Serie•Teil 9 / 12Spurgeon-Konferenz 2017
Generierte Mitschrift
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Wir haben uns heute im Verlauf des Tages mit dem sechsten Kapitel des Propheten Hosea beschäftigt. Im ersten Vers finden wir einen Ruf zur Umkehr, der zugleich ein Trostwort ist. Es heißt dort: Kommt, wir wollen wieder zum Herrn, denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen. Er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.
Das ist ein wunderbares Einstimmungswort für den heutigen Abendvortrag. Es geht um die Seelsorge Luthers. Und Luthers Seelsorge, das werde ich versuchen zu zeigen, ist auf Gott bezogen. Luther hat uns gezeigt, dass wir nur bei Gott finden können, wonach unsere Seele dürstet. Luthers Seelsorge ist auch ein Ruf zur Umkehr. Luther lädt uns ein, unser Leben auf Jesus Christus auszurichten. Und Luthers Seelsorge ist auch eine Verheißung. Er sagt uns nämlich, dass wir bei Gott das finden, was wir suchen, dass bei Gott unsere zerrissenen Seelen Heilung und Frieden finden.
Ich möchte euch also einladen, mir in der nächsten knappen Stunde zu folgen, wenn ich versuche, euch mit der Seelsorge Luthers vertraut zu machen. Wir leben in einer Zeit der großen Verunsicherung, und ich bin überzeugt, dass Luther uns zeigt, dass unsere Seelen in Gott einen festen Anker finden können, der uns stabil macht für die Herausforderungen unseres Lebens.
Wir wollen uns dem Thema in drei Schritten nähern. Ich möchte zunächst einmal ganz kurz darauf eingehen, was Seelsorge überhaupt ist. Es gibt heute sehr viele konkurrierende Vorstellungen darüber, was Seelsorge ist. Ich möchte, ganz knapp, es ist eine Frage der Fairness, mein eigenes Seelsorgeverständnis versuchen zu vermitteln, das ich im Vortrag dann auch voraussetze. Zweitens werden wir uns mit einigen Eigenheiten der Seelsorge Luthers vertraut machen. Und im dritten Teil schauen wir uns dann einmal an, was die Seelsorge Luthers uns im Hier und Jetzt für das gemeinsame Leben, für die gemeinsame Nachfolge Jesu zu bieten hat.
Ich kann natürlich nur einige Aspekte herausgreifen. Ich werde mich auf Felder konzentrieren, von denen ich meine, dass sie besondere seelsorgerliche Herausforderungen der Gegenwart sind. Ihr könnt das Skript, ich werde mich nicht sklavisch an das Skript halten, ihr könnt das Skript aber im Internet laden, da steht, glaube ich, eine Adresse irgendwo, schon zu spät, schon vorbei, ich habe es hier auch auf dem Stick, also hier gibt es eine PDF-Datei, die könnt ihr euch herunterladen. Und dann müsst ihr nicht alles mitschreiben. Wer keinen Rechner dabei hat, kann sich die Adresse dann aufschreiben oder bei mir holen nach dem Vortrag. So kann man dann zu Hause den Vortrag noch aus dem Internet herunterladen.
Ich möchte, bevor wir jetzt loslegen, noch ein ganz, ganz kurzes Gebet sprechen.
Himmlischer Vater, ja, wir sind auf Dich hingeschaffen, und wir finden nur Ruhe und Frieden, wenn wir mit Dir versöhnt sind. Das sagt dein Wort im Alten und Neuen Testament, und das haben auch große Lehrer der Kirche eindrücklich demonstriert, und dazu gehört auch Martin Luther. Wir danken dafür, dass wir jetzt an ihn denken dürfen, in diesem Jahr ganz besonders. Es ist ein Jubiläum, 500 Jahre Reformation, und wir können von ihm viel lernen. Er ist ein Wegweiser auf Christus hin. Und schenke, dass wir das heute auch sehen und dass wir das mitnehmen aus diesem Abendvortrag. Danke dafür. Amen!
Ja, ihr habt euch das gemerkt, wir haben drei Teile. Ich fange mit dem ersten Teil an. Ich will ganz kurz etwas dazu sagen: Was ist überhaupt christozentrische Seelsorge? Ich selbst sehe mich als einen Vertreter einer auf Christus hin orientierten Seelsorge und möchte ganz kurz erklären, was ich darunter verstehe.
In einer Untersuchung zu Entwicklungen der Seelsorge in der Schweiz wurde vor gut zehn Jahren über einige Tendenzen informiert. Man hat also eine Feldforschung gemacht und versucht herauszuarbeiten, wie denn Seelsorge in den christlichen Gemeinden läuft. Man hat vier interessante Beobachtungen gemacht.
Erstens: Menschen, die Seelsorge und Beratung in Anspruch nehmen, würden immer mehr zu Auftraggebern und Kunden. Man müsse um sie werben, man müsse sie pflegen, damit man sie als Kunden nicht verliert.
Zweitens: Es gibt ein weit verbreitetes Seelsorge-Hopping, das heißt, wenn ein Ratsuchender mit dem Rat des Ratgebers nicht zufrieden ist, dann sucht er sich ganz schnell einen anderen Ratgeber.
Drittens: In der Seelsorge hat sich eine Sprache breitgemacht, die beschönigt, die verhüllt. Zum Beispiel gibt es Begriffe, die man in der seelsorgerlichen Begleitung meidet. Dazu gehört zum Beispiel der Begriff Sünde. Man sieht auch gar keinen Platz mehr für Ermahnung in der Seelsorge.
Und der vierte Punkt, der da herausgearbeitet worden ist: Seelische Leiden, wie beispielsweise Depressionen, werden immer häufiger und immer schneller mit Medikamenten behandelt.
Im Resümee heißt es dann, also in der Zusammenfassung im Ergebnis: Man will nicht nur schnelle Beseitigung seiner Beschwerden und Störungen, sondern man möchte diese Störungen auch mühelos beseitigt haben. Seelsorge hat sich im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts sehr stark in Richtung Lebenshilfe entwickelt. Man möchte in der Seelsorge Menschen dabei unterstützen, dass sie sich wohler fühlen. Im Zentrum steht die Steigerung der Lebensqualität oder, wie man heute sagt, der Performance. Man möchte die Performance im Leben verbessern.
