Serie•Teil 1 / 5Die Wiederkunft Jesu
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Einleitung und thematische Hinführung
Ja, da sind wir wieder. Es ist wirklich so: Irene sagte das, als wir uns begrüßten, als hätten wir uns eben erst gesehen. Es ist wahr, die Jahre gehen vorbei, und wir sind dem Ziel, auf das wir zugehen, noch näher als vor einem Jahr.
Das Thema dieser Tage lautet die Wiederkunft Jesu Christi. Das habt ihr ausgesucht. Ich habe das gerne angenommen, diesen Vorschlag. Ich werde als Leitfaden für unser gemeinsames Nachdenken auf das hören, was die Bibel zu diesem Thema sagt, und den Ersten Thessalonicherbrief nehmen.
Im Ersten Thessalonicherbrief schließt Paulus jedes Kapitel mit Aussagen über die Wiederkunft des Herrn, und in einigen Kapiteln spricht er sogar mehr als einmal von der Wiederkunft des Herrn. Nehmen wir also den Ersten Thessalonicherbrief als Leitfaden. Wir lesen Kapitel 1.
1. Thessalonicher 1
Paulus und Silvanus und Timotheus der Versammlung der Thessalonicher in Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus: Gnade euch und Friede! Wir danken Gott allezeit für euch alle, indem wir euch erwähnen in unseren Gebeten unablässig, gedenkend eures Werkes des Glaubens und der Bemühung der Liebe und des Ausharrens der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus, vor unserem Gott und Vater, wissend, von Gott geliebte Brüder, eure Erwählung. Denn unser Evangelium war nicht bei euch im Wort allein, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in großer Gewissheit, wie ihr wisst, welche wir unter euch waren um euretwillen. Und ihr seid unsere Nachahmer geworden und die des Herrn, indem ihr das Wort aufgenommen habt in vieler Drangsal mit Freude des Heiligen Geistes, so dass ihr allen Gläubigen in Mazedonien und Achaia zu Vorbildern geworden seid. Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen, nicht allein in Mazedonien und in Achaia, sondern an jedem Ort ist euer Glaube an Gott ausgebreitet worden, so dass wir nicht nötig haben, etwas zu sagen. Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten und wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus dem Himmel zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat, Jesus, der uns rettet vor dem kommenden Zorn.
Paulus beginnt in diesem Kapitel, indem er auf die Tatsache der Erwählung der Thessalonicher hinweist. Er schließt das Kapitel mit dieser Aussage über das Kommen des Sohnes Gottes aus dem Himmel. Er beginnt eben dort, wo alles Heil herkommt. Das Heil kommt aus den Ratschlüssen Gottes. Erwählung, nach Gottes Ratschlüssen, von Gott her, von seinen Ratschlüssen her kommt alles; das ist der Anfang aller Erlösung.
Und am Ende des Kapitels: das Kommen des Sohnes Gottes, um uns zu sich zu nehmen; das ist die Vollendung, das Ziel aller Erlösung. Diese Wahrheit festzuhalten: Er, der den Anfang der Erlösung setzte, er hat auch ein Ziel gesetzt. Und so wie der Anfang auch bei uns wirksam geworden ist, auch in uns, die wir an den Sohn Gottes glauben, hat Gott sein Werk angefangen. Und hat er es angefangen in dir und in mir, wird er es vollenden und ans Ziel bringen, in Philipper 1,6.
Philipper 1,6
Ich bin darin guter Zuversicht, dass der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird auf den Tag Jesu Christi. Das ist eben seine Wiederkunft.
Der Gegensatz zwischen biblischer Hoffnung und moderner Diesseitsorientierung
Es gibt ein Ziel. Dieses Ziel ist von Gott gesetzt. Dieses Ziel ist bekannt, und für bibellesende Christen ist es selbstverständlich das Ziel aller Dinge, das Ziel, auf das wir zugehen.
Aber das ist unseren Zeitgenossen gar nicht mehr selbstverständlich. Im Gegenteil: Sie halten das für etwas, das man getrost vergessen könne, dass das Ziel, auf das wir zustreben, ein von Gott gesetztes Ziel sei.
Der abendländische Mensch ist noch nie in der ganzen Geschichte des Abendlandes so einseitig diesseitsorientiert gewesen wie heute. Dass er – und jetzt ist der heutige Europäer, ob Österreicher, Schweizer oder was er auch sei, alles – diese Welt für die einzige Welt hält, die es gibt, ist bezeichnend. Dieses Leben ist das einzige Leben, das es überhaupt gibt. Es gibt kein Jenseits, es gibt keinen jenseitigen Gott, es gibt keine Ewigkeit, sei es in der ewigen Verdammnis, sei es in der ewigen Herrlichkeit.
