Gewalt in Beziehungen und die Schwierigkeit der Benennung
Ich wünschte, diese Person hätte mich sogar körperlich geschlagen. Dann wüsste ich, wie ich diese Gewalt benennen könnte. Die Person hat mir wirklich Gewalt angetan, aber ich konnte keinen konkreten Hinweis darauf geben und sagen: Das ist es. Oft wird so etwas abgetan mit: „Ach, was erzählst du da über diese und jene Person? Das kann doch gar nicht sein. Er ist so liebenswürdig, so hilfsbereit, steht so für andere ein.“ Nach außen wird ein ganz anderes Bild vermittelt, als es tatsächlich in der Partnerschaft zugeht.
In der Partnerschaft herrscht eine große Hoffnungslosigkeit, und gleichzeitig gibt es dennoch eine gewisse Hoffnung. Wenn du ein falsches Bild von Gott hast, wirst du auch viel schneller das annehmen, was Menschen über ihn sagen. Wenn du nur darauf hörst, was andere Menschen sagen, und nicht das Wort Gottes dazu nimmst, kann das zu falschen Vorstellungen führen.
Wenn du so etwas erlebst, ist das nicht normal. Und wenn du das nicht benennen kannst, hier hast du Stichpunkte, mit denen du sagen kannst: „Hey, ich erlebe das.“
Einführung in den Bibelfittdienst und das Thema Narzissmus
Damit begrüße ich dich beim Bibelfittdienst, wo wir versuchen, leicht verständlich tiefer in die Bibel einzusteigen, Jesus im modernen Alltag nachzufolgen und harte Fragen von Nichtchristen klar zu beantworten.
Jeden Beitrag verschenke ich Übersichten, biblische Entscheidungshilfen, komplette Hörbücher und sogar Onlinekurse. Das gibt es alles gratis auf dieser Website. Dafür kannst du freiwilligen monatlichen Unterstützern aus dem ganzen Land danken – Menschen wie du und ich.
Wer möchte, dass Videos wie dieses hier weiter ausgespielt und nicht verborgen werden, kann jetzt die Glocke unten rechts unter diesem Video drücken, weil das hilft. Vielen Dank!
Seit einigen Monaten bekomme ich immer wieder Leserbriefe und Anfragen, ob ich einen Beitrag zum Thema Narzissmus, narzisstische Gewalt, narzisstische Beziehungen und narzisstische Ehen machen kann – gerade im christlichen Zusammenhang. Das kann ich ehrlich gesagt nicht, denn ich kenne mich mit dem Thema nicht genug aus. Ich bin kein Psychologe und kein Psychotherapeut – das würde mich überfordern.
Ich habe aber dankenswerterweise Kontakt mit der christlichen Psychologin Nelly Kronwald. Sie war schon einmal hier und hat einen sehr, sehr guten Beitrag über geistlichen Missbrauch gemacht. Falls du den nicht kennst, der Beitrag ist hier unten verlinkt.
Wir haben ein bisschen geschrieben, und sie hat sich dazu bereit erklärt, uns in das Thema mit hineinzunehmen: Woran erkennst du Narzissmus? Wie kommt es zu Narzissmus? Und was kannst du selbst tun, sobald du dich in einer solchen Situation befindest?
Nelly hat mir erlaubt, ihre Kontaktdaten in die Videobeschreibung zu setzen. Das heißt, falls du das Gefühl hast, du bist in einer solchen Situation und möchtest Hilfe, und wenn du den Eindruck hast, Gott legt es dir aufs Herz, dann ist Nelly jemand, der dir helfen kann. Du findest ihre Kontaktdaten hier unten in der Videobeschreibung.
Jetzt sind wir sehr gespannt, was Nelly uns zu sagen hat.
Gespräch mit Nelly Kronwald: Einführung in das Thema Narzissmus
Ja, liebe Nelly, es ist eine große Freude und Ehre, dich heute ein zweites Mal hier begrüßen zu dürfen. Vielen Dank, dass du dich zugeschaltet hast. Sehr gerne, Markus.
Nelly, wir sprechen heute über das Thema Narzissmus. Und mit „wir“ meine ich dich. Nein, Spaß beiseite. Kannst du uns mal ganz einfach in das Thema einführen? Für Leute, die keine Ahnung davon haben, was überhaupt Narzissmus ist.
Ich glaube, ich möchte gerne so starten: Der Gedanke kam mir, weil ich vor kurzem ein Gespräch mit einer Frau hatte, die das eben erlebt hat – durch eine nahestehende Person narzisstischen Missbrauch oder narzisstische Gewalt. Sie sagte einen Satz, der mich sehr berührt hat. Sie sagte: „Ich wünschte mir, diese Person hätte mich sogar körperlich geschlagen, denn dann wüsste ich, wie ich diese Gewalt benennen könnte. Ich wünschte, es wäre etwas Sichtbares da, wie blaue Flecke, wo ich wirklich das benennen könnte und sagen würde: Hier wird mir Gewalt angetan.“
Aber ich konnte so viele Jahre nicht benennen, was passiert ist. Der Schmerz war da, die Person hat mir wirklich Gewalt angetan, aber ich konnte keinen Fingerzeig darauflegen und sagen: Das ist es. Ich konnte es nicht benennen.
Und ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich jetzt eben auf den sozialen Medien offen über das Thema Narzissmus spreche. Ich glaube, es ist so wichtig, dass wir verstehen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt beziehungsweise wie diese Handlungsweisen von Menschen aussehen, die narzisstische Gewalt anwenden.
