Serie•Teil 10 / 53Lukas-Evangelium
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Einordnung der beiden Kapitel und der rote Faden
Wir befinden uns immer noch in Lukas Kapitel 5 und Kapitel 6. Wer das letzte Mal vor zwei Wochen dabei war, der weiß: Diese beiden Kapitel stehen unter der großen Überschrift „Umgang mit Sünde und Sündern“, und heute einfach mal Teil 2.
Mir geht es darum, dass ihr, wenn ihr die Evangelien lest, versteht: Lukas wählt aus der Summe der Geschichten, die ihm zur Verfügung stehen, einzelne Geschichten aus, um damit einen Punkt zu setzen. Jede Geschichte bringt ihren Beitrag in einem größeren Gedankengang. So ist es auch gerade in Lukas Kapitel 5 und 6.
Wenn wir uns die Geschichten noch einmal vergegenwärtigen, mit denen dieser Block beginnt, dann ist da zuerst die Geschichte von Petrus und dem Fischfang. Es geht von Anfang an um die Frage: Wie geht Jesus mit Sündern um?
In dieser ersten Geschichte erkennt Petrus, wir würden sagen: während der Arbeitszeit, seine eigene Sündhaftigkeit, und er wird von Jesus in die Nachfolge berufen. Das heißt: Sünde ist für Jesus kein Problem. Es ist nicht so, dass Jesus sagen würde: „Oh, jetzt habe ich gedacht, in dir, Petrus, hätte ich so einen, mit dem man wirklich etwas anfangen kann, aber so ein Typ wie du, also Entschuldigung, damit kann ich gar nichts anfangen.“ Das ist überhaupt nicht der Fall.
Das, was Jesus sucht, und das, was wir auch in der Bibel finden als eine Voraussetzung dafür, dass Gott mit uns etwas anfangen kann, das ist nicht Sündlosigkeit, sondern ein zerbrochenes Herz.
Ich möchte mit euch ein paar Bibelstellen einfach mal überfliegen. Da heißt es in den Psalmen zum Beispiel an einer Stelle in Psalm 51, da geht es um die Frage: Welche Opfer sucht Gott? Was ist das, was man Gott bringen kann? Psalm 51,19: Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.
An anderer Stelle, Psalm 34,19: Nahe ist der Herr denen, die zerbrochenen Herzens sind, und die zerschlagenen Geistes sind, rettet er.
Oder wieder an einer anderen Stelle aus dem Propheten Jesaja, Kapitel 57. Da heißt es dann in Vers 15: Denn so spricht der Hohe und der Erhabene, der in Ewigkeit wohnt und dessen Name der Heilige ist: In der Höhe und im Heiligen wohne ich, und jetzt kommt’s, und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen.
Das heißt: Gott ist nicht mit den Hochmütigen und den Besserwissern, nicht mit denen, die für alles immer eine Erklärung haben, die nie deprimiert sind, die immer so tun, als wäre alles in Ordnung. Es ist gerade andersherum.
Gottes Blick ruht, und ich bleibe noch einmal bei Jesaja, weil ich das so mag, Gottes Blick ruht auf den Elenden, auf denen, die zerschlagenen Geistes sind und die vor seinem Wort zittern, so sagt Jesaja das in Jesaja 66.
Und so einer war Petrus. Er war vor Jesus in seinem Boot auf die Knie gegangen und hatte ihm gesagt: Geh von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch. Und ich denke, dass Petrus nicht erwartet, dass Jesus als Herr weiterhin mit ihm als dem Fischer, dem Sünder, etwas zu tun haben will.
Aber genau das Gegenteil wird der Fall sein. Jesus geht auf diesen Sünder zu. Er beruft ihn in die Nachfolge. Er nimmt ihn mit seinen Qualifikationen, ja, er hat berufliche Qualifikationen erworben, er ist ja wer, mit dem, was er hat, nimmt er ihn an und sagt: Fürchte dich nicht. Von nun an wirst du Menschen fangen.
Das war die erste Geschichte, und mir war es so wichtig zu zeigen, dass Jesus nicht jemand ist, der sich vor reuigen Sündern distanziert, sondern dass er in das Leben von reuigen Sündern hineinspricht und sagt: Ich möchte, dass sich in deinem Leben etwas ganz grundsätzlich ändert. Ich möchte ein neues Ziel geben, ich möchte eine neue Qualität von Leben geben.