Nun mag jemand einwenden: Es gibt religiöse Strömungen wie Mystik usw., es gibt Esoterik. Aber Mystik und Esoterik sind für den abendländischen Menschen nichts anderes als Methoden, um sich endgültig zur absoluten Mitte seiner Welt zu machen, der einzigen Welt, von der er wissen will.
Und so verbeißt sich der Abendländer unserer Zeit in sein Hier und Jetzt, in dieses einzige Leben, das er gelten lässt, und hält allein daran fest. Er sieht gar nichts anderes, wie ein Hund, der sich an einem Fleischknochen verbeißt und ihn nicht loslässt.
Unsere Eltern noch – wenn ich sage, unsere Eltern, dann meine ich die, die vor 20 Jahren geboren wurden, also die, die in der Zwischenkriegszeit zur Welt kamen – lebten, ob sie das nun persönlich im Glauben wirklich erfassten und sich beständig danach ausrichteten oder nicht, doch mit diesem Bewusstsein: Dieses Leben ist eine Vorbereitung auf die Ewigkeit.
Und war das nicht etwas, das immer auch da war? Natürlich musste man sich hier im Leben zurechtfinden, irgendwie mit allen Nöten und Schwierigkeiten fertig werden. Aber man wusste doch darum: Es gibt ein Jenseits, es gibt eine Ewigkeit. Und so sahen die meisten Menschen, unsere Eltern noch, den Sinn des Lebens darin, auf etwas Höheres, auf etwas Endgültiges vorbereitet zu werden.
Darum nahmen sie auch die Schläge, die das Leben austeilt, wenn wir es so ausdrücken wollen, gelassener hin als wir heute. Natürlich tut es den Menschen immer weh, wenn sie Schläge treffen. Aber sie hatten diesem Schmerz, dem Lebensschmerz, etwas entgegenzuhalten.
Darum reagierten sie nicht so hysterisch wie heute die Menschen reagieren, oder so wehleidig, wenn ihnen etwas genommen wird, das sie meinen haben zu müssen. Ganz hysterisch.
Und das ergibt sich zwangsläufig daraus: Wenn dieses Leben das einzige Leben ist, dann ist dieses Leben die einzige Gelegenheit, all diese Dinge zu haben, zu genießen und zu kosten. Und wenn mir jemand hier etwas nimmt, ist mir für immer etwas genommen. Darum die hysterische Reaktion darauf oder die Wehleidigkeit.
Die weltlichen Ersatzhoffnungen und ihre Grenzen
So also die modernen Heiden.
Die modernen Heiden glauben an keinen Anfang, keinen Anfang der Schöpfung, an keinen Anfang der Geschichte. Sie glauben, dass im Anfang die Energie gewesen sei, dass im Anfang ein seelenloser, unsinniger Energieausbruch gewesen sei, wie man den auch nennen mag. Das ist ja alles lächerlich. Wirklich glauben kann das ja niemand, aber das wollen sie glauben.
Also kein von Gott gesetzter Anfang, mit dem alles begann. Und weil sie an keinen Anfang der Geschichte oder des Lebens glauben, darum auch kein Ziel. Sie glauben zwar an den Fortschritt, und viele glauben an Fortschritt, und wenn sie es sich auch nicht offen zugeben, denkt man doch irgendwie: Es wird und es muss immer besser werden.
Und wenn sie an ein Ziel glauben, das man erreichen könne, dann ist das immer nur ein innerweltliches Ziel. Also dass diese Welt immer gerechter werde, dass man die Güter immer besser verteile und immer besser damit umgehe. Und dass auch die Interessen, die verschiedenen Interessen, die aufeinanderprallen und im Lauf der Geschichte immer wieder zu Kriegen geführt haben, dass man es mit der Zeit lerne, einen Ausgleich der Interessen zu finden und so ein Zusammenleben in Frieden sich immer mehr verwirkliche.
Nun, das sind Träume, die haben Philosophen seit einigen hundert Jahren in Europa geträumt. Die ersten, die davon träumten und schrieben, waren Vordenker, Elite, irgendeine Kopfelite. Aber in der breiten Bevölkerung hatten sie noch nicht Einfluss. Das begann sich im zwanzigsten Jahrhundert zu ändern.
