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Rachepsalmen (5/9)

Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
13.09.2026
SerieTeil 5 / 9Rachepsalmen
Darf man so etwas beten? Der verstörende Schluss von Psalm 137 ist kein billiger Rachekick, sondern der Schrei von Opfern nach Gerechtigkeit.

Ein verstörender Schlussvers und seine Wirkung

Rache-Psalmen
Über die seelsorgerliche Relevanz verstörender Texte
Ein Gastbeitrag von Regina Gallwitz, Theologin, Krankenschwester und Autorin des Buches „Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert“
An den Strömen Babylons, dort saßen wir und weinten, so beginnt Psalm 137. Millionen Menschen kennen diese Worte vermutlich vor allem aus dem Welthit „By the Rivers of Babylon“ von Boney M., der die ersten Verse aus Psalm 137 aufgreift.
Was viele nicht wissen: Derselbe Psalm endet mit einem der schockierendsten Verse der gesamten Bibel. Dort heißt es: „Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert.“
Kaum ein anderer Bibeltext löst so viel Entsetzen aus wie dieser Vers. Dieses Entsetzen ging so weit, dass die Verse 7 bis 9 im Zuge der katholischen Liturgiereform aus dem katholischen Stundengebet gestrichen wurden.
Wie kann ein solcher Vers Teil der Bibel sein? Bevor wir diese Frage beantworten, müssen wir erst einmal einen Blick auf die Geschichte hinter Psalm 137 werfen. Denn wie wollen wir diese Verse verstehen, ohne ihren Zusammenhang zu kennen?

Der historische Hintergrund des Klagelieds

Psalm hundertdreiunddreißig ist ein Klagelied, das uns in die traumatische Erfahrung des babylonischen Exils hineinnimmt. Im Hintergrund steht die Belagerung und Eroberung Jerusalems durch die Babylonier unter König Nebukadnezar II. im Jahr 586 v. Chr. Während der Belagerung gab es eine extreme Hungersnot. Jerusalem wurde dem Erdboden gleichgemacht, der Tempel wurde niedergebrannt, und der Großteil der Bevölkerung wurde gemeinsam nach Babylon verschleppt.
Der Psalm beginnt deshalb mit tiefer Trauer. Die Menschen sitzen an den Strömen Babylons und weinen, weil sie sich an Zion erinnern, an ihre verlorene Heimat. Aus Trauer hängen sie ihre Saiteninstrumente an die Weiden. Sie können und wollen ihre Lieder nicht mehr singen.
Ausgerechnet in dieser Situation werden sie von ihren Eroberern verspottet. Die Babylonier fordern sie auf: Singt doch eines der Zionslieder. Ja, das ist eine Demütigung, denn die Zionslieder besingen Gottes Herrschaft und Schutz über Jerusalem. In der Aufforderung zum Singen steckt zwischen den Zeilen also diese Botschaft: Wo ist denn jetzt euer Gott? Wenn er wirklich so mächtig ist, warum kann er nicht für euch einstehen?
Der Psalmist antwortet darauf mit der rhetorischen Frage, wie könnten wir die Lieder des Herrn auf fremdem Boden singen? Das können sie nicht. Sie wollen ja nicht, dass ihre Lieder, mit denen sie Gott verehren, zum Spott und zur Unterhaltung ihrer Eroberer werden. Stattdessen schwört der Psalmist, Jerusalem niemals zu vergessen.
Bis hierher beschreibt der Psalmist vor allem seine Not und die Not seines Volkes.