In meiner Arbeit ist es mir auch wichtig zu betonen, dass es mir nicht um Diagnosen geht. Also auch jetzt in diesem Video möchte ich nicht darauf hinaus, dass, wenn ein Mensch das hört, er sagt: Aha, Nelly hat diese Symptomatik und diese Verhaltensweisen benannt, und deswegen ist mein Partner jetzt oder meine Eltern sind jetzt Narzissten. Das ist nicht mein Ziel. Diese Diagnose darf allein ein Psychotherapeut oder ein Psychiater stellen.
Worum es mir aber geht, ist eben, diesen Begriff zu benennen, Verhaltensweisen, die dazu gehören, zu benennen und sich dabei auf psychologische Erkenntnisse zu stützen.
Definition und Merkmale von Narzissmus
Genau, vielleicht können wir einfach mit der Begriffsdefinition starten. Ich habe hier noch einmal nachgeschaut, wie die narzisstische Persönlichkeitsstörung im ICD-10 beschrieben wird.
Das Krankheitsbild wird so definiert, dass die narzisstische Persönlichkeitsstörung eine andauernde und grundlegende Störung des Selbstwertgefühls ist. Dabei wird das eigene Selbst innerlich oft abgelehnt, während sich der Narzisst nach außen hin übertrieben selbstverliebt gibt. Der Patient strebt ständig nach Aufmerksamkeit und Anerkennung.
Das Zykische beim Narzissten ist, dass er innerlich einen sehr großen Selbstzweifel hat und einen niedrigen Selbstwert besitzt. Aus diesem Grund versucht er, diesen Zustand zu überspielen. Dafür hat er ein Selbstbild geschaffen, das eigentlich nicht existiert, das er aber mit aller Macht aufrechterhalten will.
Hier kommen wir schon zum Wort Macht. Wenn dieser Narzisst oder ein Mensch mit narzisstischen Zügen in eine Beziehung geht, versucht er, dieses Selbstbild in der Partnerschaft oder im sozialen Umfeld aufrechtzuerhalten. Das geschieht mit jeglicher Macht und Kontrolle, die er anwenden kann.
Ist das verständlich ausgedrückt? Ich denke schon.
Ja, ich denke auch. Auf einer ganz harmlosen Ebene kann man das gut nachvollziehen. Du wirst wahrscheinlich noch andere Beispiele nennen, aber ich erinnere mich an ein ganz einfaches Beispiel aus meiner Studienzeit.
Als ich damals mit dem Studium anfing, hatte ich ein sehr geringes Selbstbewusstsein. Als Kind hatte ich oft gestottert und war unsicher, ob ich überhaupt am richtigen Ort war. Am Anfang des Studiums habe ich versucht, das zu kompensieren, indem ich besonders betont gesprochen habe und versucht habe, besonders intelligent zu wirken. So wollte ich erreichen, dass die Leute mich als besonders klug wahrnehmen. Dadurch habe ich mir die Bestätigung geholt, die ich eigentlich nicht wirklich hatte.
Das ist ein guter Vergleich: Man versucht, etwas zu kompensieren und ein anderes Bild von sich darzustellen, anstatt offen zu sagen: „So bin ich eben.“ Es ist dieser Versuch, mit allen Mitteln und Macht das Selbstbild aufrechtzuerhalten.
Bei dir war es so, dass du andere damit nicht verletzt hast, sondern dich nur selbst schützen wolltest. Beim Narzissmus geht es jedoch darum, dass man, um das Selbstbild zu bewahren, andere kontrolliert und ihnen Gewalt antut.
Das ist der Grund, warum ich auf meinem Kanal auch darüber spreche, dass leider Narzissmus und narzisstische Gewalt auch im christlichen Umfeld vorkommen. Das passiert in Ehen und in der Erziehung von Kindern.
Ich möchte hier besonders darauf hinweisen: Wenn du das erlebst, ist das nicht normal. Und wenn du das nicht benennen kannst, gebe ich dir hier Stichpunkte an die Hand, mit denen du sagen kannst: „Hey, ich erlebe das, das ist schlimm, und ich brauche Hilfe.“ Es ist wichtig, dass betroffene Personen sich Hilfe suchen. Genau.
Narzissmus in Beziehungen: Dynamiken und Verhaltensmuster
Jetzt habt ihr einen allgemeinen Einblick bekommen, wie Narzissmus aussehen kann. Aber wie verhält es sich, wenn man nicht allein ist, sondern in einer Beziehung, in der einer der Partner narzisstische Züge zeigt?
Narzissten verhalten sich oft in einer wiederkehrenden Schleife. Man kann sich das so vorstellen, dass ihr Verhalten immer nach dem gleichen Muster abläuft. Das führt dazu, dass der Partner auf der anderen Seite, den ich hier als Opfer bezeichnen möchte, immer wieder das Gefühl hat, die Situation nicht greifen zu können. Denn die Dynamik beginnt immer wieder mit der ersten Phase: dem sogenannten Lovebombing.
In dieser Phase überschüttet der Narzisst den Partner mit viel Liebe, Anerkennung und Lob. Er fängt sozusagen sein Opfer damit ein. Ein Anzeichen dafür ist, dass alles viel zu schnell geht: Liebesbekundungen werden in kurzer Zeit ausgesprochen, und es wird rasch über Zukunftspläne gesprochen. Der andere fühlt sich dadurch sehr wohl und denkt: „Wow, so eine Liebe habe ich noch nie erlebt.“
Nach einiger Zeit folgt die zweite Phase, die sich durch Manipulation, Gewalt und Sanktionen auszeichnet. Der Narzisst beginnt, sein Gegenüber zu erniedrigen, um sein eigenes Selbstwertgefühl aufrechtzuerhalten und die Anerkennung zu steigern. Dabei wird alles hinterfragt, was der Partner denkt oder vorschlägt. Die Gedanken und Vorschläge werden heruntergespielt.
