die uns niemand anders geben kann ausser Gott.
Und dann gibt es noch die andere Variante der Vergebung, wo es darum geht, dass wir denen vergeben, die uns verletzt haben. Und ihr kennt es, wir beten das immer im Vaterunser: Vergib mir meine Schuld, damit auch wir vergeben können. Ich habe das lange Jahre immer wieder gebetet, so wie man es halt macht in der Kirche, in meinem Jugendgottesdienst usw.
Und irgendwann hat Gott gesagt: Heiko, das sind nur ein paar Leute, denen hast du nicht vergeben. Und unter anderem war das der Staatsanwalt, der damals in der Verurteilung diesen minderbemittelten Jugendlichen praktisch immer dieses Bild von mir in der Verhandlung aufrechtgehalten hat und mich in meinem Wesen, in meiner Person als Mensch so tief verletzt hat mit dem, was er gesagt hat über mich, dass ich diesen Menschen nicht vergeben konnte.
Und ich sage das heute euch ehrlich: Ich hatte viele, viele Jahre später immer wieder im Internet nach dem Namen gesucht, in der Hoffnung, dass eine Todesanzeige kommt von dem Typ, der mich so verletzt hat. Und ich bin erschrocken über mich selber. Denn ich dachte: Heiko, was soll das?
Und dann habe ich das Jesus abgegeben und habe gesagt: Herr, es kann nicht sein, dass mir vergeben worden ist, dass du mir vergibst, und ich bin nicht in der Lage, demjenigen zu vergeben. Und da bitte ich euch einfach: Wenn es einen Menschen in eurem Leben gibt, der euch verletzt hat, der euch wehgetan hat, fragt euch: Stelle ich den heute noch an die Wand? Was wünsche ich dem? Oder kann ich den auch Jesus bringen, damit ich wieder frei werde?
Da gibt es ein schönes Zitat, das ist nicht von mir: Wenn man einen Gefangenen freilässt, nee, Quatsch, Vergebung ist wie einen Gefangenen freizulassen, und in dem Moment, wo er frei ist, stellen wir fest, dass wir selber die sind, die frei werden. Und ich finde, es ist ein tolles Bild, was Vergebung heisst: Den anderen freizulassen und zu merken, dass ich selber frei werde.
Ich sehe jetzt auf der Uhr, es wird knapp, aber ich hoffe, dass ich voll ins Durch komme. Wir hängen immer noch am Warum, und ich möchte euch mal bitten, dass ihr jetzt alle die Augen zumacht und euch mal eure eigene Warum-Frage stellt, da, wo ihr schon immer eine Antwort haben möchtet. Einfach mal die Augen zumachen und zu überlegen: Gibt es da eine Antwort dazu?
So, und jetzt die Frage an euch: Ist jemand im Raum, der eine befriedigende Antwort auf diese Warum-Frage, auf seine Warum-Frage hat? Gibt es jemanden, der dafür die Hände hochstreckt? Keiner da, ich habe es mir gedacht, ich habe nämlich auch keine.
Und warum habe ich keine? Weil die Frage nach dem Warum immer in die Vergangenheit geht. Die Frage nach dem Warum beschäftigt sich immer mit dem Gestern. Die Frage warum hält uns immer gefangen in dem, was passiert ist, in der Dunkelheit, in dem, was schmerzt, in dem, was weh tut. Die Frage nach dem Warum macht uns kaputt und hält uns gefangen und schnürt uns die Luft ab.
Wir gucken nach hinten und überlegen die ganze Zeit: Was habe ich falsch gemacht, was hätte ich anders machen können, habe ich zu wenig zugehört, habe ich zu wenig geliebt, habe ich zu wenig nachgedacht, war ich zu unaufmerksam, wie hätte ich das verhindern können? Aber mit allem, wie ihr euch den Kopf zerbrecht, ihr werdet es nicht schaffen, da eine Antwort zu finden, und das wird euch nur immer mehr Schmerzen bereiten.
Wenn wir nach dem Warum fragen, dann ist es so, wie wenn wir beim Sonnenuntergang der untergehenden Sonne hinterherlaufen und versuchen, die irgendwie noch festzuhalten, die letzten Sonnenstrahlen, damit wir nicht wieder in der Dunkelheit hängen, damit wir uns nicht wieder fragen müssen nach dem Warum. Aber die Sonne geht unweigerlich unter und lässt uns zurück im Dunkeln.