Warum nicht? All das darf natürlich Bestandteil von Seelsorge sein. Wir haben die Aufgabe, Leid zu mindern, dort wo wir das können. Aber die Frage ist: Greift nicht dieses Seelsorgeverständnis zu kurz? Ein bekannter Seelsorger hat in einem seiner großen Bücher mal gesagt: Uns besser zu fühlen ist wichtiger geworden als Gott zu finden. Und noch schlimmer: Wir sind überzeugt, dass Menschen, die Gott finden, sich immer besser fühlen.
Es gab also eine Schwerpunktverlagerung, ganz besonders in den letzten 40 Jahren. Ich will das mal versuchen zu illustrieren mit dem Bild eines Gottesdienstes. Wir alle wissen, was ein Gottesdienst ist. Ein Gottesdienst ist normalerweise so aufgebaut, dass er vertikale Elemente enthält, also auf Gott ausgerichtet ist, dass Gott zu uns spricht, zu seiner Gemeinde spricht, oder umgekehrt, dass seine Gemeinde mit Gott spricht, im Gebet. Und es gibt in einem Gottesdienstaufbau auch eine horizontale Ebene, das sind also so Sachen wie Gemeinschaft, Informationen, Zeugnisse.
Zum Beispiel die Begrüßung, das ist ein klassisches horizontales Element. Ein klassisches vertikales Element wäre die Predigt, die Schriftlesung, das Gebet, das Bekenntnis. Eine gute Liturgie im Gottesdienst legt Wert darauf, dass schon von Anfang an Gott im Zentrum steht. Warum? Weil wir wissen als Christen, dass der Mensch sich nur vor Gott richtig verstehen kann. Und dann, wenn er den Anspruch und Zuspruch Gottes hört, dann lernt der Mensch, sich selber richtig zu sehen. Deswegen gehört Gott ja in die Mitte des Gottesdienstes.
Ein guter Gottesdienstaufbau wird natürlich auch horizontale Elemente aufgreifen, zum Beispiel indem er herausarbeitet, was die Versöhnung mit Gott für Konsequenzen im Gemeindeleben hat, zum Beispiel indem man zeigt, was es heißt, einander lieb zu haben. Das ist ja ein biblisches Kennzeichen der Jüngerschaft, dass die Christen einander lieben.
Wenn wir dieses Bild auf die Seelsorge übertragen, dann können wir leicht erkennen, dass die Seelsorge der Gegenwart diese horizontalen Aspekte sehr, sehr stark betont und herausstreicht und die vertikalen Aspekte zum Teil in den Hintergrund gedrängt wurden, ja möglicherweise, so meine Beobachtung, auch völlig in Vergessenheit geraten sind.
Stellt euch mal vor, ihr besucht einen Gottesdienst irgendwo im Urlaub. Ihr seid in Österreich oder in der Schweiz und ihr geht da in einen Gottesdienst, und es fehlt die vertikale Ebene. Es wäre am Ende gar kein Gottesdienst mehr. Ich habe schon solche Gottesdienste erlebt, ich bin völlig leer rausgegangen. Gott hatte gar keine Möglichkeit, zu seiner Gemeinde zu sprechen, und umgekehrt hat man sich keine Gedanken darüber gemacht, wer Gott eigentlich ist. Ein Gottesdienst, wo die vertikale Ebene fehlt, ist gar kein Gottesdienst mehr. Das ist ein Widerspruch in sich selbst.
Und wir haben uns auf der anderen Seite sehr daran gewöhnt, dass in der Seelsorge der vertikale Aspekt oder die vertikalen Elemente kaum noch berücksichtigt werden. Das ist keine christozentrische Seelsorge. Die Aufgabe eines Seelsorgers ist es, Menschen zu Christus zu führen oder Christen dabei zu helfen, die Christusgemeinschaft zu festigen. Und deshalb will christozentrische Seelsorge dabei helfen, die Gemeinschaft mit Jesus Christus zu vertiefen und ein Leben zur Ehre Gottes zu führen.
Wir Menschen sind dafür da, für Gott zu leben, Gott die Ehre zu geben, und christliche oder christozentrische Seelsorge sieht genau darin ihr Hauptanliegen. Die horizontalen Aspekte, die gehen dabei nicht unter. Natürlich haben die Raum in einer lebendigen christozentrischen Seelsorge. Aber ich komme, desto älter ich werde, immer mehr zu der Überzeugung, dass so Sachen wie positive Selbstwahrnehmung, die Freude im Leben, die Zuversicht, all die Dinge, nach denen wir uns sehnen, nicht unmittelbare Ziele unserer Seelsorge sind, sondern vielmehr Früchte eines zur Ehre Gottes geführten Lebens.
Ein guter Seelsorger wird also helfen, damit Ratssuchende sich verstehen, aus der Perspektive Gottes herauszusehen, so auch eigene Defizite wahrzunehmen und sich nach den Gütern auszustrecken, die Gott uns in Jesus Christus zur Verfügung stellt.
Der Blick auf Gott als Mitte seelsorgerlicher Begleitung
Damit sind wir beim zweiten Teil: der Seelsorge Luthers, der Trostseelsorge, so wie man sie kirchengeschichtlich eingeordnet hat.
Seelsorge heißt bei Luther Trost. Es geht sogar noch weiter: Seelsorge ist für den Reformator nicht irgendeine pastorale Aufgabe, sondern der Kern der Theologie ist für Luther Trost. Dahinter steckt natürlich diese autobiographische Erfahrung Luthers. Er hat gewusst: Da ist ein heiliger Gott, und er kann diesem Gott nicht genügen. Er wollte wissen: Wie kann ich von diesem Gott angenommen werden? Und Luther hat aufgrund dieser Gnadenerfahrung beim Studium über den Römerbrief, Kapitel 1, die Perspektive in der Theologie weggelenkt vom Menschen mit all seinen Defiziten, mit seiner Möglichkeit, Buße zu tun, und hat in den Mittelpunkt der Theologie Jesus Christus und damit die vergebende Liebe, die Gnade Gottes gestellt.
Das ist der große Perspektivwechsel in der Theologie, und so hat seine ganze Theologie einen Trostcharakter bekommen. Nach Luther überschüttet Gott seine Kinder reichlich mit Gnade. Der Reformator will, dass die Vergebung, die Erfahrung der Sündenvergebung, abgekoppelt wird vom Beichtstuhl. Er spricht davon, dass Vergebung eine Alltagserfahrung der Christen ist. Gott deckt seine Kinder damit ein. Überall auf den Feldern, in der Gemeinde, in der Familie, im Garten, überall haben wir Zugang zur vergebenden Liebe Gottes durch Jesus Christus.