Oftmals vergleicht der Narzisst den Partner mit anderen, etwa mit Bemerkungen wie: „Schau mal, die sieht viel besser aus“ oder „Die wiegt nur 48 Kilo, das ist mal eine Figur, willst du nicht mal zum Sport gehen?“ Weil der Partner dem Narzissten gefallen will, fügt er sich diesen indirekten Bitten und ändert sein Verhalten, seinen Lebensstil und seine Art, um dem anderen zu gefallen und ihm gerecht zu werden. Die eigene Meinung wird dabei völlig heruntergespielt und verliert an Wert.
Häufig verlangen Narzissten auch, dass der Partner den Kontakt zu Freunden und Familie einschränkt. Das sind typische Manipulationsspielchen, die in solchen Beziehungen ausgeübt werden.
Das Schlimmste ist, dass der Narzisst oft Gaslighting betreibt. Das bedeutet, dass er sein eigenes falsches Verhalten so verdreht, dass das Gegenüber als der Fehlerhafte erscheint. Wenn das Opfer zum Beispiel sagt: „Hey, deine Reaktion war verletzend“, wird das Verhalten des Narzissten so umgedeutet, dass der Partner der Schuldige ist. Das führt dazu, dass das Opfer denkt: „Ich komme mit der Situation nicht klar, aber wenn er das sagt, muss ich wohl falsch sein.“
Diese Verwirrung verstärkt sich immer mehr. Das Opfer beginnt zu glauben, dass etwas mit ihm nicht normal ist. Narzissten äußern dann auch Sätze wie: „Du musst in die Psychiatrie, du bist krank, du brauchst eine Therapie.“ Alles, was der Narzisst als eigene Schwäche empfindet, wird auf das Gegenüber projiziert. Man könnte sagen, es handelt sich um eine extreme Form von Victim Blaming.
Das Ziel eines Narzissten ist, den Partner zu erniedrigen, um sich selbst besser zu fühlen. Dieses grandiose Selbstbild muss immer oben stehen. Niemand darf herausfinden, dass der Narzisst eigentlich einen sehr niedrigen Selbstwert hat.
Ein wichtiger Punkt ist, dass nach außen hin ein ganz anderes Bild vermittelt wird, als es in der Partnerschaft tatsächlich zugeht. Wenn Opfer psychischer und verbaler Gewalt sich nach außen wenden und sagen: „Mir wird das angetan, ich brauche Hilfe, ich komme nicht klar, das tut weh“, wird das oft abgetan. Man hört dann Sätze wie: „Was erzählst du da über diese Person? Das kann nicht sein, er ist so liebenswürdig, hilfsbereit, offen und extrovertiert.“
Es existieren also zwei völlig unterschiedliche Bilder von ein und derselben Person, zwei verschiedene Persönlichkeiten. Das macht es für das Opfer noch schwieriger, sich nach außen zu öffnen oder mit Freunden und Familie darüber zu sprechen.
Die Familie könnte dabei eine Ausnahme sein, weil sie den Narzissten oft anders kennt. Allerdings besteht auch hier die Gefahr, dass die Familie dem Narzissten mehr Glauben schenkt. Denn dieser lässt unbemerkt immer wieder solche Sätze in Familienkreisen fallen, die den Partner schlecht dastehen lassen. Dazu kommen Manipulationen durch Weinen und emotionale Ausbrüche, sodass man den Eindruck gewinnt, das Opfer sei schuld oder übertreibe.
Wenn Opfer es schließlich schaffen, aus solchen Situationen zu entkommen und sich Hilfe zu suchen, stehen sie oft alleine da. Sie verlieren häufig Freunde und manchmal auch den Kontakt zu Familienmitgliedern.
Geistlicher Missbrauch im christlichen Kontext
Und hier kommt noch einmal diese christliche Seite ins Spiel, bei der geistlicher Missbrauch eine Rolle spielt. Glaubenssätze, die fest verankert sind aufgrund dessen, was die Bibel uns lehrt, werden vermischt und missbraucht.
Zum Beispiel wird gesagt: „Du hast mich zu ehren, ich bin dein Mann.“ Ich spreche hier aus der Position eines Mannes, der aufgrund seiner Erfahrungen mit vielen Frauen weiß, dass ein Mann seine Frau in der Ehe narzisstisch missbrauchen kann. Dabei wird oft das typische Glaubensmuster benutzt: „Eine Frau soll ihrem Mann untertan sein.“
Das wirkt wie eine Bestätigung für den Mann oder wie ein Werkzeug, um seine Frau zu unterdrücken. Es wird gesagt: „Du hast den Mund zu halten, ich habe Gewalt über dich. Ich darf tun und sagen, was ich will, und du hast keine Möglichkeit, mir zu widersprechen.“
Wenn sich dann eine Frau in der Gemeinde an Pastoren wendet und sagt: „Ich kann nicht mehr, ich brauche Hilfe“, bekommt sie manchmal solche Sätze zu hören: „Du bist nicht genug untertan, du musst deinem Mann wirklich gehorsam sein. Du musst in dieser Situation aushalten.“
Das ist das Fatale, das Schlimme und auch das Subtile an diesem geistlichen Missbrauch. Ich möchte für diese Frauen eine Stimme sein, die ihnen Mut macht und sie unterstützt.