Immanuel Kant schrieb eine immer wieder gelesene und zitierte Abhandlung zum ewigen Frieden. Großer Optimismus, dass die Menschen es, weil sie vernünftig sind, lernen, die Vernunft zu gebrauchen, auch lernen, richtig zusammenzuleben und dass es so zu einem Zustand des Friedens kommt.
Auch der Marxismus ist ja so eine philosophische Idee, dass die innerweltlichen Kräfte so zusammenspielen, dass am Ende eben das irdische Paradies kommt.
Nun, es ist gar nicht schwer zu erkennen, dass solche Gedanken im Abendland, in der Christenheit, entstanden sind. Es sind samt und sonders christliche Heresien. Die Wahrheit von einem Ziel und von einem Zustand des Friedens und der Wohlfahrt ist der Bibel entnommen. Und das wollte man wohl, aber man hat das Entscheidende unterschlagen: Gott, von dem alles kommt, der alles verfügt, der alles verordnet und alles wirkt.
Die Hoffnung der ersten Christen und der Blick der Griechen
Nun, wir Christen glauben an ein Ziel aller Dinge. Und damit haben wir eine ganz grossartige Botschaft, für uns eine wunderbare Wahrheit.
Es ist uns vielleicht nicht so ganz bewusst, wie herrlich diese Botschaft für die Griechen, für die Zeitgenossen der ersten Verkündiger der Wiederkunft des Herrn, also der Apostel, sein musste. Eine ganz grossartige Wahrheit. Denn die Griechen wussten von keinem Ziel der Geschichte. Und so waren, entgegen allem Schein, ein Schein, der täuscht, die lebensfrohen Griechen gar nicht so lebensfroh. Das dominierende Lebensgefühl des griechischen Menschen war der Pessimismus.
Ein stehendes Schlagwort unter griechischen Philosophen, Schreibern und Dramatikern ist das Ideal des Tome Fünay, das Nichtgeboren worden sein, wäre das allerbeste gewesen. Pessimismus. Und so lag eine Düsternis über der griechischen Seele, eine ganz tragische Düsternis.
Ich weiss nicht, ob euch der Name Egon Friedell etwas sagt. Er war Österreicher, lebte in Wien, war Jude. Ja, tragisch geendet, aber das muss uns ja jetzt nicht beschäftigen. Und dieser Egon Friedell hat eine Kulturgeschichte Griechenlands geschrieben, und dort steht folgender Satz: Alle vorchristliche Menschheit ist notwendig düster.
Die griechische Seele war düster, keine Hoffnung, Pessimismus. Und so sagt er eben: Alle vorchristliche Menschheit ist notwendig düster, erst die frohe Botschaft vermochte den Albtraum hinwegzunehmen, der über aller Kreatur liegt. Das stimmt. Das Christentum erst hat das in die griechische Seele gebracht: Es gibt Erlösung, es gibt eine Vollendung der Erlösung, es gibt ein Ziel. Das Leben ist nicht ziellos.
Wer von keinem Ziel weiss, muss ja an der Bürde des Lebens verzweifeln. Oder er wird zynisch, oder er wird verrückt, oder er flüchtet sich in den Rausch, betäubt sich, sei es durch Alkohol oder Drogen. Oder man kann sich auch durch das Jagen nach Erfolg in der Geschäftswelt oder in anderen Bereichen betäuben.
Aber wir Christen, wir wissen um ein Ziel, ein Ziel, auf das wir zugehen.
Die doppelte Zukunft: Wiederkunft und neue Schöpfung
Woran glauben wir? Man kann es in zwei kurze Sätze fassen: Der Herr kommt wieder. Zweitens: Es wird einen neuen Himmel und eine neue Erde geben.
Der Herr kommt wieder, und ein neuer Himmel und eine neue Erde werden sein. Der Herr kommt wieder, um die, die an ihn glauben, zu sich zu nehmen.
Als die Jünger die letzten Stunden mit dem Herrn zusammen waren und er ihnen ankündigte, dass er sie nun bald verlassen werde, waren sie ganz bestürzt. Dann sagte er: Euer Herz sei nicht bestürzt. Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich. Und dann sagte er ihnen etwas, das ihre Herzen froh machte: Johannes 14,3. Wenn ich hingehe, also ich gehe jetzt hin, ja, wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seid.
Komme wieder! Das muss die Jünger, die Apostel, die das aus seinem Mund hörten, tief bewegt haben. „Ich komme wieder, und ich komme und hole euch, und ich werde euch zu mir nehmen.“ Das muss sie so erfreut und so bewegt haben, dass sie beständig davon redeten.