Im Johannesevangelium heißt es an einer Stelle: Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben. Johannes 10,10. Das ist Gottes Idee.
Und so wird aus Simon, dem Sohn des Johannes, einem unbedeutenden Fischer aus einem Kaff am Ende der Welt, eine der bekanntesten und wichtigsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Aber so ist Gott.
Heilung, Vergebung und die Frage nach dem eigentlichen Bedürfnis
Und die zweite Geschichte, die wir uns letztes Mal angeschaut haben, die Heilung eines Aussätzigen: Ich hatte euch erklärt, dass Aussatz ein Bild für Unreinheit ist und in der Bibel ein Bild für Sünde.
Die zweite Geschichte zeigt uns, dass Jesus an einer Stelle, an der menschliche Möglichkeiten an ihre Grenzen stoßen, und wo der Mensch nichts mehr zu geben hat, nichts mehr bringen kann, nicht mehr weiterkommt und nur noch diagnostizieren kann: Du bist unrein!, dass an dieser Stelle Jesu Möglichkeiten noch lange nicht zu Ende sind. Er ist die ultimative Antwort auf jede Form von Sünde und Unreinheit.
Und so wird dieser Mann, der uns in der zweiten Geschichte begegnet ist, voller Aussatz, zu einem Bild für jeden Menschen. Denn vor Gott gibt es keinen einzigen Reinen. Oder wie der Apostel Paulus in Römer 3 sagt: Da ist kein Gerechter, auch nicht einer. Und das ist schon ein Zitat aus dem Alten Testament. Es scheint also immer zu gelten, diese Aussage: Vor Gott gibt es keinen Gerechten.
Aber jetzt kommt Jesus auf diesen Aussätzigen zu. Und wir merken, dass er nicht nur einer ist, der Aussätzige, der Unreine, der Sünder, wie in der ersten Geschichte, in die Nachfolge beruft, sondern dass er auf sie zugeht und in ihr Leben Heilung hineinbringt. Das ist noch viel mehr als nur zu sagen: Hey, ich gebe deinem Leben jetzt ein neues Ziel, ich gebe dir ein bisschen Sinn im Leben mit. Sondern ich möchte das, was dich von innen heraus zerfrisst, was dich kaputt macht, die Sünde in dir. Ich möchte dagegen Heilung bringen, ich möchte dich gesund machen, ich möchte, dass in dir ein Veränderungsprozess stattfindet, wo Sünde einfach keine Chance mehr hat. Dass das, was dich zerfrisst, irgendwann der Vergangenheit angehört und du ein neues Leben lebst.
Und natürlich taucht am Ende der zweiten Geschichte, wenn man ein bisschen mitdenkt, die Frage auf: Ja, wie soll das denn gehen? Ja, hier so ein aussätziges, zerheilendes Gut, aber im übertragenen Sinn auf Sünde: Wie soll das denn funktionieren, dass ich von Sünde heil werde?
Und dann kommt die dritte Geschichte. Da wird ein Gelähmter gesund, weil seine Freunde ihn zu Jesus bringen. Sie reißen das Dach ein. Ich stelle mir das immer so schön bildhaft vor. Jesus sitzt in der Mitte, der Dreck fällt runter. Ihr müsst euch vorstellen, da reißt einer die Dachsparren auf. Da rumpst der Dreck runter, alle schauen hoch, die Sonne bricht rein, und aus dieser Staubwolke kommt dann von oben der Kerl halt runter.
Wir würden erwarten, dass Jesus jetzt sagt: Was macht ihr hier? Ich bin hier gerade am Predigen, das kann doch nicht sein. Könnt ihr nicht mal ein bisschen warten? Und da passiert genau das Gegenteil. Jesus schaut hin, und der Gelähmte wird gesund, und Jesus vergibt Sünde. Warum? Weil er diese Männer sieht, er sieht den Gelähmten, und er sieht etwas dahinter: Er sieht den Glauben, den diese Männer haben.