Genau, danke, dass du das machst, Nelly.
Der Kreislauf narzisstischer Beziehungsmuster
Du hast ganz am Anfang erwähnt, dass wir gleich noch einmal über das Christliche sprechen. Du hast gesagt, dass es wie ein Kreislauf ist, der aussieht wie ein Unendlichzeichen. Könntest du diesen Kreislauf noch einmal in den verschiedenen Stadien mit uns durchgehen?
Genau. Also, wir hatten das Lovebombing, dann die Manipulation, die sich langsam einschleicht und immer stärker wird, bis sie in Gewalt übergeht. Danach kommen die Sanktionen, die ebenfalls mit in dieser Schleife verbunden sind.
Sanktionen sind Momente, in denen der Partner seine Gewalt auslebt und dann mit Liebesentzug bestraft wird. Diese Phasen können aber auch gleichzeitig auftreten. Es gibt keine feste Reihenfolge, vielmehr können sie sich vermischen. Zum Beispiel wird dem Partner oder auch Kindern von narzisstischen Eltern die Liebe entzogen, es wird Ablehnung gezeigt und keine körperliche Nähe zugelassen.
Ich kenne Frauen, deren wahre Geschichten erzählen, dass sie bis zu vier Wochen lang nicht mit ihrem Partner gesprochen haben. Sie lebten nebeneinander her, als Zeichen der Bestrafung, weil sie nicht taten, was der Partner wollte. Jeglicher körperlicher Kontakt wurde entzogen mit der Botschaft: „Du hast dich mir unterzuordnen.“ Das Ziel ist, den anderen so lange unter Kontrolle zu halten, bis er sich ganz klein gibt.
Nach diesen Sanktionen folgt wieder das Lovebombing. Dann gibt es erneut viel Liebeszuwendung und Zuspruch: „Ich liebe dich doch, ich brauche dich, ich kann nicht ohne dich.“ Das Opfer gerät dadurch in eine Abhängigkeit, weil es immer wieder diese Schleife durchläuft. Es denkt: „Vielleicht war das nur eine Phase, vielleicht wird es wieder besser. Ja, natürlich liebt er mich doch oder sie mich doch.“ So entsteht eine richtige Co-Abhängigkeit.
In der Bindungstheorie, korrigier mich gern, du hast das ja studiert, nennt man dieses Verhalten einen Double Bind. Das bedeutet, es ist ein Push-Pull-Verhalten. Man zieht jemanden an sich heran, drückt ihn aber gleichzeitig wieder weg, um ihn gefügig zu machen. Ist das das Ziel?
Genau. Ähnlich wie Zuckerbrot und Peitsche. Im Alltag sagt man dazu Zuckerbrot und Peitsche. Man gibt etwas, damit der andere ganz von einem abhängig wird, und nimmt es dann wieder weg. So gerät die Person in eine starke Abhängigkeit. Deshalb fällt es vielen Betroffenen auch so schwer, aus dieser Situation herauszukommen.
Die Perspektive des Narzissten auf Liebe und Kontrolle
Wir sprechen gleich noch einmal kurz über die Betroffenen, und zwar aus deren Sicht. Wenn wir uns jemanden mit narzisstischen Zügen in einer Ehe vorstellen – zum Beispiel einen narzisstischen Mann –, der seine Frau in ein Abhängigkeits- und Gefügigkeitsverhältnis manövriert, dann ist das, was er von der Frau bekommt, keine freie Zuwendung mehr.
Liebe ist immer Zuwendung in Freiheit. Wenn diese Freiheit nicht gegeben ist, weil eine solche Zwangssituation – vielleicht nicht äußerlich, aber psychisch und emotional – hergestellt wird, dann ist die Liebe, die von der Frau kommt, nicht mehr frei. Wie weit kann man das als Narzisst dann noch als echte Liebe annehmen?
Nun, ganz aus Sicht eines Täters gedacht: Langfristig betrachtet, was hat er davon? Er hat ja kein echtes Gegenüber mehr, das ihm freiwillig seine Liebe schenkt und dem er Liebe zurückgeben kann. Stattdessen hat er jemanden, den er kontrollieren will, der auf Knopfdruck gefügig sein soll. Da hängt er irgendwie fest. Verstehst du, was ich meine?
Das ist eine gute Frage. Und weißt du, was die Antwort ist? So krass es auch klingt: Einem Narzissten geht es nicht um die Liebe. Das Liebesgefühl spielt keine Rolle in seinem Spiel. Sondern es geht ihm nur um Macht und Kontrolle. Es geht ihm nie darum, das Gefühl der Liebe weiterzugeben oder zurückzubekommen, sondern nur um diese Gefügigkeit: „Du gehörst mir, ich habe Macht über dich.“
Zum Beispiel bei Eltern, die Narzissmus zeigen oder narzisstische Züge haben, geht es oft darum, sich durch die Kinder nach außen hin zu profilieren und darzustellen. Es geht ihnen nicht um Liebe, nicht darum, eine Beziehung aufzubauen. Wenn sie in der Öffentlichkeit über das Kind sprechen, dann nur, um sich selbst gut darzustellen und zu zeigen, was für gute Eltern sie sind.