Und als sie nach Pfingsten, ausgesandt durch den Heiligen Geist, anfingen, überall, wo sie waren, das Evangelium zu predigen, Menschen zum Glauben kamen und Gemeinden entstanden, haben sie die Gläubigen von Anfang an gelehrt: Wir warten auf das Kommen unseres Herrn. Das war das normale Ergebnis einer Bekehrung im ersten Jahrhundert.
Wir haben das ja gelesen im 1. Thessalonicherbrief: Ihr habt euch bekehrt von den Götzen, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus dem Himmel zu erwarten.
Daher kommt er ein zweites Mal. Und nachdem er die Seinen zu sich gerufen hat, sie aus der Welt zu sich genommen hat, wird er etwas später sichtbar erscheinen. Alle Welt wird ihn sehen, und dann wird er das Böse und die Bösen niederwerfen. Gerechtigkeit, Leben und Frieden werden regieren. Und dann werden die zuvor bedrängten, verfolgten Gläubigen als Gesegnete in sein Reich eingehen.
Daher kommt er ein zweites Mal: zuerst, um die Seinen zu sich zu rufen, und dann, um die Welt zu richten und sein Reich aufzurichten.
Die Vollendung in der neuen Welt Gottes
Der Herr kommt wieder, und es wird ein neuer Himmel und eine neue Erde sein. Nach der tausendjährigen Regierung des Menschensohnes, der tausendjährigen Regierung Christi, werden Himmel und Erde vergehen. Und dann wird ein neuer Himmel sein, und eine neue Erde wird sein.
Zwei Stellen dazu: Offenbarung 21,1: Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
Zweite Stelle: 2. Petrus 3,13: Wir erwarten aber nach seiner Verheißung einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.
Eine neue Schöpfung, in die Sünde und alle Folgen der Sünde, Leid und Kummer und Schmerz und Tod, nie mehr eindringen werden. Das ist die Hoffnung. Das ist die gewisse Erwartung des Christen. Auch dieses Ziel geht ihr zu: das Kommen des Herrn und schließlich ein neuer Himmel, eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt, bleibend sich niederlässt, um sie nie mehr zu verlassen, nie mehr von Sünde verdrängt zu werden.
Das ist das Ziel, an das die Christen glauben. Das ist es, was die Apostel überall lehrten. Und so verwundert es nicht, dass im Neuen Testament mehr als dreihundert Verse etwas über die Wiederkunft Jesu Christi sagen. Nehmen wir dazu auch das kommende Gericht und die darauf folgende kommende Herrlichkeit, dann sind es an die vierhundert Verse. Dabei habe ich die Endzeitreden, also die langen zusammenhängenden Reden, die nur von der Wiederkunft handeln, gar nicht mitgezählt. Also Matthäus 24 und 25, Markus 13, Lukas 21 nicht mitgezählt, auch das Buch der Offenbarung nicht.
Das bedeutet, dass wir an keinem Tag im Neuen Testament lesen können, ohne daran erinnert zu werden: Der Herr kommt wieder. Die Lehre von der Wiederkunft des Herrn hat mehr Gewicht als die meisten anderen Lehren in der Bibel. Nur wenige biblische Lehren haben so viel Gewicht.
Der Herr selbst redet häufig davon, in Gleichnissen und in direkten Belehrungen. Er hat eine ganze Reihe von Gleichnissen, mehrere. Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen oder das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden haben als Hauptwahrheit: Er kommt wieder. Die Apostel reden alle davon. Jedes neutestamentliche Buch spricht von der Wiederkunft Christi. Ganze Kapitel sind dem Thema Wiederkunft Christi gewidmet, zum Beispiel Matthäus 24 und Matthäus 25. Ganze Bücher haben als Hauptthema die Wiederkunft Jesu Christi, so der schon erwähnte 1. Thessalonicherbrief, auch der 2. Thessalonicherbrief. Man kann auch sagen: 2. Petrusbrief, Kapitel 1 und Kapitel 3; im 2. Petrusbrief ist das Hauptgewicht der Wiederkunft Christi gegeben. Dann das ganze Buch der Offenbarung.
Jedes Mal, wenn wir jemanden taufen, der zum Glauben gekommen ist, verkündigen wir die Hoffnung der Auferstehung zur Herrlichkeit. Jedes Mal, wenn wir am ersten Tag der Woche zusammenkommen und an den Herrn denken, an sein Leiden und Sterben und Auferstehen und an seine Erhöhung, verkündigen wir auch die Hoffnung seiner Wiederkunft. Wir verkündigen seinen Tod, bis er wiederkommt.