Die verstörenden Verse und der erste Zugang

Erst in den Versen sieben bis neun wendet er sich direkt an Gott, und genau diese Verse verstören bis heute viele Menschen. Ich lese sie einmal vor:
Herr, vergiss den Söhnen Edom nicht den Tag Jerusalems, da sie sagten: Reißt nieder, reißt nieder bis auf den Grund! Doch der Babel, du Verwüsterin: Wohl dem, der dir vergilt, was du uns getan hast. Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert.
Das sind brutale Worte. Die Bitte um das Zerschmettern der Kinder wurde in der Auslegungsgeschichte über Jahrhunderte hinweg sehr unterschiedlich verstanden und bewertet, und sie ist bis heute umstritten. Ich weiß das. Ich werde euch jetzt nicht vorspielen, dass es eine völlig eindeutige Lösung gibt oder dass sich diese Stelle endgültig auflösen könnte.
Aber ich möchte euch zeigen, wie ich diese Stelle verstehe und wie ich zu meiner Deutung komme. Zunächst einmal glaube ich, dass wir den Psalm zu schnell missverstehen, wenn wir diese Schlussverse isoliert lesen. Deshalb will ich den Text mithilfe von vier Fragen einordnen.

Wer hier spricht und aus welcher Lage heraus

Die erste Frage ist: Wer spricht hier? Psalm 137 spricht nicht aus der Perspektive der Täter, sondern aus der Perspektive der Opfer.
Wenn wir diese Verse zum ersten Mal hören, kann Vers neun wie ein brutaler Rachewunsch wirken. Doch wer diesen Wunsch äußert, ist für mich entscheidend. Der Psalm spricht nämlich nicht aus der Perspektive von Kindermördern oder Terroristen. Er spricht aus der Perspektive von Menschen, deren Land militärisch angegriffen und erobert wurde und die anschließend ins Exil verschleppt wurden.
Hier spricht jemand, der dem kollektiven Schmerz und dem Trauma seines Volkes eine Stimme gibt. Es geht hier um pure Hilflosigkeit. Ich glaube, die Sprache ist deshalb so radikal, weil auch die Erfahrung des Psalmisten radikal ist.

Vergeltung als Bitte um Gerechtigkeit

Die zweite Frage lautet: Was geschieht hier eigentlich? Die Babylonier fordern ein Zionslied. Der Psalmist weigert sich. Aus dieser Weigerung entsteht ein neues Lied. Psalm 137 wird so zum Lied aus dem Munde eines Machtlosen. Und zu einem Gebet.
In den Versen sieben bis neun greift der Psalmist nicht selbst zur Waffe. Er sagt nicht: „Ich werde es heimzahlen.“ Und er ruft auch nicht andere Menschen zur Gewalt auf. Er sagt: „Herr, gedenke.“ Er überlässt die Vergeltung also Gott.
Die dritte Frage lautet: Was ist der Kern der Bitte? Ich persönlich glaube, dass es sich hier nicht um einen willkürlichen Gewaltwunsch handelt, sondern um einen Wunsch nach Gerechtigkeit. Denn bevor es heißt, dass die Kinder zerschmettert werden sollen, heißt es vorher in Vers 8: „Wohl dem, der dir vergilt, was du uns getan hast.“ Dieser Vers ist für mich der Schlüssel zum Verständnis des Schlussverses.
Der Psalmist wünscht Babylon nicht irgendein beliebiges Leid. Er wünscht Babylon das zurück, was Babylon zuvor Israel angetan hat. Aber was hat Babylon getan? Die Babylonier waren bei der Belagerung und Zerstörung Jerusalems auch für das Leiden und Sterben von Kindern verantwortlich. Das Buch der Klagelieder beschreibt in Kapitel 2 und 4 eindrücklich, wie Kinder während der Belagerung verhungerten. Außerdem töteten die Babylonier die Söhne des letzten jüdischen Königs Zedekia vor den Augen ihres Vaters. Damit wurde nicht nur das Leben von Kindern ausgelöscht, sondern auch die Zukunft des Königtums getroffen.
Es liegt außerdem nahe, dass Babylon in diesem Krieg auch Kinder der Bevölkerung getötet hat. Wir wissen, dass das Töten von Kleinkindern schon damals eine bekannte Kriegspraxis war, und sie wird auch in der Bibel erwähnt. Jeremia beschreibt in Kapitel 51 Babylon als eine mächtige Großmacht, die bildlich gesprochen wie ein Hammer Männer, Frauen, Kinder und ganze Völker zerschmettert hat. Wir wissen, dass Babylon nicht nur Jerusalem unfassbares Leid angetan hat, sondern auch Phönizien, Mesopotamien, Syrien und andere Regionen militärisch erobert hat. Sie beherrschte große Teile des Vorderen Orients.
Und jetzt wird es an dieser Stelle besonders spannend. Der gesamte Wortbestand von Psalm 137, Vers 8-9 ist in Jeremia, Kapitel 50 und Kapitel 51 vorhanden. Es wird vermutet, dass der Psalmist von Jeremia abgeschrieben hat. Warum ist das so interessant? Weil in Jeremia, Kapitel 51, Vers 20-24 das Verb zerschmettern neunmal gebraucht wird, um Babels hemmungsloses Wüten zu beschreiben. Und in Jeremia, Kapitel 51, Vers 24 warnt Gott Babel: „Ich vergelte Babel all ihre Bosheit, die sie an Zion verübt hat.“
Deshalb vermute ich, dass der Psalmist mit dem Bild vom Zerschmettern an Babels Handeln und an die angekündigte Vergeltung Gottes anspielt. Aus all diesen Gründen glaube ich persönlich: Wenn der Psalmist vom Zerschmettern der Kinder spricht, dann wünscht er sich, dass die Babylonier die Gewalt erfahren sollen, die sie über Jerusalem gebracht haben. Es geht hier nicht um maßlose Rache, sondern um gerechte Vergeltung.
Im alten Vorderen Orient stellte man sich Gerechtigkeit so vor, dass jede Tat, ob gut oder böse, eine entsprechende Folge nach sich zieht. Die Tat trägt ihre Konsequenz gewissermaßen schon in sich. Sie enthält gewissermaßen eingelagerte Konsequenzen. Man kann sich das wie ein Medikament oder wie ein tödliches Gift vorstellen. Es wird geschluckt, aber seine Wirkung entfaltet sich erst nach und nach. Genauso hofft der Psalmist darauf, dass Babylons Taten letztlich auf Babylon zurückfallen.