Jörg Ziemer, ein bekannter Hochschullehrer im Bereich der Praktischen Theologie, hat drei Kennzeichen, drei Merkmale, drei typische Merkmale der Seelsorge Luthers herausgestellt. Er sagt erstens: Seelsorge ist für Luther kein menschliches Handeln, sondern Gottes Tat. Gott benutzt also den Seelsorger, um sein Reich zu bauen. Zweitens: Die Seelsorge Luthers ist realitätsbezogen. Der Reformator rechnet mit der Sünde, er rechnet mit der realen Macht des Bösen. Luther hat sehr viel vom Teufel gesprochen, wir finden das auch wieder in dem Liedgut, das auf Luther zurückgeht. Und der Teufel war für Luther nicht irgendeine metaphysische Spekulation, sondern wirklich der Widersacher Gottes, der Lügner, der das Anliegen hat, die Gemeinde zu zerstören, der das Anliegen hat, das Leben eines Christen zu schwächen. Vor allem kann er die Seelen von Christen immer wieder in die Ungewissheit hineinstürzen.
Drittens verordnet oder verortet Luther die Seelsorge in der Gemeinde. Er entkoppelt sie von dem katholischen Bußsakrament, wo man ja nur über den Priester, über die Bußpflicht, die Absolution bekommt, und er wertet das Priestertum aller Gläubigen auf. Er sagt, dass die Gemeinde eben ein Feld Gottes ist, auf dem wir uns gegenseitig Sünden bekennen und Vergebung zusprechen. Seelsorge ist eine Funktion der Gemeinde, und Gott hat den Christen in der Gemeinde die Vollmacht gegeben, zu lösen und zu binden.
Es gibt noch eine vierte Besonderheit bei Luther, auf die ich hinweisen möchte, auch wenn sie bei Ziemer nicht zu finden ist: Luther tadelt das Selbstvertrauen. Nicht so ganz einfach zu verstehen. Gerade Menschen, die wirklich kämpfen mit Minderwertigkeitsgefühlen, die also ein schlecht ausgeprägtes Selbstvertrauen haben, neigen dazu, das, was Luther dazu gesagt hat, falsch zu verstehen. Luther spricht jetzt gar nicht so sehr auf einer psychologisch beobachtbaren Ebene, sondern er möchte uns sagen, dass das, was uns von Gott oder vor Gott gerecht macht, nicht aus uns selber kommen kann.
Er hat es bereits in seiner Römerbriefvorlesung, die wir jetzt bei Evangelium 21 neu herausgegeben haben, in der Römerbriefvorlesung vor der Reformation, also 1515, das war die Zeit, in der Luther das Evangelium entdeckt hat, erkannt und beschrieben, dass alle Weisheit in uns vernichtet werden muss, damit die Weisheit Gottes in uns Raum gewinnt. Er spricht davon, dass eine fremde Gerechtigkeit uns rettet. Man muss eine Gerechtigkeit lehren, die ganz und gar von außen kommt, also eine fremde Gerechtigkeit ist, nämlich die Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus in unser Leben hineinkommt.
Und so passt es auch, dass Luther sein ganzes Leben lang sehr darum bemüht war, die Menschen aus ihrer Selbstverkrümmtheit, so hat er ja Sünde definiert, die Menschen sind auf sich selbst ausgerichtet, herauszuführen, indem er sie bekannt gemacht hat mit dem Evangelium. Er riet also seinen Beichtkindern nicht zu mehr Wertschätzung der eigenen Gefühle, sondern er trieb sie in die Richtung des Evangeliums, er trieb sie in die Richtung des Wortes Gottes. Sie sollten an diesem Wort festhalten, sie sollten lernen, sich selber im Lichte dieses Wortes auszudeuten.
Rolf Sons, lange Zeit Rektor des Bengelhauses in Tübingen, da, wo er herkommt, hat ein wunderbares Buch geschrieben über die Seelsorge. Ich möchte mal einen Satz von ihm zitieren, der mir ganz hervorragend gefällt. Er schreibt in seinem Buch, das letztes Jahr erschienen ist, die Literaturangabe findet ihr im Skript: Luther liefert das menschliche Ich nicht an sich selbst aus, vielmehr bindet er es. In der Bindung an Gott wird es paradoxerweise frei von sich selbst und damit fähig, Gott und seinen Nächsten zu lieben. Ein ganz wichtiger Gedanke, auch in der Auseinandersetzung mit Menschenbildern von heute.
Für Luther war ganz klar, dass der auf sich selbst geworfene Mensch, der sich selbst überlassene Mensch, zum Verzweifeln verurteilt ist. Er wird in sich selber keine Rettung finden.
Schauen wir uns an, inwiefern Luther mit seiner Seelsorge Antworten auf Fragen geben kann, die uns heute in unseren Gemeinden begegnen. Wir sind also schon im dritten Teil, und ich will versuchen, mal so einige Aspekte der Seelsorge Luthers mit aktuellen Problemen, Nöten, seelsorgerlichen Nöten in unseren Gemeinden in Verbindung zu bringen. Ich glaube, Luther kann uns hier wirklich ein Beistand sein. Viel Weisheit von Gott geschenkt bekommen und kann uns helfen, die Herausforderungen in unserer Gegenwart anzunehmen. Ich werde also kurz die Probleme schildern und dann mal zeigen, was Luther für Medizin, für seelsorgerliche Medizin empfohlen hat.
Der erste Punkt, den habe ich überschrieben: Glaubensgewissheit anstelle von Glaubenszweifel. Glaubensgewissheit anstelle von Glaubenszweifel. Also die erste große Herausforderung, die ich beschreiben möchte, sind die Zweifler in unseren Gemeinden.
Nun sind Zweifel wahrlich nichts Neues. Schon die ersten Kapitel der Bibel stellen uns vor, was der Zweifel ist, was der Zweifel mit Menschen macht, was er für Konsequenzen hat. Trotzdem scheint es mir eine Besonderheit zu sein, dass unsere Lebenskultur durchdrungen ist von einem zweifelnden Denken. Es hat alle Bereiche unseres Lebens erfasst. Der polnisch-jüdische Soziologe Sigmund Baumann, der am 9. Jan. 2017 im hohen Alter gestorben ist, hat davon gesprochen, dass wir in einer Zeit leben, in der es so etwas gibt wie Makro-Ungewissheit. Alles wird in Frage gestellt. Die Grunderfahrung des spätmodernen Menschen ist die des Verlustes: Man hat die Gewissheit verloren, man hat die Ordnung verloren, man hat die Einheit verloren, man hat die Sicherheit verloren.