So sind wir unendlich dankbar für dieses Wissen, das wir haben, um den Anfang und das Ende der Welt, um den Anfang und das Ende der Erlösung. Hätten wir das nicht, wir würden wie Treibgut im Ozean der Zeit driften, nicht wissend, woher, nicht wissend, wohin. Ohne das Wissen und das Ziel, auf das wir zugehen, auf diese wunderbare Vollendung der Erlösung, wären wir wie Blinde, die einer nie endenden Landstraße entlang stolpern und nie wissen, ob es irgendwann einmal aufhört oder nicht und was am Ende dann kommen wird.
Aber jetzt wissen wir um das Ziel. Die Wiederkunft Jesu Christi ist das Ziel und die Vollendung der Heilsgeschichte. Es ist, wie Herbert sagte: Es ist der Höhepunkt. Mit der Wiederkunft Jesu Christi, mit der Verherrlichung seiner Gemeinde, ist das Heil Christi vollendet, das große Heil, das er gewirkt hat.
Gottes ewiger Plan und die Stellung der Gemeinde
Dieses Ziel hatte Gott von Ewigkeit her vor Augen. Von Anfang an hatte er dieses Ziel im Blick. Man kann sogar sagen, dass die ganze Schöpfung um dieses Ziel willen ins Dasein gerufen worden ist, als Vorbereitung auf die neue Schöpfung.
Die Erschaffung des Menschen hatte von Anfang an das Ziel, am Ende verherrlichte Menschen hervorzubringen, die dem Sohn Gottes gleich sein sollen. Epheser 1,9-10 sagt: indem er uns das Geheimnis seines Willens kundgetan hat, nach seinem Wohlgefallen, das er sich in sich selbst vorgenommen hat, nach seinem ewigen Vorsatz, die Verwaltung der Fülle der Zeiten dahin zu bringen, alles unter einem Haupt zusammenzubringen in Christus, damit alles Christus, dem Haupt, untertan sei, wir mit ihm verbunden, unserem Haupt.
Von Anfang an war das das Ziel, das Gott gesetzt hatte und auf das er hingearbeitet hat, durch die Jahrhunderte, durch die Jahrtausende hindurch. Und darum ist es nicht verwunderlich, dass die Christen in den ersten Jahrhunderten auf das Kommen des Herrn warteten. Die Erwartung der persönlichen Wiederkunft Jesu Christi war fester Bestandteil der Glaubenslehre und auch der persönlichen Überzeugung eines jeden Christen. Selbstverständlich: Unser Herr kommt wieder. Er hat es den Jüngern gesagt, er hat es ihnen wiederholt gesagt: Ich komme wieder.
Und so wie die Thessalonicher sich bekehrten, um Gottes Sohn aus dem Himmel zu erwarten, war das die normale Folge einer jeden Bekehrung. Und so machte die Bekehrung zu Jesus Christus, der Glaube an das Evangelium, den Bekehrten sofort zu einem Hebräer. Das muss ich jetzt erklären, nämlich was das Wort Hebräer eigentlich bedeutet.
Ein Hebräer ist ein Hindurchziehender. Das ist die Grundbedeutung des Wortes Hebräer. Wir werden nicht Juden durch die Bekehrung. Aber wir werden zu wahren Hebräern, zu solchen, die unterwegs sind, die durch die Zeit gehen zum Ziel. Petrus spricht davon im 1. Petrus 2,11: Geliebte, ich ermahne euch als Fremdlinge und als solche, die ohne Bürgerrecht sind, euch der fleischlichen Begierden zu enthalten, die gegen die Seele streiten.
Also: Wir sind Fremdlinge und ohne Bürgerrecht. Hier ist nicht unsere Heimat. Unser Bürgerrecht ist im Himmel. Philipper 3,20: Unser Bürgertum ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten.
Auch für die Philipper war das selbstverständlich, das hatte Paulus dort gelehrt. Wir sind jetzt im Himmel zu Hause, dort, wo unser Herr ist. Das ist unser wahres Zuhause. Und wir warten auf sein Kommen, wir warten auf ihn, dass er als Heiland erscheint, nicht um noch einmal sein Blut zu vergießen, sondern als Heiland, um das Heil zu vollenden. Nämlich auch unseren Leib zu erlösen, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit. Das wird er tun, wenn er wiederkommt.