Markus, vor drei Wochen hatte ich eine junge Frau bei mir sitzen. Das Video dazu erscheint nächste Woche. Wir haben sie anonym aufgenommen, ihr fiktiver Name ist Anne. Anne erzählt wirklich so krasse Dinge, dass es einem den Atem raubt, wie narzisstische Mütter – in diesem Fall eine Mutter – mit ihr umgegangen sind. Da merkt man ganz klar: Es geht nicht um Liebe. Liebe spielt keine Rolle. Es geht nur um Gewalt, die angewendet wird, um Macht und Kontrolle zu haben.
Du siehst also, es ist immer wieder wichtig, sich genau zu überlegen, wen man heiratet. Augen auf bei der Partnerwahl. Ist das eine Garantie? Nein, natürlich nicht. Menschen verändern sich im Lauf der Ehe. Weiß man am Ende wirklich, mit wem man in 30 Jahren noch verheiratet sein wird? Nein, das weiß man nicht.
Gleichzeitig sage ich aus meiner Erfahrung als Berater: Wir könnten so viel Leid verhindern und viele Probleme lösen, bevor sie überhaupt entstehen, wenn wir manche Dinge gründlicher bedenken würden.
Meine Frau und ich haben dir deshalb aus eigener Erfahrung und in vielen Gesprächen mit erfahrenen Psychotherapeuten und Eheberatern einen Leitfaden zusammengestellt. Mit diesem Leitfaden kannst du biblische Prinzipien nutzen, um eine Beziehung bewusst anzugehen.
Diesen Leitfaden haben inzwischen auch Ehepaare verwendet, die schon seit Jahren oder Jahrzehnten verheiratet sind. Sie nutzen ihn wie einen Gesundheitscheck, um zu sehen, wo die Baustellen sind, an denen sie weiterarbeiten wollen.
Wenn du möchtest: Der Leitfaden ist unten in der Videobeschreibung verlinkt. Es ist der erste Link. Du kannst ihn gerne mitnehmen, er ist komplett kostenlos.
Die Perspektive der Opfer: Gefühle und Herausforderungen
Weiter mit Nelly. Lass uns mal über die andere Seite sprechen, über die Seite, die du wahrscheinlich sehr, sehr, sehr oft mitbekommst. Die vielen vielleicht nicht klar ist oder manchen klarer, als ihm lieb ist.
Lass uns aus der Perspektive der Opfer sprechen. Wie fühlt sich das an? Wenn ich dir jetzt zuhöre, denken einige vielleicht: „Warte mal, das kommt mir sehr schräg und verdächtig bekannt vor.“ Kannst du uns emotional in diese Perspektive mitnehmen?
Frauen berichten oft, dass sie an einem Punkt ankommen, an dem sie merken, dass absolut etwas falsch ist. Jetzt haben sie endlich einen Namen dafür. Sie erhoffen sich von mir, dass ich ihnen das Go gebe, dass sie gehen dürfen. Doch ich sehe in so vielen Gesprächen, dass es ihnen megaschwerfällt, weil sie in eine Abhängigkeit geraten sind.
Ich glaube, genau das ist es, was diese Personen antreibt, wenn sie in diese Situation geraten. Es ist wie eine Art Droge. Man ist abhängig von diesen Liebeszuwendungen, von dem Gefühl: „Du bist großartig, du bist gut.“ Dann kommt wieder die Hoffnungslosigkeit, aber gleichzeitig auch eine gewisse Hoffnung. So entsteht diese Spirale oder Schleife.
Einerseits denken sie: „Hey, ich liebe diesen Menschen so sehr, ich bin in gewisser Weise abhängig.“ Andererseits fühlen sie sich hoffnungslos und wissen nicht mehr, was sie tun sollen. Sie wollen hier raus. Wenn sie nicht bald herauskommen, passiert etwas mit ihnen. Sie können einfach nicht mehr. Sie wissen nicht, was sie tun sollen.
Dann melden sie sich vielleicht auch eine gewisse Zeit lang nicht mehr bei mir, weil plötzlich wieder alles gut ist. Die Hoffnung kehrt zurück, aber dann wird es wieder ganz schlecht. Und dann fragen sie sich erneut: „Wie komme ich hier raus?“
Vielleicht kann ich es nicht besser beschreiben als mit diesem Gefühl: der Abhängigkeit, der Hoffnung und der Hoffnungslosigkeit zugleich. Auch Angst spielt eine große Rolle, vor allem wenn Kinder mit im Spiel sind.
Viele sagen: „Hey, ich tue das meinen Kindern zuliebe, dass wir lieber zusammenbleiben.“ Sie fragen sich: „Wie soll ich alleine klarkommen?“ Das ist auch ein Satz, den sie oft hören: „Ohne mich kommst du gar nicht klar, du schaffst das gar nicht ohne mich, du brauchst mich.“
Unterstützungsmöglichkeiten und staatliche Hilfe
Okay, also wenn ich ihn jetzt verlasse, welche Optionen habe ich dann?
Ich habe vor ein paar Tagen mit einer Frau gesprochen. Welche Möglichkeiten hat sie? Wo könnte sie vom Staat Unterstützung erhalten, wenn sie mit zwei Kindern aus einer Gewaltsituation geht?
Es gibt Möglichkeiten, aber viele Jahre lang wird ihnen beigebracht: Du kannst nichts, du bist nichts, du schaffst nichts, du bist dumm, du weißt es, ja, du brauchst mich, du bist abhängig von mir.