Und so hat besonders der Gotteszweifel fast alle Ebenen des gesellschaftlichen Lebens erfasst. Wer Kinder hat, die in der Schule sind, der wird das ganz schnell lernen, mit was für Fragen die Kinder aus der Schule nach Hause kommen. Wie ein Sauerteig hat der Gotteszweifel alles durchsetzt und durchdrungen. Das Einzige, was man heute nicht mehr in Zweifel ziehen scheint, scheint der Unglaube zu sein. Der Unglaube ist irgendwie heilig.
Bei so viel Unglaube ist es kein Wunder, dass der Zweifel natürlich auch die christlichen Gemeinden erfasst. Und in den letzten Jahren sind zum Beispiel unglaublich viele Bücher auf den Markt gekommen, wo Christen ihre Entkehrungserfahrungen beschreiben. Wie weit wir inzwischen sind mit unserer sozusagen Selbstsäkularisierung, ist darin erkennbar, dass einige dieser Bücher in christlichen Verlagen erschienen sind, wo also ein ehemaliger Evangelist zum Beispiel beschreibt, warum er jetzt nicht mehr an Gott glauben kann. Im christlichen Verlag gut verkauft, das Buch, am eigenen Stand auf der Büchermesse in Frankfurt.
Ich selbst treffe regelmäßig auf Leute in den Gemeinden, in Jugendgruppen, in Studentenkreisen, aber auch ältere Menschen, die von ihren Zweifeln aufgefressen werden. Das ist keine so leichte Sache. Solche chronischen Zweifel trüben das Vertrauen auf Gott ein. Jemand hat mal gesagt, dass Zweifel vergleichbar ist wie Rost. So wie der Rost am Metall nagt und die Brücke instabil macht, so nagt der Zweifel an der Seele des Menschen und frisst sie auf. Der Zweifler ist unbeständig, er hat eine gespaltene Seele, Jakobus 1,6-8, er ist haltlos auf all seinen Wegen.
Das heißt nun zum einen, dass wir in den Gemeinden auch Raum schaffen müssen, um über Zweifel zu sprechen und diese Zweifel zu beantworten. Aber gelegentlich habe ich gerade in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen, dass es auch in den Gemeinden cool ist zu zweifeln. Also oft kommt es mir so vor, dass dort, wo ein gut begründeter Glaube vermittelt wird, dass das irgendwie nicht authentisch sein kann. Entweder du bist authentisch, dann bist du ein Zweifler, oder du bist eben kein Zweifler, aber dann bist du kein authentischer Christ. Das ist ganz interessant.
Also wenn vor mir Menschen, Brüder und Schwestern, sitzen, die Gott nicht mehr vertrauen können, dann entdecke ich oft gewisse Ähnlichkeiten. Zum Beispiel vertrauen viele auf ihre Gefühle. Die Gefühle erscheinen ihnen als echt, als etwas, auf das sie sich in ihrer Zerrissenheit verlassen können. Oder sie suchen die Überwindung des Zweifels in einer Gewissheit, zum Beispiel indem sie damit rechnen, dass irgendeine übernatürliche Offenbarung kommt, weil sie dem, was im Wort Gottes steht, nicht mehr vertrauen können. Sie sehnen sich nach Gottes unmittelbarem Eingreifen im Raum der Gefühle. Sie hoffen darauf, dass gefühlte Eindrücke ihrem Leben eine neue Richtung geben.
Was können wir hierzu von Luther lernen? Ich glaube, er hat uns etwas zu sagen, weil er den Zweifel auch sehr gut kennt. Er ist ja geradezu verzweifelt an der Frage, wie bekomme ich Versöhnung mit einem heiligen Gott. Das Interessante ist, wenn wir uns anschauen, was Luther dazu gesagt hat, dass nach Luther die Festigkeit im Glauben und im Leben nicht aus dem eigenen Herzen kommt. Das geht so ein bisschen in die Richtung, die Mike gestern Abend betont hat, sondern aus dem Evangelium kommt. Ich wiederhole das mal: Nach Luther kommt die Festigkeit im Glauben und im Leben nicht aus dem eigenen Herzen, nicht durch das Hineinhören auf das, was fühle ich eigentlich, sondern durch das Hören auf das, was Gott sagt im Evangelium.
Luther hat die destruktive Kraft des Zweifels durchschaut, und er wusste, dass die Klarheit im Leben aus der klaren Heiligen Schrift kommt. Er lenkt also unseren Blick auf Jesus Christus und macht uns die Worte Gottes groß. Er sagt, die Bibel ist in sich völlig gewiss, leicht zugänglich, durch und durch offen, und sie richtet und erleuchtet alles. Sie bringt Licht in die Dunkelheit unserer Seelen hinein.
Er hat sich mit hochmütigen Zweiflern auseinandergesetzt, und er beschreibt sie im Psalm 78. Ich möchte das kurz vorlesen: So ungläubig und widerspenstig sie sind, dass sie lieber die ganze Schrift leugnen oder zu Schanden machen oder gegen die Kirche so viele Geschlechter kämpfen, als dass sie ihre eigenen Gedanken gefangen nehmen und unter den Gehorsam Christi brächten. Alles ziehen sie in Zweifel und in Frage, was durch so viele Jahrhunderte hindurch bewahrt wurde und wofür viele Märtyrer gestorben sind. Hüte dich vor solchen Menschen, die alles in Zweifel ziehen.
Er hat seinem Freund, dem Erasmus, dem Pastor Erasmus, wie Mike gestern in seinem Vortrag sagte, Erasmus war geradezu der Zweifler, ihm hat er Folgendes geschrieben. Wie ein Prophet hat er ihn beschworen: Lass uns Zeugen der Wahrheit sein und uns um Wahrheitsbezeugungen bemühen und uns daran erfreuen. Halte du es nur mit deinen Skeptikern und deinen Akademikern, bis Christus dich ruft. Der Heilige Geist ist kein Skeptiker. Er hat uns keine Zweifel oder bloße Meinungen in unsere Herzen geschrieben, sondern Wahrheitsgewissheit, gewisser und fester als das Leben selbst.