Und jetzt bitte ich euch noch einmal, die Augen zuzumachen, und jetzt überlegt euch bitte mit eurem Warum, mit dem, was in eurem Leben passiert ist: Wozu könnte denn das passiert sein? Wozu ist das in meinem Leben passiert, wozu musste ich das erleben, und wozu kann das gut sein?
Jetzt dürft ihr eure Augen wieder aufmachen. Und was ihr wahrscheinlich gar nicht bemerkt habt, aber ich von oben hier sehen kann: Wenn wir nach dem Warum fragen, dann blicken wir immer nach unten. Wenn wir nach dem Wozu fragen, dann blicken wir meistens nach oben.
Warum blicken wir nach oben bei der Wozu-Frage? Weil es nach vorne geht. Die Wozu-Frage, die hat das Wort Zukunft im Blick, und da geht es nach vorne. Und wenn ich nach der Zukunft frage, dann bin ich daran beteiligt, dann darf ich an der Zukunft mitgestalten. Und dann darf ich mich fragen: Was hat mich denn in der Zeit, wo es mir nicht gut ging, stark gemacht, wer hat mir geholfen, was hat mich begleitet, wer hat mich begleitet, und wie haben die das gemacht? Wo habe ich Liebe erfahren und Unterstützung und Hilfe, und wie kann ich das vielleicht auch für andere einsetzen?
Und da möchte ich euch ermutigen, dass ihr euch die Wozu-Frage stellt, dass ihr schaut: Ja, was war in meinem Leben, und wozu könnte das in der Zukunft gut sein? Und ich habe es vorhin schon mal gesagt: Ihr seid nicht zufällig hier, und ihr seid auch nicht zufällig in diesem Raum hier und hört diesem Thema zu. Und ich möchte euch Mut machen: Stellt euch die Frage, Gott möchte euch gebrauchen.
Für mich ist das wie ein Apfel, den ihr kauft, beim Lidl sauber verpackt, der hat keinen Macker, den hat man betüttelt und gemacht und getan und in Watte gepackt, dass man den dem Kunden verkaufen kann. Seit neuestem gibt es ja dieses, wie sagt man da, Second-Hand-Obst beim Aldi. Mit Macken und Kanten und klein und eingedellt und überhaupt. Aber habt ihr mal so einen Apfel probiert? Der schmeckt ganz anders als die angezüchtete.
Und Gott arbeitet mit euch, und er möchte euch in Zukunft gebrauchen. Und als ich das verstanden habe, dass Gott mich noch gebrauchen kann, dass ich noch einen Wert habe, dass es da eine Zukunft gibt, das war genial.
Und ich möchte euch Beispiele machen. Dieser Pfarrer, der mich damals betreut hat, da war ich ein halbes Jahr bei der Bundeswehr, dann ist der Schuss passiert, dann war die Frage: Aufhören ja oder nein? Und aufhören kam für mich nicht in Frage. Aber normal zur Bundeswehr zurückzugehen ging auch nicht, und ich habe dann den Dienst an der Waffe nachträglich verweigert. Die Bundeswehr wollte natürlich auch nicht, dass ich nochmal Dienst an der Waffe tue. Da waren wir uns also schon mal einig, und dann war die Frage: Was machen wir denn jetzt mit dem Kerl?
Und die hatten alle Angst, dass ich tatsächlich mir das Leben nehme, und die haben mich dann irgendwie versucht zu überzeugen, dass es doch nicht mehr gut ist, wenn ich zurückkomme, weil wenn das passiert wäre, hätte sie ein ganz anderes Problem gehabt. Und dann hat mich der katholische Pfarrer schnurstracks zu seinem Fahrer gemacht, ich bin also sein persönlicher Fahrer geworden. Wir hatten in diesem halben Jahr, wo ich noch dort war, ganz viele Menschen, denen es genauso ging wie mir, aus unterschiedlichsten Gründen. Ich habe ihn beobachtet, wie er mit jungen Menschen umgeht und welche Liebe er für die hat, und ich habe gesagt: Ich möchte das auch haben. Damals habe ich mir gewünscht, dass ich mal in der Richtung etwas machen kann.