Man muss sich das mal vorstellen: In Deutschland, im einundzwanzigsten Jahrhundert, wo es so viele rechtliche Grundlagen gibt und so viel Gleichstellung in vielen Bereichen, kann man sich dennoch manchmal fühlen, als wäre man in einer ganz anderen Welt unterwegs.
Geistlicher Missbrauch im Kontext von Narzissmus
Du hast jetzt ein bisschen über die christliche Perspektive gesprochen. Kannst du uns da mal mit reinnehmen? Du hast erwähnt, dass sich das vermischt. In unserem letzten Beitrag hast du ja über geistlichen Missbrauch gesprochen. Dabei durfte ich ganz, ganz viel von dir lernen, und viele andere auch. Danke nochmal dafür.
Kannst du uns mal mitnehmen in das Thema geistlicher Missbrauch im Zusammenhang mit Narzissmus?
Ja, Narzissmus ist eine Unterkategorie von psychischem Missbrauch, das heißt seelischem Missbrauch.
Wir hatten auch darüber gesprochen, dass in Strukturen und Gemeinschaften, wo geistlicher Missbrauch stattfindet, sowohl körperliche als auch psychische Gewalt oft eine Rolle spielen. Das Miteinander ist dort stark verwoben.
Hier kann es zum Beispiel so sein, dass in einer Familie – in der Geschichte, von der ich dir gerade erzählt habe, war das so – die Mutter narzisstische, krankhafte Züge hat. Sie verletzt das Kind und sagt dann: „Du musst mich ehren, ich bin deine Mutter.“ Denn es steht geschrieben: „Ehre Vater und Mutter.“ Das ist eines der ersten Gebote, die Gott uns gegeben hat, und so wirst du ein langes Leben haben.
Das bedeutet, die Angst ist geknüpft an das Nicht-Ehren der Mutter. Man fürchtet, kein langes Leben zu haben, wenn man die Mutter nicht ehrt. Hier ist wieder Angst im Spiel – die Angst, die Mutter zu verletzen. Man gerät in eine gewisse Abhängigkeit von der Mutter, natürlich auch, weil man ihre Anerkennung haben möchte.
Dann kommt dieser geistliche Missbrauch ins Spiel: „Okay, Gott hat das gesagt, und wenn Gott das sagt, habe ich Angst, gegen Gott zu handeln, gegen sein Wort.“ Oder wie im Beispiel in der Ehe: „Du musst mir untertan sein.“ Dabei wird das Gebot der Liebe, das an erster Stelle steht, einfach nicht beachtet.
Oder wie gesagt, auch das Beispiel, wenn man sich in der Gemeinde, in der solche Strukturen gelebt werden, Hilfe suchen möchte, aber keine Hilfe bekommt. Man hört dann Sätze wie: „Du hast dich zu unterordnen, du musst deinem Partner gehorsam sein, in allem.“
Das heißt, wenn man es jetzt vergleicht mit der nichtchristlichen Welt und der christlichen Welt, dann ist es in der nichtchristlichen Welt die Dynamik zwischen zwei oder mehr Menschen. In der christlichen Welt hast du zwar dieselbe Dynamik, aber sie wird legitimiert. Sie wird nochmal untermauert oder besonders begründet – in Anführungsstrichen natürlich – mit vermeintlich geistlichen Geboten. Nach dem Motto: „Es ist nicht nur meine Autorität, nicht nur dein Wunsch, sondern Gott steht hinter mir, und du musst das machen, weil es Gottes Wille ist.“
Hier ist wieder das Gottesbild ein wichtiges Thema. Welches Bild hast du von Gott? Was hast du gelehrt bekommen? Wie bist du geprägt worden? Was denkst du? Wenn du ein falsches Bild von Gott hast, wirst du viel schneller das annehmen, was Menschen über ihn sagen. Oder wenn du nur darauf hörst, was andere Menschen sagen, und nicht das Wort Gottes dazu nimmst.
Absolut, das könnte ich gar nicht mehr unterstreichen.
Entstehung von Narzissmus und Erziehungseinflüsse
Lassen Sie uns kurz darüber sprechen: Wie wird jemand zum Narzissten? Dabei stellt sich auch die Frage, wenn wir an unsere eigenen Partner denken – Mann oder Frau – oder an eigene Kinder oder Enkel: Wie kann man verhindern, dass jemand heranwächst und narzisstische Tendenzen und Züge entwickelt, falls das überhaupt möglich ist?
Wichtig ist zu wissen, dass Narzissmus nicht vererbbar ist. Das heißt, man kommt nicht mit einer angeborenen Verwundbarkeit zur Welt, die automatisch zu Narzissmus führt. Mit anderen Worten: Kein Mensch wird als Narzisst geboren.
Zum Narzissten wird man erst durch die Erziehung. Dabei gibt es zwei Extreme, die eine Rolle spielen können. Das eine Extrem ist, wenn man in der Erziehung viel Ablehnung und wenig Liebe erfährt. Dadurch entwickelt sich ein sehr niedriges Selbstwertgefühl. Um dieses auszugleichen, versucht die betroffene Person, das Selbstwertgefühl zu kompensieren und zu überspielen. So entsteht ein überhöhtes Selbstbild.
Das andere Extrem sind Eltern, die ihren Kindern zu viel abnehmen. Sie treffen alle Entscheidungen für das Kind und lassen ihm keine Entscheidungsfreiheit. Sie helfen ständig, erlauben dem Kind nicht, in seiner Persönlichkeit Neues auszuprobieren, sondern sind immer präsent, um es zu behüten. Dabei wird das Kind ständig gelobt: „Mein Kind kann dies, mein Kind kann das.“ Fehler und Herausforderungen werden nicht thematisiert.