Luther lenkt also den Blick weg von uns selbst, von unseren Selbstwahrnehmungen, hin zu Christus. Er fordert uns heraus, unser abgründiges Herz durch Gottes Wort erleuchten zu lassen. Der Zweifelhafte ist für Luther nicht Gott, sondern der nicht verstehen wollende Mensch. Und was dem Zweifelnden Halt und Weisung gibt, das ist das Wort Gottes. Also wird Luther nicht müde, das Wort in Gesetz und Evangelium zuzusprechen. Die Gewissheit kommt von außen, sie wird dem unruhigen Herz gespendet.
An einer Stelle sagt er: Unsere Theologie ist gewiss, weil sie uns außerhalb unserer selbst erbraucht. Das ist jetzt nur für die Theologen hier die Formulierung extra nos, weil sie uns außerhalb unserer selbst versetzt. Ich muss mich nicht auf mein Gewissen, nicht auf die sinnliche Person, auf das Werk stützen, sondern auf die göttliche Verheißung der Wahrheit, welche nicht täuschen kann.
Ich bin überzeugt, dass diese Dimension der reformatorischen Seelsorge in einer Zeit der großen Verunsicherung wieder zu entdecken ist. Wir Menschen werden nicht lebendig durch das, was wir uns selber sagen. Wenn wir unser Haus nicht auf Fels bauen, dann werden die Stürme und die Fluten es in die Knie zwingen. Die Lebendigkeit kommt nicht, indem wir bei den Gefühlen bleiben. Unsere Gefühle sind nicht Quelle der Erneuerung, sondern sie sind selbst erneuerungsbedürftig. Durch das Wort, das aus dem Munde Gottes kommt, wird Lebendigkeit gestiftet. Und wenn unsere verunsicherten, vertrockneten Herzen dieses Evangelium hören, dann kehrt Festigkeit und Freude ein.
Von der Unsicherheit zur Gewissheit des Evangeliums
Der zweite Punkt: Glaubensrechtfertigung anstelle von Selbstrechtfertigung.
Ich werde das hier sehr kurz machen, weil ich schon einmal an anderer Stelle über Selbstrechtfertigung gesprochen habe, ich glaube, auf der Spurgeon-Konferenz vor zwei Jahren.
Ganz kurz der Punkt: Wir leben in einer Kultur der Selbstrechtfertigung. Die Menschen sind permanent damit beschäftigt, sich selbst zu optimieren. Jeder ist damit beschäftigt, ein gutes Bild von sich selbst herzustellen. Wenn wir einmal ehrlich über uns selbst nachdenken, dann kostet es uns enorm viele Ressourcen, jeden Tag einen guten Eindruck zu machen. Auch gegenüber dem Bruder und der Schwester, natürlich auch gegenüber dem Arbeitgeber. Es gibt eine ganze regalfüllende Literatur darüber, was wir tun können und was wir tun müssen, um uns ein Image aufzubauen, das es uns erlaubt, Karriere zu machen und beruflich erfolgreich zu sein. Das ist Selbstrechtfertigung.
Die ganze Kultur ist davon durchzogen. Dahinter steckt ein Hunger nach Anerkennung. Und bei ganz konsequenter Analyse hat das etwas mit Evangeliumsarmut zu tun. Dahinter steckt der Versuch, sich selbst zu begründen. Wenn einem Menschen die Gewissheit fehlt, durch den Glauben, durch Jesus Christus gerechtfertigt zu sein, ist er dazu gezwungen, Rechtfertigungsgründe für sich selbst zu schaffen. Aber das bedeutet eben, dass er Menschen gefallen muss.
Und wenn dir die Gewissheit fehlt, dass Jesus Christus Ja zu dir gesagt hat, dann brauchst du das Ja anderer Menschen. Dann brauchst du das Ja anderer Menschen. Und so wird Anerkennung zur maßgeblichen Antriebskraft, und daraus entsteht ganz schnell eine Abhängigkeit. Ich lebe von der Zustimmung anderer Menschen.
Paulus hat diese Frage der Selbstrechtfertigung zum Beispiel im Galaterbrief bearbeitet. Ihr kennt diese Auseinandersetzung mit Petrus, der keine Probleme hatte, mit den Heiden Tischgemeinschaft zu pflegen. Und dann kam der Jakobuskreis dazu, und dann hat sich Petrus ganz schnell zurückgezogen. Paulus hat ihn dann sehr hart konfrontiert. Es gibt da ein Entweder-oder: Ich lebe entweder aus dem Ja Gottes oder ich lebe aus dem Ja der Menschen.
Umgekehrt hat Paulus gesagt, dass wir nur dann, wenn wir aus dem Ja Gottes heraus leben, die Kraft haben, zur Wahrheit des Evangeliums zu stehen und uns nicht falschen Erwartungen und Forderungen zu unterwerfen. Er sagt das wunderbar in Galater 1,10. Ich möchte diesen Vers einmal lesen: Will ich die Zustimmung von Menschen oder die Zustimmung Gottes gewinnen? Suche ich den Beifall von Menschen? Wenn ich jetzt noch den Beifall von Menschen fände, dann wäre ich kein Diener Christi. Wenn ich jetzt noch den Beifall von Menschen fände, dann wäre ich kein Diener Christi.
Das ist eine sehr, sehr radikale Aussage. Und Luther hat diesen Vers kommentiert. Ich will jetzt nicht das ganze Zitat lesen, das findet ihr im Skript. Aber er sagt im Grunde genommen: Nur dann, wenn wir verstanden haben, dass wir aus der Gnade Gottes allein errettet sind und leben, nur dann sind wir befreit, in unserem Verkündigungsdienst das Wort Gottes wichtiger zu nehmen als die Gunst der Menschen. Weil wir dann eben von diesem Ja Gottes her leben und weil wir nicht mehr darauf angewiesen sind, die Welt zu gewinnen, sondern wir haben ja mehr als die Welt in Christus schon gefunden.
Es ist ganz wichtig: Für Luther ist der Mensch als Wesen so angelegt, dass er nicht aus sich selbst heraus leben kann. Also die Substanz des Menschen ist nach Luther so, dass wir Gott brauchen, um wirklich Mensch sein zu können. Der Mensch, der Gott nicht kennt, der muss sein Herz an etwas hängen, das außerhalb seiner selbst ist. Und erst wenn er Gott findet, kommt er wirklich zur Ruhe.
Allein das Evangelium stiftet eine Kultur der Gnade, die uns vom Blick auf die eigene Leistung und die eigene Performance befreit. Also versteht mich bitte nicht falsch: Ich predige hier nicht den völligen Abbruch der Selbstbeobachtung, das ist nicht mein Anliegen. Ich will zeigen, dass der Blick auf die Gnade Gottes, auf die Größe Gottes, uns freimacht.