Und er beantwortet uns die Frage: Wie wird man heil von Sünde? Es fängt damit an, dass ich glaubend zu Jesus komme, dass Jesus meinen Glauben sieht und mir dann aufgrund dieses Glaubens Vergebung zuspricht. Wer findet Vergebung? Wer vor Gott zerbricht, in der ersten Geschichte. Und dann wer sich diesem Jesus zuwendet, in der zweiten Geschichte. Und wer von ihm Vergebung empfängt, das ist die dritte Geschichte. So werden wir heil.
Und Jesus gibt diesem Gelähmten das Beste, was er hat. Ich finde es wichtig, dass wir uns das vor Augen halten. Wir würden denken, wenn einer gelähmt hinkommt, dass das, was er braucht, eigentlich Gesundheit ist. Und trotzdem fängt Jesus mit dem Besten an: Vergebung, nicht Heilung.
Ich weiß nicht, ob unsere Generation diesen Gedanken jemals begreifen kann. Ich bin da ein bisschen skeptisch, wenn ich ehrlich bin. Denn ich glaube, bis wir begriffen haben, dass das Wichtigste im Leben tatsächlich nicht ein super Job ist oder so, wie viele Leute, die nicht so viel mit Gott anfangen können, mir immer zum Geburtstag eine Karte schreiben: Bleibt gesund oder Hauptsache gesund. Und ich denke mir jedes Mal: Nein. Das ist nicht die Hauptsache.
Oder wie Männer sich um die Frage drehen: Wie sieht meine Frau aus? Oder wie Leute sich ihre Lebensqualität davon beeinflussen lassen, ob sie den letzten James Bond gesehen haben, ja oder nein. Ja, und wenn nicht, dann: Ja, ich hatte keine Zeit. Das ist irgendwie doof, ja, Leben macht keinen Spaß.
Also die Frage ist: Was prägt unsere Lebensqualität? Und Jesus sagt: Es gibt eine Sache, die wichtiger ist als gesund zu sein, als reich zu sein, als angesehen zu sein, als sexy zu sein. Es gibt eine Sache, die viel wichtiger ist, und das ist, dass du eine Antwort hast auf die Frage: Wie steht es um die Schuld deines Lebens? Findet Gott in deinem Leben den Glauben, den er hier bei diesen Freunden und dem Gelähmten sieht?
Das ist die Frage, auf die wir eine Antwort brauchen, bevor wir sterben. Da gebe ich euch völlig recht. Darauf muss man eine Antwort haben. Die Frage zählt. Ob du weißt, was man jetzt bei dieser Finanzkrise tun soll, oder ob du mit CO2-Emissionen da den globalen Plan hast, wie wir alle überleben, keine Ahnung. Der Clou ist: Die Antwort auf diese Fragen ist auch nicht wirklich wichtig. Aber die Antwort auf die Frage: Wie steht es um die Schuld deines Lebens? Findet Gott in meinem Leben den Glauben, den er bei dem Gelähmten und bei seinen Freunden gefunden hat?
Das ist super wichtig, das ist die Frage schlechthin für einen Menschen. Und zwar deshalb, weil da, wo sich dieser Glaube findet, wo echter Glaube ist, da findet Vergebung statt, und da verändert sich das Leben.
Am Ende der Geschichte von dem Gelähmten in Lukas 5, da kann der Gelähmte plötzlich laufen. Und er ist natürlich nur ein Bild für das, was Gott eigentlich möchte. Gott möchte uns nicht einfach nur vergeben, und dann dackeln wir so weiter wie vorher, sondern er möchte uns vergeben, und er möchte, dass wir danach in seiner Kraft, in Neuheit des Lebens, wandeln.
So wie der Gelähmte das erste Mal wieder so ganz vorsichtig sich an die Beine fasst und sagt: Das geht ja wieder. Müsst ihr euch vorstellen, der liegt da vielleicht Wochen, Monate, Jahre lang. Ja, erst schrumpfen die Muskeln, und dann werden sie verhärtet, so der Rest. Ja, und mit einem Mal steht der wieder auf. Der kennt das gar nicht mehr, Stehen. Ja, und ganz vorsichtig setzt er so einen Schritt nach vorn und denkt sich: Na, mal schauen, ob das trägt. Das ist bestimmt jetzt nur so für einen Moment. Ja, das ist bestimmt gleich wieder weg.