Dort ist unsere Heimat, dort, wo unser Herr ist. Wir sind Fremdlinge geworden, wir sind Hebräer geworden, wir sind Durchziehende geworden. Und so war die Welt für den Gläubigen nicht mehr Heimat, sondern nur noch Durchgang. Die Welt war dem Gläubigen fortan nicht mehr Zuhause, sondern Schule.
Wer will schon immer in der Schule sein? Schule ist gut für ihren Zweck, aber immer Schule? Und so ist die Welt eine sehr gute Schule, aber kein gutes Zuhause, wirklich kein gutes Zuhause. Hebräer 12 spricht davon, wie die Welt eine Schule ist. Hier ist der Ort, an dem der Vater uns erzieht und uns damit auch vorbereitet für unser Eingehen in unsere wahre Heimat.
Die Welt war dem Gläubigen von da an zum Acker geworden, in den er sein Leben und das Evangelium säte. Ein Acker geworden, ein Erntefeld, auf dem er Seelen erntete, einbrachte für den Herrn. So war es in den ersten Jahrhunderten.
Die biblische Wachsamkeit und die glückselige Hoffnung
Die ersten Christen warteten auf das Kommen des Herrn. Schlagen wir einfach einige Stellen auf, dann bekommen wir einen Eindruck davon, wie sehr diese Wahrheit die Schreiber der biblischen Bücher prägte.
Matthäus 24,42: Wacht also, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.
Und wenn das gesagt ist und man das im Ohr hat: Ihr wisst nicht, an welchem Tag der Herr kommt. Wenn man das wirklich ernst nimmt, dann wartet man jederzeit und rechnet jederzeit mit seinem Kommen. Er kommt, wir gehen ihm entgegen.
Lukas 12,35-36: Eure Lenden seien umgürtet und die Lampen brennend, und ihr seid Menschen gleich, die auf ihren Herrn warten.
1. Korinther 15,51: Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden zwar nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden.
Paulus sagt also: Wir, die wir hier leben, werden nicht alle entschlafen, aber alle werden verwandelt werden. Die Entschlafenen werden aus den Gräbern auferstehen und verwandelt werden, und wir, die Lebenden, werden im Leben, während wir in diesem Leib noch leben, verwandelt werden. Und so spricht nur jemand, der mit dem Kommen des Herrn rechnet, der damit rechnet, dass er jederzeit kommen kann.
1. Thessalonicher 4,16-17: Denn der Herr selbst wird mit gebietendem Zuruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes vom Himmel herabkommen. Und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen. Danach werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft.
Der Herr wird kommen, er wird herniedersteigen vom Himmel, er wird befehlen, er wird uns zu sich rufen. Und so schreibt oder spricht nur jemand, der damit rechnet, dass der Herr jederzeit kommen kann.
Offenbarung 1,1: Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gab, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss.
Bald, bald heißt jederzeit möglich. Also keine Zeitangabe wie: bald, ja in vier Wochen oder bald, ja nach vier Generationen, sondern bald, jederzeit möglich.
Die Wirkung der Hoffnung auf das christliche Leben
Und dieses Wissen, diese Erwartung, das war für die Christen die glückselige Hoffnung. So nennt sie der Apostel Paulus: die glückselige Hoffnung.
Für sie war die Zukunft nicht düster. Sie gingen zwar in der Gegenwart durch Verfolgung, durch Nachstellungen, aber für sie war die Zukunft hell: Der Herr kommt wieder. Eine glückselige Hoffnung.
Das steht in Titus 2. In Titus 2,13: Indem wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes, Jesus Christus.
Sie wussten, warum sie die Wiederkunft Christi die glückselige Hoffnung nannten. Denn was wird geschehen, was beinhaltet die glückselige Hoffnung?
Der Herr selbst kommt und holt uns. Er nimmt uns zu sich, damit wir da sein, wo er ist, Johannes 14,3. Wir werden allezeit beim Herrn sein, 1. Thessalonicher 4,17. Wir werden seine Herrlichkeit sehen, Johannes 17,24. Wir werden endlich den sehen, den wir, obgleich wir ihn noch nicht gesehen haben, lieben. Wir lieben ihn, und wir sehnen uns so sehr danach, ihn sehen zu dürfen. Und wir werden ihn sehen.
Wir werden ihn sehen, wie er ist, 1. Johannes 3,2. Wir werden sein Angesicht sehen, Offenbarung 22,4. Wir werden ihm gleich sein, 1. Johannes 3,2. Wir werden als seine Braut mit ihm, dem Bräutigam, in vollkommener Liebe, nicht schwankender Liebe, nicht mangelnder Liebe, nicht wiedererkaltender Liebe, in vollkommener Liebe, in beständig wachsender Liebe ewig vereint sein, Offenbarung 19,7. Die Hochzeit des Lammes ist gekommen.