Das, was uns geistlich wachsen lässt, ist nicht die Selbstbespiegelung. Aus Luthers Sicht, und das ist auch meine Sicht, ist es die Selbstvergessenheit, der Blick auf Christus, der uns befreit von dem Fluch der Selbstrechtfertigung. Wir schauen auf den siegreichen König und wir freuen uns darüber, dass wir durch ihn mit Gott versöhnt sind. Und wir leben für ihn, wir dienen ihm.
Die Glaubensgerechtigkeit gibt uns die Freiheit, für die Wahrheit einzustehen, und sie stiftet eine Kultur der Gnade in der Gemeinde.
Wenn der Mensch sich nicht selbst genügen kann
Und damit komme ich zum dritten Punkt, den ich überschrieben habe: dem dritten Beispiel, Glaubenskampf anstelle von Ausflucht. Glaubenskampf anstelle von Ausflucht.
Also, ihr habt es bald überstanden, wir sind bald durch, aber jetzt kommt noch einmal eine harte Einheit. Es dürfte euch warm anziehen. Es geht um Anfechtung.
Das Zeitwort anfechten kommt von fechten und ist verwandt mit dem, was man auch Kämpfen bezeichnet. Ursprünglich ist wahrscheinlich gemeint, mit der Faust zu kämpfen. Das gefällt mir als ehemaligem Boxer natürlich besonders. Ich liebe diese ganzen Texte, die wir im Neuen Testament haben, wo es um Kämpfen geht. Der christliche Sprachschatz hat ganz viele Begriffe, die deutlich machen, dass das christliche Leben, das Jüngersein Jesu, etwas mit einem Kampf zu tun hat. Dass wir in eine Auseinandersetzung hineingestellt sind. Dass es einen echten Widersacher gibt, der uns abziehen möchte von der Gnade Gottes.
Der Satan ficht uns an. Er will uns vom Willen Gottes abziehen. Die Frage ist: Lassen wir uns das gefallen, oder fechten wir zurück? Und da hat Luther wunderbare Sachen herausgearbeitet. Das griechische Wort, das sonst mit Versuchung übersetzt wird, lateinisch tentatio, das hat Luther manchmal mit Anfechtung übersetzt. Wunderbar herausgearbeitet hat er, dass die Anfechtung zum Leben dazugehört. Mehr noch: Er geht ja so weit, dass er sagt, du kannst kein guter Theologe sein, wenn du nicht die Anfechtung kennst. Die Erfahrung der Anfechtung ist sogar ein Grund der Freude, Jakobus im Hintergrund. Und sie fehlt uns so oft heute, weil wir nicht bereit sind, diesen Kampf anzunehmen.
Wir sind heute als Christen nicht nur politisch korrekt geworden, wir sind auch weich geworden. Anstatt mit dem Schwert des Geistes zu fechten, geben wir auf oder geben zumindest nach. Und dabei sagt Paulus ganz klar: Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Epheser 6,12.
Ich habe vor einigen Monaten eine TV-Sendung gelesen anlässlich des Reformationsjubiläums. Es ging dort um Luther während seiner Zeit auf der Wartburg, wo er das Neue Testament übersetzte. Und man hat Briefe gefunden, noch allerlei Briefe aus dieser Zeit. Diese Briefe sind vor allen Dingen eine Dokumentation der furchtbaren Anfechtungen, die Luther erlitten hat, ertragen musste, gegen die er angekämpft hat, in der Zeit, in der er dort das Neue Testament übersetzte und von Gott für die Reformation vorbereitet wurde.
Der Experte, den man dann dazu gefragt hat, schloss aus dem Befund, aus den Briefen, die man dann übersetzt hat oder versucht hat zu entschlüsseln, daraus, dass Luther noch dem Weltbild des Mittelalters angehörte. Das war eben noch ein Mann des Mittelalters. Er glaubte daran, dass es den Teufel gibt, er hatte Erfahrungen mit bösen Geistern. Luther stammte noch aus der Zeit der Mythen.
Ihr Lieben, falls ihr das auch so seht, dann werdet ihr nicht nur Luther nicht verstehen, sondern ihr werdet auch die Bibel nicht verstehen. Wir verstehen dann auch Jesus nicht, der diese Erfahrungen der furchtbaren Anfechtung auch durchgemacht und bestanden hat. Wir müssen lernen, gerade in der heutigen Zeit so wie die Reformatoren vor 500 Jahren für das Evangelium zu kämpfen.
Und wenn wir weiterhin die gelingenden Beziehungen wichtiger nehmen als die theologische Wahrheit, dann kann es sein, dass wir am Ende gute Freunde haben, dass wir gut vertraut sind, vielleicht auch mit Dienern des Teufels, aber dass wir die Wahrheit dabei verlieren. Christen sind Kämpfer, und sie kämpfen den guten Kampf des Glaubens. Und sie widerstehen diesem Kampf bis aufs Blut.
Was können wir von Luther lernen? Ich schließe ab mit einer Trostschrift aus dem Jahre 1521, einem bekannten Brief, den Luther geschrieben hat. Es geht um eine Person, die in eine tiefe Depression gefallen ist. Und Luther will versuchen, in dieser Situation zu helfen, und er hat dort eine Medizin anempfohlen. Und ich will das erwähnen:
Erstens: Vertraue auf das Wort Gottes. Er schreibt zum Ersten, dass dieselbe Person ja nicht in sich selbst stehe oder auf sich selbst stehe und sich nicht richte nach ihrem Fühlen, sondern fasse das Wort und hange an den Worten, die ihr Gottesname in Gottesnamen vorgelegt werden. Sie weise alle Gedanken und das Fühlen des Herzens auf das Wort Gottes.
Also Luther betont hier stark, dass wir eine Wahrheit brauchen, die uns von außen anspricht, die nicht aus uns selbst herauskommt. Und diese Wahrheit und diese rettende Gerechtigkeit muss nicht unbedingt eine fühlbare Sache sein, so wie die Sünde fühlbar ist, sondern sie ist auf Hoffnung gesät.
Zweitens: die Gemeinschaft mit den Mitleidenden. Luther hat herausgearbeitet: Du, der du jetzt in schwerer Anfechtung stehst, denke daran, dass es noch ganz viele gibt, die diesen Weg mit dir gehen. Du bist nicht allein. Es gibt ganz viele Brüder und Schwestern, die jetzt noch viel schlimmere Dinge durchmachen als du selbst.