Und dann geht er den ersten Schritt ganz neu, und dann geht er den zweiten Schritt, und dann geht er runter, rollt diese Matte zusammen und geht raus. Wird reingetragen, unfähig sich zu bewegen, und geht mitten durch die Menge, die sich vor ihm dann teilt, einfach raus in Neuheit des Lebens. Und wird damit ein Bild für jeden, der Vergebung empfängt.
Denn Vergebung heißt: Ich gehe zu Jesus als einer, der von der Sünde kaputtgemacht ist, gelähmt ist, das zu tun, wofür er geschaffen ist. Ich erfahre Vergebung, nehme die Vergebung an, und jetzt sagt Jesus: Steh auf. Jetzt, bei der einen Frau, die da Ehebruch begangen hat: Sündige nicht mehr. Jetzt fang an. Dieses neue Leben, das Jesus dir schenken möchte, wir würden aus unserer Perspektive nach Ostern sagen: das Auferstehungsleben Jesu. Jetzt fang an, dieses Auferstehungsleben in deinem Leben zu leben.
Wo sich Glaube findet, da findet sich Vergebung, da findet sich Lebensveränderung, und da geschieht in unserem Leben ein Transformations-, ein Veränderungsprozess, der einfach alles auf den Kopf stellt.
Der Ruf in die Nachfolge und die Entscheidung des Augenblicks
Ich hatte euch versprochen, wir wollen uns heute ein Beispiel anschauen. Ich habe der Predigt den Titel gegeben: Jesus und was es heißt, fromm zu sein.
Ich finde es so wichtig, dass wir begreifen, was es heißt, fromm zu sein, oder wie Frömmigkeit eigentlich aussieht, weil es so viele komische Vorstellungen gibt. Und wir lesen mal Lukas 5,27-28. Da heißt es:
Und danach ging er hinaus und sah einen Zöllner mit Namen Levi am Zollhaus sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er verließ alles, stand auf und folgte ihm nach.
Also, Zöllner waren, das wisst ihr wahrscheinlich, das Allerletzte: Verräter, Räuber, durch den Kontakt mit Heiden unrein. Es war an sich keine Sünde, Zöllner zu sein. Wir hatten ja schon die Geschichte mit Johannes dem Täufer. Da kommen auch die Zöllner und sagen: Ja, was sollen wir denn jetzt tun? Wie lebt man denn als Zöllner mit Gott? Und Johannes der Täufer sagt dann: Naja, fordert nicht mehr, als euch bestimmt ist.
Und genau darin lag das Problem. So ein Zöllner hatte einfach die Macht. Der saß da in seinem Zollhaus, und du bist da reingekommen mit deinen Waren, hast so einen Karren voller Fische gefangen, und dann schaute der in deinen Karren und sagte: Ich hätte gern so und so viel. Und wenn du gesagt hast: Aber das ist doch viel mehr, als erlaubt ist, dann hat er dich angelacht und gesagt: Na und? Und du musstest zahlen, sonst bist du nicht in die Stadt reingekommen.
So, diese freundlichen Herren waren also allseits unbeliebt. Bekannt für Betrug, für Erpressung, ausgeschlossen aus der Gesellschaft. Und wir würden heute sagen: Sie haben eine Wahl getroffen. Ich verdiene gutes Geld, und dafür ist mir die Meinung von anderen Leuten egal.
Wenn wir eine Parallele suchen für heute, dann denke ich, es ist ein Zuhälter. Durchaus ein Zuhälter, der sagt: Ich habe alle meine Damen angemeldet, die zahlen alle Steuern auf das, was sie tun, also ein guter Zuhälter. Und trotzdem einer, wo man sagen würde: Also weißt du, so richtig mit dem, was du da tust, ja, auch wenn das jetzt gesellschaftlich nicht unbedingt sündbar, also falsch ist, ich kann dich jetzt nicht belangen, aber weißt du ganz ehrlich: Wenn wir also zusammensitzen mit all unseren Freunden, sag lieber nicht, was du beruflich machst.
Das waren die Zöllner.
Wir wissen nicht, was Levi heißt. Übrigens heißt er an anderer Stelle Matthäus. Er ist der, der das Matthäusevangelium geschrieben hat. Was Levi schon von Jesus gehört hat, wissen wir nicht. Aber Lukas formuliert ganz bewusst ganz kurz, ohne große Einleitung, was hier passiert.