Die Kinder als Zeichen der Zukunft und der Macht

Die vierte Frage lautet: Warum trifft die Vergeltungsbitte ausgerechnet die Kinder? Diese Aussage über das Zerschmettern der Kinder steht nicht im luftleeren Raum. Der Psalmist war nicht der Erste mit einer solchen Vorstellung. So hat Jesaja bereits etwa hundertfünfzig Jahre vorher ein Gericht über Babel angekündigt, das auffallend ähnlich klingt wie Psalm 137. Dort heißt es in Jesaja 13,16 über Babel, es sollen auch ihre Kinder vor ihren Augen zerschmettert werden. Und in 13,17-18 heißt es, dass die Meder gegen Babel heraufgeführt werden und dass sie die Bevölkerung, einschließlich der Kinder, nicht schonen werden. Auch in Jesaja 14 sowie in Jeremia 50 und 51 finden wir ähnliche Prophetien über Babel. Vermutlich kannte der Psalmist diese Prophetien.
Wenn Kinder in diesen Gerichtstexten ausdrücklich genannt werden, dann geht es nicht primär um die Kinder als solche, sondern um ein umfassendes göttliches Gericht, das alle Bewohner einer Stadt oder eines Volkes trifft. Die Kinder werden also erwähnt, um die vollständige Vernichtung auszudrücken. Dass die Sieger eines Krieges die besiegte Bevölkerung vollständig auslöschten, war im alten Vorderen Orient eine bekannte Praxis. Wir sehen sie auch in außerbiblischen Kriegszeugnissen, zum Beispiel bei den Babyloniern, den Assyrern, den Persern usw.
Also, der Psalmist denkt sich nicht einfach eine Vergeltung für Babel aus. Nein, er greift die Prophetien Jesajas und Jeremias auf und bittet gewissermaßen Gott: Wann greifst du endlich ein? Wie lange noch dauert es, bis die Gewalt Babels endlich ein Ende hat?
Und hier müssen wir aufpassen, dass wir den Text nicht vorschnell durch unsere individualistische Brille lesen. Wir sind versucht, uns vor unserem inneren Auge eine Art schiefe Ebene vorzustellen, im Sinne von ein erwachsener Mann gegen einzelne wehrlose Kinder. Selbstverständlich empfinden wir das als ungerecht. Aber der Psalm denkt stärker kollektiv. Hier stehen sich nicht einfach ein einzelner Erwachsener und einzelne Kinder gegenüber, sondern hier geht es um das Verhältnis zwischen einem unterworfenen Volk und einer militärischen Großmacht, die es erobert hat und jetzt beherrscht.