Luther richtet also den Blick des Schwermütigen auf die Vielzahl der Nöte, die es in der Welt gibt, und er stellt den Einzelnen in diese Notgemeinschaft mit hinein. Und das hilft, wegzusehen, auch die eigene Not zu relativieren.
Drittens: die Ergebung in den Willen Gottes. Er betont, dass nicht mein Wille, sondern Gottes Wille, der Wille des Vaters, geschehen solle. Und dort, wo wir das akzeptieren, wo wir auch schwere Wege lernen, aus Gottes Hand zu nehmen, wo das Kreuz in dieser Weise angenommen wird, dann hört es auf, ein Kreuz zu sein. Es wird uns zum Segen.
Viertens betont er das Loben und das Beten. Denn der böse Geist der Schwermut mag nicht verjagt werden mit Betrübnis und Klagen und Sich-Ängstigen, sondern mit dem Lob Gottes.
Und der fünfte Punkt: Er arbeitet heraus, dass in der Anfechtung ein großes Gut liegt. Die Erfahrung der Anfechtung zeigt den Menschen nach Luther nämlich ihre Würde. Sie ist ein Zeichen der Liebe Gottes, sie ist ein Mittel Gottes, um uns klüger zu machen, um uns im Glauben zu stärken.
Elke Meier, die einen wunderbaren Aufsatz geschrieben hat über die Rechtfertigungslehre Luthers, sagt: Luther sieht im Leiden den Prüfstein des wahren Glaubens. Erst in der Anfechtung erkennt der Mensch, wie sehr er auf Hilfe angewiesen ist, und beginnt, sein Herz an Gott zu hängen. Deshalb kann Luther auch sagen, dass keine Anfechtung zu haben die höchste Anfechtung überhaupt ist. Und sucht er Trost anderswo als in Gott, dann geht die Frucht verloren. Das hat Andrew ja heute wirklich bildlich wunderbar herausgearbeitet, wenn wir uns in die Trostsünden hineinflüchten. Dann geht die Frucht, die aus der Anfechtung herauskommt, verloren.
Luther vermag hinter den Anfechtungen, auch hinter Leid und Gericht, das Liebeshandeln Gottes zu erkennen, der seinen Sohn züchtigt, der ihn weiterbringen möchte.
Wir sind am Ende angekommen. Ein Anliegen war es, zu zeigen, dass wir auch im Raum unserer seelsorgerlichen Herausforderungen von Luther einiges lernen können. So wie es Luther um Jesus Christus ging, soll es auch uns darum gehen, unsere Nöte, unsere eigenen Nöte und die Nöte der Menschen, die Gott uns anvertraut, zu Christus zu bringen, damit zu Christus zu gehen und bei unserem Retter Hilfe zu bekommen.
Christozentrische Seelsorge ist dafür da, sich mit den eigenen Defiziten nach Gottes Rettung auszustrecken. Ich habe drei Herausforderungen der Gegenwart herausgegriffen, die meiner Meinung nach Gemeindeleben prägen. Das ist einmal der allgegenwärtige Glaubenszweifel, den wir nicht bekämpfen können, indem wir Menschen bei sich selbst lassen, sondern die Gewissheit und die Festigkeit kommen aus den Worten Gottes.
Ich habe vor 15 Jahren ein Buch herausgegeben. Da habe ich dann die Formulierung gebraucht: die Rebiblisierung der Seelsorge. Ich bin dafür mehrfach zugrunde gerichtet worden, nicht nur wegen des schwierigen Begriffs, sondern auch wegen des Inhalts, der dahinter steckt. Man will damit nichts anfangen, dass wir in die Seelsorge das Wort Gottes wieder zurückholen, aber ich glaube, wir brauchen in der Seelsorge das Wort Gottes. Wir brauchen diese vertikalen Elemente in der Seelsorge. Nicht das Wort des Menschenreichs, sondern das Wort, das von Gott kommt.
Zweitens: Der Mensch ist von Gott auf Gott hin angelegt. Die menschliche Seele, deine Seele, kommt erst zur Ruhe, wenn sie durch das Wort Gottes zu Christus findet und von ihm gerechtfertigt und mit Gott versöhnt wird. Glaubensrechtfertigung ist die Antwort auf die Versuche des Menschen, aus sich selbst heraus sich und die Welt finden zu wollen. Allein das Evangelium stiftet eine Kultur der Gnade, die uns befreit, um Christus und dem Nächsten zu dienen.
Und drittens: Ja, ein hartes Wort, ich glaube, wir haben verlernt zu kämpfen, weil wir so oft den Versuchungen des Teufels feige nachgeben. Das fehlt uns im persönlichen Leben, und ich weiß, wovon ich rede. Und das fehlt uns auch im Gemeindeleben: das Wachstum in der Erkenntnis und die Frucht. Wir geben verführerischen Lehren nach, wir geben verführerischen Geistern Raum, die einen großen Schaden anrichten.
Christen sind nach Luther in einen Kampf hineingestellt, der nie zu Ende sein wird, bis wir einen neuen Leib bekommen und hineingestellt sind in den neuen Himmel und in die neue Erde. Die Anfechtung gehört zur Nachfolge dazu, und wir sind dazu berufen, zu kämpfen mit Leidenschaft, mit Freude, mit dem Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes. Das möge Gott uns schenken. Amen.
Ich spreche noch ein ganz kurzes Gebet, und dann haben wir noch die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Ich weiß jetzt nicht, wie spät es ist. Zehn vor neun, also für fünf Minuten haben wir Zeit, noch Fragen zu stellen.
Himmlischer Vater, wir möchten Dir noch einmal dafür danken, dass Du in der Geschichte mit Deinem Volk im Alten Testament, zur Zeit des Alten Testamentes, zur Zeit des Neuen Testamentes und auch in der Kirchengeschichte, in der Geschichte Deiner Gemeinde immer wieder Männer und Frauen berufen hast, die reich beschenkt wurden mit Einsichten, die auch bereit waren, zu diesen Einsichten zu stehen, die Kosten dafür zu zahlen, die wirklich auf das Evangelium gesetzt haben.