Jesus geht aus dem Dorf hinaus, er sieht Levi im Zollhaus, und er sagt ganz kurz: Folge mir nach! Und mit diesem einen Satz erreicht Jesus bei Levi mehr, als Jahre der Ausgrenzung bei ihm jemals erreicht haben. Und er trifft eine Entscheidung. Er trifft die Entscheidung: Ich möchte diesen alten sündigen Lebensstil nicht weiterleben.
Dieser eine Satz zerbricht die Bindungen im Leben eines sündigen Zöllners an sein altes Leben, und dieser eine Satz befreit ihn zu echter Nachfolge. Und das ist der Punkt, der mir wichtig ist: Wo fängt echte Frömmigkeit an?
Echte Frömmigkeit fängt da an, wo ich die Stimme Jesu höre, die in mein Leben hineinspricht: Folge mir nach! Und mich dann aufmache und sage: Ja. Die Bindungen zerbreche, die mich an ein altes sündiges Leben binden, und Jesus nachfolge.
Und dabei wird mir eine Sache deutlich, die auch für uns relevant ist. Levi bekommt nicht, soweit wir das wissen, unendlich viele Angebote. Oder anders ausgedrückt: In deinem Leben wie in meinem Leben ist jeder Moment, den wir leben, ein Stück weit einmalig. Manche Lebenssituationen sind so einzigartig, dass wir sie entweder nutzen, zugreifen und sagen: Ja. Oder uns ein Leben lang darüber ärgern können, dass wir damals so blöde waren, nicht zugegriffen zu haben.
Und von daher, wenn es im Hebräerbrief heißt: Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht, ist das hier ein Beispiel dafür, was das heißt. Hier spricht Gott in das Leben von Levi hinein. Und Levi steht vor der Entscheidung seines Lebens. Und es ist eine existenzielle Entscheidung. Es ist eine Entscheidung, die mit gravierenden Folgen verbunden ist.
Er wird seinen Beruf nicht weiter ausüben, denn dann ganz anders als vorher. Er weiß überhaupt nicht, worauf er sich da einlässt. Er weiß nur: Ich möchte nicht mehr so weiterleben wie bisher.
Gemeinschaft, Kritik und das Wesen geistlicher Praxis
Die Verse 29 bis 30 lesen wir erst einmal:
Und Levi machte ihm ein großes Mahl in seinem Haus. Und dort war eine große Menge Zöllner und anderer, die mit ihnen zu Tisch lagen. Und die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten murrten gegen seine Jünger und sprachen: Warum esst und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern?
Durch die Bekehrung wird Levi zu einem Nachfolger Jesu. Und natürlich wünscht er sich, dass jetzt andere Leute auch Jesus kennenlernen. Wir würden sagen: Er schmeißt eine Party, ein großes Mahl. Levi scheint einer gewesen zu sein, bei dem Geld jetzt mal gar keine Rolle spielte. Wir machen einfach mal so richtig schön Party, so richtig groß, und ich lade mal alles ein, was ich so kenne.
Und die scheinen auch gerne gekommen zu sein. Ich ahne schon, dass Levi für seine Partys bekannt war. Es schien überhaupt kein Problem zu sein, dass man da hingeht, sich da trifft. Und wer trifft sich da? Na ja, seine Zöllner-Kumpels halt. Die hatten ja nur sich und andere Sünder. Das sind dann die Freundinnen der Zöllner, das sind die Prostituierten und was es halt sonst noch gibt, so an kleinen und Großkriminellen, die sich so ein bisschen zusammengeschlossen hatten, so als eigene gesellschaftliche Gruppe.
Und der Punkt ist: Echte Frömmigkeit kann nicht schweigen. Echte Frömmigkeit ist begeistert, will, dass jeder Jesus kennenlernt und ihn als Befreier erlebt. Und natürlich, die Kritik lässt in solchen Fällen nie, nie lange auf sich warten. Wie kannst du Jesus und wie könnt ihr Jünger euch mit so einem Gewindel an einen Tisch setzen? Das geht doch gar nicht.
Und der Punkt ist: Für Jesus geht das schon. Es geht deshalb, weil Jesus die gute Nachricht hat, eine Nachricht für Sünder, und weil er die Macht hat, Sünde zu heilen. Deswegen antwortet er dann in Vers 31 und 32:
Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße.