Als ich wieder bei der Bundeswehr mit meiner Arbeit nachging, habe ich in meinem Job den Ausbilderschein gemacht und bin bis zum heutigen Tag Ausbilder von jungen Menschen, die einen mechanischen Beruf lernen möchten. Ich durfte das umsetzen, was mir Spass macht: Mechanik, Menschen, das, was ich gesehen habe, darf ich einsetzen.
Als wir damals die Sache mit dem Hirntumor hatten bei der Elke, da haben wir uns gemeinsam geschworen: Wenn wir gut aus der Sache herauskommen, dann möchten wir ein offenes Haus für Jugendliche leben. Das haben wir gemacht, und das tun wir bis zum heutigen Tag.
Das eine kann ich euch sagen: Er hat uns gebraucht zum Segen von Jugendlichen, ja, aber er hat uns auch selber gesegnet, und das ist das, was fliessen darf. Zum einen dürfen wir Gottes Wort weitertragen, wir dürfen zum Segen werden, und Gott arbeitet mit uns. Aber das ist nicht nur das Geben, sondern er gibt uns auch wieder zurück. Und es ist so genial, wie er das getragen und gekleidet hat.
Und wenn ich heute hier stehe und euch das erzähle, dann gab es zwei Möglichkeiten in meinem Leben: Entweder ich springe von der Brücke, ich ersaufe mich im Alkohol, oder ich glaube wirklich Gott, dass er es gut mit uns meint. Und ich bin froh, dass wir miteinander den Weg gegangen sind.
Und wenn ihr nach dem Wozu fragt, dann ist es wie wenn ihr der aufgehenden Sonne entgegenlauft. Nicht mehr der untergehenden Sonne hinterherrennen, sondern euch verabschieden von dem, was war, das Loslassen, auch wenn es wehtut. Ich weiss, ihr lasst unter Umständen auch liebe Menschen los. Aber guckt noch einmal zurück, guckt noch einmal an, was in der Zeit gut war, was an dem schön war, und bewahrt es in eurem Herzen wie ein Schatz.
Dann dürft ihr euch umdrehen und der aufgehenden Sonne entgegenlaufen, und Gott wird euch zeigen, wie er euch in dem neuen Tag gebrauchen möchte. Dann ist es nicht mehr kalt und dunkel und einsam, sondern dann wird es hell und warm, und dann ist Gott in eurer Seele.
Ihr habt heute Morgen in dem Video gesehen, wie ich einen Stein schleife. Ich habe den Stein mitgebracht. Das ist ein sogenannter Granatstein, der kommt von der Prager Wildspitze. Den hatte ich, als ich acht Jahre alt war, runtergetragen, und an den habe ich mich erinnert in der Vorbereitung von dem Tag hier und habe den ausgegraben daheim.
So ein Granatstein, wenn man den schleift und bearbeitet und nochmal schleift und wieder bearbeitet, dann bleibt von dem nicht mehr viel übrig. Aber das, was übrig bleibt, das ist ein Edelstein, und er wird verwendet an Ketten, an Broschen, an allen möglichen Ringen. Aber bis der strahlen kann, bis der praktisch andere Menschen erfreuen kann, wird ganz schön herumgeklopft auf dem Ding. Der muss einiges aushalten. Der wird gehämmert, gemeisselt, geschliffen, poliert, nochmal geschliffen, nochmal gemeisselt, so lange, bis er seine Form hat.
Und das ist für mich ein ganz arg gutes Bild für das, was Gott mit uns tut. Er möchte, dass dieser Edelstein nicht irgendwo auf dem Berg liegt und vor sich hin, ja, sich langweilt. Er möchte, dass wir strahlen, er möchte mit uns Geschichte schreiben, und er möchte mit euch Geschichte schreiben.
Und Gott hat uns nicht versprochen, dass er uns vom Leben bis zum Tod auf Händen trägt, dass wir uns ja immer gut fühlen, dass es uns immer gut geht, dass immer das klappt, was wir uns vornehmen, und dass unsere Wünsche in Erfüllung gehen. Ihr kennt alle im Psalm 23: Er hat gesagt, ja, ihr dürft auf der grünen Wiese sein und es dürft ihr geniessen, und ihr seid hier im wahrsten Sinne des Wortes auf der grünen Wiese, geniesst es.