Kollektive Deutung und theologische Einordnung

Dazu möchte ich einmal den Theologen Stephan Felber zitieren. Er sagt: „Wenn die Kinder beseitigt werden, dann wird die Zukunft, die weitere Macht Babels über die Geschichte, gebrochen. Ich denke, das ist hier der Gedanke: Sie sollen unsere Zukunft, unsere Kinder und Enkel, nicht mehr bestimmen wie bisher. Es geht nicht um die Grausamkeit an sich, sondern um die Brechung der Geschichtsmacht Babels.“
Also, in Stephan Felbers Deutung stehen die Kinder Babylons auch für die Zukunft Babylons, also für eine nächste Generation, die die Herrschaft dieses Reiches weiterführen würde. Mit der Nennung der Kinder in der Vergeltungsbitte geht es also auch darum, die Großmacht Babylon zu brechen. Sie darf andere Völker nicht mehr beherrschen, unterdrücken und die weitere Entwicklung der Geschichte bestimmen.
Ich gebe zu: Auch nach meiner Erklärung bleibt Psalm 137, Vers 9 verstörend. Aber es hilft, wenn wir uns klar machen, was hier eigentlich passiert. Hier drückt ein Mensch in poetischer, in künstlerischer Weise, in einem Gedicht, in einem Lied die kollektive Verzweiflung und Demütigung seines Volkes aus. Und hier betet jemand, der unfassbares Unrecht erlebt hat, und er bittet um das, was er als gerecht empfindet.
Und genau deshalb will ich den Vers nicht verharmlosen. Der Psalmist bittet aus meiner Sicht um ein umfassendes Gericht über Babel. Dieses Gericht ist für ihn die Antwort Gottes auf Babels Bosheit. Bei all dem greift der Psalmist nicht selbst zur Waffe und fordert auch nicht andere dazu auf.

Warum der Stachel bleiben darf

Mir ist bewusst, meine Erklärungen haben vielleicht weitere Fragen aufgeworfen, wie zum Beispiel: Wie kann Gott davon sprechen, dass ganze Völker vernichtet werden sollen? Wer dazu weiterforschen möchte, findet zu dieser Frage auf YouTube einen sehr guten Vortrag von Alexander Fink.
Zum Schluss kann ich nur sagen: Egal, wie wir es drehen und wenden, wir können Psalm 137 und die anderen Gerechtigkeitspsalmen zwar ein Stück weit erklären, aber wir können diese Psalmen nicht geschmeidiger machen. Diese Psalmen entziehen sich einer Bändigung, sie entziehen sich einer Domestizierung. Mir scheint, sie wollen stachelig und anstößig bleiben. Mittlerweile bin ich sogar zu dem Schluss gekommen, dass wir diese drastischen Worte nicht sofort entschärfen oder so lange erklären müssen, bis sie uns nicht mehr stören. Der Stachel darf bleiben.
Warum ich glaube, dass es sogar notwendig ist, dass diese Psalmen schockierend klingen müssen, darauf werde ich in Folge sieben ausführlicher eingehen. Aber zuerst werden wir in der nächsten Folge über die Frage nachdenken, was wir über die Gerechtigkeitspsalmen im Allgemeinen wissen sollten und welche Bedeutung sie für Christen haben.
Das war's für heute. Das Buch von Regina Gallwitz ist im Litt Verlag erschienen.
Der Herr segne dich, erfahre seine Gnade und lebe in seinem Frieden. Amen.

Vielen Dank an Jürgen Fischer, dass wir seine Ressourcen hier zur Verfügung stellen dürfen!

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