Was wäre ein Arzt, der sich damit begnügt, immer nur vor der Krankheit zu warnen? Das wäre Blödsinn. Ein Arzt muss dahin gehen, wo die Kranken sind. Ein Arzt muss dahin gehen, weil er sie heilen will. Und das ist Jesu Mission. Er sagt: Ich möchte Sünder zur Buße rufen.
Das war für die Pharisäer undenkbar. Sie hielten sich für gerecht, und sie hatten für die anderen eh nur Verachtung übrig. Das war wirklich Gesindel, von dem man sich distanziert hat, mit dem man nichts zu tun haben wollte.
Und es bleibt für uns an dieser Stelle die Frage: Was macht einen Lebensstil eigentlich geistlich? Was macht ihn fromm? Wann führe ich ein geistliches Leben? Wann bin ich geistlich?
Die Antwort aus dieser Geschichte ist ganz einfach: Ein geistlicher Lebensstil ist einer, der sich nicht von einer äußeren Form prägen lässt, sondern dem es um Inhalt geht. Es ist nicht so, dass es darum geht, erst einmal einer Regel zu folgen, sondern darum, Liebe zu üben. Und Liebe heißt, dass ich bereit bin, das, was ich an Gutem erfahren habe, mit anderen zu teilen. Dass ich bereit bin, dahin zu gehen, wo die Kranken sind, und ihnen sage: Hört mal her, ich habe für eure Krankheit, die ich auch hatte, einen Arzt gefunden. Ich kenne da jemanden, der dich heil machen kann. Und ich rate dir dringend, dich mit ihm zu beschäftigen.
Könnt ihr euch vorstellen, dass das in der damaligen Zeit auf der einen Seite die Pharisäer mit ihren Regeln, Ritualen usw. und jetzt kommt dieser Jesus und sagt: Erstens ist alles erlaubt. Ich darf essen, mit wem ich will. Ich darf mein Leben gestalten, wie ich will, weil es um Liebe geht. Dass das zwei so Punkte sind, die kriegst du nicht mehr übereinander, das ist einfach arg.
Und die Kritik hört auch jetzt nicht mehr auf. Es fängt an mit der Art und Weise, wie Jesus Jünger macht, dass er sich auf solche Zöllner- und Sündertypen einlässt. Und es geht natürlich gleich weiter. Sobald die anfangen, ein bisschen geistliches Leben zu leben, wird es immer wieder Stress geben.
Schaut euch das an, Vers 33: Sie aber sprachen, also immer noch Pharisäer und Schriftgelehrte, sie aber sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes oft und verrichten Gebete, ebenso auch die der Pharisäer, die deinen aber essen und trinken?
Spürt ihr den Angriff? Auf der einen Seite stehen die Pharisäer und die Schriftgelehrten und sagen: Ja, wisst ihr, wir sind die Norm für Frömmigkeit, und das, was deine Jünger machen, ist ja viel zu lax. Entschuldigung, was machen die überhaupt? Die fasten nicht, die machen nicht lange Gebete, was machen die denn überhaupt? Essen und trinken, Party feiern, was soll das?
Und Jesus antwortet mit einem Vergleich. Er sagt in Vers 34: Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr könnt doch nicht die Hochzeitsgäste fasten lassen, während der Bräutigam bei ihnen ist. Es werden aber Tage kommen, dann, wenn der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, in jenen Tagen werden sie fasten.
Wo soll ich das erklären? Also Jesus verwendet erst einmal ein Bild. Er sagt: Wenn du bei einer Hochzeitsfeier eingeladen bist und dann kommt der Gastgeber zu dir und sagt: Möchtest du nicht auch am Buffet dich bedienen? Und du sagst: Nein, ich faste gerade. Dann wird jeder sagen: Du Spinner, das hättest du mir vorher sagen können. Ich habe extra für einen Mann weniger Buffet bestellt. Das passt einfach nicht. Wenn Fete ist, wird gegessen, getrunken und Spaß gehabt.