Und wenn andere Tage kommen, dann hat Gott von dunklen Tälern gesprochen, und dann hat er nicht gesagt, da müsst ihr alleine durch, und am Ende von diesem dunklen Tal warte ich dann und nehme euch in Empfang, ihr werdet das schon irgendwie packen. Nein, er hat gesagt: Geh an meiner Hand durch dieses Tal, ich begleite dich.
Im dunklen Tal, da haben wir Angst, da haben wir vielleicht auch keine Kraft mehr. Aber in der Hoffnung, dass Gott uns wirklich trägt, dürfen wir die Hand ergreifen. Und wenn wir nur Dunkelheit sehen und immer noch in unserer Warum-Frage hängen, dann weiss Gott schon, wozu das gut ist. Und wenn wir in diesem Tal sind und uns überlegen, ob diese Dunkelheit überhaupt mal aufhört, dann sieht Gott schon das Licht.
Und jetzt finde ich es total gigantisch, dass dieser Psalm 23 nicht aufhört nach dem dunklen Tal, sondern dass Gott auch sagt: Ja, und dann kann es auch wieder auf die grüne Wiese gehen. Und wenn ich das will, dann tue ich dir nochmal ein dunkles Tal zutrauen. Aber du gehst schon meiner Hand da durch.
Und dann dürfen wir am Ende, und das verspricht er uns im Psalm 23, er bereitet vor uns einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Wer ist mein Feind? Mein Feind ist der, der versucht, mit dem, was passiert, mich zu zerstören. Das hat er auch bei mir probiert. Er hat immer gesagt: Heiko, guck dich mal an, was bei euch alles passiert ist. Und das soll in Gottes Liebe sein? Das kann doch nicht sein, der kann es doch bestimmt nicht gut mit euch meinen.
Und Gott hat versprochen, uns durchzutragen, und er hat versprochen, dass wir am Ende an seinem Tisch sitzen und mit ihm feiern. Und ja, wenn ihr auch das Gefühl habt, dass es bei euch nicht aufhört: Ihr habt heute Morgen dieses Zeugnis gehört über dieses chronische Müdigkeitssyndrom. Wenn du da drinsteckst, dann hast du manchmal keine Hoffnung mehr, dass irgendwann mal wieder was besser wird. Aber halt fest, Gott hat gesagt, ich trage dich durch, und er macht das auch.
Und das darf ich bezeugen, das darf meine Frau bezeugen, dass wir das erlebt haben. Und ich wünsche es, dass ihr in seine Hände fallt und dass er euch durchträgt und dass ihr am Ende strahlen dürft wie dieser Edelstein, und zwar nicht nur für euch, sondern auch für andere.
Und ich möchte noch beten mit uns.
Ja, lieber Vater, manchmal können wir einfach nicht verstehen, warum du uns so manche Dinge zumutest, warum wir durch so tiefe Täler gehen müssen und warum es so unendlich wehtut. Aber, Vater, du hast versprochen, dass wenn wir an deine Hand gehen, dass du uns wieder ins Licht führst und dass du uns mit deiner Fülle ausstatten möchtest, mit deiner Gnade und mit deiner Liebe und vor allem auch, dass wir in die Freiheit gehen dürfen und dass wir festhalten dürfen an dir.
Und wenn es noch so schwer wird, lass uns nicht aufgeben, Herr, hilf uns durch dieses dunkle Tal und lass uns gewiss sein, dass wir mit dir am Tisch sitzen dürfen. Und dass es ein Wiedersehen gibt mit denen, die wir verloren haben.
Herr Vater, geh du mit jedem einzelnen lieben Menschen, der jetzt hier ist, im Zelt und auch draussen bei den anderen Sessions nach Eidlinger in die Zukunft. Starte uns aus mit diesem Wozu und zeige uns, Herr, wo du mit uns arbeiten möchtest. Sei du ein Segen für jeden einzelnen, segne du ihn und begleite du ihn in die Zukunft. Amen.
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