So jemand ist auch Luther, der bei aller Irrtumsfähigkeit, bei allen Fehlern uns auf Christus hinweist, der die Antwort ist auf unsere Sündhaftigkeit, auf die Mängel in unserem Leben, auf das, was fehlt in unserer Heiligung. Du hast ihn für uns gemacht zur Gerechtigkeit und zur Heiligung. Du hast uns dein Wort gegeben, das uns in einer Zeit, in der so viele Menschen hin und her gerissen sind, so verunsichert sind, Antworten gibt, die in der Tiefe des Herzens des Menschen nach Antworten, auf Fragen der Menschen Antworten geben.
Und wir möchten dich darum bitten, dass du uns den Mut schenkst, von Luther dazu zu lernen und von Luther zu lernen, wirklich im gesamten Gemeindeleben, aber eben auch in der Seelsorge vom Evangelium, von Christus her zu leben. In Christus, Herr, von Christus unseren Trost zu finden, aber auch von Christus her den Kampf des Glaubens zu kämpfen. Wir danken dir dafür. Amen.
Gut, ich habe euch viel zugemutet, wie immer. Gibt es noch Fragen? Wir haben ein paar Minuten Zeit.
Ausgedrängt, also aus der Kunst, aus der Wissenschaft, aus überall hinaus, jetzt habe ich es so verstanden, auch aus der Kirche, aus der Seelsorge. Wenn nicht immer überall so dran, also es hat schon irgendwo seine Ansätze, dann kannst du mir erst mal vielleicht die Frage beantworten, wie das dazu kommt, dass Gott immer mehr hinausgedrängt wird. Zweitens: Was hast du für einen Vorschlag, wo liegt die Reformation?
Ja, jetzt ist das schon wieder so eine Sache mit den fünf Minuten bei dieser Frage. Also woher kommt das, dass Gott an den Rand des Universums gedrängt wurde? Das hat schlicht und einfach geistesgeschichtliche Ursachen. Das fängt an im Mittelalter mit der Neuzeit, also gerade in der Zeit, in der auch die Reformation stattgefunden hat, dass nicht mehr Gott im Mittelpunkt des Universums und des Denkens der Menschen steht und sich der Mensch vor diesem Gott zu verantworten hat. Das war ja die Frage, die die Leute im Mittelalter bewegt hat und die eine Einkommensquelle für den Ablass war, und wo dann Luther gezeigt hat: Auf diese Frage gibt Gott selbst eine Antwort. Jesus Christus ist diese Gerechtigkeit, die uns mit Gott versöhnt.
In dieser Zeit ist eben das menschliche Ich auch zum Mittelpunkt des Universums geworden. Und da ist eine Bewegung eingesetzt, mit der wir heute noch zu kämpfen haben. Das nennen wir zum Beispiel Humanismus, dass der Mensch auf dem Thron sitzt und sich Gott vor dem Menschen verantworten muss. Also der autonome Mensch, der von Gott losgelöste Mensch, hat jetzt von sich heraus das Universum entdeckt, erforscht, und da ist Gott vielleicht noch eine Hypothese am Ende einer Argumentation, aber mehr oder weniger wahrscheinlich und nicht mehr Gotteszentrum.
Das ist die Entwicklung, sagen wir mal, besonders vom siebzehnten Jahrhundert bis ins zwanzigste Jahrhundert, die am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts angefangen wurde, zu hinterfragen. Vielleicht der bekannteste Theologe dieser Entwicklung ist Schleiermacher, der das menschliche Erleben in den Mittelpunkt der Theologie gestellt hat, und jemand, der, oder Leute, die das umgekehrt haben, wie Emil Brunner und Barth, die haben vor hundert Jahren gearbeitet.
Du willst jetzt wissen, was ist die Therapie, wie kann sich das ändern? Ich bin da selbst auch etwas hilflos und ratlos und würde sagen, dass bei aller Strategie, die man entwickeln kann, um da Änderungen herbeizuführen, wir hier in ganz großem Maße von Gottes Gnade abhängig sind. Und meines Erachtens fängt eine Umkehr dieses Prozesses, der dann auch Auswirkungen im Raum der Kultur, in der Gesellschaft haben würde, in den Gemeinden an. Und wir müssen in den Gemeinden umkehren und jetzt wieder zurückfinden von dem Evangelium und von diesem Evangelium her unser Leben gestalten.
Ich glaube nicht, dass es möglich ist, zum Beispiel über Politik diese Änderung der Kultur herbeizuführen, sondern das wird etwas sein, es müssen Prozesse sein, die im Leben des Einzelnen, die in den Gemeinden anfangen und hoffentlich, so Gott Gnade schenkt, dann ausstrahlen und zu Revitalisierungen von Gemeinden führen. Das ist mein Wunsch, mein tiefer Wunsch. Ich sehne mich danach, es ist mein großes Anliegen, aber ich weiß auch, dass wir Menschen das nicht machen können. Ja, und ich hoffe, ihr betet dafür, ich hoffe, ihr betet dafür, ihr liegt Gott in den Ohren!
Noch eine Frage? Ja, gut, das können wir dann im nächsten Jahr machen, machen wir dann Seelsorge nach Calvin. Also da gibt es schon Gemeinsamkeiten, ganz klar, aber es gibt auch Unterschiede. Also beispielsweise Buser hat sehr stark Gemeinde in den Vordergrund gerückt, viel stärker noch als Luther gesagt, dass Seelsorge eine Funktion der Gemeinde ist, dass Seelsorge ein Hirtendienst ist. Er hat ein Buch darüber geschrieben, über den Hirt. Der Seelsorger ist aus Sicht von Martin Buser ein Hirte, ein guter Hirte, der sich um seine Schafe kümmert. Das ist ein großer Schwerpunkt der Seelsorge Luthers.
Bei Zwingli, da haben wir Aufwertungen von politischen Aspekten auch. Also Zwingli, das hat er sehr in Ordnungen, in Ordnungskategorien gedacht. Calvin übrigens würde man jetzt wahrscheinlich auch in einigen Köpfen von euch eine sehr harte, eine fast schon knüppelharte Seelsorge zusprechen, weil man immer denkt, der Diktator von Genf, der kann kein guter Seelsorger gewesen sein. Calvin war ein ganz großartiger Briefseelsorger. Wir haben viele, viele Briefe, die davon zeugen, dass er auf der Kanzel ein Löwe war, aber in der Seelsorge ein Lamm.
Da gibt es Gemeinsamkeiten, es gibt Unterschiede, aber die können wir jetzt hier am Abend nicht aufklären. Aber wenn es dich weiter interessiert, hätte ich Literatur.