Das Kind lernt so, sich selbst als den Nabel der Welt zu sehen. Es fällt ihm schwer, sich in der Außenwelt verständlich zu machen und zu kommunizieren. Es geht davon aus, dass alle Menschen so mit ihm umgehen müssten, weil es wichtig ist. Es glaubt, über alles bestimmen zu dürfen und Macht und Kontrolle zu haben.
Beide Extreme in der Erziehung sind also problematisch. Wichtig ist, dem Kind einerseits bedingungslose Liebe zu geben – das ist das A und O in jeder Beziehung und Erziehung. Gleichzeitig müssen aber auch Grenzen gesetzt werden. Ohne Grenzen fehlt Kindern die nötige Stabilität und ein Fundament, auf dem sie ihre Persönlichkeit entwickeln können und auf dem sie sicher in ihre Zukunft gehen können.
Das ist ein sehr umfassendes Thema. Wir gehen trotzdem einen Schritt weiter, damit Sie einen Einblick in das Ganze bekommen.
Erste Schritte und Hilfestellungen für Betroffene
Die vielleicht wichtigste Frage von allen: Jetzt werden hier Leute zuschauen, und in ihnen wird es gerade laut schreien: „Nelly, ich bin in einer narzisstischen Beziehung, was kann ich tun?“ Was könntest du diesen Frauen für Tipps geben?
Das Erste, was du gerade beschrieben hast, ist, wenn die Person endlich versteht, was da passiert. Das ist das Wichtigste: Erstmal zu verstehen, was mir passiert ist, damit der erste Heilungsschritt gegangen werden kann.
Für diesen Heilungsschritt empfehle ich dringend, jemanden zu suchen, der einen dabei unterstützt. Das kann eine gute Freundin sein, aber auch therapeutische oder seelsorgerische Unterstützung. Jemand aus der Gemeinde oder einfach eine Person, die geistlich schon weiter ist, die sich vielleicht auch mit Narzissmus auskennt und die Wahrheit von der Lüge gut unterscheiden kann. Diese Person kann helfen.
Das passiert ja auch in der Therapie: Ein Therapeut heilt dich nicht, sondern hilft dir durch gezielte Fragen, das zu hinterfragen, was in deinem Alltag und Leben in diesem Leidenszustand eigentlich los ist. So merkst du zum Beispiel: Stimmt es eigentlich, was mein Partner über mich sagt? Ist das wirklich die Wahrheit? Und somit kommst du wirklich zur Wahrheit und kannst sie von der Lüge trennen.
Also: Suche dir eine Person, die dir helfen kann. In manchen Fällen ist es auch einfach wichtig, zum Hausarzt zu gehen und wirklich zu schildern: „Ich kann nicht mehr, ich brauche jemanden, der mir professionelle Hilfe gibt.“ Dieser verschreibt dann einen Therapieplatz. Das bedeutet aber nicht, dass man sofort einen Therapieplatz bekommt. Manchmal dauert es bis zu einem Jahr. An dieser Stelle vielleicht noch einmal gesagt: Es ist besser, sich frühzeitig zu bemühen.
Genau, das sollte man nicht auf die lange Bank schieben. Es dauert sehr lange. Und wenn man merkt, das ist doch nicht mein Weg, kann man die Therapie immer noch abbrechen. Aber genau diesen ersten Schritt zu gehen: Suche dir Hilfe! Das ist so wichtig. Bleib damit nicht allein. Du bist nicht allein. Es gibt so viele Menschen, die das bereits erlebt haben und auch Heilung erleben durften oder auf dem Weg der Heilung sind.
Dieser Heilungsprozess geht leider nicht schnell. Gerade wenn man viele Jahre narzisstische Gewalt, verbale oder psychische Gewalt erlebt hat, ist die Diagnose nicht selten eine PTBS, also eine posttraumatische Belastungsstörung. So stark greift das den Menschen an.
Es dauert wirklich manchmal Jahre, bis man Verhaltensmuster, die man sich durch diese Beziehung neu angelegt hat, ablegen und Heilung bekommen kann. Aber nicht aufgeben! Dranbleiben! Es lohnt sich. Das Leben, das man erleben darf, ohne diese Gewalt, ist wunderschön. Man darf zu seiner eigenen Persönlichkeit heranwachsen und wissen: Was möchte ich eigentlich? Wo sind meine Bedürfnisse? Was brauche ich? Das ist so ein wichtiges Thema.
Suche Heilung im Wort Gottes. Gehe hinein in das, was Gott dir zuspricht. Er ist der größte Heiler. Niemand kann so heilen wie er.
Also: Menschen und vor allem Gott – das sind die zwei wichtigsten Punkte. Es gibt natürlich sehr viele Quellen. Es gibt schon zig Videos zu Narzissmus und viele Informationsquellen. Informiere dich, wie du mit Narzissten umgehen kannst. Schau dir an, welche Verhaltensweisen typisch für sie sind und wie du dich in dem Moment schützen kannst, wenn diese verbale Gewalt auf dich zukommt.
Wie kannst du eine Schutzmauer aufbauen, sodass du sagst: „So geht es nicht mehr weiter, mit mir darfst du so nicht umgehen!“ Und bei manchen Extremfällen ist der einzige Weg, den Raum zu verlassen, in dem sich der Narzisst aufhält.