Und für die Jünger wird das Bild jetzt quasi zu einer Metapher für das, was sie erleben. Die Zeit, wo Jesus da ist, das, was sie mit Jesus erleben, da sind Heilungen, da ist Vergebung, da passieren Predigten, wie sie es noch nie gehört haben. Der Geist Gottes ist mächtig und wirksam mitten unter ihnen. Da sagt Jesus: Das ist in etwa so, als wenn man Hochzeit feiert. Da ist überhaupt kein Grund zu fasten. Wozu denn? Fasten um des Fastens willen ist doch Quatsch.
Es werden Zeiten kommen, wenn Jesus nicht mehr da ist, wenn die Macht der Finsternis versucht, dieses kleine Pflänzlein Kirche auszulöschen, vom ersten Moment an, wenn Verfolgung da sein wird, Märtyrertod, Angst, Zweifel. Dann wird es Zeiten geben, geben müssen, wo wir Christen fasten. Fasten als ein Ausdruck der Ernsthaftigkeit, mit der wir unser geistliches Leben leben.
Aber wichtig ist, das ist ganz wichtig für unser Verständnis von Frömmigkeit: Warum fasten wir, warum beten wir? Die Pharisäer beten, weil man beten muss. Wir haben quasi: Ein guter Pharisäer fastet zweimal die Woche, ein guter Pharisäer betet so und so viele Stunden die Woche. Warum fastest und betest du?
Jesus sagt: Unsere Frömmigkeit wird gelebt, zieht ihre Grundlage aus unserer persönlichen Beziehung, aus unserem persönlichen Umgang mit ihm. Unsere Beziehung zu Jesus bestimmt über die Vergebung meiner Schuld, und sie kontrolliert meine Moral, meine Ethik, meine geistlichen Übungen, mein ganzes Leben. Es ist eine Frage der Beziehung.
Vor den Juden steht kein Prophet, der sagt: Ich rufe euch mal wieder auf, noch ein bisschen radikaler und hingegebener die Gesetze des Alten Testaments einzuhalten, zurück zu einem, ich sage mal, hingegebenen Judentum. Das ist nicht das, was Jesus predigt. Mit Jesus kommt, im Hebräerbrief heißt das, das Bessere.
Und deswegen kommt jetzt hier zum Schluss ein dreifaches Gleichnis. Lukas 5,36-39 heißt es:
Er sagte aber auch ein Gleichnis zu ihnen: Niemand schneidet einen Flicken von einem neuen Kleid und setzt ihn auf ein altes Kleid, sonst wird er sowohl das neue zerschneiden, wie auch der Flicken von dem neuen zum alten nicht passen wird.
Vers 37: Und niemand füllt einen neuen Wein in alte Schläuche, sonst wird der neue Wein die Schläuche zerreißen, und er selbst wird verschüttet werden, und die Schläuche werden verderben. Sondern neuen Wein füllt man in neue Schläuche. Und niemand will, wenn er alten getrunken hat, neuen, denn er spricht: Der alte Wein ist milde.
In diesem Gleichnis ist das Alte das Judentum, und das Neue ist das Christentum. Das Judentum hier mit seinen übertriebenen Gedanken, ich kann gerecht werden, wenn ich nur die Gebote halte, mit seinen Ritualen, mit seinen Übungen, seinen Zeremonien, den Opfern, den Festen, einem Tempel, einem Priester, den man anschauen kann, so richtig schön mit einem vernünftigen Ornamentenkleid. Und Jesus sagt: Das ist ein verschlissenes Kleid, das ist ein alter, unflexibler Weinschlauch. Es ist ein alter, milder Wein.
Wer meint, ich kann dieses Judentum nehmen und ich nehme einfach das Judentum in seiner bestehenden Form und ergänze es um zwei, drei Dinge, sagen wir mal Abendmahl, Gottesdienst am Sonntag und ach, was weiß ich, was dir einfällt, christliche Taufe zum Beispiel wäre noch so etwas, aber ansonsten lasse ich es beim Alten, hat nicht verstanden, worum es geht. Und er wird im Endeffekt beides verlieren.
Christentum ist ein neuer Weg. Christentum ist radikal anders. Wer das alte Kleid, einen neuen Flicken auf ein altes Kleid setzt, der wird beim Waschen feststellen, dass der sich zusammenzieht und das alte Kleid noch kaputter macht, als es vorher war. Das Judentum kann nicht repariert werden, es ist, so heißt es, dem Verschwinden nahe.