Wir werden alle miteinander vereint sein. Alle von uns haben ein oder mehrere Wunden im Herz, Geschwister, die uns verlassen haben, Brüder, Geschwister, die einander nicht mehr verstehen. Es tut einfach weh, wenn man daran denkt. Es tut nur weh, gar nichts Gutes kann man daran sehen.
Wir werden alle miteinander vereint sein. Kein Schatten mehr zwischen uns und dem Herrn, kein Schatten mehr zwischen den Erlösten, gar nichts: glückselige Hoffnung.
Wir werden alle miteinander vereint sein. 2. Thessalonicher 2,1 spricht von „unserem Versammeltwerden zu ihm hin“. Dann werden alle eins versammelt um ihn hier versammelt sein. Wir werden keine Sünde mehr kennen, es wird keine Sünde mehr sein. Neuer Himmel, neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. Es wird kein Leid, kein Schmerz, kein Tod mehr sein, Offenbarung 21,4.
Glückselige Hoffnung. Und solange diese glückselige Hoffnung die Herzen der Christen regierte, lebten sie auch als Christen für das Evangelium, für den Herrn, waren unterwegs zum Ziel. Sie säten, sie ernteten, mit dem Ziel vor Augen.
Die geschichtliche Entwicklung der Erwartung
So viele man noch hat, Schriften von Bibelauslegern und Lehrern der frühen Kirche des zweiten und dritten Jahrhunderts, kann man feststellen: Sie waren alle sogenannte Chiliasten. Chilioi heißt Tausend. Chiliasten nennt man die, die an ein buchstäbliches tausendjähriges Reich glaubten. Das heißt, sie warteten auf die Wiederkunft Christi, des Menschensohnes, der auf dieser Erde tausend Jahre regieren würde, so wie es in Offenbarung 20 steht.
Dann änderte sich im vierten Jahrhundert etwas grundlegend. Man spricht von der sogenannten konstantinischen Wende. Konstantin, der nachher den Namen der Große bekam, wurde selbst Christ. Nachdem er als Kaiser die entsprechende Macht hatte, erließ er im Jahr 313 das Toleranzedikt von Mailand. Dort wurde das Christentum zur Religio licita, zur erlaubten Religion, erklärt. Also durfte man die Christen nicht mehr verfolgen.
Die bisher verfolgte Kirche, die Kirche der Märtyrer, wurde zur gesellschaftlich anerkannten Kirche. Staat und Kirche, Gesellschaft und Kirche, Kultur und Kirche gingen immer mehr ineinander über und flossen zusammen. Die Christen konnten ihren Glauben ohne Bedrohung bekennen. Sie konnten sich zur Kirche halten, ohne im gesellschaftlichen Leben benachteiligt zu sein. Ja, bald war es sogar für die Karriere nützlich, wenn man Christ war. Und schließlich war es so, man musste Christ sein, um überhaupt vorwärtszukommen in der Welt.
Die Folge war dann, dass es sich als Christ bald so gut leben ließ unter dem Schutz des Kaisers, unter dem Wohlwollen des Kaisers. Man wurde als Christ gefördert. Als Christ ließ es sich in dieser Welt so gut leben, dass man immer weniger die Welt als die Fremde empfand, die sie ist. So wurde nach und nach die Welt mehr und mehr zur Heimat. Und die Wiederkunft des Herrn? Man wusste, es steht in der Bibel. Man glaubte zwar daran, aber es hatte keine Kraft auf Herz und Gewissen und auf den Wandel.
So wurde die Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn immer schwächer, und das schlug sich auch in der offiziellen Lehre der Kirche nieder. Man hat dann das tausendjährige Reich so erklärt: Das tausendjährige Reich, das ist nichts anderes als das Evangelium oder das Christentum oder, noch spitzer formuliert, die Kirche, die jetzt zur Herrschaft gekommen ist.
Und von der Spätantike durch das ganze Mittelalter hindurch bis tief ins siebzehnte Jahrhundert hinein war der Glaube an die Wiederkunft Jesu Christi ganz in den Hintergrund getreten. Die Reformatoren haben sich mit diesem Thema wenig beschäftigt. Es war damals auch nicht die große Kampffrage. Dort ging die Frage ja um die Bedeutung der Bibel: Bibel allein oder Bibel und Traditionen. Die große Frage ging um die Rechtfertigung durch Glauben allein oder durch Glauben, dem nachgeholfen wird durch unsere Leistungen, durch Gnade allein oder durch Gnade, die Gott uns gewährt, damit wir uns dann mit Gottes Hilfe immer mehr vervollkommnen können. Oder Gnade allein. Das waren die großen Kampffragen, um die es ging. Und darum haben die Reformatoren die Frage der zukünftigen Dinge, das Kommende des Herrn, die kommende Herrlichkeit, wenig erörtert.