Psychotherapie und christlicher Glaube: Eine Ermutigung
Okay, da hätte ich noch zwei Fragen, die direkt darauf aufbauen. Vielleicht kannst du da noch ein bisschen Klarheit reinbringen. Ich glaube, du und ich denken da genau dasselbe. Es geht um Folgendes: In manchen christlichen Kreisen – ich nenne jetzt keine Beispiele – habe ich schon gehört, dass es angeblich unchristlich sein soll, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen.
Nelly, wie siehst du das? Was könnte man Menschen, die vielleicht mit solchen Sätzen geprägt worden sind, zusprechen? Und mit welcher Begründung?
Ja, dazu habe ich letztens auch einen Text verfasst, weil ich genau das immer wieder höre: Darf ich das überhaupt?
Auf mich kam eine Frau zu, die sagte: „Hey, Nelly, mir geht es gerade so schlecht. Ich bin wieder an dem Punkt angekommen, wo ich nicht mehr kann. Vor ein paar Monaten bekam ich die Info, dass Psychotherapie nicht von Gott sei. Deshalb habe ich meine Therapie abgebrochen und bin jetzt wieder total in depressiven Gedanken. Ich kann nicht mehr weitermachen. Darf ich denn überhaupt?“
Und ich habe ihr das so zugesprochen: Natürlich darfst du das! Ich sah, wie ihr eine Erleichterung kam. Sie hat mich dann umarmt und gesagt: „Okay, vielen Dank, dass du mir sozusagen einen Freifahrtschein gibst.“
Vor kurzem haben wir wieder miteinander geschrieben. Sie sagt, ihr geht es schon wieder besser, sie ist wieder in Therapie, und das hilft ihr wirklich gut.
Ich glaube, an dieser Stelle handelt es sich einfach um eine Fehlinformation: Psychotherapie kann durchaus von Gott gebraucht werden, um Menschen zu helfen. Gott gebraucht auch Medizin. Niemand von uns geht zum Arzt und sagt: „Hier wird Gott nicht in den Mittelpunkt gestellt, also lasse ich mich nicht behandeln.“
Auch im medizinischen Studium wird Gott nicht unbedingt in den Vordergrund gestellt, er wird eher ausgeklammert. Dennoch studieren Christen Medizin und werden Mediziner, und das ist wunderbar.
Genauso verhält es sich mit der Psychotherapie. Natürlich sollte man sich genau informieren: Zu welchem Psychotherapeuten gehe ich? Welche Therapieverfahren bietet er an? Kann ich das mit meinem Glauben vereinbaren?
Aber ich weiß aus Erfahrungen von Menschen, die dafür gebetet haben, dass Gott ihnen den richtigen Therapeuten gibt, dass sie innerhalb kürzester Zeit einen Platz bekommen haben – was schon ein Wunder ist – und in der Therapie wirklich erlebt haben, wie sie Heilung erfahren haben.
Gott hat an ihrem Herzen gearbeitet, und die Therapeuten haben die richtigen Techniken angewandt, um Heilung zu ermöglichen.
Also eine klare Ermutigung: Lass dich nicht davon abhalten!
Gebet und Hoffnung für Betroffene in narzisstischen Beziehungen
Dann zum Abschluss eine Frage, die sich besonders an Frauen richtet, aber auch einzelne Männer einschließt, die sich in einer solchen Konstellation oder einem solchen Beziehungsmuster befinden.
Wenn man vielleicht noch kein Unterstützernetzwerk um sich hat, noch nicht die Möglichkeit, mit jemandem Qualifizierten zu sprechen, oder es noch nicht an der Zeit ist, in Anführungszeichen an die Außenwelt zu treten – was könnte man denn im Stillen beten?
Zum Beispiel: „Ich bin in einer narzisstischen Beziehung.“ Was könnte man in diesem Fall einfach beten? Viele Frauen haben auf solche Gebete wirklich Antworten erlebt, etwa: „Gott, hol mich heraus, ich kann nicht mehr.“
Gott sagt uns: „Kommt zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Müde von der Situation, beladen von der schweren Last, die man trägt. Er sagt weiter: „Ich will euch Ruhe geben.“ Jesus hört jedes einzelne Gebet. Selbst wenn man kein formuliertes Gebet spricht, sondern nur weint, sieht Jesus alles. Er sieht den stillen Schrei im Zimmer dieser Frauen. Er sieht, welche Gewalt sie Tag für Tag erleben müssen und wie hoffnungslos die Situation scheint.
Doch die Hoffnung ist mit Jesus da. Er ist dafür gekommen, er ist dafür ans Kreuz gegangen. Er hat alles ans Kreuz genommen und bezahlt. Der Sieg gehört ihm schon, und er sieht diese Frauen.
Die Jahreslosung für dieses Jahr lautet: „Er ist ein Gott, der dich sieht.“ Er sieht dich. Selbst wenn du manchmal nicht die richtigen Worte hast und auch nicht das richtige Gebet, hört er auch das stumme Flehen. Du darfst ihm wirklich dein Herz ausschütten und es immer wieder vor ihn bringen. Hör nicht auf, denn jedes Gebet wird erhört.
Vielleicht ist auch das aus Jesaja 41 passend, wo Gott sagt: „Ich will dir Kopfschmuck statt Asche geben, ich will die Gefangenen aus dem Kerker herausführen, ich will ihnen ein Leben voller Hoffnung geben.“
Oder Jeremia 29,11: Gott möchte dir Frieden und Freude geben. Du darfst ihm vertrauen, dass er dich daraus holt. Du bist nicht allein, und du wirst es mit ihm schaffen.