Wer neuen Wein in alte Schläuche füllt, so ein Wein lebt ja noch ein bisschen, da ist ja noch ein bisschen Leben drin, da entsteht noch CO2, das will sich noch ausdehnen, da entsteht Druck. Wenn du es in einen alten, knochigen, unflexiblen Weinschlauch tust, geht beides kaputt. Der Weinschlauch und der Wein wird verschüttet.
In Christus kommt das Neue in der Form des Alten, aber um etwas Neues zu schaffen. Wir brauchen also neue Ausdrucksformen für ein neues geistliches Leben in Christus. Man wäre an die alte Form des Judentums gewöhnt, mit seinen Traditionen, dem würdevollen Ablauf der Opfer, der Regelmäßigkeit, der Vorhersehbarkeit, der Rituale.
Im Blick auf uns möchte ich sagen: So diese kulturellen Aspekte, wo man einfach weiß, wie es läuft, der hat, denke ich, am Anfang mit dem Christentum seine Probleme, mit dieser Lebendigkeit, mit dieser Unvorhersehbarkeit. Und wir sehen es in der Apostelgeschichte: Ein Petrus wird seine Probleme haben, immer wieder zu sehen, wo es weitergeht, wo es hingeht und was es heißt, fromm zu sein.
Zusammenfassung: Frömmigkeit als gelebte Beziehung
Ich möchte das noch einmal ganz kurz zusammenfassen.
Wahre Frömmigkeit ist in einem christlichen Kontext eine Sache, und zwar absolut eine Sache der Gemeinschaft mit Jesus. Wir sind nicht fromm, wenn wir Kirchensteuer bezahlen, zum Gottesdienst gehen und irgendwelche Rituale befolgen. Echte Frömmigkeit beginnt da, wo Jesus dich ruft. Und echte Frömmigkeit zu leben heißt, ein wirklich reifes, aktives geistliches Leben zu führen, immer wieder, jeden Tag neu.
Wahre Frömmigkeit orientiert sich an Jesus. Er ist der Arzt, der Sünder zur Buße rufen will. Und im inneren Kern wird wahre Frömmigkeit darin bestehen, dass wir ihm dabei folgen. Wahre Frömmigkeit lebt aus der Beziehung zu Jesus heraus.
Und wisst ihr, was wahre Frömmigkeit so anstrengend macht? Dass es nicht drei Regeln gibt: dienstags und donnerstags fasten, wir gehen nicht ins Kino und ich weiß nicht, wir baden dreimal die Woche, irgendwie sowas. Dass ich nicht drei Regeln habe und dann ein guter Christ bin, sondern wahre Frömmigkeit heißt: Ich stehe morgens auf und ich sage: Herr Jesus, ich habe gut geschlafen oder auch nicht gut geschlafen, vielen Dank. Was steht heute an? Wie wollen wir das machen? Wo stehen wir geistlich heute? Dass ich aus einer echten, lebendigen, intakten, gelebten Beziehung heraus zu einem auferstandenen Heiland mein Leben lebe.
Das ist Frömmigkeit: dass ich ein Leben mit ganzem Einsatz verantwortungsvoll vor dem Herrn Jesus führe. Und wisst ihr was? Wenn sich Menschen bekehren und sie diesen Punkt kapieren und aus einem kirchlichen Hintergrund kommen, wo es gereicht hat, Kirchensteuer zu zahlen und ein paarmal im Jahr in der Kirche aufzutauchen, sagen sie: Boah, ist das anstrengend, Christ zu sein. Und ich sage: Ja, das stimmt. Und wisst ihr warum? Weil Beziehung immer anstrengend ist. Beziehung ist immer ein Stückchen anstrengend. Beziehung sagt immer: Ich möchte heute erleben, wie der andere reagiert, wie der andere drauf ist, wie ich dem anderen dienen kann, wie ich den anderen lieben kann.
Wir wissen das da, wo wir verheiratet sind, als super, super Beispiel dieses Miteinanders. Und genau das Gleiche gilt für unser geistliches Leben. Echte Frömmigkeit ist echtes, gelebtes geistliches Leben mit Jesus und nichts anderes.
Und das ist das, was die Jünger hier erfahren. Und das ist das, was wir uns in den nächsten Predigten noch ein Stückchen genauer anschauen werden.
Danke.
Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!
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