Es blieb also im Hintergrund diese Wahrheit. Der Evangelist Deelmudi sagt einmal: Der Teufel will nicht, dass wir die Wahrheit vom Kommen des Herrn sehen. Denn nichts kann die Gemeinde so erwecken wie dieses Wissen. Sobald jemand die Wahrheit ergreift, dass Jesus Christus kommt, um seine Freunde zu sich zu nehmen, verliert die Welt ihre Macht über ihn. Aktien, Bankkonto und Altersvorsorge verlieren ihre bisherige Bedeutung. Das Herz wird frei für die glückselige Hoffnung, frei Ausschau zu halten nach dem Kommen des Herrn, der uns in sein himmlisches Reich einführen wird.
Ja, der Glaube an die Wiederkunft Christi, die glückselige Hoffnung, hat Auswirkungen. Und von diesen Auswirkungen spricht Paulus sehr deutlich im 1. Thessalonicher 5,3-12 und an anderen Stellen. Und damit wollen wir uns morgen und übermorgen befassen.
Die innere Ausrichtung des Herzens
Der Herr sagt einmal: Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein. Matthäus 6,21
Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein. Wenn der Herr, der uns vorangegangen ist, um uns dort eine Stätte zu bereiten, unser Schatz ist, wenn er unser höchstes Gut ist, unser Herr, und wenn zu diesem höchsten Gut gehört, dass wir bei ihm sein werden, dann zieht es unser Herz dorthin, von selbst. Wo der Schatz ist, dahin zieht es das Herz.
Es gab Leute in der Antike, die waren dafür berühmt. Sie waren große Lebenskünstler, verstanden es wirklich, gut zu leben, savoir vivre, sagt man dazu. Und denen sagte man nach, das waren die Bewohner von Agrigent in Sizilien, dass sie sich Häuser bauten, als müssten sie ewig leben, und dass sie aßen, als müssten sie morgen sterben. Also war ihnen das Leben im Diesseits alles.
Nun, so ist natürlich der Mensch. Dem Christen muss man es ansehen, dass diese Welt nicht die einzige Welt ist, von der er weiß. Und dass sein Leben nicht darauf ausgerichtet ist, hier in dieser Welt seinen Weg gehen zu können, seine Projekte und Ziele verwirklichen zu können, sondern dem Herrn zu dienen, sein Werk zu tun und mit diesem Ziel vor Augen einmal beim Herrn zu sein.
Die Frage stellt sich: Merkt man es an uns, an der ganzen Art, wie wir leben, wie wir reden, wie wir handeln, wo unser Schatz ist? Merkt man uns an, wo unser Schatz ist, im Himmel oder auf der Erde?
Und wir schulden es den Menschen, dass sie es uns ansehen und dass sie es uns auch abspüren und uns auch abnehmen, wenn wir davon reden. Denn sonst werden sie die Botschaft des Evangeliums, zu der ihr auch gehört, nicht ernst nehmen: Der Herr kommt, er kommt wieder, wir werden einmal bei ihm sein, ihm gleich sein. Oder er kommt und er wird uns richten und er wird uns verdammen.
Diese Botschaft wird entsprechend unserem persönlichen Glauben, unserer persönlichen Erwartung des Kommens des Herrn, glaubwürdig oder weniger glaubwürdig sein. Tragisch ist es, wenn es uns so ergeht wie Lot, der seinem Familienangehörigen sagte: Verlass die Stadt schnell, Gott wird sie richten. Die dachten, er macht Scherze. Lot, das glaubt er ja selber nicht. Das glaubst du ja selber nicht, was du da sagst. Schau dir dein Haus an, schau dir deinen Schmerbauch an, das glaubst du ja selber nicht. Du sitzt dort im Tor, du gierst nach Anerkennung, du willst einer der Leute sein, die im Stadtrat mitreden, du glaubst ja selber nicht, was du da sagst.
Sie haben gelacht. Und so wird die Botschaft von der Wiederkunft des Herrn ganz unglaubwürdig, wenn unser Wandel nicht glaubwürdig ist.
Der Herr kommt wieder. Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.
Morgen Fortsetzung.

